Skip to main content

Full text of "Monatshefte für Politik und Wehrmacht auch Organ der Gesellschaft für Heereskunde"

See other formats


Monatshefte für Politik und 
Wehrmacht[auch Organ der... 




fibratjiüf 




l^rixtreian 



DIgitlzed by Coogle 



Digitized by Google 



Jahrbücher 

fiir die 

deutsche Armee und Marine. 



Verantwortlich geleitet 



von 



Keim, 

Oeaer&lmujor. 



l‘J07 

Januar bis Juni. 



- crRt' 



BKKLIN W. 8. 

Verlag- von A. Bath. 

Mohren-8trasse ly. 



->i S '* in C-OirT.-in" 



Digitized by Google 




Inhalts - Verzeichnis. 



S.itf» 

Baick, Oberstleutnant, Maschinengewehre und ihre Verwendung 2(i9, 893 

Bekleidung und Ausrüstung, Kinige Vorschliigo für die 542 

Bekleidung und Ausrüstung, siehe auch: Meyer, Scbeibcrt, 

Uniformfrage. 

Bemerkungen, taktische, zum russisch-japanischen Kriege 925 

Bezirkskommandos, Wesen und Wert der 322 

Bronsart v. Schellendorff, Arheitssoldaten neuer Art , . . . 314 

Fritsch, Major, Nochmals »Zur Verhütung der .SoldatonmiUhand- 

lungen“ 167 

(ientz, Oberleutnant, Die neue Vorschrift für den Gebrauch der 

Signalflaggen in der Armee 328 

V. Gersdorff, Generalmajor, Wie die Kavallerie exerzieren soll . . 318 

— Die Kavallerieunteroffizierschule zu Hannover 545 

— »Die taktischen Grundsätze unserer Kavallerie“ des Komma n- 

danten Jib^ 689 

V. d. Goltz, General, Freiherr, Der Infanterieangriff im Lichte des 

japanisch-russischen Krieges 43 

Gonzales Fernandes, Fregattenkapitän, Die ballistische Kurve . 206 

Hoppenstedt, Major, Gedanken über den Sturmangriff der In- 
fanterie 658 

Meyer, Gauptmann, Pädagogisches 288 

— Betrachtungen Uber die Bekleidung und Ausrüstung im deutschen 

Heere 423 

V. Meyerinck, Major, Kriegskonterbande 549, 681 

Naglo, Major, Artillerie und Infanterie 28, 150 

V. Pelet-Narbonne, Generalleutnant, Die Probleme der Kavallerie- 

verwendung nach dem Mandschurischen Kriege 412 

V. Poten, Oberst, Die französischen Raids militaires und die deutschen 

Kaiserritte 672 

Richter, Generalmajor, Schieilen der Feldartillerie aus verdeckter 

Stellung 302 

— Das Exerzierreglement für die Feldartillerie vom 26. März 1907 649 



Digilized by Google 



IV 



InhaltD-Verzeiohnis. 



Seite 



Rogalla V. Bieberstein, Oberstleutnant, Das Werk General Kuro- 

patkins über den russisch-japanischen Krieg 450 

Rohne, Generalleutnant, Zum Feldgeschütz der Zukunft ... 1, 133 

V. Rotsmann, Das Bajonettfechten der deutschen Infanterie . . 439 

Scheib ert, Oberleutnant, Der Training des Infanteristen und die 

Belastungsfrage 530 

Schneidewin, Ein deutscher Offizier als einer der Grollten unter 

den Denkerfürsten der Menschheit 77. 193 

Spohr, Oberst Oie Reaktion in der Reitkunst 03. 178 

V. Trotha, Thilo, Oberstleutnant, Die Neugestaltung^ des russischen 

Hauptstaates 15 

Uniformfrage, Zur 430 

Wolf, Hauptmann, Wirkung geht vor Deckung? 522 

Zur Frage des Ausbaues und der inneren Ifestigung der nieder- 
ländischen Armee 170 

Zwenger, Major, Betrachtungen über die taktische Verwendung der 

Feldartillerie mit Schntzschilden 513 

Üm.schau 88, 226, 337, 465, 576, 099 

Bücher 112, 252, 370, 498, 612, 727 

Ausländische Zeitschriften 123, 264, 387. 508, 020, 735 

Seewesen 129, 390, 510, 023. 



Digitized by Google 




1 . 

Zum Feldgeschütz der Zukunft. 

Ton 

H. Kohuf, GeneraUeatnant z. D. 

(Mit 2 Abbildungen.) 



Vor der Einführung der RohrrUcklaufgeschUtze mit Schntz- 
achilden stand die deutsche Heeresverwaltung vor der Frage, ob sie 
ein ganz neues Geschütz annebmen oder die Feldkanone 96 unter 
Beibehaltung der Munition und des Rohres umändern wollte. Für 
beides liefsen sich triftige Gründe anfUhren. Bekanntlich hat man 
sich für die zweite Alternative entschieden, meines Erachtens mit 
Recht; denn man mulste sich sagen, dafs, wenn man mit grofsen 
Kosten nicht nnr neue Lafetten, sondern auch neue Rohre und vor 
allem neue Mnnitiou beschafft hätte, man über knrz oder lang doch 
wiederum zu einer NenbewafiFnung werde schreiten müssen. Schon 
damals liefs sich mit Bestimmtheit Voraussagen, dafs die Technik 
auf Mittel sinnen würde, um der durch die Schntzschilde gedeckten 
ßediennng beizukommen. Nach dem vergeblichen Versuch, die 
Schrapnells statt mit Bleikugeln mit solchen ans Stahl und von 
grüfserer üurchscblagskraft zn füllen, und nachdem auch der Vor- 
schlag einer kleinkalibrigen Granatkanone keinen Beifall gefunden 
bat, haben sowohl Krupp als auch Ehrhardt Geschosse konstruiert, 
welche die Vorzüge der Granate nnd des Schrapnells in sich ver- 
einigen sollen. Die „Schrapnellgranate“ Kropps nnd das 
„Brisanzscbrapnell“ Ehrhardts gleichen sich insofern, als sie vor- 
zugsweise Schrapnellwirkung haben, wenn das Gesebofs durch den 
Brennzünder zum Springen gebracht wird, dagegen Granatwirkung, 
falls der Aufschlagzünder in Tätigkeit tritt. Dafs der Volltreffer 
eines solchen Geschosses gegen die Bedienung eines Geschützes mit 
Schntzschilden eine sehr viel g^'Olsere Wirkung bat, als der eines 
gewöhnlichen Schrapnells, liegt anf der Hand. Ein den Sebntz- 
Bchild durchschlagendes Schrapnell wird in der Regel erst '/s bis 

Jfthrbteb«r f&r di« d«nt«oh« Am«« und llaflB«. No. 424. f 



Digitized by Google 




2 



Zum FeldgeiehtttiZ der Zoknnft. 



1 m dahinter springen, daher der Bedienung nnr wenig an- 
haben können, da die Kugeln sich sehr wenig anshreiten; die 
neuen Geschosse aber werden, weil bei ihnen durch den Anf- 
schlagzUnder eine Brisanzladnng znm Detonieren gebracht wird, 
nnmittelbar beim Dnrcbscblagen znni Zerspringen gebracht, und 
ihre Sprengstttcke breiten sich so stark ans, dals die ganze 
dicht hinter den Schilden befindliche Geschützbedienung ge- 
fährdet ist. Unmöglich durfte die Heeresverwaltung mit der 
NenbewaflTnnng der Feldartillerie warten, bis diese Geschosse 
als völlig kriegsbranchbar erkannt waren; denn dals die Um- 
bewafifnnng der dentschen Feldartillerie keinen Anfscbnb mehr litt, 
wird bente von niemand mehr geleugnet, auch nicht von denen, die 
noch vor drei Jahren in der Feldkanone 96 ein Meisterwerk der 
Konstruktion sahen und die Meinung aussprachen, diese sei dem 
französischen Feldgeschütz M/97 völlig ebenbürtig. 

Nach der Umänderung ist die Feldkanone 96 n. A. dem 
französischen Feldgeschütz nicht nnr durchaus ebenbürtig, sondere 
nach vielen Richtungen hin sogar überlegen. Trotzdem halte ich es 
für angezeigt, schon jetzt die Grundsätze anfznstellen, nach denen 
das ,, Feldgeschütz der Zukunft“ zu konstruieren ist Sehr 
richtig sagt der Generalmajor Wille im Vorwort zu seinem Buche 
,4)as Feldgeschütz der Zukunft“: „Wenn nicht derselbe Tag, 
an dem eine auf dem Versuchsfeld hinlänglich erprobte neue Waflfe 
zur EinfUbrnng gelangt, auch schon die Entwickelung der ersten 
Keime sieht, ans denen jener ein vervollkomroneter Nachfolger er- 
wachsen soll, so ist man in dem gegenwärtigen Zeitalter der dampf-' 
beflügelten Hast und der zahllos emporscbielsenden Erfindungen 
stets der Gefahr preisgegeben, von anderen weit überholt zu werden 
und dem Feinde schliefsiich mit einer Waffe entgegentreten zn 
müssen, die entweder längst veraltet oder — was noch schlimmer 
— überstürzt und verfrüht eingefUbrt oder noch unreif und un- 
fertig ist.“ 

Ich beabsichtige im folgenden nicht etwa ein dnrcbkonstrniertes 
Geschütz vorzuscblagen; dazn fehlen mir die erforderlichen Kennt- 
nisse; ich werde mich vielmehr darauf beschränken, die Wege an- 
zndenten, die bei den Entwürfen einzuschlagen wären nnd anzngeben, 
was nach dem heutigen Standpunkte der Technik wohl mit ziem- 
licher Sicherheit zu erreichen sein dürfte. 

Nach meiner Meinung mnfs die Feldartillerie nach wie vor 
danach streben, ein Einheitsgescbütz zu haben, was nicht ans- 
sebliefst, dals für Sonderanfgaben, deren Lösung die höhere 



Digitized by Google 



Zam FeldgesohOtx der Zaknoft. 



3 



Fttbrong als darcbaus geboten erkennt, besondere Gesobtttse 
konstruiert werden. Die wichtigste Aufgabe der Feldartillerie bleibt 
immer die ßekämpfnng ungedeckter, lebender Ziele, und dazu 
eignet sieb ein in der Lnft springendes Strengesebofs mit möglichst 
grolser Tiefenwirknng (Schrapnell), also flacher Flugbahn am 
besten. Das Gescbolsgewicbt ist so zu bemessen, dals es einer- 
seits eine ausgiebige Zahl wirksamer Sprengteile liefert, anderseits 
aber auch eine möglichst starke Ausrüstung mit Munition znläfst. 
Hieraus folgt, dafs weder eine Haubitze, noch eine kleinkalibrige 
Granatkanone diesen Bedingungen entspricht. Die Haubitze hat 
keine genügend flache Gescholsbabn und ihre Geschosse sind so 
schwer, dafs eine ausgiebige Munitionsansrttstung dabei nicht zu er- 
reichen ist. Die Wirkung der kleinkalibrigen Granatkanone ist zu 
abhängig von der Bodenbeschaffenbeit am Ziel und von der Ge- 
nauigkeit des Einschiefsens, womit im Feldkriege nicht gerechnet 
werden kann. 

Die Schwierigkeit der Konstruktion eines Feldgeschützes liegt 
darin, die beiden sich stets entgegenstehenden Faktoren Wirkung 
und Beweglichkeit in das richtige Verhältnis zueinander zu 
bringen. Das wirksamste Geschütz wird wertlos, wenn es infolge 
zu hohen Gewichts nicht rechtzeitig in Feuerstellung gebracht 
werden kann, und das beweglichste Geschütz ist unbrauchbar, wenn 
seine Wirkung nicht ausreicht, den gewollten Zweck in kurzer 
Zeit zu erreichen. 

Als ein durchaus zulässiges Gewicht für ein in Fenerstellnug 
befindliches Feldgeschütz sind nach den modernen Anforderungen 
1000 kg zu betrachten. Die Stahlkanone C/61. mit der im deutsch- 
französischen Kriege die schweren Batterien bewaffnet waren, hatten 
abgeprotzt ein Gewicht von 1035 kg. Obschon dies Geschütz bei 
jedem Schafs znrücklief und wieder in die Schielsstellnng vorge- 
bracht werden mniste, sind ernst zu nehmende Klagen über ein zu 
hohes Gewicht nicht laut geworden; um so weniger werden solche 
zu erwarten sein bei einem Kobrrttcklanfgeschütz, das beim Sebnfs 
nnverrückt fest steht und daher nur einmal bei Einnahme der 
Fenersteilung von der Bedienung bewegt werden mnls. 

Nach diesem Gewicht richtet sich ungefähr die dem Geschütz 
ahznverlangende „Wucht“. Bei der Kruppschen 7,öcm - Feld- 
kanone L/30 beträgt die auf 1 kg des GesebOtzgewiebts entfallende 
Wucht etwa 82 mkg') bei dem französischen 75 mm-Feldgeschütz 90, 

') Geschoöigewicht (>,5 kg, Vg = 500 m. Bei neueren Versuebs- 
gesebutzen ist eine Wnebt von 86 mkg, ja sogar schon 110 mkg erreiebt, 
hier allerdings auf Kosten der Standfestigkeit des GesebOtzes beim Sebiefsen. 

1 * 



Digitized by Google 




4 



jCuni FeldgosehUtz der Znknnft. 



bei dem russischen Feldgeschütz M/1903 sogar 117 mkg. Das 
Mittel stellt sich hiernach anf etwas über 90 mkg. Je höher diese 
Verwertung des Gewichts, um so geringer die Standfestigkeit des 
Geschützes beim Schnfs und auch seine Haltbarkeit. Bei den 
Kruppschen Geschützen ist eine absolute Standfestigkeit erreicht, 
die weit höher als eine etwas gröfsere ballistische Leistung ein- 
znschätzen ist. Über den Durchschnitt — 90 mkg pro kg des ab- 
geprotzten Geschützes — hinanszngehen dürfte nicht ratsam sein. 
Hierbei würde das Geschofs eine Wucht von 90 mt an der Mündung 
besitzen; d. h. ein Geschofs vou 6,5 kg Gewicht würde eine Mündungs- 
geschwindigkeit von 521 ni erhalten können; will man sich mit 
einer Geschwindigkeit von 500 ra begnügen, so darf das GeschoCs- 
gewicbt auf 7,1 kg steigen. In etwa diesen Grenzen — 500 und 
521 in für die Geschwindigkeit und 6,5 und 7,1 kg für das Ge- 
scliofsgewicht — dürfte die ballistische Leistung der Entwurfs- 
feldkanone zu suchen sein. Je gröfser das Gescholsgewicht, um so 
grüfser fällt die Wirkung des Einzelschusses aus; aber um so 
knapper wird bei gegebenem Gewicht der Protze und des Munitions- 
wagens die MnnitionsansrUstnng. 

Nehmen wir das Mittel aus den Geschofsgewichten, so stellt 
sich dies auf 6,8 kg also nahezu das des Schrapnells der Feld- 
kanonc 96; aber die MUndnngsgeschwindigkcit dürfte etwa 510 m 
betragen. Der Vorteil der grofsen Anfangsgeschwindigkeit würde 
wenig bedeuten, wenn nicht zugleich eine bessere Überwindung des 
Luftwiderstandes erreicht würde. Es mufs also die Querschnitts- 
belastung vergröfsert, d. h. das Kaliber herabgesetzt werden und 
das Geschofs eine für die Überwindung des Luftwiderstandes günstige 
Form erhalten. Von welcher Bedeutung die Gescholsform ist, hat 
das S. Geschofs des Gewehrs 98 deutlich gezeigt. 

Wird das Geschofs dem des französischen Feldgeschützes 
ähnlich konstruiert, d. h. erhält es dieselbe relative Länge usw., 
so stellt sich das Kaliber auf 73,5 mm, die Querschnittsbelastung 
steigt auf 160 g und bleibt nur um etwa 4 g hinter der des 
französischen Geschosses zurück, rückt damit an die zweite Stelle 
unter allen bekannten Feldgeschützen. Gibt man dem Geschofs un-' 
gefär dieselbe Form, die das französische Geschofs hat (schlanke 
Spitze), so lälst sich annähernd die Schufstafel für dies Geschütz 
errechnen. Dieselbe bat nur insofern Wert, als sie einen Vergleich 
mit der nach derselben Methode für das fianzösische Feldgeschütz 
und die Feldkanone 96 errechneten ermöglicht. Aulserdem füge ich 
noch die der Kruppschen 7,5 cm-Kanone L/30 bei; man kann 
danach beurteilen, ob meine Rechnungen ungefähr zutrefien. 



Digitized by Google 



Zum FeldgesohUts der Znkanft. 



O 



ZnsaBDienstenanf; 1. 



g Ent- 
fernung 


Geschütz 


Abgangs- 

Winkel 

0 


Fall Winkel 
0 ' 


Bestrichener 
Raum für 
1 m Zielhöhe 

m 


End- 

geschwindig- 

keit 

m 


0 


Fraazös. M/U7 












529 




Entwurf Krupp 













510 




7.5 cm . . 












500 




Feldkanouc 96 












465 


1000 


Frunzös M/97 


1 


13 


1 


23 


41 


4:ö 




Entwurf Krupp 


1 


16 


1 


35 


36 


396 




7,5 cm . . 


1 


20 


1 


36 


36 


:184 




Feldkanone 96 


1 


32 


1 


48 


31 


369 


2000 


Franzos. M,97 


2 


.53 




53 


15 


334 




Entwurf Krupp 


3 


12 


4 


24 


13 


323 




7.5 cm . , . 


3 


11 


4 


18 


13 


324 




Fcldkanonc 96 


3 


37 


4 


43 


12 


310 


3000 


Franzos. M,97 


5 


6 


7 


31 


7,6 


290 




Entwurf Krupp 


5 


34 


8 


14 


7,0 


283 




7,5 cm . . 


5 


37 


8 


12 


7,0 


286 




Foldkanone 9(i 


6 


15 


8 


42 


*>,5 


279 



Die ballistische Leistong des Entworfgescbtttzes steht hiernach 
«wischen der französischen und der Kruppschen 7,5 cm -Kanone. 
Eis ergibt sich ans der Zasammenstellong, dals die Unterschiede in 
den ballistischen Leistungen der vier Geschütze nicht sehr erheblich 
sind, nnd dals es fehlerhaft wäre, eine noch höhere ballistische 
Leistung anzustreben. Man wUrde das entweder mit einem zn hoben 
Gewicht des ganzen Systems oder mit anderen Unznträglichkeiten 
(geringer Haltbarkeit nnd Standfestigkeit beim Sebiefsen) bezahlen 
mUssen. 

Die Steigerung der Wirkung mnls man sowohl durch zweck- 
entsprechende Einrichtungen des Geschosses zn erreichen suchen 
als auch darauf bedacht sein, die Bedienung des Geschützes zu 
vereinfachen und zu erleichtern. Je mehr dies erreicht wird, 
■m so weniger braucht man zn befttrebten, dafs durch schnelleres 
Feuer von der Wirkung etwas verloren gebt. 

Wie bereits erwähnt, ist nnd bleibt auf absehbare Zeit das 
Sebrapnell oder richtiger vielleicht das in der Luft springende 
Strengcschofs das Hanptgeschofs der Feldartillerie. Dessen Wirkung 



Digitized by Google 




6 



Zorn Peldgesohtitz der Zakonft 



gegen ein gegebenes Ziel bängt bekanntlich ab von der Zahl und 
der Wucht seiner Sprengteile, von deren Ansbreitnng nnd von der 
Krümmung der Bahn (Failwinkel). 

Die Zahl der Sprengteile steht im engsten Znsammenhang mit 
dem Gewicht nnd der Konstrnktion des Schrapnells nnd hängt 
natürlich auch von dem Gewicht nnd der Dichte der einzelnen Full- 
kngei ab. Bei den Schrapnells neuester Konstrnktion beträgt das 
Gewicht der KngelfUlInng ungefähr die Hälfte des Gescbolsgewichts. 
Bei dem 6,5 kg schweren Schrapnell der Kruppschen 7,5 cni-Kanone 
besteht die Fttllnng ans 295 Kugeln zn 11 g oder 360 Kugeln zn 
9 g, hat also ein Gewicht von 3,34 kg, d. b. 51,2 "/o. Bei einem 
6,8 kg schweren Scbrappnell würden also für die KugelfUllung 
3,4 kg zn veranschlagen sein und das Schrapnell könnte 340 Kugeln 
von 10 g d. b. etwa ll’/g mehr, als das jetzt eingefubrte anf 
nehmen. Es ist aber eine dnrch Versuche noch zu klärende Frage, 
ob nicht 9 g schwere Kugeln noch bessere Treffergebnisse liefern 
würden. Versuche der Kruppschen Fabrik haben gezeigt, dafs 8 g 
schwere FUllkngeln zwar mehr matte, aber doch auch mehr scharfe 
Treffer lieferten, als 12 g schwere FUllkngeln, und die Zahl der 
scharfen Treffer ist doch das entscheidende. Bei neueren 
Konstruktionen ist die Kruppsche Fabrik auch anf Kugeln von 9 g 
herabgegangen. Ein 6,8 kg schweres Schrapnell würde 377 Kugeln 
von 9 g anfnehmen können, d. h. bei gleicher Ausbreitung der 
Kugeln eine um 2b” 1^ höhere Dichtigkeit der Treffer, bei gleich 
grofsen Zielen also eine um ebensoviel gröfsere Zahl von Treffern 
erwarten lassen. Auf 2000 m ist der Kegelwinkel des Schrapnells 96 
etwa 16, auf 3000 m etwa 17'/» Grad; bei einer Sprengweite von 
50 m darf man auf je 1 qm der senkrechten TreffUäche anf 2000 m 
164, auf 3000 m 1,37 Treffer erwarten; bei dem Entwurfschrapnell 
(377 FUllkngeln) würde man unter denselben Verhältnissen anf 
2000 ra die Zahl der Treffer anf 2.05, anf 3000 m anf 1,71 Treffer 
für je 1 qm der Trefffläcbe veranschlagen dürfen; mit anderen 
Worten: das Entwnrfschrapnell verspräche aut 3000 m etwa die- 
selbe Wirkung, wie das Schrapnell 96 anf 2000 m. 

Ich fürchte keinem Widerspruche zn begegnen, wenn ich die 
Ansicht ansspreebe, dafs bei richtiger Lage des Sprengpnnktes die 
Wirkung des Schrapnells 96 vortrefflich ist, und keiner Steigerung 
bedarf. Wünschenswert bleibt aber eine Erhöhung der Tiefen- 
wirkung anf den weiten Entfernungen. Bekanntlich nimmt diese 
bei der Feldkanone 96 anf den Entfernungen Uber 3000 in ziemlich 
schnell ab. Anf dieser Entfernung sind nämlich Failwinkel nnd halber 
Kegelwinkel ungefähr gleich, d. h. die oberste Kugel des .Streu- 



Digilized by Cc;3<jle 



Zorn Feld^sohUtz der Zakooft. 



7 



kegels bewegt sich Tom Sprengpnnkt aas in naheza wagerecbter 
Richtong. Da mit Zunahme der Entfemang die Fallwinkel sehr 
schnell, die Kegelwiokel langsam wachsen, so bewegt sich auf den 
Bntfemnngen Uber 3000 m selbst die oberste Engel vom äpreng- 
pnnkt aas abwärts, so dafs die Tiefenwirkang gering wird. Daher 
erhält man auf groben Elntfemangen eine nar geringe Wirkung, 
wenn man auch nur am ein Geringes zu kurz eingeschossen ist. 
Beim EntwnrfsgeschUtz ist der Fallwinkel aaf 3000 m am etwa ' 1 ^° 
kleiner ab bei der Feldkanone 96, so dals bei gleichen Kegel- 
winkeln die Entfemang, an! welcher der Fallwinkel and der halbe 
Kegelwinkel gleich werden, am etwa 2 — 300 m hinansgescboben 
wird. 

Der Vorteil der groben Zahl von FUllkageln liegt nan aber 
gerade daran, dab der Kegelwinkel ohne Herabsetzung der 
Dichtigkeit der Treffer vergröfsert werden darf. Das Ent- 
warfschrapnell mit 377 Kugeln durfte naheza einen nm ‘/a grUfseren 
Kegelwinkel haben als das Schrapnell 96 mit 300 Kugeln, ohne 
dals die Dichtigkeit der Treffer darunter leiden wUrde.*) Bei Kegel- 
winkeln die am '/> ffrttber sind, als die des Schrapnells 96, wird 
die Entfemang, auf der E'allwinkel und halber Kegelwinkel gleich 
sind, mindestens 3500 m betragen. 

Von sehr vielen Artilleristen and Artillerietechnikera wird oft 
ein sehr hoher Wert aaf kleine Kegelwinkel gelegt, die natürlich 
bei den Versuchs schieben, wo die Sprengpanktslage immer günstig 
ist, grobe Trefferzahlen angeben. Aber darauf kommt es bei ge- 
fecbteraäbigen Schieben nicht so sehr an, als vielmehr darauf, dab 
man auch dann, wenn das Einschieben nicht vollkommen gegluckt 
ist, eine ausreichende Wirkung erhält. Ein grober Kegelwinkel 
bietet eine aasreicbende Sicherheit gegen gänzlich verfehltes 
Schieben. 



>) Bezeichnet s die Sprengweite, n die Zahl der FOllkag^ln, a den 

halben Kegelwinkel, so ist die Dichtigkeit der Treffer gleich - — 

(s tg «) ’n. 

Damit man bei m Fallkugeln und dem halben Kegelwinkel ß eine gleiche 



Dichtigkeit der Treffer erhält, mufste . 



(8 tg o) ’n 
m 

I d. h. 



(stg/*)»rt 



also 



tg«* 

tg/?=tg« y-“ 

Da m = 377, n = 300, so folgt tg ^ = tg « ^ ^ 



30 



l,12tgn. 



Digitized by Google 



8 



Zum FeldgesohUU der Zakonft. 



An einigen Beispielen will ich die Wirkung des Entwnrf- 
schrapnells bei richtiger Sprengpunktlage zeigen. Beim Schrapnell 
96 beträgt die Anshreitang der Engeln auf 2000 m (Kegelwinkel 
16°) and fUr die Sprengweite von 50 m 14 m, die Dichtigkeit der 
Treffer 164 m. Gegen eine breite Scheibe von 1 m Hohe wUrde 
man anf 23,1 Treffer rechnen können.') Denkt mau sich die Scheibe 
in Felder von 0,5 m Breite geteilt, so wUrde sich die Wirkung Uber 
28 Felder aasbreiten und bei gleicbmälsiger Verteilung der Treffer 
durfte man anf 15,7 getroffene Felder rechnen (vgl. meine „Scbiefs- 
lebre für die Artillerie“ § 32). — Bei dem Entwurfschrapnell mit 
gleichem Kegelwinkel wUrde man wahrscheinlich 29,1 Treffer und 
18,1 getroffene Felder erhalten; nimmt man aber fUr das Entwurf- 
scbrapneli einen Kegel winkel von 18° an (um '/, gröfeer), so 
darf man auf 25,9 Treffer und 17,6 getroffene Felder rechnen. 

Nachstehende Zusammenstellung gibt fUr die drei Schrapnells 
die Zahl der Treffer, getroffener Felder nsw. für die Entfernungen 
von 1000, 2000, 3000 , 4000 m und eine Sprengweite von 
50 m an. 



Zusammenstellung 2. 



Knt- 

fer- 


A usbreitung 
der 

Geschofsgarbe 


Dichtigkeit 

der 

Treffer 


Zahl der Treffer 
pro Schufs in 
einer Scheibe 
von 1 m Hohe 


Zahl der pro 
Schufs ge- 
troffenen Felder 


nang 


Schrap- 

nell 


Entwurf 


Schrap- 

nell 

K 

s 

r* 

C 

-1 


■Schrap- 

nell 


1 Entwurf 

i 


Schrap- 

nell 


1 Entwurf 

1 


m 


90 


A 1 B 


90 1 A i 


B 


90 


; A 


i " 


90 


A 

1 


B 


1000 


12,3 


1 

12,3 ! 13.8 


1 

2,23 1 2,70 


2.23 


27,4 


33,2 


30.8 


16,5 


18,2 


18,5 


2000 


14 


14 1 15.7 


1,65 2,08 


1,65 


23,1 


29,1 


25,9 


15,7 


18,1 


17.6 


3000 


15,4 


15.4 i 17,2 


1,37 ! 1,73 


1,37 


21.1 i 


26,6 


23,6 


15,4 


17,8 


17,0 


4000 


16,5 


16,5 i 18,5 


1,17 1 1,47 


1,17 


19,3 ; 


24,3 


21,6 


14,6 


17.2 


16.4 



Diese Zusammenstellong läfst erkennen, dafs bei dem Entwurf- 
achrapnelP) mit enger Öffnung des Strennngskegels die Zahl der 
Treffer und getroffenen Felder am grölsten ist, dals aber die letztere 
Zahl bei dem Schrapnell mit weiter Öffnung nur ganz unwesentlich 

>) Hierbei ist angenommeo, dafs 8.5*/o der Sprengteile also 2.').") inner- 
halb des Kegels sitzen (vgl. Heydenroich, Lehre vom Schufs). 

•) Entwurfschmpnell A hat denselben Kegelwinkel, daher eine gröfsere 
Dichtigkeit der Treffer als das .Schrapnell 96; B dagegen einen um Vs 
gröfseren Kegelwinkel, aber die gleiche Dichtigkeit der Treffer wie 
■Schrapnell 96. 



Digitized by Google 








Zum Feldgeseliiitz der Zukunft. {• 

hinter jener znrtlcksteht, dagegen die des Schrapnells 96 nicht nn- 
erheblicb (am '/») Ubertrifft. Es bleibt aber wohl zn beachten, dals 
hier der für die Schrapnells mit enger Strengarbe günstigste 
Fall rorliegt, nämlich die denkbar beste Sprengpnnktslage. Sobald 
die Sprenghöhe im Verhältnis znr Sprengweite zn klein ist, mit 
anderen Worten, wenn man zn knrz eingeschossen ist, tritt der 
Vorteil des grofsen Kegelwinkels erst in die Erscbeinnng. 

Ich weils nicht, ob ich besonders darauf animerksam machen 
mnfs, dafs der Wert der Zahlen nicht in ihrer absoluten Höhe, 
sondern in deren Verhältnis zneinander liegt Es kommt hier nnr 
ani den Nachweis an, dafs Schrapnells mit grolser KngelfUllnng einen 
gröiseren Kegelwinkei der Strennngsgarhe ohne wesentliche Beein- 
trächtigung der Wirkung zulassen. 

Ob übrigens der jetzige Typns des Schrapnells (Bodenkammer 
mit Pnlrerladnng) für die Zukunft beibehalten wird, ist eine offene 
Frage. Es leidet bekanntlich an dem Mangel, dafs es gegen die 
Bedienung der Schildbatterieu ziemlich wirkungslos ist, seine Engeln 
dnrcbschlagen die Schilde nicht; ein den Schild als Volltreffer durch- 
schlagendes Schrapnell zerspringt erst dahinter, seine Fülikngeln 
breiten sich nnr wenig ans und haben daher eine nur geringe 
Wirkung. Wie schon erwähnt, sind neuerdings Geschosse kon- 
stmiert, die, wenn sie durch den Brennzünder in der Luft zersprengt 
werden, wie Schrapnells wirken, bei denen aber durch den Ant- 
schlagszUnder eine brisante Ladung zur Detonation gebracht, wodurch 
dann eine der Granaten ähnliche Wirkung herrorgerufen wird. 
Dnrcbschlägt ein solches Gescbols ein Scbutzschild, so sind die 
Mängel des Schrapnells aufgehoben, denn das Geschofs zerspringt 
unmittelbar hinter oder in dem Schild nnd die Brisanzladnng treibt 
die Splitter weit auseinander, so dafs die ganze Geschtttzbediennng 
durch einen solchen Treffer gefährdet ist. 

Die Ehrbardtsche Fabrik nennt ihr für diese Zwecke kon- 
struiertes Geschofs „Brisanzscbrapnell“. die Kruppsche Fabrik 
„Schrapnellgranate“. Das Bris aozscbrapnell ist ein Boden- 
kammerscbrapnell mit DoppelzUnder; jedoch ist mit dem Doppel- 
zUnder eine Brisanzladnng eng verbunden. Wird der Brennzünder 
tätig, so wird die Pnlverladung der Bodenkammer entzündet; der 
DoppelzUnder mit der Brisanzladnng fliegt weiter und wird erst beim 
Aufschlag tätig. Die Brisanzladnng ist verbunden mit einem Ranch- 
entwickier, so dafs der Anfschlagspunkt des Zünders, der nahezu 
in der Fortsetzung der Gesebufsbahn liegt, beobachtet werden kann, 
wodurch ein Anhaltspunkt für eine etwaige Korrektur gewonnen 
wird. — Die Schrapnellgranate kann als ein Bodenkammer- 



Digilized by Google 




10 



Zum Keldf^aobfltz der Zukunft. 



sobrapoell mit Brennzünder bezeichnet werden, an dessen hinteren 
Teil eine kleine, mit Brisanzladnng geftlllte Granate mit Aufschlag- 
zünder angesetzt ist. Wird hier der Brennzünder tätig, so wird 
durch den KUokstols der Pnirerladung der hintere Teil des Schrap- 
nells und damit auch die Granate in der Vorwärtsbewegung etwas 
aufgebalten; dieser geringe Grad der Verzögerung genügt, den Auf- 
schlagzünder tätig zu machen, und so erfolgt die Detonation der 
ßrisanzladnng fast in demselben Augenblick und an derselben Stelle, 
an der der Brennzünder tätig wurde. 

Bei beiden Geschossen ist natürlich die eigentliche Schrapnell- 
wirkung etwas herabgesetzt; immerhin enthält das 6,5 kg schwere 
Brisanzscbrapnell noch 310 Kugeln ron 9 g und etwa 150 Spreng- 
stücke über 5 g; die Schrapnellgranate Kropps enthält 300 Kugeln 
von 9 g und 132 Splitter über 5 g oder 272 Kugeln zu 9 g und 
134 Splitter Uber 5 g (darunter 14 Uber 50 g). Das nutzbare 
Gewicht stellt sich auf etwa 6,0 kg oder 92% des Geschols- 
gewicbts. 

Einige Angaben Uber die Wirkung dieser Geschosse werden will- 
kommen sein. Da die Versuche von den Fabriken also möglicher- 
weise nicht unter gleichen Bedingungen stattgefnnden haben, so 
eignen sich die Zahlen nicht ohne weiteres für einen Vergleich. 



A. BrennzBnderschiefsen. 

I. Kruppsche Schrapnellgranate. 

1. Entfernung 2000 m. Ziel 38 ScbUtzenscbeiben, 1,5 m hoch, 
40 cm breit, 2 cm stark; 40 Cm lichter Zwischenraum. Durch 
zehn Schols mit einer mittleren Sprengweite von 35 bis 40 m, 
einer Sprenghöhe von 3,5 m erhielt man 436 scharfe Treffer in 
33 Scheiben. 

2. Entfernung 1550 m, Ziel drei Wände mit 20 m Abstand hinter- 
einander 2,7 m hoch, 80 m breit, 2 cm stark; jede Scheibe geteilt 
in 50 Felder ä 60 cm. In 10 Schnfs mit mittlerer Sprengweite 
von 50, Sprenghöhe 3,5 m ergaben: 

Schrapnells 3020 scharfe Treffer in 149 Felder 
Schrapnellgranate 3758 „ b » 144 

Diese Angaben sind entnommen der „Zeitschrift für das gesamte 
Schiefs- und Sprengstoffwesen“ Nr. 6/1906. Die Scbrapnellgranaten 
enthielten 300 Kugeln zu 9 g; die Schrapnells 250 zu 10 g. 



Digitized by Google 



Znm Feldgetehttti der Zaknnlt. 



11 



3- EntferDang 1000 m Ziel, wie unter 2. 

10 Sehrapnellgranaten erbielteu bei einer mittleren Sprengweite 
21 

und Sprenghtfhe von 2469 scharfe Kugeln, 173 scharfe Spreng- 

stUcke. zusammen 2642 scharfe Treffer in 179 Feldern. Die Schrap* 
nellgranaten enthielten hier nur 285 Kugeln zu 9 g. 



II. Ehrhardtsches Brisanzschrapnell. 

Entfernung: 2800 m. 

Ziel: Geschütz mit 4 mm Schutzschild, 5 Kastenscheiben; da- 
neben Mnnitionswagen mit gleichem Schild 3 Kastenscbeiben. Rechts 
and links davon je 10 Kastenscbeiben, stehende oder liegende 
Schutzen darstellend. 5 m, dahinter 3 Scheiben, 2,8 m hoch, 40 m 
breit, mit Je 50 m Tiefenabstand. 



5 Bz.-SobUsse mit — 



56 Sprengweite , 

8,2 S^Sihüh^ 

das Geschütz 1 Volltreffer, durch dessen Splitter gegen 41 Scheiben 
getroffen worden, Schützen 4 Treffer. 

1. Scheibe 264 Treffer 

2. „ 92 „ 

3. „ 45 „ 



Zusammen 401 Treffer. 



B. Aufschlagzünder. 

1. Kruppsche Schrapnellgranate. 

Ziel: Lafette mit vier Mann Bedienung; Kastenscbeiben hinter 
Schutzschild von 4 mm Stärke. 

Von 30 Volltreffern worden mit zwei Aosnabmen jedesmal alle 
Scheiben getroffen; meist jede durch etwa 20 — 30 Trefler. ln einem 
Fall war eine, im zweiten Fall waren zwei Scheiben unversehrt. 
Anfserdem wies die Lafette eine grofse Zahl von Treffern auf, von 
denen ein grolser Teil die empfindlichen Richtgeräte getroffen nnd 
dadurch die Fortsetzung der Bedienung nnmögiieh gemacht batte. 

II. Ehrhardtsches Brisanzschrapnell. 

Gegen das unter A II beschriebene Ziel worden 9 Az.-SchUsse 
abgegeben; der mittlere Treffer lag auf -j- 5 m, also am Fofs der 
1. Sobeibenwand. Es erhielt der Mnnitionswagen 1 Volltreffer, durch 
dessen Splitter 3 Scheiben getroffen worden. 

1. Scheibe 152 Treffer 

2. „ 137 „ 

8. , 16 „ 

■ Zusammen 305 Treffer. 



Digitized by Google 



12 



Zorn Keldg^schüti'. der Zaknnft. 



Welche von den beiden Konstraktioncn den Vorang verdient, 
lälst sich nnr iinf Grand ausgedehnter Vergleicbsschielsen entscheiden. 
Es kommt hierbei wesentlich daran! an, ob der Kopf des mit Brenn* 
minder verfeaerlcn Brisanzscbrapnells sicher beim Aufschläge zer- 
springt. Ein charakteristischer Unterschied in der Wirkung der beiden 
Geschosse besteht darin, dals bei dem Brisauzschrapnell die Scbrapnell- 
und die Granatwirkung nahezu an derselben Stelle zur Geltung 
kommen, nämlich in der Nähe des Aufschlags des Zunders, während 
bei der Scbrapnellgranate die Granatwirkung in der Nähe des 
Sprengpunkts, die Schrapnellwirkung weiter vorwärts liegt. 

Nach Heydenreicb („Das moderne Feldgeschütz^, Sammlung 
Göschen) soll in Frankreich noch ein anderes, dem gleichen Zwecke 
dienendes Geschofs ini Versuch sein. In einem Schrapnell, das 
hinten eine Treibladung enthält, sind die Zwischenräume der Kugeln 
durch Ammonal oder einem ähnlichen Sprengstoff aasgefüllt Das 
Geschofs bat DoppelzUnder und der Weg der Zündung ist ein ver- 
schiedener, je nachdem der Brennzünder oder der Aufschlagzünder 
tätig wird. Im ersteren Falle führt die Zündnng durch die Kaiumer- 
hUlse zur Treibladung, welche die Füllnng ans der Hülle beraus- 
scbielst; der Sprengstoff detoniert dabei nicht. Beim Aufschlag- 
zünder wird die Zündung dagegen direkt in die Sprengladung ge- 
leitet die nunmehr eine Wirkung wie bei einer Sprengladung 
hervorruft Einen ähnlichen Vorschlag machte übrigens schon im 
Jnliheft der Jahrbücher 1904 der Generalmajor Kicbter („Zur Be- 
kämpfung von Schildbatterien“). 

Es ist hier noch eine Erfindung eines schwedischen Ingenieurs 
Holragren zu erwähnen. Was man auch anstellen mag, niemals 
wird man gegen die Bedienung der Scbildbatterien eine so ver- 
nichtende Wirkung erreichen, wie gegen die einer .schildlosen Batterie. 
Man wird daher immer damit rechnen müssen, dals, wenn die 
Infanterie zum Angriff vorgeht, einzelne Batterien des Verteidigers 
wieder auftreten und durch wirksames Schnellfeuer die vorgehende 
Infanterie zum Halten zwingen. Da nun eine schnelle Vernichtung 
dieser Batterien nicht möglich ist, hat mau den Vorschlag gemacht 
diese Batterien dadurch lahm zu legen, dafs man sie durch den 
Rauch der im Schnellfeuer in grOlster Zahl vor und hinter ihnen 
platzenden Geschosse daran verhindert, auf die in Bewegung befind- 
lichen Ziele zu richten und sich auf sie einzuschiefsen. Der fran- 
zösische Oberst Kuffey ist der Ansicht dieser Zweck erreicht 
wird, wenn in jeder Minute etwa 16 bis 20 Geschosse in der Nähe 
eines Zieles von 100 m Frontbreite einschlagen. Um die Infanterie 
während ihres Vorgehens gegen das feindliche Fener zu decken, 



Digitized by Google 



Znm Feldf^scbiitr. der Zukunft. 



13 



wurde man etwa 25 Miiiuteu scbielseu und dazn also rand 5UU Ge- 
schosse verfeaem raUsseii, eine so bedeutende Manitionsmenge, von 
der es fraglich ist. oh sie verfügbar ist. Je dichter und gröfser die 
Ranchwolke eines Geschosses ist, um so weniger Geschosse dürften 
zur Erreichung des Zweckes nötig sein und das hat eben Hoimgren 
veranlafst, die Schrapnells mit einem starken Kanchentwickler zu 
versehen, in den die Fullkngeln eingebettet sind. Bei einem im 
August V. Js. auf dem Scbiefsplatz zu Marma ausgeführteu Versnchs- 
sohiefsen wurde ein Ziel von 20 Schutzen mit 4 Schrapnells derart 
in Hauch gehüllt, dals man nichts mehr davon sah. Leider fehlt in 
dem darüber mitgeteilten Bericht die Angabe der Zeit, in der die 
vier Schüsse abgegeben sind, bzw. wie lange das beschossene Ziel 
unsichtbar war, und das ist es, worauf es vor allem ankommt. 
Immerhin ist auch dieser Gedanke bei der Neukonstruktion des 
Zuknuftsgeschosses nicht von der Hand zu weisen. 

Eine weitere Steigerung der Geseholswirkung wird in der \'er- 
vollkommnung der Zünder zu suchen sein. Bekanntlich brennen 
die Zünder nicht ganz regeimäfsig: bei hohem Barometerstand 
rascher, bei niedrigem langsamer; anfscrdem sind sie dnrch die 
Lagerung dem Verderben ansgesetzt: erfahrungsmärsig brennen 

Zünder älterer Jahrgänge langsamer, als solche jüngerer Fertigung. 
Infolge dieser Lfnregelmäfsigkeiten verschieben sich natürlich die 
Sprengpnnkte : bei langsam brennenden Zündern werden Spreng- 
wcite und Sprenghöhe kleiner, ja es können sogar Aufschläge ein- 
beten. die die Wirkung fast aufhehen; bei schneller brennenden 
Zündern werden Sprengweite und iSprengböhe zu grofs. 

Neuerdings hat die Kruppsche Fabrik das Patent auf einen von 
dem Uhrmacher Baker ertundenen mechanischen Zeitzünder er- 
worben, der mit grofser Kegelmälsigkeit funktioniert und nicht dem 
Verderben dnrch Lagerung ansgesetzt ist. Durch den Stofs der Ge- 
schUtzladnng wird ein Uhrwerk in Gang gesetzt, das nach Ablauf 
einer bestimmten, regulierbaren Zeit eine Scblagfeder anslöst, wo- 
durch ein Zündhütchen zur Entzündung gebracht wird. — Man darf 
nicht glauben, durch Annahme eines solchen Zünders alle Unregel- 
mäfsigkeiten in der Sgrengpunktslage beseitigen zu können. Eine 
grofse Fehlerquelle, ganz unabhängig von dem Zünder, liegt in der 
Geschofsbahn, die mehr oder weniger durch die Tageseinflüsse ge- 
ändert wird. Hohe Temperatur, niedriger Barometerstand, sowie 
Wind von hinten vergröisem die Schufsweite, setzen aber die Flug- 
zeit herab, infolgedessen erhält man bei Anwendung der scbufstafel- 
mäisigen Flugzeit zu hohe Bprengpunkte und zu grofse Spreugweiten ; 
umgekehrt ziehen niedrigere Temperaturen und hoher Barometer- 



Digitized by Google 




14 



Zom Feldgasebiitc der Zokoiift. 



staod greisere Flugzeiten nach sich, infolge deren niedrige Spreng- 
ponkte nnd kleine Sprengweiten, ja vielleicht Aufschläge erscheinen. 
Immerhin wird dadurch eine Fehlerquelle beseitigt, nnd das ist ein 
bleibender Gewinn. 

Bei einem in meiner Gegenwart auf dem Scbiefsplatz bei 
Meppen ausgefllhrten Versuch erhielt man bei der 7,5 cm-Scbneli- 
fenerfeldkanone L/30 unter Anwendung des mechanischen Zeit- 
zünders auf :2(XX) m eine mittlere Längenstreunng der Sprengpnnkte 
von 27 m, mit nen gefertigten Brennzündern eine solche von 28 m. 
Die Schnlstafel gibt die mittlere Längenstrennng zn 35 ra an. Bei 
einem anderen Schiefsen anf 1000 m erhielt man nnr halb so grolse 
Strennngen als die Schufstafel angibt. 

Auch durch Anwendung eines anderen Fnlvers ist vielleicht 
noch eine Wirknngssteigemng erreichbar. Bekanntlich unterscheidet 
man bei den chemischen (rauchscbwacben) Pulvern zwei Uanpt- 
typen, die man in Oentschland mit den nicht ganz zutreffenden 
Namen „Blättchen “ und „Würfelpnlver“ bezeichnet. Die Form 
ist dabei von ganz untergeordneter Bedeutung. Das Blättcbenpulver 
ist chemisch betrachtet hoch nitrierte Baumwolle, in Essigäther ge- 
löst, während das WUrfelpnlver (Cordit, Ballistit usw.) aus schwach 
nitrierter, in Nitroglyzerin gelöster Baumwolle besteht.') Kein 
ballistisch betrachtet ist das Würfelpnlver dem Blättcbenpulver über- 
legen; denn gleiche ballistische Leistung wird nicht nnr durch ein 
geringeres Pnivergewiebt. sondern unter sonst gleichen Umständen 
mit einem niedrigeren Maximalgasdrock erzeugt; anlserdem ist die 
Gleichmälsigkeit der Wirkung grölser. Dem steht aber der grolse 
Nachteil entgegen, dals bei der Verbrennung des Würfel(Nitro- 
glyzcrin)pnlvers sehr viel höhere Temperaturen erzeugt werden, die 
bedentende Ausbrennnngen (in Fachkreisen auch Atzungen genannt) 
hervorrnfen, die zu emem schnellen Verderben der Geschützrohre 
führen. Aus englischen Armee- und Marinekreisen sind darüber 
viele Klagen laut geworden. 

Neuerdings sind Vorschläge zur Hebung dieses Übelstandes 
gemacht worden, wie es scheint, mit gutem Erfolge. Die neue, vor- 
trefiiicb geleitete „Zeitschrift für das gesamte Schieis- und 
Sprengstoffwesen“ berichtet in den Nummern 16 nnd 17 ein- 
gehend darüber. Eine italienische Spreng;stofifabrik will dem Nitro- 
glyzerinpnlver einen nen erfundenen Stoff „Nitroguanidin“ zu- 
setzen, wodurch die Verbrennnngstemperatur noch weit nnter die 



') ZweckmäTsiger ist die in anderen Staaten angenommene Bezeichnung 
NitrozeUulosepnlver und Nitroglyzerinpulver. 



Die NeogesUituDi; des rassischen Hsaptstabes. 15 

des BlättcheDpalvers sinkeo soll. Üer italieoisohe Haaptmann Honoi 
bat sieb ein Verfahren patentieren lassen, durch das dem Pnlrer 
fein zerteilte Kohle zagefUhrt wird. Aach dadurch soll die Ver- 
brennungstemperatur erheblich herabgesetzt werden, ohne dafs die 
ballistische Leistung darunter litte. Durch diese Zusätze wird die 
Menge der Gase erhöbt, dagegen die Temperatur heruntergesetzt, 
so dafs die Spannung nahezu unverändert bleibt. Ich bin natürlich 
nicht imstande, die Richtigkeit dieser Mitteilungen zu prüfen, habe 
anderseits aber auch keinen Grand, sie zu bezweifeln. Ist es 
möglich, dieselbe ballistische Leistung mit einem niedrigeren 
Gasdruck zu erreichen, so kann vielleicht das Geschols in seinen 
Wänden etwas schwächer gehalten und dadurch zur Aufnahme einer 
gröfseren Zahl von Follkngeln befähigt werden. Ein niedriger Gas- 
druck gestattet vielleicht eine noch weitere Herabsetzung des 
Kalibers und damit eine Erhöhung der Qnerschnittsbelastung, was 
der Gestrecktheit der Flugbahn zugute kommen würde. Während 
für die Rohrkonstrnktion das langsamer verbrennende Nitroglyzcrin- 
pulver den Vorzug verdient, wenn der berührte Mangel abgestellt 
ist, erleichtert das schneller verbrennende Nitrozellulosepulver mit 
hohem Maximalgasdruck aber niedrigem Druck an der Mündung 
dem Konstrukteur der Lafette seine Aufgabe. Welcher Pulversorte 
der Vorzug zu geben ist, kann nur durch ausgedehnte Versuche 
festgestellt werden. Von jeher hat sich die Verbesserung des Pulvers, 
der eigentlichen Kraftquelle, als von der gröfsten Bedeutung für die 
Wirkungssteigemng der Wafle erwiesen, darum scheint mir die 
Sache wichtig genug, sie ins Auge zu fassen. 

(.Schlafs folgt.) 



II. 

Die Neugestaltung des russischen Hanptstabes. 

Von 

Thilo von Trotha. 

Das russische Kriegsministerinm zeigt in bezug auf Aufgabe 
Bad Organisation eben wesentlichen Unterschied im Vergleich mit 
dem prenfsischen Kriegsministerinm und bat eben bedeutend gröfseren 
Wbkungskreis als letzteres, da es auch die Tätigkeit des prenfsischen 



Digilized by Google 




16 



Die NeogesUltnn^ des rassischen Uanptstabe». 



Generalstabe« und des preufsiseheu Militärkabinett« in sieb ver- 
einiget. 

Ein ganz eigenartig organisiertes Glied des Kriegsministeriums 
ist der ..Uanptstab“, dem innerhalb der Organisation des ge- 
samten Kriegsministeriams gewissermafsen die Holle des prentsischen 
Kriegsministerinms einschliefslich des Militärkabinetts znfäUt, während 
— abgesehen von verschiedenen anderen mehr oder weniger tech- 
nischen „Haoptverwaltnogen“ — die ebenfalls dem Kriegsministerinn 
eingegliederte „Hauptverwaltung des Generalstabes“ im allgemeinen 
die Tätigkeit des prenfsischen Grofsen Generalstabes ansUbt 

Im Jahre 19ü3 hatte man dem Hanptstabe — unter Los- 
lösuug der ihm bis dahin ebenfalls unterstellten Generalstabsgescbäfte, 
für welche nunmehr die dem Hanptstabe koordinierte „Haupt- 
verwaltung des Generalstabes“ geschafien wurde — eine neue Ge- 
staltung gegeben, deren Aufbau ein einheitlich symmetrischer war 
mit gleicbfurmiger Anordnung eines vielfachen Instanzenzuges. 

Der Hanptstab zerfiel in fünf Verwaltungen: des ersten General- 
quartiermeisters, des zweiten Geueralqnartiermeisters, des Dnjour- 
generals, der militärischen V'crbinduugen und der Militärtopographie. 

Mit Ausnahme der letzteren gliederte sich jede V'erwaltung 
(Uprawlenije) in Departements (AtdJelU), diese in Abteilungen (Atdje- 
lenija) und diese endlich in Sektionen (StolU). 

Die Ausgestaltung des Hauptstabes in dieser gleichförmig- 
symmetrischen Art entsprach aber nicht der Vielseitigkeit der von 
dieser Behörde zu erledigenden Geschäfte. Die frühere Einteiinng, 
wonach gewisse Teile des Hauptstabes sich in Abteilungen und 
iSektionen, andere in Gesebäftsbezirke gliederten, war, wie die Er- 
fabrnng zeigte, zweckentsprechender. Da, wo es sich nicht um einen 
laufenden Schriftverkchi , sondern um selbständige Durcharbeitung 
wichtiger Kragen handelt, erschien die Gliederung in Abteilungen 
und Sektionen unerläfslich ; hier empfahl es sich, kleine Geschäfts- 
bezirke zu schaffen unter einem selbständigen GescbäIt8fUbrer(Sektions- 
chef) mit einer kleinen Zahl von Gehilfen. 

Die Bildung von fttnf einander Übergeordneten Instanzen (Chef 
des Hauptstabes, der Verwaltung, des Departements, der Abteilung, 
der Sektion) hatte eine grofse Verlangsamung des ganzen Geschäfts- 
ganges zur notwendigen Folge. 

Die Mangel der Organisation von 1903 traten sehr bald zutage 
und machten die Einführung verschiedener Abänderungen notwendig. 
In einigen Abteilungen traten au die Stelle der selbständigen Sektions- 
ehefs Gehilfen des Abteilungschefs; einige Abteilungen wurden aus 



Digitized by Google 



Die Neugestaltoug des rngsisoben Haaptetabes. 



17 



dem Departemeoteverbande losgelöst nnd aomittelbar dem Chef der 
Verwaltnng aoter^ellt. 

Die angedenteten Mängel batten sieb natürlich ganz besonders 
scharf fühlbar gemacht während des ostasiatischen Krieges. 

Die im Juni 1905 erfolgte Loslösnng verschiedener Teile ans 
dem Verbände’ des Haaptstabes zwecks Bildnng einer koordinierten 
„Hanptverwaltnng des Generalstabes“ zerstörte die Organisation von 
1903 noch mehr nnd machte eine gänzliche Umgestaltung der den 
„Hanptstab“ betreffenden Bestimmungen notwendig, deren Ergebnis 
nnnmehr vorliegt in dem durch Allerhöchsten Prikas vom 
10./23. Oktober d. J. eingeftihrten neuen 

Reglement für den Hanptstab. 

Geschäfte und Zusammensetzung des Hanptstabes. 

1. Die Tätigkeit des Haaptstabes umfafst folgende Gebiete; 

1. Alle Nachrichten Uber die Organisation nnd den Bestand der 
Truppen sowohl in der ailgemeben Einteilung nach Waffen- 
gattangen wie auch in den einzelnen Formationen. 

2. Alle Angelegenheiten in betreff des Personalbestandes nnd der 
Ergänzung der Truppen, der militärischen Behörden nnd An- 
stalten — auf Grund der Etats nnd der Reglements. 

3. Alle Angelegenheiten, die sich beziehen auf; Organisation, 
innere Verwaltung, Ausbildung, Dienstbetrieb, Unterkunft, Ans- 
rüstar'', Bewaffnung, Bekleidung nnd Wirtscbaftsbetrieb der 
Tmpi die Aufsicht Uber die materiellen BedUrbisse der 
Tmppou nnd Uber die ununterbrochene Befriedigung derselben. 

4. Oie Oberaufsicht Uber alle der Militärverwaltung unterstellten 
Strafrastalten nnd die Sorge fUr deren sacbgemälse Ein- 
ricbtnng. 

2. Der Hanptstab macht rechtzeitig seine Vorschläge zur Er- 
gänzung der Truppen mit Berücksichtigung der bneren Lage des 
Reiches und der Anforderungen seiner änlseren Beziehungen. 

Ihm liegt es ob, allgemeine Anordnungen zn treffen: 

1. Über Festsetzung und Verteilung der jährlichen Ergänzung der 
Armee; 

2. Uber die zahlenmälsige Feststellung der Stärke der Armee, 
des B( nrlanbtenstandes nnd der Reichswehr erster Kategorie; 

3. Uber lie Einberufung von Reservisten nnd Wehrlenten erster 
Kategbrie zu den Übungen, sowie Uber Ebbernfung von 
Reserv'sten nnd Wehrlenten zum aktiven Dienst bei Erhöhung 
der Hceresstärke bzw. bei Formation von Truppenteilen der 

Jafcrbftekvr fbr di» daoUeb» Ara»» »nd XarlD». No. 424. 2 



Digiiized by Google 




18 



Die NengesUltung des rassischen HanptsUbes. 



Reichswehr; ferner Uber Entlassung dieser Mannschaften bei 
Eintritt der regeimäfsigen Friedensverhältnisse. Der Haupt- 
stab bat ferner die Verpflichtung, die vorschriftsniäfsige und 
rechtzeitige AnsfUhrnng der genannten Einberufungen und Er- 
^nznngen zu Überwachen. 

3. Der Hanptstab sorgt für Anfrecbterhaltnng der Moral und 
der Manneszucht in den Truppen und wirkt mit bei der Verbreitung 
der militärischen Bildung im Heere. 

4. Er regelt die Dislokatien der Truppen nach strategischen, 
wirtschaftlichen und dienstlichen Gesichtspunkten ; er setzt die Etappen- 
linien fest und macht Vorschläge für die Sommerttbnngen der Truppen. 
Er ist verpflichtet zur Sammlung aller Notizen, die sich auf die 
Versetzung der Truppen auf den Kriegsfnis beziehen, sowie (in 
Übereinstimmung mit den in der Hauptverwaltung des Generalstabes 
ansgearbeiteten Grundzügen) zur Bearbeitung der allgemeinen Fragen 
und Erwägungen, die sich auf die Kriegsbereitschaft des Reiches 
beziehen. 

5. Der Hanptstab steht unter der unmittelbaren Leitung des 
„Chefs des Hanptstabes“ und zerfällt in folgende Abteilungen: 

1. Verwaltung des Generalqnartiermeisters ; 

2. Verwaltung des Dnjonrgenerals; 

3. Mobilmachnngsdepartement (atdjel); 

4. Asiatisches Departement. 

6. Jede Verwaltung gliedert sich in Abteilungen (Atdjelenija), 
diese in Sektionen (StolU); das Mobilmachnngsdepartement und das 
asiatische Departement gliedern sich in Gesebäftsbezirke. 

7. Anfser den genannten Verwaltungen gehören zum Haupt- 
stabe: 

1. Das Mobilmachungskomitee, 

2. das Wirtschaftskomitee, 

3. die Militärbncbdmckerei mit dem BUchermagazin und dem 
geographischen Magazin mit den Veröffentlichungen des Hanpt- 
stabes, der Hauptverwaltung des Generalstabes und des Komitees 
für Tmppenaosbildnng. 

8. Dem Hanptstabe ist unterstellt: 

1. Die Redaktion des Journals „Militärischer Sammler“ und der 
Zeitung „Russischer Invalide“ ; 

2. das Feldjägerkorps. 

9. Das Verschickungs-Etappenwesen steht unter der Leitung 
eines Generals, der gleichzeitig Oberinspektenr der Arrestantenver- 
scbickung ist. 



Digiiized by Google 



Die Neagestakung des russischen HsupUtsbes. 



19 



10. Der Personalbestand der den Hanptstab bildenden Behörden 
und Anstalten, die zablenmälsige Stärke, Dienststellung nnd GebUhr- 
nisse werden durch den Etat bestimmt. 

Znsammensetznng nnd Geschäfte der V'erwaltnngen nnd 

Departements nsw. des Uanptstabes. 

11. Die Verwaitung des Generalquartiermeisters besteht 
ans drei Abteilnngen nnd dem Verscbicknngs-Etappenwesen. 

1. Abteilung fUr Organisation der Truppen: Organisation 
der Truppen und ihrer Verwaltungen. Ausarbeitung tou Mals- 
nabmeu zur Verstärkung der Kriegsbereitschaft der Armee. 
Anfstellnng und Veränderung der Etatsaufstellung von Be- 
stimmungen Uber die Verwaltungen der Truppenteile, Uber Anf- 
stellnng nnd Auflösung derselben. Organisation, Einrichtung 
und Ergänzung der Jnnkerschnlen. Chronik der Truppen. 
Bekleidung, Bewaflnug und Ausrüstung der Truppen. Das 
Schreibwesen bei den Truppen. Rechenschaftsberichte der 
leitenden Persönlichkeiten. 

2. Abteilung für Unterkunft nnd Dienst der Truppen. — 
Ausarbeitung der Dislokation, Herausgabe der Qnartierver- 
zeichnisse nnd der Dislokationskarten. Schriftwechsel Uber 
Fragen operativen Charakters. Znsammenziehnng der 
Truppen zu den Soramerttbungen. Manöver. Wettschiefsen 
nnd Rennen. Erwerb von Ländereien iUr Lager, Übungsplätze 
und Scbiefsplätze. Versorgung der Truppen mit Gegenständen 
fUr Übungszwecke. Rechenschaftsbericht Uber die Offizier- 
schulen. Schieisvereine. Wachdienst. Kommandierung von 
Truppen bei verschiedenen Gelegenheiten. Kommandierung 
von Deputationen. Besichtigungen nnd Paraden. 

3. Wirtschaftsabteilnng. — Geld- und QuartiergebUhrnisse 
der Truppen nnd der Reichswehr. Innenwirtschait der Truppen. 
Hospital- und Sanitätswesen. Offiziervereine, ökonomische Ge- 
sellschaften, Druckereibetrieb bei den Truppen. Versorgung 
der Truppen mit Gesetzbüchern. 

Verschickungs-Etappen wesen. 

Verschickung von Arrestanten. Abänderung der Etappenmarseb- 
ronten. Zusammenstellung von Begleitkommandos und Veränderungen 
ihrer Etats. Bekleidung, Bewafi'nnng und Verpflegung dieser Kom- 
mandos. Herausgabe von Vorschriften für den Begleitdienst. Aus- 
hilfsweise Heranziehung der Truppen zur Begleitung von Arrestanten. 
Verschickung von Mannschaften, Mannschaftsfamilien nnd Rekruten 
auf dem Etappeuwege. 

O* 



Digitized by Google 




20 



Die Neugestaltung des russischen Hanptstabes. 



Das MobilmachungsdepartemeBt. 

12. Das Mobilmachaogsdepartement besteht ans einem 
Departementschef, fünf Geschäftsbezirken und dem Sekretariat. 

1. Gesebäftsbezirk; Erftlllnng der Dienstpflicht durch die Losong 
oder durch freiwillige Gestellung. Ausarbeitung grundsätz- 
licher Fragen bei Anwendung des Kriegsdienstgesetzes und 
Auslegung dieses Gesetzes. Berechnung und Verteilung des 
jährlichen Rekrutenkontingents. Kapitulantendienst. Über- 
führung von Mannschaften zum Beurlanbtenstand. 

2. Geschäftsbezirk; Rechenschaftsbericht Uber Offiziere, Beamte, 
Mannschaften, Pferde. Berechnung der Mannschaften des Be- 
nrlaubtenstandes. Aufstellung der Mobilmachungslisten. Durch- 
sicht der Berichte der Truppenkommandenre iu bezug aut die 
Mobilmachung. 

.S. Geschäfts bezirk: Berechnung der Offiziere des Beurlanbten- 
standes; Verteilung dieser, der Freiwilligen erster Kategorie 
und der Unteroffiziere des Beurlaubtenstandes anf die Offizier- 
stellen. Ergänzung des Personalbestandes der Feldverwaltnngen 
bei Eintritt der Mobilmachung. 

4. Geschäftsbezirk: Ausarbeitung von Bestimmungen fUr die 
Mobilmachung der Truppen. Kontrolle der Mobilmachnngs- 
bereitschaft der Truppen, der militärischen Behörden und An- 
stalten und der betreffenden Zweige der Zivilverwaltnng. Ver- 
sorgung der Feldverwaltnogen in materieller Beziehung. Rechen- 
schaftsbericht Uber die eisernen Bestände. Kriegsgestellnngs- 
pflicht iUr Pferde und Fuhrwerke. 

ö. Geschäftsbezirk: Berechnung der Reichswehr und Reglement 
für die Reiebswehrstämme. Übungsversammlnngen der Reichs- 
wehr sowie der Mannschaften des Beurlaubtenstandes. Formierung 
der Reichs wehrtrnppenteile. 

Das Sekretariat: Schriftwechsel Uber private Fragen be- 
treffend Offiziere, Beamte und Mannschaften mit Rücksicht anf Ab- 
leistung der Dienstpflicht. Führung der Journale; Eingang und Ans- 
gang von Schriftstücken. 

Das Asiatische Departement. 

13. Das Asiatische Departement besteht ans dem Departements- 
chef, zwei Geschäftsführern, zwei Gehilfen derselben und einem 
Sekretär. 

Zum Geschäftskreis des Departements gehört: 

Administrative und militärische Leitung der Bevölkerung in den 
Gegenden, die dem Kriegsministerinm unterstellt sind. Politische 



Digiiized by Google 




Die NengesUltODg des nissieohen Hanptstabes. 



21 



Fragen, die mit der administrativen nnd militäriscben Leitung der 
Bevölkerung in Verbindung sieben. Der gesamte Sobriftwechsel, 
der die Angelegenheiten der bttrgerlicben Verwaltung in entlegenen 
Gegenden betrifft, soweit er nicht zu den Geschäftskreisen anderer 
Teile des Hanptstabes nnd der Hauptverwaltung des Generalstabes 
gehört. Die Verteilung der Geschäftstätigkeit auf die Geschäfts- 
führer ist Sache des Departementscbefs. 

Die Verwaltung des Dnjonrgenerals. 

14. Die Verwaltung des Dnjonrgenerals besteht ans sechs Ab- 
teilungen, ans dem allgemeinen Archiv (mit der Petersburger nnd 
Moskauer Abteilung) nnd der Kanzlei mit dem Kurier- nnd Jonmal- 
wesen, endlich ans dem Bnchbalterei-, Kassen- nnd Ansknnftswesen. 
Anlserdem untersteht dieser Verwaltung die Militärdrnckerei mit dem 
Buch- nnd Geographischen Magazin. 

Abteilung für den Personalbestand der Offiziere nnd 
Ober beamten. — BefOrdernng in Militär- oder Zivilstellen anf 
Grund der Stellenerledigung, oder auf Grund einer Prüfung oder anf 
Grund des Dienstalters. Einberufung zum Dienst ans dem Benrlanbten- 
stande und Entlassung. Versetzung nnd Kommandiernng von Offi- 
zieren nnd Oberbeamten. ÜberfUhrnng von Offizieren zum Benrlanbten- 
stand. 

Abteilnug für die Ernennung für Offizier- nnd Be- 
amtenstellen. Ernennung für solche Stellen und Enthebnng von 
denselben. Beförderung. Sammlnng von Qnalifikationsheriobten. 
Führung der Anwärterlisten. 

Abteilung für Anszeicbnnngeu und UnterstUtznngen. 
Verleihung von Orden für Auszeichnung im Dienst nnd nach den 
Statuten an Offiziere nnd Oberbeamte im aktiven Dienst, im Be- 
nrlanbtenstande und in der Reichswehr. Ordenszeicben für Mann- 
schaften. Stiftung von Medaillen und anderen Anerkenuungszeicben. 
Bestimmung von Unterstützungen und Einreibung der Kinder von 
Militärfamilien zu den Lehranstalten. 

Abteilung für Rechtspflege. Fragen Uber die bürgerlichen 
Rechte der Ueeresangehörigen. Aufrechterhaltung der Manneszucht 
und der inneren Ordnung bei den Truppen. Kriegsgerichtliche An- 
gelegenheiten. Gefangenanstalten der Militärverwaltung. Unter- 
suchung von Beschwerden. Dienstentlassung nach dem Spruch der 
Offiziergerichte oder anf dem \)isziplinarwege. 

Abteilung für Verabschiedung der Offiziere und Ober- 
beamten, für Pensionsanweisung nnd für Versorgung der 
Mannschaften nnd ihrer Familien. Verabschiedung der Offi- 



Digitized by Google 




22 



Die NeogesUltnng des roesisoben HaaptaUbes. 



ziere und Beamten des aktiven Dieoststandes ond des Benrlaubten- 
standes nnd Zaweisnng von Pensionen an dieselben. Benrlanbnng 
oder Verabscbiednng von Militärpersonen behnfs Verwendung im 
ZivUdienst. Sorge fUr die Witwen and Familien der Offiziere nnd 
Beamten. Zuweisnng verstUmmelter Offiziere, Beamten, Mannschaften 
nnd Angehöriger derselben für die Unterstützung durch das „Alexander 
Komitee für Venvnndete“. Bestimmung von Pensionen für Mann- 
schaften und deren Witwen in bestimmten Fällen. Sorge für die 
Mannscbafteu. 

Abteilung für das Schriftwesen. Entwurf der Allerhöchsten 
Prikase nnd Uhase über Militär- nnd Zivilpersonen in Rangstellen. 
Führung nnd Veröffentlichung der betreffenden Listen. Berechnung 
der Offiziervakanzen in der Infanterie nnd Kavallerie. Bestimmung 
des Dienstalters solcher Personen, die ans dem Benrlanbtenstande 
oder ans dem Stande der Verabschiedeten in den Dienst eintreten. 
Führung nnd Anfbewahmng der Dienstiisten. 

Das allgemeine Archiv mit der Petersburger nnd 
Moskauer Abteilung: Annahme, Anfbewabrnng nnd Ausgabe der 
Akten des Hanptstabes nnd der Hauptverwaltung des Generalstabes. 
Ausführung von Nachforschungen nnd Kontrolle der Dienstlisten. 
Ausfertigung von Duplikaten der Entlassnngsnkase nnd von Legiti- 
mationsscbeinen für die Witwen. 

Die Kanzlei. Persönliche Angelegenheiten des Hanptstabes 
und der ihm angegliederten Teile. Geldverpflegung des Personal- 
bestandes des Hanptstabes nnd der zu ihm kommandierten Personen. 
Anfertigung des Jahresberichtes Uber die Tätigkeit des Hanptstabes 
ond der terminmäfsigen Abrechnungen. Der Allerhöchsten Orts vor- 
znlegenue Bericht des Alexander-Komitees für die Verwundeten. 
Rechnnngsführnng Uber die Gelder der Militärdrnckerei. 

Knrierwesen. Versendung von Gesetzen, Erlassen nnd sonstiger 
Ansgänge an die Truppen. Annahme und Absendnng von Paketen 
nnd sonstigen Sendungen, die Ihre Majestäten betreffen. 

J 0 u r n a 1 w e s e n. Annahme, Registratur ond Ausgabe der 
Schriftstücke. Führung der Journale im allgemeinen nnd besonderer 
Journale für Allerhöchste Willensmeinnngen nnd für die geheime 
Korrespondenz. 

Buchhalterei. Kostenanschläge, Kassenverzeicbnis, Belege 
nnd sonstige Dokumente. Prüfung der Anweisungen ond Forde- 
rungen. Führung der Bnohhaltereibfcher. 

Kassenwesen. Annahme nnd regelrechte Übergabe von Geldern, 
Auszeichnungen, Wertgegenständen, Blankets, Anweisungen nnd 
KanzleihedOrfnissen. 



Digilized by Google 




Die NengesUltang des nutUchen Hauptstabes. 



23 



AaskaDftsweseu. Annahme TOn Gesnchen. Erteilung schrift- 
licher Auskünfte. Berufung vorübergehend in Petersburg befind- 
licher Offiziere und Beamten in den Hauptstab in dienstlichen An- 
gelegenheiten. Schriftwechsel in betreff der vorübergehenden An- 
wesenheit solcher Personen in Petersbuig, soweit er nicht in den 
Bereich anderer Abteilungen des Hanptstabes fallt. Übermittelung 
von Vorschriften und Dokumenten an diese. Übersendung von Auf- 
forderungen in verschiedenen Fällen. 

15. Aufgabe, Tätigkeit and Verhältnisse der Hilitärdruckerei und 
des mit ihr verbundenen Buch- und Geographischen Magazins werden 
durch ein besonderes Heglement bestimmt 

Dem Hauptstabe angegliederte Behörden. 

Das Mobilmachnngskomitee. 

16. Die Bestimmung des Mobiimachnngskomitees besteht in der 
Prüfung aller Fragen, die sieb einerseits auf die Vorbereitung der 
Versetzung des Heeres aut den Kriegsfnfs beziehen, anderseits auf 
die Ergänzung der Streitkräfte und Vorräte während des Krieges. 

17. Den Vorsitz in diesem Komitee führt der Chef des Hanpt- 
stabes, in seiner Abwesenheit der älteste der im Komitee anwesenden 
Generale. 

Mitglieder des Komitees sind; 

1. vom Hanptstabe: der Generalqnartiermeister, der Dujonr- 
general, der Chef des Mobilmachnngsdepartements; 

2. von der Hauptverwaltung des Generalstabes: der erste Ober- 
qnartiermeister, sein Gehilfe und der Chef der militärischen 
Verbindungen; 

3. der Gehilfe des Kanzleichefs des Kriegsministerinms; 

4. je ein Gehilfe des Chefs der Hauptverwaltungen der Intendantur, 
des Artilleriewesens, des Ingenienrwesens, des Militärmedizinal- 
wesens und der Kasackentruppen; 

5. Vertreter des Hauptfestungskomitees und des Militärsanitäts- 
komitees. 

18. Nach Ermessen des Chefs des Hanptstabes können zu den 
Sitzungen des Komitees mit Stimmrecht zugezogen werden sowohl 
anderweitige Militär- wie auch Zivilpersonen, deren Urteil für die 
vorliegenden Fragen von Wert sein kann. 

19. Je nach dem Charakter der der Prüfung unterliegenden 
Fragen können die Sitzungen des Komitees allgemein sein, an 
denen alle oben aufgefUhrten Personen teilnehmen — oder spezielle, 



Digitized by Google 




24 



Die Nengestaltimg des rnMisoben Hanptstabes. 



deren ZaBammensetzung jedesmal vom Chef des Hauptstabes be- 
stimmt wird. 

20. Die Entscbeidong sowohl in den allgemeinen wie io den 
speziellen Sitzungen erfolgt durch Stimmenmehrheit; bei Stimmen- 
gleichheit gibt die Stimme des Vorsitzenden den Ausschlag. Die 
Entscheidungen des Komitees werden in einem Protokoll (.Jonmal“) 
znm Ausdruck gebracht, welches der Chef des Hanptstabes dem 
Kriegsminister vorlegt. Abweichende Meinungen sind von den 
Komiteemitgliedem innerhalb der jedesmal vom Vorsitzenden zu be- 
stimmenden Frist einznreichen und werden dem Kriegsminister nr- 
scbriftlich vorgelegt. 

21. Die Geschäftsführung des Komitees wird von dem Mobil- 
machnngsdepanement des Hanptstabes besorgt. Die Geschäftsführer 
des Departements erscheinen im Komitee als Berichterstatter Uber 
die von ihnen bearbeiteten Fragen und nehmen an den Sitzungen 
des Komitees mit Stimmrecht teil. 

Das Wirtschaftskomitee 

22. verwaltet die Gebäulichkeiten des Hanptstabes und der 
Hauptverwaltung des Generalstabes und sorgt für ihre Instandhal- 
tung. Es ttbt seine Tätigkeit ans auf Grnnd des allgemeinen Regle- 
ments fttr die WirtschaRskomitees der Hauptverwaltungen des Kriegs- 
ministeriums und ist dem Chef des Hanptstabes unmittelbar unter- 
stellt. 

Das zur Druckerei gehörige Buch- und Geographische Magazb 
besorgt den lokalen, inländischen und ausländischen Verkauf der 
Karten, Pläne, Bücher, Verordnungen und anderer Veröfifentlichnngen 
des Hanptstabes, der Hauptverwaltung des Generalstabes und des 
Komitees fttr Trnppenbildung, anlserdem auch der Veröffentlichungen 
anderer Regiernngs- oder kommunalen Behörden nnd einzelner Per- 
sonen. 

Druckerei nnd Magazin verfahren auf Grund ihrer besonderen 
Reglements. 



Die Stelleninhaber des Hanptstabes. 

24. Der Chef des Hanptstabes wird ernannt durch Allerhöchsten 
Prikas nnd durch Ukas an den dirigierenden Senat, nach Wahl nnd 
Vorschlag des Kriegsministers; in derselben Weise wird er von der 
Stellung enthoben. 

25. Der Chef des Hanptstabes hat die Ptlicbten und Rechte 



Digitized by Google 




Die NeagesUltnng des rassischen Hsaptstabes. 



25 



des Chefs einer Uaaptverwaltang des Kriegsministeriams mit Ans- 
nähme einiger besonders geregelter Punkte. 

26. Er hat das Recht, alle Truppen nebst ihren Stäben, die 
Junkerscbnlen, die Militärhospitäler und die Gefangenanstalten der 
Miiitärrerwaltung zu besichtigen. 

27. Abgesehen von dem allgemeinen Recht als Chef einer 
Hauptverwaltung in bezug auf die Genehmigung von UrlanbsUber- 
schreitungen hat er das Recht, in betreff der in Petersburg aui Ur- 
laub befindlichen Generale, Stabs- und Oberoffiziere der Infanterie 
und Kavallerie in besonders wichtigen Fällen Urlanbsüberschreitnngen 
zu genehmigen bis zum Eingang der Entscheidung des direkten Vor- 
gesetzten. 

28. Der Chef des Hanptstabes ist verantwortlich fUr die gute 
Ordnung des Feldjägerkorps. Zn diesem Zweck hat er das Recht, 
den Kommandeur des Korps auszuwäblen, den Adjutant und den 
Zahlmeister zu bestätigen und die Glieder des Korps zur Beförde- 
rung vorznschlagen. 

29. Er bat das Recht, nach seinem eigenen Ermessen Generale, 
Stabs- und Obcrotfiziere des Hanptstabes in die Anwärterlisten fUr 
verschiedene Stellen eintragen zu lassen. 

30. In bezug auf die Leitung des Hauptstabes und des Feld- 
jägerkorps hat er die Rechte des Höchstkommandierenden eines 
Militärbezirks. 

31. Im Falle der Erkrankung oder Abwesenheit wird der Chef 
des Hanptstabes vertreten durch einen der beiden Verwaltungscbefs 
des Hauptstabes tiach jedesmaliger besonderer Verfügung des Kriegs- 
ministers. 



Die obersten Stelleninhaber des Hauptstabes. 

32. Die Chefs der beiden Verwaltungen und des Mobiliuachungs- 
departements des Hanptstabes werden vom Kriegsminister ansgewählt 
und auf seinen Vorschlag ernannt durch Allerhöchsten Prikas und 
durch Ukas an den dirigierenden Senat. Der Chef des Asiatischen 
Departements wird vom Chef des Hanptstabes ausgewählt und durch 
Allerhöchsten Prikas ernannt. 

Der Leiter des Verschickungs-Etappenwesens wird vom Kriegs- 
minister im Einverständnis mit dem Jnstizminister ansgewäblt und 
durch .Vllerhöchsten Prikas ernannt. 

33. Die Chefs der beiden Verw altungen und der Mobilmacbungs- 
dq>artements haben bei der Leitung der ihnen unterstellten Behörden 
und Personen folgende Pflichten: 



Digitized by Google 




26 



Die Nengestaltang des rassisoben HsupUtabes. 



1. Sie ttbenvachen die Schnelligkeit and Richtigkeit des Geschäfts- 
ganges in der ihnen unterstellten Behörde; 

2. sie sorgen ftlr richtige and rechtzeitige Anfsteliang eines finan- 
ziellen Kostenanschlages und für seine Ausführung aut Grund 
der hierfür gegebenen Bestimmnogen; 

3. sie überwachen die richtige Verteilung der eingehenden Schrift- 
stücke an die Abteilungen und Gescbäftsbezirke und die Beob- 
achtung der vorgeschriebenen Ordnung seitens dieser Be- 
hörden ; 

4. mindestens einmal im Jahre haben sie alle Abteilungen, Ge- 
Bcbäftsbezirke und sonstigen Teile in allen Einzelheiten einer 
genauen Revision zu unterziehen mit Hilfe der vom Chef des 
Hauptstabes hierfür bestimmten Personen. 

Der Chef des Asiatischen Departements hat die Pflichten 
eines Gehilfen des Chefs einer Hauptverwaltung. 

34. Die Verwaltnngschefs haben aufserdem noch folgende be- 
sondere Pflichten; 

1. Der Generalquartiermeister ist ständiges Mitglied des Komitees 
für Trnppenbildung; 

2. der Dujonrgeneral ist verpflichtet, über alle in der Hauptstadt 
eintreffenden Generale, Stabs- und Oberoffiziere orientiert zu 
sein; ferner steht das Feldjägerkorps unter seiner direkten 
Anfsicht und Leitung. 

35. Die Chefs der beiden Verwaltungen und des Mobilmacbungs- 
departemeuts haben die Rechte eines Gehilfen des Chefs einer 
Hanptverwaltung; den ihnen unterstellten Personen gegenüber haben 
sie die Rechte eines Divisionskommandeurs und das Recht der Ur- 
laubserteilung für einen der ihnen unterstellten Stabsoffiziere auf 
zwei Monate, für einen Oberoffizier auf vier Monate. Der Chef des 
Asiatischen Departements bat den ihm unterstellten Personen gegen- 
über die Rechte eines Brigadekommandenrs. 

36. ln bezug auf die ans dem Hauptstabe ausgehenden Schrift- 
stücke haben die Chefs der Verwaltungen und des Mobilmachungs- 
departements 

1. zu beglaubigen alle Schriftstücke, die sich auf die Korre- 
spondenz mit dem Kriegsminister beziehen; 

2. zu unterschreiben alle Schriftstücke, die im Namen des 
Kriegsministers ergehen (mit Ausnahme der an Minister, Armee- 
befehlshaber und Personen gleichen Ranges gerichteten) sowie 
alle Schriftstücke, welche die Korrespondenz mit dem Chef 
einer Hauptverwaltung betrefien. 



Digitized by Google 




Uie Neo^flttaltuog des russischen HanptsUbes. 



27 



Der tiehilfe des Dnjonr^enerals. 

37. Er wird vom Chef des Hanptstabes ausgewäblt and durch 
AUerböchstea Prikas erDanot. 

38. Er ist dem DnjonrgeDeral unterstellt und bat unter Ver- 
antwortung die Pflichten eines Gehilfen des Chefs einer Hauptver- 
waltung zu erfUllen. Er hat die Schriftstücke zn beglaubigen, 
welche im Namen des Kriegsministers ergeben und vom Dojonr- 
general unterschrieben sind. Er bat ferner die Pflichten zn er- 
fllllen, die durch eine besondere vom Dujourgeneral anfgestellte und 
vom Chef des Hanptstabes bestätigte Instruktion ihm anferlegt 
werden. 

Im Falle der Krankheit oder Abwesenheit des Dnjourgenerals 
bat er denselben zn vertreten. 

Die Bbrigen Stelleninbaber des Hanptstabes. 

39. Die Abteilnngschefs, die ihnen durch Vorschrift und Pflichteo- 
kreis gleichgestellten Geschäftsführer, der Leiter der Kanzlei und 
die Chefs des Archivs nnd der Militärdrnckerei werden von den 
Verwaltungs- nnd Departementschefs ansgewählt nnd durch Aller- 
bdchsten Prikas ernannt. 

In bezug auf Pflichten und Rechte gelten für sie die allgemeinen 
Vorsebriften für Personen dieser Kategorien in den übrigen Hanpt- 
verwaltnngeo. 

40. Die Gebilien der Abteilnngschels haben nach Ermessen 
dieser letzteren die besonders schwierigen nnd verantwortungsvollen 
Arbeiten ansznfUbren. Ist der Abteilungschef erkrankt oder ab- 
wesend, so wird er von seinen Gehilfen (bzw. von dem ältesten der- 
selben) vertreten. 

41. Für die Sektionscbefs des Hanptstabes gelten dieselben Be- 
stimmungen und Vorschriften wie für die Sektionscbefs der Haupt- 
verwaltungen. Gleicherweise sind auch für die übrigen Personen 
des Hanptstabes die Bestimmungen mafsgebend, die für die ihnen 
gleichstehenden Personen in den anderen Hauptverwaltungen ge- 
geben sind. 

42. Der Chef der nicht streitbaren Mannschaften des Haupt- 
stabes nnd der Militärdrnckerei ist dem Dnjonrgeneral unterstellt 
und bat nnter seiner Leitung in disziplinärer Beziehung die Straf- 
gewalt eines Regimentskommandeurs, in wirtschaftlicher Beziehung 
die im Reglement für die Wirtschaftsverwaltnng eines selbständigen 
Truppenteils festgesetzten Rechte; im Schriftverkehr endlich die 
Rechte eines Abteilungschefs des Hauptstabes. 



Digitized by Google 



•28 



Artillerie and Infanterie. 



43. Die GebUfen des Chefs der Nichtstreitbaren and des Chefs 
der Militärdmckerei haben den Mannschaften gegenüber in diszipli- 
närer Beziehung die Rechte eines Kompagniekommandears; in bezog 
aof den Schriftverkehr die Pflichten eines Sektionscbefs. 



lU. 

Artillerie und Infanterie. 

Von 

Nagle. 



Eine ganze Reihe von Paragraphen behandelt im 2. Teile des 
Exerzierreglements für die Infanterie vom 29. Mai v. J. das Ver- 
hältnis dieser Waffe znr Artillerie: znr eigenen nnd zo der des 
Gegners. Die Grnndanffassong, die in diesen Ratschlägen zn Tage 
tritt, gipfelt darin, dals nach wie vor an einen Artilleriekampf ge- 
glaubt wird, der gewissermafsen eine für sich abgeschlossene Kampf- 
handlong im Rahmen der Schlacht darstellt aber es wird zugleich 
in einzelnen Absätzen davor gewarnt, mit dem Vortragen des eigenen 
Infanteriefeneis so lange zu warten bis die Feuerüberlegenheit auf 
der Seite der eigenen Artillerie erreicht sei. 

Von dem Kampfe der Infanterie gegen Artillerie behauptet das 
neue Reglement, dals die Überlegenheit der letzteren Waffe nur bis 
1000 m etwa reiche. 

Im folgenden will ich untersuchen, inwieweit durch die Ein- 
führung der RohrrücklaufgeschUtze mit Schntzscbilden diese An- 
schauungen noch zntreffen nnd ob nicht künftig der § 331, der die 
Begleitung des Infanterieangriffes durch Artillerie verlangt, eine 
grOfsere und weitere Bedeutung gewinnen mufs, woraus sich die 
Notwendigkeit ergeben würde, das Zusammenarbeiten der gemein- 
samen Kampfwaffen, Artillerie nnd Infanterie, im Frieden noch enger 
zn gestalten als es jetzt schon ist. Hätte dieses innige Verhältnis 
schon zn der Zeit bestanden, wo das Reglement abgefafst wurde, 



Digitized by Google 




Artillerie und Infanterie. 



29 



80 wäre es wohl kaum möglich gewesen, dafs in der sonst so 
Yortrefflichen Vorschrift Ansichten niedergelegt worden, die schon 
jetzt durch das Wesen der geänderten Waffe (Artillerie) Überholt 
sind, gegenüber der französischen Artillerie schon längst überholt 
waren. Die französische Artillerie glaubte oder fürchtete so wenig 
einen Artilleriekampf, dals sie mit etwa 90 Schntzschildgeschützen 
pro Armeekorps gegenüber etwa 140 anf deutscher Seite (ohne 
Schild) ausznkommen gedachte und erst jetzt, wo wir die Kohrrück- 
lanigeschütze einführen, darangehen, die fehlenden (.^0) nachträglich 
zu beschaffen. Das g^bt zu denken! 

Allerdings wird auch in Vorschriften für die Feldartillerie Yon 
einem Artilleriekampf gesprochen, als ob die Einführung der Schutz- 
schilde in dieser Beziehung keinen Wandel geschaffen hätte. Sollte 
man wirklich noch an Artilleriezweikämpfe in der Form denken, 
wie wir sie von den Schlachten des Jahres 70 her im Gedächtnis 
haben? Das wäre nach den Ergebnissen der Schieisplätze unver- 
ständlich. Oder will man blols nicht zngeben, dals wir genau so 
wenig wie die französische Artillerie imstande sind, Schutzschild- 
artillerien des Gegners zum Schweigen zu bringen? Das wäre eine 
schwere Verantwortung. Die Leitung der ersten Schlachten könnte 
sich dadurch anf falschen Voraussetzungen anfbanen.‘) 

Die Schntzschildfeldartillerie mit Rohrrücklauf zeigt folgende 
Wesenheit: 



') Im russisch-japanischou Feldzuge befanden sich wohl Rohrrücklauf- 
Schnellfeuergeschütze auf russischer .Seite, doch machten sie nur einen 
Teil der FeldartiUeriebewaffnung aus. Schutz.schilde hatten beide Gegner 
nicht. Wohl versuchten die Japaner solche zu improvisieren, was wenig 
Zweck hatte, d.a ihnen nur LafettenrficklaufgeschQtze zur Verfügung st;rudcn, 
bei denen die Bedienungsmannschaften bei jedem Schufs aus der Deckung 
heraustreten mufsten. Aus diesen Verhältnissen entwickelte sich folgendes 
Bild: Nachdem beide Gegner ihre, der Zahl nach schwache Artillerie (im 

Vergleich zu uns) in den ersten Gefechten nahe und ohne allzu sorgfältiges 
Anfsuchen der Deckung an den Gegner herangefUhrt hatten, liefsen die 
durch das Shrapnellfeuer gegen die .schutzschildloscn Geschütze verursachten 
grolsen Verluste die B,atterien in den folgenden Schlachten, namentlich auf 
russischer Seite soweit vom Gegner abbleiben und so tief hinter den Hang 
sich docken, daCs sie sich einesteils der notwendigen l'nterstützung der 
Infanterie begaben. 

Indirektes Richtverfahren aus tiefer Deckung heraus mufste nun seine 
Trinmphe feiern und konnte es, weil, wie schon erwähnt, die Artillerie 
wenig zahlreich war. Jeder offensive Geist mufete hierdurch aber absterben 
und ist es darum doppelt nötig, dem Wesen des Schutzscbildes nachzu- 
denken. um sich über die durch dasselbe veränderten Verhältnisse klar zu 
werden. 



Digitized by Google 




30 



Artillerie und Infanterie. 



1. Die Bedienang des GrescbUtzes ist bei kriegsmärsigem Ver- 
bnlten derselben — dazu rechne icb: Dichtes Heranbleiben an den 
deckenden Schild, sorgfältiges AnsfUllen (Spaten) des Zwiscbenranmes 
zwischen dem unteren Schildrand nnd dem Erdboden mit Erde, was 
beim Abprotzen des Geschützes grundsätzlich zn geschehen hätte 
(gebürt ins Keglement) — durch von vorn kommendes Schrapnell- 
brennzUnderfener nicht zu treffen; ebensowenig durch von vom 
kommendes Gewehrfener, mit Ausnahme von solchem ans so grober 
Nähe, dafs die senkrecht auftreffenden Geschosse durch die Schilde 
hindurch geben, was aber erst bei Entfernungen weit unter 1000 Meter 
der Fall ist. 

2. Schntzschildbatterien sind — im Gegensatz zn ihrer hohen 
Unempfindlichkeit gegen von vorn kommendes rasantes Feuer — 
sehr empfindlich gegen Schräg- oder gar Flankenfener, das hinter 
die Schilde fabt; sie sind hiergegen um so empfindlicher, je gröfser 
für sie die Schwierigkeit wächst, infolge ihres Gewichtes oder infolge 
ihres Festhakens in dem Erdboden rasch Frontveränderongen vor- 
nehmen zu können. 

[ln dieser Beziehung sind wir der französischen BewafiTnung 
erheblich überlegen, unser Geschütz ist leicht nnd dämm sind wir 
verpflichtet, diesen Vorteil voll ansznnntzen.] 

Anderseits gibt diese Eigentttrolicbkcit der Scbutzsebildartillerie 
Maschinengewehren ja selbst einzelnen Schutzen, denen es gelingt, 
in die Flanke solcher Batterien zn gelangen, die Möglichkeit, ver- 
nichtend zu wirken oder doch — vom einzelnen Schutzen gesprochen 
— sich recht lästig zn machen. 

3. Die SchntzschildgeschUtze (unsere) sind unmerklich schwerer, 
als die bisherigen, besitzen also sowohl als bespannte Fabrzenge, wie 
auch abgeprotzt die gleiche hohe Beweglichkeit wie früher, so dals man 
sie auch als Lafette auf gröbere Strecken verbringen kann.') 

4. Der hohe Schutz, den die Schilde der Bedienung gewähren, 
erlaubt an wichtigen Pnnkten ein Anhäufen von Geschützen bis auf 
so enge Zwischenräume, als es das Bedienen der Geschütze noch 
gestattet. 

5. Schntzschildbatterien sind bei guter Sichtbarkeit der einzelnen 
Geschütze nnd auf nicht zn groben Entfernnngen mit Anfscblag- 



*) Unser Geschütz, ist eine kriegsbrauchbare Waffe; man sollte sie 
nur ihrer Eigenart entsprechend verwenden. Schon um Munitionsver- 
geudung vorzubeugen, wäre es zu hoffen, dafs endlich nun auch die 
Kartusche mit dem Geschofs fest verbunden würde. (Darin sind wir der 
Einheitsmunitiou des Auslandes gegenüber noch rückständig.) 



Digitized by Google 




Artillerie und Infanterie. 



31 



|T«8cho88eo erfolgreich za besobielsen; nar verlangt die Wirknug 
ein eebr genaaes Verfahren. 

6. Die Organe der Batterie: Vor allem die BatteriezugfOhrer, 
kon allen, wan nich hinter und zwischen den Geschützen bewegen 
rnnfs — finden selten den aasreiohenden Schatz hinter den Schilden, 
welchen diese der Bedienung selbst gewähren. Dieses trifit fttr die 
unter grblserem Einfallwinkel einschlagenden Schrapnellkngeln mehr 
zn, als fbr das Infanteriefener, welches auf den in Frage kommenden 
Entfernnngen rasanter ist and demgegenüber die Organe leichter 
hinter den Schilden Deckung finden. Man wird also auf alle Fälle 
im Vergleiche za den Verlosten an Mannschaften anf anverhältnis- 
mäfsig starke Abgänge in diesen Dienststellen rechnen müssen. 

7. Der Rohrrttcklanf erleichtert die Bedienung derart, dals im 
Notfall selbst ein Mann das Fener fortsetzen kann; gestattet bei 
normaler Besetzung eine Feuergeschwindigkeit, die dem Batterie- 
fbhrer erlaubt, sich nur mit einem Geschütz einznschiefsen, ohne 
dadurch eine Einbufse an Zeit zu erleiden. 

Wirkung gegen Schutzschildbatterien. 

Die Bedienungsmannschaft der einzelnen Geschütze findet hinter 
den Schilden eine Deckung, ähnlich der, welche sitzende Schützen 
in einem Schützengraben finden. Selbst der Kanonier 3 an dem 
Lafettensebwanz würde dann, wenn die Seitenrichtnng festgelegt ist 
— und das ist sie, sowie hüben und drüben das Wirknngssebiefsen 
beginnt — fast dieselbe Deckung finden können, wie die beiden 
Leute, welche dicht an den Schilden ihren Platz haben. 

Man gebe nur endlich die nmständliche Richtplatte auf. deren 
Aasstecken sowohl, wie auch das Einrichten des Geschützes auf sie, 
das Gedecktbleiben erschweren kann und mache es wie die Fnls- 
artillerie! Wer da glaubt, dals durch das Anvisieren eines gemein- 
samen Hilfsziels die Feuergeschwindigkeit leide, oder sonst Schwierig- 
keiten sich fänden, der sehe einmal bei dieser Waffe heim Hanbitz- 
schielsen zn und — gehe beschämt nach Hanse! 

Für solche Ziele, gegen die man infolge ihres Deckungswinkels 
mit den Schrapnells machtlos war, hat man die Granate eingefUhrt. 
Von dieser später! 

Also mit Schrapnells ist gegen solche Ziele nichts zu machen. 
Ja! aber unter den Schilden hinweg in die Füfse können die Leute 
doch getroffen werden! 

Im Felde werden, bis das Wirknngsschiefseu eintreten kann, 
diese Öffnungen zweifellos verstopft sein, durch die allein im Frieden 



Digitized by Google 




32 



Artillerie und Infanterie. 



die nötigen Treffer erzielt werden, mit denen man in den Schiele- 
listen glänzt nnd durch die man den Glauben erwecken will, als ob 
man gegen Scbntzecbildbatterien was Entscheidendes aasrichten könne •' 
Der Ernstfall wird Uber diese papiernen Notlügen znr Tages- 
ordnung übergehen. Nnr wird die Gefechtsleitnng versagen müssen, 
welche ihre Entschlüsse auf Wirkungen aufbante, auf die sie nach 
den Friedensergebnissen rechnen durfte, die aber im Kriege aus- 
bleiben! 

Es mnfs endlich einmal ausgesprochen werden: 

„Wir begehen eine Selbsttäuschung, wenn wir glauben 
mit Schrapnells die Schntzscbildartillerie des Gegners 
niederringen zu können: der Einfall- nnd der Kegelwinkel 
des Geschosses verbieten es.“ 

Wohl gebe ich zu, dafs hie und da (sehr selten) ein Volltreffer 
ein Geschütz zertrümmern kann. Auch das wird sich ereignen: dals 
eine grölsere Anzahl von Offizieren usw. fallen, aber die Fener- 
tätigkeit der Geschütze im grolsen nnd ganzen wird dadurch nicht 
zum Schweigen gebracht werden. Diese Art der auftretenden Ver- 
luste weist uns darauf hin, dals man die einzelnen Geschütze selb- 
ständiger machen mnfs (siehe unten) wenn man dem geänderten 
Wesen der Waffe gerecht werden will. 

Es bliebe noch zu untersuchen, ob die Granate Bz hier in der 
Lage ist, Abhilfe zu schaden! 

Sie setzt nach den jetzt herrschenden Ansichten voraus, dafs 
man sich genau einschiefst! Was das im Kriege heifsen will, das 
kann nnr der ermessen, der schon einmal im gröfseren Artillerie- 
verbande — es genügt schon fast die Abteilung — das Glück hatte, 
einen derartigen Auftrag ansfUhren zu dürfen. 

Ich will nun annehmen, dafs dem Batteriefllhrer in früher 
Morgenstunde das kniffliche Beginnen geglückt ist, obgleich der böse 
Feind auch schiefst und obgleich er von der Mobilmachung her noch 
viele Leute in der Truppe hat, zu deren Wiedereinexerzieren ihm 
bis jetzt die Zeit fehlte (Batterien bei Spichern aus der Eisenbahn 
ins Gefecht). Er setzt nun der Vorschrift nach seinen Brennzünder 
auf und regelt die Sprenghöhen. Grade, als er nun glaubt, dafs die 
richtig springenden Granaten dem Feinde hinter seinen Schilden 
(oder den Schützen im Sebützeng^raben) den Garaus mache, da er- 
scheint die liebe Sonne und ihre hellen Strahlen belencbten das 
Kampffeld! und siehe da! Ähnlich wie die Lerche beim Erscheinen 
des güldnen Tagesgestims sich jubelnd ihr entgegenschwingt, so 
steigen die weifsen Rauchwolken des Batterieführers am jenseitigen 
Horizont znr Sonne empor, als ob sie dem, der das B'ener leitet. 



Digitized by Google 



Artillerie und Inlitnterie. 



33 



sagen wollten: .Siehst da, da Oater! jetzt ist die liebe Sonne da, 
das macht mehr als zwei Teilstriche ,Tage8anterschiede‘ and du 
darfst dioh noch einmal genauer einschielsen!“ 

Also ein Schiefsverfahren wird hier angewendet, das dnrch die 
Wärme der Sonnenstrahlen amgeworfeu werden kann! damit rUcken 
wir in die männermordende Feldschlaeht.') Wo bleibt da der 

■) Die Unstimmigkeitea zwischen Flngbahn und Brenniftnge kann man 
auf zwei Arten ausgleichen. 

Nehme ich an der Zünder brennt 50 m zu lang, so kann ich die Un- 
stimmigkeit ausgleichen, dadurch, dafs ich durch 50 m mehr Erhöhung die 
Flngbahn um dieses Mafs verlängere ; dann stimmen beide wieder zusammen 
oder ich stelle den Zünder um 50 m zurück; wie jedermann fühlt, ist das 
das natürlichere Verfahren, denn ich behalte die ermittelte Flngbahn bei, zu- 
mal das erstere noch allerhand Schiebereien notwendig macht um letztere 
wiederzngewinnen. 

So lange man kein Mittel kannte, das Umstellen der Zünder für diesen 
Zweck sicher und ohne Zeitverlust zu bewerkstelligen, war das Aufsatz- 
schieber-(„Platten-“)verfahren zweifellos das bessere, weil kriegsm&Tsigere 
Verfahren, denn man ersparte damit 2 getrennte Kommandos für Anbatz 
und Brennlänge und nahm dafür gerne den Nachteil in Kauf, dafs durch die 
Teilstriche (Platte) des Aufsatzschiebers nur auf den Entfernungen der 
Ausgleich wirklich erreicht werden konnte, auf denen 1 Teilstrich wirklich 
50 m Flugbahnzuwachs entsprach. Auf Entfernungen, die wesentlich kürzer 
waren als diejenigen, auf denen „es zutraf*', mnfste ein Teilstrich viel mehr 
als 50 m ausmacben und es blieb daher eine Unstimmigkeit bestehen, eben- 
so blieb sie bestehen bei Entfernungen weit über der „Normalen“, hier 
reichte ein Teilstrich zum 50 m-Ausgleich nicht ans, weil die Geschosse zu 
sehr an Geschwindigkeit eingebüfst hatten. Nun bat die Technik diese 
Frage zur vollsten Zufriedenheit gelüst, wir besitzen jetzt solche Mittel, 
die noch den Vorteil zeigen: das Stellen der Zünder überhaupt zu be- 
schleunigen : Ein sehr wichtiger Punkt. Oft ist das Geschütz schon „fertig“ 
gerichtet, nur der VerschluCs mufs noch geöffnet bleiben. Das Geschob 
ist noch nicht „fertig“. Der frühere Grund für das Aufsatzschieberverfahren 
ist also völlig hinfSUig geworden. 

Noch eine weitere Fehlerquelle des Aufsatzschiebers beim Schrapnell- 
brennzünderachieben gegen Nahziele (1500) wSre wünschenswert zu ver- 
stopfen. Bei Zielwechsel wird der Anfsatzschieber auf 0, bei Wirkungs- 
Schieben nachher auf „1 hoch“ gestellt, damit die Geschosse nicht so tief 
am Boden zerspringen. Gerade für die ersten Momente solcher Nah- 
gefecbte sind solche Spitzfindigkeiten vom Obel und werden Irrtflmer und 
Verwechselungen nicht ausbleiben, und man bedenke, dab die, in den ersten 
Gefechten stehenden, Leute nicht auf dem Standpunkte der Mannschaften bei 
den Schiehübungen stehen können. Alle anderen Grobstaaten haben dar- 
aus die Folgerung gezogen, nur wir nicht, wir bilden mit der Schweiz die 
einzigen, die sich von dem Überlebten nicht lossagen können. Die Feld- 
artillerie fängt nachgerade an etwas alt zu werden und sollte sich vor 
ihrem jüngeren und robusteren Halbbruder in acht nehmen, der als schwere 
Artillerie des Feldheeres ihr sonst den Rang ablaufen wird. 

Aber auch die oberen Truppenkommandeure sollten der Waffe zu 

JaSrSftehvr nr di» d«ate«h« Ana*« und Maria«. No. 424. 0 



Digitized by Google 




34 



Artillerie oad InfaDterie. 



Soldat, der die ganze Künstelei fortwischt? Es ist nnr ein Glück, 
dafs bei den Franzosen unsere Waffengegner ancb ansgesprochene 
Artilleristen sind, and anf ihren mangelhaften Schieisplätzen ebenfalls 
einsame Wege wandeln. 

Grhisere Wirkung haben gegen Schatzschildbatterien die Brenn- 
zUndergranaten der leichten Feldhanbitze im StrenTerfahren. Die 
gröfsere Wirknng des Einzelschnsses liegt, abgesehen von der Zahl 
der SprengstUcke, Tomehmlich im gröberen Kegel winkel des de- 
tonierenden Geschosses begründet. 

Man bat aber nnr eine derartige Feldbau bitzabteilang pro 
Armeekorps. Das grolse Gewicht des Einzelschnsses dieses Ge- 
schützes, namentlich auch des Schrapnells, spricht gegen dasselbe. 
Es wird schwer sein, den ausreichenden Mnnitionsersatz für lang- 
danemde Schlachten — Tage — bereitznstellen. Für die wesent- 
lichste Aufgabe des modernen SchntzscbildfeldgeschUtzes — Be- 
gleitung des Infanterieangriffes — halte ich es — besonders ab- 
geprotzt — für zn schwer. Es mnfs für diese Aufgabe durch das 

Hilfe kommen, sie wollen sich doch auf sie im Kampfe stützen. Zwar heifst 
es: nur die taktische Förderung sei ihre Sache: aber Taktik und Schielsen 
lassen sich nicht trennen. Das ganze Schiefsen ist wirklich so einfach, 
könnte es wenigstens sein, wenn wir etwas mehr Soldaten und weniger Artille- 
risten sein wollten. Nehme doch ein oberer Tnippenkommandeur eines 
schönen Tages eine Batterie mit sich in ein offenes Gelände, nehme auch 
SchieCsbedarf mit und lasse dafür alle anderen Artilleristen (auch den beim 
Korps befindlichen Sachverständigen) zu Hause und setze sich mit dem 
BatteriefOhrer allein auseinander. Wenn er dann zu dem .,ein bidschen 
nett“ ist taut der auch auf und erzählt ihm alle Finessen, die jetzt noch 
als scheinbare Reste der schwarzen Kunst viele davon abhalten, das Ein- 
fache und Natürliche in dem ganzen Tun sofort zu erkennen. Und wenn 
diese praktische Selbstbelehrung: abwechselnd zwischen Exerzieren und 
Schiefsen Stunden währen sollte, der Gewinn von solchem Tun wird Jahre 
überdauern, denn solche Stunden werden ein wohltuendes Gegengewicht 
gegen die zOnfÜeriscben Bestrebungen schaffen, die von einem einzelnen 
Platze aus als nicht gesunde Inzucbtsprodukte den soldatischen Fortschritt 
der ganzen Waffe hemmen, die nur in der engsten Gemeinsamkeit mit der 
Infanterie ihrer Aufgabe gerecht werden kann; dieser Waffe zu helfen, ihr 
Feuer gegen den Gegner heranzntragen. Warum gibt es denn keine 
Inspekteure für die Infanterie, die diese Waffe im schiefstechnischen Sinne 
zn beaufsichtigen haben? 

Entweder man stelle die Feldartilleric wieder unter einem General- 
inspekteur, dem man die gesamte Ausbildung und Förderung der Waffe 
auf allen Gebieten überträgt oder man verlange, und das scheint mir 
das Natürliche, dafs die kommandierenden Generale derart das Schiefsen 
dieser Waffe beherrschen, daCs sie dasselbe voll und ganz zu beurteilen 
vermögen. Vielleicht dals dann die Waffe im Schiefsen in der Höchstleistung 
im Frieden zurückgeht, dafür aber die Gewähr gibt, im Kriege dieselben 
Resultate zu erreichen. 



uignizod by Googic 



Artillerie and bifasterie. 



35 



Eigengewicht und durch das zu groise Giewicht des eiDzelnen Ge- 
schosses versagen, während die schwere Feldhanbitze bei völlig aus- 
reichender Beweglichkeit gegen sichtbare Artillerie sicherer und schneller 
wirkt — [namentlich dann, wenn einmai ein besseres Geschols bei 
der Haubitze die fehlende Rasanz der Flugbahn durch die der 
Sprengsttlcke zu ersetzen vermag) und die auch viel weiter schielst. ‘) 
Die Vorliehe fttr die leichte Feldhanbitze kommt von den 
Scbielsplätzen, auf denen der wirkungsvollere Einzelschufs des 
schwereren Geschosses vorteilhaft zur Geltung kommt und die Frage 
des Munitionsgewiohtes fttr das kurze Schietsen nicht störend da- 
zwischen tritt. Man scheint gegen die geringen Vorteile der leichten 
Feldhanbitze die kritischen Momente des 70 er Feldzuges vergessen 
zu wollen, in denen die Folgen der Verschiedenheit der Munition 
der 4 und 6-Pfttnder in den Mnnitionskolonnen grell in die Beleuchtung 
traten. (Man denke an den Augenblick als in der Schlacht von 
Mars-la-Tonr um die Mittagstnnde die Munition knapp wurde und 



>) Der Himmel bat gesorgt, dafs die Bäume nicht zu hoch wachsen. 
Die schwere Artillerie des Feldheeres hofft im Streuverfahren (mit Auf- 
schlaggeschossen !) auch die Schutzschildbatterien niederlegen zu können, 
die sich der Sicht entzogen haben. Man kann nicht verneinen. daCs die 
schweren Haubitzbatterien hierzu nicht imstande seien. Doch wie wird 
sich da-s Ergebnis solchen Feuers zu dem Aufwand an Munition verhaltenl 
Gote Wirkung des Einzelschusses verlangt naturgernäfs ein dichtes Ein- 
schlagen des Geschosses am Ziel. Das werden im Streuverfahren nur 
wenige sein. Woher die Unmasse von dem schweren Schiefsbedarf 
nehmen? Schon einmal habe ich darauf hingewiesen, dafs wahrscheinlich 
das bewegliche Schutzschildgeschütz den künftigen Schlachten ein überaus 
zähes Gepräge geben wird, welches die Entscheidung durch Tage hindurch 
ziehen und ganz neue Momente für die Bewegung der Heeresmassen 
zu schaffen imstande ist, da überraschende Teilsiege über vereinzelte Korps 
nicht mehr in dem Mafse zu fürchten sein werden, wie bisher. Die Führung 
erhält hierdurch die Erlaubnis, viel kühner über die Wege der einzelnen 
Heeresteile zu disponieren, als sie es bis jetzt durfte. Unterstützungen 
können noch am folgenden Tage znrechtlcommen. Man denke die französische 
Minderheit bei Wörtb, die eigentlich gar keine wirkungsvolle Artillerie 
zur Verfügung hatte, hätte Schutzschildartillerie (entsprechend der damaligen 
Waffen Wirkung) besessen; die französische Division Lespart konnte dann 
noch rechtzeitig eingetroffen sein. Dauern die Schlachten so lange, 
so könnte es den schweren Batterien passieren, dafs sie dem letzten ent- 
scheidenden Ringen mit verschränkten Armen Zusehen müfsten, weil die 
Vorliebe für das Streuverfahren am vorhergehenden Tage die Munition ver- 
schlang, die der Waffe in erreichbarer Nähe nachgebraebt werden konnte. 

Die Munitionsgewichtfrage erhält durch die Dauer der Entscheidungs- 
kämpfe ihre erhöhte Bedeutung und wird auch das neue „Mädchen für 
Alles“ in die Grenzen zurückweisen, die Bewegung und Gewicht ein- 
ander ziunessen. 

3 * 



Digitized by Google 




36 



AitiUeri« and Infnntarie. 



die sebnlichst erwarteten MonitioDskoloDDen, die ttber Pont ä Monsaon 
gefolgt waren, sieb dem Getecbtsfelde näherten.) 

Ans den Erfabmngen dieses Feldzoges heraus sagte man nach 
dem Kriege: „Anf jeden Fall — Einheitsgesebtttz!“ 

Weder Schrapnell noch Granate der Kanonenbatterien sind in der 
Lage, mit Brennzünder gegenüber Schntzscbildbatterien eine solche Fener- 
wirknng zn erreichen, dals anf diese die weiteren Gefechtshandlnngen 
anibanen können.') 

Wie steht nnn das KohrrUcklanfgeschtttz dem In- 
fanterieiener gegenüber da? 

Der § 449 sagt: „Im Gefecht gegen Artillerie ist zn beachten, 
dals dieser Waffe die Überlegenheit des Feners anf den weiten 
Entfemnngen beiwohnt. Erst von etwa 1000 m ab gleicht sich 
das Verhältnis ans; anf den näheren Entfemnngen gewinnt die 
Infanterie die Überlegenheit.“ 

Die anderen beiden Sätze dieses Paragraphen sind für diese 
Besprechung nicht von Belang. 

Wie soll man diesen Satz verstehen, wenn man weile — nnd 
alle wissen es — , dals die Infanteriegeschosse erst anf Entfernungen 
durch die Schilde (und zwar nnr bei senkrechtem Anftreffen — also 
nicht alle) hindurchgehen, welche sehr viel geringer, als 1000 m 
betragen. Oberhalb dieser Dnrchschlagsgrenze befindet sich anch 
hier die Bedienungsmannschaft fast wie in Abrahams Schofs. Anf 
diesen Entfernungen können nnr diejenigen Geschosse Treffer er- 
geben, welche dnreh den Sehschlitz (wenn dieser nicht verschlossen 
ist) schlagen. 

Haben Sie einmal den Versuch gemacht, gnt sichtbaren Schntz- 
schildbatterien durch Infanteriefener von vom Verluste beiznbringen? 

Jeder, der das Beschiefsen solcher Batterien mitgemacht hat. 
weils, wie unendlich schwierig es ist, anch bei bekannter Tages- 
entfemnng bei nnr geringem Luftzüge das Mals des Rechts- oder 
Linksanbaltens so richtig einznschätzen, dals es überhaupt gelingt, 
die Garbe der Schüsse auf den Schilden zn vereinen, geschweige 
denn, den Kern durch den Sehschlitz gelangen zu lassen. Der 
Paragraph ist geeignet, ganz falsches Verhalten gegenüber gegne- 
rischer Sohntzschildartillerie (Franzosen) eintreten zn lassen. 

■) Der Umstand, dafs die Schutzschildbatterien des Verteidigers so 
Oberaus schwer mundtot gemacht werden können, wird noch mehr, wie 
bisher dazu führen, die Dunkelheit zum Heranbringen der Angriffsinfanterie 
zu benutzen. Verteidigungsartillerie, von der man weifs, dals sie schon in 
der Nacht bereit gestellt ist, fordert aus gleichem Grunde zu nSchtlichen 
Unternehmungen heraus. 



CjO' .jle 



ArUUerie ood Infanterie. 



37 



Oiejemgen TrnppenAlbrer, welche diesen fiehanptangen keinen 
Glauben schenken wollen, denen kann man nur sagen: „Probieren 
aie es ans! Kontrollieren sie dabei aber anob — and zwar persön- 
lich — , dals in den Zielen bezüglich des Verhaltens der Bediennng 
Dsw. alles so geschieht, wie es im Ernstfälle geschehen würde!“ 
Am besten wäre es, die Prüfung gesohühe derart, dafs der Prüfende 
in der Nähe seiner Ziele verbliebe. Er wäre dann auch besser in 
der Lage, sieb über das kriegsmäfsige Schiefsverfabren ein Urteil 
za bilden, wenn er während der Beschielsang der Ziele (Artillerie) 
sich die Frage vorlegte: „Wie wird sich die Feaerleitang in dem 
Ziel gestalten, wenn dieses als lebende Waffe den Anftrag habe, 
das Feuer za erwidern?“ 

Wenn die anf gestellten Behaaptnngen, von denen jetzt der 
Punkt 1 näher besprochen ist, zutreffend sind — and sie sind es — , 
so müssen die Punkte 1—4 für die taktische Verwendung von Ein- 
flalis sein, der Punkt 5 für die Aufstellung innerhalb der gewählten 
Stellung Bedeutung haben; dahingegen die Paukte 6 and 7 dazu 
anffordem, die Feaerleitang innerhalb der Batterie selb- 
ständiger zu gestalten! 

Auch indirekt müssen die Punkte 1 und 2 für das Sebiefsen 
insofern von Bedeutung werden, als der Umstand, dafs die ab- 
geprotzten Batterien viel weniger empfindlich sind, wie früher, dazu 
drängen mnls, Batterien in der Bewegung zu fassen, soweit das 
Schrapnell BZ dies überhaupt gestattet. Ob man für die kurzen, 
verfügbaren Augenblicke dafür Zeit haben wird, die Gabel zu er- 
mitteln, ') möchte ich der Erwägung anbeimstellen und die Frage an- 
regen, ob es nicht doch praktischer wäre, die Batterien mit einem 
Entfemongsmesser ausznstatten, so dafs es möglich wäre, derartige 
Ziele mit einem Brennzüoderfener zn überfallen, welches dasZiel in einer 
Irriumsgrenze von 600 m (auf die 6 Geschütze mit Je 100 m 
verteilt) dennoch fafst. 

Noch in einer anderen Richtung müssen die beiden Punkte anf 
das Schielsen von Einfluls werden. 

Man mnls versuchen, Artillerielinien auch unter Ausnutzung der 
ganzen Brennzünderwirknngsweite schräg zn fassen und solche Ziele 
denjenigen vorziehen, welche als frontale, wenn auch nähere Ziele, 
nach dem Stande der heutigen Gescholsleistung, keine nennenswerte 
Wirkung erhoffen lassen. 

1) Nicht zu lange Artilleriekolonnen können in überraschend kurzer 
Zeit im Gelände verschwunden sein und sich auf diese Weise der Beob- 
achtnng entziehen, ehe das Wirkungsschiefsen sie zu fassen vermag. 



Digitized by Google 




38 



Artitlerie und Infanteiie. 



Dals sich die beiderseitigen Gegner durch Schmpnellstrenen in 
der Kicbtnng, in der Protzen nnd Staffeln zn vermnten sind, sehr 
bald in ihrer Bewegnngsßthigkeit schwer schädigen werden, kann 
man als sicher annehmen. Hieraus wtirde nur zu folgern sein, 
dafs der Geschlagene damit rechnen muls, einen groben Teil 
seiner Artillerie stehen zn lassen, die allerdings bis zuletzt zur 
Deckung des Rtlckzoges einen so viel nachhaltigeren Widerstand 
zn leisten imstande wäre, als die bisherigen schildlosen Batterien 
dies vermochten. 

Man denke sich die Österreichischen Batterien bei KOniggrätz. 
vor allem die Batterie von der Groeben mit Schntzschilden ans- 
gertlstet! Hier eröffnet sich aber auch einer umsichtigen rtlcksichts- 
losen Kavallerie die Aussicht auf eine grofse Ernte, besonders in dem 
Falle, wenn der eingegrabene Lafettenschwanz es der geschwächten Be- 
dienung unmöglich macht, rechtzeitig die Front zn wechseln (hierin 
ist das französische Geschütz sehr Übel dran). 

Es wäre zn wünschen, dab man das ganze Geld nnd all die 
Zeit, welche man bisher auf das Beschieben von besetzten Schützen- 
gräben, die den ruhenden Schützen eine ansreicbende Deckung gegen 
Scbrapnellfener bieten, anfgewendet hat, künftighin auf das Beschieben 
von Artillerie in Bewegung, von abgeprotzten Batterien, die schräg 
zn fassen sind, nnd vornehmlich auf das Beschieben von Schützen- 
linien schräg oder frontal verwenden wollte; auch Maschinengewehre 
verlangen ein erhöhtes Interesse für die Schiefsansbildnng gegen sie. ') 

>) Dafs die Granate der Feldkanone diese Aufgabe nicht zu erfüllen 
vermag — unter kriegsm&fsigen Verhältnissen wenigstens nicht — , darüber 
aind sich die denkenden Artilleristen langst einig. 

Sorgen, die im Generalstabe nach Plewna auftraten, sollen diesem 
Geschofs zur Einführung verholten haben. Neuere Forschungen haben langst 
bewiesen, dafs das unglOckliobe BZ-Geschofs niemals die mangelnde Er- 
kundung, die nicht ausreichende Vorbereitung des Kampffeldes, die fehlende 
Verbindung der Sturmkolonnen unter sich nnd die nicht richtige Ver- 
wendung der Artillerie überhaupt, ersetzt hätte. Der Ballon hätte dort 
mehr genutzt als das in Frage stehende Geschofs. 

Sollte es einmal gelingen — vorläufig ist noch gar nicht daran zu 
denken — die hetrogenen Eigenschaften von Schrapnell und Granate in 
einem einzigen Geschofs zu vereinigen, so möchte man nur wünschen, dafs 
alsdann ein grobes Schiefsverfahren dazu erfunden werde, das ausreichende 
Wirkung auch unter Gefechtsverhaltnissen gewährleistete. Ein Verfahren 
wie das Jetzige ,Granat-BZ-Schiefsen* ist nur für den Schiefsplatz oder 
einem Feind gegenüber möglich, der kein Feind ist und mufa immer versagen, 
wenn das Ziel nicht scharf erkennbar ist, denn dann ist selbst das Bilden der 
engen Gabel (50 m) nickt angängig und das wird im Kriege die K^;el sein. 
Wie weit soll sich denn dieFeuerverteilung, wenn das Ziel keine markante Linie 
bildet, ausdebnen? Büsche, die die Enden bezeichnen, gibt ee in Wirklichkeit 



Digitized by Google 




Artillerie and Infnnterie. 



39 



Wie soll man sieb ddd auf Oruod all dieser Betraobtoiigen die 
Tätigkeit der Feldartillerie io der Soblacbt vorstellen? 

Nimmt man zanäebst an, einer der beiden Gegner — die 
Franzosen werden es wobl nicht tnn — , wOrde naob dem alten, schon 
im Jahre 1870 bewährten Rezepte bandeln und nach sorgfältiger 
Vorbereitnng (Einteiinog der gegenttberliegenden wahrscheinlichen 
ArtUleriestellnngen auf die einzelnen Regimenter, Abteilnngen nsw.) 
mit allen Batterien gleichzeitig das Fener eröffnen, loh will nnn 
den günstigen Fall annehmen, dafs, wenn auch einzelne Batterien 
io leere Räume schieisen, dennoch sämtliche vom Gegner in Stellung 
gebrachten Batterien von dem diesseitigen Feuer erreicht werden. 
Zn sehen wird von den gegnerischen Batterien kaum etwas sein 
nnd den diesseitigen Batterien wird nichts anderes Übrig bleiben, 
als sich gegen die deckenden Höhen einznscbielsen nnd alsdann 
hinter den Hang zo streuen. Nehme ich selbst an, dafs das eine oder 
andere gegnerische Gesebtttz würde durch ein Aniscblagsgeschofs ge- 
troffen werden, so können solche Znfallsergebnisse niemals eine 
FeoerOberlegenbeit berbeiiühren. Ich fürchte, das ganze Resultat 
des grolsen Mnnitionsanfwandes wird nnr das sein, dafs der Gegner 
das Fener frontal nicht erwidert nnd, wenn der Gescbolsregen ani- 
hört, hinter seinen Schilden hervorkoromt und mit Interesse von den 

nicht, auch keine vorwitzigen Zugführer, die sich herauslehnen um anzu- 
deuten: „Bis hierher geht er.“ 

Der ostasiatisohe Feldzug soll die Frage nach Granaten nen belebt 
haben. Der Stellungskrieg, in dem die Bewegungen beider Gegner periodisch 
endeten, läfst es erklärlich erscheinen, dafs man auch für das Feldgeschütz 
•in Geschofs sich wünschte, welches gegen tote Ziele, vor allem Hinder- 
nisse, eine gröfsere WiHcung äufserte als das Schrapnell, dessen Wirkung 
minimal zu nennen ist, wenn es nicht Gelegenheit hat zu zünden, was es 
sehr gut fertig bekommt. Niemals hat man mit diesen Wünschen „unsere“ 
Granate gemeint, die gegen tote Ziele eine geringere Wirkung ausübt als 
sie selbst das Schrapnell besitzt, was daher kommt, dafs das Geschofs so 
schnell, trotz seiner immerhin geringen Ladung an brisantem Stoff zerlegt 
wird, dafs es gleichsam schon verschwunden ist. ehe es seine n.achdrückende 
Stofskraft wirken lassen konnte, wozu immerhin Zeit gehört, wenn auch 
nur Hundertstel einer Sekunde. Wollte man den geäufserten Wünschen 
Gehör geben, so müfste das Geschofs nach Art der französischen aufgebaut 
werden — grofser Hohlraura mit starker Ladung und langsam wirkendem 
Zünder. — Sollte man so etwas trotz der Kleinheit der Geschosse beab- 
sichtigen, so packe man diese Spezialmunition in eine gesonderte Kolonne, 
die mit der Munition der schweren Artillerie des Feldheeres marschiert. 
Entwickelt sich die Bewegung zum Stellungskriege, so hat man dann immer 
noch Zeit, den besonderen Schiefsbedarf beranzuholen. Die Franzosen 
haben dieses Geschofs in diesen Tagen abgeschafft. 

Zur ünterstfltzung unserer Granate für die Feldkanone kann man die 
besprochenen Wünsche nicht ins Treffen führen. 



Digitized by Google 




40 



Artillerie and Infanterie. 



omherliegenden BrennztUidern ablieet (Eriahrnngen des rnssiscb- 
japaniBcben Krieges), aof welcben EotfemangeD der Gegner eigentlich 
sobols. Dies zu wissen kann nUtolich sein. 

So gebt es also nicht nnd die Infanterie, die mit ihrem Angrift 
den günstigen Aasgang des Artilleriekaropfes abwarten wollte, konnte 
lange warten. 

Meiner Anffassong nach wird man jetzt, wie früher, fUr die 
verfügbaren Räume entsprechende Artillerie bereitstellen.') Von 
dieser würden an besonders günstigen Stellen Batterien anf die 
Laaer gelegt, bei ihnen eine genügende Mnnitionsmenge unmittelbar 
bereit gestellt and Pferde nsw. soweit znrückgenommen, dals sie 
einmal vom suchenden Gegner nicht gefalst werden können, ander- 
seits die Wege- nnd Geländestreifen freihalten, welche dem Verkehr 
gleichlaufend hinter der Feuerlinie — dienen können. 

An Stellen, die ein Abflielsen nach allen Richtungen gestatten, 
wird ein weiterer Teil der Artillerie auigeprotzt zurückhalten, bereit, 
dortbin zu eilen, wo das beginnende Gefecht ihre wirksamste Tätig- 
keit sichert. Ein dritter Teil der Artillerie erhält den Auftrag, zur 
Unterstützung des Vorgebens der Infanterie den Angrifi derselben 
von Anbeginn an zu begleiten. 

Die leichten Feldhaubitzen und die schwere Artillerie des Feld- 
heeres, die unter gemeinsamem Kommando stehen, werden der 
Kolonne angegliedert, welche auf die Einbruchsstelle angesetzt ist, 
vorausgesetzt, dals sich diese Klarheit schon vor Beginn des Ge- 
fechtes hat gewinnen lassen. 

Der Artilleriekampf, wenn von demselben in dem früheren 
Sinne noch die Rede sein darf, wird sich allmählich nacheinander 
zu seiner vollen Höhe hin entwickeln. Das Signal dazu wird die 
Wafie geben, die immer nnd immer die Hauptlast des Kampfes zu 
tragen haben wird, die Infanterie! 

Wohl werden die auf die Lauer gelegten Batterien versuchen, 
unter Ausnutzung der ganzen Schulsweite: Kolonnen des Gegners zn 



>) Schon im Jahre 1870 langten oft die verfOgbaren Räume nicht für 
die Zahl der verwendungsbereiten Kanonen: Wörth! Gunstetter Höben! 
Die Katastrophe der beiden Batterien des VII. Korps in der St. Huberts- 
Schlucht erklärt sich aus dem Raummangel fOr diese Batterien bei Gravelotte 
selbst. Damals führten die Armeekorps etwa die Hälfte der jetzt vor- 
handenen Geschütze mit. Allerdings gestattet das Schutzschildgeschütz ein 
Aufstellen mit geringeren Zwischenräumen, ohne dadurch die Befürchtung 
zu wecken, daCs auf diese Weise die Gefechtskraft rasch verbraucht 
werden könnte. 



Digitized by Google 



Artillerie und Infanterie. 



41 



iasaen nod sich nicht sohenen, zn dieflem Zweck ein aaereichendes 
HonitioDBqDaDtom einznsetzen. Kurz! diese Batterien werden bereit 
sein, jede Unrorsicbtigkeit des Gegners, auch seitens der von ihm 
anf der Laaer befindlichen Artillerie (and diese Unvorsichtigkeiten 
werden sich nie ganz vermeiden lassen) dnrch einen Feaerttberfall 
empfindlich za strafen. 

So werden die znr Entscheidnng heranrttckenden Kolonnen 
schon im Anmarsch vernehmen, wie einzelne der vorgeeilten Batte- 
rien plötzlich das Feuer beginnen, dasselbe rasch za antsergewOhn- 
licher Heftigkeit steigern, dann nach kurzer Weile wieder ver- 
stammen, am an anderer Stelle dieselbe Erscheinnng hervortreten za 
lassen. 

Diejenigen Batterien, welche znm Feaern am ein Geringes ans 
der Deckung beraastreten mal'sten, verschwinden in derselben sofort, 
sowie das Verschwinden des Ziels das eigene Feuer einstellen 
lälst. 

Erst wenn die Infanterie beginnt, ihr Feaer gegen den Feind 
vorzntragen, ändert sich das Bild. Früher genügte es, wenn man 
den Gegner znm Zeigen seiner Kräfte veranlassen wollte, dafs man 
die Artillerie auffabren liels: Ihre Wirkung erzwang Beachtung: 
der Gegner mufste seine Kräfte in der Abwehr zeigen. Das 
Scbatzschild hat auch das gegenüber der feindlichen Artillerie ge- 
ändert. 

Die gegnerische Infanterie wird auch in den künftigen 
Schlachten kaum in der Weise erkennbar sein, wie sie das durch 
ihre Uniform bisher war and bei ans leider noch ist. Aach sie, 
im modernen Gewände, wird erst auf weiteren Entfemangen er- 
kennbar sein, wenn sie der Angriff znm Siebzeigen und Feuern 
zwingt Bis zn diesem Zeitpunkte wird die Leere des Schlacht- 
feldes den Versneb Logen strafen, durch Feuern der eigenen Artillerie 
den Gegner znm Zeigen seiner Kräfte zn zwingen. 

Nicht abwarten, sondern hervorrnfen wird die Infanterie die 
Tätigkeit der Artillerie. 

Sowie die gegneriseben Inianterien zn feaern beginnen 
werden die auf beiden Seiten auf der Laaer liegenden Batterien zu- 
nächst soeben, die feindliche Infanterie frontal, oder wo es die Ver- 
hältnisse gestatten, aas schräger Richtang zn fassen. Sie werden 
dadurch einen Teil ihrer Deckung im Gelände anfzngeben ge- 
zwungen sein. Dals sie dadurch der gegnerischen Artillerie die Mög- 
lichkeit bieten wird, im Aufschlagfeuer von dieser niedergekämpft zu 
werden — nur gegen Anfschlaggeschosse = Vollgeschosse, bietet 



Digiiized by Google 




42 



ArtiUerie and Infanterie. 



das Schatzsobild kebe Sicherheit — mdcbte ich stark bezweiieb.') 
(Hobe Visierlbie.) 

Die Gesohtttze werden nämlich alles tan, am ihre Erkennbarkeit 
aaf weiten Entfernungen za verringern, die Möglichkeit sie mit Ge- 
ländegegenständen (Gebüschen, Haufen nsw.) zn verwechseln, zn ver- 
grölsem. 

Dazu gehört, dals an den Geschtttzen, breu Rädern, ihren 
Schilden kleine Krammen, Ösen angebracht werden, welche es er- 
möglichen, leicht and rasch an den Stücken Basohwerk, Kartoffel- 
kraut asw. festznstecken, lediglich za dem Zweck, dals durch diese 
Anhängsel die scharfen Linien unterbrochen werden, welche — wie 
jeder Artillerist weils — das Erkennen von Geschützen, das Unter- 
scheiden derselben von Erdhaufen nsw. anf weite Entfernungen oft 
allein ermöglicht. Besonders die obere scharfe Scbildkante ist 
verräterisch. 

Dagegen spricht auch noch der Umstand, dals alle Artillerien 
jetzt bemüht sind und darin bald Erfolg haben werden, die Mündungs- 
fener ihrer Geschütze zu verringern, um durch den Fortfall der Feuer- 
blitze das Erkennen und Festhalten der Stelle zu erschweren, wo 
das feuernde Stück steht. 

Dann sprechen die Scbielsverfahren dagegen, die eb genaues 
Ebgabeln voraussetzen. Zuletzt noch die Strenungsverhältnisse der 
Geschosse selbst. Dennoch will ich nicht in Abrede stellen, dals 
sehr hoch anftretende Batterien, die sehr deutlich sichtbar sind, ihre 
eigene Unvorsichtigkeit mit dem AufhOren ihrer Existenz bezahlen 
können. Ein Niederringen der Feuerkraft der gesamten (gegnerischen) 
Artillerie wird ein solcher Einzeierfolg nicht als Ergebnis haben 
können! Er zwingt nur zu grOIserer Vorsicht b der Answahl der 
Stellung selbst. 



>) Bei der Auswahl einer Batteriestellung wird man versuchen, sich 
so aufzustellen, dafs man gegen Schräg- und Flankenfeuer Schutz findet 
oder doch wenigstens Deckung gegen Sicht von dorther gewinnt, weil 
man im allgemeinen im Gefechte doch nur dorthin schielst, wo man etwas 
sieht. Anstatt Höhenkämme werden Halden, Sattel, Waldlichtungen bevor- 
zugt werden. Diese SorgeJ wird um so mehr hervortreten, je mehr sich 
die suchenden Batterien am Ende einer ArtiUerielinie befinden. 

(Schlafs folgt.) 



Digilized by Googl 




Der InfanterieiDf^rifi im Liebte de« Japanlsch-RosiischeD Kriege«. 43 



IV. 

Der Infanterieangrift 

im Lichte des Japanisch-Russischen Krieges. 

Von 

Freiherr v. d. Gölte, 

Generalmajor und Kommandenr der 9. Infanterie-Brigade. 



Unter diesem Titel') ist ein Bnch erschienen, Uber welches mein 
Urteil kurz and bttndig lautet: ein ganz vortreffliches Werk, weitaus 
das beste von allem, was ich an Geschriebenem Uber den Russisch- 
Japanischen Krieg gelesen habe! 

Gründliches Studium aller bisher vorhandenen Quellen bei 
richtiger, ruhiger Würdigung ihres jeweiligen Wertes und eigene, 
klare Anschannngen haben dem Verfasser eine Übersicht Uber den 
Krieg und was seine Nutzanwendung fUr europäische Heere anbetrifit, 
gewinnen lassen, die das Buch zu einem ebenso lehrreichen wie 
interessanten Werke macht Alle Faktoren des Krieges sind in 
hervorragend klarer Weise berücksichtigt. Mustergültig ist alles, 
was er Uber das Wesen des Angriffs sagt; mustergültig die Lehren, 
die er ans dem Verhalten der Kassen, wie der Japaner gezogen. 
Eine Fülle höchst beachtenswerter Lehren bergen die Abschnitte Uber 
die Bedentung der Zahl (8. 16 — 17), dieBreitenausdehnung (8. 18 — 20), 
den Einfluls der Offiziere (8. 32), Uber die Erkundung zum Gefecht 
im Gefecht usw. 

Um die Nützlichkeit dieses Buches zu begründen, möchte ich 
den Inhalt desselben kurz wiedergeben. 

Nur deijenige verdient den Sieg, sagt Generaloberst Graf 
V. Scblieffen, der die grölsten Anstrengungen macht und alles auf- 
bietet, ihn zu erringen. Das klingt selbstredend, und jeder wird 
dem zustimroen. Es fragt sich nur, ob man sich von den An- 
strengungen, die zu machen sind, und von alledem, was man anf- 
bieten muls, auch den richtigen, umfassenden Begriff macht Der 
gute Wille, die Treue und Tapferkeit, der Mut und die Todes- 
verachtung allein genUgen da nicht; der Sieg resultiert noch ans 



') Der Infanterieangrift im Lickte de« Japanisch-Russischen Krieges 
von Aladär Knebel, Ritter von Treuenschwert. Wien 1906. L. W. Seidel 
dt Sohn. 2,40 Mk. 



Digitized by Google 




44 Der InfaaterieangriS im Licht« des Japiniseb-EassisobeD Krieges. 

andereo Faktoren. Da sprechen mit Fllbmng, Örtlichkeit, Waffen, 
Kampfesweise ; anlaerdem aber anch die suggestive Gewalt des 
Miliens, von Persönlichkeiten, Ideen, moralische Reflexe nnd physische 
Nachwirkungen vorangegangener Ereignisse, komplizierte psycho- 
logische, physiologische nnd physische Vorgänge aller Art, deren Ge- 
setze uns wenig bekannt sind. Es ist daher anch nach einem Er- 
folge sehr schwer zn erkennen, in welcher Weise ans den einzelnen 
effektiven nnd latenten Kräften der Kampf- nnd in weiterem Ver- 
folge der Scblacbtenerfolg sich ergeben hat. Das erfordert eine ge- 
wisse Reserve des Urteils, die Verfasser anch für sich mit voller 
Absicht in Anspruch nimmt, zumal das Unbekanntsein von Details, 
die grolse Entfernung nnd Verschiedenheit des ostaslatischen Elriegs- 
schanplatzes von dem enropäiscben nnd die den freien Blick noch 
beeinträchtigende zeitliche Nähe der Ereignisse natorgemäis znr Be- 
schränkung mahnt. 

Der rnssische Angriff war namentlich anfänglich ein In- 
fanteriemassenstofs mit grolser Tiefe nnd nnznlänglicber Breite. Da 
beim sprnngweisen Vorgehen die Fenereröffnnng in der vorderen 
Stellung meist als Signal fttr den unverzüglichen Beginn der Vor- 
wärtsbewegung der zurückgebliebenen Schwarmlinie diente, so war 
bei diesem rollenden Normalangriffe die Zeit für die Fenerwirknng 
der ohnehin schwach bemessenen Schützenlinie eine dnrcbans nnzn- 
reicbende. Doch das Fener sollte ja anch nnr — wie wir solches 
noch so oft auf unseren Ubnngsfeldern sehen nnd leider auch noch 
in den Zeilen unserer Schriftsteller zuweilen lesen — eine Vor- 
bereitung des Anlanfs, d. i. des unmittelbaren, nnnnterbrochenen 
Vorgehens anf den Femd, sein. Natnrgemäfs schlag das japanische 
Fener solchen Angriff zusammen, bevor er die nach russischem 
Reglement anf 400 m zn suchende Hanptfenerstellnng überhaupt 
erreicht hatte. Massenangriffe sind bentzntage nnzeitgemäfs, Angriffs- 
massen — selbst verdeckt anfgestellt — Fenerüberfällen, insbesondere 
durch die Artillerie (event. Bogenschnfs), in höchst gefährlicher Weise 
ansgesetzt. 

Der rnssische Normalangriff, nur anf der freien Ebene vorgettbt, 
scheiterte schon in sich, sobald das Gelände nicht frei war; so wird 
es jeder Truppe ergehen, die nnr Besichtignngsangriffe anf ebenen 
Exerzierplätzen übt nnd ihn nnr ausnahmsweise im bedeckten Ge- 
lände durchführt Eine gewandte Infanterie mnfs es verstehen, in 
jedem Gelände geschickt anzngreifen; das schützende, znm Teil be- 
deckte Gelände soll aber vornehmlich ihre Domäne sein, da der An- 
greifer in ihm am leichtesten seine FenerkraR an den Verteidiger 
heranbringen nnd verwerten kann. Und hierauf kommt es doch vor 



Digitized by Google 



Der InfuterieMigrifl im Liebte des Japanisob-Rattisehen Krieges. 45 

allem an. Also übe man das am häafigsten, was das Wertvollste 
and das am häufigsten Vorkommende ist! 

Partielle Gegenaogrifte ans der Front haben zuweilen scbbne, 
lokale Erfolge erzielt, meistens aber führten sie zu einer langsamen 
Verzehrung dieser Kräfte, ohne eine durchgreifende Entscheidung zu 
bringen. Die Wirkung des Gegenangrifls liegt auf moralischem Ge- 
biete. Da tritt selbst die ungünstige Form in den Hintergrund. Der 
erschöpfte Angreifer kann ja noch im letzten Momente geworfen 
werden, namentlich wenn er ohne Schnfs 200 m lang, Fignrscheiben 
ohne Zwischenraum zeigend, seinen Sturm nach alter Friedensgewohn- 
heit unternehmen sollte. Wir wissen, dafs die Vorbedingung des 
Sturmerfolges unbedingt der Feuererfolg ist. Diesen richtig zu be- 
urteilen, zu erkennen, ist die grofse Kunst, die praktisch im Frieden 
nicht erlernt werden kann, mit der wir uns aber theoretisch so ver- 
traut wie möglich machen müssen. Immerhin wird es oft sich er- 
eignen können, dafs man den Feuererfolg nicht genau feststellen kann 
und vielleicht zu üHh zum Sturm übergeht, dann muls die Truppe 
gelernt haben, anstatt sinnlos in ihr Verderben zu rennen, sogleich, 
und sei es auch auf nächste Entfernung, wieder zum Fenerkampf 
ttberzugehen. Auch die Russen kamen später zu der Erkenntnis 
des wahren Wesens des Kampfes, aber zu spät: Rückständigkeiten 
der Friedensansbildung lassen sich nicht auf Befehl abstreifen. Wenn 
zwei tapfere Gegner aufeinanderstolsen, wird es scbliefslicb zum 
Kampf mit der blanken Waffe kommen. Es erscheint daher geboten, 
den Mann in der gewandten Führung seines Bajonetts ausznbilden, 
aber der Ausgang auch dieses Kampfes Brust an Brust wird wesent- 
lich beeinflnist sein durch den vorhergegangenen Feuererfolg. Es 
sei an dieser Stelle erwähnt, dafs die Russen ans den Erfahrungen 
des Krieges manche gute Lehre für ihre Friedensansbildung ge- 
wonnen haben: die Sprünge der Schützenlinie sind nnregelmäfsig, 
überraschend und wechselnd in der Stilrke der springenden Abteilungen 
ausznführen; im starken Feuer sogar einzeln oder kriechend. Das 
Feuer ist bis zum Bajonettkampf nicht zu unterbrechen. Die Re- 
serven haben das Gelände in derselben Weise auszunntzen wie die 
Schützen. Sämtliche Glieder der Gefechtsformation haben von den 
flüchtigen Erddeckungen den ausgiebigsten Gebrauch zu machen. 

Nur einen wichtigen Punkt dieser Ministerialbestimmungen mnfs 
ich noch hinzufügen, der zeigt, dafs das „Wesen des Kampfes“ den 
Russen auch jetzt noch nicht vollkommen klar geworden ist. Dieser 
lautet: Auf grOfsere Entfernung vom Gegner sind keine dichten 
Sehwarmlinien zu bilden, da schon wenig Plänkler mit dem Repetier- 
gewehr ein starkes Feuer zu unterhalten vermögen. Dieses Rudiment 



Digitized by Google 




46 loianterieangriff im Uohte des Japanisoh-Kassisoben Krieges. 



des ttberlebteo „BoreDangriffs“ ist oatttrlicb mit dem Grundsatz der 
heutigen Taktik „Fenererfolg schafit Kampferfolg“ nicht vereinbar. 
Will man Verlnsten entgehen, mag die Halsregel zweckentsprechend 
sein, eine Fenerwirknng dagegen werden diese Plänkler niemals er- 
zielen; sie sind eine schützende nnd beobachtende Vorkette, niemals 
aber eine Nützlichkeit für den zn nnternehmenden Angriff. 

Znsam menfassend sagt Verfasser aofserordentiich treffend : „Die 
mangelnde Anfklämng and Sichemng, die schematisierende Normal- 
taktik, die Gewohnheit der höheren Kommandanten, mit Kompagnien 
nnd Bataillonen zu verfflgen and sich mit Kleinigkeiten zn befassen, 
wobei sie ihre Regimenter and Divisionen vergafsen; die meist 
passive Abwehr von Umfassungen durch Defensivhaken, nnr selten 
durch den Gegenangriff gestaffelter Reserven; der Mangel des Ein- 
klanges, indem die Vorgesetzten ttber die Vorfallenheiten bei denen 
ihnen ontergeordneten Einheiten nicht hinlänglich orientiert waren, 
die Unterkommandanten aber infolge unzureichender Orientiernng 
oder nnzareichenden Verständnisses etc. nicht stets in den Intentionen 
der Vorgesetzten handelten, die Verbindung der Gruppen nnter- 
einander oft in sträflicher Weise verloren ging; die gleichgtütige, 
mechanische, passive und sorglose Tätigkeit im Dienste, welche sich 
in den Anordnungen der Führung oft ebenso wie in der gedanken- 
losen Fenerarbeit des einfachen Soldaten äufserte; der Mangel eines 
Angriffsgeistes, welcher der innersten Überzengung entspringt, der 
Selbsttätigkeit und des Anpassungsvermögens; die Ursache dessen, 
dafs sehr Viele ihren Wirkungskreis nicht anszafUllen vermochten: 
eie erklären sich alle daraus, dafs der echte, von der Begeisterung 
getragene kriegerische Geist, die echte Kriegsmoral im Heere teil- 
weise fehlte, dafs die Friedenserziebnng teils unzureichend war, teils 
in dem DriU verflachte. Der Drill allein wird auch in Zukunft 
auf allen Linien versagen. Er ist nur ein Mittel der Er- 
ziehung, kann letztere aber nie ganz ersetzen. Was ntttzt es, 
wenn die Vorschriften, wie auch die rassischen, den Angriff als die 
wirksamste Kampfesform verkünden, im Frieden jedoch versäumt 
wurde, den Trappen das Selbstvertrauen, den echten Angriffsgeist io 
die Seele zn impfen?“ 

Aus dieser kurzen Beurteilung des russischen Angriffs mögen 
wir uns folgendes merken: 

Vermeiden mttssen wir: 

Einen Massenstofs mit grofser Tiefe und nnzulänglicber Breite 
auszufUhren. 

Unser Feuer im Angriff nur aufzufassen als eine Vorbereitung 
für das unmittelbare, ununterbrochene Vorgehen auf den Feind. 



Digitized by Google 



D«r Infanterieu^S Im liebte des Jspaniseh-RassisobeD Krieges. 47 

Neben Massenangriffen auch die Bereitstellung von Angrifls- 
massen. 

Lernen müssen wir: 

Der Drill allein versagt immer, wie er das stets getan bat 

Ans der Marschkolonne folgt die Entfaltung, ans dieser die 
Schwarmentwickelnng. 

Alle anderen Exerzierformen des Reglements sind Vorübungen 
für den Paradeteil. 

Besichtignngsangriffe, die anf Kavalleriereitplätzen oder Artillerie- 
scbiefsplätzen klappen mOgen, scheitern im Gelände, denn sie sind 
in ihrer Gesamtheit doch nnr modifizierte Normalangriffe. 

Das Feuer muls den Angriff bis zum Bajonettkampf tragen. 

Bajonettfechten kräftigt den Entschlnls znm Sturm. 

Partielle Vorstölse ans der Front gegen den Angreifer führen 
meistens nicht zu dem erhofften dnrobsoblagenden Erfolg. 

Dünne Schützenlinien auf weite Entfernungen haben keinen 
Angriffswert, da sie keine Feuerwirkung haben und einer unnützen, 
allzufrüben Mischung der Verbände Vorschub leisten. 

Der japanische Angriff, begründet durch ein vortreffliches 
Erziebnngssystem nnd elastische Reglementsbestimmnngen, kenn- 
zeichnet sich als ein Kampfakt, welcher die flüchtigen Formen und 
das freie Verfahren einer anf der Höhe der Situation stehenden 
Kampftecbnik zweckbewolst sich dienstbar macht. 

Seine Hanptelemente sind: der unaufhaltsame Drang nach 
vorwärts, ein zähes, gezieltes, womöglich konzentrisches Massen- 
feuer, die intensivste Ausnntznog des Geländes, erforderlichenfalls 
Schaffung von Deckungen, Ausnutzung von Dämmerung nnd Nacht, 
Täuschung nnd Überraschung des Gegners, strengste Geheimhaltung 
aller Mafsregeln, Umfassung, gründliche Aufklärung; zähes, langes 
lüngen um die Feuerüberlegenheit, Herantragen des Feuers bis auf 
nächste Entfernungen, dann ein rücksichtsloser Sturm. 

Dazu kommen noch folgende Punkte, die hier Erwähnung finden 
mOgen : Die Zähigkeit der Japaner, die bei Rückschlägen nicht einen 
Schritt mehr Boden preisgaben, als sie unbedingt mnlsten, bat zu 
ihren glänzenden Erfolgen gewifs sehr viel beigetragen. 

Ans FriedensrOcksicbten pflegen wir bei unseren Übungen den 
abgeschlagenen Angriff anders zur Anschauung zu bringen! Decknngs- 
los. im Schritt, ohne einen Scbufs zu tun, geben die geschlossenen 
Abteilungen und Scbützenmassen zurück, während der Gegner sein 
Massenfeuer ruhig auf nächste Nähe in die wehrlosen Haufen 
schlendert Manche werden solch sicheres, mbiges Znrückweichen 
für trotzig scbOn, alle aber müssen es für sinnlos halten. Schon 



Digitized by Google 




48 Infinterieangriff im Liobte des Japanlseb-Rossisoheii Krieges. 

das feindliche Feuer zwing;t dazu, den allernächsten Geländeabechnitt 
znm Frontmachen and znr Wiederanfinahme des Feuers za benatzen. 
Es handelt sich am einen Sprang rückwärts — aber nicht nm das 
Fortwerfen aller Erfolgsaassichten. 

Die vollkommenste Ansnatznng des Geländes and eine bis ins 
Kleinste hinein den GeSetzen der Mimikry entsprechende Uniformierong 
stellen die Gefecbtsftthmng des Verteidigers vor eine sehr schwierige 
Aufgabe. Mehr denn je wird sie bei Benrteilnng der Stärke, Ver- 
teilung und Gmppierong der Angriffskräite sich auf ihr Ahnangs- 
vermdgen verlassen sehen. Die möglichst unsichtbare Annähemng 
wird somit za einem hervorragenden Schutzmittel für den An- 
greifer. 

Wie alle kriegerischen Handlangen der Japaner, so waren auch 
ihre Angriffe meist wohlüberlegt and systematisch; es wurde hierbei 
mit fast Übermenschlicher Zähigkeit unter Sicherung des getmien and 
peinlicher Vorbereitung des nächsten Schrittes langsam und sicher 
Kaam gewonnen. 

Gewils lassen sich namentlich im Bewegnogskriege Fälle denken, 
in denen es an Zeit für die langsame DarchfUbrnng eines Angriffs 
gebricht and in welchen die fehlende Zeit durch die Schnelligkeit 
der Bewegungen ersetzt werden mals, in der groben Frontalsohlacht 
dagegen wird das Verfahren der Japaner doch als das sichere, also 
richtigere zn bezeichnen sein müssen. 

Der Hanptgmnd der japanischen Angriffserfolge liegt aber wohl 
in der todesfrendigen Entschlossenheit und dem hohen Pflicbtbewabt- 
sein aller. 

Sein freudiger, stets bereiter Wille, für das Vaterland za sterben, 
erhebt den Wert des Japaners als Soldat weit Uber den unserer 
westlichen Kaitanölker. Anlser seinem Patriotismns and seinem 
starken NationalgefObl kommt hinzu die einheimische Religion, die 
lehrt, dafs Japan das Land der Götter sei, die weit- and lebens- 
veracbtende Lehre des Buddhismus, der starke opferfreudige, ererbte 
Fendalgeist, die Begebternng für alles Kriegerische and die Be- 
wunderung persönlichen Mntes. So vereinigen sich bei ihm im 
Patriotbmns politische, religiöse, soziale and persönliche, bei ans 
mehr oder weniger voneinander nnabbängige Faktoren and begebtem 
ihn zu Taten, welche die Bewunderung der ganzen Welt erregen. 

Eis wird unsere Hauptaufgabe sein, bei der Ansbildang unserer 
Rekrnten zu kriegsbraachbaren Soldaten darch fortgesetzte Belehrnng 
das Verständnis für obige Auffassung zu wecken und zu fördern und 
auf solche Webe ihren kriegerbchen Manneswert zu heben. Haben 
wir dieses Ziel erreicht, dann erst wird in den vielen Lagen der 



Digitized by Google 




Der laianterieaogriS im Liebte de« Japaniseb-RuMisohea Krieges. 49 

modernen Schlacht, in denen das Kommandowort versagt, das Vorbild 
der Offiziere nnsere Lente sn Heldentaten fortreilsen, ohne die eiq 
Erfolg nicht zo erringen sein wird. 

Die Angriffe der Japaner, auf die wir jetzt nicht näher eingehen 
können, bestätigen folgende Lehren: 

Staffelangriffe, bei denen der Erfolg der Flttgelgmppe erst 
das Zeichen fOr das Vorrtlcken der Nacbbarkolonnen sein soll, ge> 
hören zn den halben Malsregeln, die vielleicht einen Teilerfolg, meistens 
aber einen Teilmifserfolg zeitigen, denen der Gesamtmilserfolg anf 
dem Fnlse folgt. 

Dnrchbrucbsversnche führen meist zn ergebnislosem Ans- 
ringen der Kräfte. 

Reine Frontalangriffe stocken gewöhnlich anf einer gewissen 
Distanz, ohne jedoch durch das Verteidignngsiener in eine rück- 
gängige Bewegung zn geraten. Die Kräfte halten sich dann das 
Gleichgewicht, and wer sich znm Angriff erhebt, wird schnell dnrcb 
Feaer uiedergezwangen. Die abstolsende Kraft der Schwarmlinien 
in der Front vermag selbst weit überlegenen Kräften Halt zn ge- 
bieten. 

Umfassungen mit geringen Kräften erscheinen ebenfalls 
als aussichtslose halbe Mafsregeln. 

„Dort aber, wo es gelang, gegen Flanken and Kücken des 
auch frontal hartnäckig angegriffenen Feindes von seitwärts her mit 
einer starken Groppe vorzngeben, dort war der Siegespreis am 
höchsten.“ 

Alle diese Regeln befolgten die grolsen Feldherren früherer 
Zeiten auch; etwas neues lag also in der Angriffsführnng der 
Japaner nicht. Ihr grofses Verdienst liegt nnr darin, dafs sie es 
verstanden. Kampfform und Kampfverfahren der modernen Waffen- 
wirknng and den konkreten Lagen anznpassen. 

Die Umfassung bot selbst da, wo der Kampf sich auch für 
diese allgemein frontal gestaltete, öfter die Gelegenheit zn konzen- 
trischer Waffenwirkung, sie traf meistens auf einen weniger sorg- 
fältig oder gar nicht eingerichteten Gegner nnd hatte das moralische Über- 
gewicht anf ihrer Seite. Am einfachsten ergab sie sich, wie bei 
Ljaojang, ans dem breiten Anmarsch mehrerer Kolonnen. Jede 
Kolonne griff ihren Gegner nachhaltig an, ohne die Rücksicht anf 
die allgemeine Lage nnd die Nebenkolonnen ans dem Auge zn ver- 
lieren. So wurde der Verteidiger anf allen Paukten gefalst, über 
die eigenen Absichten im Unklaren gelassen, die geistigen and 
seelischen Vorzüge der eigenen Armee aber wurden voll entfaltet. 

Die Ortschaften werden, trotz der bedeutend erhöhten Zer- 

Jskrb&ok«r ffir di« d«at«ob« Ame« and Marine. No. 424. t 



Digitized by Google 




50 InfuiterieangrlS im Uoht« des Japanigoh-Rnaslseben Kriege«. 

«tOrnogskraft moderner Waffen, auch ktlnitighin Brennpunkte des 6e- 
.lecbts bleiben, namentlicb wenn sie bei günstiger Lage, massiver 
Banart. oder wenn sie ein schweres Ziel der Artillerie bieten, mit 
Masken, Hindernissen, Absobnitten, Rednits versehen nnd durch einen 
entschlossenen, wenn anch an Zahl schwachen Gegner verteidigt 
werden. Bei einem Angriff anf Örtlichkeiten hat die Artillerie den 
Stnrm gründlich vorznbereiten. Steilfeuer kann hierbei gnte Dienste 
leisten. Nach dem Eindringen in die Ortschaft ist schnelles Duroh- 
dringen znm gegenseitigen Rand anznstreben, dessen Verteidigungs- 
instandsetznng sofort nach Wegnahme zn erfolgen hat. 

Die Bedentnng der Zahl hat namentlich im strategischen 
Sinne ihren Wert gegen früher nicht geändert. Im Kampfe haben 
freilich des öfteren schwächere Angreifer den nnmeriscb stärkeren 
'Verteidiger überwunden, allerdings nnr dann, wenn die Truppen des 
schwächeren Angreifers, ihren Gegner in den moralischen Qualitäten, 
sowie in der Ausbildung überlegen waren. Ans diesem Gmnde 
haben auch die Japaner ohne über namhafte Überlegenheit zn ver- 
fügen, ja oft selbst trotz geringerer Stärke die abstofsende Kraft 
starker mssischer Verteidignngsstellnngen überwunden. Damit wird 
wohl allen Scbwarzsebem, welche angesichts der nenzeitlichen Feuer- 
kraft die Durchführbarkeit des Angriffs an eine bedeutende Über- 
macht sowie besondere Geländeverhältnisse knüpfen, der Beweis des 
Gegenteils erbracht. Doch — wir wiederholen es noch einmal — 
werden solche Erfolge nnr dann möglich sein, wenn dem schwächeren 
Angreifer die stärkeren moralischen Kräfte unbedingt zur Seite 
stehen. 

Eine sehr grofse Breite bei nnr geringer Tiefe ist für die 
japanischen Angriffe geradezu typisch. Die grofsen Ausdehnungen 
ergaben sich ans dem Bestreben, schon von Hans ans ein starkes 
Feuer zn entfalten nnd keine überflüssigen Gescbolsfänge der 
Scbwarmlinie folgen zn lassen. Die durch solches Verfahren not- 
wendigerweise entstandene Mischung der Verbände wird nnr dann 
ohne Nachteil für den Verlauf des Kampfes sein, wenn jeder ein- 
zelne auf der höchsten Höbe der Gefechtsausbildung steht Die 
numerischen Verhältnisse sowie die Absicht der Japaner, wenigstens 
anf einem Flügel, möglichst aber auf beiden umfassend anzugreifen, 
zwang sie in der Front Truppen zn sparen. Hierdurch begründen 
sich anch die wiederholten schweren Krisen, welche die Angriffs- 
truppen überstehen mnfsten und welche langwierige Kämpfe unver- 
meidlich machten. Es mnls damit gerechnet werden, dals in der 
Zukunft die breiten Ausdehnungen des Angreifers, behufs Aus- 
nutzung der eigenen nnd Abschwäcbung der feindlichen Waffen 



Digitized by Google 



Der lofaoterieuigrtff im Lichte des Jspanisoh-Bauisohen Krieges. 51 

Wirkung, weitaus gröbere sein werden, als die in europttbchen 
Kriegen bisher mebt Üblichen. Die Beschränkung der Breite liegt 
aber in der Forderung derartiger Tiefengliederung, dab durch sie 
der Kampf bis zum Schlosse ausreichend genährt werden kann. 

Die Dauer der Gefechte und Schlachten im fernen Osten 
war durchaus keine so ttbennäbige, ab es bei oberflächlicher Be- 
trachtung den Anschein bat. Die Schlacht bei Ljaojang, am Sc&abo 
und bei Hnckden umfassen eine Gruppe von Begebenheiten, wie 
etwa die Schlachten bei Hetz, Orleans oder le Hans. Überdies war 
der Angriff auf starke Stellungen stete langwierig. Bekannt ist, 
und den Fanatikern besonders lehrreich, dab alle Frontalkämpfe Zeit 
brauchen, dabei blutig und doch wenig entscheidend sind. Sie ge- 
langen bald auf einen toten Punkt, und das Ansbalancieren der 
Kräfte lange Zeit hindurch wird geradezu eine typbche Erscheinung- 
Oie Umfassung führt die Entscheidung herbei. Wo sie aber nicht das 
Ergebnb der Operation, sondern eine Verschiebung während der Schlacht 
bt, dort verstreicht beträchtliche Zeit, bis sie wirksam werden kann; 
sie mnfs auch einen gesteigerten Widerstand überwinden, weil der 
Verteidiger genügend Zeit hatte, ihr eine neue Front entgegen zu 
stellen. Eine wirksame Umfassung mnb daher von der Führung 
angesetzt sein, mit genüg;ender Kraft, und weit genug von der 
Front entfernt. 

Auch das sehr systematische Vorgehen der Japaner, ihre 
Kekognoszierungeu, sorgfältig dnrchgeführte Einleitnngskämpfe, 
schlieblich die volle Passivität der Hussen haben zur Verlängerung 
der Kämpfe beigetragen, ln einem enropäbchen Bewegungskriege 
dürften sich die Angrifie in vielen Fällen rascher entscheiden, als 
dies im Kriege 1904/05 der Fall war, der doch den Charakter des 
Positionskrieges batte. Immerhin wird ein abgekürztes Verfahren 
nur unter besonderen Umständen gerechtfertigt sein. Rasch dnrcb- 
geführte Freifeldangriffe erwiesen sich selbst bei bedeutender ArtUlerie- 
und Infanterieüberlegenheit in Ostasien sehr blutig. Am 11. Oktober 
1904 griff eine japanische Brigade den Tempelbügel an, der von 
fl flüchtig eingegrabenen russbchen Kompagnien besetzt war; 
9 japanisobe Batterien bekämpften die 4 russischen, deren Fener- 
erfolg bald sehr minimal wurde. Die Japaner eröffneten auf etwa 
1200 Schritt das Feuer und stürzten dann sprungweise vor. Die 
folgenden Linien gingen auch in aufgelöster Ordnung sprungweise 
nach. Schlieblich rannte die Brigade wie ein einziger, breiter und 
tiefer Scbützenscbwarm in die feindliche Stellung hinein, die schon 
lange vor dem Sturm von den Russen geräumt war. Trotz dieses 
Umstandes, ferner, obgleich die Russen ziemlich schlecht schossen, 



Digiiized by Google 




52 Infanterieang^rifi im Uchte des Japanisch Rnssiheben Kriegpes. 

die Geschosse, insbesondere Brisanzgranaten der japanischen Artillerie 
aal die mssiscbe Stellnng förmlich niederhagelten, waren die Ver- 
loste der Japaner sehr bedeutend. Einem besser dnrchgebildeten 
Gegner gegenüber hätte ein gleiches Verfahren keinen Erfolg ge- 
zeitigt. Friedensangrifife, die unter völliger Milsachtung der Zeit, 
des Baumes und der Erälte Falsches lehren, bergen die grofse Ge- 
fahr in sich, dals man im Kriege grofsen Enttänschnngen entgegen- 
gehen und nur allzaleicbt in eine vom Gegner gestellte Falle zum 
sicheren Schaden des Ganzen hineinfallen wird. Sind wir aber 
überzeugt von der Unmöglichkeit ihrer Durchführung und bringen 
sie dennoch in unseren Friedenskämpfen grundsätzlich zur Anschauung, 
so bandeln wir falsch und wider besseres Wissen; eine dritte Möglich- 
keit ist ausgeschlossen. Natürlich gibt es namentlich im Bewegungs- 
kriege Lagen, die unter dem Drucke der Zeit stehen: das sind aber 
möglichst zu vermeidende Ausnahmen. Im übrigen bleibt die Lehre 
bestehen: der Freifeldangriif gestaltet sich ira allgemeinen nm so 
blutiger. Je weniger die nötige Zeit zu seiner Durchführung den 
Truppen eingeräumt wird. Die japanischen Offiziere bezeichneten 
sogar die Gewährung der nötigen Zeit als Hauptsache. 

Die Gefechtsverlnste des Angreifers haben weder absolut 
gewonnen, noch im Vergleiche mit jenen des Verteidigers zngenommen, 
eher gilt manchmal das Gegenteil. Nur Truppen in dichten Formationen 
haben in kurzer Zeit grofse Verluste erlitten. V'on der Wirkung 
des Feuers auf den Gegner ist bei jetziger Kampfweise wenig wahr- 
zunebmen; um so mehr ist beim rauchschwachen Pulver der Mann dem 
Eindrücke preisgegeben, welchen die Verluste der eigenen Truppe 
hervorrufen. Nur durch sorgfältigste, immer wiederkehrende llbnng 
und Belehrung im Gelände kann er gegen diese Eindrücke gestählt 
werden. Diese sorgfältige Durchbildung im Gelände allein wird dem 
Manne die Widerstandskraft verleihen gegenüber den furchtbaren 
Eindrücken der modernen Schlacht; der zersetzende, nerven- 
abspannende Feuerkampf zehrt an der moralischen Kraft des Mannes, 
der nicht mehr derart kontrolliert und fortgerissen werden kann, 
wie dereinst in den festen Formen der geschlossenen Ordnung. Er 
mnls seinen Halt in dem Bewufstsein finden, dafs nicht derjenige, 
welcher die geringeren Verluste erlitten hat Sieger bleiben mufs, 
sondern vielmehr der Zähere die Partie gewinnt und der Znrück- 
gehende der Walfenwirknng in hohem Grade preisgegeben ist So 
wird die Fähigkeit, Verluste zu ertragen, von entscheidender Wichtig- 
keit für Sieg oder Niederlage. Hierdurch werden die moralischen 
Wirknngsfaktoren überall in den Vordergrund gerückt 

Der Einftnis des Offiziers ist in den lockeren Formen des 



Digitized by Googl 



Der infanterieugrifl im Llohte des J^>anisoh-RBSsisoheii Krieges. 53 

moderneo Schtttzenkampfes wohl beschränkter als früher. Er er- 
streckt sich anmittelbar nnr auf eine geringe Zahl von Leuten. 
Dennoch ist sein Beispiel für das Verhalten der Mannschaft anch 
jetzt entscheidend. Unwillkürlich sncht das Ange des Mannes in 
schweren Momenten den Offizier. Seine Znversicht and feste Haltnng 
wirken auf ihn mit überzeugender Kraft Je weniger eine Trappe 
im Frieden im Gelände gründlich dorchgebildet ist, desto mehr werden 
die Offiziere im Gefecht eingreifen müssen, um das Manko der Aus- 
bildnng zu ersetzen, desto gröfser werden aber auch die Offizier- 
verluste sein. Es ist naheliegend, dal's durch solch groben Ansfall 
an aktiven Offizieren die Führung sehr leiden wird, falls das 
militärische Niveau des Beserveoffizierkorps nicht bedentend gehoben 
wird. Es ist deshalb vollkommen berechtigt, dafs Frankreich die 
zweijährige Dienstpflicht auch auf die gebildeten Elemente aasdehnt. 
Diese Zeit ist für letztere wohl nötig, am brauchbare Führer der 
Mannschaft im Ernstfälle abzugeben. Die Kassen beförderten ge- 
eignete Unteroffiziere zu OKiziersstellvertretern. Manche Kompagnien 
wurden im Verlaufe des Feldzuges ständig durch solche kommandiert. 
Sie sollen besser entsprochen haben, als die ans Freiwilligen mit 
höherer Schulbildung bervorgegangenen Keserveoffiziere. 

Nnn seien einzelne Tätigkeiten des AngrifiTs erörtert; Der all- 
gemeinen Aufklärung muls vor Beginn des Angriffsgefechts die 
Nahanfklärnng folgen. Diese, die sich auf den Feind wie anf das 
Gelände erstreckt, ist in koupierterem Gelände durch Infanterie- 
patrouUlen, im offenen durch lose, breite Schwarmlinien ansznführen. 
Im weiteren Verlauf müssen Sioherheitstrnpps mit Artillerie, eventl. 
besondere Detachements für Durchführung dieses Zweckes angesetzt 
werden. Kavallerie vermag im oSenen Gelände, wenn sie nicht ab- 
sitzt, nnr ganz allgemeine Anhaltspunkte zu liefern. Eine Tätigkeit 
von Ballons ist sehr wünschenswert. Oft wird aber erst der Kampf 
selbst die Lage hinreichend klären. 

Diese Nabanfklärung des Feindes nnd des Geländes wurde von 
den Japanern im aUgemeinen mit grotser Sorgfalt dnrcbgefübrt. 
Sowohl die Infanterie als die Artillerie verstanden es, sich die Daten 
zn verschaffen, welche die Voranssetzung eines zielbewnfsten, plan- 
vollen Wirkens bilden. 

Beim Angriff auf vorbereitete Stellnngen gewinnt die Nah- 
anfklämng eine erhöhte Bedeutung. Unterlassungen strafen sich 
hier sehr bitter. 

Die Ausbildnng unserer Schützen in diesem wichtigen und ge- 
fährlichen Dienstzweige der Nahanfklärnng erscheint mir besonders 
wichtig und lehrreich; sie ist fraglos das Gebiet, in welchem eine 



Digiiized by Google 




54 1)01' InfanterieiDgriff im Lichte des Jtpjuiscb-Rassisoben Kriege«. 

sorgfältige Benntznog ond AosDatzang des Geländes geboten, also 
ancb zn erlernen ist. 

Bei der Annäherung an das änlsere Sobiachtfeld gingen 
die Marschkolonnen znr Entfaltung ttber und zerlegten sich, sobald 
sie das Gkbiet feindlicher Artilleriewirknng betraten, in kleine, dem 
Gelände sich anschmiegende Teiie. So entgingen sie auch bei 
Fenerttberfällen den groben Verlnsten, denen bei heutiger Schrapnell- 
wirkung grblsere Abteilungen schon anf weitere Entfernungen ans- 
gesetzt sind. 

Meistens folgten sich im Vorgeben die einzelnen Zttge der 
Kompagnien in geöffneter Linie mit 200 — 300 m Abstand und Über- 
schritten offenes Gelände in Gmppen von 5 — 10 m Zwischenraum 
zwischen den Leuten im schnellen Laufen mit Atempausen, wobei in 
der Deckung jedesmal znsammengeschlossen wurde. Die Verluste 
waren hierbei nnbedentend. Doch war diese Form dnrcbans nicht 
etwa eine Normalform; jede Form, die den Verhältnissen entsprach, 
wurde gewählt und als gleichberechtigt anerkannt. 

Dort, wo das Gelände mehr abwechslungsreich war und deckende 
Räume mit bestrichenen Flächen wechselten, wurden letztere je nach 
der Feuerwirkung in gröfseren und kleineren, mehr oder weniger 
gelockerten Gruppen meist im Laufschritt rasch passiert, wobei die 
Truppen in den Deckungen sich dann nach Möglichkeit ordneten. 
Auch hier gibt es natttrlich kein Schema; aber Gmndsate ist, mög- 
lichst lange bei sorgfältigster Ausnutzung der Deckungen, denen sich 
die fiiefsenden Formen anzuschmiegen haben, rasch und gesichert 
die Bewegung fortznsetzen, dort, wo die tiefe Marschkolonne aber 
anfgegeben werden mnls, durch Verrielfältigung der einzelnen 
Marschkolonnen die Zielverkleinemng ond Zielrerteiinng herbei- 
znftlhren. Die schmalen Marschkolonnen bilden nicht nur ein Ziel, 
welches das Einschiefsen sehr erschwert, sie kommen auch im Ge- 
lände am leichtesten fort. Geschickte Unterftthmng mnfs jedes 
starre Festhalten von Formen, Zwischenräumen und Abständen ab- 
streifen, ohne den Rahmen der Selbsttätigkeit zn überschreiten 
und den allgemeinen Zusammenhang zn verlieren. Verständnis, 
Routine und rasches Anpassungsvermögen müssen sich da die Hand 
reichen. Durch die Staffelung in verschiedener Höhe wird das 
Einschieben schon dadurch erschwert, dab sich die Beobachtungen 
beim Einschieben leicht widersprechen können. Eine Marschkolonne, 
gegen die der Feind sich eingeschossen hat, wird sich der Wirkung 
der Artilleriegescbosse durch einen kurzen Halt in der Deckung, 
Vorarbeiten in kleineren Gmppen oder dgl. mehr oder weniger ent- 
ziehen. Die Gröbe der feindiichen Artilleriewirknng entscheidet, 



Digitized by Googl 



Der In/anterieengfiiff im liebte des JapanUoh-Russisehen Blrieges. 55 

wie lange in dieser Art vorgegangen werden kann, ob, wann and 
mit wie groben Gruppen das sprungweise Vorgehen begonnen 
werden mab. 

Aai die Tätigkeit der japanischen Angriffsartillerie soll an dieser 
Stelle nicht näher eingegangen werden. Immerhin aber mnb darauf 
hingewiesen werden, dab sich der rückhaltlose Einsatz und die 
Waffenverwendung dieser Waffe, welche eine Massenwirkung der 
durch Feldtelegraphen, Fernsprecher etc. sorgfältig verbundenen, den 
Feind amspannenden Gruppen zu erzielen verstanden, ebenso wie 
das enge Zusammenwirken mit ihrer Infanterie and das Abbrechen 
des Artillerieduells dort, wo es keine oder angttnstige Resultate 
zeitigte, sich sehr bewährt haben. 

Überlegene Artillerie fördert ungemein den Infanterieangriff, der 
natttrlicb nicht mehr bis zum Niederkämpfen der feindlichen Artillerie 
verschoben werden darf. Es ist schon viel erreicht, wenn es ge- 
lingt, das Feuer der Yerteidigungsartillerie von der angreifenden 
Infanterie abzulenken. Eine Beschiebung des Einbmchraums vor 
dem Inianterieangriff kommt einer Munitionsversohwendung nahe. 
Die Wirkung wird erst dann erheblich, wenn die Infanterie durch 
ihr Herangehen den Verteidiger znm Besetzen der Stellung zwingt. 
Die Artillerie bat sich intensiv der Förderung des Infanterieangriffs 
zu widmen, die Infanterie in kritischen Momenten durch höchste 
Feuerentfaltnng zu stutzen. Dafttr hat die Infanterie durch ihren 
dauernden Feuerkampf auch der Artillerie Zeit und Gelegenheit 
zum Bekämpfen des Eiabmcbsranmes zu gewähren. So mUssen 
Vormarsch und Beschiebung zusammenfallen. 

Eine nicht unbedeutende Untersttttzung erhielt der Angriff durch 
Maschinengewehre. Sie vermochten die Infanterie selbst im Ge- 
lände zu begleiten, die der Artillerie unzugänglich waren. Sie er- 
wiesen sich gegen nicht allzu ferne und nicht allzu kleine Ziele sehr 
vorteilhaft und wirkeu am besten durch ttberfallartiges Überschütten 
des Zieles. Gegen einen Feind in buschigem Gelände bt ihre 
Wirkung günstiger als die des Feldgeschützes. Ihre Verwendung 
mnb in kleinen Gruppen (2 bb 3 Gewehre) erfolgen, nm sie der 
Vernichtung durch Artillerie nicht aurzusetzen. Nach dem Kriege 
haben sowohl die Kassen als die Japaner ihre Maschinengewehre 
stark vermehrt: in Rubland wurde nach dem Friedensschlnb die 
Aufstellung von 17 neuen Maschinengewehrkompagnien angeordnet, 
während in Japan jedes Infanterieregiment mit einer Halbabteilung 
zu 3 Maschinengewehren organisatonsch aasgestattet wurde. Auch 
bei uns ist hoffentlich der Zeitpunkt nicht fern, dals das dem 
Armeekorps zugehörige Jägerbataillon nicht mehr ans 4 Infanterie- 



Digitized by Google 




56 InfanterieuigTifi bn Uehte de« Japuiiich-BttBaiiehen Krieges. 

kompagnien, Bondern ans 8 Jägerbatterien (zn je 6 MascbineDgewehren) 
zaBammeDgesetzt sein wird. 

Das Vorgehen im Infanteriefeaer worde ebenfalls sehr 
rersohieden dnrobgefbhrt. Solange dies ohne zn grofse Verloste zn- 
lässig war, in Scbwannlinie in einem Zage, dann meist schon von 
den weiten Entfernnngen an, sprongweise. Die ttberrasobend and 
nnregelmälsig darcbgeftthrten Sprünge worden am so kürzer, die 
Sprongeinheiten am so kleiner, die Feoerhalte am so länger, je mehr 
sich die feindliche Feaerwirknng verdichtete. Die Japaner machten 
die Sprünge mit Zügen, Schwärmen, 12 — 20, ja selbst 1—6 Mann 
starken Groppen, manchmal aber auch mit ganzen Kompagnien, ja 
mit der ganzen Scbwarmlinie gleichzeitig. Mafsgebend waren hierfür 
nicht theoretische Erwägungen and Berechnungen, sondern die all- 
gemeine Lage, das feindliche Feuer and das Gelände. 

Das sprungweise Vorgehen wurde bis zam Sturme fortgesetzt. 
Derselbe wurde je nach Erschütterung des Feindes, manchmal schon 
von 500 bis 200 Schritt an, oft aber auch aus nächster Mähe 
(15 — 20 Schritt) begonnen. Wieder war es das Beispiel der 
Offiziere und beherzter Leute, das alles mit sich gerissen hat. Ob- 
gleich hierfür nicht besonders vorgebildet, griff man ohne Scheu 
zum Bajonett. Es unterliegt keinem Zweifel, dafs das Bajonettfecbten 
der Mannschaft die Gelenkigkeit und das Selbstvertrauen zu heben 
sehr geeignet ist, und deshalb eine besondere erziehliche Be- 
dentong bat. 

Die Japaner bedurften keines besonderen Impulses von rück- 
wärts, um zum Sturm zu schreiten. Dort, wo die Situation reif 
war, ging die Schwarmlinie ans eigenem Entsoblufs zum Sturm 
über, das Seitengewehr wurde von den Leuten selbständig aufge- 
pflanzt. 

Die Hanptlehre, die wir über das Vorgehen im Angriff ziehen 
können, ist geistiger Matur. Die Truppe mufs mit Selbstver- 
trauen und mit der entschiedenen Absicht zu siegen oder zu sterben, 
den Angriff führen. 

Der Drang nach vorwärts, dessen letztes Ziel der Mahkampt 
ist, muls das Gmndmotiv sein, auf welches der AngrifI abgestimmt 
ist SuwarowB Lehrsatz, ,Die Kugel ist ebe TOrin, das Bajonett 
eb Mann“, ist wOrtliob genommen, heutzutage gewifs nicht mehr 
zeitgemäfs. Doch der Geist, der ans diesen Worten weht, der Geist 
der rücksichtslosen Offensive bt jetzt nötiger, denn je. Die kol- 
lossale abstofsende Kraft moderner Wafien verleitet aUzuleicht zur 
Überschätzung der Defensive. Dals der Offensivgeist sich in keber 
hofiunngslosen Stolstaktik erschöpfe, dazu bedarf es wohl eines 



Digitized by Coogl 



Der Infanterletogrifl im Lichte dea Jepeniteb-Unssisohen Krieges. 57 

elaütucbeD, modernen Kampfverfabrens, sowie zweckmälsiger Formen, 
doch nnr eine gute Unternibrong wird dieselben zweckbewafst der 
konkreten Lage gemäls sieb dienstbar maoben. Dieses ist aneb 
eine Lebre, die der Krieg beweiskräftig erhärtet bat. Hierin liegt 
die angebenre Bedentnng aller Führer bei dem jetzt so indU 
vidoalisierten Verfahren bis znm Schwarmführer hinunter. Sie 

müssen alle, jeder in seinem, ihm dnreb die Verhältnisse zn teil ge- 
wordenen Wirkungskreise, durch nüchternes Urteil die richtigen 
Malsnabmen erkennen, sie — insbesondere die Offiziere — müssen 
denn auch die Kraft besitzen, dort, wo das Zünglein der Wage 
schwankt, dnreh ihr Beispiel den Ausschlag zu geben, den Angrifi, 
der stecken zn bleiben droht, Torzureifsen, dort aber, wo ein Durch- 
gehen der Truppen nach vorwärts vor getaner Fenerarbeit zn be- 
tttrebten ist, das richtige Verhältnis zwischen Feuer und Bewegung 
berbeiznführen. Bei DurebfUhmng der letzteren mnfs selbst bei 
Vorgehen der kleinsten Partikeln die Kontinuität des Feuers nach 
Möglichkeit gewahrt werden und wieder sind es die Offiziere und 
Unteroffiziere, welche die DurohfUhrung der Vorbewegnng selbst- 
tätig in diesem Sinne zn leiten haben, damit keine Gruppe die 
andere maskiert, wo dies überhaupt vermeidlich ist. Dals die 
richtige KampfdnrcbfUbrnng vom materiellen Standpunkte auf der 
Vertrautheit mit den Wirkungsfaktoren des Kampffeners basieren 
mnls, ist hiernach wohl zweifellos. 

Der Angreifer bedarf im Feuerkampf dichter Sebwarmiinien, 
um sicherer und rascher die feindliche Widerstandskraft zn brechen. 
Sie wurden auch von den Japanern bevorzugt. Diese dichten 
Sebwarmiinien worden meistens schon bei Beginn des Kampfes ge- 
bildet. da ein wiederholtes Einschieben durch die damit verbundene 
allzu frühe Vermischung der Verbände die Fenerleitnng ungünstig 
beeinflnfste. Der Aufenthalt geschlossener Reserven wurde zur Un- 
möglichkeit. Dieselben konnten im offenen Gelände nnr als Schwarm- 
linien bei sorgfältigster Ausnutzung des Geländes nachgefübrt und 
eingeschoben werden. 

Das Infanteriefener war es, welches, gepaart mit dem sieg- 
verheilsenen, onwidersteblicben Drange nach vorwärts, im Tages- 
angrifie den Ausschlag gab. Der Infanterieangriff war es, welcher 
den Verteidiger zur Aufnahme des Feuers zwang, ans seinen völlig 
sicheren Deckungen heraostrieb, der Artillerie und Infanterie non 
willkommene Ziele zeigend. Dann war es vornehmlich das vorwärts 
getragene Infanteriefener, welches dem Feinde die gröfsten Ver- 
luste beibrachte, seine moralischen Widerstandskräfte zersetzte una 
■eblielslicb seinen Willen brach. Das Infanteriefener ist es vor- 



Digitized by Google 




58 lofuterieiogriff im Uefate des Japuiisub-Bauisohen Kriegei. 

Dehmlich, welches dem heatigen Kampfe seio Geprttge aafdrUokt. 
Es zerstückelt die langen, nngelenkigen, zusammenhängenden Schwarm- 
linien, wie sie unsere Friedensschule zeitigt, and dieses gibt ans den 
Fingerzeig, wie man in feaerdorchlässigen, im Gelände verschwinden- 
den Formen bei hochgradiger Individnalisierung, sich in kleinen and 
kleinsten Groppen vorarbeitend, den Feind doch stets mit voller Wacht 
eines gezielten Massenfeaers treffen soll. 

Der Grundsatz, das Ängriffsfeuer so spät als möglich zu er- 
öffnen, ist richtig. Oft aber war schon auf 1600 Schritt die Wirkung 
des feindlichen Feuers eine sehr heftige. Wo sich da eine Gruppe 
erhob, zog sie sofort das feindliche Feuer auf sich, und es erwies 
sich nötig, jede Vorbewegung durch das vorangehende kräftige 
Feuer starker Gruppen (rafales) vorzubereiten, wodurch das Feuer 
des Feindes, wenigstens vorübergehend, geschwächt wurde. 

Nur bei richtiger Feuerleitung und hervorragender Fenerzucht 
ist es möglich, das eigene Feuer, das ja nicht Selbstzweck, sondern 
nur Mittel zum Zwecke ist, den wechselnden Gefechtslagen dienstbar 
zu machen. Schon die Regelung der Fenerschnelligkeit stellt hohe 
Anforderungen an jeden einzelnen und macht eine sorg^tige Einzel- 
erziehung zur Schlacht und zum Fenerkampf nötig. Es gibt nur 
eine normale Penerart, das ist: das Einzelfeuer, welches auf weitere 
Entfernungen durch die Zugführer zusammengefafst und geleitet 
wird. 

Die abwechselnde, der Lage und Zielgröfse angemessene Leb- 
haftigkeit des Feuers, wobei im Konzerte des Gefecbtsfeners alle 
Varianten von der ('enerpause bis zu den heftigen Fenerstöfsen 
(rafales) sich abstufend ohne besondere mechanische Mafsnabmen 
von selbst ergaben, ist der beste Beweis der individuellen Schiefsaus- 
bildnng, welche der japanischen Infanterie eigen war. Sie wurde 
im Kampfe nur durch die hervorragende Selbstzucht jedes ein- 
zelnen Japaners ermöglicht. 

Das Gefecht steht jetzt mehr denn je unter dem Zeichen des 
gezielten Hassenfeners, denn eine Wirkung gegen die kleinen Ziele 
der heutigen Kampfweise ist nur durch einen grofsen Mnnitions- 
einsatz zu erreichen. Der Mann soll demzufolge mit soviel Munition 
als möglich ins Gefecht treten. Daher Uelsen die Japaner vor 
Emtritt in das Gefecht fast grundsätzlich die Tornister, oft auch 
Mäntel und Zeltbahnen ablegen und nahmen in einem blauen Lein- 
wand- oder Tncbsoblauch, den sie als Rucksack tragen, gegen 200 
oder auch mehr Patronen und mehrtägige Verpflegung mit. Weitere 
Munition wurde im Gefecht durch einzelne Leute, Arbeitssoldaten, 
dann kleine, im Gelände leicht fortkommende Tragtiere sowie Re- 



Digitized by Google 




Der InfanterieangTiff im Liohte des Japanisoh-Russisohen Krieges. 59 

eerven der Feaerlinie zngfefubrt. Soblielslich war es das wohltätige 
Onnkel der Nacbt, welches den Monitionsersatz sowie anch die Zn* 
fUhrung sonstiger Ressoarcen in der Weise ermöglichte, dals der 
nächste Tag die Troppen wieder gekräRigt and völlig kampfbereit 
fand. 

Die Tatsache, da£s die Japaner beim Angriff vom Spaten den 
ansgiebigsten Gebranch machten, ist sehr bemerkenswert. Alle 
Teile der Angriffstmppe fanden häufig Gelegenheit, mittelst Spaten, 
Beilpicke oder Sandsack, je nach Umständen, Deckungen zu ver- 
bessern oder zn schaffen, wenigstens aber sich der Sicht zn ent- 
ziehen oder dem Feinde das Zielen zn erschweren. Der Angriff 
gewann in diesen fluchtigen Gegenstelinngen einen festen Halt, 
Rückschläge wurden leicht lokalisiert, die Truppe fand in ihren 
Deckungen während der Ruhepausen die nötige Ruhe, die ab- 
spannende, zersetzende Wirkung andauernder Gefahr wurde ab- 
gescbwäcbt. Die änfserst intensive Ausnutzung des Geländes als 
Schntzwaffe bat dem Angriff ein konservierendes Element beigefttgt, 
sie war gleichbedeutend mit einem Kräfteznwachs, der fflr den An- 
greifer, namentlich im Positionskriege, nnerlälslich ist, wenn er mit 
starken, ungebrochenen Kräften in die feindliche Stellung einbrechen 
will. Es ist Sache fleifsiger Friedensttbnng, die Truppe zu schneller 
Herstellung einfacher Deckungen zn erziehen; auch fttr Maskierung 
der Spatenarbeit durch Sträucher, Gras, Getreide oder dgl. mufs das 
nötige Verständnis geweckt werden. 

Die Ausnutzung der Nacht im Angriffe erfolgte änfserst 
häufig und vielseitig. Da, wo es nicht gelang oder von vornherein 
aussichtslos erschien, den hinter sicheren Deckungen sich ver- 
bergenden Gegner mit Feuer niederznkämpfen, der Kampf um die 
Feuerüberlegenheit fUr den Angreifer sich enorm verlustreich, jedoch 
resultatlos zu gestalten versprach, da versuchte man sein GlUck in 
der Ausnutzung der Nacht zur Annäherung, eventuell zum Kampf. 
Die Scbwarmlinie ging dann in der Nacbt vor, bis sie starkes Feuer 
erhielt, grub sich dann ein und wiederholte dieses Manöver mehr- 
mals, sich auf diese Weise bis auf nahe Entfernung an den Gegner 
heranarbeitend. Angriffe bei Nacbt waren meist Kämpfe lokaler 
Natur zur Besitznahme sehr starker Stellungen, die aber nicht immer 
zum Erfolge führten. Die Entscheidung bringt in den meisten Fällen 
doch nur der Tageskampf. 

Gnte Nachtarbeit erfordert eine sehr gründliche Ausbildung im 
Frieden. Unsere Leute mttssen systematisch dahin erzogen werden, in der 
Dunkelheit nicht ihren Feind, sondern ihren Bundesgenossen zn er- 
blicken. Alle Bewegungen sind mit lautloser Stille ansznftthren. 



Digitized by Google 




60 Oer Infuterieangriff im Lichte des Japanisoh-RuuMchen Krieges. 

Sobald der Feind schielst, wirft sieb alles nieder, lälst sich aber 
nicht in ein Fenergefecbt ein. Sonst heilst es: rastlos Torwärts! 
Nur dem Unerschrockenen winkt hier ein rascher and darchschlagender 
Erfolg. 

Die durch das raachscbwache Pulver gewährte grölsere Übersicht 
begründet das Bestreben, die Truppen durch alle Mittel den Blicken 
des Feindes zu entziehen. Die Entfernung aller blinkenden Be- 
standteile sollte dem Gegner das Beobachten erschweren. Die Farbe 
der Uniformen wurde möglichst genau der umgebenden Natur an- 
gepafst. OfSziere wurden wie die Mannschaften gekleidet und nur 
durch einen Khakistreifen kenntlich gemacht. Neben dieser Kriegs- 
uniform besitzen sie im Frieden noch eine Dienst- und eine Parade- 
uniform. Die Mannschaft besitzt auch im Frieden nur die Kriegs- 
uniform. Selbst die Geschütze wurden häufig mit Khakifarbe be- 
strichen, um weniger kenntlich zu sein. Jedenfalls ist die Frage 
einer zweckentsprechenden Farbe für die Bekleidung der Trappe 
von hoher Bedeutung. Zu erhoffen ist, dafs auch wir baldigst zu 
einem abscblielsenden Resultat gelangen. 

Die Ausrüstung mit Küchenwagen hat sich aulserordentlich 
bewährt; ihre grundsätzliche Einführung scheint geboten. 

Der japanische Angriff lehrt nns, dafs nur eine wirklich kriegs- 
mäfsig durchgcbildete Truppe einen modernen Angriff mit Aussicht 
auf Erfolg durchführen kann; er lehrt uns, dafs der Angriff, richtig 
durebgefübrt, nicht wesentlich blutiger ist als die Verteidigung, dafs 
demnach eine Angrifisscheu, wie sie nach dem Burenkriege laut 
wurde, unberechtigt ist; er lehrt uns, dafs die Infanterie auch ferner 
jene Waffe verbleibt, welche vornehmlich die Schlachten einleitet, 
durchführt und entscheidet. Hierbei findet sie eine wirksame Unter- 
stützung an der Artillerie. 

Diese Lehren stellen an die Durchbildung unserer Infanterie 
aulserordentlich hohe Ansprüche. Mit dem Drillen der Trappe allein 
ist es fortan nicht mehr zu erreichen ; der Drill allein versagt gegen- 
über der Feuerwirkung moderner Waffen mit tötlicher Sicherheit. 
Wollen wir unseren Gegner schlagen, so müssen wir die Ausbildung 
unserer Infanterie auf eine andere Basis stellen. Anstatt durch die 
Disziplin des Drills den Willen unserer Leute zu töten, müssen wir 
durch belehrende und selbsttätige fortgesetzte Arbeit im Gelände 
ihre Willenskraft aufs Höchste stärken; anstatt durch das Kommando- 
wort den Intellekt des einzelnen ersetzen zu wollen, müssen wir 
vielmehr bestrebt sein, durch Belehrung und Beispiel seine Intelligenz 
anf das Höchste zu steigern. Schielsen und Geländebenntzen mufs 
zum Sport für die Infanterie werden. 



Digilized by Google 




Der Infanterieanpiff im Liebt« des Japanisch-Rassischen Krieg^es. 01 

Zmn Belege, dals auch unser Reglement diese Forderungen unter- 
stlltet, möge die Heranziehnng folgender Sätze gestattet sein; 

E. K. 2. Das Gefecht rerlangt denkende, zur Selbständig- 
keit erzogene Führer und selbsthandelnde Schutzen, die aus Hin- 
gebung an ihren Kriegsherrn und das Vaterland den festen 
Willen zn siegen auch dann noch betätigen, wenn die Führer ge- 
fallen sind. 

E. K. 251. ln der gesamten Ausbildung ist auf Selbständig- 
keit der Führer und des einzelnen Schützen hinzuarbeiten. 

E. K. 254. Je mehr Reibungen (bei den Gefechtsübungen) 
entstehen, desto mehr wird der Wert selbsttätigen Handelns er- 
kannt und geschätzt werden. 

Die Ausbildung für das Gefecht stellt also auch das Reglement 
als unsere Hauptaufgabe hin; „nebenher gehen parademälsige 
Übungen, die usw.“ 

Hierbei erscheint die Frage berechtigt: wird die Einübung aller 
derjenigen Fertigkeiten, welche weder in der Schlacht noch über- 
haupt im Kriege verwendbar sind, welche also naturgemäfs zn den 
Vorübungen für die parademäfsige Ausbildung zn rechnen sind, wie 
Griffe, Wendungen, Parademärsche, Übergänge ans Kolonnen in 
andere u. dergl. wirklich bei uns nur „nebenher“' betrieben? 

Wohl niemand wird diese Frage bejahen können. 

Wohl ist das Verständnis dafür, namentlich in den unteren 
Chargen, vorhanden, dafs die kriegsmäfsige Ausbildung in ganz 
anderer, viel intensiver Weise betrieben und gefördert werden mülste, 
solange aber von oben herab die nötigen Vorbedingungen für die 
Möglichkeit einer solchen Ausbildung vorenthalten werden, solange 
wird die Armee, zum Teil gegen ihre Überzeugung, dieser hohen 
Forderung des Reglements nicht genügen können. 

Der Fenerwiderstand des Gegners kann nur dadurch gebrochen 
werden, dafs man ihn durch tadellose Schiefsresultate schwächt and 
dafs man den Rest seiner Widerstandskraft durch eigene höhere 
moralische Kräfte, durch die aktive Disziplin, die jedem einzelnen 
Schützen anerzogen worden ist, vorwärts stürmend überwindet. Die 
Scbielsausbildnng ist anf Scbiefsständen und Scbiefsplätzen zu er- 
reichen. aber ein Rätsel bleibt es, wie man Geländebenntzung und 
höchste Stärkung aller moralischen Kräfte auf unseren, grölstenteils 
absolut ebenen und freien Exerzierplätzen lehren soll. An die 
Lösung dieser schwierigen Aufgabe wird die Trappe erst mit Aussicht 
anf sicheren Erfolg dann herantreten können, wenn anf höheren 



Digitized by Google 




62 InfuteileuigTiff im Lichte des Japinisch-Russischeii Krieges. 

Befehl die Aptieroog nnseTer, nur für die reitenden Wafien branch- 
baren Übungsplätze anch für den Gebranob der Infanterie dnrchgeführt 
sein wird. Die andere Forderung ist bekannt; unsere Besichtigungen 
sollen keine Schaustellungen von Paradeformen, der geschlossenen 
oder zerstreuten Ordnung, sondern gefechtsmäfsige HanptUbnngstage 
fUr die Truppe sein. Würde diese Aufgabe allseitig erfüllt, so 
würde die kriegsrnäfsige Durchbildung der Truppe ohne weiteres an 
die ihr znstehende erste Steile rücken. 

ln seinen Scblulshetrachtnngen kommt Verfasser zu folgendem 
Urteil: Der Krieg erfordert die vollste, rücksichtsloseste Aus* 
nutzung aller Kräfte, Mittel und sich bietender Vorteile. Der An- 
griff, welcher stets der treffenste Ausdruck des Willens, den Feind 
zu schlagen, bleiben mnfs, wird ein langes, zähes Ringen darstellen, 
wobei die Bildung, sowie Anfrecbthaltong einer starken, womöglich 
umfassenden Fenerlinie nnd das Vorwärtstragen des Feuers mit nie 
erlahmender Kraft immer wieder angestrebt werden mnfs. Die 
kurze Dienstzeit genügt allein nicht, um den Mann derart heran- 
znbilden, wie dies bei den hohen nnd vielseitigen Anforderungen der 
modernen Kriege nnerläfslicb ist. Ein gesundes, von idealen, ge- 
meinnützigen Prinzipien durchdrungenes Volksleben, welches durch 
den Staat systematisch zweckbewnfst gefördert wird, mufs während 
der Erziehung in der Familie nnd Schule jene moralischen, intellek- 
tuellen nnd physischen Kräfte in dem Individuum heranreifen lassen, 
in welchen dann die Heere im völkerverderbenden, aber anch völker- 
erhebenden Kriege eine fast nnversiegbare Quelle innerer Kraft nnd 
ein unbeugsames Kraftbewnlstsein finden. Nur dann wird es möglich 
sein, dem Manne während seiner kurzen Dienstzeit die nötigen 
militärischen Kenntnisse nnd Geschicklichkeiten beiznbringen nnd die 
Soldatennatnr in ihm scharf beranszuarbeiten. 

Dieses Buch eignet sich vor allem dazu, im Kreise des Ofüzier- 
korps vorgelesen und von kundiger Seite erläutert zu werden. Dazu 
kann es nur auf das Wärmste empfohlen werden. Eifrige, ernsthafte 
Offiziere sollten es aber selbst in stillen Stunden aufmerksam lesen 
nnd daraus lernen! 



Digitized by Google 



Die Reaktion in der Reitkonst. 



63 



V. 

Die Reaktion in der Reitkunst. 

Von 

Spohr, Oberst a. D. 



Id der Keitkanst Deotscblands war in den letzten 20 Jahren 
infolge der immer mehr betonten Theorie der „absolnten Beizänmang“ 
eine recht bedenkliche Wendung eingetreten. Die Folgen derselben 
hatten sich jedem Kenner schon lange an den, in der Armee immer 
mehr znnehmenden nicht nnr mit „tiefer Nase“, in Überzänmnng, 
sondern anch mit tiefem Genick, mit hohem Rücken nnd steifen 
Hanken kompakt — oder, wie mau es mitVorliebe nannte, „schneidig“ 
— aber nicht „losgelassen“ and „vertranensvoU an Schenkel and 
Zügel bingegeben“ gehenden Pferden gezeigt. Der Gehorsam hatte 
damnter bedenklich gelitten, was sich namentlich dann, wenn er 
besonders in Anspruch genommen wurde, wie beim Abreiten von 
andern Pferden, beim Nehmen von Hindernissen usw. in klebenden 
bzw. den Sprang weigernden Pferden in deutlicher Weise zeigte. 

Wenn über solche bedenklichen Folgen so lange hinweggesehen 
werden konnte, so lag das mehr noch, als in der gewandten Ver- 
teidigung des irrigen Systems durch den Kaiserlichen Leibstallmeister 
Plinzner und seine Anhänger, an dessen bevorzugter Stellung und 
seiner persönlichen Reitkunst, die sich auf vorzüglichen Pferden, 
auch innerhalb des irrigen Systems, gewisser in die Augen fallender, 
ja den weniger gründlichen Kenner wohl blendender Resultate 
rühmen konnte. Es soll überhaupt nicht geleugnet werden, dals ein 
erfahrener, seiner Schenkel-, Gesäls- und Gewichtshilfen völlig 
sicherer Meister auf Pferden, deren Gebäude und Temperament, 
schon ihrer Bestimmung gemäfs, eine auserwähite Qualität zeigte, 
auch unter der die Vorwärtsbewegung, die Quintessenz alles 
Reitgebranchs zunächst hemmenden nnd negierenden „ab- 
solnten Bezäumnng“ eine Ausbildung der Bewegungsmuskeln des 
Pferdes und deren Unterwerfung unter seinen Willen zu erreichen 
vermag, welche dessen kampagnemälisigeD Gebrauch bis zu einem 
gewissen Grade sicherstellt. 

Entschieden bestritten aber mnls werden, dafs selbst ein solcher 
Meister mit diesem System alles das zu erreichen vermag, was 
aus dem betreffenden Pferde beranszuholen ist, dafs er 
die vollendete Losgelassenheit, Bewegungsfreiheit von 



Digitized by Google 




64 



Die Besktion in der Reitkunst. 



Schaltern und Hanken za erzielen imstande ist, weiche 
seine höchste Leistangsfähigkeit ermöglichen and diese 
darch Sicherang nicht nnr eines absolnten Gehorsams, 
sondern des seelischen Willens, die äalsersten Wünsche 
seines Reiters zu erfüllen, völlig in die Gewalt des Reiters 
stellen. 

Bestritten mafs ebenso entschieden werden, dafs ein System, 
welches gleichsam mit dem Bremsen des in Bewegung za 
setzenden Tieres beginnt, geeignet ist, die. mannigfache Gebände- 
nnd Temperamentmängel zeigenden, Armeepferde bis zn einem, ihren 
Kampagnegebraach durchaus sicherstellenden Grade za dressieren. 
Es ist nun nicht meine Absicht, in diesen Blättern den Beweis für 
die vorstehend skizzierten Behanptangen zn liefern. Das habe ich 
schon in objektivster und eingehendster Weise in den beiden ersten 
Teilen meiner „Logik in der Reitkunst“ besorg^. (Teil I: „Über 
die Bezichangen der Reit- and Dressurbilfen za der 
anatomischen Mechanik des Pferdes.“ Stuttgart bei Schick- 
hardt 4 Ebner [Konrad Wittwer] 1903, 112 S. Klein 8“) und Teil II: 
„Die elementare Reitdressur auf Grund der mit der Mechanik 
des Pferdes übereinstimmenden Hilfen“ ebenda 1904, 84 S. 
Klein 8 ®) und mnfs hier darauf verweisen. Diese beiden Teile meiner 
„Logik in der Reitkunst“ stellen den auf eine mehr als 60jährige 
Reitertährnng begründeten Versuch dar, das klassische Knochen- 
gerüst der vortrefflichen alten Sohr 'sehen Reitinstrnktion mit 
lebendigem Mnskelileiscb, Adern und Nerven za erfüllen. Man wird 
bei diesem Versacbe nichts vermissen, was über den inneren Zu- 
sammenhang der Reitkunst mit der Bewegungsanatomie und der 
Natur des Pferdes Auskunft geben kann. Der III. Teil der „Logik“ 
„Die Korrektur schwieriger und verdorbener Pferde“ be- 
handelnd, soll noch in diesem Jahre erscheinen. 

Hier an dieser Stelle beabsichtige ich nur, einige der Haupt- 
abschnitte in kürzester Weise zu skizzieren, in welchen sich die 
Abwärtsbewegung der deutschen Reitkunst neuerlichst offenbarte, und 
gleichzeitig die erfreulichen Zeichen einer Reaktion darznlegen, 
welche sich gegenwärtig, wo nach authentischen Aufsernngen von 
kompetenten Seiten das System der „absoluten Bezäumung“ in der 
Armee als völlig abgetan angesehen werden darf, in lebendigster 
Weise geltend machen. 

Wenn, wie oben dargelegt, auch recht unerfreuliche Er- 
scheinungen in der Reit- und Dressurkunst in Deutschland sich in 
den letzten 20 Jahren dem Auge des Kenners leicht bemerkllch ge- 
macht batten, so hätte man doch ein solches Fiasko, wie es die 



Digitized by Google 




Die Keaktlon in der BeitkuniL Q5 

deotscbe Reitkunst beim .Ckinoorso ippioo“ in Tonn 1902 erlitt, 
Bcbwerliob erwartet. Dort, bei einem internationalen, für die zn 
zeigende Dressur keineswegs schwere Bedingungen stellenden 
Kouknrse war man berechtigt, auch deutscherseits nur tadellos aus- 
gebildetes Material auftreten zn sehen unter Reitern, die der Tblligen 
Beherrschung ihrer Tiere sicher waren, und dann — war ein solches 
Fiasko, wie es in der Tat stattfand, völlig ausgeschlossen. 

Es wird sich entschieden lohnen, heute, wo noch weitere 
ähnliche Milserfolge in die Öffentlichkeit getreten sind, die Be- 
dingungen des „Concorso ippico“ von 1902 und die Art, wie sie 
deutscherseits zn erfüllen gesucht wurden, einer gedrängten Be- 
trachtung zn unterziehen nnd an der Hand fachmännischer, ebenso 
objektiv, wie unparteiisch gehaltener Urteile mit den Leistungen der 
Reiter anderer Nationen zn vergleichen. 

Das Tnriner Programm umfafste: 1. das „Preisreiten für 
den Dressnrgrad“, 2. das „Preisspringen im Jagdgalopp“, 
3. eine Konkurrenz im „Hochsprnnge“ und 4. eine solche im 
„Weitsprnnge“, alle nur für Offiziere im Dienst. 

Für das Dressnrpreisreiten war die Dauer des Vorreitens auf 
nur 10 Minuten bemessen, wobei die gleichzeitige Vorstellung von 
2—4 Konkurrenten seitens des Komitees gefordert werden konnte. 
Doch durfte die Kommission, wenn sie es für die Klassifikation 
nötig erachtete, einzelne Lektionen wiederholen lassen. Die drei 
Gangarten des Pferdes, Schritt, Trab und Galopp, sollten in ab- 
gekürztem nnd verlängertem Tempo, dagegen weder Seitengänge, 
noch Rückwärtsrichten noch Übungen der hoben Schule gezeigt 
werden. Das Pferd sollte ans dem Stehen, wie ans dem Schritt 
nnd dem Trabe auf der geraden Linie im Galopp anspringen, 
Wechselungen im Galopp und gewundene Linien sollten nach den 
Anordnungen der Richter geritten werden. Im Galopp war eine 
feste Barriere von 0,90 m Hohe und ein Graben von 1,90 m Breite 
zn nehmen. 

Wenn für ein Dressurreiten der Fortfall der Seitengänge, 
mindestens im Schritt nnd Trabe ebenso, wie der Fortfall von 
Wendungen und Volten, als ein auffallender Mangel erscheint, so 
waren im übrigen doch die im Reglement für die Konkurrenz ge- 
gebenen Beurteil nngsanweisnngen durchaus sacbgemäls. Die Kom- 
mission sollte die Vollkommenheit des Sitzes, die leichte, stetige 
nnd gleichmäfsige Führung des Pferdes auf Kandare nnd Trense, 
die vollkommene Übereinstimmung zwischen Beiter nnd Pferd, so 
dals jede gewaltsame Einwirkung des einen wie des andern aus- 
geschlossen bliebe, die Kegelmäfsigkeit nnd Rübe der Gangarten, die 

Jaluttehtr fftr dt* dcaUok* Ara** and Mirin*. N«. 424. 5 



Digitized by Google 




66 



Die Reaktion in der Reitfcnnat. 



Leiobtigkeit des Überganges von einer Gangart znr andern, sowie 
den prompten Gehorsam bei Parade and Angeben sowohl in derselben, 
als in der entgegengesetzten Richtung beurteilen. Beim Sprunge 
ttber die Hindernisse sollte nicht nnr der Sitz, sondern auch die 
Ruhe der Gangart nnd der „Stil des Sprunges“ znr Beurteilung 
dienen. 

Bei dem 2. Preisreiten, dem Preisspringen im Jagdgalopp, sollten 
ungefähr 800 m im Jagdgalopp in höchstens 2 Minuten zurUckgelegt 
nnd dabei folgende Hindernisse genommen werden: 1. eine Hürde 
von 1,20 m Höhe und 0,80 m Breite mit fester, weilser Querleiste 
in der Höhe von 0,80 m ttber dem Boden; 2. ein Koppelrick (feste 
Barriere) ans weilsem Holz von 1 m Höbe mit einem 2. Querbalken 
in der Höhe von 0,60 m vom Boden; 3. eine Mauer, rotbraun ans 
Tuffstein von 1,20 m Höhe, bis zur Höhe von 1 m mit Erde be- 
deckt, so dals die Basis 1 m, die obere Fläche 0,40 m Breite be- 
sals; 4. Httrde mit Graben, erstere 1,20 m hoch nnd 0,60 m 
breit mit fester Querleiste auf 0,80 m vom Boden, vor der Httrde 
ein trockner Graben von 1 m Breite and 0,50 m Tiefe mit einer 
gegen den Graben geneigten Barriere von etwa 0,50 m Höhe un- 
mittelbar davor; 5. ein nasser Graben (riviere) von 3,50 m Breite 
nnd 0,50 m Tiefe, dreieckig aasgestochen mit einer gegen den 
Graben geneigten 0,50 m hoben Barriere davor. 

Die Zwischenräume von einem Hindernis zum andern sollten 
150 m betragen, die Hindernisse selbst eine Breite von 5 m haben, 
von der jedoch in der Mitte durch bewegliche Flaggen ein Raum 
von nur 3 m markiert war, innerhalb dessen die Reiter zn springen 
hatten. Auch war die ganze Bahn durch von 50 zn 50 m auf- 
gestellte Flaggenstöcke in der Breite von 3 m abgesteckt. Die 
Reiter, welche nicht innerhalb der Flaggenstangen blieben oder diese 
amwarfen, wurden disqualifiziert. Die Reiter, welche sämtliche 
Hindernisse in der vorgescbriebenen Breite sprangen, batten in eine 
engere Preiskonkurrenz einzntreten, bei welcher die Breite der 
Hindernisbahn anf 2 m herabgemindert wurde. Allmählich sollte die 
Breite weiter verengt und soblielslich bei der Klassifikation die 
geringste Zahl der seitens der Reiter amgeworfenen Flaggen mafs- 
gebend sein. Alle Hindernisse waren im Galopp zn nehmen, aber 
vom zweiten Reiten ab, waren die Reiter nicht mehr an die Maximal- 
zeit von zwei Minuten gebunden. 

Die Konkurrenten, welche sämtliche Hindernisse der 3 m breiten 
Bahn in der vorgescbriebenen Maiimalzeit anstandslos nahmen, 
konnten sich an dem 3- Preisreiten im Hochsprnng beteiligen. 
Bei diesem war eine bewegliche Barriere von 1,30 m Höhe zu 



Digitized by Google 



Die Reaktion in der Reitkunst. 



67 



nebmen, die nach den Beschlttssen der Richter nach and nach am 
5 bzw. 10 cm erhobt werden konnte. Zwischen dem Boden and 
dem obem Rande der Wand waren noch ein bis zwei Querleisten 
angebracht 

Das vierte Preisreiten, den Weitspmng betrefiend, stand unter 
denselben Bedingungen, wie das vorherige, den betr. Reitern frei, 
and wurde der Weitspmng durch VorrUcken der entsprechend er- 
höhten Hürde vor dem oben erwähnten Graben (von 1,90 m) 
geregelt. 

Über dieselben Hindernisse in Höhe und Breite fand dann später 
für diejenigen Reiter, welche die Bedingungen des 2. (Hindernis-) 
Preisreitens erfüllt hatten, noch ein freier Konkurs 5 und 6 für 
Offiziere und Herrenreiter statt, an welchem jedoch Pferde, die 
schon im 3. oder 4. Preisreiten einen Preis errangen 
hatten, nicht teilnehmen durften. 

Pferdehändler und Stallmeister von Profession waren auch von 
diesen Konknrrenzen ausgeschlossen. 

Bezüglich der Pferde war nur vorgesohrieben, dals sie Eigentum 
der am Preisreiten teilnehmenden Offiziere oder Herren sein maCsten, 
doch konnten sie bei den „freien Konknrrenzen“ von andern Teil- 
nebmera geritten werden, während bei dem Preisreiten für Offiziere 
jeder Offizier -sein eigenes Pferd zu reiten hatte. 

Bezüglich des Alters nnd der Herkunft der Pferde waren keine 
Bedingungen gestellt Es konnten daher völlig dnrchgerittene, einer 
mehrjährigen Dressur unterworfen gewesene Pferde, es konnten 
Vollblüter, Halbblüter nnd Pferde unbekannter Herkunft an allen 
Konkurrenzen teilnehmen. 

Ob die in der Wiener Ällg. Sportzeitung vom 4. Mai 1902 ent- 
haltene Notiz, dals in Turin mit „angefalsten Trensenzügeln“ zu 
reiten war, richtig ist, habe ich nicht feststellen können. Trifit sie 
zu, so würde das em Urteil über die völlige Rittigkeit der Pferde 
auf Kandare allein fast ansschliefsen. 

Hören wir nnn, wie sich unparteiische Berichterstatter über den 
Verlauf der Konkurrenzen äulsern, wobei wir nnr das für unser 
Urteil über die zutage getretene Reitkunst, namentlich der deutschen 
Teilnehmer, Malsgebende hervorbeben. 

Überhaupt teilgenommen haben die Reiter von sechs Staaten: 
aniser Italien selbst waren Deutschland, Österreich-Ungarn, Frank- 
reich, Bulsland und Bulgarien beteiligt Spanien, Schweden- 
Norwegen, Serbien nnd Bulgarien batten nnr Berichterstatter ent- 
sendet 

Ans Italien hatten sich nicht weniger als 79 Kavallerie- nnd 



Digitized by Google 




88 



Die Reaktioo io der Bettknnat 



10 Artillerieoffiziere beteiligt. Aas Deatsoblaad waren 13, aas 
Osterreiob-Ungarn 12, ans Rafsland 11 and aas Belgien 3 Offiziere 
erschienen. 

An der Dressarkonkarrenz, die ans hier am meisten 
interessiert, beteiligten sich im ganzen 25 Offiziere, davon allein 
10 deatsche Reiter — ein Beweis, welches Vertraaen man dentscher- 
seits gerade aaf die, in diesem Konkorrenzreiten za erringenden 
Resaltate setzte. Ans ÖsterTeich-Ungam nahmen 5, ans Frankreich 4, 
aas Raisland and Italien je 3 Offiziere teil. 

Nach dem Urteile der Jarj’, welches auch von der grofsen 
Mehrheit der Znschaaer geteilt wurde, trugen die österreich- 
angarischen Offiziere einen entscheidenden Sieg davon, was zunächst 
ihr die durchaus richtige Auswahl der beteiligten Herren und ihrer 
Pferde durch eine vom österreichisohen Reichskriegsministerinm ein- 
gesetzte Kommission spricht. 

Es erhielten die österreichisohen Offiziere Rittmeister Mario 
Franz (3. Drag.-Regt.), Rittmeister Arthur v. Pongrdcz (12. Hns.- 
Regt.). Oberleutnant Picot de Peicadac Freiherr v. Herzogenbusch 
(3. Ul.-Regt.), Oberlentuant Carl Ritter v. Friedrich (12. Drag.-Regt.) 
die vier ersten Preise, den fünften eb französischer Offizier Ritt- 
meister de Langoarian (4. Has.-Regi) and erst den sechsten ein 
deutscher, Rittmeister Freiherr v. Holzbg (21. Drag.-Regt.). 

Wie war das möglich bei unserer weltberühmten altprenfsischen 
Schule und der durch lange Vererbung hochgesteigerten Reitfilhigkeit 
so vieler, alten Reiterfamilien entstammenden, Offiziere? 

Meine Antwort lautet: „es war das Resultat einer länger 
als 20 Jahre herrschenden irrigen Schule!“ 

Hören wir, was darüber eb kompetenter fachmännischer Be- 
urteiler, der als „Spectator“ zeichnende Berichterstatter der Wiener 
Allg. Sportzeitung, nnterm 15. und 22. Jnni 1902 berichtet. 
Schon beim Einreiten der deatschcn Konkarrenten in die Bahn heilst 
es: „Von den zehn deutschen Offizieren batten nur zwei, darunter 
ein Bayer, tadellosen Sitz. Sie hielten die ZUgelhand hoch and 
doch war der Pferdekopf tiefgestellt, and der Buckel war in 
der Höhe — eb Bild, wie es in Dentscbland so viele Pferde 
nach dem System Plinzner liefern. Auch die angewandten 
Hilfen waren vielfach nichts weniger, denn ananfechthar, am 
krassesten wohl beim Galoppwecbsel. Es herrschte nicht 
das richtige Gefhbl Ihr die Gangarten. Im Sprbgen dagegen 
schnitten die deutschen Reiter besser ab. 

Einen aasfhbrlicheren Kommentar za diesem Urteil behalte ich 
mir auf Grand meiner eigenen, bei den Konkurrenzreiten und Sprbgen, 



Digitized by Google 




Die Bemktion ln der Beitkunet 



69 



wie beim „grolsen Reiterfest“ im März dieses Jahres in Frankfurt a. M. 
^machten Beobaohtnngen (s. unten) vor. 

Der Sitz nnd die Fttbmng der Osterreioh-nngarischen Offiziere 
werden ebenso, wie die Haitang ihrer Pferde als „tadellos“ be> 
zeichnet. 

Bezüglich der Franzosen heilst es: „die französischen Offiziere 
machten einen ungemein vorteilhatten Gesamteindmck. Elegante 
Leute, vortrefflicher Sitz, tadellose Haltung nnd hervorragend sohOnes 
Pferdematerial.“ 

Indessen dieses Urteil gilt nnr fbr den paradierenden Einmarsch. 
Im weiteren wird es sehr eingeschränkt. & heilst nämlich: 

„Dieser gute Eindruck schwächte sich leider erheblich ab, sowie 
es Ernst wurde, ln den Gangarten vermiiste man vor allem die 
richtige Kopfstellnng, wie ttberhanpt die korrekte Einwirkung des 
Reiters auf sem Tier. Nur im Springen leisteten die 
französischen Pferde Gutes.“ 

Von den russischen Pferden wird gesagt, dafs sie etwa dem 
Tjpns der Österreichisch-ungarischen Artilleriebespannung entsprachen. 
Wenn dies darauf hindeutet, dafs man russischerseits wohl das allzu 
lebhafte Temperament des Vollbluts absichtlich vermieden hatte, um 
bezflglich Gehorsam nnd Willigkeit besonders Gutes zu zeigen, so 
scheint doch nicht einmal dieses, trotz der zweistündigen Führung 
mit geteilten Zügeln ä la Fillis, gelungen, während man besondere 
Leistungen im Gange und im Springen von solchen Pferden über- 
haupt nicht erwartete. Dagegen ernteten einige Kosakenreitstückchen, 
wie z. B. plötzliches Aufspringen ans dem Sitz nnd Stehen im Sattel 
im Galopp nnd ähnliche hUhsche, aber nicht zum Programm ge- 
hörige Volligierstttckchen, lebhaften Beifall der Zuschauer. 

Sehr bezeichnend ist dann das Urteil desselben Berichterstatters 
Uber das Preisdressnrreiten italienischer Offiziere, welches „eine 
sichtliche Enttäuschung bereitete“. 

„Teure importierte Irländer“ — so heilst es bezüglich des 
„italienischen“ Pierdematerials — die alles, nur keinen schnl- 
mäfsigen Schritt, Trab nnd Galopp geben, verkürzte Gang- 
arten ttberhanpt nicht, sondern nnr scharfes Herangehen 
an das Hindernis kennen. Absonderlich berührten die Uber- 
mälsig knrzgescbnallten Bügel. Dafs auch die drei italienischen 
Offiziere ihre Pferde nicht im nnerläfslicben Gehorsam hatten, be- 
wies — ungeachtet des dnrehgemaebten Spmngtrainings — der Um- 
stand. dafs eines der Tiere bei der Planke ansbracb, indes zwei in 
den Wassergraben bineinstiegen. Es war n. a. auch hier und später 
heim Preisspringen ein keineswegs erbauliches Schauspiel, diesen 



Digiiized by Google 




70 



Die Reaktion in der Reitkunst. 



und jenen Reiter seinen GaoL in der Absicht, ihn zur Raison zn 
bringen, mit dem Stock auf den Kopf hauen zn sehen, eine Hilfe, 
wie sie wohl nur im ailerhnfsersten Falle ron Widerspenstigkeit 
praktiziert werden, nicht aber gang nnd gäbe werden soll.') 

Ich bin in letzterer Beziehung noch etwas strengerer Ansicht. 
Derartige Züchtigungen, wie Hiebe mit Reitstock oder Gerte Ober 
den Kopf, sind ebenso wie das in älterer Zeit Öfter gegen „Stuigen* 
empfohlene Entzweischlagen emer mit Wasser gefOllten Flasche auf 
dem Kopf des Pferdes keine Hilfen, sondern mit schweren Ge- 
fahren fOr Pferd nnd Reiter verbundene Milshandlnngen, welche 
auch auf starken Mangel an Verständnis der wahren Oressnrregeln 
hindenten. Ich werde das im III. Teile meiner „Logik in der Reit- 
kunst“ noch eingehender darlegen. 

Offenbar hatten die italienischen Kameraden den Hanptwert auf 
die Springfähigkeit ihrer Pferde gelegt, mit Ausbildung derselben 
Ober höbe nnd breite Hindernisse aber den Oressnrgehorsam eher 
eingeschränkt, als gefördert. 

Sie errangen dagegen in der zweiten Konkurrenz: Springen 
Ober Höben- nnd Breitenhindernisse sehr anerkennenswerte 
Erfolge. 

Dafs der flotte Jagdgalopp nnd das fliegende Nehmen der 
Hindernisse durch die, alsbald auf 2 m verengte nnd serpentinen- 
artig gewundene Bahn ausgeschlossen wurde, ist selbstverständlich. 
Oie Gangart mulste vorsichtig verkürzt werden. Weiterhin wird von 
österreichischen Berichterstattern wohl nicht mit Unrecht das Ver- 
wirrende nnd für das betr. Hindernis Irrationelle der auf die Hürde 
aufgelegten, weifsen Planke, deren Berühren den Sprung minder- 
wertig machte, bervorgeboben. Eine Hürde mufs als offnes Hindernis 
das Dnrchstreichen gestatten, während Mauer oder feste Wand 
natürlich rein gesprungen werden müssen. 

Infolge dieser eigenartigen Bedingungen , nnd da jedes Be- 
rühren der Flaggenstangen disqualifizierte, waren die österreichisch- 
ungarischen Offiziere, wie der Deutsche nach dem vierten Laufe 
ansgescbieden. Nachdem in weiteren Abläufen auch die vier Russen 

') Diese Springkonkurrenzen waren durch die oben mitgeteiltcn Be- 
dingungen: allmähliche Verengung der ohnedies schon engen Bahn (3 m) 
nnd gewundene Tracierung derselben durch ausgesteckte Flaggenstangen 
für alle nicht mit dieser Bahn Vertrauten in einer Weise erschwert, welche 
mehr noch, wie den Gehorsam der Pferde, die .t.ufmerksamkeit des Reiters 
in Anspruch nehmen mufstc. Infolgedessen schieden von den 90 beteiligten 
Reitern alsbald 22 aus, so dafs nur 68 und zwar 44 Italiener, 8 Franzosen, 
7 Österreicher. .5 Russen, 3 Belgier nnd 1 deutscher Offizier (von drei 
Ursprünglich mitkonkurrierenden) fOr die engere Konkurrenz verblieben. 



Digilizod by Google 




Die ReektloB in der Beitkunet. 



71 



Dod ein Belgier ansgeschieden, verblieben nur sieben Italiener nnd 
sechs Franzosen als Konkurrenten. 

Von den letzten wird anerkannt, dals sie mit ansgezeichneten 
Pferden, durchweg Halbblnt französischer Zncht, anftraten. E^ter 
Sieger war dann ancb der französische Oberleutnant Haen^ens 
(3. Drag.-Begt.), zweitbester wurde der italienische Oberlentnant 
Marsengo (Piemonte reale). 

An der Dritten Konkurrenz, dem Hochspmnge, beteiligten sich 
weder österreichisch- ungarische, noch deutsche Offiziere, sondern 
anfser 22 Italienern nnd 8 Franzosen nnr noch 3 Rnssen nnd 
2 Belgier. Nachdem die Barriere allmählich anf 1,70 m erhöht war, 
verblieben nnr noch 3 Italiener, 2 Franzosen nnd 1 Belgier als 
konknrrenzberechtigt. Der französische Oberlentnant Dagnilhon-Pujol 
(30. Art.-Kegt.), welcher ancb die anf 1,80 m erhöhte Barriere tadellos 
nahm, erhielt den ersten Preis. Die nächst Besten waren Ober- 
lentnant 6rai da Porto (Ordonnanzoffizier des Orafen v. Turin) nnd 
Oberleutnant Ferd. Po (Cavalleria Salnzzo), dessen 18jährige 
irländische Stute Niniche, ein arraeebekanntes Springpferd bei der 
Korrektor die 1,80 m hohe Planke ancb glatt Überwand. 

Bei der vierten Konkurrenz, dem Weitspmng, beteiligten sich 
auch wieder 5 österreichisch- uDgarisohe Offiziere, die anch nach 
den erstmaligen Ausscheidungen verblieben, während noch 16 Italiener, 
4 Franzosen, 3 Russen and 2 Belgier konknrrierten. Den weitesten 
Sprung tlber 6,ö0 m tat der italienische Rittmeister Caprilli (Genova 
Cavalleria), dessen englische Rappstnte Black-Best übrigens nach 
dem Sprunge leicht lahmte. Den 2. und 3. Preis erhielten die 
österreichisch-ungarischen Oberleutnants Adamovich de Csepin (1. Ul.- 
Regt.) nnd von Farkas de Farkasfalva (ö. Honved-Hus.-Regt.). 

Bei den freien Konkurrenzen am folgenden Tage gelang es dem 
schon erwähnten italienischen Rittmeister Caprilli, mit seinem Irländer 
Melopo durch zwei HocbsprUnge über 1,90 m und 2,08 m Barriere 
den Sprung des Herrn Daguilbon-Pnjol (1,80 m s. oben) noch zu 
ttberbieteu. Der Grund, weshalb Caprilli nicht schon in der dritten 
Konkurrenz gegen Daguilbon-Pnjol in die Schranken trat, war offen- 
bar die Bestimmung, dals sein Sieg ihn dann von der freien Kon- 
kurrenz ausgeschlossen haben würde. 

Was nnn diese grolsartigen Leistungen im Hochspmnge an- 
betrifft, so haben die anfserordentlichen Resultate, welche man in 
neuerer Zeit im Zirkus (z. B. Busch und Schumann) mit besonders 
abgericbteten Springpferden zu sehen Gelegenheit hat, gezeigt, was 
systematische Übung bei besonders veranlagten Pferden vermag, wie 
denn auch im gleichzeitigen Hoch- und Weitsprung, z. B. über 



Digilized by Google 




72 



Die Beaktion in der Beitkimst 



8 — 10 Seile an Seite gestellte Pferde, da Stannenswertes *n 
sehen ist. 

Militärisch sind solche Leistungen von geringem Wert, da im 
Felde unter Sack und Pack, d. h. mit zwei Zentnern und höherer 
Belastung, dergleichen nicht möglich ist, auch, selbst unter leichten 
Reitern, immer nur von einzelnen besonders befähigten und geflbten 
Pferden geleistet werden konnte. 

Es wäre daher nnrdie Frage, ob solche weitgetriebenen Leistungen 
im Hoch- und Weitspringen einen besondem Wert für die Aus- 
bildung der Reiter beanspruchen konnten. 

Ich glaube das nach meinen Erfahrungen Temeinen zu mtlssen. 
Ich habe eine Anzahl Pferde, welche eine anfserordentliche Spring- 
fähigkeit besafsen, geritten, darunter mehrere, welche wohl auch in 
Turin sich vOllig konkurrenzfähig erwiesen haben würden, wie z. B. 
die ostprenlsiscbe scbwarzbraune Stute Juno, die, vom 8. Kttr.-Regt, 
dem sie 1869 bei der Mobilmachung als Augmentationspferd über- 
wiesen war, als nnrittig ansrangiert, ftlr die 8. Artilleriebrigade 
eingetanscht wurde, die englische Vollblntstnte Wheist of Jaekt, im 
Feldzüge 1866, in Böhmen ans dem Gestüt des Grafen Kinskj 
reqoiriert, den englischen Vollblnthengst The Saxon (früher dem 
Rittmeister v. Mossner, der spätere Generalleutnant, gehörig) und 
andere. 

Diese Pferde leisteten ihre Hoch- und Weitsprünge in einer 
Weise, welche den schmiegsamen Sitz des Reiters nicht im mindesten 
inkommodierte, und mit einer Sicherheit, die dem Reiter das Gefähl 
einflOIste: „Was das Tier unternimmt, mnfs auch gelingen'“ 

Die erwähnte Stute Juno) sprang mit mir im Herbst 1861, 
damals secbsjährig, auf dem Marsche von IVier durch die Eiffel zum 
Schielsplatze Wahn, eines Tages, als ich das noch ungemein heftige 
Tier hinter der Batterie zu gehen zwang, plötzlich seitwärts aus- 
brechend, über eine 4 Fnfs hohe, auf einem 2 Fnfs hoben Erdreich 
stehende Hecke in einen Garten und mnlste dann den Sprung über 
das vom Garten ans nur 4 Fnlis hohe Hindernis auf die nun 6 Fnls 
tiefer liegende Chaussee zurück tun. 

1862 beim ManOver der 16. Division bei Düren stiels ich, 
nach der Kritik, auf diesem, nunmehr vOllig dnrchdressierten Pferde, 
allen anderen voraus, im schlanken Trabe über die Stockheimer 
Heide reitend, auf einen, für eine Wasserleitung bestimmten, quer 
über diese Heide wohl in einer Ausdehnung von 1000 Schritten ge- 
zogenen Graben. Diesen, später als 15 — 16 Fnls breit und halb 
so tief festgestellten Graben, dessen Böschungen im festen Lehm- 
boden halbe Anlage batten, sah ich erst vor mir anftancben, ^ 



Digilized by Googl 



Die Reaktion in der Reitkunst. 



73 



ich aaf etwa 100 Schritte heran war, ohne vorerst mehr ersehen 
20 können, als dals seine Breite eine ganz anlsergewOhnliche war. 
.Jetzt heibt es* — so dachte ich, vorerst im dotten Trabe weiter- 
reitend — „der braven Jono die Initiative überlassen nnd mit- 
macben*! 

Als die Stnte sich dann drei bis vier Pferdelängen vor dem 
Graben in Galopp setzte, war ich meiner Sache gewils nnd sie nahm 
dieses grobe Hindernis im glatten Kampagnesprnng, sofort aal 
der anderen Seite wieder in Trab übergebend, den ich dann in 
Schritt parierte, am die mir folgenden zahlreichen Reiter — es 
mochten bei der Kritik wohl an 100 Reiter vereinigt gewesen sein, 
von denen die grofse Mehrzahl hinter mir, dem Vordersten, dem Graben 
zntrabte — zn beobachten. Während die meisten angesichts des 
formidabeln Grabens sofort seitwärts denselben entlang trabten, am 
ihn zn nmgehen, versncbten wohl ein Dntzend Kavalleristen and 
Artilleristen den Graben ebenfalls zn nehmen, aber alle ihre Pferde 
refasierten absolut, trotzdem mehrere der Herren den Versuch mehr- 
fach im Jagdgalopp emenerten. 

Bei solchen grofsen Sprüngen — and solche bat Jnno bis 1866, 
wo sie unter meinem Nachfolger in der Schlacht bei KOniggrätz 
einem Österreichischen Grauatschnls erlag, unter mir noch manchen 
geleistet — sais man, „wie im Sofa“. Und das war bei den 
anderen aulsergewObnlichen Springpferden, die ich geritten, ebenso. 

Nnr nnwillige, schlecbtvorgebildete Springer bilden 
eine, oft genug recht harte Probe für den Sitz des Reiters 
selbst bei verhältnismäfsig geringen Hindernissen. 

Die richtige Vorbildung für das Springen und dann die 
Übung, systematisch und konsequent durcbgeführt, das 
ist die Hauptsache. 

loh bin daher auch stolzer, als auf die bei besonderen Gelegen- 
heiten produzierten anfserordentlichen Leistungen jener Springpferde, 
aut das allgemeine, mit den Pferden derjenigen Batterien, deren Reit- 
ausbildung ich leitete — was von meiner Ernennung zum Premier- 
lientenant bis zum Major der Fall war — erlangte Resultat. 
Alle Pferde dieser Batterien, auch die schwersten Stangenpferde,- 
sprangen ans jeder Gangart eine 3 Fufs hohe feste Barriere 
and, einen 6 Fnls breiten Graben willig nnd sicher. Ich glaube 
auch der älteren österreichischen Reitinstruktion völlig beistiromen 
zu können, wenn sie ausspracb: „Pferde, welche diese Hindernisse 
willig und mit Sicherheit nehmen, leisten im Notfälle auch ent- 
aehieden mehr.“ 

Es spricht also für militärische Verhältnisse nichts dafür, 



Digilized by Google 




74 



Die Beektion ln der Rritknngt. 



anlserordentliche Spiingleistnngeo durch Bjateroatisehe Übung 
erzielen zo wollen, bei denen doch die grofse Mehrzahl der Pferde 
nicht mitkommeii, wohl aber manche Beschädigangen eintreten 
wurden. 

Es ist daher auch weniger zo bedanem, dais kein deutscher 
Offizier an den Tnriner Konknrrenzen im Hoch- nnd Weitspringen teil- 
genommen, als dafs die zahlreiche Beteiligong am Preisdressnr- 
reiten ein so nngUnstiges Resoltat ergab. 

Die österreicbisch-ungarischen Offiziere aber, welche sich in 
Tnrin am Weitspmnge beteiligten, glänzten nach dem Urteile fach- 
männischer Zoschauer gerade dnrcb „den Stil ihrer Sprunge“, wo- 
runter wohl die Art des Sitzes nnd der Führung zn verstehen ist, 
wie ich sie weiter unten noch skizziere. 

Zunächst aber erscheint mir das Urteil des mehrerwäbnten Be- 
richterstatters der „Allgemeinen Sportzeitung“ Uber das bei den 
Turiner Springkonknrrenzen hervorgetretene verschiedene Verhalten 
der französischen nnd italienischen Offiziere fUr meine Dar- 
legungen von grofsem Wert. 

Ich gestatte mir daher, dasselbe zunächst wörtlich anzufUhreu: 

„Die französischen Pferde“, so änfserte er sich, „sprangen fast 
ausnahmslos rein nnd frei und hoben die Hinterhand in einer Weise, 
wie man das fUr gewöhnlich nur bei Zirknspferden zn sehen gewöhnt 
ist. Sitz und Führung der französischen Offiziere beim Springen 
wichen nicht unwesentlich von jenen der Italiener ab. Die Fran- 
zosen blieben auch während des Springens in aufrechter 
nnd eleganter Haltung und auch der Sitz war ungezwungen 
und korrekt. Um dem Tiere Hals und Kopf völlig freizugeben, 
wird der ZUgel auffallend lang gelassen, was auf den ersten Blick 
in hohem Grade befremdet nnd wohl auch nur bei totsicheren 
Springern praktiziert werden kann. Erst beim Landen werden die 
ZUgel mit grofser Geschicklichkeit wieder ergrififen.“ 

„Anders die Italiener. Ihr Sitz beim Springen war nichts 
weniger, als gefällig. Der italienische Offizier läfst sich 
von dem Tier hinUbertragen — (das deutet auf einen rein 
passiven, nicht in die Bewegung eingehenden Sitz. Sp.) 
nnd sitzt nicht ans, wie der Franzose. Bestrebt, das Pferd 
beim Springen zn unterstützen, verlegt er sein Gewicht nach 
vorne, indem er auf diese Art die Binterhand entlastet. 
Er glaubt einen Vorteil gegenüber der langen französischen ZUgel- 
fUhmng darin zn besitzen, dafs er dem Tiere die nötige Kopf- 
freiheit durch Vorsohiebung, nicht Erhebung der Fäuste 
gibt nnd die ZUgel so nie ans der Hand läfst, was ja unter 



Digilized by Google 




Die Keaktion io dar Baltkonst 



75 



UmständeD im kapierten Terrain (im Felde pflegt das Gelände 
,knpiert‘ oder ,onbekannt‘ zn sein. Sp.) von Nutzen sein kann. 
Im grolsen and ganzen konnte von einer kampagnemSisigen Dorch- 
geiittenheit der, von den italienisoben Offizieren fast aasnahmslos 
verwendeten irländischen Springpferde, von welchen anffallenderweise 
eine ganze Anzahl hdrbar rohrte*), nicht gesprochen werden. Es 
ging fast keines ein gleichmälsiges Tempo. Man konnte sich des 
Eindmcks nicht erwehren, dafs die Aasbildang der Tiere in der 
Haaptsache in einem höchst einseitigen Drill Ober besondere hohe 
nnd weite Hindernisse bestehe, der stellenweise allerdings ganz er- 
stannliche Höohstleistnngen zutage fördert, dessen Wert indes vom 
(jresiobtspunkte des praktischen Reitens and der kriegsmäCsigen Ans- 
bildnng der Kavallerie ans betrachtet, ein sehr problematischer 
genannt werden mnls. (Ganz meine Ansicht, wie schon dargelegt. 
Sp.) Das Urteil mag ein wenig hart sein, aber es wird sich von 
der Wahrheit kaum weit entfernen.“ 

Letzteres möchte ich dem Herrn Berichterstatter noch ans- 
drOoklich bezeugen, wenn man das. was in und zwischen seinen 
Zeilen zn lesen ist, genau berücksichtigt. Doch möchte ich es hier, 
weil es gerade für die militärische Reiterei von Wichtigkeit ist, noch 
etwas schärfer klaretellen and erläutern. 

Was zunächst den Sitz anbelangt, so stehe ich ganz auf dem 
Standpunkte der Franzosen, welcher identisch ist mit dem der 
alten Sobrschen Reitinstrnktion. 

Hat der Reiter gelernt, durch seinen anirecbten, die drei Sitz- 
pnnkte, Spalte und beide Gesälsknocben gleichmälsig belastenden, 
Sitz unter Ausnntznng des Unterschiebens der Hinterbeine des 
Pferdes durch richtig eingreifende Schenkelhilfen den Schwerpunkt 
der, ans Reiter und Pferd bestehenden, Bewegungsmaschine unter 
den Mittelpunkt des Sitzdreiecks zu verlegen, versteht er die Ge- 
säfshilfen richtig mit den Schenkelhilfen zn kombinieren, d. h. beim 
Unterziehen der Hinterbeine unter den Leib seines Tieres 'seinen 
Gegenbalt durch tiefes Gründen mit der Spalte im Sattel zu finden, 
wie sich dies durch die zurückliegenden, das Untereetzen der Pferde- 

') Das Kohren ist ein bei edlen irländischen Pferden sehr ver- 
breiteter Fehler, der, meist von Behnndlung der Druse mit Drusen- 
pulvern nnd dergleichen herrührend, durch ftJsche Stiillpflege, .Stehen 
nnter Decken in warmer, verbrauchter StaUnft usvi’. noch recht künstlich 
unterhalten wird. Ich habe bei mehreren solcher starken .Rohrer“ durch 
Füttern von stets frischgenäfstem Heu, durch feuchte Hals- und Kehl- 
packungen, Kljstiere usw. viillige Heilung erzielt. S. meine Schrift: »Die 
inneren Krankheiten der Pferde“ bei Schmorl & v. Seefeld in Han- 
nover 4. Aufl. 1904. Rohren und Kehlkopf pfeifen S. 182 — 187. 



Digitized by Google 



76 



Die Beaktion ln der Beltkonst 



beine fördernden Schenkel von selbst ergibt, sein Gewicht aaf die 
Gesäfsknochen aber erst dann voll zn verlegen, wenn das Ab- 
schieben der Hinterbeine seines Tieres begmnt, so bst er den anf- 
rechten, stolzen and doch geschmeidigen Sitz, der keinerlei 
Wippen mit dem Oberkörper nach vor- oder Rückwärts erfordert. 
Das Pferd setzt dann in gewohnter Weise seine Hinterhnfe unter 
den Schwerpunkt oder noch Uber denselben hinaas vor, 
ohne dals seine Vorhand dabei eine besondere Mehrbelastnng erfährt, 
nnd beim Abspringen wird letztere dnrcb die volle Belastung der 
Gesäfsknochen des Reiters, dessen Oberkörper sich, der Erhebnng 
des Tieres entsprechend, zarOckneigt, ohne sich absichtlich znrOck- 
znlebnen, genügend entlastet. 

Jedes Uber diese, ans der richtigen Belastnng des Sattels sich 
ergebende, Haltnng hinansgehende Bestreben, zuerst die Hinterhand 
des Pferdes durch VomUberlegen des Oberkörpers für das Unter- 
setzen der Hinterbeine zu entlasten, dann wieder beim Abspringen 
durch Zurücklebnen des Oberkörpers die Erhebung der Vorhand zu 
begünstigen, führt zu übertriebenen Verlegungen des Schwerpunktes 
der Springmasse, welche den sicheren Sprung des Tieres nnr beein- 
trächtigen können. 

Dagegen stehe ich noch entschiedener, als der Berichterstatter 
auf seiten der Italiener, was die ZUgelfübrung betrifft. Diese 
darf nur in einem elastischen Nachgeben der ZUgelhand 
im Momente des Abspringens bestehen, wobei dieses Nachgeben 
nach dem Gefühl bemessen werden mnls, welches die gesuchte 
Ausdehnung des Pferdehalses dem Reiter in der Hand verleiht, nnd 
darf das Anffangen beim Landen keinen Augenblick in 
Frage stellen. Auch das macht sich in der Praxis viel einfacher, 
als es in der Theorie anssieht — falls das Pferd in den Hanken, 
dem Rücken, wie in Hals- und Kopfhaltung gehörig dnrch- 
gebildet ist. 

Da allerdings, wo Schwierigkeiten in der Genickbiegnng, sei 
es abwärts oder seitwärts, bestehen geblieben sind, Ist ein stärkeres 
Nacbgeben des Zügels, ja, unter Umständen ein gänzliches Nach- 
geben durch Durchschiefsenlassen durch die Hand angebracht, 
eine künstliche Hilfe, die aber, wo sie sich im Moment des Ab- 
springens nötig erweist, ein sehr exaktes Gefühl für die Wieder- 
aufnahme der UnterstUfccung des Pferdes beim Landen erfordert. 
Vollstängig im Gleichgewicht befindliche nnd „totsichere“ Springer be- 
dürfen allerdings gar keiner ZUgelunterstUtzung und zwar 
nm so weniger, je fester geschlossen der Beiter im Sattel 
sitzt. 



Digitized by Google 




Ein deutsoher Qfflslar als einer der Grdlsten unter den Denkerfttrsten. 77 

Doch bin icb nacb meiDen ErfahniDgen der weiteren Aneioht 
dals die höchsten Leistungen auch solcher vorzttglicben Springpferde 
immer nnr durch richtige Untersttltznng mit dem Zügel za 
erlangen sind and dals dabei die einbändige elastische 
Fttbrang aaf Kandarre von grölstem Nutzen ist, was bei Kam- 
pagnesprüngen als selbstrerständlich gelten mnls, wie man das 
aber auch im Zirkas deutlich sehen kann. 

Alle guten Leistungen im Springen aber erfordern eine durch- 
aus freie Tätigkeit der beiden Stränge des grofsen KOcken- 
streckers und das dadurch allein ermöglichte Auf- und Abwölben 
des Kückens, was mit dessen steter mittlerer Anspannung oder 
„Wölbung nach oben“, wie sie die „absolute Beizäumung“ 
berbeiftthrt, unrereinbar ist. 

Das trat denn auch bei den „Konkurrenzspringen“ im März d. Js. 
in Frankfurt a. M. deutlich herror. 

(SchluEs folgt.) 



VI. 

Ein deutscher Offizier als einer der Gröfsten unter den 
Denkerfürsten der Menschheit. 

Von 

Prof. Dr. Mar Schneidewin. 



Den am 5. Juni 1906 gestorbenen PhUosopben Edaard v. Hartmain 
rechne ich aus tiefster Üherzeugung zn dem halben Dutzend der aller- 
grOCsten Namen der Geschichte der Philosophie. Eduard v. Hartmann, der 
am 23. Februar 1842 in Berlin geborene Sohn des in den 1870 er Jahren 
gestorbenen, in den groben Kriegen schon nicht mehr aktiv gewesenen, 
preubischen Artilleriegenerals v. Hartmann, hatte ab Gymnasialabiturient 
von 16 Vf Jahren den Ofnziersberuf selbst erw&hlt und von 1859 bb 
1865 ab Leutnant dem Gardefeldartillerieregiment angehört, bis er so froh 
durch den Zufall einer änberen Verletzung dauernd dienstunfähig wurde 
und seinen Abschied als Premierleutnant nahm. Nichts deutet darauf hin, 
dab er ohne diesen ZwiscbenfaU nicht seinem, mit aller Liebe ergriffenen 
Beruf treu geblieben sein würde, sehr vieles aber deutet darauf hin. 



Digitized by Google 




78 dentsober Offizier aU einer der OrShten unter den DenkerfUrsten. 



dnfs er ein ganz auiserordentlicher Offizier geworden sein würde, wenn 
ihn nicht etwa ein früher Schlachtentod dahingerafft hütte. — was für die 
Geschichte des Geistes und der menschlichen Erkenntnis ein so unerraeblicher 
und unersetzlicher Verlust gewesen wäre, dafs man geneigt sein könnte, 
zu denken, die Vorsehung habe dieses wunderbare GefäCk gottveriiehener 
Begabung durch eine eigentümliche Lebensführung vor der Gefahr früher 
Uinopferung behüten wollen. E. v. Hartmann besafs bei einzigartiger 
Tiefe eine so erstaunlich ieichte Auffassungskraft nach allen Richtungen, 
dazu eine so unermüdliche Ausdauer der Arbeitskraft, dafs er auch als 
aktiver Offizier die Fähigkeit gehabt haben würde, neben voller Hingebung 
an seinen miUtärischen Beruf seinem höchstpersönlichen philosophischen Beruf, 
der ihn mit dämonischer Macht umspannt hielt, zu leben. Seine äuCsere Produk- 
tion, die nun in den vieileicht längsten bändereichen Werken vorliegt, die je 
einer der groisen Philosophen geschaffen bat, würde freilich nicht so grofs 
geworden sein, selbst wenn er seinen Abschied früher genommen hätte als 
es in den Gesichtspunkten einer rein militärischen Ijanfbahn gelegen 
hätte; aber die wichtigsten seiner Schöpfungen, deren Ganzes in einem von 
früh auf ihm fertig vorschwebenden Plan beschlossen lag, hätte er wohl 
doch selbst einem zuerst durch Dienstpflicht bestimmten Leben abgerungen, 
zumal er, der Jahrzehnte lang sein Haus kaum hat verlassen können, 
bei günstigeren Gesnndbeitsbedingnngen seine Tage wohl viel höher hinauf 
gebracht haben würde. Freilich verlangt die Philosophie ihrer Idee nach 
vollkommene Freiheit und legt der Dienst im Heere wie im Staat, wiederum 
seiner Idee n.aeh, gewisse Schranken auf, so dafs dieser geborene philoso- 
phische und zugleich nach seiner Wahl militärische Mann doch in tiefe 
.Schwierigkeiten und Konflikte gelangt sein könnte. 

Aber, wie es sich auch mit allen solchen Möglichkeiten, die durch den 
wirklichen Gang der Dinge eben nicht zur Vollendung gekommen sind, 
verhalten möge, soviel steht fest: E. v. Hartmann, der in gleicher Höhe 
und gleicher Linie mit den Denkern, die der Stolz der deutschen Nation 
.sind, mit Kant, .Schelling und Hegel als der Abschlufs ihrer Reihe steht, 
hatte niemals eine Universität besucht, hatte in den Zeiten seiner Vorbildung 
bis dicht an die Herausgabe seines ersten grofsen Werkes als .Soldatensohn 
und Soldat gelebt. Ich halte dafür, es ist ein grofser Ruhmestitel 
der deutschen Armee, dals aus ihr auch einer der ganz grofsen 
Namen in der Geschichte des Geistes hervorgegangen ist. 

Nun glaube ich aber aus sehr vielen unmittelbaren und mittelbaren 
Beobachtungen den allgemeinen .Seblufs ziehen zu können, dafs unser 
Offizierkorps im grofsen und ganzen die Tatsache von solcher Geistesgröfse 
eines der Seinigen noch nicht kennt und sich daher der auch ihm dadurch 
zufhefsenden Ehre noch nicht bewufst ist. Aus diesem Grunde ist es mir 
von grofsem und besonderem Wert, den folgenden Aufsatz, der den Nach- 
weis der Denkergröfse E. v. Hartmanns sich zur Aufgabe gestellt hat, 
einmal gerade in einer ersten militärischen Zeitschrift veröffentlichen zu 
dürfen. 

Dafs unser Offizierkorps bis jetzt den gewaltigen Leistungen des 
Preniierleutnants a. D. E. v. Hartmann ziemlich fremd gegenüber stehen 
wird, das ist zunächst ans der spezifischen, praktischen und wissenschaft- 
lichen Arbeitsfülle, die es zu bewältigen hat, wohl begreiflich. Aber es werden 
auch gewisse sehr allgemeine Vorurteile gegen den Geist und die Werke 
dieses Mannes an das Offizierkorps herangetreten sein, die es ilim fast als 



Digilized by Googk 




Efai dentseber Offizier ala einer der QrOfsten unter den Denkerflinten. 79 



pflichtmklbig haben eracheinen lassen, ihn von dem Geist und der Gesinnung 
seines Standes fern zu halten. Ohne Hinwegr&nmung dieser Vorurteile ist 
es gar nicht möglich, die Leser dieser Zeitschrift zu einer gutwilligen 
Miterw&gung der Gründe, auf dem das Urteil der GrOihe E. v. Hartmanns 
beruht, einzuladen. 

Gegen diese Vorurteile liefsen sich BSnde schreiben; ich muls mich 
hier natürlich auf das allerwesentlichste beschrftnken. 

Eduard v. Hartmann gilt als Pessimist und als unchristlich, und beide 
Eigenschaften scheinen ihn aus dem in der Armee herrschenden Geiste, 
mag er auch sonst geleistet haben was er will, a limine auszuschliefsen. 

Zunächst: Die Philosophie verlangt ja nie Unterwerfung unter ihre 
Anfstellnngen. sondern freie Prüfung ihrer Gründe. Fremde Meinungen 
und Standpunkte objektiv kennen zu lernen, um sich hinterher nach bestem 
Wissen und Gewissen zu ihnen zu stellen, kann hoher Bildung nie schaden, 
ja es ist sogar eine Forderung an sie. 

Der „Pessimismus* scheint aber Geringschätzung und Verachtung bis- 
her geglaubter Lebenswerte cinzuscbliefsen und gegen freudige Betätigung 
in Arbeit und Kampf für Lebensgüter gleichgültig und stumpf zu machen. 
Es gibt in der Tat in Leben tmd Literatur Formen des Pessimismus, welche 
dem Menschen die Lebensfreudigkeit verekeln und den Nerv seiner Kraft 
abspannen, indem sie ihm alles als eitel und nichts als erstrebenswert 
hinstellen. E. v. Hartmann hat diese Formen des Pessimismus, die er mit 
dem sehr treffenden Namen des „Miserabilismns* belegt, mit aller Energie 
und mit sachlicher Bekämpfung ihrer Gründe verworfen. Sein „Pessimismus* 
hat wesentlich den folgenden Inhalt: Wenn volles Glück erreichbar ist. so 
mufs die Menschennatur die Jagd nach ihm jedem anderen Bemühen vor- 
ziehen. Nun aber zeigt die Erfahrung, dafs gerade die egoistische Jagd 
nach Eigenglück ihr Ziel verfehlt. Der wünschenswerteste Zustand auch 
für das Ich kommt heraus, wenn es in Selbstvergessenheit und Selbst- 
verleugnung, je nach seiner Veranlagung und seiner Stellung im Lebens- 
organismus, nach dem strebt, was in jedem Lebenskreise an sich selbst das 
Gute, das Beste, das Ideale ist. Der starke Seelenfriede dieser Gesinnung 
und die mit ihm verbundene Art der Tätigkeit ist weit besser für das 
Ich wie für das Ganze, als das ewige Drängen nach Befriedigung des 
unstillbaren Glücksdurstes, für den die „pessimistische“ Wahrheit gilt, dafs, 
ihn vorausgesetzt, Unlust doch immer im Übergewicht bleibt gegen Be- 
friedigung. Was hat E. v. Hartmann damit anders umschrieben als was 
sich in ehrenhaftem Verhalten des .Staatsbürgers, des Beamten, des Soldaten 
als der Kern der ihm zugrunde liegenden Gesinnung offenbart? — 

Das alte, grolse Christentum, als die Religion der Erlösung durch Jesus 
Christus und der Heiligung der erlösten Kreatur, erscheint in unserer Zeit 
nicht nur von einem genufsgierigen Lebensmaterialismus, sondern auch in 
anderer Weise gerade von den Höhen der Wissenschaft, und nicht am 
wenigsten der modernen historisch-kritischen Theologie aus als höchst 
zersetzt oder verwässert, es lebt noch am ersten in der Anknüpfung an die 
Einflüsse eines schlichten, gutkirchlichen Konfirmandennnterrichts: in den 
deutschen Soldaten, die zum grol^n Teil ans dörflicher Heimat stammen, 
also viel eher als in den Personen der gewerblichen Stände. E. v. Hartmann 
bringt nun einerseits dem echten Christentum ein volles Verständnis ent- 
gegen, was man wahrhaftig von sehr vielen Gegnern desselben nicht sagen 
kann, was aber bei diesem Philosophen ganz selbstverständlich ist, da einer 



Digilized by Google 




($0 EUn denteober Offizier als einer der GrOlsten unter den DenkerfUrstea. 

seiner hauptsächlichsten Lehrpunkte dahin lautet, dafs der Geist Gottes in 
der Geschichte waltet, also auch das christliche Weltalter im Sinne der 
göttlichen Vorsehung gelegen haben mnCs. Somit wird man bei ihm überall 
Achtung vor der geschichtlich gewordenen Religion und nirgends den wohl- 
feilen, aber abstolsenden Gebrauch unehrerbietiger Waffen gegen sie finden. 
Andererseits ist er durch allseitigste Erwägung und Forschung von der 
Überzeugimg durchdrungen, dafs das Christentum noch nicht das letzte 
Wort der göttlichen Zusammen Wirkung mit dem Uenschengeiste sei, dals 
die Vergeistigung in der menschlichen Vorstellnng des absoluten Wesens 
noch um einen mächtigen Schritt gefördert werden mOsse, um mit der 
heiligen, geheimnisvollen Wahrheit zusammenzufallen. Diesen Standpunkt 
noch Christentum zu nennen verbietet ihm seine Ehrlichkeit, aber diese 
Lehrmeinung trägt ungleich viel mehr von den tiefsten Geistesschätzen des 
alten Christentums an sich als die der zahlreichen Halben, die sich Christen 
nennen nnd sich dabei an einen seichten Allerweltstbcismus und in 
Schwärmerei für einige moderne sittliche Ideen halten. Um sich gegen 
alle Einatmung nnchristlichen Geistes zu schützen, mOfste man sich beute 
schon in einem eisernen Turme einschlielscn ; bei E. v. Hartmann wird man 
jedenfalls im Gegensätze zu irreligiösen Dünsten, die Leben und Literatur 
durchdringen, sich überall von dem Geiste tiefen religiösen und Wahrheite- 
ernstes, von dem Willen gerechten Urteils und Verständnisses umweht 
fühlen. Die Masse ist gewils für seine Schriften noch längst nicht reif, 
aber für die Elite fängt es an, Versäumnis zu werden, sie als nicht vorhanden 
zu betrachten. 

In E. V. Hurtmann war auch in den Zeiten seines Philosophentums, 
das er auf das charaktervollste präsentierte, der Typus des Offiziers keines- 
wegs untergegangen. Keine Wcltweisheit verbot ihm, in seinen gesellschaft- 
lichen Sitten der Tradition seines Standes getreu zu bleiben, die sich bei 
ihm mit dem Literatencbarakter ersten Ranges zu einer edlen Einheit 
verschmolz. Kriegsgeschichtliche imd kriegstechnische Kenntnisse besals er 
im höchsten Grade: die Fragen unserer Wehrmacht zu Wasser und zu Lande 
waren für ihn von aktuellstem Interesse, nnd oft ist er mit seiner geistes- 
mächtigen l'eder für ihre wahrhaft patriotische Lösung eingetreten. Im 
Tone seiner Stimme und an seiner Aussprache hörte man den geuussen un- 
verkennbaren einheitlichen Charakter der Sprache unseres Offizierkorps, in 
entschieden hauptstädtischer Nebenfärbung. In seinen politischen und 
staatswirtschaftlichen Arbeiten, die höchst bedeutend, wenn auch für den 
philosophischen Systematiker doch nur Nebenwerk sind, wird der deutsche 
Offizier schwerlich etwas finden, woran sein Korpsgeist Anstois nehmen 
könnte, obgleich die philosophische Betrachtung ja nie ausdrücklich die 
irgend welchen Korpsgeistes sein kann, wohl aber wird er unermelsliche 
Anregung und Belehrung aus ihnen schöpfen können. In einer grolsen 
Hauptsache trifft der Geist des Offizierkorps mit dem philosophischen Geiste 
seines einstmaligen Kameraden wunderbar zusammen: in der stahlharten 
Forderung, die Kräfte im Dienste eines höheren Ganzen bis zu den Grenzen 
des Möglichen anzuspannen, und in dem Opfermute, das Leben einzusetzen 
für überpersünliche, in letzter Instanz von der göttlichen Vernunft selber 
gesetzte höchste Zwecke. 

Der folgende Aufsatz war zunächst für eine unserer ersten im Dienste 
hoher Allgemeinbildung stehenden Zeitschriften gedaclit: erst nach seiner 
Vollendung kam mir der Gedanke, daCs ihm die Ehre er^^iesen werden 



Digitized by Google 



Ein deatacher Offizier als einer der QrOlsten unter den Oenkertlirsten. gl 



könnte, sich an den ursprünglichen Beiufsstand des entschlafenen greisen 
Denkers wenden zu dürfen. Eine Brücke zwischen |dem Offizierkorps und 
einem seiner Zugehörigen, den das Lebensschicksal und angeborenes Genie 
in die Gefilde höchster Theorie versetzt hatte, zu schlagen zu suchen schien 
mir noch viel wertvoller, als zn einem nnbestimmten allgemeinen Publikum 
zu sprechen. Das Spezifische des Offiziercharakters des Helden der Dar- 
stellung tritt demgemäCs nun zurück. Eine Monographie ,E. v. Hartmann 
als Offizier“ wäre eine sehr lockende besondere Aufgabe, die vielleicht 
einmal einen Bearbeiter findet. Aber die Aufgabe, den ganzen Mann in 
seiner GrOlse als eines Fürsten der Denker für die Menschheit im Umrils 
zu zeichnen, mulste ihr doch vorangehen, wenn jene andere Aufgabe im 
Hinblick auf einen Lebenslauf mit ein paar Dienstjahren Oberhaupt erst als 
berechtigt empfunden werden soll. 



Der am 5. Juni oach längeren Leiden entschlafene „Philosoph 
des Unbewnlsten“ wird nach meiner Überzengnng als der erste 
seit Scbopeubaners Tode einmal wieder ganz Grofse in dem 
Urteil der Geschichte za dem obersten Datzend der grölsten Mensoh- 
beitsdenker Übergeben. Jetzt wird ihm das noch von vielen 
Seiten bestritten werden, da die Zahl der wirklichen Kenner seiner 
in Snmma sehr, sehr hohe Anforderongen an ihr Stodiom stellenden 
Leistangen noch gering ist, von diesen wenigen aber mit am 
so grölserer Begeisterong zagebilligt werden, loh will mein 
Prognostikon einer Unsterblichkeit allerersten Ranges tttr E. v. Hart- 
mann karz aas den entscheidendsten Gesichtspankten za begründen 
Sachen, wobei ich mir ja freilich der Unmöglichkeit bewnlst bin, in 
solchen Fällen Tatsachen anstatt des Eindracks and der Beorteilong 
von Tatsachen zam Beweise anzalUbren. 

Die allergrölsten Philosophen sind ihr ganzes Leben, aber baoh- 
stäblicb aach jeden wachen Aagenblick ihrer Existenz, Ja oft bis in 
den tiefsten Traam hinein, von dem philosophischen Dämon besessen 
gewesen. Dieser aber besteht in dem von aller Willkttr anab- 
bängigen Drange, die antersten Tiefen and obersten Höben, die 
weitesten Zasammenfassangen and die vollkommenste Gliederang 
der Erkenntnis unter sich za zwingen, und zwar nicht der Erkenntnis 
irgend welcher noch so interessanter Gebiete nach freier Wahl einer be- 
sonderen Neigung, sondern des Erkenntnisobjektes ttberhaapt, des in and 
mit dem eigenen Selbst Gegebenen und des um und aalser ihm Seienden. 
Dies alles aber nicht nur am der Befriedigung der Wilsbegier wilien, 
sondern aas dem Notzwange des ganzen Wesens, also von Kopf 
and Herz, mit der letzten Spitze des Sachens nach einer absolut festen 
Antwort auf die Frage, wie der Mensch leben, was er als Be- 
stimmang der Menschheit erfassen soll. Diesen Geist nun, den man 

JakrVftehvr fBr di« daoUok» Anne* aad Uailat. No. 424 , ö 



Digitized by Google 




g2 £!■> dentaeber Offizier als einer der GrOtsten nnter den DenkerfUraten. 

vor allem fühlen mnls, nm sich mit echtester Philosophie in Ver- 
bindung zn fohlen, atmen die Werke E. t. Hartmanns dnrch nnd 
durch, nnd doch wieder in einer ganz persönlichen Harke, die sich 
bei Gleichheit des Wesens doch ganz nnverkennbar ron den wiederum 
nnter sich verschiedenen der anderen gröfsten Denker nnterscheidet. 
Es ist ein merkwürdiges Geheimnis im Geistigen, dals in der Philo- 
sophie das Sachliche ansdrücklich vor jeder Beeintrilchtigang dnrch 
persönliche Färbung bewahrt werden soll nnd doch anderseits um 
so ansdrncksToller znm Geiste spricht, je entschiedener es zugleich 
von einer immer in ihrer Art einzigen Liebe eines grolsen Menschen 
zur Wahrheit nnd einer ganz besonderen Art in seinem Suchen nnd 
seiner Darstellung des Gefundenen erzählt. 

Der philosophische Geist ist eine sehr unvollständige Gabe der 
Natnr, wenn nicht alle besonderen Geisteskräfte des Menschen, in 
dem er lebt, wie zn einem vielseitigen Talent im Dienste jenes 
Gmndtriebes organisiert erscheinen. Bei E. v. Hartmann ist das 
aber auch in wunderbarem Grade der Fall. Von seiner wirklich 
erstannlich reichen nnd mannigfaltigen Mitgift bat er schöne nnd 
produktive Talente zn Malerei nnd Mnsik schon in der Jugend 
fallen lassen, als ihm über seinen philosophischen Beruf die Klarheit 
anfging. Jeue andereu, dem philosophischen Geiste dienstbaren 
Talente müssen zunächst von der Einheitlichkeit eines grofsen Ver- 
standes durchdrungen sein. Ohne Kenntnis nicht nur der zn allen 
Zeiten gleichmälsig sich anfdrängenden gröfsten Daten des Welt- 
Charakters, sondern auch der Hauptergebnisse der wissenschaftlichen 
Einzelforscbnng auf allen Gebieten iäfst sich nicht philosophieren, 
wenigstens nicht anders als znm anspruchslosen Hansgebranch eines 
jeden. E. v. Hartmann besafs den Verstand, der sich die wissen- 
schaftliche Arbeit anderer — für die Philosophie eine Hilfsarbeit — 
kritisch unterwirft, in ganz eminentem Grade. Von den ersten 
Meistern in je einem grofsen, aber doch schon speziellen Fach ist 
er immer mehr als ihnen al pari stehend anerkannt worden, z. B. in 
der Biologie, der theoretischen Physik, der Psychologie, der Reiigions- 
gescbicfate, der Ästhetik, der Volkswirtschaftslehre, sogar auch dem 
Okkultismus. Aber wenn jene nnr immer in einem einzigen For- 
Bchnngskreise das Höchste der erreichten Einsicht repräsentieren, 
so dieser mit Geistesgaben wahrhaft überschüttete Mann auf ihnen 
allen nebeneinander. Von der spielenden Leichtigkeit, mit der er 
subtilste fremde Forschungen sich hat aneignen können, er, 
der z. B. — von seiner Charakteristik sämtlicher Metapbysiker aller 
Zeiten nnd ihrer Systeme ganz abgesehen — die Lebensarbeit von 
Ober zwei Dutzend wissenschaftlichen Psychologen und gegen fünfzig 



Digili, 



Ein deutaober Offizier ala einer der QrObten unter den OenkerfUrsten. gg 

Biologen der beiden letzten Menscbennlter beherrscbt — von dieser 
Fassnngskraft habe ich mir nie annähernd einen Begriff machen 
können. Ich wUlste nicht, welcher aller grolsen Philosophen ihm in 
dieser Beziehung gleich zn stellen wäre, da Aristoteles and Leibniz 
ja in der Beberrscbnng des Wissens ihrer Zeit es so nngleich weniger 
schwer batten. 

Der Philosoph von typischer Gröise allerersten Ranges lälst 
sich aber auch durch nichts von seinem, eben in nnnnterbrocbenem 
Gange befindlichen Erkenntnisgescbäft abziehen. E. v. Hartmann 
wurde durch keine sinuiichen Bedürfnisse zn Zerstreuungen, durch 
keine Eitelkeit zn gesellschaftlichem Glänzen, durch keinen Ehrgeiz 
zu korporatiren Betätigungen abgelenkt. Das pbysiolog^che Mals 
seiner täglichen Arbeitskraft war freilich infolge seiner körperlichen 
Zartheit und des bestimmten Leidens, welches ihm die Erfrischung 
durch körperliche Bewegung verbot, im Verhältnis zu der Leistungs- 
fähigkeit der eigentlichen gelehrten Danersitzer recht beschränkt, 
da es sich auf sechs Stunden täglich gegen die vierzehn Stunden 
der letzteren bescheiden mulste. Der übrig bleibende grolse 
Teil freier Tageszeit war für E. v. Hartmann absolut zur Aus- 
spannung von angestrengtester Denkarbeit nötig, wenn nächtlicher 
Schlaf in das aufgewühlte Gehirn einkehren sollte. Das spontane 
Wogen mächtiger Gedanken ebbte dann gewifs nicht ab, aber an- 
greifend ist ja nur die Gebimtätigkeit, die wider das von selbst 
anitanohende Gedankenspiel, gegen den Strom, gezwängt wird. Und 
diese Art des Geistesflotens verstand E. v. Hartmann, gewifs mit 
Absiebt und Übung, einigermalsen „unter der Schwelle“ zn halten, 
so deils er Besuchern und seiner Familie nicht im mindesten zerstreut 
und traumverloren erschien, wie mir das z. B. bei Hermann Lotze 
eigentlich immer so vorkam, dafs er es wäre. Wenn aber einmal 
das Menschliche irgend einen Tribut verlangt, so brachte ihn 
E. V. Hartmann im Scbolse seiner Familie ihm dar, der er ebenso- 
sehr das liebevollste wie das geistig leitende Oberhaupt in dem 
Mafse war, dafs ich glaube, der bonns pater familias ist in keinem 
der grofsen Weltlehrer so sehr mit der Denkerpersönlicbkeit ver- 
schmolzen gewesen wie in ihm. 

Über dem grolsen Verstände und der vollen Hingebung der 
Seele an ihre Lebensidee mnfs aber bei den gröfsten Philosophen 
noch der Gipfel der Genialität und ureigenen Entdecknngssinnes hoch 
Ober die Zone des Normalmenscblicben und selbst der spezialwissen- 
scbaftlicben Meisterschaften in den göttlichen Äther empurragen. 
Nicht, als ob die Philosophie absichtlich auf Originalität um jeden 
Preis ansgehen dürfte, ira Gegenteil würde sie damit ja ihre oberste 

(j* 



Digitized by Google 




34 denUcber Offizier aU einer der Gröfeten unter den Denkerftlrsten. 

Pflicht, die der Wahrheitsliebe, rerfälscben. Die Philosophie strebt 
ja einem Zustande zn, von dessen Erreichung an es keine nenen 
Originalpbilosophen mehr geben soll, indem es bei der wirklich er- 
kannten Wahrheit für immer sein Bewenden haben mafs. Das 
Bedürfnis nach nener Wahrheitsentdecknng mttlste sich dann inner- 
halb des Rahmens der einmal feststehenden Grandwahrheiten, die 
der Inhalt der höchsten Philosophie wären, betätigen nnd würde 
bei der Unerschöpflichkeit der Welt schon nie des Stoffes ermangeln, and 
der Drang, sich ansznzeicbnen, mUfste sich selbst bei philosophischen 
Naturen aut ganz andere Gebiete als die der Granderkenntnisse 
werfen, an denen nichts mehr za rütteln wäre. Zugegeben aber, 
dals das Leben der Menschen unter der Herrschaft dieses Zustandes 
an einem gewissen Reiz verlieren würde, so würde die allgemeine 
tiefe Seelenrahe auf nicht mehr zu erschütterndem Boden, der bisher 
(and niemals mehr als in unseren jetzigen Zeiten) immerfort von 
Erdbeben heimgesucbt wurde, auf der Wagscbale des Lebenswertes 
den Verlust mehr als ausgleicben, während die menschliche Regsam- 
keit doch durch die mächtigsten inneren nnd äufseren Gründe ira 
Gange erhalten werden würde, ln Wahrheit sucht die ungeheuere 
Bewegung der Geister in unserer Zeit gar nichts anderes, als. 
in grolser Vennehrnng und gänzlicher Neugestaltung der 
Erkenntniselemente zu einem glaubhaften Gesamtsysteme, dasselbe, 
was das Mittelalter annäbemd in der Einheit des katholischen 
Glaubens zu grofsem Vorteil seines Lebenswertes besafs, und alle 
die unruhigen Geister, welche sich einbilden, die Bewegung nm der 
Bewegung, und nicht um ihres Zieles willen zu lieben, und welche 
durch die Rolle, die sie in der Bewegung spielen möchten, zu diesem 
Irrwahn verleitet werden, sind doch nicht imstande, auf die Dauer 
die uralte Menschenrernunft über den Sinn des philosophischen 
Strebens zu tänschen. Doch bis zu unserer Zeit sind allerdings die 
etwa plausibelen Möglichkeiten der Welterklärung nnd Lebensdentnng 
noch nicht sämtlich durchdacht und endgültig mit einander anf ihr 
BegrUndetsein verglichen, so dafs also die philosophische Originalität 
noch in vollem Preise steht — anlser derjenigen, die sich durch 
ehrgeizig eitles, krampfhaftes Lechzen nach dem auf alle Fälle doch als 
unplansibel geborenen Originellen mit Unrecht in die Tafel der mög- 
lichen letzten Worte einzeichnet. 

E. V. Hartmann war es jedenfalls gegeben, mit Genie eine grofse 
und, wie sich beransstellte, allumfassende Konzeption zu fassen, 
dnrch welche der Bestand der philosophischen Systematik um eine 
gänzlich neue Nummer erhöbt wurde und auf das Objekt aller 
Philosophie ein gänzlich neues Licht fiel. Es liegt mir aber daran; 



Digitized by Googie 



Ein dentsober Offizier zia einer der Grorsten nnter den DenkerfUrsten. g5 

noch einmal mit Entsobiedenheit za betonen, dafs hier nicht das 
Nene als Neues gepriesen werden soll, wie in der Mode and den 
dem Geist der Mode Teriallenden Prodaktionen der Eitelkeit, welche 
der gesnnden Vernnnft oft den Atem abschnttren, sondern ein Neues, 
das wirklich ans den Nöten der Aufgabe der Philosophie geboren war 
und sich den Philosophierenden als eine woblbegrtlndete Frage, ob 
sie nun diesen Weg einmal mitgehen wollten, anbieten konnte. Das 
Bewnlstsein als konstitnierendes Merkmal des Geistes anznsehen, 
war ans noch immer eine so selbstrerständliche Voranssetznng, dafs 
wir gar keinen Anstofs daran nahmen, sie eigentlich aller früheren 
Philosophie zngrnnde liegend zn finden. E. v. Hartmann aber er- 
kannte als Jüngling, dals in allen Klassen der Vorgänge des mensch- 
lichen Geisteslebens, also besonders der sinnlichen Wahmehmnng, 
dem Wollen, dem Denken, die grölsten Lücken klaffen, die nicht 
durch das Bewnfstsein aasgefüllt sind, deren wirkliche Entleertbeit 
von Geist, also Vorstellung und Willen, aber alles bewufste Er- 
lebnis im Entstehen auseinander fallen und gar nicht zustande 
kommen lassen würde, da indirekt zu beweisen war, dals ihre Aus- 
fttlinng durch die Funktion eines angeistigen Mechanismus die fertig 
vorliegende Tatsache des bewnfst Geistigen gar nicht ermöglichen 
würde. Er führt die Hypothese des Wirkens unbewulster Geistigkeit 
einerseits bis tief in die organische und selbst anorganische Natur 
herunter, anderseits bis zn der letzten substantiellen Einheit der 
Welt hinauf. Wer da glaubt, dafs die Welt, wie wir sie jetzt 
kennen, die sich so weit ans dem meinetwegen anzunehmenden Zu- 
stande rotierender Umebel entfernt bat, aus dem Spiel der Eigen- 
schaften der Nebelteilchen begreiflich ist, also alle materialistische 
Philosophie, mufs sich von dieser E. v. Hartmannseben Konzeption 
a limine abwenden. Werdas aber nicht glaubt, also alle idealistische 
Philosophie, setzt den Geist als Herrscher über die Massen ein, mufs 
ihn aber ferner, um an ihm eine wirkliche Macht zu haben, mit dem 
Realen gleich setzen, das von der Kategorie der Snbstanz erfordert 
wird. D. b. wer das in der Tat schwer zu vollziehende Kunststück, 
an den Materialismus zu glauben, nicht fertig bringt, der muls die 
Welt ans der Allgegenwart Gottes begreifen, Gott selber aber als 
das Urwunder in Ehrfurcht und Bescheidung binnehmen. Die Vor- 
stellung dieser Allgegenwart nun aber vollzieht der Mensch in der 
Kegel nach dem ins unendliche potenzierten Bilde seiner selbst und 
belädt den menschenähnlichen Gott mit der unendlichen Kontusion un- 
endlich verschiedenen gleichzeitigen Geistesinbalts. Das philosophische 
Nachdenken bat immer getttblt, dafs dem dichtendes Denken nach 
dem Typus des menschlichen zugrunde liegt. Dieses kann sich von 



Digitized by Google 




gg Ein deatsoher Offizier als einer der GrOfsten nnter den DenkerfOrsten. 

seioeni jedesmaligen Objekt nnr nnter der Bedingnng aasfflllen 
lassen, dafs es alle anderen Objekte znrUcktreten läist, Allgegenwart 
ist mit der Zweibeit von Subjekt und Objekt nicht vereinbar. Sie 
ist ftlr das menschliche Ich ein in Gedanken nicht von fern nach- 
znbildendes anergrttndlicbes Geheimnis Übermenschlicher Art von 
Geistesexistenz, ihre Tatsächlichkeit liegt licht am Tage, ihr Wesen 
ist das Mysterium der Mysterien. E. v. Hartmann non hat fbr 
dessen unterscheidendes Merkmal eben das negative des Unbewafst- 
seins konzipiert, sofern unser Bewnlstsein das ans isolierende, das 
In-allem-sein, was Gottes sein mnfs, verhindernde Moment ist. Das 
Bewafstsein ist so das Wesen des individuellen Geistes, aber die 
Schranke alldnrchdringenden Geistes. Die Aligegenwart Gottes ist 
damit von menschlicher Ebenbild licbkeit entkleidet, sie ist von 
dieser aber nnr negativ in klarer Bestimmtheit abgegrenzt, in 
sich selbst ist sie das ftlr den Menschen darcbans mystische Ursein, 
das alles nmfängt, in dem wir leben, weben und sind. Dieser Ge- 
danke verwandelt das ganze theoretische nnd praktische Gmndgeflthi, 
in dem wir leben, ist also ein Philosophem von denkbar mächtigster 
Bedeutang. Das sich einem menschenähnlichen Beobachter, Herzens- 
kundiger nnd Richter GegenUberftthlen, schwindet damit allerdings 
dahin, es mnfs in seinen heilsamen Wirkungen anderweitig ersetzt 
werden, das sich in dem Urquell alles Seins Fühlen aber wird auf 
diese Weise wunderbar gewährleistet — es bat mir immer sein am 
meisten analoges Biid in dem Sein aller geometrischen Gebilde in 
der Vernunft ihrer Gesetzlichkeit — , nnd jener Ersatz wird wohl von 
hier aus, oder aus rein nnd spezifisch ethischer, sich an die Erfahrung 
anscblielsender Betrachtung zu gewinnen sein. 

E. V. Hartmann setzt nun aber auch das weltliche Sein noch 
in eine weitere Verbindung mit seinem göttlichen Kern als in diese, 
dals es nur von der Gotteswirkung in ihm bestimmt, getragen und 
gehalten wird. Gott bedarf seiner auch, und es ist ihm eine Not 
nm das, was durch das Weltsein zu seinem reinen Gottessein bin- 
zukommen soll, der Weltprozefs ist nach E. v. Hartmanns Paradoxie 
doch ein neuer Erobemngszng des alibesitzenden Gottes. Was wir 
als Menschen haben, das ins Bewafstsein gehobene Weltbild mit 
seinem vielverscblnngenen Beziehungsnetz der Kreatur, das hat Gott 
als solcher nicht, da es ihm, der ihm wesenhaft einwohnt nicht 
gegenständlich gegenUbersteben kann, er will es eben durch uns und in 
uns haben. Die Welt sollte sich in einem Aufwärtsgange aus der 
blolscn Potenz des Mutterschofses der Materie zn immer diffe- 
renzierteren Formen steigern bis zu den subjektiv-idealen Welten, 
welche die Menscbengeister binznscbafien, nnd der Einen ihnen allen 



Digiiized by Google 



Ein deatseher Offider als einer der Grisreten nnter den DenkerfUraten. 87 

gemeiasamen objektir realeo, darob die sie miteinander in Verbindung 
stehen. Ein Bedürfnis Gottes zur Weltsohöpfdng kennen ancb andere 
Pbilosphieen, nämlich in seiner Liebe, die zar Mitteilung aus sich 
heranstreibt, and aus seiner Ehre, die im Geschüpf verherrlicht sein 
will. E. V. Hartmann nimmt es mit der Frage des Schüpfungsmotivs, 
auf welche in der Tat die Vernunft trotz aller neukantisohen Warnung 
vor Transscendenz nicht verzichten kann, sehr ernst und findet sich 
durch die Lbsung eines GeselligkeitsbedUrfnisses oder einer Ebr- 
liehe Gottes nicht befriedigt. Er bat einen ganz originellen Ge- 
danken, um zu begreifen, wieso denn Gott nicht weltlos in seinem 
Wesen Genüge haben könne. Ans Millionen peripherischer Angen 
die Welt m zerstreuter Vielheit zu schauen, das könnte kein Pins 
sein gegen den wesenhaften Besitz, in welchem er sie in Eins hat. 
Das wäre ein Schauspiel, aber ach! ein Schauspiel nur. Oie Welt- 
setzung aus Liebe zu den erst zu schaffenden Wesen anzunehmen, 
verbietet ihm aber der Gedanke, dals noch nicht seiende Wesen 
kein Bedürfnis znr Existenz haben, nnd sodann der tatsächlich leid- 
reiche Zustand der seienden. Der eigentümliche Gedanke E. v. Hart- 
manns ist nun aber, dals in Gott Vorstellung und Realisierungs- 
wille als stets znsammenfallend zu denken sei (so er spricht, so 
geschieht’s), die Selbständigkeit der Idee gegen den Willen, also 
auch die Herrschaft Uber ihn, durch bewnlste Vernunft, also eine 
kreatUrlicbe Welt von Persönlichkeiten, bedingt sei. Dies führt dann 
weiter zu der E. v. Hartmanns ganz eigentümlichen Annahme, dafs 
bei der uranfauglichen Erhebung des zeitlos in der Potentialität 
ruhenden Gotteswillens die göttliche Vernunft nicht beteiligt gewesen 
sei, als welche nur in der Diremtion des Intellektes vom Willen 
im endlichen Individuum hemmend wirken könne; sonst hätte sie die 
Yertauscbung des ewigen göttlichen Urstandes mit einem sowohl un- 
logischeren wie unseligeren verhütet. Daran spinnen sich denn 
die Lehren von der Endlichkeit der Welt in der Zeit ante und post 
und von der teleologischen Wirksamkeit der Gottesvemuntt in der 
natürlichen wie in der geistigen Entwickelung des weltlichen Daseins 
zum letzten Ziele, der Wiederbringung aller Dinge in Gott. Soviel 
Millionen Jahre und soviel nnermeislichen Kraftaufwand in Millionen 
Fixsternen und Planeten freilich, um einen einzigen unbewachten 
Moment, den Grenzmoment zwischen Ewigkeit und Zeit, wieder gut 
zu machen, das hat mir nie einiencbten wollen, gleich wie wenn 
einer, der ans Versehen ans seinem Hause trat, verurteilt wäre, 
nun erst um die gauze Erde hemmzugehen, um znrUckznkehren : 
aber E. v. Uartmann kleidet jene oben skizzierten allergröfsten Um- 
risse seiner Weltdeutung mit so unsäglicher Fülle der Dialektik und 



Digitized by Google 




88 



Umschtu, 



der an die Erfabmng anknOpfenden BeweiafUhrnng ans ond wendet 
sie 80 folgerichtig nnd beziebungsreich anf alle anch in sonstiger 
sachlichen Unbefangenheit Ton ihm beherrschten Gebiete der Katar 
and des Geistes an, dals tttr Genialität nnd Originalität eines doch 
nur ant die sachliche Wahrheit gerichteten Philosophierens in dem 
labyrintbiscben nnd doch dnrcbsicbtigen Riesenban seiner Werke der 
grandioseste Beweis gefllbrt ist and das Nachdenken der ihm folgen- 
den Leser wie nnr von irgend einem der allergrOlsten Systematiker, 
wie Ton einer Magie gefesselt wird. Hätte eines der groben 
Systeme der Vorzeit die volle Wahrheit selbst erfalst, so hätte ihm 
fOr alle Zeiten kein weiteres folgen dürfen; dafs aber jedes von ihnen 
seinen differenten Nachfolger gehabt bat, verzeiht man doch allen 
wegen ihrer Absicht and der in ihnen niedergelegten GebtesgrOlse: 
wamm sollte man es denn znr Verarteilnne des E. v. Hartroannschen 
Systems in blanco kehren, dais voranssichtlich anch nach ihm das 
Philosophieren weiter gehen wird? 

(Schlub folgt.) 



Umschau. 



Dentschland. 

NeaeKeldbe- Die nene Vorschrift bat die Lehren, welche der mssiscb- 
japanische Krieg in der Herstellnng and Verwendung künstlicher 
Deckungen so reichlich gegeben bat, bertlcksichtigt Besonderer Wert 
ist anf flache and tiefe Gräben mit steiler Böschung and von flacher, 
wenig hervortretender Form gelegt. Die Schützengräben sind nach 
Möglichkeit zu maskieren nnd die Anfinerksamkeit des Gegners 
durch Scheinanlagen abznlenken. Anch fllr die Reserven sind 
Deckungsgräben berznrichten, weiche durch Zickzackgräben mit den 
~ Scblttzengräben za verbinden sind. Untertreträame, Splitter- and 
Schalterwehren werden empfohlen. Kttr das Eingraben der Feld- 
artillerie sind verschiedene Arten eriäntert Bindende Vorschriften 
fbr Abmessangen, Grondriis, Qnersobnitt and Linienfhbmng sind 
nicht gegeben. Überall wird Anpassung an das Gelände and an 
die besonderen Umstände gefordert. (Berliner Neueste Nacbricbten.) 



Digilized by Google 




UmsohM. 



89 



In der „Revne militaire snisse“ vom 9. September bringt der 
Cbroniqnenr allemand in einem Artikel Uber das nene deutsche Fnfs- 



artillerieexerzierreglement folgende Angaben Uber die deutsche 
schwere Feldbanbitze mit Rohrrttcklanf: 

15 cm-Hanbitze mit Rohrrttcklanf System Krupp L/12. 

Grewicht des abgeprotzten Geschützes . . . 2100 kg 

GescbUtzfabrzeng ohne Munition 2600 „ 

Die Protze enthält 10 Schafs 

Der Mnnitionswageu enthält 36 „ 

Geschols: Brisanzgranate mit Az m. nnd o. V. 

Httcbstladnng 0,25 kg 

Vo 300 m 

Arbeitsleistnng 188 Mt 

Grölste Scbnfsweite 6870 m 



Angaben 
Ober die 
schwere 
Feld- 
hanbitze. 



Hofientlich bietet sich bald Gelegenheit, diese Haubitze mit 
ständig kurzem Rohrrttcklaut dnrch solche mit ständig langem zn 
ersetzen. Die obigen Zahlen sind interessant zum Vergleich mit 
denen der neuen französischen 155 mm - Haubitze Kimaiiho der 
schweren Artillerie des Feldheeres, welche im letzten Heft mit- 
geteilt sind. 

ln der Depesche werden die neuen deutschen Militärfordernngen 
besprochen. 350 Millionen seien in 2 Jahren fttr Übungen der forderangen 
Reserven nnd Landwehr gefordert geworden. Im vergangenen Jahre seien und Umbe- 
26000 Unteroffiziere nnd 229 000 Mann einbemfen worden, in diesem Jahre 
sollten 36000 Unteroffiziere und 326000 Mann eingezogen werden. 

Fttr die Umbewaflnnng seien 187 Millionen gefordert. Der Kredit fttr 
das kommende Jahr sei vermehrt worden, weil die Krisis der Um- 
hewaffnnng verkürzt werden solle. 8 Armeekorps seien bereits mit 
dem Material ansgerttstet. Bahn. 



Österreich-Ungarn. 

ln der AnsrUstnng seiner Feldartillerie mit Haubitzen M/99 in 
Federspornlafetten begriffen, ist Österreich-Ungarn neuerdings in 
Versuche eingetreten mit Haubitzen mit veränderlichem Rohrrücklauf. 

Die Versuche sind erst neueren Datums und noch nicht abgeschlossen, 
so dals zn erwarten steht, dafs auch ständig langer Rohrrttcklanf 
versucht werden wird. 

Man ist gegenwärtig in Fahrversnche eingetreten mit 15 cm- 15 cm-Hau- 
Hanbitzen in Schmalspnrlafetten fttr den Gebirgskrieg. Es ist 
selbe Gesohtttz, welches in der Batterielafette znr schweren Artillerie kriegs. 
.des Feldheeres gehört: Die Geleisebreite nnd die Fenerböbe be- 



Robr- 

rUcIdauf- 

Haubitzen. 



Digitized by Google 




90 



Umschau. 



Vermehrung 
der Trupj>en 
in Dalmatien 



Steigerung 
des KrieCT- 
budgets bei 
den auCser- 
ordentlichen 
Ausgaben. 



tragen nur je einen Meter. Diese geringe Spurweite soll das 6e- 
scbtttz befähigen, anch im Gebirge fortznkommen. Die geringe 
FenerhOhe vermehrt die Standfestigkeit. Kohr nnd Lafette wiegen 
zusammen etwa 1100 kg. An Geschossen sollen verwendet werden: 
eine 39 kg schwere Minengranate mit 6 kg Ekrasit, ein 37 kg 
schweres Schrapnell gefüllt mit 380 — 24,5 g schweren Kugeln und 
eine Kartätsche. Die Patrone ist achtteilig, die gröfste Schotsweite 
etwa 6000 m, die grbfste Anfangsgeschwindigkeit etwa 300 m; 
die des leichteren Schrapnells mofs grOfser als die der Granate sein. 
Bemerkenswert ist, dals das Schrapnell auch im Bogensohnls er- 
fenert wird. Mit demselben kann deshalb anch gegen hochgelegene 
Ziele gewirkt werden. Je 4 Haubitzen, die Mnnitions- und Ver- 
waltungsfabrzenge bilden eine Batterie. 

Anch die 10 cm-Hanbitze (Kaliber 10,4) besitzt eine Scbmal- 
spnrlafette für den Gebirgskrieg. 

Im kommenden Frühjahr werden ans Anlafs der Aufstellung von 
ans Italien stammenden Positionsgeschützen am Lovtschenberge in 
‘Montenegro die Truppen in Dalmatien namhaft verstärkt werden 
durch Truppen, welche von der russischen Grenze fortgezogen 
werden. Sebenico nnd Kagusa sollen in moderne Festungen nm- 
gewandelt werden, ln Kagusa wird eine neue Gebirgsbrigade zu 
8 Bataillonen aufgestellt. Nach Sebenico kommt Festnngsartillerie. 
Boccbe di littaro erhält weitere 3 Bataillone Infanterie. Das 
Generalkommando des X. Armeekorps kommt von Przemysl nach 
Laibach. (V'oss. Zeitung.) Bahn. 



Italien. 

ln einer Bankettrede in Catania hat der Schatzminister Majorana 
Erklärungen abgegeben, die auch über den militärischen Teil des 
Programms der Regierung recht Interessantes bringen. Eine Steige- 
rung der ordentlichen Ausgaben des Kriegsbndgets tritt zunächst 
nicht ein. Das ist anch erklärlich, da nach der Vermehrung des 
Ordinarinms nm 11 Millionen vom Finanzjahr 1905/06 ab, behufs 
Beseitigung bzw. sehr durchgreifender Abkürzung der Rekruten- 
vakanz, eine Vermehrung, die man als eine dauernde betrachten 
ranls, mit dem Ordinarinm einigennalsen ansznkommen ist. Dagegen 
soll nach Majorana auf 10 Jahre eine Steigerung des bisherigen, bis 
1907 auf 16,6 Millionen festgesetzten — nnd im Budget 1906/07 
in gleicher Höhe verlangten — Betrages nm 4 Millionen erfolgen. 
Dann käme man, nachdem das Ordmarinm im Finanzjahr 1905/06 
nm 1 1 Millionen gesteigert worden, auf die Summe von 290 Millionen Lire, 
davon rund 20 im Extraordinarium nnd 36 Millionen für Pensionen. 



Digitized by Google 



Umsobaa. 



91 



Da die Steigerung des Ordioariams 10 Jahre dauern soll, so rer- 
fUgte die Heeresrerwaltnng also Uber 10 X 4 = 40 Millionen Lire 
ln den 10 Jahren mehr nnd im ganzen Uber 10 X 20 = 206 Millionen 
Lire. Die Vermehrnng nm 40 Millionen in 10 Jahren erscheint recht 
gering gegenüber dem inhaltsreichen Programm, das General Vigano 
dem Vertreter des Corriere della Sera gegenüber entwickelt hat. 

Majoranas Erklärung bestätigt aber unsere Behauptung — gegen- 
über Nachrichten, die ron 350 — 400 Millionen sprachen, die Vigano 
fordern werde — es könne sich nur nm eine wenig beträchtliche 
Steigerung des Extraordinarinms handeln. Mi^oranas Erklärungen 
in Catania berührten auch die Verbesserung der Lage der Unter- 
offiziere nnd der Carabinieri. Was die Pläne nach der letzt- 
genannten Richtung anbetrifft, so können wir beute schon mitteilen, 
dals die Verbesserung der Lage der Carabinieri erreicht werden 
soll durch 1. Erhöhung der Besoldung, 2. Vermehrung der Marscbali- 
stellen, 3. Errichtung einer Schule in Rom zur Heranbildung von 
tüchtigen Carabiniaribrigadiers zu Offizieren der Waffe, bei welcher 
ihnen die Hälfte der Etatstellen offen gehalten werden soll, 4. Hin- 
aufillcken der Altersgrenzen. Die Mehrkosten dieser Mafisnahmen 
werden auf rund 7 Millionen Lire geschätzt, dürften aber vom 
Ministerium des Innern zu tragen sein nnd daher keine Rückwirkung 
auf das Kriegsbndget ausUben. 

Vor Ablauf des Jahres 1906 noch wird der Kriegsminister die 
Garnison Wechsel für 1907 bekannt geben nnd damit, nach den Ver- 
hältnissen in Italien sehr zweckmässig, von dem Gedanken der „un- 
veränderlichen Garnison“ wieder abgehen. Perseveranza brachte 
unlängst grau in grau gefärbte Nachrichten Uber den Stand der 
Umbewaffnnng der Feldartillerie nnd die laugen Jahre, die nach den 
Ansätzen des Kriegsrainisters für deren Durchführung nötig sein 
würden. Diese Nachrichten sind durchaus unzutreffend. 

ln Friaul übten 2 Kavalleriedivisionen. Die rote Partei um- Ergebnisse 
falste eine Division ans den Regimentern Saluzzo, Montebello, Genna, 

Vicenza, 2 Radfahrerkompagnien, 2 reitenden Batterien, vorüber- Übungen, 
gebend zugeteilt auch etwas Infanterie. Sie unterstand den Befehlen 
des General Alvisi und übte nach folgender Zeiteinteilung; 1. Ab- 
schnitt 22 — 27. August Übungen der Brigaden gegeneinander, 
Evolutionen in der Division, 28—30. August AufklärungsUbungen, 

2 — 6. September Manöver der beiden Divisionen gegeneinander. 

Der Gegner zählte 4 Regimenter zu 6 Eskadrons, 2 Rad- 
fabrerkompagnien, 2 reitende Batterien. Einzelheiten zu bringen 
ist ausgeschlossen. Wir weisen nur ant die Anerkennung hin, 
die der Kavallerieinspektenr, General Borta, in seinem Vortrage 



Digitized by Google 




92 



Umsohan. 



am Scblnfs des 2. Antklärangsabsobnitts den Führern and der 
Truppe zollte. Corriere della Sera berichtete von 50 beim 
Zusammcnstoss am Schlafs der Anfklürnngsttbungen gestürzten nnd 
tot gebliebenen Reitern — die schlielslich anf ein in ein Loch ge- 
tretenes nnd verunglücktes Pferd zusammenschrumpften. Der letzte 
Abschnitt der Uebnngen bewies, wie gut die grölseren Reiterkörper 
in der Hand der Führer waren. An sonstigen Sonderübungen 
grölserer Reiterkörper sind zu nennen Anfklärungsübungen einer 
kombinierten Division unter Leitung des Generals Ottone im Bereich 
des X. Korps, wobei eine Brigade 9 Eskadrons, 1 Radfahrer- 
kompagnie, 1 Batterie, die andere 11 Elskadrons, 1 Batterie zählte, 
beide fahrenden Batterien waren durch berittene Bedienung befähigt, 
der Kavallerie zu folgen. Vor Beginn der Uebnngen waren die 
Brigaden um San Ginliano bzw. Maddaloni untergebracbt. Die Anf- 
klämngsübnngen brachten sehr interessante Momente, in denen es sich 
n. a. auch darum bandelte, einen Flnlsabschnitt zu überschreiten, 
um bis zum Gros des Gegners die Aufklärung durchtreiben zu 
können, bzw. das Überschreiten zu verhindern; Fulsgefecht wurde 
in umfassenden Malse angewendet, besonders auch gegen die Bersag- 
lieriradfabrer, die der blauen Brigade das Durchschreiten einer Fuhrt 
im Voltumo verwehren wollten. Schwadronen und Batterien passierten 
das Wasser, das bis zum halben Sattel bzw. bis zu den Protzdeckeln 
reichte, ohne jeden Vorfall. Die Ergebnisse der grofsen Reiter- 
Übungen dürfen als gut bezeichnet werden. 

Beförde- Rivista Militare stellt in einem die Beförderung behandelnden 
mngsfragen. Aufsatz fest, dafs gegenwärtig 15 Jahre nötig seien, um den Dienst- 
grad des Hauptmanns zu erreichen, nnd dafs man, wenn man diese 
Zeit auf 13 Jahre berabdrücken wollte, in einem Jahre 1540 
Leutnants zu Hauptlenten befördern müsse. Die Sicherstellung von 
Lebensmitteln und Fonrage für die Armee soll 1907 nach denselben 
Grundsätzen, wie für 1906, erfolgen. 

Marine. Verbesserungen, die der Marineminister beabsichtigt und auf 

die auch Majorana in Catania hinwies, beziehen sich anf Personal 
und Verwaltung einerseits, auf den Scbiffsbestand anderseits. 
Erstere will Mirabello am 1. Jannar 1907 in Kraft treten lassen, letztere 
noch eingehend studieren. Die Gesamtausgabe soll sich auf 
4 Millionen belaufen und würden die Malsnabmen bestehen ans 
1. Verbesserung der Besoldung aller Mannschaften, 2. Steigerung 
der Soldznlagen für Maschinisten und Kanoniere, 3. Erhöhung der 
Pensionen und Prämien für Kapitulanten, 4. gleiche Besoldung der 
Leute an Bord von armierten und nicht armierten Schiffen, 5. Er- 
höhung der Besoldnng an Land, 6. Erhöbnng |des Bestandes des 



Digitized by Google 




Cmseluka. 



93 



Flotteneqnipagenkorps auf 26500 Köpfe. Die Mehrzahl dieser 
NeDernngeD soll durch Dekrete augeordnet, bei Feststellung des end- 
gültigen Budgets aber auch gesetzlich geregelt werden und am 
1. Juni 1907 Kraft gewinnen. 

Der Marineminister bereitet fUr das kommende Finanzjahr die 
Banlegung eines neuen Linienschiffes der verbesserten Viktoria- 
Emanneleklasse, stärker armiert, in Castellamare vor. Dem vor 
kurzer Zeit auf der Werft Änsaldo, Sestri Ponente, abgelanfenen 
Torpedobootsjäger Bersagliere ist am 27. Oktober dessen Schwester- 
schifi Granatiere gefolgt; 2 neue Torpedobootsjäger desselben Typs, 
Artigliere und Lanciere, sind dort im Bau. 65 m lang, 6 m breit, 
375 Tons Deplacement aufweisend, mit Maschinen von 6000 indiz. 
Pferdekraft 28 Knoten Fahrt erreichend, vier 7,6 cm-Geschütze 
tragend, sind diese Torpedobootsjäger die schnellsten Schifie der 
italienischen Marine. 18 



Frankreich. 

Wenn man das Kriegsbudget 1907, wie es jetzt, nachdem der 
Finanzminister durch rund 80,9 Millionen neue Auflagen und 
62,4 Millionen kurzfristiger äcbatzbons das Gleichgewicht im Staats- 
haushalt 1907 hergestellt bat, aus dem Ansschuls auf den 
Tisch der Kammer gelegt worden ist, näher betrachtet, so fällt 
gleich auf, dafs die Zeitungsnachrichten Uber Auflösung von 
Kavallerieregimentern einstweilen irrig waren. Echo de Paris 
batte gemeldet, dafs durch Auflösung von 2 Kegimentern, 
afrikanischen Jäger- und 5 KUrassierregimentern, sowie 
sonstigen Streichungen die Mehrkosten der 15000 Pferde für die 
Bespannung der schweren Artillerie des Feldheeres mit 
Rimailhohaubitzen gewonnen werden sollten. Der Bestand von 
7 Kavallerieregimentern mit maximal 4000 Pferden auf der einen 
Seite, die Tatsache, dafs die ganze Artillerie des Friedensstandes, 
ohne Kolonialkorps, heute rund 38500 Pferde anfweist, anderseits, 
sprachen eigentlich deutlich genug gegen den Inhalt dieser Meldung. 
Allerdings wurde amtlich zugegeben, dafs das Kavalleriekomitee es 
als zulässig erklärt habe, 2 afrikanische Jägerregimenter und die 
5. Eskadrons der 13 Kttrassierregimenter, zusammen 23 Eskadrons 
als Äquivalent für die notwendige Vermehrung der Feldartillerie 
anizulösen. Aber auch hiervon ist im Budget 1907 keine Spur zu 
finden. In der Fachpresse tritt dagegen General N^grier (im 
schrofsten Widerspruch zn dem, was er im Januar 1906 io der 
Revue des Deux Mondes Uber die Bedeutung der Kavallerie 



Kriegs- 

budget 

1907 . 



Digitized by Google 




94 



Umioban. 



ansgefUhrt bat) mit der Fordemng herror, die sämdicben 13 
Kttrassierregimeoter als zu schwerfällig für den heutigen Krieg 
anfzaldsen and mit ihren mnd 9000 Pferden 120 Batterien 
Rimailhohanbitzen der schweren Artillerie des Feldheeres 
zn bespannen. Dies bedeutete für jedes der 20 Armeekorps in 
Frankreich 6 Batterien, man bezweckte also damit eine Ver- 
mehrung der Feldartillerie uud die schwere Artillerie des Feld- 
heeres hörte auf, wie bis jetzt, Armeeartillerie zu sein. Eine Lösung 
der Frage, die aber zweifellos nicht in dem Umfange des Ndgrier- 
sehen Vorschlages erfolgen wttrde, bringt, wie schon bemerkt, das 
Budget 1907 nicht. Das Budget entspricht ebensowenig der Absicht, die 
der Badgetausschuss durch Streichung von 500000 Frs. zunächst 
zum Ausdruck bringen wollte, dafs nämlich die sämtlichen noch be- 
stehenden 4. Bataillone von Snbdivisionsregimentem (65 ä 4 und 
22 ä 2 Kompagnien sind noch vorhanden) aufgelöst werden könnten. 
Das wäre auch namentlich für die Grenzkorps 6, 7, 20, 14 und 15 
nicht recht erklärlich, da dadurch die Bereitschaft eine geringere 
wttrde. Dafs das zu erwartende Kadresgesetz mit der Auflösung 
einiger 4. Bataillone rechnen wird, ist nicht unwahrscheinlich, die 
Grenzkorps kommen dabei aber sicher nicht bi Frage. Aulser 
Grenzkorps (zusammen mit 31 vierten Bataillonen zu 4 Kompagnien) 
enthalten noch 4. Bataillone von Snbdivisionsregimentem zn 4 Kom- 
pagnien; I. Korps 2, II. 2, III. und IV. je 5, V. 7, VIII. und 
IX. Je 1, X., XII., XVU. je 2. XI., XIII. je 1 und XVI. 1, Bataillone 
zu 2 Kompagnien: IX. Korps 2, X. 5, XI. 7, XII. 4, XVIII. 3. 

Die ordentlichen Ausgaben im Kriegsbudget 1907 (ohne 
Kolonialtruppen , die 33848340 Frs. verlangten) erschienen mit 
im ganzen 674814746 Frs., d. h. mit 22281603 Frs. mehr als 
1906 und diese Mehrausgaben sind in der Hauptsache bedingt 
durch ein Mehr bei Besoldungen, Lebensmittelvorräten, Furage, Be- 
kleidung, grofse Zelte, Munition, Reise- und Transportkosten, Unter- 
stützung von hilfsbedürftigen Familien von Einbeorderten. Der Um- 
fang der letztgenannten Ausgabe erscheint mit 6,4 Millionen und 
mttfste noch eine nicht unerhebliche Steigerung erfahren, wenn 
der im Parlament vorliegende Antrag bewilligt wird, solchen 
Familien in gröfseren Städten mehr als die gesetzlichen 
0,75 Frs. tägliche Unterstützung zu gewähren. Dagegen wären 
.Änderungen nach der Ersparnisseitc im Budget zu erwarten, wenn 
Kriegsminister und Senat sich bereit finden lielsen, die von der 
Kammer schon beschlossene Herabsetzung der Übungen der Reser- 
visten und Landwehrlente von 28 auf 15 bzw. 13 auf 6 Tage zu 
genehmigen. Zn einer so durchgreifenden Herabsetzung ist allerdings 



Digilized by Google 



Umsobsn. 



95 



weder im Senat noch im KriegsmiDisteriom grolse Aassicht, dagegen 
deuten Terschiedene Anzeichen daran! hin, daTs man im Kriegs- 
ministerinm es nicht fttr nnmttglich hält, ani die schon von Berteanz 
als Kriegsminister als ansreiehend bezeichneten 20 bzw. 7 Tage 
berabzugeben. 

Die Dnrchschnittsiststärke der Armee im Frieden ist nach Stärke der 
7®/o) statt 7,5“/o, Abzug fttr Benrlanbte, Kranke, Arretierte, angesetzt Armee, 
mit: 

28872 Offizieren 550390 Hann fttr die Armee 
677 „ 24135 „ „ , Gendarmerie 

Wenn trotz vorgesehener Nenaufstellnng von 2 Bataillonen 
algerischer Tirailleors (in Tonis), die dann, da jttngst schon eine 
Vermehrung um 2 Bataillone erfolgt ist, auf 28 Bataillone in vier 
Regimentern kämen und wohl bald in mehr Regimentsverbände 
zerlegt werden mttlsten, die angesetzte Durcbscbnittsiststärke um 
831 Mann hinter derjenigen von 1906 znrttckbleibt, so findet 
das seine Erklärung darin, dalls der 1907 noch unter der Waffe be- 
findliche Jahrgang 1904 hinter der zunächst angenommenen Stärke 
zurückgeblieben und die zulässige erhöhte Stärke an Kapitulanten 
von 31000 an Unteroffizieren und 11500 an Korporalen noch nicht 
erreicht ist. Was den Jahrgang 1904 anbetrifft, so wollen wir hier 
gleich bemerken, dals in Kapitel XXV des Budgets, Versetznngs- 
nnd Truppentransportkosten, ein Mehrbetrag von 444000 Frs. fttr 
seinen Rttcktransport in die Heimat im Herbst 1907, also nach zwei 
Jahren aktiver Dienstzeit, erscheint. Von den Bänken der Depu- 
tiertenkaramer ans liegt jetzt gerade ein sehr viel weitgehenderer 
Antrag vor, der aber wohl schon im Armeeansschnfs abgelebnt 
werden wird, nämlich den Jahrgang 1903, der 1904 eingestellt, 
eben sein zweites aktives Dienstjahr abscbliefst, spätestens im Frtth- 
jahr in die Heimat zu entlassen. Das widerspricht — ganz abgesehen 
davon, dafs es die Armee desorganisierte — dem Rekrutierungsgesetz 
vom 21. März 1905, das Entlassung nach 2 Jahren nur bei den 
Rekmtenjabrgängen als zulässig bezeichnet, die nach Bekannt- 
gabe des Gesetzes eingestellt sind. 

Bei den 141 146 Pferden muls das im Vergleich zu 1906 sich 
anscheinend ergebene Weniger von 1652 Pferden näher erklärt 
werden. In Wirklichkeit ergibt sich nämlich ein Mehr von 
358 Pferden (bedingt durch Verstärkung einiger Artillerieformationen 
und Bildung von Maschinengewehrzttgen) indem man 2010 Pferde, 
die noch nicht volljährig und noch in den Übergangsdepots, nicht mehr 
in die Trappenetats hineinrechnet. Das oben schon bertthrte 
Kapitel XXV enthält neu und mehr auf Veranlassung des Parlaments 



I 141 146 Pferden. 



Digitized by Google 




96 



Umschau. 



auch 500000 Frs. bei Umzugskosten für Offiziere und MaDnschaften. 
Weiter sind mit Mehraasgaben zn verzeichnen. Kapitel XXX V, 
Monition fUr ScbielsUbongen (-|- 2,7 Millionen), bedingt durch die 
nötige gründlichere Schiefsausbildang bei zweijähriger Dienstzeit. 
Die anf Schulen bezüglichen Kapitel sind 1907 geringer bemessen, 
weil an der polytechnischen Schule und St Cyr ein Jahrgang aus- 
fällt. Kapitel XXXXl bringt dagegen wieder Mehransgaben, bedingt 
durch Ersatz von Soldaten als Arbeiter durch Zivilarbeiter im Ver- 
pflegungsdienst, durch höhere Preise von Lebensmitteln und Furage 
in Kapitel XXXXVU nicht unbedeutende Mebransätzc für die Be- 
schaffung von Mannscbaftskochgeschirren aus Aluminium und von 
grolsen Lagerzelten fUr Truppenübungsplätze, die mit grölseren Ver- 
bänden belegt werden sollen. 

Zunehmen- Die Erwähnung der Schulen bringt auch eine sonderbare und 
‘*®'' in der Presse mit Besorgnis beobachtete Erscheinung. Die zur 

Artillerie- Applikationsschnle in Fontainebleau kommandierten Artillerie- und 
OffiziMcn^ Genieoffiziere reichen in immer zunehmender Zahl ihren Abschied 
ein, um sich einem Zivilberufe zu widmen. Aber nicht allein bei 
diesen jüngeren Offizieren beobachtet man diese Erscheinung, sondern 
auch bei Hanptleuten. Von 122 Artillerie- und Genieoffizieren, die 
am 8. Oktober in die Applikationsschnle von Fontainebleau eintraten, 
sind heute schon 40 ausgeschieden, von 69 Artillerieoffizieren hatten 
in einem Monat schon 24 den Abschied genommen und man rechnet 
damit, den Best auf 40 sinken zu sehen. Der Grund ftlr diese 
Erscheinung ist in der viel höheren Besoldung in Zivilstellen, 
dann aber anch in der stockenden Beförderung in der Artillerie 
zu suchen, wo bis znm Hanptmann 13 bis 14 Jahre Offizierszeit 
(also immer noch 2 — 3 Jahre weniger als bei uns) nötig 
sind. Den Abgang von Offizieren kann man ja einstweilen noch 
durch Vennehrnng der Zulassung zn der fUr die Heranbildung von 
Unteroffizieren zn Artillerie- und Genieoffiriereu bestimmten Schule 
von Versailles decken, man sieht aber mit Besorgnis dem Moment 
entgegen, in dem man nicht mehr genug technisch geschulte 
Artillerieoffiziere haben wird. Wir unterlassen nicht, hier wiederholt 
darauf hinznweisen, dafs die Bestrebungen, das Offizierkorps weiter 
zu demokratisieren und den Prozentsatz der aus dem Unteroffizier- 
stande hervorgebenden Offiziere von rund '/i beute auf */,o gegen 
’/ig aus den Schulen hervorgegangenen und '/lo <>bne Prüfung be- 
förderten „adjudants‘', sich auch unter Picquart fortsetzen. 



BeschrSn- Hier sei anch darauf hingewiesen, dafs eine der ersten Maisnahmea 
bk^mm*"^ Picquarts war, alle nicht in reglementsmäfsig vorgesehener Tätigkeit 
diorten. Kriegsministerium abkommandierten Mannschaften dem Frontdienst 



Digitized by Google 



Unuohau. 



97 



wiederzageben, so mit gutem Beispiel Toranzugehen und vor allem 
auch Dachdrücklich gegen heimliche and mifsbränchliche Verwendnng 
von Soldaten zn nicbtdienstlichen Zwecken einznschreiten. Anf 
die Verwendung von Leuten der Hilfsdienste zn Zwecken, die keine 
Dienstfäbigkeit mit der Waffe verlangen, hatte man fUr die Rückkehr 
von waffendienstfäbigen Leuten in die Front und damit für die Ver- 
tiefung der Schulung grolse Hoffnungen gesetzt. Die Verteilung der 
Leute der Hilfsdienste des diesjährigen Rekrntenkontingents ist im 
vorigen Bericht berührt worden. Nach Franke Miiitaire zn be- 
urteilen, erlebt man aber mit diesen Leuten eine grolse Enttäuschung. 
Sie sind zum grofsen Teil, nach dem genannten Blatte, nicht in der 
Lage, Ordonnanz- und Bnrschendienste, oder auch die Beschäftigung 
als Trnppenbandwerker und namentlich in den Artiileriewerkstätten 
zn ertragen und füllen in grofser Zahl die Lazarette. Hierzu kommt 
eine von einem Artillerieoffizier aufgestellte Berechnung, nach welcher 
jeder Mann der Hilfsdienste 900 Frs. jährlich kostet, in Artillerie- 
werkstätten aber nur '/« soviel leistet, wie ein Zivil arbeiter, man 
mit letzteren also billiger fortkomme. 

ln die wirklich während der Marokkokrise anfge- 
wcndeten Rttstnngskredite gibt ein eben erschienenes Buch 
des früheren Ministers der öffentlichen Arbeiten, „l’Alerte“ sehr 
interessante Einblicke. Bandin will mit dem Buche, wie er 
selbst sagt, der Nation die ihr jetzt fehlende Kenntnis von 
den Bedürfnissen der Einrichtungen der Landesverteidigung geben 
und so dazu beitragen, dals die erforderlichen Kredits im Parlament 
rechtzeitig und mit voller Überzeugung bewilligt weiden. Die 
224 Millionen und darüber, sagt Baudin, die während der Ma- 
rokkospannnng für Rüstungszwecke aufgewendet worden sind (amtlich 
sind bis jetzt stets nur 193 Millionen, also 31 Millionen weniger, 
zugegeben worden), entstammen nicht etwa einer unerwartet 
notwendig gewordenen Rüstnugsmafsnahme. Für die Ergänzung der 
Bereitschaft waren die Mittel meist schon früher gefordert, aber vom 
Parlament oder von dem mit dem Kriegsminister nicht einigen 
Finanzminister abgelebnt, oder auch von den wechselnden Kriegs- 
ministem nicht immer nachdrücklich genug vertreten worden. 
Bandin führt auch einige Posten für die Verwendung von Beträgen 
der 224 Millionen an. Anf Ergänzung von Eisenbahnen wurden 
nach ihm über 1,5 Millionen verwendet und zwar, wie er nach- 
drücklichst betont, nur für Arbeiten dringendster Art, nachdem der 
Generalstab schon zn wiederholten Malen erklärt, dals die gering- 
fügigen Kredite nicht erlaubten, die Einrichtung des Babnnetzes 
derart zu vervollständigen, dals für strategische Anfmarschtrans- 

J^rbfiehtr f&r di» d«aUeh» Amt» ood llAiis». No. 434. 7 



RUatungs- 
kredite für 
Marokko. 



Digitized by Google 




98 



Umscban. 



porte die volle Leistnog erzielt werden könne. Darin läge aber 
eine grolse Gefahr. Bandin weist n. a. auch darauf bin, dals im 
Jnli 1904 der Senat die Forderung von 11,9 Millionen fUr „Ver- 
stärkung des Kriegsmaterials und Schlielsen von Löcken in der 
Organisation“ abgelebnt habe. Für die Hebung der Bereitscbaft 
der vier grolsen Festungen im Osten wurden 34 Millionen auf- 
gewendet, davon allein 12 Millionen fUr Armierung. Sehr 
bedeutende Ausgaben verursachte die Ergänzung der von Andr6 als 
Kriegsminister durch Ausgabe an die Truppen stark angegriffenen 
Kriegsvorräte an Fleischkonserven und der Ersatz der von Audr6 
zu zeitweiliger Ersparnis im Budget an die Truppen ausgegebenen 
Bekleidongs- und AnsrUstungsstttcke in den Kriegsvorräten verlangte 
20,5 Millionen. 98,9 Millionen fanden Verwendung zur Ergänzung 
der, wie Bandin sagt, beim Beginn der Marokkospannnng in be- 
klagenswerter Un Vollständigkeit befindlichen Vorräte an Munition für 
Infanterie und Artillerie, wobei man die Leistnngsfäbigkeit des 
Lebelgewehres gleichzeitig durch die D-Munition steigerte. Mit 
den normalen Jahreskrediten und normalen Arbeitskräften hätte man 
fttr den Ersatz der alten Patronen durch die D-Patronen 15 Jahre 
gebraucht. Durch politischen Parteihader gepeinigt, durch Bureau- 
kratisraus, Kontine und Unkenntnis der Nation von ihren Bedürf- 
nissen lahm gelegt, anderseits aber auch durch Schmeicheleien ver- 
dorben, läuft die Armee Gefahr, Niederlagen zu erleiden, sagt 
Bandin an einer anderen Stelle, und fährt dann fort „ein Volk, das 
etwas bedönten will, darf sich der Waffen nicht entschlagen, unter 
den Waffen wird es grofs und stark, wenn sein Geist der der Armee 
und der Geist dieser der seine ist“. 

Auiscr- Die amtlichen Angaben Uber Sektion Ul aulserordentliche Aus- 
ordentlK he g^ben liegen nun vor. Danach belief sich die Forderung der Re- 

nsga eil. 235 550 900 Frs. (rund 225 Millionen mehr als 1906), 

während der Ausschuls nur 76 976 216 Frs., also 158 578 694 weniger 
bewilligt sehen wollte. Dieser grolse Unterschied kommt heraus, 
indem 128 Millionen auf das Budget 1906 Übertragen und rund 
30,4 Millionen als nicht absolut dringende Forderungen betreffend zu- 
nächst znrUckgestellt wurden. Ans den Naebfordernngen der Re- 
gierung gegenüber 1906 lassen sich die eigentlichenRttstnngs- 
kredite, deren Umfang und die Stellen erkennen, wo es an Be- 
reitschaft mehr oder weniger gemangelt hat. Wir beben hier die 
wichtigsten hervor. 

Mehrfordernngeu gegenüber 1906 wurden gestellt um: 

1) + 1,38 Millionen für Ergänzung der Eisenbahnen. 
2) 41,4 Millionen fttr Armierung der festen Plätze im Osten. 



Digitized by Google 




Umsobao. 



99 



deren Befestigangsergänzang in einem anderen Kapitel mit + 20 Mil- 
lionen erscheint. 3) 5059000 für tragbare Waffen, be- 

sonders für Maschinengewehre, deren Herstellung mit Hochdruck be- 
trieben nnd zu deren Bedienung schon Infanterie und Kavallerie 
ansgebildet wird. 4) + 15 750 100 Frs. fllr Munition der Infanterie 
und Artillerie. 5) -f 3,85 Millionen für Gebäude und Maschinen 
der Artillerie in Festungen. 6) 192 Millionen für Gebäude des 

Genies nnd Kasernen im Osten. 7) -j- 6,2 Millionen für Genie- 
material, davon 3.5 Millionen iUr Schanzzeug der Infanterie, der 
Rest fllr Telegraphen-, Lnftschiffer-, Brttcken- und Sprengmaterial. 

8) -f 3,6 Millionen fUr Exerzierplätze, Schiefsstände, Reitbahnen. 

9) + 33‘/j Millionen fllr Material der Intendantur, Lebensmittel- 
und Bekleidungsvorräte für die Mobilisierung. 10) -f 2,2 Millionen 
lUr Sanitätsmaterial. 

Mit einiger Besorgnis sieht man in Regiernngskreisen einer vom Offiziers- 
Abgeordneten von Verdun, Uanptmann Hnmbert, angeklindigten Inter- an^elegen- 
peUation entgegen, deren einer Teil sich auf die Zustände an der 
Ostgrenze bezieht. Auf Dokumente gestützt, will Hnmbert schwere 
Fehler in den Befestigungsarbeiten nnd in der Verwendung der Lento 
ans der Front zu Privatzwecken nachweisen, die einen solchen Um- 
fang angenommen, dafs Eskadrons, Kompagnien, Batterien usw. zu 
Übungen nur noch als Skelette erschienen. Humbert hat in Verdun 
einer 16000 Mann starker Garnison, seit Monaten Material gesammelt 

Wir haben oben schon auf die auch von Picqnart fortgesetzte 
„Demokratisierung der Armee“ hingewiesen. Der Gesetzentwurf 
betreffend die Beseitigung der Kriegsgerichte im Frieden, Einrichtung 
von Disziplinarräten, deren erster Vorsitzender aber ein Ziviljurist 
sein soll und die nur Verstölse gegen die militärische Unterordnung 
zu behandeln haben werden, während alle Vergehen gegen das all- 
gemeine Recht von Zivilgerichten abgenrteilt werden sollen, wird in 
den Armeekreisen nicht durchweg mit Beifall aufgenommen, eben- 
sowenig durchweg einige Änderungen, die ein eben ergangenes 
Rnndsebreiben nnd eine fnstmktion des Kriegsministers bringen. 

Die Instruktion ändert einige .Artikel, vor allem Artikel 8 der V'or- 
sebrift vom 26. Juli 1906. betreffend das Zustandekommen von 
Beförderungslisten. Nach dem Artikel 8 sollten die Beförderungs- 
Vorschlagslisten vom Oberstleutnant aufwärts (d. h. also von dem 
Dienstgrad ab, bei welchem die weitere Beförderung nur nach Wahl 
stattfindet) den Mitgliedern des oberen Kriegsrats nnd von diesen zu 
einer einheitlichen Liste fllr jeden Dienstgrad der Vorznscblagendeu 
aUer ihrer Inspektion unterstehenden Armeekorps znsammengestellt 
werden. Nach Ansicht des Kriegsministers stehen nun die Mit- 

7* 



Digitized by Google 




100 



Umsobaa. 



glieder des oberen Kriegsrats mit den Offizieren des ihrer Inspektion 
unterstellten Armeekorps nicht in hinreichend enger Verbindung, um 
sie eingehend beurteilen zu können, ihre Urteile jedenfalls die- 
jenigen der kommandierenden Generale nicht umstofsen könnten. 
Artikel 8 wird aufgehoben, auch bezüglich der Waffenkommissionen, 
die nach ihm die Beförderungsvorschlagslisten für das AufrOcken 
vom Unterleutnant bis zum Bataillonskommandenr vorbereiten sollten, 
ohne dals aber Uber Zusammensetzung Befugnisse der Kommissionen 
irgend etwas gesagt war und diese daher eine Autorität haben 
konnten. Das Ansscbalten des oberen Kriegsrats wird in der 
Presse wohl wieder den Vorwurf gegen den Kriegsminister erheben 
lassen, dafs er seine Allmacht steigern wolle. Das Rundschreiben 
setzt, abgesehen von besonders befähigten Offizieren, bei denen eine 
Abweichung ausnahmsweise stattfinden darf, ein Minimalalter fest, 
bei dem die Beförderung erfolgen kann. Wenn man annehmen 
wollte, dafs dadurch die zweifellos notwendige Verjüngung des 
Offizierkorps einträtc, so wird man sehr irren. Minimalalter für 
das AnfrUcken zum Divisionsgeneral soll z. B. 58 Jahre sein, während 
heute der Durchschnitt schon mit 56'/j — 57 Jahren wird. Die neuen 
Normen für die untere Altersgrenze sind entschieden mit Rück- 
sicht auf die ans dem Unteroffizierstande hervorgehenden 
Offiziere von Picquart festgelegt, er sagt in dem Rundschreiben 
ja auch ausdrücklich, jeder Offizier müsse jeden Dienstgrad er- 
reichen können. Als untere Altersgrenze, von welcher bei den Vor- 
schlägen zur Beförderung nach Wahl nur bei besonders befähigten, den 
Nachwuchs für die höchsten Stellen im Heere liefernden Offiziere abge- 
sehen werden darf, sind för das AnfrUcken zum Hanptmann auf 33, zum 
Major auf 43, zum Oberstleutnant 51, zum Obersten 54, zum Brigade- 
general 56 Jahre festgesetzt. Wenn man die offiziellen Zahlen für 
1904 zugrunde legt, und findet, dals damals die Beförderung zum 
Major im Durchschnitt mit 44, zum Oberstleutnant mit 47, zum 
Obersten mit 53V: Jahren stattgefunden hat, so wird man unserer 
Behauptung beipflichten müssen, nach welcher die Festsetzungen 
Rcqnarts die durchaus notwendige VeijUngung des Offizierkorps 
nicht bringen. Vom Oberstleutnant ist das Alter sogar heranfge- 
schraubt und zwar eigentlich mit Rücksicht auf die ans dem Unter- 
offizierstande hervorgegangenen Offiziere. Es ergäben sich 51 -f 5 
= 56 Jahre für die Beförderung zum Regimentskommandeur, während 
1904 der Durchschnitt des Alters der Obersten 54'/2 Jahre betrug. 
Berücksichtigt man, dafs die ans dem Unteroffiierstande hervor- 
gehenden Offiziere vielfach nicht vor 28 Jahren den Dienstgrad des 
Unterlentnants erreichen, so kann man den Schlnfs nur berechtigt 



Digilized by Google 



Umsohao. 



101 



findeD, daTs die Mehrzahl dieser Elemente auch anter den neuen 
Verhältnissen die Stellung des Regimentskommandeurs nicht 
erreichen, die Generalität nur den nicht an die Picqnartschen 
Mindestaltersgrenzen gebundenen Offizieren erschlossen bleiben wird. 
Im übrigen eliminiert die Altersgrenze schon rein mechanisch 
wirkend. 

Das leichte Brttckenmaterial Veyry, das in diesem Jahre auf 
den rasch flielsenden Wasserlänfen der Rhone und Dnrance seine 
Schlnisprobe gut bestanden hat, ist durch einen eben ergangenen 
kriegsministeriellen Erlafs für die Kavallerie endgültig eingefUhrt 
worden. Das Gesuch des Abgeordneten für Epernay, das für den 
Osten znsammenznstellende Radfahrerbataillon nach Epernay in 
Garnison zn legen, hat der Chef des Generalstabes der Armee, Brun, 
dahin beantwortet, dals überhaupt die dauernde Bildung eines 
Radfahrerbataillons nie beabsichtigt sei (man hat 5 Radfahrer- 
kompagnien, die vorübergehend zn Übungszwecken schon zu einem 
Bataillon vereinigt waren). 

Wir haben in früheren Berichten schon gemeldet, dals man in 
Saint Etienne mit Hochdruck an der Ausstattung der Armee mit 
Maschinengewehren arbeite. In der France Militaire tritt nun der 
brevelierte Hauptmann de Saint Miirs, der Artillerist ist, für die un- 
abweisbare Notwendigkeit ein, jedem Infanterieregiment, wie die 
Japaner, eine Mascbinengewehrabteilnng zu (i Gewehren bei- 
zu geben und zwar mit der Begründung, dals nur so der Infanterie 
beim Vorgehen auf Entfernungen unter 1500 m und bis zum Ein- 
bruch die Feuerüberlegenheit gegeben werden könne, deren sie be- 
dürfe, um überhaupt das Vorgehen wagen zu dürfen. Eine Be- 
gleitung des Infanterieangrifis durch Artillerie sei heute bei dem 
Robrrücklaufgeschütz unmöglich, so lange nicht die feindliche Artillerie 
bis zur vollen Vernichtung niedergekämpft werde und ein solches 
Niederkämpfen sei heute bei richtigem Verfahren der Verteidigungs- 
artillerie ausgeschlossen. Die Begleitung des Infanterieangriffs auf 
nahe und nächste Entfernung müfsten Maschinengewehrabteilungen 
übernehmen, die leichter gedeckt in Stellung gebracht und io dieser 
schwerer aufzufinden seien. Innerhalb ihres Wirkungsbereichs, 
1500 m, seien die Maschinengewehre den Geschützen an Wirkung 
überlegen. (?) Dabei wird unserer Ansicht nach, selbst wenn wir 
nur lebende Ziele in Betracht ziehen, übersehen, dals man mit 
Maschinengewehren gegen Ziele dicht hinter Deckungen absolut 
nichts ansrichten kann, solange sie sich nicht zeigen, wohl aber mit 
der Granate der Kanone und mit der Feldhaubitze. Soweit, dals er 



Brücken- 

material. 

Radfahrer- 

bataillone. 



Maschinen- 

gewehre. 



Digitized by Google 




102 



Umschau. 



das Geschütz durch das Maschinengewehr ttberhanpt ersetzen will, 
geht Hanptmann de Saint Mars allerdings nicht. 

Erfahrungen France MUitaire zieht in einer Reihe von Artikeln, die Be- 
Üh^*en verdienen, nach Augenschein und Berichten Schlüsse ans 

der groTsen den Erfahrungen der grolsen diesjährigen Sonderübnngen der 1. 

Reiterkörper-nnd 5. Eavalleriedivision bei Sdzanne. Wir können hier nur 
die springenden Punkte der Kritik des Fachblattes hervorbeben. 
Sie betreffen: 1. nicht immer genügend Anfklämng bei Anmarsch 
nnd im Gefecht; 2. eine gewisse Sucht, die Aufgabe immer 
durch die Attacke zu lösen, auch wenn die Lage das nicht 
als zweckmälsig erscheinen iälst nnd Ausnützung des Karabiners 
oder Druck auf Flanke und rückwärtige Verbindung des Gegners 
bessere Ergebnisse geliefert hätten; 3. mangelhafte Sicherung; 
4. vielfach mangelhafte Ausnützung des Geländes beim Anmarsch 
nnd bis zum Ansetzen der Attacke selbst stets Wahl des kürzesten 
Weges ohne Rücksicht auf Deckung; 5. Nichtbeachtung des feind- 
lichen Feners, selbst Halten von dichten Massen in solchen, 6; Un- 
fähigkeit vieler höherer Führer bis zu Regiments- und Halb- 
regimentskommandenren hernnter, längere Strecken in 
flottem Galopp znrückznlegen, daher vielfach Mangel an Über- 
sicht über die jedesmalige Lage, verspätetes Eingreifen und nicht 
hinreichend schnelle Bewegungen der Truppen; 7. das 7,5 cm-Rohr- 
rücklanfgescbütz, das jetzt alle reitenden Batterien haben, hat sich 
als für die Kavalleriedivisioncn zu schwer erwiesen. France Militaire 
verlangt die Herabsetzung des Gewichts anf 1500 kg nnd wenn man 
dazu selbst das Rohr abschneiden nnd die Anfangsgeschwindigkeit 
verringern mUfste. Von besonderem Interesse sind auch die Aulse- 
mngen des genannten Fachblattes zu den Fragen der Lanze nnd 
der Beibehaltung der Kürassiere. Es will die Lanzen dpn 
Dragonerregimentern der Kavalleriedivisionen, die sie haben (bei Säzanne 
waren 4 solche beteiligt) belassen, schon um dem „brutalen deutschen 
Frontabstols“ entgegenzntreten, während die übrige Kavallerie 
ihre Überlegenheit im Manöverieren ansnütze. Für das Manövrieren 
sind aber natürlich schnelle nnd gewandte Bewegungen Vorbedingnng 
nnd die Fähigkeit dazu erkennt das genannte Fachblatt den 
Kürassieren ab. Es sagt von den 8 an den grofsen Übungen um 
S6zanne beteiligten KUrassierregimentern, dals sie nicht in der Lage 
waren, längere Strecken ausgiebig schnell zu galoppieren, dann, wenn 
es für den Choc die gröfste Schnelligkeit entwickeln biefs, meist 
völlig ansgepnmpt erschienen, znm Schlnls der Sonderübungen man 
von ihnen keine irgendwie nennenswerten Leistangen verlangen 
konnte, wie sieb auch schon daraus ergab, dafs damals bei einer 



Digitized by Googic 



UmMhau. 



103 



der DirisioneD öO**/o der Pferde nicht mehr geritten werden konnten. 

Als Folgerung wbd verlangt, unter Beibehalt der Bezeichnung 
Kürassiere mit Rücksicht ani die Tradition, Fortfall des Kürasses, 

Ersatz der heutigen „Kolosse“ daroh leichtere and kleinere Leute, 
Erleichterung von Gepäck und Aasrüstang, nach und nach Ersatz 
des heutigen schweren Pferdematerials, das sich für den Artillerie- 
zag eignen würde, durch leichtere und flüchtigere Pferde — d. h. 
also kurz, Umwandlung der Kürassiere in eine mittlere Kavallerie. 

Die Entscheidung der Kammer ist in der Frage der Bau- Marine, 
legung der 6 Linienschiffe des Finanzgesetzes 1906 unter einem 
Vertrauensvotum für die Regierung in der letzten Dekade des 
November dahin gefallen, dals das Finanzgesetz Geltung behalten 
soll. Die Besprechung der bezüglichen Interpellation Michel in der 
Kammer brachte mehreres Bemerkenswerte, wovon einiges hier kurz 
bervorgehoben werden soll. Dazu gehörten die Angaben Michels, 
dafs man hente 34 Tauch- bzw. Unterseeboote in Dienst habe, ferner 
dafs die V'erhandlungen des Marineministers mit dem früheren und 
jetzigen Finanzminister zuerst die Forderung von 121 Millionen für 
Schiffsbanten 1907 enthalte, der Etat H für 1907 aber nicht weniger 
als 127 Millionen forderte, Thomson auf den Widerstand des Finanz- 
ministers hin seine Forderungen dann auf 107 Millionen ermäfsigte, 
während für 1906 nicht weniger als 135 Millionen angesetzt waren, 
auch der neue Pinanzminister für die ganzen Forderungen Thomsons 
nicht zu haben gewesen sei, man sich scbliefslich auf 106 Millionen 
fllr Schifisbanten 1907 und 115 Millionen für 1908 geeinigt, damit 
aber unmöglich gemacht habe, die 6 Linienschiffe bis 1910 
fertig zu bauen. Thomson wies gegenüber Behauptungen von den 
Bänken der Deputierten darauf hin, dals Admiral Foumier im oberen 
Marinerat nicht nur die Bedeutung von Torpedo- und Untersee- 
booten, sondern auch von Linienschifien nacbdrttcklicbst betont und 
mehr Linienschiffe verlangt habe, als die Forderungen des 
Marineministers aufwiesen. Beachtenswert sind auch die Er- 
klärungen des Admiral Bienaimä, nach welchen, nm die Flotte modern 
zu erhalten, jährlich 130 Millionen nötig. Um die nötigen Nen- 
(ohne Ersatz)banten durchzufUhren, brauche man jährlich 120 Millionen. 

Wenn Ende 1906 das Programm von 1900 dnrchgeführt sei, werde 
man über 28 seebereite Linienschiffe verfügen, am 1. Jannar 1911 
über 34 solche, man müsse aber berücksichtigen, das 11 Linien- 
schiffe veralteten. Um die Ausfälle zu decken, müsse man jährlich 
2 Linienschiffe neu bauen und das sei auch ohne Steigerung der 
Ausgaben möglich, wenn man von 1908 — 1911 keine Panzerkreuzer 
baue. Bei der Entscheidung über die Armierung der 6 im Finanz- 



Digitized by Google 




104 



[Jmsebaa. 



gesetz 1906 Torgesehenen 18500 Tons Linienschiffe (Danton, 
Voltaire nsw.) bat man, so führt France Militaire ans, drei Schalen 
gegenttbergestanden and einen Mittelweg gewählt, indem man sich 
enschied, bei den vier 30,5 cm, die schon die Oemokratieklasse 
trägt, za bleiben, die zehn 19,4 cm aber durch zwblf 24 cm-Geschtttze 
zu ersetzen, statt der „alten mittleren Artillerie “ also ein sehr viel 
kräftigeres Material zu wählen. Von den genannten drei Schalen 
war die erste dafür, England glatt za folgen, also die Linienschiffe 
mit zehn 30,5 cm anszastatten, mit der Begründung, dafs Seekämpfe 
jetzt nur aal weite Entfemnngen geführt würden und nar schwerste 
Kaliber an! diesen hinreichend wirksam seien. Die zweite wollte 
die Einheit des Kalibers mit dem 24 cm-Geschütz erreichen, das in 
der französischen Fachpresse bei seiner 925 m Anfangsgeschwindig- 
keit and seiner 170 kg schweren Granate, die auf 3000 m noch 
34“ Harveyplatten dnrcbschlägt, als völlig ansreichend betrachtet 
wird. Die dritte Schule vertrat die Ansicht, dafs der Verzicht ant 
die alte mittlere Artillerie zagansten des 24 cm verfrüht und anf 
falsche Schlüsse aus der Seeschlacht von Tsosohima gegründet sei, 
da die Japaner von ihrer mittleren Artillerie (15,2 cm) sehr viel 
Verdienste gehabt, die rassischen Panzer kampfunfähig machte, ehe 
sie in den Grand geschossen worden. Der Marineminister hat dem 
marinepräfekten von Toalon mitgeteilt, dafs er mit der allgemeinen 
transatlantischen Schifiabrtsgesellschaft and mit den „Mesageries 
Maritimes“ Kontrakte abgeschlossen, nach welchen die Gesellschaften 
sieh verpflichten, auf Verlangen je vier grolse und schnelle Dampfer 
als Hilfskreazer zur Verfügung za stellen. 18 



Gerücht „Echo de Paris“ berichtet unter dem 26. November d. J., dafs 
über eine eine von der französischen Marineartillerie entworfene 30,5 cm-Kanone 
“®'jiJarSie-'^'”M/1906 sich ln Arbeit befinde, die für die zukünftigen Linienschiffe 
kanune C/wi.bestimmt sei. Das Blatt gibt folgende Zahlen an: 

Gewicht der Panzergranate 440 kg 

Anfangsgeschwindigkeit 875 M. 

Zorn Vergleich des neuen Geschützes mit den beiden vorher- 
gehenden diene folgende Tabelle: 



Modell 


Länge in 


Geschols- 


v„ 


Mündangs- 


Kaliber 


gewicht kg 


m/sec. 


energie 


93-96 


40 


340 


865—875 


12979 


1902 


45 od. 50 


340 


925 


14817 


1906 


? 


440 


875 


17187 



Digitized by Google 



Umschau. 



105 



Diese Nachricht wird bis anf weitere Bestätigung mit Vorsicht 
aufrunehmen sein, weil es unwahrscheinlich ist, dals Uber ein 
Modell 1906 schon jetzt Angaben in die Öffentlichkeit gelangen. 

Die Vg des neuen Modelles wäre die gleiche, wie die des M/93 — 96. 

Durch das grOlsere Gescholsgewicbt ist die Mttndnugsarbeitsleistung 
sehr gestiegen, ebenso die Qnerschnittsbelastung, welche eine ge- 
ringere Geschwindigkeitsabnahme gewährleistet. 

Über die französischen Belagemngsparks bringt die „Schweizerische Zusiunmen- 
Zeitscbrift für Artillerie und Genie“ folgende Mitteilung: „Aller 
Wahrscheinlichkeit nach verfügt die Armee z. Zt. über 4 Parks, lagcrungN- 
deren Gliederung erst neuerdings eine Änderung erfahren hat. 
her bestand nämlich jeder Park ans 176 Geschützen ver8chiedeuer^r^I]g,.jg 
Kaliber, in Batterien zu je 4 Geschützen eingeteilt. Gegenwärtig ge- FeMheeres. 
hOren zu Jedem Park 180 Geschütze und zwar je 18 — 95 mm 
120 mm lange und 155 mm lange Geschütze, ferner 90 — 155 mm 
kurze Kanonen und 36 — 220 mm Mörser; anlserdem bilden den 
Bestand noch einige 270 mm Mörser, die aber noch nicht eingegliedert 
sind, weil ihre Zahl noch nicht feststeht. Jeder Park ist in 

3 Sektionen zu je 60 Geschützen und diese in 15 Batterien zu 

4 Geschützen eingeteilt.“ 

Die Zusammensetzung der schweren Artillerie des Feldheeres 
wird verschieden angegeben: Nach der „Revue de l’armöe beige“ 
besteht jeder halbe Trains aus: 

16 langen 155 ram-Kanonen, 

16 — 120 mm-Kanonen (kurzeV), 

28 kurzen 155 mm-Kanonen und 
20—220 mm-Mörser. 

La France militaire vom 1. Dezember sagt, unsere schwere 
Artillerie einer Armee — aus 3 bis 4 Armeekorps bestehend — 
setzt sich zusammen aus 

1 Abteilung zu 3 Batterien zu je 6 kurzen 120 mm = 18 Gesch. 

2 „ »3 ,, ,, ,, 4 „ 

Im Ganzen 42 Gesch. 

Diese Geschütze sollen demnächst durch die neue 155 mm Bildung von 
Rimailho-Hanbitze ersetzt werden. Zunächst bandelt es sich um die'-^scWeren 
Beschaffung von 120 solcher Batterien, welche entgegen der bis- 
herigen Übung schon im Frieden bespannt sein sollen. Die Be- 
schaffung der Mannschaften und Pferde für diese Batterien macht 
dem Kriegsministerinm viele Schwierigkeiten. 

Obwohl die Wirkung des Gesetzes über die zweijährige Dienst- Ergebnisse 
zeit noch nicht voll in die Erscheinung getreten ist, weil noch Mann der 2jährigen 
schäften mit dreijähriger Dienstzeit unter den Fahnen stehen, und 



Digitized by Googli 




1U6 



Uinaebto. 



artillerie. 



obwohl man alles eingestellt bat, was nar einzastellen ging, bat 
sich ein Fehlbetrag ron 70000 Mann ergeben nnd die Untanglichen, 
welche dieses Jahr eingestellt sind, füllen die Lazarette. Die Stärke 
der Kompagnien nnd Batterien ist zn gering, um Übungen und 
Instruktionen yomehmen zn können. Die bei Einführung des Ge- 
setzes erwartete starke Vermehrung der Kapitulanten ist nicht ein- 
getreten. Bei Erlafs des Gesetzes gab es 3000 Unteroffizier- 
kapitnlanten nnd 2000 Soldatenkapitnlanten. Man bodte, sie auf 

12 bzw. 10000 zu bringen. Ihre Zahl hat sich im letzten Jahre 
nicht einmal um 300 gehoben. Das Gesetz ist also ungeeignet, um 
die Sollstärke der Einheiten zn fdlleu. Ebenso ist es schwierig, 
leichte Zugpferde für die Artillerie anfznbringen. Dies wird immer 
schwieriger, weil mit der Zunahme der Kraftfahrzeuge der Bedarf 
an solchen Pferden und damit deren Züchtung abnimmt. 

Unter diesen Verhältnissen ist es schwierig, neue Truppenteile 
zu bilden. 

Vermehmng Bisher gab man sich in Frankreich vielfach der Hoffnung hin, 
der Feld- Dentschland würde bei Annahme eines Rohrrücklauffeldgescbützes 
dem französischen Vorgänge folgend seine Batterien ebenfalls auf 
4 Geschütze yermindem. Man sieht non, nachdem ein grolser Teil 
nnserer Artillerie mit den neuen Geschützen bewaffnet nnd die 
Batterie auf 6 Geschütze belassen ist, dals man sich darin getäuscht 
hat nnd ruft energisch nach einer Vermehrung der Feldartillerie. 
Frankreich hat 20 Armeekorps zu je 23 Batterien normalmäfsig nnd 
8 unabhängige Kavalleriedivisionen mit 2 Batterien, alles in allem 
482 Batterien mit 1628 Geschützen, denen Dentschland einschliels- 
licb der Haubitzen und Feldartillerieschiefsscbnle 583 Batterien mit 
3498 Geschützen gegenüberstellen kann. Das ist ein Mehr von 
1870 Geschützen. Stellt man die Zahl der Batterien je eines 
Armeekorps gegenüber, so hat Frankreich bei jedem Armeekorps 92, 
Deutschland 144 Geschütze. Bis auf diese Zahl scheint man die 
Artillerie nicht steigern, sondern sich mit 120 begnügen zn wollen. 
Immerhin verursacht diese Steigerung, abgesehen von den bedentenden 
einmaligen Kosten, einen Mehrbedarf von etwa 10000 Mann nnd 
10000 Pferden. 

Die Vorschläge, welche gemacht werden, um diesen Schwierig- 
keiten auch ohne Vermehrung des Heeresbaashaltes zn begegnen, 
HeerMreör- sind die verschiedenartigsten. Die Regierung scheint zn einer Ver- 
ganisatioQ. minderung der Kavallerie entschlossen zu sein, und zwar sollen die 

13 Kürassierregimenter nnd die 5. Eskadrons aller Regimenter ein- 
gehen. Die Kürassierregimenter sind sehr teuer, man mifst ihnen 
weniger Wert bei, als den leichten Kavallerieregimentern und anfser- 



Verminde- 
ning der 
Kavallerie. 



Digilized by Google 



Umschau. 



107 



dem wurden Mannsohaflen and Pferde sich für die Artillerie sehr 
gateignen. Da aber die französische Kavallerie schon jetzt am 6000 Säbel 
geringer and ihre Organisation weniger gUnstig ist, als die deateohe, 
da die 5. Eskadron nnr eine Depoteskadron ist, so wollen viele, 
insbesondere die Kavalleristen, von einer Vermindemng der Kavallerie 
nicbts wissen. Selbst diejenigen, welche die Kttrassierregimenter 
nicht mehr iUr zeitgemäls halten, verlangen deren Umwandlnng in 
leichte Kavallerie. Welchen Weg die Regierang einscbiagen wird, 
male abgewartet werden. Aach wird die Vorlage eines völlig neaen 
Kadregesetzes verlangt, Uber welches schon seit Jahren zwischen dem 
Generalstab and dem Kriegsroinisteriam verhandelt wird. 

Bahn. 

Oro CBbritannieii. 

Mit dem neuen 8 mm-FeldgeschUtz sind infolge za hoher Lage 8 mm Keld- 
des Sehwerpnnktes des ganzen Systemes (der Bremszylinder liegt n®»****^* 
oberhalb des Rohres) mehrfache Unfälle vorgekommen. 

Eine 27,2 cm-Haubitze für die schwere Artillerie des Feldheeres : 37,2 cm H«u 
ist in Versuch. bitze. 

Das nördlich der Insel Wight gelegene Forts St. Helen soll Ein Forti, 
seitens des Kriegsministeriums alljährlich vermietet werden, eventnell Botel 
als Hotel. Die Presse ist darüber entrUstet, weil nnn ancb Aus- 
länder za Spionagezweckeu sich dort anfbalten können. 

Bahn. 



Belgien. 

Das Kriegsministeriam hat einen Wettbewerb ansgeschriebenWottbewerb. 
betreffend Versuche mit leichten Feldhanbitzen. Die Bedingungen 
sind; 1. Kaliber 10 — 12 cm. 2. Beweglichkeit eines Feldgeschützes 
verbunden mit einer genügenden Gescholswirknng. 3. Die Munition 
soll bestehen ans Schrapnells and Torpedogranaten mit Anfschlag- 
zUnder mit ausschaltbarer Verzögerung. 

Die Versuche werden dadurch besonders interessant und 
lehrreich werden, weil hierbei die verschiedenen RobrrUcklanf- 
systeme mit veränderlichem und ständig langem Rücklauf in ver- 
schiedenen Ausführungen sich gegenttbersteben werden. Nach den 
sehr eingehenden und gewissenhaften Prüfungen der 7,5 cm-Schnell- 
fenerfeldkanonen lälst sich eine einwandfreie Klarstellung des Wertes 
der verschiedenen Konstruktionen erwarten. Bahn. 



Schweiz. 

Mit dem 1. Januar d. Js. tritt folgende Organisation der Ge-Organisatior. 
birgsartillerie, die mit 7,5 cm-SchnellfenergeschUtzen ausgerüstet 
wird, in Kraft: 



Digitized by Google 




108 



Umsohu. 



1. 2 Abteilnngsstäbe za je 4 Offiziereo, 12 UnterofSzieren and 
Soldaten and 7 Reitpferde. 

2. Jede Abteilang bat 3 Batterien zn je 7 Offizieren, 194 — 195 
Unteroidzieren and Soldaten, 10 Reitpferden, 96 Tragetieren and 
4 Geschützen. 

3. 2 Saamparkabteilnngen zn je 4 Offizieren, 9 Unteroffizieren 
and Soldaten, 6 Reitpferden und 1 Tragetier. 

Jede Abteilang besteht ans: 

4. 3 Manitionskolonnen za je 3 Offizieren, 145 Unteroffizieren and 
Soldaten, 5 Reitpferden and 94 Tragetieren. 

5. 2 Verpflegangskolonnen zn je 2 Offizieren, 90 Unteroffizieren 
and Soldaten, 3 Reitpferden and 56 Tragetieren. 

Danach ist fllr jede Gebirgsabteilang eine Manitionsabteilong 
and für jede Batterie eine Mnnitionskolonne vorgesehen. Eine 
Mnnitionskolonne führt 72 Infanteriemnnitionskörbe and 76 Arüllerie- 
mnnitionskörbe, Schanzzeag asw. Oie Batterie bat 96 Mnnitions- 
körbe. Die Manitiou ist, wie folgt, verteilt: 

Jede Batterie bat 48 Tragetiere mit 2 Körben za 6 Schafs 
= 576 Schals oder 144 aai 1 Geschütz. 

Die Mnnitionskolonne hat 38 Tragetiere mit 2 Körben za 6 Scbolk 
= 456 Schafs oder 114 anf 1 Geschütz. 

Im ganzen 86 Tragetiere mit 2 Körben za 6 Scbnis = 1032 
Schafs oder 258 aaf 1 Geschütz, 

Im Depotpark befinden sich: 

15408 Schafs für die 6 Batterien, d. b. für 1 Batterie 2568 
Schafs oder 642 aof 1 Geschütz. 

Alles in allem 3600 Schafs oder 900 anf 1 Geschütz. 

Schiefsvor- Gegen einen Fesselballon in 600 m Höhe and ani 4000 m Ent- 



such gegen femung wurden 7 Lagen Schrapnells zn je 4 Schafs im Schnellfeuer 
***°baIlon.*'* abgegeben. Die 2. Lage traf. Nach der 7. war der Ballon ver- 



schwanden. Er war von Kageln durchlöchert, Korb and Besatzung 



mehrfach getroffen. 



Bahn. 



Organisation 
(ler Feld- 
artUlerie. 



Rumänien. 

Die zukünftige Organisation der Feldartillerie wird sein: 

8 Divisionsartillerieregimenter za 3 Abteilungen k 3 Batterien 

= 72 „ 

4 Korpsartillerieregimeuter za 3 Abteilangen. 

Davon 2 Abteilungen za 3 Kanonenbatterien =24 „ 

1 Abteilung za 2 Hanbitzbatterien . . . . = 8 , 

Mehrere Batterien werden als reitende Artillerie formiert. 



Digilized by Google 



Umsobaa. 



109 



Die 3 reitenden Batterien der Karalleriedivision in Rossiori 
bilden 1 Abteilnng. 

Die Festnngsartillerie besteht ans: 

2 Regimentern zn 10 Kompagnien in Galatz and Bukarest and 
1 Bataillon Belagemngsartillerie in Cemaroda, BrltckenkopI an der 
Donau. 

Das befestigte Lager von Bukarest umfafst 18 Forts und eben- 
soviel Zvriscbenwerke und permanente Batterien nach dem Prinzip 
der Panzerforts. 9 Kompagnien bilden den Kern der Artilleriebe- 
satznng, die 10. gehört zur Generalreserve. 

Die Seretblinie umfafst um Focsani auf dem linken Ufer des 
Milkow auf eine Entfemnng von 7 — 9 km 71 Batterien in 3 ge- 
trennten Linien; um Nemolassa 30 Batterien und um Galatz 
51 Batterien. Alle diese Anlagen sind nach den Ideen von Saner- 
Schnmann nnsgeftlbrt (Revue de l’armäe beige). Bahn. 

Portugal. 

Im Dezemherheft ist der Bericht der Kommission besprochen 
worden, welche zur Auswahl eines neuen Feldartilleriematerials ein- 
gesetzt war. Die Revue d’ Artillerie, welche den Kommissionsbericht 
veröffentlicht hat, hat das Sondergutachten des Präses dieser Kom- 
mission, des damaligen Oberst, jetzt General Jos6MattbiasNunes, welcher 
für Annahme des Kruppschen Materials eingetreten war, leider nicht 
mit veröffentlicht. Dasselbe wird jetzt im Beiheft 81 der Inter- 
nationalen Revue Uber die gesamten Armeen und Flotten in deutscher 
Übersetzung abgedrnckt. Die Verödentlicbung verdient um so mehr 
Interesse, als die Erfahrung dem Herrn General Nunes Recht ge- 
geben hat. Die GrUnde, welche nach Ansicht des Herrn Verfassers 
für das Kruppsche Modell sprechen, sind folgende: Das abgeprotzte 
Geschütz ist nm 91 kg leichter, trotzdem es kräftiger and wider- 
standsfähiger ist, als das Schneidersche. Wollte man letzteres ans- 
reichend verstärken (was nachträglich geschehen), so würde das 
Gewicht des Fahrzeuges nicht geringer sein, als das jetzige fran- 
zösische Material, welches als zu schwer befanden wird. Der Druck 
des Lafettensebwanzes auf den Boden ist um 42 kg geringer. Die 
Kruppsche Seitenrichtmaschine ist einfach, solid, leicht zu bedienen 
and gewährt ein horizontales Richtfeld von 7**. Selbst in der änfsersten 
Stellnng bleibt die RUcklanfslinie noch innerhalb der Spombreite. 
Das Schneidersche Geschütz hat durch Verschiebung der Lafette mit 
Bohr auf der Achse um 25 cm ein Seitenrichtfeld von 6°. Wenn 
auch die Seelenachse beim Rücklauf des Rohres immer in der durch 



Festung»- 

artillerie. 



Be- 

festigungen. 



Digitized by Google 




110 



Uoiscbau. 



die Mitte der Laiette gebenden Vertikalebene bleibt, so ist dadurch 
die Neigung, dals das Gesebtttz ans der Seitenriebtung geworfen wird, 
nicht ausgeschlossen. Die einseitige Belastung der Achse ist nach- 
teilig und kann unter Umständen, je nach dem Gelände, ein seit- 
liches Springen des Geschützes begünstigen. Diese Konstruktion 
lälst die Anbringung weder annehmbarer Aebssitze, noch ausreichend 
deckender Schilde zu. Sie ist schwer zu handhaben, ist kompliziert 
und verschmutzt trotz der Einhüllung ziemlich leicht, wodurch die 
Seitenrichtmaschine noch schwerer gebt, zu funktionieren anfbören 
und schliefslich brechen kann. Ein Anziehen der Fahrbremse beim 
Schiefsen ist nicht statthaft, weil sieh bei Betätigung der Seiten- 
richtmaschine die Räder bewegen müssen. Hat der Sporn nicht 
fest in den Boden gefalst, dreht sich das Geschütz nicht, sondern 
verschiebt sich parallel zu sich selbst auf der Achse. 

Die vorhergesagten Übelstäude haben sich in Portugal bereits 
unangenehm bemerklich gemacht. 

Die Verankernngsvorrichtnng ist ein Übel, erlitt beim Marsch 
Beschädigungen nnd konnte bei den Versuchen nur als Marseb- 
bremse benutzt werden. Inzwischen ist die Vorrichtung durch eine 
stärkere Marschbremse ersetzt worden. 

Das Schild des Kruppschen Geschützes schützt die Bedienung 
gegen frontales Feuer vollkommen, das des Schneiderschen aber 
bei weitem nicht. Das Kruppsche Schild ist 4 '/>i das Schneidersche 
4 mm stark, trotzdem ist das abgeprotzte Kruppsche Geschütz 
leichter, als das Schneidersche. Die Schilde des letzteren sind 
nachträglich auf 5 mm verstärkt und anders befestigt worden. 

Die Schneiderschen Achssitze sind wahre Huhnerstiegen nnd die 
Bedienung mnfs beinahe Gymnastik treiben, um hinanfzngelangen. 
Die Aebssitze sind später geändert. 

Die wesentlichsten Teile eines KobrrUcklanfgeschUtzes, die 
Bremse und der Vorholer werden sehr eingehend besprochen. Die 
Flüssigkeitsbremse mit dem Federvorholer werden als einfach und 
derb, die Flüssigkeitsbremse mit Drncklnftvorholer, ans vier Zylindern 
bestehend, aber als schwer, kompliziert nnd wenig solid bezeichnet. 
Die Druckluft soll dauernd aut 24 Atm. gehalten werden. Die vielen 
Dichtungen unter dem hohen Druck dauernd dicht zu halten, ist 
fast unmöglich, so dafs ein Entweichen von Luft nnd Bremsflüssig- 
keit nicht zu vermeiden ist. Weshalb die Beigabe von Luftpumpe 
nnd Manometer unnmgänglich notwendig ist. Eine Feder des Feder- 
holens kann brechen. Dadurch wird aber die Arbeit des Vorholens 
nicht lahm gelegt. Dem Vorwnrf der Kommission, dafs der Feder- 
vorholer nicht immer ein vollständiges Vorholen garantiere, wird 



Digitized by Google 



Umschau. 



111 



entgegeugebalteD, dals bei den Versncben selbst das unvollständige 
Vorbiingen beim Kruppschen Gescbtttz noch immer ausgereicbt habe 
Der Herr Oberst Nunes schliefst diesen Teil seines Gutachtens wie 
folgt: „Die Kommission findet die Vorbolrorricbtnng, die alle anderen 
Kommissionen nnd Länder mit ihren Vorzügen und Fehlern ange- 
nommen haben, schlecht, nnd sie findet gut nnd tadellos die Vor- 
holvorrichtnog mit geprefster Luft, die alle Länder mit Ausnahme 
von Frankreich, bisher verworfen haben, da sie bei den Ver- 
suchen nicht befriedigte nnd keine Garantie fUr gutes Funk- 
tionieren leistet, sobald sie eine Zeitlang kräftig im Felde im Gebrauch 
gewesen ist.“ Die Schneidersche Bremse ist nur mit 146 Schnls 
probiert worden. Bei der Abnahme nnd dem Truppengebraucb 
haben Bremse und Vorholer nicht genügt und die Konstruktion 
wnrde geändert. Dem Kruppschen V^erschlnls wird vor dem 
Schneiderseben der Vorzug gegeben und das Vorhandensein der 
seitlichen Noten am Rohr mit Recht getadelt. 

Wenn man die Schäden liest, welche nach dem aufserordentlich 
kurzen Fahrversneb von 550 km an dem Scbneiderschen Material 
anfgetreteu sind, so wundert man sich, dals die Prüfungskommission 
ihnen nicht mehr Bedeutung beigelegt bat. Die portugiesische Ab- 
nahmekommission in Crensot hat die zu geringe Widerstandsfähigkeit 
des von Schneider in Portugal vorgestellten Materials ausdrücklich 
anerkannt. Sie verfügte die Verstärkung des Langbanraes am 
Hnnitionswagen und im allgemeinen aller Teile, die sich bei den 
Fahrversnehen in Portugal als zu schwach erwiesen haben. Die 
Fabrik stellte ein um 4,4 kg schwereres Rad her. Das Geschütz 
ist durch die mannigfachen Veränderungen uod Verstärkungen immer 
schwerer geworden. 

Die Kommission hat dem Schneiderseben Geschütz grölsere 
Stabilität zngeschrieben. Herr Oberst Nunes führt sie auf das 
gröfsere Gewicht und den gröberen Schwanzdmck des abgeprotzten 
Geschützes zurück. Infolgedessen der Lafettenschwanz sich mehr 
nnd mehr in den Boden wühlt, wodurch die Treffähigkeit leidet, 
was neuerdings auch beim französischen Feldgeschütz festge- 
stellt ist. 

Das Teleskopfernrohr znm Richten bei der Kruppschen Kanone, 
ebenso wie das Panoramafernrohr, alle beide mit Richtkreis, sind 
den Scbneiderschen Einrichtungen überlegen — und sollen ange- 
nommen werden. 

Am Schlüsse seiner Anslassnngen sieht sich der Herr Verfasser 
veranlafst, den Ausdruck des Kommissionsberiebtes, dab man zwei- 
mal gebrochene Federn vorfand, klarznstellen. Zufällig bemerkte 



Digitized by Google 




\ 

I 

112 Literatur. | 

man, dala von einer Feder das untere Ende auf •/, Gewindegang 
und später am oberen Ende derselben Feder ein gleiches StUck ab- 
gebrochen war. Trotzdem hat der Vorholer fortgesetzt gut 
fnnktioniert. 

Das Gesamtnrteil des Gutachtens geht dahin: „Wenn man die 
Eigenschaften des einen nnd des anderen Materials miteinander ver- 
gleicht, SU stellt sich nach meiner Meinung eine bedeutende Über- 
legenheit des Kruppschen Materials heraus.“ Dieses Gutachten ist 
anlserordentlich lehrreich, nicht nur, weil es die Gegensätze in der 
Prüfungskommission klarlegt, sondern weil in demselben die tech- 
nischen Einzelheiten der beiden wettstreitenden Konstrnktions- 
prinzipien eingehend nnd sacbgemäfs mit grolser Klarheit anseiuander- 
gesetzt sind. Bahn. 



Literatur. 



I. Bücher. 

Moltkes Militärische Werke. II. Die Tätigkeit als Chef des General- 
stabes der Armee im Frieden. Dritter Teil: Moltkes Generalstabs- 
reisen aus den Jahren 1858 — 1869. Herausgegeben vom Grofsen 
Generalstabe, Kriegsgeschichtliche Abteilung 1. Mit 22 Karten. 
Berlin 1906. Mittler & Sohn. 

Mit dieser neuesten Veröffentlichung hat der Generalstab der Ai-mee 
ein Geschenk gemacht, dessen Wert nicht zu unterschätzen ist. Wenn 
die Leitung der alljährlichen Übungsreisen des Grofsen Generalstabes 
als die Quintessenz dessen gelten darf, was der Chef an Lehre und 
Anregung zu bieten vermag, so mufs es an sich schon ein Genufs 
sein, den Feldmarscball bei der Arbeit jener Jahre zu begleiten, in 
denen er seinen Generalstab für die Kriege heranbildete. Für ihn 
selbst dienten diese Reisen zweifellos zur praktischen Erprobung der 
von ihm gewonnenen strategischen und taktischen Anschauungen, so- 
wie zur Vorbereitung seiner Feldzugspläne. Aus dem Studium der 
neun Reisen (1858—1869) ist aber auch noch heute nicht nur für den 
höheren Führer oder den Generalstabsoiflzier ein reicher, positiver 
Gewinn zu ziehen. Ermöglicht ist er durch die knappe, klare Form, 
in der aus sicherlich oft veralteter Sprache und Ausdrucksweise alles 
Wesentliche so plastisch herausgearbeitet wurde, dafs jeder nach- 
denkende Leser ein vollkommenes Bild der Vorgänge erhalten mufs. 



Digitized by Google 



Utentar. 



113 



Dafs sich in Einzelheiten im Lauf der fast vierzig Jahre, die seit der 
letzten Reise vergangen sind, die Anschauungen gewandelt haben, 
dafs ferner bei der heutigen Waffenwirkung eine grofse Anzahl der 
Gefechtsmomente einen wesentlich andern Verlauf nehmen dürfte, 
vermag dem Nutzen, den die neue Veröflentlichung bietet, keinen Ab* 
brucb zu tun, General von Moltke erweist sich jedenfalls in der 
Taktik der drei Waffen als ein Führer, der seiner Zeit weit voraus- 
eilte; dies gilt nicht zuletzt auch von seiner Auffassung über die Ver- 
wendung der Kavallerie, als deren Aufgaben er Aufklärung vor der 
Front der Armee, Eingreifen während und nach der Schlacht, sowie 
rücksichtslose Verfolgung bzw. Deckung des Rückzugs bezeichnet. 
Trotzdem nun Moltke diese seine Lehren aufserdem noch in die 1869 
erschienenen „Verordnungen für die höheren Truppenführer“ auf- 
genommen hatte, waren die Anschauungen des Feldmarschalls 1870 
noch immer nicht in Fleisch und Blut der Kavallerieführer eingedrungen 
und es versagte deshalb die Kavallerie häufiger, als er gedacht hatte; 
ein Beweis mehr, wie lange Zeit ein Loslösen von veralteten Formen 
erfordert. 

Von besonderem Interesse ist die Vorliebe des Feldmarschalls für 
Plankenstellungen, taktische wie strategische. So sollen die Reisen 
von 1860 und 1869 die Vorteile einer auf die Elbe basierten indirekten 
Verteidigung Berlins gegenüber einer aus südlicher Richtung vor- 
gehenden Armee erweisen. Noch bei verschiedenen weiteren Anlässen 
werden die Vorzüge solcher Stellungen eingehend beleuchtet. Auch 
der Verlauf der Reise von 1862 veranlafste, nachdem zwei preufsische 
Armeekorps vor drei russischen das rechte Oderufer bei und nördlich 
Küstrin zu räumen gezwungen waren, den Führer von West zu der 
Wahl einer Flankenstellung südöstlich Bberswalde, die der bei Schwedt 
Ubergegangene Gegner angreifen mufste, wenn anders er den Marsch 
auf Berlin fortsetzen wollte. 

Was den Rahmen anbelangt, in dem die Reisen angelegt sind, so 
bewegen sich die Stärken zwischen einem und sechs Armeekorps. 
Nur 1861 und am Schlufs der Reise von 1867 traten mehrere .\rmeen 
oder Armeeahteilungen auf. 

Abgesehen von der Reise von 1866, wo je ein Ost- und ein West- 
korps durch die Saale getrennt sich gegenübertraten, fufsen alle Reisen 
auf einen ganz bestimmt festgelegten Kriegsfall, so 1858 und 1862 
gegen Rufeland, 1859 und 1861 gegen Frankreich, 1860 gegen Öster- 
reich. Die Reisen nach dem Feldzuge von 1866 bauen sich dann auf 
historischer Grundlage auf. 1867 wird ein Vorgehen der österreichischen 
Nordarmee gegen die zweite preufsische Armee an der Neifse ange- 
nommen. 1868 knüpfen die Operationen an die Kriegslage vom SO. Juni 
1866 auf dem Avestlichen Kriegsschauplatz an und es werden die Folgen 
einer zwischen Brückenau und Fulda geglückten Vereinigung der beiden 
süddeutschen Korps durchgespielt. 1869 endlich kommt ein Vormarsch 
österreichischer Nebenkräfte aus dem nordöstlichen Böhmen über Sachsen 

Jakrfcftektr fttr dlt daatsoli* Anata oad Uariae. No. 4Sd. 8 



Digitized by Google 




U4 



LltoitUnr. 



auf Berlin zur Darstellung, dem die verfügbaren S'/i preufsischen Armee- 
korps — wie bereits erwähnt — in einer auf die Elbe basierten Fianken- 
steUung begegnen. 

, Bei der kurzen Frist smt dem Erscheinen des Werkes konnte es 
-sich in diesen Zeilen natürlich nur um einen Hinweis handeln, der zu 
eingehendem Studium der Reisen anregen soll. F. 



Friedrich der Urofse. Von Georg Winter, Direktor des Kgl. Staats- 
archivs zu Magdeburg. 2 Bände. Beriin 1907. B. Hofmann t Co. 

Ein Buch, das seinen Piatz behaupten wird auch neben dem 
monumentalen Werk R. Kosers über Friedrioh den Grofsen. Wegen 
.seiner Eigenart, ohne sich in Einzelheiten zu verlieren, abgesehen von 
der etwas weitschweifig geratenen Behandlung der Flucht des Kron- 
prinzen. doch eine umfassende, geistig vertiefte, knappe Darstellung 
zu geben von dem gewaltigen Inhalt des Lebens eines der Gröfsten 
aller Zeiten. Dazu ein billiger Preis. 

Mit Recht hebt der Herr Verfasser hervor, dafs des grofsen Königs 
weltgeschichtliche Stellung und Bedeutung durchaus nicht nur auf 
dem Gebiete des Feldherrntums liege, sondern dafs er als Staatsmann 
und Denker, dem alle Probleme der Menschheit geläufig waren, min- 
destens ebenso grofs gewesen ist wie als Kriegsmann. Ja, es ist keine 
Übertreibung zu behaupten, dafs Friedrich der Grofse in manchen 
Punkten moderner gedacht und gehandelt hat, wie es unserer Zeit be- 
schieden ist. Modern im besten Sinne des Wortes. Sich mit einem 
solchen Geiste zu beschäften und zumal an der Hand eines so kundigen 
Führers wie G. Winter, ist ein wirklicher Genufs! 

Naturgemäfs konnte bei der Knappheit des Raumes die kriege- 
rischen Ereignisse nur kursorisch behandelt werden; aber in durchaus 
einwandfreier Behandlung mit gutem militärischen Verständnis. Was 
die bekannte Streitfrage über die Ursachen des Siebenjährigen Krieges 
betrifft, so bekämpft auch Winter die Hypothese von M. Lehmann, 
welcher die Elroberung Sachsens als das eigentliche Leitmotiv des 
Königs ansieht. Das neue Generalstabswerk „Die Kriege Friedrichs 
des Grofsen“ hat übrigens jene Lesart — und ich glaube mit Recht — 
ebenfalls abgelehnt. 

Bin kleine Richtigstellung möchte ich hier nicht unterlassen, was 
die Schlacht von Rofsbach betrifft. Es wird dort gesagt, dafs die 
französische Infanterie sich besser behauptet habe, wie diejenige 
der Reichsarmee. In dieser Fassung ist das nicht ganz zutreffend. 
Allerdings haben die meisten Reichstruppen bei Rofsbacb eine schwäch- 
liche Haltung gezeigt; aber doch mit Ausnahmen. So bewahrten die 
Regimenter Hessen-Darmstadt und Würzburg bis zuletzt eine durchaus 
gute Haltung. Sie deckten in voller Ordnung den Rückzug, als auch 
die französische Infanterie sich schon längst aufgelöst hatte. Keim. , 



Digitized by Google 



UterttoT. 



llö 



Btf Jahre Genveniear in Deutsch -SidwestaMka. Von Theodor 
Leutwein, Generalmajor und Gouverneur a. D. Berlin. B. S. 
Mittler & Sohn. 

Das Buch ist lesenswert, was die Schilderung von Land und Leuten 
betrifft. Auch die Darstellung des Feldzuges gegen die Witboys ist 
interessant vom militärischen Standpunkte aus. Aber naturgemäfs er- 
wartet man in diesem Buche Aufklärung über das „System“, welches 
der Verfasser politisch und sozial über ein Jahrzehnt als Gouverneur 
in SüdwestafVika befolgt hat. Diese Aufklärung wird aber wenig be- 
friedigen, vor allem nach der Richtung, wie es zu den ausgedehnten 
Aufständen kommen konnte, die immer noch nicht abgeschlossen sind. 

Jedenfalls geht aber aus den Äufserungen des Generals Leutwein 
hervor, dafs er ein Anhänger der „sanfteren Tonart“ gegenüber den 
Eingeborenen ist. Br hat gewifs geglaubt, so am besten den Interessen 
der Kolonie und des Reiches zu dienen. Der blutige Abschlufs der 
Ära Leutwein hat jedoch erwiesen, dafs jener Weg schliefslich nur 
dazu führt, die Eingeborenen übermütig und unbotsam zu machen. 
Wenn der Herr Verfasser sich jedoch auf die kolonialpolitischen Er- 
folge der Engländer beruft und hierbei deren „weichere Tonart“ ins 
Treffen führt, so scheint mir das mit den geschichtlichen Tatsachen 
schlecht übereinzustimmen. Die meisten englischen Kolonien sind mit 
Blut und Eisen gegründet worden, sie werden auch, bei Lichte besehen, 
mit diesen Mitteln erhalten. Trotz allen Geredes von „Christentum und 
Humanität“ — auch der Herr Verfasser apostrophiert diese beiden 
Faktoren — treiben die Engländer Kolonialpolitik im eigensten natio- 
nalen und finanziellen Interesse. Sie haben im letzten Jahrhundert 
allein 38 Kolonialkriege geführt — darunter 15 in Afrika — und man 
sollte wirklich endlich einmal in Deutschland aufhören, die bei uns 
schon sowieso allzu reichlich entwickelte Humanitätsduselei als Rüst- 
zeug politischer Tugendhaftigkeit zu verwenden. Das Leben und 
Eigentum unserer Landsleute stehen uns unter allen Umständen 
näher wie das Leben und Eigentum der Hottentotten usw. Das sollte 
einmal den Herrn Reichstagsboten klipp und klar gesagt werden. 
Oberst v. Deimling hat es seinerzeit getan unter dem Beifall der .\rmee, 
die mit Recht die Majorität des Reichstages dafür verantwortlich macht, 
dafs durch Unterlassung rechtzeitiger Bahnbauten in Südwestafrika 
Leben und Gesundheit vieler Hunderter braver deutscher Soldaten aufs 
Spiel gesetzt worden sind! Das hätte auch in dem Buche schärfer 
Ausdruck finden können, ln Sachen der „Landkonzessionen“ hat un- 
längst Carl Peters genau die gegenteilige Auffassung des Herrn Ver- 
fassers öffentlich vertreten. Keim. 

Bibliographie der französischen Truppengesehichten. Nebst einem 
Anhang: Die Namen der Truppenteile von Dr. Paul Hirsch. 
Bibliothekar an der Kgl. Bibliothek zu Berlin. Berlin 1906. 
E. S. Mittler u. Sohn. Kgl. Hofbuchhandlung. 

8 » 



Digitized by Google 




116 



Literatur. 



Mit grofser Mühe hat Verf. aus dem Material, welches ihm die 
Bibliothek des Preufs. Orofsen Generalstabes, zum geringeren Teil auch 
die Kgl. Bibliothek zu Berlin, sodann französische Bibliographien und 
Bibliothekskataloge, selbst Manuskripte lieferten, die Titel von 642Truppen- 
geschichten zusammengestellt, ohne die Sammlung vollständig nennen 
zu können. 

Im Anhang ist eine Zusammenstellung der Namen der Truppen- 
teile beigefügt, welche besonders deswegen für den Historiker wertvoll 
ist, weil es bis 1791 in der französischen Armee keine Nummerierung 
der Truppenteile gab, diese vielmehr Namen historischen oder lokalen 
Ursprungs führten oder nach ihren Chefs genannt wurden. Bei der 
Infanterie ist noch zu bemerken, dafs nach amtlicher französischer 
Auffassung alle Infanteriekörper qui ont porte le meme numöro ohne 
Rücksicht auf die Umwandlungen, die sie im Laufe der Zeit durch- 
gemacht haben, zu demselben Stammbaum gehören. 

Es mutet uns wunderbar an, wenn wir ira Register sehen, dafs 
manche Regimentsgeschichten, wie die des 1. und 2. Husarenregiments, 
des 12. Dragonerregiments von Geistlichen (abbös) geschrieben sind 
mit Aufschriften wie „Dieu, honneur et patrie“. 

Auf Regimentsgoschichten wird in der französischen Armee lange 
nicht der Wert wie bei uns gelegt, viele sind bekanntlich wegen ihrer 
Oberflächlichkeit und Ungenauigkeit historisch nicht verwendbar; 
immerhin ist es erstaunlich, aus dem vorliegenden Register zu sehen, 
dafs z. B. von 39 Feldartillerie-Regimentern 20 anscheinend keine 
Regimentsgeschichte haben. Der erwähnte Anhang gibt in den 
Namen und Jahreszahlen der Truppenteile oft einen intere.ssanten 
historischen Überblick, z. B. 6. Kürassierregiment: Dragons du Cardinal 
(1636—1638), fusiliers ä cheval de Son Eminence (1638 — 1643), fusiliers 
ä cheval du Roi (1643—1646), le Roi (1646 — 1790), 6» Rgt. de Cavalerie 
(1791—1803), Colonel Gönöral (1815), Conde (1815—1830). 

Dem Herrn Verfasser gebührt Dank für die mühevolle, aber in 
vieler Hinsicht wertvolle Zusammenstellung. v. Twardowski. 

Glückliche Episoden aus den Rümpfen Österreichs im Jahre 1866. 

Zum vierzigjährigen Gedenken. .Mit Beiträgen von Mitkämpfern. 

Mit 1 Skizze im Text und 14 Skizzen auf beigehefteten Tafeln. 

1906. Verlag von „Danzers Armee-Zeitung“, Wien XVIII/1. 

Preis 3 Kr. 50. 

Die vorliegenden Erzählungen von ehemaligen Mitkämpfern von 
1866 werden in der patriotischen Absicht veröffentlicht, die Erinnerungen 
an jene für Österreich so schweren und verhängnisvollen Wochen in 
freundlichem und erhebendem Licht wieder aufleben zu lassen. Das 
Buch umfafst 155 Seiten, von denen 22 der Schlacht Custoza, ebenso- 
viel den Kämpfen in Tirol und der Seeschlacht bei Lissa, die übrigen 
dem Feldzug der Nordarmee in Böhmen gewidmet sind. Bezüglich 



Digitized by Google 



Literstnr. 



117 



des letzteren ist das Kavalleriegefecht bei Wysokow am 27. Juni, 
Trautenau und der Kampf um den Swiepwald in der Schlacht bei 
Königgrfitz besonders eingehend besprochen. 

Bin kurzer Überblick über die Kriegsereignisso dient als orien- 
tierende Eünleitung. 

Die Beiträge halten sich sämtlich von jeder Ruhmrederei fern 
und liefern lebensvolle Bilder aus dem Kriege, frei von jeder Polemik. 
Jeder Leser lernt aus solchen Erzählungen mancherlei, was er sonst 
nicht so leicht erfiihrt. Generalmajor Edler v. Pflügl, 1866 Leutnant 
im Kürassierregiment Nr. 4. schreibt z. B. : Das Regiment hatte 60 Stück 
Beutepferde . . . Diese in einer Melee reiterlos, wie toll herumjagenden 
Pferde, die sich wie Kletten anhängten, waren eine arge Piage während 
des Gefechts; man war stets in Gefahr, von ihnen niedergerannt zu 
werden.“ Von den kürzlich eingestellten Remonten wird gesagt; „Ich 
glaube, beinahe keine derselben kehrte — aus dem Gefecht — zurück, 
obwohl die besten und tüchtig;sten Reiter auf sie gesetzt worden 
waren. Ein Reiter auf einem nicht gut gerittenen, nicht 
leicht wendbaren Pferd ist in der Melee ein verlorener 
Mann.“ — Das ist ein wohl zu beherzigendes Wort aus berufenem 
Munde von dem Vertreter einer Waffe, die 1866 anerkanntermafsen 
hervorragendes geleistet hat und ein Beweis, dafs für ein kriegs- 
lüchtiges Heer starke Kavallerie schon in Friedensstärke unentbehrlich 
ist. — Das Buch wird besonders die Kriegsteilnehmer von 1866, auch 
preufsischerseits interessieren. v. Twardowski. 



La cavalerie de 1740 ä 1788. Par le commandant brevete Edouard 
Desbriäre, Chef de la section historique, et le capitaine Maurice 
Sautal - attache ä la section historique. Paris et Nancy 1906, 
Berger, Levrault et Cie. Gr. 8®. VI et 131 p. Prix Francs 3, — . 

Die kriegsgeschichtliche Abteilung des Generalstabes der Armee 
ist mit der Bearbeitung eines umfassenden Werkes über die Organisation 
und die Taktik der drei Waffen des französischen Heeres beschäftigt. 
Das Erscheinen der ganzen Arbeit wird auf sich warten lassen. Um 
den Wünschen hochstehender Persönlichkeiten entgegenzukommen — 
sagt das Vorwort — sollen als Vorläufer zunächst Bruchstücke ver- 
öffentlicht und in Heften herausgegeben werden. Das erste davon 
liegt vor. Es behandelt eine Zeit tiefen Niederganges der Kavallerie, 
die Jahre 1740 bis 1789, beginnt also mit dem Eintritte in die Kriege 
der Mitte des 18. Jahrhunderts und endet mit dem Zusammenbruche 
des Königtums, dem die Waffe eine Stütze sein sollte. Zahlreich 
waren die Rufe der Warner und wiederholt hatten berufene Männer 
versucht, eine Wendung zum Besseren herbeizuführen, aber die 
Mahnungen zur Umkehr waren unbeachtet geblieben, die Wege der 
Reformatoren wurden durch die nämlichen Einflüsse verlegt die 
schliefslich den Stürmen der Revolution erlagen. 



Digitized by Google 




118 



Literatur. 



Die Kavallerie trat im Jahre 1741 in den österreichischen &b- 
folgekrieg mit einer ganz mangelhaften Organisation und ungenügen- 
den Vorschriften für ihre Verwendung im Felde. Die erstere suchte 
man inmitten des Waffenlärmes durch Verstärkung der Einheiten 
zweckmäfsiger zu gestalten; die letzteren brachten eine Schwerfällig- 
keit zuwege, durch welche die Erfolge in hohem Qrade beeinträchtigt 
wurden, der Galopp war eine unbekannte Gangart. Man griff mit dem 
Säbel in der Paust im Schritt oder im Trabe an. ein einheitliches 
Reglement war nicht vorhanden. Der erste, der Abhilfe verlangte, 
war der Ritter von Chabo. 

Der Verlauf des Krieges öffnete Manchem die Augen. Die ge- 
machten Erfahrungen und die Bekanntschaft mit fi-emden Heeren 
führten zu einigen Neuerungen auf taktischem Gebiete. Damals erhob 
Drummont de Melfort zum ersten Male seine mahnende Stimme, er war 
bei Fontenoy Adjutant des Marschall von Sachsen gewesen und halte 
gesehen, wie es im Felde hergegangen war. Aber er konnte dem 
Galopp noch nicht zu der ihm gebührenden Rolle verhelfen. Die ver- 
schiedenen seit 1752 erscheinenden Reglements kennen nur Angriffe 
im Trabe. Die Einheitlichkeit in den Bewegungen war fast der einzige 
Gewinn, den die Erfahrungen jenes ersten Krieges der Waffe bis zum 
siebenjährigen gebracht hatte. Die Vorschriften über ihre Verwendung 
waren so ungenügend, dafs im Frühjahre 1769 der Höchstkomman- 
dierende in Deutschland, der Herzog von Broglie, eingrifl um die 
Lücken auszufüllen. 

Aus diesem Kriege sind zwei kriegsgeschichtlich denkwürdige 
Ereignisse besprochen, die einzigen, deren das Buch Erwähnung tut; 
Der Tag von Rofsbach, den die Kavallerie, wie ihre Verluste zeigen, 
mit Ehren bestand, dem jedoch ein fluchtartiger Rückzug folgte, 
und die Schlacht bei Minden, wo die Infanterie der Verbündeten — 
6 englische und 3 hannoversche Bataillone — eine schwerfällige und 
unbewegliche Masse französischer Reiter mit dem Btgonett angriff und 
über den Haufen warf. 

Schon während des Krieges war der Armee und insbesondere der 
Kavallerie derg;röfste Reformator erstunden, den sie in dem hier in Betracht 
gezogenen Zeiträume gehabt hat. Es war der Herzog von Choiseul. Er 
hatte Feldzüge mitgemacht und als Gesandter in Wien das öster- 
reichische Heer kennen gelernt, bevor er daheim der leitende Staats- 
mann wurde. Mit vielem Verständnisse wirkte er in seiner Eigenschaft 
als Kriegsminister auf den Gebieten der Organisation, der Verwaltung, 
der Taktik und der Ausbildung der Truppen, aber die von ihm ent- 
wickelte Tätigkeit hat nur wenige bleibende Früchte gezeitigt. Nach 
seinem am 24. Dezember 1770 erfolgten Sturze, fügte sich sein Nach- 
folger Monteynan dem Drängen der jeder ihre Interessen gefährdenden 
Neuerung abholden Hofpartei und fast alles kehrte zu dem allen Schlen- 
drian zurück. Diesen mag ein Blick auf den Dienstbetrieb jener Zeit 
kennzeichnen. Vom Mai bis zum November wurde wöchentlich zwei- 



Digitized by Google 



Utentnr. 



119 



mal in der Bahn geritten, aber jedesmal höchstens l>/s Stunden lang 
und nur Schritt oder Trab, obgleich der Galopp für die Charge vor- 
geschrieben war, und alle 14 Tage wurde ein Marsch von höchstens 
einer Meile gemacht; im Mai ging das Regiment auf Grasung; in den 
Monaten Juni bis August wurde zweimal wöchentlich exerziert, im 
ersten Monate nur im Schritt und im kurzen Trabe; im September 
fanden, „wenn es dem Könige gefiel," Manöver statt; im Oktober ruhte 
man sich von aller dieser Arbeit aus. 

Bine neue Ära dSmmerte auf als im Jahre 1775 der Graf Saint- 
Oermain an die Spitze des Kriegsministeriums trat. Er griff mannig- 
fach umgestaltend ein und traf Anordnungen, von denen einzelne in 
ihren Qrundzügen noch heute mafsg;ebend sind, die aber nicht durch- 
weg den Beifall der Verfasser haben. Auch gab er der Waffe eine 
Bxerziervorschrifl, die, an die infanteristische sich lehnend, den 
ohnehin geringen Reitergeist gefährdete. Sein Reich war nur von 
kurzer Dauer und die von ihm geschaffenen organisatorischen Ein- 
richtungen wurden bald wieder beseitigt. Die Schilderung der Zu- 
stände, in denen sich die Kavallerie unter seinen zahlreichen Nach- 
folgern befand, ist wenig erfreulich. 

Diese Zustände sind zum Schlüsse in einer Gesamtiibersicht über 
Ersatz und die ganze Lebenshaltung von Offizieren wie Mann- 
schaften zusammengefafst. Sie macht erklärlich, dafs alle Welt sich 
nach Erlösung aus solchem Jammerdasein sehnte und dafs die neuen 
Ideen, welche binnen kurzem den Abfall von der königlichen Sache 
herbeiführten, raschen Eingang fanden. 

Der Krieg — sagt wieder das Vorwort — ist der Lehrmeister des 
Friedens. Dieser verwertet, mag der Krieg glücklich oder unglücklich 
verlaufen sein, die Erfahrungen, welche jener gebracht hat. Aber die 
Erinnerungen an das Geschehene verblassen mit der Zeit, aus der 
ernsten Arbeit der ersten Jahre werden leicht Paradedrill und Schein- 
dressur. Deshalb ist geraten, sich immer wieder zu vergegenwärtigen 
ob und wie die bestehenden Einrichtungen sich im Felde bewährt 
haben und daher beizuhalten oder zu verwerfen sind. Auf diesen 
Urqueli der Erkenntnis wili die kriegsgeschichtliche Abteilung zurück- 
führen, indem sie dem Leser einige von den Bausteinen zeigt, die für 
die Herstellung solcher Arbeit vorbereitet sind. 14. 

„Breve studio dei piü urgenti ed importenti problemi militari“ 
Capitano de Paulis. Suimona, Angeletti, 112 S. gr.-8®. 

Die schon 1905 erschienene, die Vermehrung der ordentlichen 
Ausgaben im Kriegsbudgot 1905/06 um 11 Millionen behufs Beseitigung 
der langen Zeit der „forza minima" aber schon berücksichtigende 
Broschüre ist, wie die Verhältnisse in Italien liegen, heute wieder 
besonders zeitgemäfs. Steht man doch, wie die Erklärungen des Kriegs- 
ministers Vigano gegenüber einem Berichterstatter des Corriere della 
Sera andeuteten und die Bankettrede des Schatzministers Majorana in 



Digitized by Google 




120 



Litentnx. 



Catania erkennen liefe, auch heute in Italien noch vor der Frage, wie man 
unter Erhöhung des Extraordinariume um rund 4 Millionen auf 10 
Jahre, aber ohne weitere Steigerung der ordentlichen Aus- 
gaben, die ohne jede Härte zulässige und auch nötige 
stärkere Ausnutzung der Wehrkraft bewirken kann. Das ist 
aber auch die Hauptfl'age, mit deren Lösung sich in eingehender und 
klarer Weise die oben genannte Broschüre befafst. Sie will die Wehr- 
kraft heben, deren Gliederung verbessern und dabei noch Ersparnisse er- 
zielen. Die Verhältnisse vom SO. Juni 1901 die er heute als nicht 
wesentlich anders geworden bezeichnet, zugrunde legend, weist der Ver- 
fasser nach, dafs man an ausgebildeten Leuten des aktiven 
Heeres, seiner Reserve und der Landwehr also in 12 Jahrgängen nicht 
— abgesehen von Alpentruppen, Pestungs- und Küstenartillerie wie 
Carabinieri — die für 4 Armeen zu 3 Armeekorps, 3 Kavallerie- 
und 12 Landwehrdivisionen des Feldheeres erforderlichen 815000 Köpfe 
besitze — selbstverständlich nach prozentualen Abzügen und unter 
Berücksichtigung der sofort aufzustellenden Ersatz formationen für die 
fechtenden Truppen. Bis heute habe, so führt der Verfasser aus, das 
wirklich eingestellte jährliche Rekrutenkontingent 80000 Köpfe nicht 
überstiegen. Durch die ohne Härte zulässige Verminderung der Zu- 
weisungen zur 3. Kategorie, damit direkt zum Landsturm, soll 
das Kontingent aut 106000 Köpfe steigen. Bei durchweg zweijähriger 
Dienstzeit — und diese schlägt der Verfasser vor, wie auch Vigano 
sie will, — käme man dann aber auf 210000 Mann durchschnitts- 
iststärke, 20000 mehr als das Ordinarium des heutigen Budgets zuläfst. 
20000 Leute müfsten nach einem und 85000 nach zwei Jahren in die 
Heimat entlassen werden. Wer nach einem Jahr schon entlassen werden 
solle, hätten lediglich der erreicht« Grad der Ausbildung und die 
Führung zu bestimmen. Zugleich mit der Herabsetzung der Dienst- 
zeit erklärt Hauptmann de Poulis eine Vereinfachung des Reglements für er- 
forderlich, ebensoVereinfachung des Aushebungsgeschäfts. Die Rekruten- 
vakanz soll nur vom 31. Oktober bis 3. November dauern. Zur Beseitigung 
des Stockens der Beförderungen in der Armee wird eine Reihe von Mafs- 
nahmen vorgeschlagen, die wir hier nicht diskutieren können. Auf 
organisatorischem Gebiete werden empfohlen: 1. die Verschmelzung der 
Militärdistrikte (Bezirkskommandos) mit den Depots der Regimenter; 
2. Dreiteilung aller Kriegsformationen von derKompagnieaufwärts 
bis zum Armeekorps, ausgenommen die Regimenter; 3. Beseitigung des 
Brigade Vorbandes bei der Infanterie und Kavallerie, Verminderung der 
Kommandos der Artillerie und des Genies. Die Kommandos der 
Kavallerie und Artillerie würden auf je 4 , je 1 für jede Armee herab- 
gesetzt, die Infanterie-Regimenter zu 4 Bataillonen würden zu je 3 
eine Division bilden. Unter Beseitigung von 2 Generalkommandos will 
der Verfasser die Armee gliedern in: 10 Armeekorps, 82 Infanterie- 
divisionen. 4 Kavallerie-, 4 Feldartillerie-, 2 Festungs- und Küsten- 
artillerie-Kommandos; an der Spitze der Armeekorps Generale der In- 



Digi‘i — ' 



Litera tar. 



121 



fanterie usw., der Armeen «Armeegenerale“, an der Spitze der Infanterie- 
divisionen und Kommandos Generalleutnants. Diese Generalleutnants, 
soweit sie Spezialwaffen angehören, sollen, ehe sie «Korpsgenerale“, 
werden, 2—3 Jahre eine Infanterie-Division kommandieren. In der 
Rechnung bezüglich Ersparnisse, die der Verfasser aufweist, kommen 
auch Mehreinnahmen in Betracht, die sich aus einer Wehrsteuer ergeben 
sollen. Wir können ein Studium der Broschüre gerade bei den 
heutigen Bestrebungen im italienischen Heere und für dasselbe nur 
empfehlen. 18. 

Das arabische Pferd in Slawuta und anderen Gestüten des süd- 
westlichen Rnfsiands. Von Dr. B. v. Lukomski. (Mit 20 Ab- 
bildungen.) Stuttgart 1906. Schickhardt k Ebner (Conrad 
Wittwer). 

Das 33. Heft von „Unsere Pferde“ enthält unter vorstehendem 
Titel eine 93 Seiten umfassende Abhandlung, welche nicht nur für 
Pferdezüchter, sondern für alle Kenner und Liebhaber des edlen Tieres 
vom höchsten Interesse ist. 

Der Verfasser behandelt die seit Jahrhunderten in dem Gebiete 
zwischen Duieper und Pruth von polnischen Starosten mit ebenso 
grofser Energie, wie Aufwand an pekuniären Mitteln betriebenen Ver- 
suche, das orientalische Pferd zur Verbesserung des russischen Pferde- 
schlages vorzuführen. 

Einleitung und Geschichte der dortigen Gestüte, von denen 
speziell drei, Slawuta, Antoniny undGumniska, geschildert werden, geben 
uns einen hochromantischen Einblick in die durch Kriege, Revolutionen 
und unruhige Zustände verschiedenster Art durchkreuzten und ge- 
störten Versuche, das arabische Blut einzubürgern, die schliefslich doch 
zu ausgezeichneten Resultaten führten. 

Am auffallendsten sind dabei die riesigen Verluste, welche in- 
folge der Unwissenheit der Gestütsbesitzer und ihrer Tierärzte durch 
Krankheiten eintraten. Wenn z. B. die bösartige Drüse in einer längeren 
Periode fast den Bestand des Gestütes Slawuta zu vernichten drohte, 
so war daran allein der blinde Arzneimittelglaube und die Unwissenheit 
bezüglich der Einwirkungen von Futter, guter Luft und Reinlichkeit 
auf diese so leicht zu bannende Krankheit schuld. (S. meine «Innere 
Krankheiten der Pferde.“ 4. Auflage 1904 bei Schmorl u. v. See- 
felds Nachf., Hannover (Preis 4 Mk.) S. 86 — 98). Ebenso forderte die 
Kolik eine gi'ofse Zahl von Opfern. Fiel ihr doch auch der mit 
10200 Franken in Damaskus erkaufte wunderschöne Hengst Nezdy 
in wenigen Stunden zum Opfer. Wie leicht auch diese Krankheit 
ohne jeden Verlust zu behandeln ist, zeigt mein eben erwähntes Buch 
auf S. 213 bis 230 ebenso, wie meine im selben Verlag 1889 erschienene, 
vom Königl. Preufs. Kriegsministerium mit dem höchsten Preise 
prämiierte Preisschrift: «Die Kolik der Pferde“ usw. 



Digitized by Google 




1:22 



Lttentnr. 



Nur durch die bewundernswerte Passion für ihre edlen Tiere 
wurden die kolossalen, durch diese und andere Krankheiten (Lungen- 
seuche usw.) verursachten, wie die in Folge der Kriegs- und Revolutions- 
verhältnisse eingetretenen Verluste überwunden. 

So interessant, wie die vorstehende Schrift in geschichtlicher Be- 
ziehung, so nützlich erweist sie sich in züchterischer durch die 
genauen Pedigrees und Bestandsausweisungen der betr. Gestüte, und 
vor allem durch die im 2. Abschnitt „über das Exterieur der Qestüts- 
pferde“ gegebenen, durch zahlreiche Abbildungen erläuterten ana- 
tomischen Einzelheiten. Die hier gegebenen Darlegungen des 
überall auf eigene Anschauungen gestützten Verfassers sind nicht nur 
für Züchter, sondern für alle Pferdebesitzer von grofsem Wert, da sie 
den Zusammenhang von Leistungsfähigkeit in bezug auf Schneliigkeit, 
Tragfähigkeit und Gehorsam mit dem Exterieur deutlich erkennen 
lassen. Man wird den Ausführungen des Herrn Verfassers überall 
beistimmen müssen und ihnen die Anerkennung durchdachtester 
Gründiichkeit nicht versagen können. Die Schrift bildet eine wirkliche 
Bereicherung der hippologischen Literatur und kann allen berittenen 
Offizieren nur aufs wärmste empfohlen werden. 

Giefsen im November 1906. Spohr, Oberst a. D. 

Heyers kleines Konversations-Lexikon. 7. gänzlich neubearbeitete 
und vermehrte Auflage. 1. Band. Leipzig und Wien. Verlag 
des Bibliographischen Institutes. Preis gebunden 12 Mk. 

Vor uns liegt der erste Band des „Kleinen Meyer“, der in der 
neuen Auflage nun 6 Bände umfassen soll! An der Entwicklung und 
Ausgestaltung dieses hervorragenden Werkes kann man nicht nur das 
aufserordentliche Portschreiten auf allen Gebieten menschlichen 
Wissens erkennen, sondern auch die, Zeitverhältnissen und Bedürf- 
nissen des Publikums, Schritt für Schritt folgende rastlose Tätigkeit 
des rührigen Verlagshauses deutlich wahrnehmen. 

Vor 36 Jahren erschien der „Kleine Meyer“ zum ersten Male 
auf dem Büchermärkte, und zwar als ziemlich unscheinbares einbändiges 
„Handlexikon“, welches bescheidenen Anforderungen damals noch 
genügen mochte. Es fand auch seinen Weg, indessen machte sich 
doch gar bald das Bedürfnis nach Erweiterung und Vertiefung seines 
Inhaltes fühlbar. So wurden dann zwei und nach wenigen Jahren 
drei stattliche, mit zahlreichen guten Abbildungen geschmückte Bände 
aus dem winzigen „Handlexikon“. Die vorliegende 7. Auflage begnügt 
sich mit dem schrittweisen Portschreiten nicht mehr, sondern läfst 
das Werk gleich auf den doppelten Umgang der vorhergehenden — 
auf 6 Bände anwachsen. Es drängt sich unwillkürlich die Frage auf, 
ob das Bibliographische Institut Recht daran getan, dem 20 bändigen 
„Meyer“ einen „Sechsbänder“ an die Seite zu stellen. Sie mufs, 
wenn man die leitenden Gesichtspunkte näher betrachtet, unbedingt 
bejaht werden. 



Digitized by Googl 



Uteratnr. 



123 



Bei dem Vergleichen mit dem grofsen Konversationslexikon stellt 
sich nämlich unzweifelhaft heraus, dafs der „Kleine Meyer“ nicht 
etwa ein Auszug aus dem „Grofsen“ ist, sondern ein völlig neues 
nach selbständigen Grundsätzen gearbeitetes Werk bedeutet, das trotz 
seines immerhin noch geringen Umfanges und — last not least — trotz 
seines erheblich billigeren Preises ein erschöpfendes Nachschlagebuch 
für die grofse Allgemeinheit ist. 

Letzteres tritt besonders auch in der klaren, fliefsenden Ausdrucks* 
weise hervor, die, abgerissenen, störenden Telegrammstil grundsätzlich 
vermeidend, selbst bei rein wissenschaftlichen und technologischen 
Artikeln leicht verständlich bleibt und so in gutem Sinne — populär 
gehalten ist. 

Auch ein modernes Buch ist der „Kleine Meyer“ geworden, 
denn er berücksichtigt gewissenhaft auch diejenigen Wissenschaften, 
die in neuerer Zeit die erhöhte Aufmerksamkeit weiterer Kreise auf 
sich gelenkt haben. So sind auf dem Gebiete der Hygiene, der Volks* 
Wirtschaft und der Rechtswissenschaft, die Fragen des täglichen 
Lebens eingehend berücksichtigt und besonders hervorgehoben worden. 
Das „Moderne“ kommt z. B. auch zum Ausdruck in Behandlung 
der unter Kunst und Literatur fallenden Artikel, in welchen, aufser 
den alten Meistern, nun auch Näheres über die Zeitgenossen, die mit 
und unter uns leben, enthalten ist, Angaben, die man so häufig braucht 
und so selten finden kann! 

Die hervorragende Ausstattung des „Kleinen Meyer“ bedarf 
einer besonderen Erwähnung kaum, sie ist geradezu mustergültig. 
Tadellos sind Abbildungen und Karten, und die farbigen Tafeln sind 
oft typographische Kunstwerke. Nach dem Plane der Verlagshandlung 
wird die sechsbändige Ausgabe über 4000 Abbildungen. Karten und 
Pläne auf 520 Bildertafeln enthalten! Bedenkt man ferner, dafs sich 
über 100 Mitarbeiter, Fachmänner und Spezialgelehrte in den Dienst 
des Unternehmens gestellt haben, so wird man leicht einen Mafsstab 
an die Gediegenheit auch des inneren Wertes des „Kleinen Meyer“ 
legen können, der eine Zierde für jede Hausbibliothek, ein will- 
kommenes, nie versagendes Auskunflsbuch zu werden verspricht. 

Wir kommen gern bei Erscheinen der weiteren Bände auf die 
Bedeutung des „Kleinen Meyer“ wieder zurück. v. B. 



II. Ausländische Zeitschriften. 

Streffleurs Ssterreinhische militärische Zeitschrift (Dezember.) 
Gröfsere Manöver der fremden Armeen 1906. — Über Maschinen- 
gewehre und Feuergefecht der Kavallerie. — Neue italienische Schiefs- 
vorschrift — Das russische dreizöllige Feldgeschütz 1902/3. 



Digitized by Google 




124 



Literatiir. 



Jonrnal des Sciences militaires. (November.) Eine Studie über 
Taktik. — Das deutsche Heer und Bisais-Lothrinf^en im Jahre 1906 
und 1906. — Der Bsyonettkampf. — Unsere Soldaten. 

Kavalleristische Monatshefte. (Dezember.) Die schwedische 
Kavallerie. — Die berittene Infanterie. — Unser Dienstpferd. — Ge- 
fechtsausbitdung der Kavallerie. 

Revue militaire des armees ^trangeres. (November.) Die 
Reorganisation der militärtechnischen Akademie in Bertin. — Ver- 
änderungen in dem englischen Heere, welche durch die letzten Kriege 
verursacht sind. — Die österreichischen Kaisermannöver in Schlesien 
1906. — Die Festung im modernen Kriege nach deutscher An- 
schauung. 

La France militaire. (November.) Militärschulen. — Die Technik 
der Feuerwaffen. Taktische Strebungen unserer Kavaiterie (Forts.), 
1. 3. 4/5. — Die militärische Bureaukratie. Brief über die Uniform - 
frage (Versuche in Amerika), 3. Die Neu-Hebriden vom Oberst 
Septans, 6. Tendenziöse Gerichte (Kavailerieverminderung). — Der 
russisch-japanische Krieg, taktische Weisungen (des Generat Sakalou, 
Gouverneur von Warschau), 7. Zehn Tage des Schweizer Heeres vom 
General Langlois, 8/9. 10. 11/12. 18. 14. 16. 16. 17. 18/19. Die Tor- 
pedos, 8. 9. Kürassiere und Lanziers. Gegen das Dueii, 9. 10. Flufs- 
übergang der Kavallerie, das Material Vetry offlziel angenommen, 10. 

— Die Instruktion der Reservisten vom General Luzeux, 11/12. Die 
Dienstzeit in Algier, Agitation für 1 Jahr, 14. Das Budget des 
Krieges 1907. Die Bewaffnung der Tambours und Hornisten vom 
Major Mounier, 16. Die Abschaffung der Kürassiere, Ansicht des 
Generals Nögrier, dafür Artillerie, 16. — Die Prophezeiungen des 
Professor Schiemann über die panasiatische Bewegung vom Oberst 
Septans, 17. 20. — Die Mitrailleuse für ihre Einführung, Hauptmann 
de Pouilloude, 20. 21. Die Verminderung der Kavallerie, — dagegen, 
21. — Das Polytechnikum und St. Cyr. Die Frage der Panzerschiffei 

— Der Offizier und die Hygienie, Programm zur Belehrung in den 
Militärschulen von Dr. Legrand, Regimentsarzt der 3. Dragoner, 22. 
Die Unterweisung der Reservisten vom General Luzeux. — Die Inter- 
pellation des Abgeordneten Kapitän Humbert über Zustände schlimmer 
Art in Verdun. — Die Auflösung des 4. Bataillons. — Die Mitteilung 
der Qualiflkaüonsberichte, 23. Die Nachrichtenübermitteiung der Ka- 
vallerie. Die praktischen Übungen in St. Cyre, 24. Das Budget des 
Krieges 1870, Kolonialtruppen. — Können wir wirklich die Bestände 
unserer Kavallerie herabmindern? (dagegen), 26/26. Die englisch- 
deutsche Rivalität von H. (wie alle Artikel unter diesem Zeichen be- 
sonders verlogen). Infanteriemanöver, die Versuche des Oberstleutnant 
Fumot, 28. Unsere Kavallerie, Interview des Generals Donop über 
ihre Verminderung, 29. Die Kürassiere (gegen ihre Beseitigung). Der 
automobile Transport in den Heeren. Der Bestand der Kavallerie 
(Ansicht des Generals Bonnal über deren Verminderung, 30. 



Digitized by Google 




Litorttnr. 



125 



Bevue de CaTalerie. (Oktober.) Betrachtung über die Ver- 
anlagung der Übungen der 2. und 4. Kavalleriedivision. — Heilen 
nicht amputieren (gegen Verminderung der Kavallerie). — Notizen 
über das Geschütz 75 cm und sein Reglement für Offiziere der anderen 
Waffen vom Artillerieleutnant Molieres (Schlufs). Jean de Gasjion, 
Generalfeldmeister der leichten Kavallerie, Marschall von Frankreich 
vom Kapitän Henri Chopin (Ports.). 

Rivista di artiglieria e genio. (November.) Rocchi: Noch ein- 
mal die Militäringenieure (vgl. Mai 1906). — Righi: Die Bestückung 
der Küstenbefestigungen (Schlufs). — Peretti: Beschleunigte Aus- 
besserungen an Artilleriematerial mittels (Hans Goldschmidts) „termite“. 

— Pascoli: Thermische Rotationsmotoren (Dampfturbine). — Mazzei; 
Warmwasserheizung. — Das Artilleriematerial auf der internationalen 
Ausstellung in Mailand 1906 (Schlufs). — Giannitrapani; Die Kämpfe 
um Port Arthur im Jahre 1904 (Ports.). — Peldgranaten und Brisanz- 
schrapnells. — Organisation und Bewaffnung der deutschen Küsten- 
artillerie. — Konkurrenz für Verbesserung der Kasernenzustände in 
Frankreich. — Über die Notwendigkeit einer Brisanzgranate für die 
Peldartillerie. — Visierlineal für beschleunigte Aufnahmen. — Notizen. 
Österreich: Die Artillerie der Landwehr. — Frankreich: Festungsübung 
von Langres. Maschinengewehre. Entwurf einer neuen Küsten- 
kanone. — Deutschland: Kritik der deutschen Artillerie. — England: 
Besichtigung der Artillerie in Aldershot. Infanterieschilde. Entwickelung 
der Einrichtung für Herstellung von Kriegsmaterial in Indien. — Ru- 
mänien: Organisation der Geniewaffe. — Schweiz; Schwere Artillerie. 

— Vereinigte Staaten: Bobinen aus blankem Aluminiumdraht. Krafl- 
messung moderner Explosivstoffe. Glasziegel. 

Revue du g4nie militaire. (November.) Girard u. Gervais: 
Die lenkbaren Luftschiffe (Ports.). — Einige aus der Belagerung von 
Port .\rthur zu entnehmende Lehren. — Probleme der Metrophoto- 
graphie. — Reglement über die Beteiligung der Eisenbahnverwaltungen 
an der Rekrutierung und Herstellung der Kriegsstärke des .l. Genie- 
regiments, sowie an der technischen Ausbildung dieser Truppe vom 
15. April. 

Revue d’artUlerie. (Oktober 1906.) Bemerkungen über die 
Eigenheiten des Luftschiffes von Kap. GirardvUle. Ausführung des 
indirekten Schusses von Kap. Challeat. Richtverfahren von Kap. Müller. 

Mitteilungen über Gegenstände des Artillerie- und Geniewesens. 
(Heft XI, 1906.) Bestimmung der Neigung eines schrägen Aufsatzes 
aus Schiefsergebnissen und Ermittelung einer hierfür allgemein gültigen 
Formel von Hauptmann Exner. — Einflufs des Terrains auf das 
Schätzen der Längenabweichung beim Schiefsen von Hauptmann 
Knobloch. Notizen. Die elektrische Minenzündung bei den russischen 
Ingenieurtruppen von Hauptmann Waldmann. — Bestimmung des 
rechteckigen Querschnitts eines armierten Betonträgers von Professor 



Digitized by Google 




126 



Uteritor. 



Ramisch-Breslau. — Rohrreinigungsapparat, System Novotny von 
Hauptmann Metz. Der Apparat ist bestimmt zur Reinigung inkrustierter 
Wasserleitungsrohre, der Rohre von Ekonomisern und Wasserrohr- 
kesseln. — Der Richtkreis der französischen Fufsartillerie von Haupt- 
mann Aiois Adler. — Auflassung der Befestigung auf den Scillyinsein. 
— Grofsbritanniens Pestung^sartillerie. — Der koreanische Hafen 
Tschinampo soll japanischer Kriegshafen werden. — Kurze Beschrei- 
bung der Befestigung Lissabons. — Rufslands Einteilung der Gebirgs- 
artillerie in Abteilungen; Neuorganisation der ostsibirischen Belagerungs- 
artillerie; neue Eisenbahnkompagnien ; Einrichtung einer turkestanischen 
Sappeurbrigade. 

Schweizerisehe Zeitschrift fUr Artillerie und Uenie. (Kr. 10. 
Oktober.) Einführungsgesetz für die neue (schweizerische) 7,6 cm- 
Gebirgskanone. — Kampf um den »hohen Berg“ bei Port Arthur mit 
Skizze. — Artilleristische Betrachtungen über den Krieg in Ostasien 
(Forts.). Verfasser hatte nachgewiesen, dafs die russische Artillerie 
im grofsen und ganzen das französische Schiefsverfahren, die japanische 
das deutsche angenommen habe und kommt nun zu dem Schlufs, dafs 
die in diesen beiden Schiefsvorschriften enthaltenen Schiefsverfahren 
bei richtiger Anwendung ihre Brauchbarkeit bewiesen hätten. Das 
Schrapneli habe bei richtigem Gebrauch genügende Wirkung ergeben, 
die Sprenggranate mehr eine grofse moralische, als eine materielle. 
Zum Beweise werden Beispiele aus dem Kriege angeführt. — Das 
schweizerische Heerwesen in feanzösischer Beleuchtung. Ein sehr 
günstiges Urteil des General Langlois. — Kriegsleistung der sibirischen 
Eisenbulin 1904 — 1906 (Schiufs). — Cber die Pionierübung am Rhein 
und Main 1905. (Kr. 11. November.) Eingabe des Vereins bernischer 
Artilierieofflziero an die Buudesversammiung. Betrifft Festsetzung der 
Dauer der Rokrutenschulon (ür die Feld-, Gebirgs-, und Fufsartillerie 
auf 80 Tage, weil eine sachgemäfsc Ausnützung des vortrefflichen 
neuen Fcidartilleriematerials nur bei einem entsprechend hohen Aus- 
bildungsgrade der Mannschaften erreicht werden kann. — Neuordnung 
der Gebirgsartillerie. — Erfolg des ständig iangen Rohrrücklaufes bei 
Feldhaubitzen mit 10 Abbildungen. Uargestellt auf Unterlagen, welche 
der Schriftleitung von unterrichteter Seile zur Verfügung gestellt 
worden sind. Auf die sehr interessanten Ausführungen dieses Artikels, 
welcher das zeitig aktuellste Thema behandelt, mufs besonders auf- 
merksam gemacht werden. Einleitend wird die Entwickelung des Rohr- 
rücklaufes bei den Haubitzen von dem ständig mittellangen, zum ver- 
änderlichen und schliefslich zum ständig langen durch Verlegung der 
Schildzapien unter das Bodenstück dargestellt. Die Mifsstände des zu 
kurzen ständig mittellangen Rücklaufes, die Nachteile des veränder- 
lichen und die Vorzüge des ständig langen werden besprochen und 
der Nachweis geliefert, dafs die damals Grusonsche, jetzt Kruppsche 
Fabrik in Buckau-Magdeburg zuerst, wenn auch nicht zum Zwecke 
des Rohrrücklaufes bei einer Hinterladerfeldhaubitze die Schiidzapfen 



Digitized by Google 




IJterttar. 



127 



nach rückwärts verlegt hat Photographien und Schierslisten sind bei- 
gefligt — ArtiUeriBtieobes von der grofsen Peetungsübung bei Langree. 
Seit 1870/71 ist eine so grofs angelegte Festungsübung in Frankreich 
nicht abgehalten worden. Die Festung Langres ist deshalb gewählt 
worden, weil man ihr bei einem siegreichen Vordringen der deutschen 
Armee eine sehr grolse Bedeutung beilegt Die Übung soll den Nach- 
weis erbracht haben, dafs nur ein Angriff von Norden und Nordwesten 
in Frage kommt und ein solcher erhebliche Schwierigkeiten bietet. 
Ferner enthält der Aufsatz Angaben über die Zusammensetzung der 
4. Artilleriebelagerungstrains und der schweren Artillerie des Feld- 
heeres. Was über die neue 166 mm-Haubitze R. gesagt ist. ist den 
Lesern der Jahrbücher bekannt — Unter der Bezeichnung: „Artille- 
ristische Briefe“ wird der Einflufs der Rohrrücklaufgeschütze auf die 
Organisation, das Schiefsverfahren, die elementare und die angewandte 
Taktik und zwar zunächst die Deckungsfi'age besprochen. — Russische 
Stimmen zur Artillerietaktik aus dem „russischen Artilleriejournal*. 
Wirkungsvollste Entfernung 1600 — 2000 m. Begleiten des Infanterie- 
angriffs, Ausharren der Artillerie in der Verteidigungsstellung bis 
zum letzten Augenblick. Das Überschiefsen der eigenen Truppen, 
welches in Rufsland nur ausnahmsweise gestattet ist, ist unbedingt 
erforderlich und wird von der Infanterie gern hingenommen, weil sie 
darin die wertvolle Unterstützung durch die eigene Artillerie emp- 
findet Notwendigkeit der Deckung und Ausbildung im indirekten 
Schiefsen. Möglichst genaue Zielaufklärung. 

Allgemeine Schweiserisohe Militirzeitung. Nr. 46. (Schweize- 
rische.) Manöverdetails. — Zuschrift auf die Abhandlung in Nr. 44 
Uber Mannszucht. — Die deutschen Kaisermanöver. Besprechung der 
Vorgänge am 12. September verbunden mit sachlicher Kritik. Hervor- 
zuheben ist: Die grofse Sichtbarkeit der Verschanzungen auf dem 
feindwärts gelegenen Abhängen und die ihrer Besatzung. Die Ar- 
tillerie III. A.-K. stand zu dicht hinter dem Höhenkamm, so dafs das 
Mündungsfeuer sehr weit sichtbar war und die Anzahl der Geschütze 
verriet. Kavallerieangriff gegen unerschütterte Infanterie. — Marsch 
einer italienischen Radfahrerkompagnie von Mailand aus in das Gebiet 
des grofsen und kleinen St. Bernhard in 6 Tagen 609 km bei bedeuten- 
den Geländeschwierigkeiten. Einzelleistung bis zu 136 km in einem 
Tag. Von den 12 Bersaglieriregimentern haben z. Zt. 6 je eine Rad- 
fahrerkompagnie, die fehlenden 6 Kompagnien werden aufgestellt. 
Nr. 46. Offiziereinteilung. — Festungsmanöver bei Langres. Durch 
Herstellung eines Schmalspurbahnnetzes und die Verwendung von 
Pechotlokomotiven wurden während des Manövers täglich 1360 t 
Munition in die Batterien geschafft, wodurch der Nachweis geliefert 
ist, dafs die Artillerie mit ihren eigenen Hilfsmitteln imstande ist, 
ihren Munitionsbedarf, der 900 t betrug heranzuschaffen. — Aus der 
guten alten Zeit. Betrifft Aufhebung der Zentralinstruktion und die 
Schleifung der Befestigungen im Kanton Zürich. — Manöverdetails 



Digitized by Google 




128 



Lttermcar. 



(Fortsetzung). Kriterium für die Brauchbarkeit eines Subaltemoffizieres 
ist. ob er in allen Gefechtslagen Feuerdisziplin halten kann. Nr. 47. 
Zum neuen Wehrgesetz. — Deutsche Kaisermanöver. 13. September 
(Schlufs). Fremdländische Offiziere in Japan. Nach Anfrage des 
Washingtoner Kabinetts forderte Japan auch die anderen Qrofsmächte 
auf. ebenfalls Offiziere nach Japan zu senden. Frankreich und Deutsch- 
land sind dem nachgekommen. Nachdem der japanische Kriegs- 
minister aber die strengste Geheimhaltung aller militärischen Dinge 
auch im Frieden befohlen hat, wird der Befürchtung Ausdnick ge- 
geben, dafs die fremden Offiziere in Japan nichts erfahren werden, 
sondern dafs man dort im Meinungsaustausch von ihnen lernen will. 
— Einflufs des Alkohols auf die Schiefstüchtigkeit. Sehr interessante 
Versuche in Schweden haben ausnahmslos eine Abnahme der Treff- 
sicherheit unter dem Einflufs des Alkohols festgestellt. Die subjektive 
Empfindung der Schützen war das Gegenteil hiervon. Sie waren der 
Meinung mit Alkohol ruhiger und sicherer geschossen zu haben. 
Nr. 48. Zum neuen Wehrgesetz. — Freiwillige Rekruten Vorkurse in 
Zürich. Das Festungsmanöver bei Langres. 

Revue de l’armee beige. (September, Oktober 1906.) Haubitz- 
batierien und schwere Batterien des Feldheeres von Leutnant Smeyers 
(Fortsetzung und Schlufs). Der Feldartillerie müssen leichte Haubitzen 
zugeteilt werden. Feldkrieg und Belagerungskrieg lassen sich nicht 
mehr streng voneinander scheiden. Die letzten Kriege haben gezeigt, 
wie schnell ein Feldkrieg in einen Positionskrieg sich verwandelt. An 
Beispielen aus dem deutsch-französischen Kriege wird gezeigt, wie 
die Belagerung selbst der kleinsten Festung mit unzureichenden 
Mitteln die Operationen verzögerte; erst recht die Belagerung von 
Paris. Daraus wird gefolgert, dafs das Heer von beweglicher schwerer 
Artillerie begleitet sein mufs. Deutschland hat dem allein Rechnung 
getragen. Entwickelung der deutschen und Zusammensetzung der 
französischen schweren Artillerie des Feldheeres. Anregung auto- 
mobiler Zugkraft. — Studio über die strategische Verwendung der 
Kavallerie. — Griechenland, die Türkei und der griechisch-türkische 
Krieg von 1897. Generalleutnant Keyt. — Die Maschinengewehre 
(Fortsetzung). Leutnant Noel. Organisation der Maschinengewehr- 
abteilungon in den hauptsächlichsten Ländern. Urteile über die 
Maschinengewehre. — Über militärischen Unterricht und die militärische 
Erziehung. Lord Wah. Die Lago der neutralen Staaten von einem 
niederländischen Offizier. Die sehr interessanten Erörterungen sind 
dadurch veranlafst, dafs z. Zt. die Frage eines Bündnisses zwischen 
Belgien und Holland für den Fall eines Krieges zwischen England und 
Frankreich einerseits und Deutschlaind anderseits ernsthaft besprochen 
wird. Verfasser legt die Kriegsverhältnisse dar und kommt zu dem 
Schlufs, dafs der leichteste Angriffsweg sowohl für Frankreich und 
England, als auch für Deutschland durch Belgien und Holland führt, 
dafs trotzdem letzteres, das Herr seiner Entschlüsse sei, überhaupt 



Digitized by Google 




Uteratnr. 



129 



kein Bündnis, auch mit Belgien nicht, eingehen solle, weil es auf 
diese Weise als Freund gesucht und als Feind gefürchtet sein werde. 
— Material und Organisation der Feldartillerie des rumänischen Heeres 
enthält hauptsächlich Zahlenangaben über das von Krupp gelieferte 
7,5 cm-Schnellfeuergeschütz, Zusammensetzung und Verteilung der 
Festungsartillerie und Angaben über das befestigte Lager von Bukarest 
und die Befestigungen am Sereth nach den Ideen von Sauer, Schumann, 
A. Tilleur. — Das Problem von Sedan (Schlufs). 

Morskoj Ssbornik. 1906. X. Zu den Fragen des Kreuzer- 
krieges. — Port Arthur. — Bemerkungen über die Organisation der 
Flotte. — Zur Reform des Marinokadettenkorps. — Der Mechanismus 
der Torpedofahrzeuge. — Die wissenschaftlichen Grundlagen der Tele- 
graphie ohne Draht. 

Rufhkij Inwalid. 1906. Nr. 248. Einige Folgerungen aus den 
französischen Kavalleriemanövern dieses Jahres. Nr. 263. Aus Eng- 
land. Antwort auf den Brief des General Botjanow. Nr. 266. Über 
die neue Bekleidung der russischen Armee. — Die Notwendigkeit einer 
veränderten Ausrüstung. Nr. 267. Vorläufige Mitteilungen über die 
V'erluste der russischen Armee im japanischen Kriege. Nr. 268. Der 
Bericht des Prozesses wegen der Kapitulation des Geschwaders dos 
Admirals Nebogatow (derselbe geht durch eine grofse Anzahl Nummern 
hindurch, bringt viele psychologisch, kriegsgeschichtlich und technisch 
interessante Daten). 



III. Seewesen. 

Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens. Nr. XI. Das 
neue Ausbildungssystem im englischen Seeoffizierkorps und die hierüber 
erstatteten Rapporte des Douglaskomitees. — Betrachtungen über jene 
Faktoren, welche der Aufstellung eines Flottenprogramms zugrunde 
liegen. — Ermittelung des Bestimmungspunktes der astronomischen 
Standlinie aus Zirkummeridianhöhen. — Die Geschwindigkeit von 
Kriegsschiffen. — Neue Gesetzentwürfe für die italienische Kriegs- 
marine. — Das genehmigte französische Marinebudget (budget votö) 
für 1906 und der Voranschlag pro 1907. Die Abnahmeprobefahrten 
des französischen Schlachtschiffes Patrie. Nr. XU. Die taktischen 
Übungen der französischen Flotte im Mittelmeer. — Die Bergungs- 
arbeiten auf dem gestrandeten englischen Schlachtschiffe Montagu. — 
Das französische Schiffbauprogramm für 1907. Neudislokation des 
Flottenmaterials. — Über den neuen Hafen von Varna. 

Army aud Navy Gacette. Nr. 2442. Die Unruhen in Ports- 
mouth. — Keine Ursache, Deutschlands Flottenvergröfserung zu fürchten, 

Jtkrbfttkar ftr dl* d**tl«h* Am** uad M*ri**. No. 424. 9 



Digitized by Google 




Uterattir 



I3() 

— Montagu als Scheibe zur Erprobung von Kappengeschossen aus- 
ersehen. ITr. 244S. Die Schiffskantine. — Notiz betreffend Bestrebungen 
der deutschen Behörde, die Gewichte (Tiefgang) auf Schlachtschiffen 
zu vermindern. Nr. 2444. Die unterseeische Bedrohung. — Stapel- 
lauf der russischen Panzerkreuzer „Rurik“ und „Pallada“. Nr. 2446. 
Die Wirren in Portsmouth. — Eine deutsche Antwort auf die englische 
Behauptung der Unfähigkeit Deutschlands in gleicher Geschwindigkeit 
Linienschiffe wie die Dreadnought zu bauen. 



IV. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher. 

(Di» fifioli«r «rfakrta »Ib» U«apr*ebiinf naek Ihnr htdaatoof uad dB» v«r- 

fS^btfBB Baas»». EU» Varpfliektaof, j»dai »Infabaad» Bueb aa batpraobao, fibanimiBl dia 
Laitoaf dar ,4bbrblobar^ oiebt, doch irardan dia TItal afcnlUebar Bftebar aabat Ai^ba daa Praiaaa 
— aofam diaaar milgatailt «ard» — hier tansarkt. Eiaa KbebaandoAf tob Bbeban Ihidat niobt atatL) 

1. T. Tettau, Frhr., .\chtzehn Monate mit Rufslands Heeren in 

der Mandschurei. 1. Band : Vom Beginn des Krieges bis zum Rückzug 

nach Mukden. Berlin 1907. E. S. Mittler & Sohn. Mk. 8,ö0. 

2. Grofs, Die Entwickelung der Motorluftschiffahrt im 20. Jahr- 
hundert. Berlin 1906. 0. Salle. Mk. 1.00. 

3. Schmidt, Aus unserem Kriegslebon in Südwestafrikn. Gr. Lichter- 
felde 1906. E. Runge. Mk. 2,(X). 

4. Studien zur Kriegsgeschichte und Taktik. V. Band. Heraus- 
gegeben vom Grofsen Generalstabe, Kriegsgeschichtliche Abteilung I. 
Der 18. August 1870. Ebenda. Mk. 22. 

5. T. Bruchhausen, Der Werdegang des italienischen Heeres. 
Berlin 1906. R. Schröder. Mk. 1,00. 

6. Sahndski, Die Wahrscheinlichkeitsrechnung, ihre Anwendung 
auf das Schiefsen und auf die Theorie des Einschiefsens. Stutt- 
gart 1906. Pr. Grub. Mk. 8,80. 

7. Sperling, Aus dom Loggbuch eines Kriegsseemannes. Leip- 
zig 1906. W. Weicher. Mk. 2,60. 

8. Teisinger, Chronologische Übersicht zum russisch-japanischen 
Krieg. 1. Teil. Wien 1906. L. W. Seidel * Sohn. Mk. 1,20. 

9. Blankenburg, Schlüssel zur Vorschrift für den Gebrauch der 
Signalflaggen. Metz 1907. G. Scriba Mk. 0,25. 

10. Davelny, Studie über die Seestrategie. Berlin 1907. 

Boll k Pickardt. Mk. 6,00. 

11. VSlker Europas! Der Krieg der Zukunft. Berlin 1906. 

Richard Bong. Mk. 5,00. 

12. Klado, Die Kämpfe zur See im russisch-Japanisohen Kriege. 
Berlin 1907. Karl Siegismund. Mk. 6.00. 



Digitized by Google 



Uteratar. 



131 



13. Schwarte, Zehn Monate Kriegskorrespondent beim Heere 
Kuropatkins. Berlin 1906. R. Schröder. Mk. 5,00. 

14. Deutschlands Heer in österreichischer Beleuchtung. 
Leipzig 1906. Friedrich Engelmann. Mk. 1.80. 

15. Ebaäec Marin, Campann de Pnisia en 1806. Madrid 1906. 
'20 Pesetas. 

16. Hüggelmeyer, Im Feldzüge 1870/71. Hannover 1906. Hahnsche 
Buchhandlung. Mk. 3,00. 

17. T. Stöger-Steiner, Taktische Aufgaben für OfHzieraspiranten. 
Wien 1906. L. W. Seidel k Sohn. Mk. 1.80 

18. Der russi.seh-japanische Krieg: Urteile und Beobachtungen 
von Mitkämpfern. I. Serie. Ebenda. Mk. 3,00. 

19. Die niederländisclie Armee nebst den Kolonialtruppen und 
Freiwilligenkorps in ihrer gegenwärtigen Uniformierung. Mit 16 farbigen 
Tafeln. Leipzig 1906. Moritz Kühl. Mk. 2,50. 

20. Peckert, Militärgesetzgebung, Militärverordnungsrecht. Mili- 
tärischer Oberbefehl nach deutschem Staatsrecht. München 1906. 
Theodor Ackermann. Mk. 1.20. 

21. Klüger, Des deutschen Offiziers englischer Wortschatz. 
Leipzig 1907. C. A. Koch. Mk. 2,60. 

82. Fritsch, Der Festungskrieg. Berlin 1907. Liebelsche Buch- 
handlung. Mk. 4,00. 






Digilized by Google 




l>ruck Von A. W. Ilayn t Erben, I’oUdaiii. 



Digitized by Google 



VII. 



Zum Feldgeschütz der Zukunft 

Von 

H. Rohn«, Generalleatnant z. D. 
(Mit 4 Abbildungen.) 

(Schlurs.) 



Nachdem ich so die Mittel besprochen habe, durch die nach 
meiner Ansicht die Wirkung des Einzelschusses gesteigert 
werden kann, wende ich mich nun zu den VerbesserungeD, die die 
Bedienung des Geschützes vereinfachen, erleichtern, beschleu- 
nigen und zuverlässiger machen können. Viel Neues vermag ich 
nach dieser Richtung hin nicht voiznschlagen; das meiste davon 
finden wir schon in den neuesten Konstruktionen der GcschUtz- 
fabriken, insbesondere der Kruppschen. Ich will die Vorschläge der- 
art ordnen, daTs ich den Leser an ein in Feuerstellnng befindliches 
rreschUtz führe und vor seinem geistigen Auge die Bedienung arbeiten 
lasse. 

Das erste, was zum Fertigmacheu eines Geschützes gehört, ist 
die Entnahme eines Geschosses aus dem Munitionsbebälter und — 
falls mit Brennzünder geschossen wird — das Einstellen des Zünders 
auf die befohlene Entfernung. Das geschieht jetzt bekanntlich durch 
Kanonier 4, der dazu das Satzstück mit einem Zünderscblüssel so 
lange dreht, bis die Entfernungszahl mit der Stellmarke einspielt. 
Das ist eine Arbeit, die grofse Sorgfalt erfordert, bei der leicht ein 
Irrtum unterläuft, weshalb das Reglement fordert, dafs der Gescbtttz- 
iObrer jedesmal die Zünderstellung nachsieht. Dadurch geht natür- 
lich Zeit verloren. Fast in allen Staaten sind Jetzt selbsttätige 
StellschlUssel oder Stellmaschinen eingefübrt, die ein für 
allemal auf die betreffende Zahl eingestellt werden, worauf das 

Jftkrttekvr ttr di« d«ot«ek« Atid«« and Mnrin« Nr. 4S6. 10 



Digitized by Google 




134 



Zorn Feldf^sohUtz der Zakanft. 



Stellen der Zttnder ganz mecbaniscb erfolgt. Hat man sieb ein- 
mal von der richtigen Einstellnng bberzengt, so ist eine grolse Ge- 
währ für die richtige ZUnderstellnng gegeben. Das Stellen der 
Zttnder geht anfserordentlich schneli. namentlich, wenn, wie dies bei 
der französischen and Kruppschen Einrichtung der Fall, zwei 
Zttnder auf einmal gestellt werden können. Wichtig ist, dals dafür 
gesorgt ist, dals eine einmal eingestellte Maschine ihre Stellung 
nicht durch die Ungeschicklichkeit eines Mannes bei der Hand- 
habung von selbst ändern kann. 

Ein weiterer Vorteil der selbsttätigen Stellmaschine liegt darin, 
dals sie das Regeln der Sprenghöhen auf die einfachste Weise, näm- 
lich durch Änderung der Brennlänge anstatt auf dem Umwege, erst 
Ändern der Ehrhöhung und dann Ändern der Erhöhung und Brenn- 
länge anszuftthren. Es braucht nur die Stellmarke an der Zünder- 
stellmascbine um ein entsprechendes Mafs verlegt zu werden (vgl. 
mein Buch „Die französische Feldartillerie“ Seite 16). Man kann 
dann zu den „direkten“ Brennlängenkorrekturen ttbergehen, die die 
natttrlicbsten und am leichtesten zu verstehenden sind; die indirekte 
Brennlängenkorrektnr, die zu manchen Irrtttmern Anlals gab, ist doch 
nur ein Notbehelf.') 

Beim Laden werden zunächst Gesebofs und Kartusche in das 
Kohr eingesetzt. Leider ist es verabsäumt, die Feldkanone 96 mit 
einer Einbeitspatroue zu versehen, bei der das Geschofs wie bei der 
Infanteriepatrone in der Patronenhülse festsitzt. Es liegt auf der 
Hand, dals die Einheitspatrone die Geschtttzbedienung erleichtert 
and abkUrkt 

Bei der getrennten Ladung mttssen Geschofs und Kartusche ge- 
sondert in das Rohr eingesetzt und das Geschofs von einem zweiten 
Kanonier mit dem Ansetzer vorgestolsen werden ; die Einbeitspatrone 
wird wie die Kartusche mit der Hand in das Rohr eingefttbrt. 

Mit der Einheitspatrone sind keinerlei Nachteile bei der 

•) Die ZUnderstellmaschine macht die Kntfernungsskala, Uberhanpt jede 
Teilung am Satzstück UberflQssig. Eine solche Teilung ermöglicht dem 
Feinde, an den in seiner N&he cingeschlagenen Zündern die Entfernung, aus 
der er beschossen ist, abzulesen, was ihm das Einschiefsen erleichtern 
könnte. Dieses Mittel soll im ostasiatischen Kriege angewendet worden 
sein; ich halte das nicht für glaubhaft. .Schwerlich waren die j.apanischen 
Zünder mit arabischen Ziffern beschrieben, und wenn die Japaner auch die 
arabischen Ziffern der russischen Zünder haben lesen können, so werden 
sei schwerlich daraus haben Nutzen ziehen können, da die russischen Zünder 
gar keine Entfermingsskala, sondern w;ihrsrheinlich eine .Sekundenteilnng 
hatten. 



Digitized by Google 



Zorn Feldgeschütz der Znfconft. 



135 



Kanone verbanden, and sie ist daher von allen Staaten, die ihre 
Artillerie nen bewaffnet haben, angenommen. 

Gleichzeitig mit dem Laden erfolgt das Richten. Bei der 
Feldkanone 96 mafs bekanntlich die kreisförmig gebogene Änfsatz- 
stange aai einen der befohlenen Entfernang entsprechenden Teil- 
strich eingestellt and dann die Yisierlinie auf das Ziel gerichtet 
werden. Alle neaeren Geschütze, aach die Feldkanone 96 n A, 
haben entweder neben der langen, aas Visier and Kom bestehenden 
Visierlinie oder ohne diese ein Fernrohrvisier, welches das Richten 
wesentlich erleichtert and beschleunigt, da hierbei die Akkomo- 
dationsfähigkeit des Auges nicht beansprucht wird (vgl. den Aufsatz 
des Dr. Czapski ..Das Richten mit Zielfernrohr im Vergleich za dem 
mit Visier und Kom“, Jahrbücher Oktober 1904). 

Mit dem Aufsatz ist bei allen neuen Geschützen eine verstell- 
bare Libelle verbunden, die es ermöglicht, dem Geschütz auch dann, 
wenn das Ziel nicht sichtbar ist. die erforderliche Höhenrichtnng zu 
geben bzw. diese Richtnng zu prüfen, ohne die Visierlinie za be- 
nutzen. Verstellbar ist die Libelle, damit mau einen etwa vor- 
handenen Geländewinkel berücksichtigen kann. 

Das Richten selbst wird derart ausgeführt, dafs der Richt- 
kanonier, nachdem dem Geschütz die grobe Seitenricbtung gegeben 
ist, dem Geschütz durch Drehen an zwei Kurbelrädern die Höben- 
und die feine Seitenricbtung gibt. Durch Drehen der für die Höhen- 
richtung bestimmten Kurbel wird die Wiege (also auch das Robr- 
um eine wagerechte Achse geschwenkt, während das Drehen des 
anderen Rades die Wiege um einen senkrechten Drehzapfen 
schwingen läfst. Bei einzelnen modernen Geschützen, insbesondere 
dem französischen, wird die feine Seitenricbtung dadurch gegeben, 
dafs die ganze Lafette auf der Achse seitwärts verschoben wird, 
wobei sie eine Drehung um den in die Erde eingedrangenen Sporn 
aasführt. Dieses System soll den Vorzug haben, dafs der Rückstols 
stets in die Mittelebene der Lafette fällt, so dafs ein Seitwärts- 
wandern derselben, was bei dem Schwenken um den Drehzapfen 
möglich ist, ausgeschlossen ist. Tatsächlich ist die Kraft, welche die 
Lafette aus der Richtung werfen könnte, nicht so grofs, dafs die 
Standfestigkeit des Geschützes beim Schiefsen darunter leidet; selbst 
bei der stärksten Verschiebung der Wiege ändert sich die Seiten- 
richtung durch den Schafs so gut wie gar nicht. Dagegen erfordert 
die Verschiebung der ganzen Lsffette durch den Richtkanonier, nament- 
lich wenn Verschmutzung eingetreten ist, eine sehr bedeutende Kraft- 
anstrengung, so dafs das Nehmen der feinen Seitenricbtung zeit- 
raubend ist. Autserdem müssen die Schilde schmaler gehalten 

10 * 



Digitized by Google 




136 



Zum FuldgesohOtz der Zoknutt. 



werden, sie gewähren also weniger Deckung, als bei dem Schwenken 
um den Drehzapfen. 

Eine sehr bedeutende Vereinfachung, AbkUrznng und grbfisere 
Zuverlässigkeit des Richtens kann durch die Annahme der „unab- 
hängigen Visierlinie“ erreicht werden. WUl man eine andere 
SchuTsweite erreichen, so rnnls bei den jetzigen Einrichtungen der 
Aufsatz der beabsichtigten Entfernung entsprechend nmgestellt werden, 
wodurch die Visierlinie, auch wenn das Geschütz vorher auf das 
Ziel gerichtet war, aus der Richtung kommt; das Geschütz ranfs 
also durch Betätigung der Kurbel tür die Hliheurichtung von neuem 
gerichtet werden. Bei der unabhängigen Visierlinie kann man der 
Wiege mit dem Rohr jede beliebige Neigung geben, ohne dals die 
Lage der Visierlinie sich ändert — man ändert auf diese Weise den 
Winkel zwischen Visierlinie nnd Seelenachse, den Visierwinkel — , 
)nan kann aber auch die Lage der Visierlinie zur Wagerechteu 
ändern (Geländewinkel), wobei dann die Wiege mit Rohr der 
Bewegung der Visierlinie folgt. Bei dem nenesteu Kruppschen Rohr- 
lücklanfgeschUtz ist die Einrichtung wie folgt (s. Anlage Bild 1 n. 2): 
Der Richtkanonier (2) bewegt durch das an der linken Lafetten wand 
betindlicbe Handrad A die Wiege mit Kohr und den Aufsatz; er 
richtet das Geschütz mittelst des Fernrohrs auf das Ziel, ohne sich 
um die befohlene Entfernung zu kümmern. Gleichzeitig gibt Kano- 
nier 1 auf der rechten Seite des Geschützes mittelst des Handrades 
B der Wiege mit Rohr die der befohlenen Entfernung entsprechende 
Neigung, was er daran erkennt, dafs ein Zeiger auf dem der Ent- 
fernung entsprechenden Strich einer auf der rechten Seite der Lafette 
gegenüber dem Sitze des Verschlulswarts angebrachten Teilscheibe 
(auf der Zeichnung nicht sichtbar) eiuspielt. 

Die V'orzüge der unabhängigen Visierliuie leuchten ein: die 
Teilung der Arbeit — Kanonier 2 ist lediglich für die Richtung der 
V'isierlinie auf das Ziel (Geländewinkel), Kanonier 1 für die der 
Entfernung entsprechende Neigung (Visierwinkel) verantwortlich — 
beschleunigt das Richten, entlastet den Richtkanonier und erleichtert 
die Kontrolle. Das gilt ganz besonders für das Einschielsen, ferner 
für den Fall, dafs ein Gelände von grofser Tiefe durch Streuen unter 
Feuer genommen werden soll (Schiefsvorschrift Z. 105 oder tir 
progressif der Franzosen) und beim Schiefsen gegen Ziele in Be- 
wegung, kurz überall da, wo unter Beibehaltung der Richtung die 
Entfernung schnell gewechselt werden mnlis. 

Auf die technischen Einzelheiten der Einrichtung gehe ich nicht 
ein, da ich mich mehr au den praktischen Artilleristen, als an den 
Techniker wende. Bemerken müebte ich nur noch, dafs durch 



Digiiized by Google 




Zdid FeldgesehUtz der Znkantt. 



137 



Schrägstellong der Aufsatzstange C das Nehmen der der Entfernnng 
entsprechenden Seitenrerschiebnng entbehrlich gemacht werden kann 
und auch entbehrlich gemacht worden ist. 

Anf das Kichten folgt das Abfenern des Geschützes. 

Bei Scbnellfeaergeschtttzen ist ein ganz besonderer Wert anf 
die Sichemngseinrichtnngen zn legen. Es muls verhindert werden 
1. dafs das Geschütz bei nicht völlig geschlossenem Verscblnfs ab- 
gefenerl werden kann, 2. dafs bei gesichertem Verscblnfs das Ge- 
schütz weder abgefenert, noch der Verschlnls geöffnet werden kann, 
damit die geladenen Geschütze ohne jede Gefahr bewegt werden 
können. Endlich mnfs noch ein Schatz gegen Nachbrenner vor- 
handen sein, d. h. der Verscblnfs eines Geschützes, bei dem das Ab- 
ziehen zwar erfolgt ist, die Patrone sich aber noch im Rohr befindet, 
darf nicht ohne weiteres geöffnet werden können. 

Diesen Anfordernngen entsprechen die neneren Kmppschen Leit- 
well- nnd Schnbknrbelverscblüsse vollkommen. Die Beschreibung 
derselben liegt anfserhalb des Rahmens dieser Studie. Diese Ver- 
schlüsse haben einen „Abzug für Widerspannnng“, d. h. es kehren 
nach dem Abziehen die bezüglichen Verscblnfsteile selbsttätig in ihre 
Rabelage zurück nnd das Spannen erfolgt erst beim Abfenern. Das 
hat den Vorteil, dafs die Spannfeder nicht abgenutzt wird; aufser- 
dero kann das Abziehen bei einem Versager oder Nacbbrenner 
wiederholt werden. 

Bei der neuesten Konstruktion auf diesem Gebiete, dem „halb- 
automatischen V erschlnfs“, erfolgt das Öffnen des Verschlusses 
selbsttätig beim Verlauf des Rohres in der Weise, dals ein am Rohr 
befindlicher Zapfen beim Vorlanf gegen eine an der Wiege ange- 
brachte Anscblagsvorrichtnng anstöfst, wodurch die Bewegung der 
Schnbkurbel für das Öffnen des Verschlusses und Aaswerfen der 
Patrone eingeleitet wird, worauf das weitere selbsttätig erfolgt. 
Das Scbliefsen des Verschlusses wird dadurch herbeigeführt, dafs der 
Rand der Patrone beim Einsetzen gegen den Auswerfer gedrückt 
wird, wodurch eine gespannte Feder frei wird, die das Scblielsen 
des Verschlusses bewirkt. 

Dadurch wird die Bedienung so vereinfacht, dals die Feuer- 
geschwindigkeit noch mehr gesteigert werden kann.') Das ist aber 
von untergeordneter Bedeutung; die Hauptsache ist die Entlastung 
des Verschlnlswarts, dem eine bei langer Dauer des Feuers recht 
anstrengende Arbeit abgenomiuen ist, so dafs er sich ganz seinen 

') Eine aus 2 Mann bestehende Bedienung vermochte bei bereitge- 
legter Munition 10 Schnfs in 19 Sekunden abzugeben. Anf 2950 m war 
die mittlere Längenstreuung 16 m. 



Digitized by Google 




138 



Zum Feldgescbttta der Zukunft. 



Übrigen Verriohtangen — Einstellen des Rohres aaf die betohlene 
Entfemang (unabhängige Visierlinie) und Ablenern — widmen kann. — 
Übrigens kann bei diesem Verschlufs anch von der linken Seite, also 
vom Richtkanonier, abgefenert werden, was beim Schiefsen gegen 
Ziele in Bewegung vorteilhaft ist. 

Die RohrrUcklanfeinrichtuDgeu — Bremse und Vorholfeder — 
der Feldkanone 96 n Ä sind die nach dem augenblicklichen Stande 
der Technik die denkbar vollkommensten. ‘) Das gilt insbesondere von 
der Vorholfeder, die unbedingt den Vorzug vor der viel empfind- 
licheren französischen Vorholeinrichtnng verdient, bei der bekanntlich 
znsammengeprelste Luft die bewegende Kraft liefert. 

Die Schilde geben ausreichenden Schutz gegen das Infanterie- 
feuer bis auf 3 — 400 m, falls die Durchschlagskraft der Geschosse 
nicht gröfser ist als die des Geschosses 88. Wie es mit dem S.-Ge- 
schofs steht, ist in der Öffentlichkeit nicht bekannt geworden; es ist 
nicht ausgeschlossen, ja sogar wahrscheinlich, dafs auf den näheren 
Entfernungen seine Durchschlagskraft gröfser ist. Eingehende Ver- 
suche mUssen darüber Aufklämng verschaffen, namentlich anch, ob 
vielleicht durch eine andere Form der Schilde (Rundung) das Ab- 
gleiten der Geschosse mit schlanker Spitze begünstigt wird. Mög- 
licherweise ist eine geringe Verstärkung der Schilde geboten. Ich 
erachte es nicht für nötig, dafs die Schilde dem Gewebrfeuer bis auf die 
allernächsten Entfernungen Widerstand leisten. Das Beschielsen der 
Artillerie auf Entfernungen unter 500 m durch Infanterie ist doch 
ein seltener Ansnabmefall; die Schilde erfüllen ihren Zweck, wenn 
sie gegen Schrapnellkngeln und Granatsplitter von etwa gleichem 
Gewicht Schutz gewähren. 

Über das Feuer aus verdeckter Stellung mag man denken, wie 
man will; es wird zweifellos in den Kämpfen der Zukunft häufiger 
angewendet werden, angewendet werden müssen als bisher, wenn- 
gleich ich mich nicht davon überzeugen kann, dals es, wie manche 
glauben, die Regel bilden wird. Die Berichte über die späteren 

*) Bei Abfassung dieser Studie war mir die Brems- und Vorholein- 
richtung der französischen 65 mm-Gebirgskanone noch nicht bekannt (vergl. 
«Artilleristische Monatshefte“, Januar 1907). Das Vorholen des Geschütz- 
rohres wird hier nicht wie bei dem französischen Feldgeschütz durch Preis- 
luft, sondern durch eine Vorholfeder besorgt. Ks ist nicht ohne Interesse, 
dafs die Franzosen, deren Zeitschriften die Fabel von der Unbrauchbarkeit 
der deutschen Vorholfedem verbreiteten und zu wissen Vorgaben, dafs man 
diese durch eine der französischen ähnliche Einrichtung ersetzen werde, 
nunmehr ihrerseits die Vorholfeder anstatt der Prefsluft verwenden. Es 
mufs freilich noch abgewartet werden, wie sich die dort beschriebene, 
genial erdachte Einrichtung in der Praxis bewähren wdrd. 



Digitized by Google 



Zam Feldgeschütz der Znknnft. 



139 



Kämpfe iu der MaDdschnrei, nach denen manche russische Batterien 
es fast regelmäfsig angewendet haben und glanben, damit grofse Er- 
folge erreicht zu haben, können nach keiner Richtung bin als be- 
weiskräftig gelten. Zugegeben, dafs das Schiefsen aus verdeckter 
Stellung zuletzt als Regel angesehen worden ist, so beweist das noch 
nicht, dafs non auch Schildbatterien in allen Fällen klug getan 
hätten, indirekt zu schiefsen. Gegen diese wäre das feindliche 
Scbrapnellfener, das gegen die schildlosen Geschütze eine so 
mörderische Wirkung hatte, fast machtlos gewesen. Anderseits ist 
es mehr als fraglich, ob die rnssiscbe Artillerie wirklich die 
glänzenden Erfolge, die sie sich zuscbreibt, gehabt bat; dazu mlllste 
man erst die genauen japanischen Berichte kennen. Es liegt mir 
fern, den guten Glauben der russischen Berichterstatter anznzweifeln; 
aber es ist bekannt, wie sehr man dazu neigt, im Kriege seiner 
eigenen Tätigkeit Erfolge zuznscbreiben, die ganz andere Ursachen 
hatten. Ich erinnere mich eines Ausspruchs meines hochverehrten 
Lehrers an der Kriegsakademie, des Generals von Verdy, der uns 
erzählte, fast alle Gefechtsberichte Uber die Schlacht bei Königgrätz 
hätten mit der Wendung geschlossen; „Und so war es mit Gottes 
Hilfe dem Bataillon bescbieden, die Schlacht von Königgrätz zu ent- 
scheiden.“ Es liegt zu sehr in der menschlichen Natur begründet, 
seine Tätigkeit, seine Erfolge zu Überschätzen. Wie oft haben die 
Engländer im südafrikanischen Kriege geglaubt, die Buren durch 
ihr Artilleriefeoer vertrieben zu haben und waren sehr enttäuscht, 
als ihre angreifende Infanterie durch wohlgezieltes, kräftiges Feuer 
dahingemäbt wurde. Solche Beispiele lassen sich unzählige an- 
fUhren. — Dafs das Schiefsen aus verdeckter Stellung häufig vorge- 
kommen ist, läfst sich nicht bezweifeln; aber es ist sehr fraglich, 
mit welchem Erfolge. Ich halte es für völlig ansgescblossen, eine 
solche Fenerart namentlich in Verbindung mit den bis dahin gänz- 
lich unbekannten Mitteln zur Übermittelung von Beobachtungen und 
Befehlen im Felde zu improvisieren, besonders mit Truppen, deren 
Ersatz doch anf einer sehr niedrigen intellektuellen Stufe steht. Da 
das Schiefsen ans verdeckter Stellung und jedenfalls das Richten 
mit HUlfsziel in Zukunft häufig angewandt werden wird, mofs man 
die Geschütze mit Hulfsmitteln versehen, die ihnen das Richten mit 
HUlfszielen erleichtern. 

Diese Mittel bieten Winkelmelsinstrnmente, welche einmal die 
Winkel zwischen der Visierlinie und der Wagerechten (Gelände- 
winkel) und die Winkel, welche die Ricbtnngslinien auf das eigent- 
liche Ziel und das HUlfsziel bilden, messen. Die Geländewinkel 
werden bekanntlich mit Hilfe der Libelle gemessen. 



Digitized by Google 




140 



Zum Feldgesohtitc der Zokunfl. 



Es empfiehlt sich bei den mit ScbotzsohildeD versehenen Ge- 
schützen, die Libelle an der Anfsatzstange in solcher Ebbe anzn- 
bringen, dalis der Richtkanonier vom Lafettensitz ans sie bei allen 
Stellungen des Aufsatzes von oben her beobachten kann. Die 
Winkel zwischen den Richtungen auf das Ziel und das Hulfsziel 
werden durch einen wagerechten Winkelmesser (goniomfitre des 
französischen Feldgeschützes) gemessen, der auf dem Prinzip der 
Riobtfläcbe oder des Richtkreises beruht. Bei dem Kruppschen Ge- 
schütz ist die Einrichtung im wesentlichen die nachstehende: Auf 
einem am oberen Ende der Anfsatzstange befestigten Richtkreis 
(s. Abbildung 2) ist das Fernrohrvisier um eine senkrechte Achse 
drehbar angeordnet. Zur Bewegung des Fernrohrs dient der mit 
„Hülfsziel“ bezeichnete Trieb. Unterhalb des Richtkreises befindet 
sich ein Drücker, durch den dieser Trieb ansgeschaltet werden kann; 
das Fernrohr wird dann frei auf dem Richtkreis gedreht. Der 
Richtkreis trägt an seinem Umfange eine Teilung in 64 Teile; der 
Trieb des Fernrohrs bat an einer Trommel des Greifrades eine 
Teilung in 100 Teile. Wird das Greifrad einmal ganz herumgedreht 
— um 100 Teile — so ist damit das Fernrohr um 1 Teil des 
Richtkreises gedreht Man hat somit den Richtkreis in 6400 Teile 
geteilt und jeder Teil entspricht nahezu einem Tausendstel des 
Kreishalbmessers.') Zum Nehmen der groben Seitenrichtung und 
zum Richten nach rasch sich bewegenden Zielen hat Krupp neben 
dem Fernrohr noch ein Hilfsvisier angebracht, das entweder ans 
einem kurzen Diopterlineal oder aus einer optischen Visiervorrich- 
tung besteht. Es ist von der gröfsten Wichtigkeit, dafs die optische 
Achse des Fernrohrs (Visierlinie) genau parallel der natürlichen 
Visierlinie liegt. Unbedeutende Verbiegungen der Anfsatzstange, die 
bei einer langen Visierlinie ganz unschädlich sind, können hier schon 
grofse Fehler hervorrnfeu, die das völlige Milsliugen des Schielsens 
nach sich ziehen. Es ist daher nicht nur die Anfsatzstange sehr 
solide zu konstruieren, sondern es mnfs auch die Lage der optischen 
Achse geprüft werden können; dazu wird zweckmälsigerweise am 
Rohr eine natürliche Visierlinie angebracht. 

Einen rechten Nutzen wird ,mau ans diesen Mitteln für das 
Richten mit HUlfszielen erst ziehen können, wenn die Batterie anlser 

•) Genau genommen hat der Umfang 2000.3,1415 (2 r . oder 628:t 
Teile. Kine solche Teilung ist praktisch unmöglich ausführbar. Die Teilung 
in 6400 Teile vereinfacht die Rechnung aufserordentlich. Soll das Fernrohr 
7.. B. auf die Zahl 3467 eingestellt werden, so wird das Fernrohr mit der 
Hand auf 34 eingestellt, worauf man das Groifrad so lange dreht, bis die 
Zahl 67 auf dem Teilstrich einspielt. 



Digitized by Google 



Zorn Feldgesobittz der Zukanft. 



141 



den an den Geschützen befindlichen Winkelmessern noch Uber einen 
solchen nnabbängig von den Geschützen zn gebrauchenden verfugt. 
Ohne das ist man genötigt, ein Geschütz aus der Deckung vorzu- 
hringen, um die Winkel messen zn können. Das ist unter Um- 
ständen sehr mUhsam und stets zeitraubend. VerfUgt man aber Uber 
ein besonderes Melsinstrnment, so hindert nichts, die nötigen 
Messungen schon bei der Erkundung der Feuerstellung anszuiUhren; 
es können dann der Batterie die nötigen Angaben Uber die Kicht- 
elemente schon bei ihrem Eintreffen Ubergeben werden, wodurch die 
Zeit bis zur Feuereröffnung sehr wesentlich abgekürzt wird. Man 
kann mit diesem Instrument, wie es die Franzosen mit dem Batterie- 
femrohr tun, auch den Geländewinkel messen und so das Einschielsen 
abkUrzen. 

Das einfache Fernrohr visier mufs beim Richten nach seitwärts 
zur Sohnl'srichtnng gelegenen Hilfszielen mit seiner optischen Achse 
dahin gedreht werden, wobei das Okular sich natürlich mit dreht. 
Dadurch wird dem Richtkanonier der Einblick in das Fernrohr er- 
schwert. ja er mnls unter Umständen den Latettensitz verlassen, 
wenn das Hilfsziel ganz zur Seite oder gar rückwärts liegt. Das 
ist natürlich sehr zeitraubend. Das wird durch das „Panorania- 
fernrohr“ vermieden. Bei diesem kann nur der das Objektiv aut- 
nebmende Oberteil vermittelst eines Schneckentriebes um seine senk- 
rechte Achse gedreht und auf das Hilfsziel eingerichtet werden. 
Das eigentliche Ferurobrgehänse und das Okular ändern ihre Stellung 
nicht. Durch eine sinnreiche Anordnung von Prismen im Innern 
des Fernrohrs erscheint das Bild stets aufrecht im Okular. Das 
neueste Muster des Panoramafernrohrs, hei dem die innere Einrich- 
tung wesentlich vereinfacht ist, bat sich bei scharfen Transport- 
versuchen — Uber 300 km in verstärkter Gangart und Uber grobe 
Hindernisse — als durchaus haltbar erwiesen, so dals es wenigstens 
nach dieser Richtung hin als kriegsbrauchbar gelten darf. Seine 
Anwendung verspricht beim Richten nach Hilfszielen grofse Vor- 
teile. Es bat daher auch bereits in mehreren Artillerien Eingang 
gefunden. 

Neben dem Schrapnell oder der Scbrapnellgranate (Brisanz- 
Bcbrapnell) noch ein anderes Gescbofs (Granate) anzuweoden halte 
ich nicht fUr wünschenswert. Die Wirkung der Granate gegen ge- 
deckte Truppen im Bzfener ist aulserordentlich gering, das Schielsen 
gegen solche Ziele schon im Frieden sehr schwierig, ira Kriege wird 
es zu reiner Munitionsverschweudung. Hält man die Bekämpfung 
von Truppen, die untätig hinter einer Deckung sitzen, fUr notwendig 
— die Ansichten darüber sind geteilt und ich persönlich neige der 



Digitized by Google 




142 



Zam Feldgesohtttz der Znknnft. 



Aosicht za, dalB es bei richtigem Zosammenwirkea der Artillerie 
und Infanterie entbehrlich ist — , so mufs man dafür besondere Ge- 
schütze verwenden. Die Überlegenheit der Granate über das 
Schrapnell im Artilleriekampfe mag zugegeben werden, gegenüber 
der Schrapnellgranate Az. besteht sie nicht. Dafs die AnsrUstnng 
mit einem Einbeitsgeschols von grölstem Vorteil für den Mnuitions- 
ersatz sein würde, braucht hier nur angedentet zu werden. Aulser- 
dem aber würde die Gefahr, die durch die Anwesenheit der mit 
Granaten gefüllten Mnnitionswagen in der Feuerstellung einer im 
Artilleriekampfe stehenden Batterie hervorgernfen wird, schwinden 
oder doch wesentlich herabgesetzt werden, da die Sprengladung er- 
heblich kleiner ist. Mit den glühendsten Farben bat ja ein Augen- 
zeuge ein Bild von der entsetzlichen Verwüstung entworfen, die die 
Explosion eines mit Granaten gefüllten Mo nitions Wagens in der 
Batterie anrichtet (Mil. Wochenbl. Nr. 16/1903: „Einiges zur Auf- 
klärung Uber KohrrUcklanf und Panzer“). 

Ob die Lafette mit Acbssitzen zu versehen ist oder nicht, 
bängt davon ab, wie man Uber die Verbindung des Muuitiouswagens, 
mit dem Geschütz denkt. Teilt man jedem Geschütz einen solchen 
Wagen zu, der jenem entweder unmittelbar folgt oder daneben 
marschiert, dann kann ein Teil der Geschützbedienung unbedenklich auf 
dem Munitionswagen fortgeschafit werden und die Achssitze können 
fortfallen. Man spart dadurch ein Gewicht von etwa 50 kg, das 
entweder zur Erhöhung der Wirkung') oder der Beweglichkeit ver- 
wendet werden kann. Sollte der Munitionswagen durch einen Unfall 
von dem Geschütz getrennt werden, so reichen die drei auf der 
Geschützprotze aufgesessenen Leute mit dem Geschützführer ans, 
das Geschütz abzuprotzen und zu bedienen, ganz abgesehen davon, 
dals ein Kanonier noch sehr gut auf der Protze Platz findet, und 
dafs von den übrigen Mnnitionswagen noch Reservemannschaften 
verfügbar sind. Trennt man aber auf den Märschen nsw. die Munitions- 
witgen von den Geschützen und bildet ans ihnen „MunitionszUge“ 
oder eine „Stafiel“, dann allerdings mufs die ganze Geschütz- 
bedienung auf den Geschützen selbst fortgescbafft und die Achssitze 
müssen beibehaiten werden. Ich würde es vorzieben, die Munitions- 
wagen mit den Geschützen eng zu verbinden und die Achssitze fort- 
fallen zu lassen. 



1) Die Wucht des Geschos-ses könnte, ohne das Geschütz zu über- 
anstrengen um etwa 4 mt gesteigert, d. h. das Geschofsgewicht von t>,8 auf 
etwa 7,1 kg oder die Anfangsgeschwindigkeit von 510 auf 520 m gebracht 
werden. 



Digitized by Google 



Znm Feldgeaohtttz der Zukunft. 



143 



Man kann übrigens aach die Lafette mit „Auftritten“ rersehen, 
wie solche z. B. an den Geschützen der Schweiz angebracht sind. 
Unter gewöhnlichen Umständen könnte 1 oder 2 Mann der Geschütz- 
bedienung auf dem Mnnitionswagen anfsitzen, die, für den Fall, 
dals der Wagen liegen bleibt, sich anf die Auftritte der Lafette 
stellen. 

Uber die Protzen ist wenig zu sagen ; die bisherige Konstruktion 
bat sich im allgemeinen bewährt. Die innere Einrichtung des Protz- 
kastens ist natürlich der Einheitspatrone anznpassen. 

Man kann die Patronen entweder einzeln in die Protzen und 
Mnnitionswagen Terpacken, wobei durch den Fortfall der Transport- 
behälter nicht nur Gewicht, sondern auch Kaum erspart wird und 
man ein sehr günstiges Verhältnis zwischen der toten und der 
Nutzlast erhält, oder man verpackt sie in Körben usw. Frankreich 
bat sich für die erstere Methode entschieden-, jede Patrone steht mit 
dem Zünder nach unten wie eine t'lascbe in einem Flaschenschrank 
in zwei kreisrunden Löchern, die sich in zwei in einem gewissen 
Abstande voneinander angebrachten Stahlblechen beOnden. Das Um- 
packen der Patronen von einem Mnnitionswagen in einen anderen geht 
dabei sehr schnell. Auch die Kruppsche Fabrik fertigt Munitionswagen 
für Eiozelverpacknng. Damit die Patronen bei der stehenden Ver- 
packung fest in ihren Lagern ruhen und die Zünder nicht leiden 
ist an dem Geschofskopf ein kleiner Absatz angebracht, wodurch 
allerdings der Luftwiderstand etwas vergröfsert wird, aber doch 
nicht in einem Mafse, dafs es für die Praxis von Bedentnng ist. 
Geschosse mit abgesetzter Spitze erreichten bei gleicher Erhöhung 

anf 1000 m eine um 17 m, 

„ 2000 „ „ „ etwa 30 m, 

„ 4000 „ „ „ « 80 „ 

geringere Schofsweite als solche mit glatter Spitze. Es scheint anch, 
dafs dadurch die Streuung etwas grölser wird. 

Die Ausrüstung der Protzen und Mnnitionswagen hängt ab von 
dem zulässig höchsten Gewicht des beladenen Fahrzeugs und dem 
Verhältnis der nutzbaren Last zu jenem Gewicht. Das Gewicht der 
beladenen Protze ist auf etwa 780 kg, das des Mnnitionswagens zu 
1780 kg (wie das Geschütz) zu veranschlagen. Das Gewicht der 
Protzmnnition wird zu dem der beladenen Protze ungefähr im V'er- 
hältnis wie 0,40 : 1 stehen (bei Kruppschen Konstruktionen ist ein 
Verhältnis von 0,41 : l, bei dem von Schneider- Canet für Bulgarien 
gelieferten Geschütz sogar 0,47 erreicht); das des Mnnitionswagens 
wie 0,45 : 1 (bei Krupp 0,49 : 1). Hiernach würde die Protze ein 



Digitized by Google 




144 



Zum Feldf^^esohUtz der Znkanft. 



Manitionsgewicht vou etwa 312 kg, der MDuitionswageo ein solches 
von 800 kg anfnehmen können. Das (rewicht einer Patrone dürfte 
etwa 8,6 kg betragen; somit könnte die Protze 36, der Mnnitions- 
wagen 93 Patronen anfnehmen.') Diese Zahlen sollen nnr einen 
nngefäbren Anhalt geben nnd sind mit änlserster Vorsicht ermittelt. 
So ist z. B. das Gewicht des Mnnitionswagens nm 50 kg niedriger 
angenommen als das des eingefUhrten dentseben. Es scheint mir 
nicht gerechtfertigt, den Mnnitionswagen schwerer als das Geschütz 
zn machen, da er diesem doch überall folgen mnls. Das ist bei 
dem gepanzerten SchnellfeuergescbUtz eine unbedingte Notwendigkeit. 

Es ist nicht ansgeschlossen, dafs man in der nächsten Zukunft 
von der Vorliebe für leichte Geschütze etwas mehr znrückkommt; 
io der zweiten Hälfte des ostasiatischen Krieges hat wenigstens die 
japanische Artillerie, deren Geschütze sehr leicht waren, die gröfsere 
ballistische Wirkung des russischen Geschützes recht unangenehm 
empfunden. Eine Steigerung der ballistischen Wirkung über die 
des oben skizzierten Geschützes würde ich auch dann nicht für not- 
wendig erachten, sondern ein etwa zogestaudenes höheres Gewicht 
für eine reichlichere AosrUstnng mit Munition verwerten, denn diese 
ist bei einem Schnellfcnergescbütz von höchster Bedeutung. 

Es ist falsch, die Beweglichkeit der Fahrzeuge lediglich durch 
geringes Gewicht erreichen zn wollen. Bekanntlich erleichtern hohe 
Bäder mit breiten und hohen Felgen die Fahrbarkeit namentlich hei 
unebener nnd weicher Fahrbahn, mit der man im Kriege zn rechnen 
hat. Obgleich dadurch das Gewicht der Fahrzeuge erhöht wird, 
halte ich es für durchaus zulässig, die Räder des neuen Geschützes 
etwas schwerer zu machen. Hohe Räder verbieten sich allerdings 
beim Rohrrücklanfgeschütz, da hier eine kleine Feoerböhe notwendig ist, 
wenn man nicht etwa gekröpfte Achsen anwenden will; dagegen 
glaube ich, dafs etwas breitere nnd höhere Felgen von Vorteil 
sein würden. 

Für noch wichtiger halte ich die Erprobung elastischer 
Pferde schöner, durch die nicht nur die Zugkraft der Pferde besser 
ansgeuutzt wird — um so besser, je schlechter der Weg ist — 
sondern die auch die Haltbarkeit der Geschirre nnd Ortscheite er- 
höben. Mehrere ausländische Artillerien, unter anderem auch die 
französische, sowie die meisten Feuerwehren verwenden sie mit 
grofsem Nutzen. 

Von der gröfsten Wichtigkeit ist eine reichliche Ansrüstnug 
der Geschütze mit Munition. Nach den Erfahrungen des ost- 

•) ln der Pra.xis empfiehlt sich die Zahl der mitzufUbrenden l’atroni-n 
.auf eine durch 4 teilbare Zahl abzurnnden. also 116 bzw. 92. 



Digitized by Google 



Zum Feldgesobtttz der Zaknnft. 



145 



asiatischen Krieges bat der Manitionsverbranch auf beiden Seiten 
alle Erwartungen weit ttbertroffen und dabei batten weder Japan 
noch Knisland Geschtttze, die den moderen Anforderungen an Schnelle 
fenergeschtltze entsprechen. Am reichsten sind bis jetzt die fran- 
zösischen Geschütze ansgestattet; jedes Geschütz verfugt innerhalb der 
Batterie Uber 312, innerhalb des Armeekorps Uber etwa 500 SchUsse. 
Es mehren sich aber die Stimmen, die eine solche Ausrüstung nicht 
ittr genügend erachten und die Einführung von leichten Munitions- 
kolonnen fordern, in denen fUr jedes Geschütz noch 200 Schüsse 
vorhanden sind. 

Bei der oben vorgeschlageneu Munitionsausstattung der Fahr- 
zeuge — 36 Schulis in der Geschützprotze, 92 im Munitionswjigen — 
wurden für jedes Geschütz drei Munitionswagen nötig sein, nni eine 
der französischen gleiche Schulszabl mitzufUhrcn. 

Nimmt man an, dafs die Batterien wie jetzt aus sechs Geschützen 
und ebensoviel Mnnitionswagen bestehen, so würden in der Batterie 
768 SchUsse vorhanden sein, während der Best von 1104 Schüssen 
von den leichten Munitionskolonnen fortzuschaffen wäre. Zurzeit 
sind für die 21 Kanonenbatterien vier leichte Kolonnen von je 
21 Wagen vorhanden; um die erhöhte Schufszahl anfzunehmen, 
wurde es der Aufstellung von nach acht solcher Kolonnen be- 
dürfen.') 

Wird der oben erwähnte Vorschlag französischer Offiziere ver- 
wirklicht, d. h. die Batterie innerhalb der Division mit 2048 Schüssen 
ansgestattet, so würden für unsere Batterien ebenfalls noch 
146 SchUsse initgefUhrt werden müssen; d. h. es mülste die Zahl 
der leichten Munitionskolonnen wiederum um zwei vermehrt werden, 
so dals bei jeder Division fortan sechs leichte Kolonnen bestehen 
würden, ganz abgesehen von den Mnnitionskolonnen fUr Haubitzen. 
Ich mache besonders darauf aufmerksam, dafs es sich hier um 
die MonitionsausrUstung der Batterien, nicht um die der Geschütze 
handelt; in bezug auf diese würden die Franzosen noch einen Vor- 
sprung von nahezu 50 Prozent voraus haben. 

In früheren .Arbeiten habe ich mich an dieser Stelle schon 
mehrfach dahin ausgesprochen, dals ich eine Herabsetzung der 
Batteriestärke von sechs auf vier Geschütze für unumgänglich not- 
wendig erachte und brauche wohl nicht hinzuzufUgeu, dals diese 
meine Ansicht bisher durch nichts erschüttert ist. Namentlich 

•) Für jede B.atterie waren 1104 : 92 oder 12 Munitionswagen erforder- 
lich, für 21 Batterien also 12 Kolonnen ä 21 Wagen. .Augenblicklich sind 
4 Kolonnen vorhanden. 



Digitized by Google 




146 



Zum Peldgesotaütz der Zukunft. 



halte ich es fUr ein grolses Wagnis, ja fast für unmöglich, 
eine Gefechtsbatterie von zwölf Fahrzeugen — denn dafs 
jedes Geschütz in der Feuerstellung einen Mnnitions wagen 
bei sich haben mnfs, unterliegt wohl nirgends einem 
Zweifel — aufzustellen, von der im Frieden nur die 
Hälfte, ja oftmals nur ein Drittel bespannt ist. So un- 
günstig war das Verhältnis zwischen Kriegs- und Friedens- 
stärke in Preulsen noch niemals seit dem Jahre 1849. 
Damals hatten die Batterien im Frieden vier bespannte Geschütze; 
in der Feuerstellung standen aber nur acht Geschütze, kein Mnnitions- 
wagen. 

Eine Frage, die noch dringend der Lösung bedarf, betrifft die 
Deckung des Batterie! Obrere in der Feuerstellung. Das fran- 
zösische Reglement bat sie bekanntlich derart gelöst, dals auf einen 
Flügel der Batterie ein abgeprotzter Mnnitionsfainterwagen anfgefübrt, 
hinter dem der Batterieftihrer und das Batteriefernrohr Aufstellung 
nehmen. Bei einer Batterie von sechs Geschützen ist das ausge- 
schlossen; denn die Mitnahme eines 13. Fahrzeuges in der Gefechts- 
batterie würde die Unzuträglichkeiten nur noch vermehren, ganz 
abgesehen davon, dafs die Frontbreite der Batterie, die schon 
reichlich grols ist, noch um ein Sechstel vergröfsert wird. 
Nimmt der Batterieführer hinter einem in der GeschUtzlinie stehenden 
Mnnitionswagen Aufstellung, so wird er von dort nur sehr selten 
das Gefechtsfeld übersehen können. Man kann das Geschütz mit 
dem Mnnitionswagen aber unmöglich über die Fenerlinie vorschieben. 
da dadurch die Stellung der Batterie verraten würde. Man sage 
nicht, die Deckung des Batterieführers ist nebensächlich; gewifs, 
auch er mnfs seine Haut zu Markte tragen; aber ist er ungedeckt, 
HO bat er die gröfsten Chancen, aulser Gefecht gesetzt zu werden 
und sein Ausfall vermindert die Gefechtskraft der Batterie mehr, 
als der Verlust irgend eines anderen Mannes, ja eines ganzen 
Geschützes. 

Endlich ist noch auf Mittel zu sinnen, einen erhöhten Stand- 
punkt für einen Beobachter in der Nähe der Batterie zu schaffen. 
Das Schiefsen aus verdeckter Stellung wird jedenfalls, wie bereits 
erwähnt, öfter als bisher .stattfinden müssen. Wirkung darf man 
sich aber dann davon versprechen, wenn Beobachtung und Feuer- 
leitnng in einer Hand bleiben, mit anderen Worten, wenn die 
Beobachtung von einem in der nächsten Nähe der Batterie ge- 
legenen Punkte aus stattünden kann. Ich halte es für sehr be- 
denklich, wenn der ßatteriefübrer, um beobachten zu können, sich 
soweit von seiner Truppe entfernt, dals er mit ihr nur durch Fem- 



Digitized by Google 



Zorn Feldgesobiltz der Zukunft. 



147 



Sprecher, Winkerflaggen oder wie die künstlichen Mittel alle heifseu 
mögen, in Verbindnng bleibt. Im Frieden mag die Saobe wohl 
gehen, aber wer da glanbt, sie im Kriege bei der Feldartillerie an- 
wenden zn können, der kennt den Krieg nicht. Mau bernfe sieh 
nicht anf die rnssischen Erfahrungen; wir wissen ans nnseren 
eigenen Kriegserfahrungen, dafs der Schlachtenlärm die Leute so 
betäubte, dais man genötigt war, ihnen die Kommandos in die 
Ohren zu schreien. Und da glaubt man in der inoderneu 
Schlacht, in der die doppelte Zahl ron GechUtzen mindestens doppelt 
so schnell schiefst, sich mit Fernsprechern verständigen zn können! 
Ich bin der Meinung, dafs im Kriege nur Einfaches Erfolg ver- 
spricht. 

Unter Umständen wird man mit Nutzen von einer Beobachtniigs- 
leiter, wie sie vor einer langen Reihe von Jahren vorgeschlagen 
und konstruiert ist, Gebrauch machen können, ln Dänemark und Holland 
ist eine solche für jede Feldbatterie eingeführt, in anderen Staaten 
sind sie im Versuch. 

Ich habe mich bei meinen bisherigen Betrachtungen anf die Kanone 
beschränkt, weil ich der Ansicht bin, dafs diese im Bewegungskriege 
— und das ist der wahre Feldkrieg — das HanptgescbUtz der Feld- 
artillerie bleiben wird. Hält man aber SteilfeuergescbUtze für 
den den Feldkrieg für nnentbehrlicb, so wird es notwendig sein, sich 
für ein Kaliber zn entscheiden. Denn dafs für eine untergeordnete 
Aufgabe — und als eine solche mnfs ich die Bekämpfung untätiger, 
gedeckter Ziele bezeichnen — mehrere Mittel anfbietet, vermag ich 
nicht als richtig anznerkennen. Die leichte Feldhanbitze ist für den 
Zweck, für den sie geschaffen wurde, in ihrer augenblicklichen 
Verfassung nicht wirksam genug, da ihre Granaten feldmälsige Eiu- 
decknngen nur durchschlagen, wenn sie „mit Verzögerung“ ver- 
feuert werden. Das bat zn der Ausrüstung dieses Geschützes mit 
drei verschiedenen Geschofsarten geführt; infolgedessen ist die Au.s- 
rüstnng mit jeder einzelnen Gescholsart so dürftig ausgefallen, dafs 
sie den modernen Ansprüchen in keiner Weise gerecht wird. Gelingt 
es nicht, einen Zünder zn konstruieren, den man nach Belieben 
„mit“ und „ohne Verzögerung“ gebrauchen kann, so bleibt nur 
übrig, zu einem grölseren Gescbolsgewicht und Kaliber ttberzngchen, 
bis dieses Durchschlagen mit Sicherheit erreicht wird. Welcbe.s 
Gewicht dazu erforderlich ist, darüber können nur Versuche ent- 
scheiden. 

Es mnls hierzu bemerkt werden, dafs es schon jetzt einen 
Zünder gibt, der dieser Anforderung genügt. Die Kruppsche Fabrik 
hat einen solchen Zünder konstruiert; es ist allerdings nur ein .Auf- 



Digiiized by Google 




148 



Zum Feld^esehtttE der Zokonft. 



Bcfalag-, kein DoppelzOnder. Bei diesem Zünder kann der Weg des 
ZOndstrabls, je nachdem er ohne oder mit Verzögerung wirken 
soll, entweder direkt znr ZUndladnng oder zn einem geprelsten 
Pnlverkorn, das erst langsam ahbrennt, geleitet werden. 

Vielleicht reicht eine Schrapuellgranate der Haubitze ans, nm 
die Wirkung der Granate mit Brennzünder zu ersetzen — das Brisanz- 
sobrapnell bei dem die Brisanzladnng nnr beim Aufschlag detoniert, 
kann diese Aufgabe jedenfalls nicht erfüllen — ; dann könnte man 
neben diesem Geschofs vielleicht eine Minengranate mit sehr 
grolser Sprengladung (etwa 3 kg) verwenden, deren Anfscblagzünder 
mit ausschaltbarer Verzögerung versehen ist. Man hätte dann 
den Vorteil, nur zwei verschiedene Gescholsarten zn besitzen und 
würde durch die gröfere Sprengwirkung alle Deckungen des Feld- 
krieges. d. h. solche, die in kurzer Zeit hergestellt werden, zerstören 
können. 

Wie ich über die „schwere Keldhaubitze“ denke, habe ich 
an dieser Stelle in dem Aufsatz „Zur Geschichte der schweren 
Feldbaubitze“ (Dezember 19U6) ansgefUhrt und dem nichts hinzu- 
znfUgen. 

Ich fasse die Anforderungen, die an eine moderne Feldhanbitze 
zu stellen sind, wie folgt zusammen; 

a) Ein Kaliber mit einem Geschofs von solchem Gewicht und 
solcher Sprengwirkung, dals die im Feldkriege vorkommenden 
Eindeckungen sicher durchschlagen werden. Ist es nötig, dazu 
Granaten „mit Verzögerung“ zu verwenden, so mnfs ein und das- 
selbe Geschofs durch ein und denselben Zünder „mit“ und „ohne 
Verzögerung“ zum Zerspringen gebracht werden. Ich bemerke, dafs 
ich solche Eindeckungen wie UnterschlUpfen. wie sie die Bilder 37 
bis 41 der Feldbefestigungsvorschrift darstellt, hierzu nicht rechne. 
Für die Ausführung solcher Arbeiten bedarf es der Heranschaffnng 
schwerer Eisenbahnschienen, starker Hölzer usw. auf die im Feld- 
kriege mangels der dazu erforderlichen Transportmittel und Zeit 
nicht gerechnet werden kann. Der Angriff auf solche von langer 
Hand vorbereitete Stellungen bedarf einer sehr sorgfältigen Er- 
kundung und Vorbereitung, während welcher stets Zeit und Gelegen- 
heit vorhanden sind, die schwere .Artillerie des Feldheeres heran- 
znzieheu. selbst wenn sie Tagemärsche hinter der Armee folgt. 

b) Die Feldhanbitze mnfs für den KöhrrUcklauf eingerichtet 
und mit Scbutzschilden versehen sein. Die Einrichtung der Kohr- 
rUcklaufbemmung bietet bei den Haubitzen begreiflicherweise weit 
gröfsere Schwierigkeiten als bei den Kanoneu. Das liegt darin, 
dafs die Bedingungen, unter denen die Haubitzen scbielsen, sehr 



Digilized by Google 



Zam FflMg«s«tiHtz der ZAanft 



149 



viel wechselnder sind, als bei den Kanonen — veinohiedene 
Ijadnng^D nnd sehr viel grOfsere Unterachiede in den ErhOhongea. 
Maebt man den Rttcklanf lang, so wird bei der gewöbnJicben 
Anordnung das Bodenstttok des Rohres anf den Erdboden stossen, 
sobald man mit grolsen ErhOhnngen fenert. Man mnlste daher den 
Rttcklanf im allgemeinen kurzer halten. Nun wird aber bei An- 
wendung der starken Ladungen der Druck innerhalb der Bremse 
sehr hoch, diese daher stark angestrengt nnd Überdies steht das 
(beschütz nicht ruhig im Feuer; der Vorteil des Robrrttcklanfes 
wurde also nicht voll ansgenntzt. Das hat dazn geführt, die 
Haubitzen für einen veränderlichen Robrrüoklanf einzuriditen, 
d. b. bei kleinen Erhöhungen, wobei auch meist starke Ladungen 
gebraucht werden, ist der Rttcklanf grofs, wobei das Geschütz ruhig 
stehen kann ; mit Zunahme der Erhöhung wird der Druck in der 
Bremse selbsttätig vergröbert und damit der Rücklauf des Rohres 
verkttrzt 

Neuerdings hat sich die Kruppsche Fabrik die Ausbildung des 
ständiglangen Robrrttcklanfes bei der Hanbitze angelegen sein 
lassen (vgl. „Kiiegstechnische Zeitschrift* 1905 S. 204 und Schweize- 
rische Zeitschrift für Artillerie nnd Genie 1906, Novemberheft nnd 
„Artilleristische Monatshefte* Jannar 1907). Es ist das dadurch 
geschehen, dafs die Schildzapfen von der Mitte an das hintere 
Ende der Wiege (ähnlich wie bei den alten glatten Mörsern) 
znrttckverlegt sind. Hierdurch ist es möglich geworden, den ROcklani 
bei der 10,5 cm-Hanbitze ständig 1 m lang zn machen, ohne dals 
die Wiege selbst bei einer Erhöhung von 43 Grad den Erdboden 
berührt. An! die Einzelheiten der Konstruktion einzngehen ist hier 
nicht der Ort; es genüge hervorznheben, dals diese Einricbtnng die 
Feuergeschwindigkeit erheblich zn steigern erlaubt, da es nicht 
nötig ist, nach dem Scbuls das Rohr mit der Wiege nahezu wage- 
recht zu stellen; vielmehr kann das Laden bei jeder Erhöhung statt- 
finden; dals ferner das Geschütz beim Schieben so rnbig steht, dals 
das Anbrigen von Schntzschilden möglich ist und endlich, dab die 
Einrichtung sich bei scharfen Fahr- nnd Schiebversnchen durchaus 
bewährt hat (Schweizerische Zeitschrift a. a. 0.). Übrigens besitzt 
auch die viel besprochene, nen eingeführte französbche kurze 
165 mm(Rimailho)-Kanone ständig langen Rohrrücklauf, rückwärtige 
Schildzapfen nnd Schntzschilde. 

o) Das Hanptgeschols mnb die Granate sein, nnd zwar eine 
Mkiengranate mit ausschaltbarer Verzögerung am Zünder, daneben 
woBÖglich eine Scbrapnellgraoate. 

JaMUttor fftr di* dtalMJk« Am«« a«d IfmriB*. N*. 4SK. II 



Digilized by Google 




150 



Artillerie and Infanterie. 



d) Die Steilfeaerbatterien, die stets nnr in verbäItDismäisi(f 
geringer Zahl vorhanden sein werden, dürfen, ja müssen mit allen 
Mitteln, welche die Beobachtang and BeiehlUbermittelong erleichtern 
(Beobachtangswage mit Leitern, Fernsprechern, Winkerflaggen asw.) 
aasgestattet werden. Sie sind dem hin- and herwogenden Kampfe 
mehr entrückt and werden fast ausschliefslich in verdeckten, oft 
anch weiter rückwärts gelegenen Stellnngen gebraacht. 

Über die mit der Feldbaabitze im engsten Zasammenhange 
stehenden Organisationsfragen habe ich mich erst ganz vor karzem 
an dieser Stelle (Dezember 1906) aasgesprochen and kann darüber 
Jetzt hinweg gehen. 



Aas dem vorstehenden dürfte hervorgehen, dafs eine ganze 
Reihe von Fragen der Klärung durch ausgedehnte Versuche bedarf, 
ehe an eine Neabewaffnang der Feldartillerie zu denken ist. 
Zweifellos werden im Laufe der Versuche wiederum neue Fragen 
aaftaachen. Um so notwendiger aber ist es schon früh daza Stellang 
za nehmen, wenn man nicht von den Ereignissen überrascht werden 
and überstürzte Entschlüsse fassen will. 



Vlll. 

Artillerie und Infanterie. 

Von 

Naglo. 

(Schluls.) 



Sowie der Infanterieangrifi' die Artillerie zar Tätigkeit gernfen 
bat, wird die Leitung aaf beiden Seiten za erkennen in der Lage 
sein: einmal, von welchen Pankten aas dem Infanterieangrifi eine 
gröfsere Unterstützung gewährt werden kann, anderseits, ob die Aof< 
stellang der bis jetzt erkennbaren gegnerischen Artillerie die MOg- 



Digilized by Google 



Artillerie and Infanterie. 



151 



lichkeit bietet, dieselbe von irgend welchen Stellen ans schräg zu 
fassen. An solchen SteUen wird die Leitung der Artillerie bestrebt 
sein, den vorhandenen Kaum bis aufs änlserste ittr diese Fenerwaffe 
anszunutzen und sie kann hier die Geschütze mit so engen Zwischen- 
räumen anfstellen, als es die Bedienung derselben gestattet, weil sie 
infolge der Scbutzschilde nicht mehr zu fürchten braucht, dafs die 
Garbe eines- Scbrapnellgeschosses die Bedienung mehrerer Ge- 
schütze anfser Gefecht setzen könnte. 

Au diesen Stellen werden voraussichtlich schon vor dem Ein- 
trefien dieser, gleichsam im zweiten Stadium auftretenden Batterien, 
Geschütze auf der Lauer gelegen haben (s. oben). Es gilt also in 
solchen Fällen, zwischen diese sich einznschieben, neue Befehlsver- 
bände zu bilden, um gemeinsam nach einheitlicher Leitung das Feuer- 
gefecht fortzusetzen. 

Jetzt erst ist oder wird über das Tun des Gegners Klarheit 
gewonnen. Jetzt wird man auch über die leichten Munitions- 
kolonnen verfügen können, weil man jetzt erst erkennen wird, wohin 
die Uanptmenge des Schiefsbedarfs abflielsen mufs.’) 

Nachdem die bisherigen Gefechtshandlnngen die gegenseitigen 
Kräfte zur Entfaltung gezwungen haben, wird nunmehr, um an der 
Einbrucbsstelle die dort wirkenden Batterien des Gegners zum 
Schweigen zu bringen, die schwere Artillerie des Feldheeres und 
die leichten Feldbanbitzen gegen dieselben in Stellung gebracht. 

Es erübrigt, noch auf die Tätigkeit desjenigen Teils der Artillerie 
einzugehen, welche den Auftrag hatte, von vornherein den Infanterie- 
angrifl zu begleiten. 

Es ist ja sicher, dals es nicht Gründe der Wirkmig sind, welche 
das Afitvorgehen, dieser Batterien wünschenswert machen. Ich 
glaube aber, dals der lange Weg, den infolge der gesteigerten 
Scbnisweite, besonders der Infanterie, der Angriff durchschreiten mufs, 
diese Waffe der sichtbaren Unterstützung durch die Artillerie vou 
Anfang an bedarf. 

Dals die Artillerie in der Lage ist, den Gedanken der offen- 
siven Verwendung bei der Angriffsarbeit in die Tat umznsetzen, das 
bat sie der Technik zu verdanken, die eine Schntzscbildlafette her- 



■) Hieraus würde folgern, dals man die erste Munitionsqnote für die 
Feldartilleriebatterien stärker ansetzen mufs, da aus der Betrachtung her- 
vorgeht, dafs einzelne Batterien schon einen starken Munitionsverbrauch 
in Rechnung stellen müssen, ehe ihnen neuer Nachschub an Scbiefsbedarf 
zugefOhrt werden kann. Man kann vorher nicht bestimmen, welche Batte- 
rien man auf die Tjauer legen wird, um diese von vornherein mit einer be- 
sonderen Munitionsmenge auszustatten. 

ll* 



Digitized by Google 




162 



ArtiUerie oBd laf in t e rie. 



^Stellt bat, die trete des Schildes so leicht ist,') dals sie eriaaht. 
das abgeprotete Gescbtlte mit der MUndang nach vom noch gaoz 
erhebliche Strecken vorsadrtickeD. 

Wohl wird man damit rechnen mttssen, daGs diese von Anfang 
au znm Begleiten des Infanterieangriffes bestimmten Batterien wahr- 
scheinlich nur mit wenigen Geschttteen in der leteten Stellnng vor 
dem Stnrme eintreffen werden. Wenn aber die eineelnen Geschtttae 
zu grbfserer Selbständigkeit erzogen sind, so werden auch die Oe- 
schtttee, die in den weiter znrttokliegenden Stellungen als bewegungs- 
unfähig verbleiben meisten, ihre Feneitätigkeit nicht einzostellen 
branohen. Auf die Infanterie wird aber das riloksichtslose Mitvor- 
wärtsdringen der Sebwesterwaffe belebend wirken und der Donner 
der GesohOtee, der sie auf ihrer Siegesbahn begleitet, wird wie die 
fortdauernde Anfforderang auf sie wirken: ,Yorwärts! immer vor- 
wärts!“ 

Auch der besten Truppe bleiben KQckscbläge nicht erspart! 
Wenn die Schützenlinien znrttckgleiten, so werden sie an den Ge- 
sobttteen einen Halt finden, an denen sie sich zu erneutem Vorgeben 
sammeln können. 

Die Tätigkeit der Artillerie, so wie mir dieselbe, durch die 
neue Waffe verändert vor Augen schwebt, stellt die Leitung derselben 
vor erhöhte Schwierigkeiten, stellt an die Reitlnst und Frische der 
fttbrenden Organe besondere Anforderungen.*) 

Die Erfabmng lehrt, dals die Neigung znm Erkunden meist in 
direktem Verhältnis zu der Neigung steht, in starken Ghmgarten 
vorwärts zu reiten und man kann sich vorstellen, dals bei einer 
solch vielgestaltigen Verwendung der Artillerie alles erkundet, über- 
legt und in schnellster Weise in die Tat umgesetzt sein will, soll 
die einheitliche Leitung nicht verloren werden. 

Aber es tritt auch ans der Betrachtung heraus, dals ohne eine 
engere Verbindung mit der Infanterie, ans der heraus jede Beob- 
achtung, jede Erkundung der einen Waffe der anderen zugute 
kommen soll, die erhöhte Leistung nicht erreicht werden kann. 

Was die Artillerie auf der Höbe erspäht, mnls die Infanterie 
in Grunde erfahren, die dasselbe nicht wahmebmen kann. 

Wo der Infanteriekommandenr im Vorgehen beobachtet: „Hier 
könnte die Artillerie ohne zu grolrc Verluste nach vorne folgen,“ 

>) Die französische ist schwerer. 

*) Vielleicht macht man künftig die Heihstschleppjagden ffir die Ulte reu 
Herrn obligatorisch and verlangt von ihnen, daTs sie wenigstens das eine 
oder andere Mal auf eigenen Pferden erscheinen. Das wflrde wahrstdieiifluö 
•lern kfinstUch zurOckgehaltenen Avancement rmf die Beine helfen und 



Digitized by Google 



Ai(iU«rle and Inlantnrie. 



1&8 



das mols diese Waffe erfahreo. Eine solche enge Verbindtmg kann 
aber nor gedacht werden: als das Produkt einer langjährigen Er- 
aiebong, die daranf aafbanen mnfs, dafs die beiden im Kampfe 
sieh ergänzenden Waffen dienstlich einander noch näher gebracht 
werden. 

Man mache es sich znm Grundsatz, die Offiziere der 
beiden Waffen häufig hin und her zu kommandieren, so dals 
ein jeder Offizier als jüngerer und als älterer Leutnant 
und Tor allem auch als Stabsoffizier (Hanptmann beim 
Stabe) zu der anderen Waffe kommandiert wird. 

Für die Infanterieoffiziere wttrde dabei noch der Vorteil her- 
anskommen. dals sie im Reiten, im Verständnis der Pferdepflege 
nnd -bebandlung gefördert wUrden.') 

Die Artilleristen dagegen wttrden die Kenntnis des Vorposten- 
dienstes praktisch lernen — die einzige Art, wodurch man ihn 
wirklich lernt — , die ihnen bis jetzt gänzlich fehlte nnd dieselben 
zn Halbsoldaten stempelt. Von zwei Waffen, die bestimmt sind, in 
gegenseitiger Ergänzung der gemeinsamen Kampfesarbeit um den 
Sieg zn erringen, mufs man fttglioh verlangen, dals das Verständ- 
nis ftlr die Watfenwirknng beider Waffen Gemeingut aller 
Offiziere dieser beiden Truppengattungen ist! 

Das Schielsen der Infanterie verlangt sicherlich ein ebenso hohes, 
wenn nicht höheres ballistisches Verständnis, als das der Artillerie. 
Man nehme endlich dieser Waffe den Nimbus des Gelehrten nnd 
mache die Artilleristen durch Abschneiden dieses Zopfes zn Soldaten, 
was sie sind oder doch sein sollten. Damit wttrde die Fähigkeit, 
das Scbielsen dieser Waffe zn beurteilen, in weiteren Kreisen, 
namentlich „oben“, wachsen nnd die Waffe davor bewahrt bleiben, 
auf Sohiefsplätzen zn vergessen, dals im Kriege nur das Ein- 
fache geleistet werden kann nnd dals es falsch sein mnfs: Schieb- 
verfahren anszuklttgeln, die unter Verlusten, namentlich der ttber- 
wacbenden Organe, kaum dnrchznfttbren sind und dieser Erkenntnis 
gegenüber sich damit zn trösten: ,im Kriege macht sich alles ganz 
von selbst.“ 

Es ist Aufgabe des Friedens, die mntmafsiiehen Ersobeinungen 
während der kriegerischen Handlungen, besonders des Gefechts, so 
eingehend zu durchdenken, dals dieselben einem klar vor dem 
geistigen Auge stehen. 

anderseits manche Truppe davor schützen, dafs sie den Führern jedesmal 
auf den Hals kommt, weil deren Pferde hinter dem Zügel her .koch&ppeln* 
and sie auf diese Weise nicht von der Truppe fortkommen, 

>) Was auch für ihren Geldbeutel nicht ohne Bedeutung sein wird. 



Digilized by Google 




154 



Artillerie und Infinterie. 



Die Unordonng, die scheinbare Regellosigkeit, die in diesem 
Pbantasiegehilde erscheinen wird, sie mnls man dnrcb Vorschriften 
und Erziehung zu beherrschen trachten, nicht aber mit einer Ordnung 
in den Kampf treten wollen, welche dnrcb den Einflnls des geg- 
nerischen Feuers sofort zneammenbrechen mnls, sonst geht es der 
Truppe, wie den friderizianischen Bataillonen, deren gekünsteltes 
Feletonfener nur so lange sich aufrecht erhalten liels, als die straffe 
Feuerzucbt keinem gegnerischen Feuer ansgesetzt blieb, das aber 
zusammenbracb, sich in Salven und dann in regelloses Feuer anf- 
löste, als dem künstlichen Schiefsgebäude ein Gegner gegenüber trat, 
der es gelernt batte, seinen Waffen durch Selbständigmacben des 
einzelnen Schutzen unter allen Verhältnissen die Wirkung zu 
sichern. 

Ehe ich an! das Schieisverfahren und auf die Notwendigkeit 
näher eingehe, die Geschütze selbständiger zu machen, möchte ich 
einer stärkeren Verbindung zwischen Infanterie und Artillerie durch 
Meldereiter das Wort reden. 

Bis jetzt bat eine Batterie drei Trompeter etatsmäfsig zur Ver- 
fügung. Durch Abkommandierungen (Stäbe), verbleiben dem Batte- 
riefbhrer höchstens zwei, mit denen er seine Truppe leiten soll. 
Da bleibt im Kriege zur Verbindung mit der Infanterie nichts übrig.') 

Nur ein paar Worte über die Ergänzung dieser wichtigen Be- 
tehlsorgane von deren gröberem oder geringerem Verständnis. Keit- 
fertigkeit und Zuverlässigkeit das Wohl und Webe einer Batterie im 
Felde abhängen kann. 

Nehmen wir an, ein Trompeter, der als Mitglied des Trompeter- 
korps zu aller Welt Entzücken das Piston geblasen habe, würde 
ans irgend einem Grunde (Dienstalter, Krankheit usw.) ausscbeiden. 
Die künstlerische Vertretung dieses Instrumentes fehlt alsdann in der 
mnsikalbcben Zusammensetzung des Korps. Der Stabstrompeter 
streckt nun seine Fühlhörner ans und entdeckt beim Infanterie- 
regiment A. den Hoboisten B., der besagtem Instrumente noch viel 
schmelzendere Töne zu entlocken versteht, als sein Vorgänger dies 
vermochte. Auf dem Wege Regimentsadjutant, Regimentskommandeur 
(die mnsik verständige Gattin spielt vielleicht dabei auch eine Rolle) 
erscheint nun eines Tages des Spätherbstes dieser Hoboist, ab 
Artillerist verkleidet, in der Reitbahn, nachdem ein Regimentsbefehl 
lakonisch knndgegeben hat, dals der Trompeter B. der x Batterie 
zngeteilt sei. 

') Die bekannten Friedensstäbe der Artillerie in den Herbstübungen 
sind Friedenscrscheinungen; man kann an ihrer Gröfso das Selbstvertrauen 
der betreffenden Eommandenre abzählen. 



Digitized by Google 



Artillerie and Infanterie. 



156 



Der Meldereiter ist fertig, wenigstens zählt der Trompeter als 
solcher. Ganz und gar Mnsiker, falst er es als eine Degradation 
seines künstlerischen Menschenwertes anf, dafs man ihm zumutet, 
beim Geschtttzexerzieren zugegen zu sein, um wenigstens die Dinger 
einmal gesehen zu haben, für deren Tätigkeit er im kommenden 
Frühjahr Anordnungen und Befehle Uberbringen soll. Die Winter- 
vormittage sind für ihn meist mit Reitdienst und (Mnsik-)Proben ans- 
gefttUt und der Nachmittag bringt Ständchen nnd andere Ab- 
haltnngen, die natnrgemäfs einen sehr gern gesehenen Vorwand ab- 
geben, sich der lästigen Weiterbildung in artilleristischer Beziehung 
zu entziehen. Das ist ein Krebsschaden für die Waffe nnd sollte 
gründlich ansgemerzt werden. Wer das Innenleben der Artillerie 
kennt, mnls mir zngeben, dals diese so überaus wichtigen Organe 
die aliersorgfältigste Auswahl nnd Durchbildung lediglich nach 
der Begabung fllr den Zweck,- dem sie dienen sollen, notwendig 
haben. 

Der gesteigerten Verbindung zwischen Artillerie und Infanterie 
durch Meldereiter, die auch zur Aufklärung zum Zweck der un- 
mittelbaren Sicherung verwendet werden könnten, redet auch ein 
sehr lesenswerter Artikel des Obersten Gaedke das Wort. Er will 
den Infanterieregimentern Abteilungen berittener Aufklärer zn- 
weisen. 

Ich hatte mir eine ähnliche Einrichtung in der Weise gedacht, 
dals man die Zahl der Berittenen für jede einzelne Batterie um 
einen bestimmten Satz erhöhe, nnd der Infanterie gestatte, auf diese 
Reiter, samt den dazu gehörigen Offizieren für ihre Übungen znrUck- 
zugreifen. Auf diese Weise wollte ich die beiden Wafien enger an- 
einander knüpfen und hierdurch das Verständnis der einen in die 
andere Waffe hinüberfliefsen lassen. Ich möchte mich aber dem Vor- 
schläge des Herrn Obersten Gaedke aus dem Grunde anschliefsen, 
weil ich glaube, dafs die Angliederung von derartigen Meldereiter- 
abteilnngen an die Infanterie dem Nachersatz an Offizieren in dieser 
Waflie erheblich anfhelfen würde. Ist es doch mit die wenig ver- 
lockende Aussicht, als alter Oberleutnant bis zu seinem 36. Lebens- 
jahre die Anstrengung der Märsche nnd Herbstübungen zu FuTs mit- 
macben zu müssen, welche viele davon abhält, ihre Neigung znm 
Soldatenberuf bei der Infanterie zu betätigen. 

Diesen Umstand sollte eine vorsorgliche Heeresverwaltung im 
Interesse für das grofse Ganze nicht anfser Augen lassen. 

Verlangt unsere taktische Ausbildung anf Grund der 
hier dargelegten Ansichten eine Änderung? 



Digitized by Google 




1&6 



Artillerie und Infeaterie. 



leb gUabe, man könnte das Abteilnngsezenieren ') noch mehr 
etneohränken und dafür das Einschieben von Batterien in HchM 
stehende and das Bilden von Denen Befeblsverbänden häufiger üben. 
Besonders wird sich die Notwendigkeit beraossteilen, das Abflieliien- 
lassen der Protzen and das geschickte Wiederanfprotzen in dem .Dar^- 
einander“ za üben, wobei die Fahrer erzogen werden müssen, nicht 
za glanben, dals sie nor dann ihre Scboldigkeit getan haben, wenn 
ihre eigene Kanone hinten angehängt ist, sondern dals es daraof 
ankommt, dafs alle Geschütze fortgeschafft werden, gleichviel in welcher 
Reihenfolge and von wem. Aalser dem Vorscbleichen mit al^protetes 
Kanonen gegen schon stehende Artillerie, was bisher bei den Gelände- 
Obangen oft bis zarBewaistlosigkeit geübt worden ist, sehr oft ganz gleich 
ob die taktische Lage ein sehr rasches oder sehr vorsichtiges Aal- 
treten verlangte, sollte man jetzt das Vorgehen aof weitere Ent- 
femangen in scheinbar ebenem Gelände gegen Infanterie innerhalb 
ihres Feaerbereichs üben, ln gleicher Weise gebe man auch den 
Führern einzelner Geschütze den Auftrag, ihre Kanone — ant 
welchem Wege and in welcher Art mnls ihnen überlassen bleiben 
— an eine bestimmte Stelle gegen Infanterie gedeckt binzabringen, 
von wo sie gegen diese wirken sollen. Von einzelnen Gespannen 
(Manitionswagen) verlange man dann mit ihren Fahrzeugen in gröfst- 
mögliche Nähe des abgeprotzten Geschützes za gelangen, ohne eben- 
falls die Deckang anfgegeben za haben. 

So arbeite man dareb Hineintragen der Selbständigkeit bis in 
die kleinsten Einheiten daran, der Unselbständigkeit, dem sabalternen 
Empfinden entgegenzatreten, das keine Entsehlüsse liebt. In den 
langen Kolonnen, in denen der einzelne nicht weils, was vorne 
vorgebt, stumpft sich dessen Denken und sein Interesse ab. 

Macht das Wesen der neuen Waffe eine Änderang der 
Feaerleitang einmal in gröfseren Verbänden and dann in 
der Batterie notwendig? 

Die Sehilderaog des Artilleriekamptes, wie ich ihn mir denke, 
lälst erkennen, dals sehr bald die Abteilongsfttbrer nicht mehr allein 
diejenigen Batterien nnter ihrer Leitang haben werden, die ihnen 
im Frieden anterstellt waren, sondern dals die rücksichtslose Ans- 
natznng des Kaaroes (Emsebieben) dazn führen wird, dals anstatt 
scharf getrennter Batterien, Groppen von Geschützen nnter einzelnen 
Führern sich heraasbilden werden, deren verschiedene Stärke von 

I] Dor bei der Eaiserparade vorgefOhrte Parademarsch in Abteilangs- 
front, sog. ruasisober Parademarsch, findet sich nicht ira Reglement FrttW 
stand er darin. 



Digilized by Google 




AiüUeiie imd Infuiterie. 



167 



dem Einfinls der OrtUobkeit abbäogt. So z. B. kann nebra einer 
Groppe Ton acht Gescbtttzen an! einem ttbeieiebtlichen Ackerfeide 
sieh eine Groppe von vier Geschützen finden, die in einer niederen 
Kielenuehonnng Anistellnng nehmen rnnfste. Dem dort befehlenden 
Fttbrer ist es nur möglich, diese rier Gesebtttze zn Obersehen. 

Ähnliche Verhältnisse mttssen sich bei dem Begleiten des 
Inianterieangriffes heransbilden. Die Verloste an Pferden werden 
dazu führen, dafs von mehreren vorgescbickten Batterien nnr ein- 
zelne Geschütze in der Lage sind, sich in einer weiter vorwärts 
liegenden Stellung zn vereinen. Auch hier bilden sich neue Gruppen 
(Batterien) nnd ans diesen Abteilungen heraus. 

Wenn wir mit aller Rücksichtslosigkeit geg^n uns selbst und 
unser Material die Infanterie auf ihrem schweren Wege zn nnter- 
sttttzen soeben, so werden solche Verhältnisse nicht ansbleiben nnd 
nnr, wenn wir geübt sind, solch scheinbare Unordnung durch die 
Gewohnheit zn beherrschen, werden wir, anch den schwierigsten 
Lagen gegenüber, Herr bleiben. Dieses Dnrcbeinander zn üben, 
sollte der Zweck der herbstlichen Geländeübungen sein nnd ähnlich, 
wie man Kavalleriedivisionen vereint, um die Friktionen der Be- 
fehlslübrnng kennen zn lernen, die dann besonders störend sind, 
wenn es gilt einen raschen Entscblnfs in eine rasche Tat nmznsetzen, 
so sollte man auch jährlich einmal grölsere Artilleriemassen unter 
einem höheren TmppenfUhrer zn dem Zwecke znsammenziehen, nra 
die Nengliedemng gröfserer Befehlsverbältnisse, so wie sie das 
moderne Gefecht nötig macht, in praxi zn Oben. 

Anf die BefeblsUbertragnng der gröfseren Artillerieverbände 
unter sidi, ein sehr wichtiges Kapitel, möchte ich hier nicht weiter 
eingeheo, möchte nnr die Frage anregen, ob unter den Verhältnissen, 
wie ich mir den Werdegang der Artilleriekämpfe vorstelle, eine 
telephonische BeieblsUbertragong die Vorteile bringen würde, welche 
man nach den japanischen Eriabrnngen derselben znbilligt Ich 
glaube, im Gegensatz zn den ostasiatischen Lehren, werden die 
Znknnftsscblaobten im europäischen Westen eine viel raschere 
Folge der Kampfhandlnng zeigen nnd gegenüber den steilnogsartigen 
Kämpfen des asiatischen Kriegsscbaoplatzes das Moment der Be- 
wegung anch in den Gefechten selbst mehr hervortreten. Wenn 
das Telephon nnr im Stellungskriege möglich, wenn das Schrapnell 
den Meldereiter verbietet, so wird wohl kaum etwas anderes übrig 
bleiben, als wichtige Anordnungen durch Stopfen des Feners (Pfeife), 
daroh Weitergabe (Lautsprecher) die OescbOtzschtttzenlinie entlang 
rnfen zn lassen nnd die Anfträge fOr die Batterien vor der Fener- 
eröffianng zn geben (Winkerflagge). 



Digitized by Google 




158 



Artillerie und Infanterie. 



Auf die starke Einwirkong, die man sich bis jetzt von den 
AbteilnngsfUbrem verspricht, die selbst das Scbiefsverfahren der 
einzelnen Batterien kontrollieren sollen, wird man im Kriege kaum 
rechnen können. Schon die Beachtung der taktischen Verhäftnisse 
and des wichtigen Nachschnbes von hinten an Mnnitions- and Mann- 
schaftsbedarf wird ihn davon abhalten. 

Es fragt sich nan, ob die Fenerleitang in der Batterie 
den geänderten Verhältnissen entsprechend geändert 
werden mals? 

Wenn ich weils, dals das Gefecht, die Bedienung meiner Ge- 
schütze verbältnismälsig schont, dagegen die Organe der Batterie, 
vor allem die Zagftthrer fortrafft, so ist es soldatisch falsch, die 
Fenerzacht anf die Existenz dieser Organe zn gründen. Es ist dann 
falsch, einmal die Zugführer als Nachkommandiemngsmaschine für 
die Worte des Führers aufzustellen, die sorgfältig nacheinander die 
Befehle nachbeten sollen, als auch, dafs auf deren Kommando die 
Geschütze abgefenert werden sollen. Sie sollen die Tätigkeit ihrer 
Züge überwachen und in dem Falle — ganz selbstverständlicber- 
weise — die Befehle wiederholen, wenn er entweder von der Be- 
dienung gar nicht verstanden oder wenn er falsch von dem nächsten 
Geschütz weiter gerufen wird. 

Wie miislich diese allzu enge Spannung, wie empfindlich dieses 
Zngfübrersystem war und noch ist, gebt aus folgendem Beispiel 
hervor: 

Ich erinnere mich, dafs bei starkem Frost einst eine Batterie 
vorgehende Schutzen beschiel'sen sollte. Als der Batterieftthrer beob- 
achtete, dafs das Ziel in den Wirkungsbereich seiner Schrapnells 
hineintrat, wollte er die Feuergeschwindigkeit dnrch die Einwirkung 
der Zugführer steigern (kürzere Feuerpausen). 

Nun hatten die Herren der grolsen Kälte wegen, Ohrenklappen 
angelegt und hörten infolgedessen schlecht. Dieser Umstand genügte, 
dafs trotz einer durchdringenden Kommandostimme, Uber die der 
BatteriefUhrer verfügte, das ganze Schiefsverfahren zn Fall kam. 
Wäre es dem BatteriefUhrer nicht gelangen, durch lebhafte Gesten 
und Einwirkung auf die Geschützführer, den Zugführern das Feuer 
ans der Hand zu nehmen und auf die Geschütze zu übertragen — 
die Schutzen lebten heute noch. 

Wir können hier von dem jüngsten Kinde auf dem militilrischen 
Gebiet lernen: von der Maschinengewehrabteilang. 

Bei ihr hat kein zunftmäfsiger Artillerismns die soldatische Elnt- 
wickelung des jungen Lebewesens gehemmt. Es ist eine Freude, 
zu sehen, welch praktischer Geist deren Vorschriften dnrchdiingt. 



Digitized by Google 



Artillerie nod Infanterie. 



159 



Zwar kommandieren aacb hier die Zagftthrer die Kommandos 
nach (was sie nur im Bedarfsfälle tnn sollten), aber das einzelne 
Gewehr ist nach der Art seiner Tätigkeit von weiteren Kommandos 
des Zngftlbrers anabbängig and was mir vor allem bei dieser Vor- 
scbrift gefällt, ist: dals bei jedem Gewehr ein Mann bestimmt ist, 
der mit dem Ange die Verbindung mit dem Führer der Tmppe 
(ancb mit dem ZogiUbrer, vornehmlich aber mit dem ersteren) zu 
soeben und aufrecht erhalten soll. Somit garantiert also eine sorg- 
fältige Erziehung, dals ancb die Verbindung zwischen Gewehr und 
Führer (Geschütz) selbst in schwierigen Momenten nicht abreiist, 
gleichgültig, ob der Feind den Zugführer noch hat leben lassen, 
oder ob die Kälte das Ohr zu verstopfen anriet. 

Bei der Mascbinengewehrabteilnng ermittelt der Führer unter 
Unterstützung des Entfernungsmessers mit einem Gewehr die 
Tagesentfemung. Alsdann übernehmen die übrigen Gewehre die 
gewonnenen Werte, wobei den einzelnen Waffen, der Verbrauch an 
Munition vorgeschrieben oder freigegeben wird. Obgleich der 
Mangel an Schiefsbedarf gerade bei dieser Waffe so schnell eintreten 
kann, gibt man den Gewehren die hohe Selbständigkeit. Dem Mifs- 
braneb dieser Freiheit begegnet die Erziehung und die Möglichkeit, 
durch die erwähnte Augenverbindung, durch ein einziges Zeichen, 
das Feuer zum Stopfen zu bringen. 

Der beobachtende Mann am Gewehr berührt den Schützen, der 
da feuert und sagt ihm damit: „Halt!“ Was bei den Maschinen- 
gewehren möglich ist, sollte auch bei ans möglich sein. 

Das einzelne Geschütz läfst sich infolge der RobrrUcklanfein- 
richtung so anlserordentlich schnell laden und wieder richten, dals 
man im Gegensatz zu früher mit einem Geschütz, und wenn man 
den Brennzünder wählen will, doch sicherlich mit zweien, die gut 
ein Einzelner zu beherrschen in der Lage ist, aaskommen kann, 
um alle Flngbahnelemente zu gewinnen, die die übrigen Geschütze 
nötig haben, um das Feuer im Auftragsverfahren (nicht Kommando 
der Zugführer) aufznnehmen. Man gebe den Geschützen ancb nicht 
den Auftrag in der Form z. B. „2800 ein, zwei oder drei Schuls“, 
sondern, wenn man z. B. streuen soll, in der Weise, „auf den Ent- 
fernungen 2800, 2850, 2900 feuern.“ Es ist nunmehr Sache der 
Erziehung, dafs die Geschütze unter Überwachung der Zugführer, die 
nor nachkommandieren, wenn es der Fall erfordert, neben ihren 
sonstigen Verrichtungen (Überwachung der Fenerverteilnng nsw.) 
auch darauf achten, ob die, durch die Erziehung bineingetragene, 
Feuergeschwindigkeit dem Gefechtszweck entspricht. 

Der Batteriefübrer hat es in der Hand, durch einen besonderen 



Digitized by Google 




160 



AjtiUerie nnd Infanterie. 



Befehl die Feaergesohwindigkeit za mindern oder za steigern: 
„Bnbiger feuern“, „lebhafter feaem“ oder .Haaalt!“ 

Dieses System hat allerdings einen grofsen Nachteil. Scbiels- 
listen lassen sich mit demselben schlecht anfstellen and sie scheinen 
jetzt noch der Hanptzweck unserer Feldartilleriesobielsen ond sind 
die Ursache unserer KUckständigkeit. Das lebendige Tan eines 
verständigen Menschen unter aalseroi-dentlicb verschiedenen Ver- 
hältnissen läCst sich gar nicht in ein Schema zwingen. Beurteilt man 
nach einem solchen dessen Handeln, das oft in schreiendem Gegen- 
satz zu der glatten Liste stand, so tut man im Vergleich ihm oder 
anderen unrecht und öfinet der Unredlichkeit TUr und Tor; sie sind 
ein Schaden fUr die Waffe in soldatischer und moralischer Hinsicht. 
Die notwendige Statistik Uber das Verhalten der Zünder liefse sich 
auch auf andere Weise gewinnen, als durch die schiefsende Trappe 
selbst. 

Sind dann die Mannschaften in dem Sinne vorgebildet, wie sie 
der § 2Ö2 der Vorschrift des Exerzierreglements für Maschinengewebr- 
abteiluogen aasspricht: „Auch wenn im Laufe des Gefechts ein 
grofser Teil der Führer kampfunfähig geworden ist, roufs letztere 
— die Feuerzucht — aufrecht erhalten werden. Bei einer gut aus- 
gebildeten Trappe bietet die Überlegung des einzelnen Mannes und 
das Beispiel umsichtiger und beherzter Leute die Gewähr, dafs das 
Gefecht dem, in gleich schwieriger Lage befindlichen Gegner gegen- 
über erfolgreich weiter geführt wird“ — so vermag das gegnerische 
Feuer eine Batterie nicht zum Schweigen zu bringen. Die Leute 
setzen das Feuer sacbgemäls fort, auch wenn die Zugführer fehlen. 

Nur in Aasnahmefällen, wenn kein gegnerisches Feuer zu er- 
warten ist, und niemals znm Einscbiefsen, wende man das Flügel- 
feuer an. Das gebürt dem Jahrhundert an, in dem die Geschütze 
so langsam geladen und gerichtet wurden, dafs erst bei einer Batterie 
von 6 — 8 Geschützen der Führer der Scbielsmaschine (Batterie) 
darauf rechnen konnte, jederzeit ein „bereites“ Kohr zu seiner Ver- 
fügung zu haben. Das ist überlebt! Der wesentliche Vorteil des 
scbnellfertigen RohrrücklaufgescbUtzes liegt darin, dafs es dem 
Führer gestattet, mit einem einzigen Geschütz, bei dem er sich selbt 
autbalten kann, bei dem also Irrtümer über das Ziel, Verwecb- 
selungen durch seine eigene Kontrolle vermieden werden können, 
die Flagbahnelemente festznlegen. Wenn er hierbei das bisherige 
Oabelverfahren verläfst und dagegen sich von vom heranschiefst, 
damit er immer die einschlagenden Schüsse als seine 
eigenen erkennen kann, was bei dem Einschlagen verschiedener, 
hinter dem Ziel auftrefifender Geschosse selten möglich ist, so kann 



Digitized by Google 



Artillerie and Infanterie. 



161 



er aat diese Weise die BntferDQDg ermitteln, snch wenn er mitten 
in einer grOfseren fenemden Artillerielinie stebt. Schon im Frieden 
flnttem beim Besehiefsen nebeneinander liegender Ziele hie nnd da 
Sebttsae der einzelnen Batterien dnrcheinander. Das wird im Emst 
lalle, in den ersten Schlachten, mit den, ror kurzem znr Fahne ein- 
bernfenen, Mannschaften erst recht der Fall sein. Anch wird im 
Verhältnis znr Gesamtzahl die Zahl der BatteriefUbrer sinken, welche 
durch häufiges Scbiefsen gelernt haben, in schwierigen Fällen ihre 
Schüsse instinktiv als die ihrigen heransznfUhlen. 

Anf die, in dieser Richtung zu erwartende geringere Leistungs- 
fähigkeit im Kriege baue man das Scbiefsverfabren anf, welches 
vielleicht etwas mehr Zeit erfordern darf, dagegen auch dem Unge- 
übteren gestattet, mit Sicherheit seine Schüsse als die seinen anzn- 
sprecben. Das jetzige Gabel verfahren (Halbieren der Entfernnngs- 
unterscbiede) ist artilleristisch vortrefflich! Es gelingt mit Sicherheit, 
wenn die schieisende Batterie allein, oder doch nur eine geringere 
Anzahl Batterien nebeneinander in derselben Richtung fenem. Man 
bedenke, 144 Geschütze ohne die schwere Artillerie des Feldheeres, 
die auch eingesetzt werden kann, arbeiten in dem Raum, der für 
ein Armeekorps verfügbar ist. Der Raum ist nicht grols, wenn die 
einzelnen Korps im Rahmen einer Armee fechten und das wird die 
Regel sein. 

Da gibt es noch Ricbtfläcbenenthnsiasten,- die da glauben, bei 
der Masse von Geschützen nnd infolgedessen von überall zer- 
springenden Geschossen, könne man in der Schlacht ans tiefen, ver- 
steckten Stellungen mit der Ricbtfläche arbeiten. Wabrscbeinlich 
haben diese „Glänbigen“ das Mittel entdeckt, die Rauchwolken 
ihrer Schüsse nach Belieben bunt färben zu können, am in der Lage 
zn sein, sie unter allen Umständen als eigene heransznfinden. Die 
Riebtfläcbe bietet ein trefliicbes Mittel, wenig markante Ziele dnrch 
das Anschneiden eines dentlichen Hilfsziels in der Seitenrichtnng 
festznbalten. das wird sich oft empfehlen; ihre andere Anwendnng 
ist anf die Fälle beschränkt, wo nnr wenige Batterien anftreten. 
(Siehe Bemerkung, den ostasiatischen Feldzng betreffend.) 

Die schwere Artillerie des Feldheers ist darin besser daran, 
solange sie noch nicht sehr zahlreich ist; deren Geschofseinschläge 
sind mit denen der Feldartillerie nicht zn verwechseln. 

Das Heranschiefsen nimmt anch den anfmerkenden Geschützen 
jeden Zweifel über das zu bescbiefsende Ziel. Bei Zielwechsel 
können die Geschütze solange auf dem alten Ziel belassen werden. 
Mb durch ein Geschütz gegen das neue Ziel die Entfemnng er- 
mittelt ist. 



Digitized by Google 




162 



Artillerie and Infanterie. 



Durch die vorgescblageue Feuencucht wird eine hohe Selb- 
stäDdigkeit in die einzelnen Geschütze getragen. Eine nach diesem 
Grundsätze erzogene Artillerie ist nur dann von dem Gegner znm 
Schweigen zu bringen, wenn es ihm gelingt, die grolse Mehrzahl 
der Geschütze selbst anlser Gefecht zu setzen. 

Ich halte dies für so anfserordentlich schwer, dals ich nicht 
glaube, dal's die Gefechtsleitnug mit dieser Wahrscheinlichkeit rechnen 
darf. Die Elastizitätsgrenze der Waffe wird auf solche Weise hin- 
ansgertlckt: Treten Verluste an Zugführern ein, so machen sie sich 
nicht in dem empiindlichen Mafse geltend, als bisher; treten Verluste 
an Führern ein, so kann eine gröfsere Anzahl von Geschützen zu 
einer Gruppe (Batterie) znsammengefafst werden, so lange als noch 
in der Feuerleitnng ausgebildete Organe, Offiziere, vorhanden sind, 
einzelne Batterien verschiedener Abteilungen sind erzogen rasch unter 
fremder FUbrnng sich znrecht zn finden. Das Einschieben in schon 
stehende Batterien, das Anseinanderreifsen und Wiederzusammen- 
fügen verschiedener Verbände, vollzieht sich ohne gefährliche Reibung. 

Znm Scblufs noch die Frage: Ist die Ergänzung unseres 

Mannschaftsstandes, ist die Ausbildung unserer Leute der- 
art, dafs sie diese universelle Verwendung der Waffe 
e rlaubtV 

Die. .Ausbildung bei den Maschinengewehren verlangt nach dem 
§ 78: „Jeder Schütze ist in sämtlichen Verrichtungen der Bedienung 
des Maschinengewehres ansznbilden. Die befähigteren Schützen 
müssen den Gewebrführer vertreten können!“ Der § 122 sagt: 
„Zug- und Gewebrführer müssen znm selbständigen Handeln im 
Rahmen des Gefeebtsauftrages erzogen werden.“ 

Das Scbielsen mit den Maschinengewehren ist eine Kunstfer- 
tigkeit, dagegen vollzieht sich das Richten des Geschützes — [warum 
man nicht auch „Zielen“ sagt, wie bei der Infanterie und von dem 
Visier schlechtweg spricht, anstatt vom Aufsatz, der doch nicht mehr 
aufgesetzt wird, ist mir unerfindlich; man beseitige doch derartige 
Unterschiede, die lediglich das gegenseitige Verständnis erschweren, 
sonst aber keinen Zweck haben] — ohne die besondere Schwierigkeit, 
fortgesetzt zielen zn müssen, während die Waffe feuert. Die Ver- 
richtungen sind von allen Mannschaften zn lernen, sofern ihre geistige 
Begabung nicht unter dem Normalen liegt. 

Die Maschinengewehre können auf Infanterieentlemnng durch- 
schnittlich 250 Projektile in 1 Minute gegen den Feind schleudern; 
das Artilleriegeschols enthält in einem einzigen Schrapnell erheblich 
mehr Kugeln; das Geschütz vermag in einer Minute mehrere der- 
artiger Schrapnells dem Gegner binznschicken. Das Gewehr genieist 



Digitized by Google 




Artillerie und Infanterie. 



163 



keinen Schatz gegen Infanterielener (deswegen ist es falsch, Ge- 
wehre za massieren and dem Gegner die Chance za bieten, mit der- 
selben Gescholsgarbe mehrere solcher Gewehre aalser Gefecht zn 
setzen), es ist in seiner Wirknng Tom Entfemangsschätzen und von 
dem, in der Erregnng des Gefechtes nicht immer leichten Beob- 
achten der einzelnen kleinen Gescholseinschläge abhängig. Die 
grofse Rauchwolke des Schrapnells drängt sich, besonders auf den 
nahen Entfernnngen, aach dem blöden Auge auf. Sie verdeckt ent- 
weder das Ziel oder läfst es dentlicher aat dem weifsen Ranch 
erscheinen. 

ln dieser Waffe wohnt — solange die Schatzschilde noch nicht 
anf weiten Entfernnngen von den Infanteriegescbossen darcbschlagen 
werden können — eine solche schwer zn brechende Feuerkraft, dafs 
dieselbe bei rücksichtsloser, offensiver Verwendung eine ebenso ent- 
scheidende Rolle spielen könnte, als die napoleonischeu Batterien 
es vermochten, welche anf nächste Entfernnngen heraneilend, den 
letzten Widerstand des Gegners niederkartätschten. 

Diese Waffe erhält einen Ersatz bei dem sich neben einzelnen 
recht brauchbaren Leuten recht viel Minderwertiges findet, deren 
Qualität oft darin beruht, dafs sie wegen Fufsfebler nicht Infanteristeu 
werden konnten, während die Mascbinengewehrabteilungen aus- 
gewählte Leute erhalten. 

Soll die Feldartillerie im Rahmen des Gefechtes wieder die Be- 
deutung gewinnnn, welche ihr zukommt und welche die offensive 
Verwendung derselben als Folge des Schntzschildes notwendig macht, 
so gebe man ihr einen solchen Ersatz, dafs das einzelne Geschütz 
die geforderte Selbständigkeit durch sorgfältige Erziehung auch tat- 
sächlich erreichen kann. 

Sämtliche Kanoniere müssen eine Ausbildung erhalten, ähnlich 
der der Richtkanoniere. Die Möglichkeit des Einscbiefsens mit 
einem Geschütz enthebt uns zagnnsten dieses Verlangens der An- 
forderung, dafs ein jeder Richtkanonier ganz genau (höchster Unter- 
schied ’/k) fler andere richtet. Sind die Flugbabnelemente 
dnrcb ein Geschütz erreicht, und die gleiche Basis auf die anderen 
(Libelle) übertragen, so gehen die Unterschiede zwischen dem Richten 
der einzelnen Geschütze in dem groben ^Strenverfabren unter. Bei 
der Infanterie wird jeder einzelne Mann zum „Richtkanonier“ seines 
Gewehrs aasgebildet and mnls dazu noch lernen, nachher die gate 
Richtang nicht durch das Mucken zu verderben. Die Kanone 
„mnckt“ nicht! 

Die hohe Ziffer der von der Infanterie erreichten Darchschnitts- 



Digitized by Google 




164 



Aitillarie and Infanterie. 



l«iBtoiig gibt ein Beweis dafttr, was bei saobgemäiser Anleitong ge- 
leistet werden kann. 

Wenn zn dieser Erziehong die bei der Tmppe Torhandenen 
ireschOtze für die Frttbjabrsmonate nicht ansreiohen sollten (und das 
ist, wenn man für diesen Zweck nicht den ganzen Tag ansnntzen 
will and kann, wahrscheinlich), so gebe man der Artillerie das 
Material der Reserveformationen zn Exerzierzwecken and nehme da- 
für die Abnntznngskosten derselben gerne in den Kanf. Eine 
Batterie mnfs in bestimmten Ansbildnngsperioden die Möglichkeit 
haben, Uber mehr als 6 Geschütze verfügen zn können, damit neben- 
einander eine gröfsere Anzahl von MannschaRen lortgebildet werden 
kann und dnrch gröbere Selbständigkeit der ansbildenden Offiziere, 
die nicht blob als Zngfllbrer bernrnscbreien. die Scbaffensfrende be- 
lebt wird. 

Erhält dann noch die Infanterie bei der Anwesenheit anf einem 
>icbiefsplatz einmal die Gelegenheit, Geschütze vorzubringen und 
Geschosse ans den Mnnitionsgelassen an die Stücke zn tragen (wo- 
bei es nichts schaden wird, wenn die Intelligentesten mal knrz 
nnterwiesen werden, wie man das Geschütz ladet, abfenert und wie 
man „zielt“, d. h. das Vbier stellt, so dab diese Waffe in der Lage 
ist, nützliche Hilfedienste im Gefechte zn leisten, wenn die lange 
Dauer des Ringens den gröbten Teil der Bediennng verbraucht 
haben sollte) so kann man annebmen, dafe eine so vorgebildete 
Artillerie allen Wecbselfällen des Gefechtes sich soweit gewachsen 
zeigen wird, als menschliches Durchdenken der Verhältnisse des 
Kampfes eine Waffe für ihre Arbeit vorbereiten kann. 

Welch bessere Unterstützung hätten die Infanteristen bei der 
Batterie in der SL Hubert-Schlucht leisten können, wenn ihnen, die 
sich aufopferungsvoll abmUhten, ihren Kameraden von der Artillerie 
zn helfen, der Frieden eine geringe Vorbildung gegeben hätte! Im 
Lärm der Schlacht läfst sich schlecht so etwas nacbbolen. Die 
Franzosen bilden ihre Bataillone systematisch in dem artilleristischen 
Hilfsdienst aus. Die Notwendigkeit hierzu hat sie der Krieg 1870 
gelehrt. Leider lernt man nur durch seine eignen Erfahrungen. 

Wir leben angenblicklich im tiefsten Frieden. Erscheinungen, 
wie die Marokkokonferenz weisen darauf hin, dab unter der glatten 
Oberfläche Kräfte in Bewegung sind, welche nach einer neuen Ge- 
staltung drängen. Die in allen Tonarten wiederholte Friedens- 
liebe ist das schlechteste Mittel einem sich stark fühlenden Gegner 
(oder Gegnern) gegenüber einen achtungsvollen Frieden zn bewahren. 
Es ist nicht nnwahrscbeinlich, dafe noch in einer Zeit, die wir jetxt 
Lebenden erleben werden, der Werd^ng der Geschichte fragen 



Digitized by Google 




ArtUlerie und Infanterie. 



1Ö5 



wird, ob das Gesoode in anserer Volkbeit imstande ist ira Rinjfen 
mit kräftigen Gegnern nns die Stellnng nnter den Völkern zn erhalten 
welche unser nationales nnd wirtschaftliches Leben zur Vorans- 
setznng bat and die politisch zn bewahren in letzter Zeit nur schwer 
gelingen wollte. 

Die Siege des 70 er Feldzoges waren einer Armee za danken, 
wie wir sie in solcher Gute voraassiohtliob nicht wieder ins Feld 
stellen werden. Eine zielbewalste Politik hatte es verstanden, 
den fnror teatonicas für diesen nicht za vermeidenden Waffen- 
gang za entflammen. Rein innerer Widerstand, als Folge vater- 
landsloser Verhetzang, hemmte die volle Hingabe des einzelnen 
an die Arbeit des Krieges. Das ganze Heer belebte ein hohes Ver- 
tränen zu bewährten Ftlbrem and zam eigenen Können. Die Ver- 
antwortnngsfrendigkeit im Offizierskorps, das Ergebnis der Endehang 
Wilhelms I. war grob nnd selbst die Offiziere des Bearianbten- 
standes hatten zam groben Teil im 66 er Kriege ebe Schale dorch- 
gemacbt, die bre Lebbngen im französischen Feidznge höher be- 
werten läbt, als wir hoffen dürfen, in künftigen Kämpfen von diesen 
Helfern, trotz aller ihrer Hingabe, za erwarten. Dennoch leugnet 
es niemand: Ohne die Überlegenheit anserer Artillerie wären 
dem tapferen Gegner die Siege nicht in der Form ab- 
zaringen gewesen, wie ans dies gelangen ist. Das liegt 
nunmehr 3ö Jahre bbter ans. Die Lebbngen der Artillerie ge- 
hören der Gescbicbte an. Viel spricht man nicht mehr von ihnen. 
Selbst die Denkmalsneignng ist ziemlich still an ihr vorttber- 
gegangen. Noch ist es nicht Stil bei ans, dab unsere Fürsten und 
Prinzen all zn häufig die Abzeichen dieser Waffe tragen, noch weniger 
bt es Gepflogenheit emes der alten, in Scblaohten bewährten Artillerie- 
regimenter einem ansländbcben Herrscher anzabieten, am durch 
Übernahme der Chefwürde diesen and die Waffe za ehren. 

Vielleicht wird sich auch das nach dem nächsten Kriege ändern 1 

Die verkürzte Dienstzeit, verbanden mit der Einwirkung des 
langen Friedens und dem Hervortreten der nivellierenden Be- 
strebangen, welche der Autorität nicht förderlich sbd — ältere 
Jahrgänge — , dazu der lange Weg, den infolge der gesteigerten 
Schobweiten der Sieger zarücklegen mab, bb seb Fab die Eb- 
brachsstelle erreicht, während auf der gefährdeten Strecke stärkere 
seelische Eindrücke za überwbden sbd, hervorgemfen durch die 
Leere des Kampffeldes and durch die Möglichkeit, der technisch ver- 
voUkommneten Waffen, die Verloste der Zeit nach zosammen- 
zndrängen and dadurch ihre aaflösende Wirkung zn erhöhen 
dazu noch der Rückgang an aktiven Offizieren, — alle diese 
fOr 4it 4«iät«e^ Arm— mbi lUriM. K». 4E&. 12 



Digitized by Google 




166 



AitiUetie und InUnttrie. 



EinBttsse tnttssen sich aaf dem Gefechtsielde der Zakanfs angtlDstig 
bemerkbar machen. 

Wenn es im Jahre 1870 die Bewafinnng war, welche wünschen 
liels, dals das nnterlegene Gewehr durch ein überlegenes Geschütz 
ansgegliohen wurde, so sind es heute Gründe, welche auf die 
Psyche der Trnppe von Einwirkung sind, die behaupten lassen, 
dals unsere Infanterie in den kommenden Schlachten eine solche 
Hingabe seitens der ergänzenden Waffe verlangt, dals sie sich 
der gegnerischen Artillerie ebenso überlegen zeige, wie es die über- 
legene Leistungsfähigkeit des deutschen Geschützes gegenüber dem 
französischen war. 

Solches ist ohne Zweifel heute schwerer zu leisten! Nur die 
Phantasie die bestrebt ist, sich ununterbrochen die Wechselbeziehung 
zwischen Technik und Psyche in ihrer Einwirkung auf die Gestaltung der 
Schlacht Torznstellen, wird die Wege erkennen lassen, auf denen 
die Feldartillerie sich ihren grolsen Anteil an dem Siege sichert, 
indem sie der Hanptwafie den Weg bahnt: „Vorwärts auf den 
Feind!“ 

Nur wer die Kampiform und die Art, die Waffe zu führen 
schon im Frieden den Verhältnissen anpafst, die sich in der Schlacht 
von selbst entwickeln werden, kann auf die höchste Leistung der 
Waffe schon bei den ersten taktischen Begegnungen rechnen. 

Welche Bedeutung gerade diese ersten entscheidenden Kämpfe 
für den Werdegang des Krieges haben und haben werden, bat der 
Krieg 1870 gelehrt. 

Ich glaube aber, dafs die neue Waffe auch neue Männer braucht. 



Digitized by 




NoehmaU ,Zar Verbtitong von SoldatenmUBbandlungen*. 



167 



IX. 

Nochmals „Zar Verhütung von Soldatemnifshandlongen“. 

Von 

Major a. D. Fritsch. 



Obgleich zn vorstehendem Thema in diesen Blättern schon 
im Febmarbeft und im Dezemberheft geschrieben worden ist, 
berühre ich diesen Gegenstand doch noch einmal, weil er erstens 
alle einsichtigen Soldaten interessiert and weil ich zweitens glaube, 
aaf Gmnd meiner Erfabrongen noch etwas Wesentliches znr Sache 
sagen za könnea. 

Gewissen Bestrebungen gegenüber ist jedoch wohl zunächst 
festzustellen, dals sich die Verhältnisse dank der von allen Seiten 
aufgewendeten Energie unendlich gebessert haben. Wie kommt 
es aber, dals selbst bei allem guten Beispiel, bei fortgesetzter 
Kontrolle bei Tage und bei Nacht, beim Einreden auf die 
Unteroffiziere mit wahren Engelszangen nicht nur von seiten des 
Kompagniechefs, sondern bei vorkommenden Gelegenheiten auch vom 
Bataillons- und Begimentskommandenr, immer and immer wieder 
noch fortgesetzte schwere MUshandlnngen mOglich sind, die meist 
erst dnrch besondere Umstände znr Sprache gebracht werden? 
Meine Antwort lantet: ,Es ist dem Gespenst eben nicht genügend 
ins Gesicht gelenchtet worden mit dem einzig and allein dazu brauch- 
baren Liebte der Belehrung gegenüber den Mannschaften!“ 

Trotz aller Vorhaltung, Verwamnng and Kontrolle wagen doch 
immer noch einzelne Vorgesetzte solche Milshandlnngen, weil sie 
sieh zweifellos in dem Glauben befinden, die Mannschaften würden 
nicht wagen sich zn beschweren, and es würde gegebenenfalls dooh 
noch ein Auge zngedrückt werden. 

Da hilft meiner Ansicht und Erfahrnng nach eben nnr eine 
gründliche and ins weiteste gehende Belehrung der Mannschaften 
dnrch den Kompagniechef, and zwar in Gegenwart der Offiziere 
und Unteroffiziere. Darauf ist besonderes Gewicht zu legen, 
damit anf allen Seiten vollständige Klarheit besteht and aneb nicht 
der geringste Zweifel obwalten kann. 

Diese Klarheit mnls vom ersten Tage des Diensteintrittes der 
Bekmten an herrschen. Sogleich nach der Einsteilnng mnls der 
Kompagnieobef die betrefienden Abschnitte der Kriegsartikel und 
die Bescbwerdevorschrift nicht nur verlesen, nein, das genügt nicht, 
sondern er mnls mit aller seiner ihm zn Gebote stehenden Bered- 

12 * 



Digitized by Google 




10g Noehnuls .Zur ^^rfaBtong von Sold»t«nmiCih«ndliiiigen*. 

samkeit klar machen: „Die ErfOllang der Dienstpflicht ist eine 
EIhreopflicht jedes deutschen Mannes, * und „der ehrenrolle Beruf 
des Soldaten darf durch ehrenwidrige Behandlnng desselben nicht 
herabgewttrdigt werden“. Der Soldat mnls sofort erfahren, dals er 
sich selbst der Ehre begibt, wenn er sich eine ehrenwidrige Be- 
handlnng gefallen läist; dals er nicht nnr seiner selbst willen, sondern 
auch der Allgemeinheit, des Ansehens des Standes wegen jede be- 
zUglicbe Ansschreitnng eines Vorgesetzten, und zwar nicht nnr an 
sich selbst, sondern anch an anderen, znr Meldung bringen mnls. 
Der Hanptmann mnls ihm rersichem, dals er sich seines fort- 
danemden Schutzes erfreut, anch dann, wenn der Rekmt etwa eine 
solche Meldung erstattet hätte; dafs er die Mittel besitzt, ihn der 
etwaigen Rachsucht eines bestraften Vorgesetzten vQllig zu entziehen, 
dals der Weg einer Beschwerde zn ihm direkt ohne jedwedes 
Hindernis ftthrt. 

Solche ofiene väterliche Anssprache in Gegenwart aller wird 
Klarheit schaffen; jedermann, Vorgesetzte und Mannschaften, werden 
wissen, woran sie sind, ich wUfste zudem kein besseres Mittel, die der 
Tmppe zngebenden von der Sozialdemokratie verhetzten Leute so- 
gleich eines Besseren zn belehren. Anch Vertrauen wird dadurch 
geschaffen werden von Anfang an. Der Kompagniechef sei der 
erste, der in dem empfltnglichen Gemttt des Rekmten einen bleibenden 
Eindruck binteriälst, nicht der nach anlsen hin eifrige Korporaischafts- 
ftthrer, der vielleicht trotz aller Vorsichtsmafsregeln zn Ausschreitungen 
neigt Welcher Unteroffizier wird es dann wagen, einem so mit 
Vertrauen zn seinem Hanptmann ausgerüsteten Manne zn sagen: 
„Du darfst nicht melden, wenn ich dich schlage,“ wie dies einmal 
vorgekommen ist. Wo, so mnfs man sich doch immer bei dem Vor- 
kommen fortgesetzter Mifsbandinngen fragen, war das Vertrauen des 
Mannes, der ganzen Mannschaft geblieben? Galt ihnen der Unter- 
offizier nicht mehr wie der Hanptmann? 

Aber wie die Rekruten schon wissen mtlssen. dals niemand sie 
ungestraft anrtlhren darf, so mnfs ihnen auch sogleich klar gemacht 
werden, dals ihre Lehrer mit besonderer Sorgfalt ansgewählt dals 
sie von dem besten Willen beseelt sind und einen sehr schweren, 
verantwortungsvollen Stand haben; dals daher der Kompaguiecbef 
anch verpflichtet ist, das Ansehen nnd die Achtung dieser Vorgesetzten 
In ganz besonderer Weise zn schützen, besonders denjenigen Leuten 
gegenüber, die dnrch Trägheit und büsen Willen die Ausbildung 
erschweren, schon deswegen, damit diese Vorgesetzten, die keinerlm 
Strafgewalt besitzen, nicht durch Anwendung von Mifsbandinngen zur 
verbotenen Selbsthilfe schreiten. 



Digitized by Google 



Noebmals ,Znr Verhtttoog von SoIdAtenmililundlaDgen“. 109 

Den Unteroffizieren mache man zur Pflicht, alle besonderen 
Eigenschaften der Rekruten: Widerwilligkeit, Unsanberkeit, Trägheit, 
Mangel an geistiger nnd körperlicher Anlage nsw. sogleich znr 
Meldung zn bringen; gegebenenfalls gebe man stets an! Gmnd der 
eigenen Beobachtung auf ihre Meldnogen durch Erteilung von Ver- 
warnungen, Belehrung, Änsetzen von Nachhilfe bzw. Bestrafung ein, 
damit die Unteroffiziere dauernd das Gefühl der Unterstützung ihres 
Kompagniechefs in ihrem schweren Amte nnd dais Bewuistsein 
haben, dals ihr Ansehen den Mannschaften gegenüber bochgehalten 
wird. 

Ich habe bei aller Strenge nnd menschenmöglichen Gerechtigkeit 
bei solchen Vergehen der Mannschafsen, denen ich selbst auf die Spur 
kam, doch immer ohne Schaden ffir die Mannszncbt auch die menschliche 
Schwäche berücksichtigt Bei Meldungen der Unteroffiziere dagegen 
kannte ich keine Schonung, zumal bei Handlungen gegen ihr 
Ansehen. Das wnfste ein jeder. Die Mannschaften nahmen sich in 
acht, die Unteroffiziere kamen nicht wegen jeder Kleinigkeit melden. 

Wenn auf diese Weise von vornherein Klarheit in jeder 
Beziehung geschaiTen ist, Beaufsichtigung nnd Weiterbelehrnng 
in angemessener Weise erfolgen, so wird fortgesetzten scbenls- 
lichen Mifsbandlungen sicher vorgebengt die ln der Erregung be- 
gangenen immer mehr zu den Seltenheiten gehören werden. Man 
glaube nicht, dals durch dieses Verfahren das Ansehen der Vor- 
gesetzten leidet, dals man fortgesetzt Unannehmlichkeiten erlebe. 
Wo alles offen nnd rechtlich zngebt, da ist auch nichts zn fürchten, 
auch nicht das, dafs sich der Mann bei jeder Kleinigkeit beschweren 
wird, denn in der Kompagnie, deren Chef keinen Zweifel an seiner 
Stellung zn dieser Frage lälst, kommen auch solche Kleinigkeiten 
nicht vor. Es gibt ja für den Dienstbetrieb eine ganze Anzahl 
empfehlenswerter Malsregeln, wie z. B. das Nachsehen des Anzuges 
vor dem Dienst durch die KorporalschaftsfUhrer nicht auf den 
einzelnen Stuben zn gestatten — wo bekanntlich leicht „Kleinig- 
keiten“ Vorkommen — , sondern dazu auf den Korridor oder auf 
den Hof treten zn lassen; ferner beim Unterricht auf den Stuben 
die Türen zum Korridor offen zn lassen, damit der beautsichtigende 
Offizier mit Auge nnd Ohr prüfen kann nsw. nsw. Das sind aber nur 
die kleinen Hilfsmittel, die alle nichts nützen, wenn nicht jeder 
Vorgesetzte, jeder Mann von dem Geiste durchdrungen ist: .Die 
Erfüllung der Dienstpflicht ist eine Ehrenpflicht jedes deutschen 
Mannes!“ 



Digilized by Google 




170 



Zar Frage des Ansbaues der ntederländiaohen Armee. 



X. 

Zur Frage des Ausbaues und der inneren Festigung 
der niederländischen Armee. 

Die Erörtemngen über das Heereserfordernis 1907 der nieder- 
ländischen Armee haben besonders in der Zweiten Kammer ebe 
lange nicht mehr dagewesene Heftigkeit gezeigt; nur mit der grblsten 
Anstrengung hat General Staal seine Vorschläge znr Annahme ge- 
bracht, ob zum Wohle der Armee, ist eine andere Frage. Wir 
verneinen sie anf das bestimmteste. Dasselbe bat eine recht 
bemerkenswerte Minorität in der Zweiten Kammer getan und das 
Oflizierkorps der niederländischen Armee denkt, davon sind wir Uber- 
zeugt, nicht wesentlich anders, als wir. Wir kommen anf die Mafs- 
nabmen des Kriegsministers, die wir als einen schweren, kaum 
wieder gut zn machenden Fehler betrachten, weiter unten zurück. 
Hier sei zunächst anf die Schritte hingewiesen, die 1907 bezüglich 
Ausbau der Heeresgliedernng vorgesehen und bewilligt sind. 

Der Grundgedanke der Reform der Heeresgliedernng ist 
der Ausbau der 3 vorhandenen Divisionen zu 4. Planmäfsig 
sollte der Abschlnls dieser Mafsnahme 1907 erreicht werden. Nach 
den Nenaufstellnngen der Jahre 1904 und 1905 war bei der Infanterie 
die Ausgestaltung zn 12 Regimentern zn 4 Friedens- 
bataillonen schon bewirkt, auch die Bildung des Stab der 4. Division. 
Für 1907 haben wir auf dem Gebiete der Gliederung bei der 
Infanterie, abgesehen von der schwer schädigenden, unten 
allgemein näher zu belencbtenden Mafsnahme starker Vermindernng 
(bei den berittenen Truppen Fortfall) des sogenannten „bleibenden 
Teils“ der Milizen nur zn verzeichnen den Ersatz des Waffeniospekteurs 
als Generalleutnant durch einen Generalmajor, die Vermehrnng nm 
17 erste Leutnants (Folge des Befördemngsgesetzes von 1902) and 
33 zweite Leutnants | Beförderung von Kadetten bzw. Sergeant-Offizier- 
anwärtern aus dem Hauptkursus). 

Bei der Kavallerie, die aus 3 Regimentern zu 5 Eskadrons 
sich zn 4 Regimentern zn 4 Eskadrons entwickeln sollte, batte man, 
nach Neubildung einer Feideskadron (während 2 Depoteskadrons in 
Depots zur Abrichtnng junger Pferde verwandelt wurden), 1905 
schon die 16. Feideskadron vollzählig. Trotzdem kommt man auch 
1907 noch nicht zur Aafstellnng des Stabes für das neue 4. Regi- 
ment (das aber nicht die Nr. 4, sondern Nr. 1 erhält, weil das bis- 



Digitized by Google 



Zur Frage des Ansbaues der nlederilindisohen Armee. 



171 



berige Hasarenregiment bUber sohoo einmal 4. Hnsarenregiment 
hiela and mit Rtlcksioht aal die Tradition anob wieder so genannt 
werden soll), da die Kaserne für die Kavallerie in Ede noch 
nicht fertig ist. Die bisberige Gliedemng bleibt also noch, die Etats- 
erbbbnng der Waffe wird aber fortgesetzt Am 1. April 1907, 
wird das 2. Hasarendepot von Leiden nach Haarlem verlegt, wo es 
mit dem 1. Hasarendepot vereinigt, tarn Abrichten janger Pferde 
eine neae Reitbahn erhält Man erzielt damit gleiohzeitig eine 
Vereintacbnng in bezog aal Gliederang. 

ln der Entwiokelang der Feldartillerie, die, entsprechend 
der Zahl der Divisionen, von 3 aal 4 Regimenter za 6 Batterien 
and für eine za bildende selbständige Kavaileriebrigade, ein 
Korps reitender Artillerie zn 2 Batterien, kommen soll, geschieht in 
der Aafstellang des 4. Regiments 1907 ein wichtiger Schritt vor- 
wärts. Mit Beginn 1906 hatte man, da 1905 eine neae Abteilang 
za 2 Batterien beim 3. Regiment formiert worden, — das dafUr eine 
Abteilang za 3 Batterien als Stamm ftlr das nea za bildende 4. Re- 
giment abgab, — für 2 Divisionen den vollen Bestand an Artillerie, 
je 6 Batterien, für eine, die 3., ö Batterien and für die 4. Division 
nar 3 Batterien bereit. Am 1. September 1907 kommen nea zar 
Aafstellang: Stab des neaen 4. Regiments, die U. Abteilung, die 
4. Batterie sowie Trainabteilnng and Depot des Regiments. Gleich- 
zeitig tritt zam 4. Regiment als 5. die 5. Batterie Feldartillerie- 
regiments Nr. 1, die zu derselben Zeit bei ihrem Regiment durch 
eine nengebildete ersetzt wird. Stab des neuen 4. Feldartillerie- 
regiments and der II. .Abteilung erhalten als Garnison Ede, die 
Trainabteilnng Utrecht, das Depot, unter Abweicbnng vom nrsprttng- 
lichen Plan, der Haarlem vorsah, Leiden. Nach letzterem Orte ist 
am 1. September 1906 die 4. Batterie des 2. Feldartillerieregiments 
aas dem Haag verlegt worden, wo das Ermieten von Privatställen 
für Dienstpferde nnn nicht mehr nötig ist. Die Feldartillerie er- 
fährt 1907 eine Erhöhung ihres Pferdestandes um 28 Offizier-, 60 
Dienstpferde. Einer Vermehrung des Offizieretats um 1 Oberst, 
5 Haaptleate (4. Feldartillerieregiment), H4 zweite Leutnants (nea 
befördert), steht anderseits eine Verminderung darch Auflösung eines 
Sonderausschusses bzw. Einschränkung der Offiziere der technischen 
Institute der Artillerie gegenüber. Infolge der Kontingentserhöhung, 
die die Feldartillerie im Jahre 1905 mit Rücksicht auf die beab- 
sichtigten Neabildangen erfahren bat, mals vom 1. Jannar bis 
31. März 1907 mit 200 Mann mehr unter den Waffen gerechnet 
werden, als für den gleichen Zeitpunkt 1906. 

Wir berühren hier gleich auch die Organisation derLand- 



Digitized by Google 




172 Fnge des Anabsnes der niederUiidisebeii Armee. 

wehr, d» man dieser eine Anfgabe zn Übertragen gedenkt, die bis- 
her der sogenannte „bleibende Teil“ hatte, wobei es allerdings sehr 
zweifelhaft erscheinen will, ob die Landwehr diese Anfgabe zn er- 
füllen Termag. Die Fortschritte in der Gliederung scheinen nicht 
zn befriedigen, insofern die nmfassenden LandwehrUbnngen des 
Torigen Sommers, die mehrere politische Blätter, anoh Mitglieder der 
Kammer, als einen ziemlichen Milserfolg, reich an VerstOlsen gegen 
Zncbt und Ordnnng, bezeichnen. Fttr 1907 sind LandwehrUbnngen 
nicht vorgesehen. Einzelne Mitglieder der Zweiten Kammer sprachen 
fttr Abschafinng der Übnngen der Landwehren, da sie nutzlos wären, 
nnd andere hoben hervor, dals es sonderbar sei, den Kiiegs- 
minister versichern zn hören, am 1. Angnst 1907 wQrde die Organi- 
sation der Landwehr dnrchgeftthrtsein, wenn allein bei der Festnngs- 
artillerie am Sollstande 41 Hanptlente fehlten. Den vorgesehenen 
Rahmen wird die Landwehr am 1. Angnst 1907, wenn der Jahrgang 
1899 zn ihr ttbergetreten ist nnd die einzelnen Verbände damit die 
Sollstärke erhalten können, erreichen nnd dann anfweisen: 

48 Bataillone Infanterie, 

44 Kompagnien Festnngsartillerie, 

4 Kompagnien Genietruppen, 2 Kompagnien Pontoniers, 

1 Kompagnie Verwaltnngstmppen, 

4 Sanitätskompagnien. 

Im Kriegsbndget 1907, Artikel 19, Besoldung, Zulagen, Bei- 
hilfen znr Bescbafiong der ersten Uniformen fttr Landwehroffiziere 
und bei der Landwehr Dienst tuende Reserveoffiziere (das der Land- 
wehr dauernd zngeteilte Kadrepersonal bezeichnete man in der 
Zweiten Kammer als wenig zufriedenstellend) hat man damit ge- 
rechnet, dals am 1. Jnli 1907 die Gliederung der Landwehr in dem 
neuen vorbereiteten Rahmen voli dnrebgefuhrt sein werde nnd im 
ganzen daher zunächst ein Mehr von 101347 Gnlden angesetzt. 
Sämtliche Landwehrbezirkskomroandanten werden um diese Zeit als 
vorhanden betrachtet. Von den Übrigen Offizieren des Solletats 
der Landwehr in dem nenen Rahmen bat man aber angenommen, 
daCs am 1. Jnli 1907 noch die Hälfte fehlen werde nnd dafttr 
rund 50000 Gnlden abgesetzt. Bei der mobilen Armee, die nach 
DnrchfUbrnng des Wehr- bezw. Milizgesetzes rund 190000 Mann 
zählen soll, ist die Landwehr mit 50000 Mann in Rechnung gestellt, 
ln Artikel 57, Lagerübnngen und Manöver, der im ganzen 
246500 Gnlden enthält, konnten fttr Ansfall der Landwehrttbnngen 
1907 mnd 75000 Gnlden abgesetzt werden. Dagegen waren gegen- 
über 1906, wo die grolseu Manöver ansfielen, 25 000 Gnlden fttr 



Digitized by Coogle 



Zur Frage des Aiubsuee der niederliindisoheD Armee. 



173 



die 1907 wieder Torgesehenen grölseren Manöver znzo- 
■ehreiben. 

Mit dem Zeitpunkt, in welchem die Landwehr den neuen Rahmen 
füllt, kann man, wenn sie eich fttr Feldverwendnng eignet, auch 
die bei Organisation der Landwehr geplante Heranziehung der 
Leute der Landwehr zu den Feldtmppen bewirken. Nach Durch- 
führung des Heereserweiternngs- Programms wird man dann 
in den Niederlanden rechnen können — auf weitere „Wie und 
Wenn* kommen wir unten zurück — mit einer Feldarmee von 

4 aktiven Infanteriedivisionen zu je 3 Regimentern In- 
fanterie k 4 Bataillone, 2 — 4 Eskadrons (1 Ordonanzeneskadron 
auf die Stäbe verteilt), 1 Feldartillerieregiment zu 6 Batterien, 1 
leichten Monitionskolonne, 1 Pionierkompagnie (bei einigen Divisionen 
anch eine Pontonieikompagnie), 1 Sanifötskompagnie. Infanterie- 
Mnnitionskolonnen so viel, als Infanterieregimenter, in die auch die bei 
den Bataillonen eingeteilten Patronenkarren bineinrechnen, Artillerie- 
Hnnitionskolonnen so viel als Batterien (bei der Division 248 -|- 88 
= 336ScbnIs pro 7,6 cm-SchnellfeoergescbUtz). Die Trains bestehen aus 
1 Telegraphenabteilung mit 1 Zug Telegraphisten, 2 Stations-, 2 Kabel-, 
1 Telegraphen-, 1 Telephonwagen, beim Stab der Division 3 Verband- 
abteilnngen, Feldiazarettabteilnng, Verpflegungsabteilnng (51 bei der 
Mobilmachung beizutreibende Fahrzeuge), Pontonabteilung (60 m 
BrUckenlänge). Allem Anschein nach findet die Bildung einer selb- 
ständigen Kavalleriebrigade unter Beigabe der bestehenden zwei 
reitenden Batterien statt. 

4 gemischten Divisionen, bestehend ans je 3 Regimentern 
Infanterie zu 4 Bataillonen, gebildet ans den mit Reservisten 
ansgestatteten 5. und 6. Bataillonen der 3 aktiven Regimenter (jedes 
Bataillon gibt dazu einen Zug ab und stellt dafür 2 neue Kom- 
pagnien auf) und 2 von den 24 Landwehrbataillonen, die man zu 
den Feldtmppen heranziebt. Jeder dieser gemischten Divisionen 
wird wahrscheinlich eine aktive Eskadron und je eine Pionier- und 
Sanitätskompagnie, einigen anch eine Pontonierkompagnie der Land- 
wehr beigegeben. Feldartillerie scheinen sie nicht zu erhalten. 

Die beiden im Frieden bestehenden Telegraphenkompagnien 
werden verteilt; wie Uber die beiden aktiven Eisenbahnkompagnien, 
von denen die Betriebskompagnie auf Uber 800 Köpfe gebracht 
werden kann, verfügt wird, ist nicht ersichtlich. Kommt man 
nach der obigen Darstellung bei der Mobilmachung, die Feld Ver- 
wendbarkeit der Landwehren vorausgesetzt, auf 8 Divisionen, 
also auf 4 Armeekorps der Feldarmee, so muls es auffallen, 
dals man pro Armeekorps nur je 1 Feldartillerieregiment zu 



Digitized by Google 




174 Zur des Ansbsnes der niederlitndlseheo Armee. 

6 Batterien, also 36 Geschtttzeo, besitzt. Der Grnnd dafttr ist in 
der Kostspieligkeit der Wafie, aber ancb in der in den Nieder- 
landen bestehenden Ansicht zn finden, dafs man Kriege nnr ver- 
teidignngsweise fuhren nnd für DefensivkSmpfe, znmal in der 
Reichweite der befestigten Linien and hinter starken Wasserbarriören, 
mit der geringen Ansstattnng an Artillerie aaskommen werde. Dem- 
gegenüber ist darauf zu verweisen, dals in den Niederlanden Ge- 
biete (z. B. Östlich der Yssel) vorhanden sind, die nur offensiv 
verteidigt werden können, and in denen man die geringe Stärke der 
Feldartilierie, 36 Geschütze aaf 24 Bataillone, bald empfind- 
lich bemerken mUlste. 

An Besatzangstrappen bleiben bei Heranziehang der Land- 
wehr znr Feldarmee im oben angegebenen Umfange, verfügbar: 
24 Bataillone nnd 4 aktive Festongsartillerieregimenter mit 40, 
ferner 44 Landwehrfestnngsartilleriekompagnien, 4 Panzerforts- 
kompagnien, 2 Torpedo-, 2 Genie-, 1 — 2 Pontonierkompagnien und 
4 Divisionen Gendarmerie. 

Wenn wir oben die Feldverwendbarkeit der Landwehr einiger- 
niafsen angezweifelt haben, so müssen wir hier binzafügen, dats 
neue Malsnabmen des Kriegsministers es fraglich erscheinen lassen, 
ob man in Znknnft ancb den aktiven Trappen die nötige Vorbildung 
für den heutigen Kampf zaerkennen kann. Damit kommen wir aaf 
den springenden Punkt der Beratangen des Kriegsbadgets 1907 in 
der Zweiten Kammer. Fast schien es, als hätten Minorität (aber 
eine recht zahlreiche) in der Zweiten Kammer and Kriegsminister 
die Rollen getaascht, indem erstere nachdrücklich konservativ für 
die Interessen der Armee gegen den Kriegsminister eintrat, dessen 
Vorschläge anch von den drei Wafieninspektearen als verhängnisvoll 
betrachtet worden sind, da alle drei den Abschied einreichten. In 
der Zweiten Kammer hat man dem Kriegsminister klipp and klar 
gesagt, dals man sich, als man nach seiner BegrUndang des Budgets 
1906 annabm, er sei ein Mann, der mit allem Nachdruck 
die Wehrkraft des Landes fördern and nach einem bestimmt vor- 
gezeicbneten Plan arbeiten werde, arg getäuscht habe. Um dem 
Druck einzelner Parteien im Parlament auf Ersparnisse bin nachza- 
geben, schädige er die Armee anf du schwerste, fördere antimilitäriscbe 
Strömnngen und seine Schwäche habe im Heere schon ein Nach- 
lassen der Zucht zur Folge, wie der Fall in Naarden und eine Reihe 
anderer Disziplinlosigkeiten bei den Landwehrübungen bewiesen. 
In dem Heeresbudget 1907 werden gegenüber demjenigen von 1906 
— unberücksichtigt der Sonderbetrag für Beschaffung der Sohnell- 
fenergescbütze — 944 329 Gulden Ersparnis erzielt. Sie gehen 



Digitized by Google 




Znr Frage dei Ansbanes der niederländischen Armee. 175 

hervor ans Ersparnissen in Abteilnng XXIV, Festnngsbaaten, wo 
man, das Ergebnis eines Gesetzentwurfs, betreffend den beschleunigten 
Ausbau der Stellung von Amsterdam abwartend, statt 520 100 Gulden 
nur 50400 Gulden ansetzte, und mit 693608 aus der Herabsetzung 
des sogenannten bleibenden Teils und der Verkürzung 
der Wiederholnngsttbnngen der Milizen. 

Herabsetzung des „bleibenden Teils“ und Verkürzung der 
WiederholnngsUbungen sind verhängnisvolle Fehler und sie werden 
noch vergrblsert durch die Molsnahme — die übrigens den Bürger- 
meister von Amsterdam zu der Erklärung gegenüber dem Minister des 
Innern veranlalste, er könne in Zukunft die Verantwortung für Auf- 
recbterhaltung der Ruhe und Ordnung in der Stadt nicht mehr über- 
nehmen — den Milizen und Landwehrleuten ihre Dienstgewehre 
mit in die Heimat zu geben ; angeblich zur Hebung der Bereitschaft, 
in Wirklichkeit aber zum Schaden der Erhaltung der Waffen und 
Aufständischen die Mittel bietend, die Regierung mit Dienstgewehren 
zu bekämpfen. Ob General Staal nach den neuen Malsnabmeii und 
nach den Vorgängen in der Kammer noch lange auf dem Posten des 
Kriegsministers bleiben wird, ist eine Frage für sich, sicher dürfte 
aber das Rad nicht rückwärts zu drehen sein, hier ebensowenig wie 
es 8. Z. bei dem schweren Mifsgriff des Kriegsministers Elands mit 
der auf ungenügende Dauer abgekürzten Dienstzeit der Fall war. 
Wie schon bei den Forderungen des Kriegsministers für 1906, so 
ist auch diesmal an der Dauer der aktiven Dienstzeit, der ersten 
Übung, von einer grölseren Anzahl von Abgeordneten in der 
Zweiten Kammer scharfe Kritik geübt und dafür gesprochen 
worden, dals an eine Abkürzung der ersten Übnngszeit — 
wie sie unter gleichzeitiger Forderung strenger Durchführung der 
allgemeinen Dienstpflicht, Vermehrung des Rekrutenkontingents und 
damit bei stark abgekürzten ersten Übungen Anbahnung des Über- 
gangs zum Volks- (d. h. Miliz) Heer, von Parteien in der Zweiten 
Kammer verlangt wurde — nicht zu denken sei, vielmehr eine 
Verlängerung notwendig erscheine. Bei Abschaffung der 
WiederholnngsUbungen könne man '/i des Rekmtenkontingents über 
ein Jahr unter den Fahnen halten, die anderen */j. ^>ei denen 
aber die Wiederholungsübnngen bleiben würden, 8 bzw. 
4 Monate zu gleichen Teilen. Dann habe man einen gut ansge- 
bildeten Kern und eine Schöpfqnelle für die Kadres. Für die 
Heranbildung der Kadres und als fester Kern ist natur- 
gemäfs der sogenannte „bleibende Teil“ von der weittragendsten 
Bedeutung. Hier setzt nun der Kriegsminister, unter Ersparnis 
von 160000 Golden an Sold und Zulagen, zum schweren Nachteil 



Digitized by Google 




176 Proge des Ansbaoes der niederUndischea Armee. 

des Heeres den Hebei an. Bei den berittenen Trappen f&llt 
fOr 1907 der bleibende Teil der Milizen ttberhanpt fort, 
bei den anberittenen findet eine Verminderang am 3000 Mann 
des bleibenden Teils statt. Da nach Artikel 109 des Miliz- 
gesetzes darch ein Kompromlls zwischen Regierung and Volks- 
Tertretong der bleibende Teil von Milizen aaf 7500 maximal 
angesetzt wnrde — eine Yereinbarang, die also daroh den Kriegs- 
minister wohl nicht ebseitig geändert werden kann — , der bleibende 
Teil bei den berittenen Trappen aber fUr 1907 fortfällt, 
bei den anberittenen am 3900 Mann vermindert wird, so kann 
man sich leicht ausreobnen, was ttbrig bleibt. Fttr Kaval- 
lerie and Artillerie ist die Malsnahme geradezn rainbs — 
man bat in der Zweiten Kammer auch schon daraaf bingewiesen, 
dals man im Sommer 1904 bei Yerschiebang der Einsteilongszeit 
fttr die Milizen der Kavallerie in einer milislicben Lage war and die 
Pferde zam weitaus grölsten Teile aaf die Weide schicken molste, 
da man za ihrer Versorgang nicht genug Leute hatte, von einer 
genttgenden Schalung aber keine Rede sein konnte. Bei der In- 
fanterie sinkt der Bestand der in der Front pro Kompagnie vor- 
handenen Milizen von 17 aai 3 (!j Köpfe, die Weiterschnlang ist 
also auch bei ihr anmöglich. Wir brauchen nicht einmal mit 
eigner kritischer Sonde an diese Malsnabmen heranzngehen, sie haben 
in der Zweiten Kammer selbst sehr abfällige Benrteilang eine 
erfahren. 

Die Minorität verurteilt sie, weil sie 1. die Sicherstellung der 
öffentlichen Ordnung auch nar bei kleinen Unrahen aasschliefsen. 
Kavallerie, die fttr diese Zwecke besonders geeignet, habe man 
gar nicht and glaaben wollen, dafs die Milizen, die pro In- 
fanterieregiment aaf den ersten Wink hin unter die Waffen 
treten sollen and die Uber das ganze Land zerstreut sind, bei 
Unraben es mit dem Eintreffen sehr eilig haben wttrden, bezeichnete 
man in der Kammer als nmv. 2. die Schnlnng der Trappen ist 
anvollständig, nicht aasreichend fttr den Krieg, sie schädigt den Geist 
in den Trappen, bei der Kavallerie auch die freiwilligen Eintritte. 
3. es ist höchst bedenklich den Schatz der Mobilmachnng der 
Landwehr Übertragen za wollen, die dazu nicht als befähigt er- 
achtet wird, 4. sie nehmen dem Stamme der mobilen Trappen die 
Festigkeit, die gerade bei so kurze Zeit aktiv dienenden Trappen 
von gröfster Bedeatnng, ö. sie steigern die Minderwertigkeit der 
Schalung der Kadres. Wie sollen die Kadres aasgebildet werden, 
was filngt man im Winter mit den Offizieren an? waren Fragen, 
deren Beantwortung man vom Kriegsminister verlangte. 



Digitized by Googl 




Zar Frage des Aosbaoet der niederlllndUohen Armee. 177 

Wir haben der Verorteilnng der MalBnabmen durch die 
Minorität der Kammer kanm etwas binznznfUgen. Em weiterer 
Schritt zur Milizarmee ist geschehen — and dabei ist nicht ein- 
mal die Vorbedingung gründlich geschalter Kadres erfüllt. Hierzu 
kommen 1907 als weitere Ersparnisqaellen, aber auch als 
weitere Brechstangen an dem nötigen testen Gefüge des Heeres 
and dem erforderlichen Grad der Schalung 1. die Abkürzung 
der Wiederholungsübungen um 1 bis 2 Wochen für diejenigen, die 
nach Artikel 109 des Milizgesetzes von 1901 gedient haben, 2. die 
Einberufung von nur '/i Jahrgang Rekruten und zwar auch nur bei 
einem Husarenregiment. Aus den Angaben 4Über die nach Artikel 
111 und 113 des Milizgesetzes zu gewährenden Vergütungen läist 
sich die Zahl der Dienstpflichtigen erkennen, die 1907 eine erste 
bzw. eine WiederholnngsUbung machen sollen. Während der Kriegs- 
minister 1905 zu diesem Zwecke 490000 Gulden als notwendig er- 
klärte, erscheinen 1907 nur 425000, obwohl an Dienstpflichtiiceu 
für erste Übung 16400, für Wiederholungsübungen 29 613 eb- 
beordert werden, gegen 16400 bzw. 19150 im Jahre 1905, also 
rund 10 000 mehr. Dafs man trotz gröfserer Zahlen an Übenden 
mit geringeren Mitteln aaskommt, wird auf Kostender Schulung 
erreicht, durch Verringerung des bleibenden Teils und 
durch Abkürzung der Übungen. In der Kammer sind auch 
wieder Stimmen laut geworden, die ein Kopieren der Heereseinrich- 
tnngen der Schweiz — die aber eine Kriegsprobe auch noch 
nicht bestanden haben — vorschlagen. Das ist für die Nieder- 
lande weder nach Bodengestaltung und Grenzen, noch nach Charakter, 
Geist und Vorbildung der Bevölkerung empfehlenswert. Was der 
niederländischen Armee, soll sie eb brauchbares Instrument auch nur 
für den modernen Defensivkrieg bilden, nottat, ist genau das Um- 
gekehrte von dem, was General Staal für 1907 vorgeschlagen, darin 
glauben wb uns eber Ansicht mit der Mehrzahl der Offiziere des 
niederländischen Heeres, die es nicht angenehm empfinden kann, 
dafs der Kriegsminister gegenüber politischen Parteien io der Kammer 
nicht das nötige Rückgrat zeigt. 

Eine von der belgischen „Independance“ lanzierte Nachricht, 
die Japaner planten einen Angrifi auf Java, hat jüngst b den Nieder- 
landen die öffentliche Meinung aufgeregt. Wenn die niederländische 
Presse auch diese Beunruhigung mit dem Hinweis darauf, dafs 
fürs erste ebe solche Gefahr nicht drohe, bald zu dämpfen 
vermocht hat, so dürfte für kommende Zeiten die Warnung doeh 
nicht überhört werden. Der im Marinembisterium entworfene und 
bis 1923 reichende Rekonstruktionsplan für die besonders b 



Digitized by Google 




178 



Die Beattion in der ReiUnnat. 



ihren Panzern der Hauptsache nach als veraltet zu betrachtende 
Flotte wird diese Gefahr nicht abzuwenden rermbgen. Bei maximal 
3^ Millionen Jahresanfwendnng sollen 1923 vorhanden sein: 
4 Panzerschiffe von je 5000 Tons nnd 30 Torpedoboote, 4 Panzer- 
schiffe von je 7000 Tons and 9 Torpedobootsjäger. Solange die 
Niederländer sich nicht entscblielsen, grblsere, kampfkräftige 
Linienschiffe zn banen, kann von einer erhöhten Sicherung ihres 
Kolonialbesitzes gegenüber den Mächten, die nach ihm lüstern sein 
könnten, keine Kede sein. Die Anfwendnngen für die Flotte, 
wie sie bis 1923 geplant sind, bedeuten nachdem 
weggeworfenes Geld. Verständen es die Niederländer, ihr 

historisch nachweisbar nnbereohtig^es Milstranen gegen das benach- 
barte Deutschland aafzngeben, diesem die Sicherang ihres europäischen 
Gebiets zu übertragen und den gröfsten Teil der heute für das 
Heer jährlich aufzuwendenden 26500000 Gulden auf den 
beschleunigten Ansban einer modernen Kamptflotte zu 
verwenden, die Seite an Seite mit der deutschen operierte, dann 
wäre auch tür die Sicherung des Kolonialbesitzes besser vorgesorgt, 
als beute. Es steht freilich zu befürchten, dals man in den Nieder- 
landen erst durch böse Erfahrungen bereuen lernen wird, die 
Wehrkraft zu Wasser wie zu Lande dauernd zu vernachlässigen, wie 
das jetzt der Fall ist. 18. 



XI. 

Die Reaktion in der Reitkunst. 

Von 

Spohr, Oberst a. D. 

(SchlnCs.) 



Ich bin auf die Tnriner internationalen Konkurrenzen etwas ans- 
ftthrlicher eingegangen, weil sie in der Tat „international* waren, 
wie es die Teilnahme von Keltern von sechs europäischen Staaten 
beweist, und weil hier Heiter und Pferde von ganz ausnahmsweiser 
Qualität beteiligt waren, aulserdem aber, weil sie zu wertvollen 
Vergleichen verschiedener Maximen der Reitkunst aufforderten. 



Digitized by Google 



Die ReskUon in der Keitkonst. 



179 



Bei den Fraokforter Konkairensen zeigte sich mehr der all- 
gemeine nnd ansgesprocbene Typus des Keitsystems Plinzner and 
von Interoationalität, obgleich sie, wenigstens ittr die Spring- 
konknrrenzen, augestrebt wurde, kann insofern kaum die Rede sein, 
als von Ausländern nur ein norwegischer und ein schwedischer 
Offizier teilnabmen. 

Ich kann mich daher auch viel kurzer fassen und meine Be- 
merkungen auf das beschränken, was mir in bezng auf das zutage 
getretene Reitsystem bei den Konkurrenzreiten am ö. März und dem 
grolsen Reiterfest am 28. — 25. März d. Js. auffiel. 

Beide Reiten fanden in dem grofsen geschlossenen Hippodrom 
am Main statt. 

Am kennzeichnendsten fUr das Reitsystem war wohl das am 
5. März stattgefnndene erste Dressnrpreisreiten von Unter- 
offizieren von zwei Kavallerieregimentern auf je sechs nnd von 
vier Artillerieregimentern auf je drei Dienstpferden. Die Unter- 
offiziere ritten im Dienstanznge ohne Waffen. 

Die Pferde wiesen gegen frühere Zeiten durchweg einen er- 
sichtlichen Fortschritt im Blute nnd in der Qualität auf. Am sorg- 
fältigsten ansgewählt fUr ein solches Preisdressnrreiten erschienen 
die der Artillerieregimenter, bei denen man ersichtlich mehr auf 
Regelmäfsigkeit des Gebäudes nnd normales Temperament, als auf 
hohes Blut gesehen hatte. 

Fttr die zu stellenden Anforderungen waren die Bestimmungen 
der königlich prenlsischen Reitinstmktion malsgebend. Anfser bei 
Seitengängen nnd beim Springen (!), waren die Pferde mit einer 
Hand zu reiten, vorübergehendes Znfassen mit der rechten 
Hand gestattet. (Wo wäre das in früheren Zeiten auch nur beim 
Vorstellen einer Unteroffizier- oder Remontetour gestattet 
gewesen? Sp.) 

Die Unteroffiziere salsen gerade, aber gezwungen nnd starr im 
Sattel. Ein Eingehen auf den Gang des Pferdes war nirgends zu 
bemerken. Einzelne hielten die rechte Hand krampfhaft gehallt. 
Der Schenkelhang liefs zu wünschen, was besonders bei den Unter- 
schenkeln auffiel, wenn sie, sich verdrehend, den meist festgehaltenen 
und widerstrebenden Rippenmnskeln ihrer Tiere sich durch Druck und 
Sporn fühlbar zn machen suchten. Man vermilste den, mit den 
weich gearbeiteten Rippenmnskeln des Pferdes gleichsam verwach- 
senen Schenkel durchweg. 

Auch dann, wenn die ZttgelfUhrnng mit einer Hand stattfinden 
sollte, hielt man beide TrensenzUgel verkürzt in derselben, so dals 



Digitized by Google 




180 



Die Reaktion In der Reilkanat 



die FObniDg aaf rier ZUgeln stattfand. Das momentane Znfassen mit 
der rechten Hand war nicht gerade selten. 

Ersichtlich aber war allgemein anf .absolnte Beizänmnng“ hin- 
gearbeitet, and, ob dabei das Oenick sehr tief, tief oder etwas hoher 
— annähernd richtig, das war das höchste — getragen wurde, war 
mehr dnrcb die natürliche Haisang des Pferdes, als durch dessen 
Bearbeitung bedingt. Überall sah man die Zttgel dauernd scharf 
angespannt, williges Abstofsen am Grebils und schäumende Mänler 
sah man nicht, ebensowenig willig berrorqnellende Ohrspeichel- 
drüsen. Die Pferde gingen alle fest aufs Gebils „mit Pfunden (wie 
vielen?) in Hand“. Der Bücken blieb in allen Gangarten gewölbt, 
die Reiter „Uelsen sich tragen“ und pratzelten im Trabe hart anf 
den Sattel nieder. Vom „Geben und Stehen am Zttgel“ war nichts 
zu sehen, die Gangarten bUeben gebunden, es trat weder Schulter- 
freibeit noch Hankenbiegung zutage. Auch lag das Gleichgewicht 
noch keineswegs in der Mittelhand, geschweige unter dem Mittelpunkt 
des Sitzdreiecks. 

Bei den Volten deckte die Kttckenlinie der meisten Pferde nicht 
den betreffenden Teil des gerittenen Kreises, die Hinterhand fiel 
bald nach innen, bald nach anlsen von der Kreislinie ab. Man sah 
allerdings auch, dals die Beiter sich dessen bewnlst waren und bald 
die Kruppe mehr zu „verwahren“, bald mehr auf die Kreislinie hin- 
auszutreiben suchten. 

Auch der verlängerte Trab zeigte keinen vOllig losgelassenen 
freischwingenden Typus, wenn auch das Gleichgewicht sich dabei 
mehr nach der Mittelhand verlegte. 

Bei den Seitengängen waren die Kopfstellnngen zwar im aU- 
gemeinen richtig, aber sie blieben erzwangen und der Schultertreibeit 
binderUch. Benvers wurde nicht gezeigt. Gerade das, was der 
vollendete Seitengang zeigen soll: gebogene Hanken und freie 
Scbnlterbewegnng, namentlich bei den übertretenden Beinen, sah 
man nicht. 

Der Mittelgalopp war kurz und gebunden und mehr oder weniger 
auf der Vorhand. Erst im verlängerten Galopp wurden die Be- 
wegungen freier und das Gleichgewicht verlegte sich so ziemlich 
in die Mittelhand. 

Beim Springen über das niedrige Hindernis (Barriere von 0,80 m) 
sah ich nur einen Kampagnespmng, den das Pferd eines hessischen 
ArtUleriennteroffiziers vollfObrte, alle übrigen Pferde nahmen das 
kleine Hindernis im Jagdsprung. Kein Pferd war nach dem Sprunge 
so in der Hand des Keiters, dafs dieser nach einer „Knrzkebit- 
wendung“ das Hindernis hätte zurflckspringen kOnnen. 



Digilized by Google 




Die Reaktion in der Reitknnst. 



181 



Im Ubrigeo ritten die Unteroffiziere ,, stramm and schneidig*, 
stets bemttbt, sich die Herrschaft Uber ihr Tier durch scharfe Hilfen 
za erhalten. Eben, dafs das nötig war and die Pferde nicht, 
flott and losgelassen, die Anforderungen der Reiter ge* 
borsam and willig erfüllten, war die Folge des nnrichtigen 
Systems. 

Zwei Preisreiten von Offizieren (im Programm als vierte and 
fttnfte Reitkonkarrenz anfgefUhrt), ersteres ofien fttr alle aktiven and 
Reserveoffiziere der dentscben und österreichisch -angarischen Armee, 
letzteres nnr fUr Generale und Stabsoffiziere — es ritten in Wirk- 
lichkeit nur Stabsoffiziere — führten ein sehr edles und temperament- 
volles Pferdematerial vor. 

Die Reiter salsen natürlich eleganter und zwangloser im Sattel, 
ancb bemerkte man bei der Führung nicht die in Turin getadelte 
hochgehaltene ZUgelhand, wohl aber mehrfach eine Haltung der 
Ellenbogen, die an die, bei dem Mode gewordenen sportsmännischen 
H&ndedruck Übliche, erinnerte. 

Die Pferde waren mehrfach stark ttberzäumt, tragen das Genick 
durchweg zu tief und gingen ausnahmslos mit gespanntem Rttcken 
fest aufs Gebiis. Man sah vielfach widerstrebende gespannte Rippen- 
muskeln, an denen der Reiterschenkel schabend und mit dem Sporn 
kratzend eine ziemlich fruchtlose Kunst Übte. Ein am Gebifs sich 
völlig abstofsendes, schäumendes Pferdemanl sah man auch da nur 
ausnahmsweise in seinen Anfängen. 

Die Gangarten waren zwar räumiger, als die der Unteroffizier- 
pferde, wie das schon das edlere Pferdematerial mit sich brachte, 
aber doch durchweg gespannt und unfrei. Zwanglos auf- und nieder- 
wogende Rucken, frei vorschwingende Vorder- und weit untertretende 
Hinterbeine sah man nicht. Der starke Trab wurde fast aus- 
scbliefslich durch die vermehrte Zahl der Tritte pro Minute, nicht 
durch grölsere Raumbetretuog markiert. 

Auch zeigte der kurze Galopp kein vollendetes Gleichgewicht 
aaf der Mittelhand und selbst im verlängerten Galopp wurde die 
Rttckentätigkeit nicht völlig frei. Weder das Anspringen aus dem 
Stehen und dem Schritt gelang k tempo, noch das Parieren: ein 
paar trippelnde Trabschritte gingen dem ersteren voraus und folgten 
dem letzteren nach. 

Das Springen der niederen Barrieren (0,80 m) geschah durch- 
gängig im Jagdspmng, nur einen annähernden Kampagnesprung 
glaube ich gesehen za haben. Die Pferde sprangen heftig and »ich 
lest in die Zttgel legend. 

Kurz, es zeigten sich auch bei diesen Otfizierskonkurrenzen trotz 

Jalärblcktr tLf dU dMtMht Arm»« osd Xiria«. No. 49&. 13 



Digitized by Google 




182 



Di« Reaktaon in der Beitknntt. 



der ersiehtlich gröliseren Reitfäbigkeit der Reiter dentlicb die Fehler 
der Plinuierscben Schale. 

Das trat aacb bei den SpringkoDkarreDzen zntage, deren zwei 
geritten worden. Die unter zwei des Programms anfgefUbrte 
einfache Springkonknrrenz ftthrte Uber drei Hindernisse, „nicht höher, 
als 1 m“ and nicht unter 5 m breit. Es war ein Herrenreiten, 
nur fttr Pferde, die noch nie an einer Springkonknrrenz teilgenommen. 
Unter 54 genannten Reitern war nur ein ansländiseher Offizier, der 
norwegische Oberleutnant Ebbe Astrup von der Karallerie, der such 
einen Preis davontrug. 

Die Sprunge wurden durchweg als Jagdsprttnge mit tiefem 
Genick, angespanntem Rucken und fest aufs Gebifs gebremst, ge- 
leistet. Selbst bei diesen niederen Hindernissen kam hie und da 
ein Refusieren und Aasbrechen vor. Mehr als dieses zeigten dann 
aber die Versuche, das Tier zu rektifizieren und zum Gehorsam zu- 
rUckzufUhren, wie dessen deutlich zutage tretendes Widerstreben den 
Mangel an darobgreifender und richtiger Dressur. 

Bei dem unter No. 6 des Programms als „ Kaiser- Preis- Jagd- 
Sprung-Konkurrenz“ bezeicbnetcn Reiten waren höhere und weitere 
Hindernisse zu springen: ein Koppelrick, 1,20 m hoch, eine Bretter- 
wand, 1,20 m hoch, mit einer 10 cm hoben Klappe, welche bei 
Berührung amfiel, und ein Graben, 2,50 m breit, mit einer 0,30 m 
hoben HUrde davor. Der glatte Sprang ohne BerUhmng der Hin- 
dernisse zählte 6 Punkte, die BerUhmng des Hindernisses mit den 
Hinterfufsen 4, mit den Vorderbeinen 3. Selbst fUr das Umwerfen 
des Hindernisses wurde noch 1 Punkt gut geschrieben, nur fttr Ans- 
brecben oder Stebenbleiben vor dem Hindernis wurden 2 Punkte 
abgezogen. 

Erst ein zweimaliges Refusieren desselben Hindernisses, beim 
Hocbspmng sogar ein dreimaliges, scblofs ans, eine Bestimmung, 
deren Milde fast überflüssig erschien, denn — so sagte man sich — 
so etwas wird doch bei einer öffentlichen Springkonknrrenz von 
Offirieren nicht Vorkommen. Es kam aber vor und, wenn das schon 
peinlich berührte, so berührte das ironische Beifallklatschen des 
tausendköpfigen Publikums noch weit peinlicher. 

Recht unschön machten sich daun die Versuche, die aus- 
gebrochenen Pferde wieder zum Gehorsam zurUckzufUhren, die 
eckigen grofsen Volten, die verbogenen Hälse, und die vielfach her- 
vortretende ofiene Widerspenstigkeit der Pferde. 

Einmaliges Refusieren kam öfter vor, die bewegliche Klappe 
wurde nur ganz ausnahmsweise nicht amgeklappt Es machte fast 



Digilized by 



He ReakUon in der Reitkunst 



183 



den Eindruck, als ob die Pferde auf das regelrechte Umklappen 
derselben eingettbt wären. 

Manche Sprünge arteten in Hirschsprtlnge ans. Der danemd 
angespannte Pferderttoken war Regel, und selbst beim Grabenspringen 
sah man keinen Tbllig ansfedemden Rücken. Nur die Spring- 
iähigkeit der edlen Tiere unterlag keinem Zweifel, an Natnranlage 
fehlte es nicht, wohl aber an der Ausbildung derselben, an gründ- 
licher und richtiger Gymnastiziemng. 

Den ersten Preis trug der norwegische Oberleutnant Ebbe 
Astrup mit semem Irländer Ranger, einem änlserst schlank, fast 
hirscbartig gebauten Pferde, davon, dessen Tier auch allein einen 
federnden Rücken zeigte. 

Noch möchte ich zum Schlüsse das am 23., 24. und 2ö. März 
in Frankfurt a. M. gefeierte .groGse Reiterfest* mit einigen Worten 
berühren, ohne näher auf dieses, mit grolsen Kosten und vielem 
Geschmack zu patriotischen Zwecken vom „Rennklnb in Frank- 
furt a. M.* inszenierte Fest einzngeben. 

Nur, weil bei demselben neben den Militärpferden auch eine 
grülsere Anzahl Pferde von Zivilbesitzem sich präsentierten, ist das- 
selbe iUr meine vergleichenden Betracbtnngen von Wert. 

Da mnfs zunächst zugestanden werden, dals der grölsere Teil 
der, Zivilpersonen angebörigen, edlen Tiere, wohl von Frankfurter 
Bereitern gut geschult, sich in schönerer Haltung und freieren Gängen 
zeigten, als die Mehrzahl der Militärpferde, wobei zu beachten 
bleibt, dals dabei eine Anzahl älterer Pferde vorhanden war. 
Freilich, auch von diesen sah man, selbst bei den doch sicher olt 
durcbgedrillten und eingeübten Quadrillen kein einziges, welches 
ans dem Stehen nnd dem Schritt ä tempo Galopp ansprang oder 
ans letzterem & tempo parierte. Überall erschienen die kurzen vor- 
ansgehenden bzw. nachfolgenden Trippeltritte als „de rignenr*. 

Und Zufall war es auch sicher nicht, dafs von den Militär- 
pferden diejenigen durchweg besser ansgebildet waren, bei welchen 
der Zügel eine mehr passive Rolle gespielt hatte resp. hatte spielen 
müssen. So die Pferde der Standartenträger, bei dem von 
16 Dragonern- nnd Artillerieoffizieren gerittenen Reigen. Diese 
Pferde zeigten meist eine schöne Kopf- nnd Halsbaltnng nnd voll- 
endetes Gleichgewicht. Ebenso zeichneten sich bei der von vier 
Trainoffizieren gerittenen Fahrschule die Handpferde durch Haltung 
nnd gründlichere Durcharbeitung aus. 

Ein prachtvolles, jedes Reiterherz erfreuendes Bild von Muskel- 
ansbildung, Gehorsam nnd Gang zeigte dann ein Pferd des Mnsik- 
korps, welches, von seinem Reiter nur mit eleganten Scbenkel- 

13 * 



Digitized by Google 




184 



Die Reaktion in der Beltknnst. 



and Gesälshilfen dirigiert, eine vollendete Haltung und 
schönes Gleichgewicht anf der Hinterhand zeigte, obgleich 

— oder weil? — der Zttgel nur absolut passiv einwirkte, da 
sein Reiter beide Hände anderweitig gebraneben mnlste. Es war 
das — aufgesetzt und ansgebunden gehende — Pankenpferd! 
Es zeigte eine vollendete Scbnlterfreiheit, einen sich elastisch anf- 
und abwOlbenden Rucken, mit dnrehgebogenen Hanken, frei vor- 
schwebende und absebiebende Hinterbeine. Von seinem, die Panken- 
Bcblägel elegant bandhabenden Reiter lediglich mit fUhligen Schenkel- 
nnd Gesälshilfen geritten, war es das einzige Pferd, welches stets 
ans dem Stehen und Geben ä tempo Galopp ansprang und 
ebenso mit leichtem Ansatz zur Levade ä tempo parierte. Dieses 
Pferd hätte den ersten Dressnrpreis verdient, es war tadellos ans- 
gebildet. 

Ich scblielse damit mein Urteil Uber das im März io Frankfurt 
a. M. selbst Gesehene. Wenn es etwas hart erscheinen sollte, so 
kann ich versichern, dais das von verschiedenen älteren, berittenen 
Waffen entstammenden Offizieren mir gegenüber mUndiieh abgegebene 
doch noch schärfer lautete, und dals ich bemUbt gewesen bin, es 
zu mildem, soweit das sieb mit der Wahrheit irgend vertrug. 
Diese aber mufs gesagt werden, wenn es besser werden 
soll. 

Zunächst ist nun die Einsicht zn fordern, dafs die Scbulreiterei 

— im rechten Sinne, d. h. nicht eine künstliche Pndeldressnr 
zn besonderen Kinkerlitzchen anf besonders eingepankte 
Zeichen, sondern die vollendete Ausbildung des Muskel- 
systems des Pferdes und dessen völlige Unterwerfung 
unter den Willen des Reiters, wie die Verlegung des 
Schwerpunktes der ans Reiter und Pferd bestehenden Be- 
wegnngsmasse nach der Hinterhand des Tieres — der 
Kampagnereiterei weit näher steht, als die Rennreiterei. 
Das der letzteren nachgesagte Moment der Begünstigung der Reiter - 
kUhuheit kommt im Sinne der Kriegsbranchbarkeit weit mehr zur 
Geltung anf einem völlig dnrchgebildeten und in dem Willen 
des Reiters aufgehenden Pferde, als auf einem, hauptsächlich 
nur Ober hohe und breite Hindernisse gehetzten, wenn auch durch 
edles Blut und Kasse mit vorzüglichen Natnreigenschaften aus- 
gerüsteten Tier. Erst, wenn ein solches durch „Schule“ fähig und 
willig geworden ist, alles, was es kann, seinem Reiter zur 
Disposition zn stellen, fUhlt sich letzterer, wie ein innger Gott und 
allen Situationen gewachsen. 

Die anf Geldgewinn abzielende Rennreiterei, bauptsächlicb, schon 



Digilized by Googl 



Die Beaktion in der Reitknnst. 



18& 



infolge ihrer „Bediogangeo“, anf jonge halbrobe, uor , trainierte“ 
Pferde eingeschränkt, begünstigt den rohen Empirismns and eine im 
Felde gänzlich nnbranchbare Wagehalsigkeit, die sich zudem häufig 
gegen das eigene Tier abarbeiten mnfs, so dafs sie in eine kecke 
Gewaltreiterei und im Balgen mit dem Pferde aasartet. Das aber 
ist das Verderblichste, was dem Reiter im Felde begegnen kann, 
wo nur die Tnmmeliähigkeit und das absolute „Sich in der 
Hand des Reiters befinden“ des Pferdes jene Sicherheit verleiben 
kann, die den „Sieg in der Faust“ fühlt. Diese Sicherheit bleibt 
nicht nur für den Einzelkampf, sondern auch für die Massenattacke 
das, was auf die Dauer den Ausschlag gibt 

Pferde in der „absoluten Bezäumung“ und mit „gespanntem 
Rücken“ mögen eine Attacke, ähnlich der des Lord Cardigan bei 
Balaclawa (1854), durchführen und dann, wie diese tapfre Brigade, 
aufgebraucbt sein! Die Kämpfe und Aufgaben der Kavallerie in 
modernen Kriegen aber erfordern gerade ein nach allen Richtungen 
aasgebildetes und dem Reiter bis in den Tod gehorsames Tier. 
Selbst ein Niederlegen desselben ä la cosaque, um dem, den Sattel 
als Auflage für seine Schafswaffe benutzenden Reiter als Deckung 
zu dienen, erscheint wünschenswert. 

Dem einzigen, zuweilen gehörten Einwand, dafs im Felde bald 
die grofsen Verluste uud die infolge derselben nötige Einstellung 
von Beute- und Requisitionspferden in diese hohe Dressur grolse 
Lücken reifsen würden, kann ich nicht die Geltung beimessen, welche 
er anf den ersten Blick zu haben scheint Denn erstens würde er 
für die so hochwichtigen Einleitangskämpfe gar nicht in Betracht 
kommen. Sodann aber habe ich 1866, wo ich im Laufe des Feld- 
zuges zwei, nur emem rohen Renntraining unterworfen gewesene 
requirierte englische Vollblutpferde, wie 1870/71, wo ich ein 
verwundetes Beatepferd (Kabylenbengst) und eine junge rohe 
polnische Stute mir selber zureiten mnlste, die Erfahrung ge- 
macht, dafs, wenn man 10 — 12, ja 18 und mehr Standen täglich 
im Sattel sitzt und man diese gehörig ausnutzt, einige Wochen aus- 
reichen, das Tier dem Willen des Reiters zu unterwerfen und völlig 
geschmeidig zu machen, wenn — das Pferd nicht ganz jung und 
roh ist und der Reiter sein Geschäft versteht. 

Eline Gewaltreiterei, die mit dem Bremsen des Pferdes („ab- 
solute Bezäumung“) beginnt, erreicht das freilich niemals! 
„Vorwärts reiten“, das ist die Parole, und „im Vorwärtsreiten 
die Haltung gewinnen“! 

Die in der befreundeten österreiob-nngariscben Armee übliche 
alljährliche Preisreitkonkorrenz der .Kampagnereitergesellschaft“ 



Digitized by Google 




186 



Dte Reaktion in der Reltknnst. 



zeigt einen Typus, der offenbar dem hier gekennzeichneten Pensum 
znstrebt. In dem Bericht des von mir als hochsachrerstängig be* 
seichneten Berichterstatters der Wiener „Allgemeinen Sportzeitung* 
(S. Nr. 41 derselben vom 7. Jnni d. Js ) Uber das diesjährige 
Konkurrenzreiten in Wien finden wir freilich auch vereinzelte 
Bemerkungen Uber „tiefe Kopfhaltung“, „mangelndes Gleich« 
gewicht und Versammlung*, „kratzenden Galopp“, „mangelnde 
Lusgelassenheit im Genick, Widerriis und Schulter“. Dagegen wird 
der fliefsende Jagdgalopp und der Stil des Springens, mit dem die 
anständigen Hindernisse (1,25 m oder 4 Fnls hohe Barrieren und 
Gräben von 3,50 m Breite) genommen wurden, gerühmt. Ebenso 
wird bei vielen Pferden ihr Gleichgewicht und die völlige Los- 
gelassenheit in den Gängen anerkannt, kurz, man erkennt, dals 
richtige Ziele erstrebt und grolsenteils auch erreicht werden. 

Auch bei uns zeigen sich, allerdings vorläufig mehr in der 
Literatur, deutliche Anzeichen einer auf energische Bessemng hin- 
arbeitenden Reaktion. Mit grolsem Vergnügen wird z. B. jeder er« 
fahreue Reiter den im MiL Wochenblatt (Nr. 56—58/1906) ver- 
öffentlichten Artikel „Uber Pferdemanl und Reiterband“ von 
M. V. P. lesen. In und zwischen den Zeilen enthält derselbe ein 
ganzes Arsenal von Waffen gegen das Plinznersche System. Schade 
nur, dals sich der Herr Verfasser die unlösbare Aufgabe gestellt 
hat, den „Zusammenhang zwischen Pferdemanl und Reiterhand* zu 
schildern, ohne näher auf die Schenkel« und Gesälsbilfen einzngehen. 
Dals dieses unmöglich ist machte sich dem Verfasser auch selbst 
klar, wie ans zahlreichen Stellen, wo er sich doch zu bezüglichen 
Andeutungen genötigt sab, hervorgeht. 

Unmittelbarer schon geht dem Plinznerschen Reitsystem ein 
kleines Scbriftohen zu Leibe, welches unter dem Titel: „Hinter 
den Kulissen*, Sportplandereien von J. Wilmans (Leipzig bei 
Göthlioh & Comp.) kürzlich erschienen und Sr. Hoheit dem regierenden 
Herzog von Saohsen-Altenbnrg gewidmet ist 

Wenn uns auch der Verfasser, der eine 20jährige Praxis als 
Zureiter und Stallmeister hinter sich hat, im Vorwort versichert, dals 
er „nicht für die von Gott begnadeten Talente im Sattel* geschrieben, 
so wird doch die Ansicht erlaubt sein, dals gerade diese ans seinem 
Büchlein manches lernen könnten. Das gerade in heutiger Zeit so 
Üppig ins Kraut geschossene Vertrauen auf die eigene „Gottes- 
begnadetbeit“ lälst oft genug die Wahrheit des Satzes vergessen: 
„Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb’ es, um es zu be- 
sitzen.“ Das bedeutet in vorliegendem Falle: „Auch das gröfste 
Talent mufs durch gewissenhafte Arbeit ansgebildet werden, und 



Digitized by Google 




Oie Reaktion in der Reitkonet. 



187 



dieser mnfs das Studiam der Wissensohaft der Reitkunst zur Seite 
geben.“ 

Diese Wissenschaft bat im Laufe der Zeit rersobiedene Systeme, 
darunter natürlich auch irrige (Raucher, Plinzner) aufgestellt, denen 
allen aber Erfabrnngstatsacben zugrunde liegen, wenn auch ihr 
Wert ein sehr verschiedener ist. Eine Kunst, welche ohne jedes 
System betrieben werden könnte oder gar möchte, gibt es nicht ln der 
Vervollkommnung der Systeme durch rationelle Verwertung der 
wachsenden Erfahrungen liegt jeder objektive Fortschritt, auch in 
der Reitkunst. 

Es ist deshalb nicht verständlich, wenn der Verfasser im 
1. Kapitel: „Reit- und Dressnrsysteme“, nachdem er als richtigen 
Grundgedanken der altpreuGsiscben Reitkunst den: „Gehlnst und 
Haltung des Reitpferdes gemeinsam ausznbilden, ohne die eine 
der anderen zu opfern'', hingestellt, nun so weit geht, zu behaupten, 
dafs „dabei von einem System nicht die Rede sein könne, weil die 
Art, wie jener Grundgedanke dnrchznfUhren sei, lediglich von der 
Individualität des Pferdes abbänge“. Er übersieht dabei, dafs doch 
die Qualitäten der Reitpferde mindestens zu QC/o, wenn nicht die 
gleichen, doch sehr ähnliche sind, was daher ein systematisches 
Dressnrverfahren rechtfertigt, dessen Modifikationen dann durch die 
vielleicht 10% betragenden einschneidenden Verschiedenheiten bedingt 
werden, aber das System keineswegs nmwerfen. 

Auch unsere Reitinstmktion sucht diesen Modifikationen Rechnung 
zu tragen, allerdings mit Konzessionen an die Plinznersche Bei- 
zäumung (Aufrichtung aus der Tiefe). Eingehender tut dies meine 
schon erwähnte .Logik in der Reitkunst“, indem sie, auf die 
Anatomie des Pferdes begrifndet, sowohl das Gemeinsame derselben, 
als besondere Abweichungen berücksichtigt. Vielfach decken sich 
die Ansichten des Verfassers der genannten Broschüre mit den 
meinigen, wenn auch, wie es scheint, ihm selbst mehr nnbewnlst 
und daher nicht so klar und bestimmt im Ausdruck. 

Dafs der Verfasser aber — entgegen seinem Ausspruch — 
schon seit Jahren selbst nach einem System verfährt, erfahren wir 
durch seine Zitate aus den BUchem 0. Digeons v. Monteton, der 
doch ein entschiedener Interpret der alten Sohrschen Reitinstmktion 
ist. Alle Klagen des Verfassers Uber das „Wegreiten des Ganges“, 
.schwere auf der Hand liegen“, den .hohen Rucken“, der „steifen 
Hanken“ nsw. finden wir auch bei 0. v. Monteton. Wenn aber den 
Verfasser sein Antoritätssinn und die sehr berechtigte Verehmng 
seines Lehrers 0. v, M. dazu verfuhrt, einzelne AnssprUche dieses 
geistvollen Reitschriftstellers ans dem Zusammenhänge heraus als 



Digitized by Google 




188 



Die Reaktion in der Reitkunst 



„Dogmen“ hinznatellen, so können daraus leicht Mifsverständnisse 
entstehen. 

So darf z. B. der Ansspmch 0. v. M’s: „Lege dem Pferde das 
Gewicht ins Manl, welches es dir in die Hand legt“, dnrchans nicht 
wörtKeh genommen werden. Denn wann and wo legt das Pferd 
dem Reiter Gewicht in die Hand? Dann and anf der Seite, wo 
sein Hinterfnls im Abschieben begriffen ist, and dann and dort — 
das ist die eigentliche Meinung t. M.’s — soll der Reiter dem Pferde 
nur gerade die Stütze gewähren, die es selbst sacbt, ohne mit 
der Hand aktir gegen dieselbe zu wirken. Letzteres würde ja das 
Pferd nur noch härter machen. 

Auch die hübsche Paraphrase v. M.’s „Ton der lösenden Wirkung 
des negativen aaswendigen Zügels“, welche der Verfasser mehrfach 
zitiert, läfst durch ihre Mystik Mifsverständnisse zu. Wann ist ein 
Zügel „negativ“? Wenn er dem Pferde etwas „negiert“, also ver- 
bietet, oder, wenn er seine eigene gewöhnliche Wirkung „negiert“, 
indem er nach^bt? Im Zusammenhang läfst sich bei 0. v. M. letztere 
Ansicht erkennen. Dann aber trifft sie für den richtigen Moment, 
nämlich, wenn das Pferd mit dem inneren Hinterfnfs absohiebt, auch 
für den inwendigen Zügel zu. 

Zutreffend ist im allgemeinen der 6. Abschnitt, das „Scheuen 
der Pferde“ betreflend, in welchem der bündige Nachweis ge- 
liefert wird, dafs mit dem Gehorsam des Pferdes alles Scheuen ver- 
schwindet. Wenn dagegen unter den Veranlassungen zum Scheuen 
auch anf die „natürliche Kurzsichtigkeit“ des Pferdes hin- 
gedeutet wird, so dürfte das wohl auf einem modernen physiologischen 
Irrtum beruhen. Auch Pferde mit nachweisbaren Flecken und 
Trübungen der Hornhaut oder mit beginnendem grauen Staar usw. 
scheuen durchaus nicht, wenn sie gut durchgeritten sind. Merk- 
würdig ist doch auch, dafs bei den Pferden, welche aufs Gehör 
scheuen, noch niemand auf den Gedanken gekommen ist, das auf 
einen Fehler im Pferdeohr zurückzuführen. 

Der Vorschlag, den sog. amerikanischen Sitz, ein Hocken dicht 
hinter dem Widerrils, um das ganz frei über seine Rückentätigkeit 
verfugende Tier in einem Rennen auf Leben und Tod zu steuern, 
in der Armee anf seine militärische Brauchbarkeit zu prüfen, ist 
wohl nur satirisch gemeint. 

Das alles aber rechtfertigt kaum den Titel: „Hinter den 
Kulissen“, denn es geht doch das alles recht öffentlich auf der 
Schaubühne des Lebens vor sich, wie die von mir oben besprochenen 
öffentlichen „Konkurrenzreiten und -springen“ zur Genüge zeigen. 



Digitized by Google 




Die Reaktion in der BeUknnit 



189 



Erst die letzten Absobnitte, welche den „Distanzenritt BrOssel- 
Ostende“, den .Pferdebandel* nnd die „Pferdeannoncen“ (wamm 
nicht „Anzeigen“?) betrachten, geben nns den Schlttssel zn dem 
pikanten Titel nnd für manche Leser gewifs anch ttberraschende 
Anfklämngen. 

Die Voranssagnng des Verfassers (veröffentlicht in einem 
Hamburger Blatte vor dem genannten Distanzenritt) bezüglich der 
tranrigen Folgen desselben als Konsequenzen der mangelhaften 
Propositionen haben sich voll bewährt. Nnr seine Unterschätzung 
des Galopps, der natürlichsten Gangart des Pferdes fUr grofse 
Distanzen teilt der Verfasser mit seinem Lehrer, Herrn v. Monteton. 

Die Betrachtungen über „Pferdehandel“ und „Pferdeannoncen“ 
werden fUr Neulinge von Nutzen sein, weisen aber anch auf grofee, 
weitverbreitete Schäden in unserem Verkehrsleben hin. Was zur 
Entschuldigung des Verfahrens der meisten Pferdehändler vor- 
gebracbt wird, ist vom Standpunkte menschlicher nnd händlerischer 
Schwäche ganz plausibel, weist aber deutlich auf den durchgehenden 
Schaden der Jetztzeit: die nicht durch Ehrgefttbl nnd Gewissen ge- 
zttgelte Gewinnsucht hin. Hoffentlich gibt es aber anch beute noch 
Pferdehändler, wie in älterer Zeit, die nicht nnr die Gewährs-, 
sondern anch alle sonstigen ihnen bekannten Fehler ihrer Verkanfs- 
pferde dem Käufer richtig angaben — nnd sich dabei ganz gut 
standen. 

Wie wenig sich aber viele Pierdeanzeigen mit der durch die 
betreffenden Pferde dargestellten Wirklichkeit decken, mag man in 
dem Scbriftchen selbst nachlesen. Andernng wird anch in dieser 
Beziehung nnr die allgemeinere Verbreitung einer richtigen 
hygienischen, nicht auf Kinscbmieren nnd Eintricbtern von Gilten 
beruhenden Behandlung der braven Tiere in ihren Leiden, sowie 
eine solide Reitkunst bringen. Und beides mnfs von der 
Armee ansgeben. 

Da ist es denn sehr erfreulich, wie ein unter dem Titel: 
„Trense nnd Kandare, natürliche nnd erzwungene Bei- 
zäumung“ in den Nnmmern 99 nnd 100 von diesem Jahr (11. nnd 
14. Angust) mit K. B. H. gezeichneter Artikel in bocheinsicbtiger 
Weise gegen den Beginn der Keitdressnr mit der „Beizäumung“ nnd 
geradezu nnd deutlich für das Hochhalten des Genicks eintritt. Seine 
Ausführungen sind so klar nnd logisch, legen die Nachteile der 
tiefen Beizäumung, namentlich für den Beginn der Dressur, die in 
Tätigmacbnng des Rückens nnd der Hankengelenke bestehen mnis, die 
üblen Folgen des angespannten Rückens, wie ihn die vorzeitig ge- 



Digitized by Google 




190 



Die Resktion In der Reitkunst 



sacbte BeizttnrnuDg nobediDgt berbeilOhrt, so deutlich dar, dats ich 
seine LektUre nur aufs dringendstb empfehlen kann. 

Einige besonders bezeichnend Stellen mtichte ich doch hier an* 
fuhren. Da beifst es in Nr. 99 Sp. 2274: „Man nennt einen solchen 
Rucken wohl auch einen Katzenbuckel, er gleicht einem gespannten 
Bogen, sein Höhepunkt ist etwa in der Mitte. Auf ihm ist der 
Reiter beinahe wehrlos, er ist ein Mittel, mit dem das Pferd sich 
wehrt. Das Pferd braucht ihn zum Bocken, vor dem Steigen, beim 
Kleben, kurz bei den meisten Unarten. Und dieser Rucken, ich 
wiederhole es, ist ziemlich leicht zu gewinnen, er wird leicht durch 
eine tiefe Stellung des Kopfes hervorgernfen“ ... — „Dagegen die 
Hanken beim Untertreten biegen, die Kruppe senken ond so das 
ganze Gewicht nach der Hinterhand verlegen, das kann das Pferd 
mit tiefhängendem Kopfe nnd in seiner ganzen Länge anfgewölbtem 
Rucken niemals.“ 

Vorzüglich ist auch, was Spalte 2299 Uber die Wirkung der 
kurzen Gänge gesagt wird. Es erinnerte mich lebhaft an den Aus- 
sprach eines Vorgesetzten Uber mich, der in den ersten sechziger 
Jahren fiel. „Sie sind,“ so sagte er, „ein merkwürdiger Reiter, in 
der bedeckten Bahn sieht man Sie fast den ganzen Winter Uber nur 
kürzeste Gänge reiten, und wenn es im Frühjahr hinaus ins Freie 
geht, kann niemand mit Ihnen mitkommen.“ Ich denke, das war 
ein grolses Lob. 

Dals der Verfasser des Artikels meine „Logik in der Reitkunst“ 
nicht kennt, geht aus manchem hervor. So z. B. lassen seine Aus- 
drücke: „dem Willen des Pferdes entgegen den Kopf oben zu 
halten“, „den Kopf energisch nach oben zu nehmen“, den 
richtigen Weg dazu zweifelhaft, vielleicht, weil er ihm durch sein 
natürliches ReitergefUbl gegeben erschien. Das ist aber bei weitem 
nicht bei allen Reitern der Fall. Damm habe ich schon im I. Teil 
meiner „Logik in der Reitkunst“ bei der Analyse der Gangarten 
nnd an vielen Stellen im U. Teil ausdrücklich betont, dals alle 
aktiven ZUgelhilfen — und ein „energisches Kopf hochnebmen“ 
erfordert zuerst eine solche — nur mit dem ZUgel erfolgen dUrfen, 
der einem in der Lnit befindlichen bzw. vorschwebenden 
Hinterbau entspricht bzw. entgegenwirkt, alle derartigen Hilfen 
aber dem abschiebenden bzw. im Galopp den abschiebenden 
Hinterbeinen gegenüber nicht angewendet werden dUrfen, weil sie 
da einem sieghaften Widerstande des Pferdes begegnen oder Sprang- 
gelenke nnd Hinterfesseln schädigen. 

Auch, wenn der Verfasser Sp. 2300 sagt: „Um die Anlehnung 
an das Gebifs und damit an die Hand des Reiters angenehm zu 



Digiiized by Google 



IMe Reaktion in der Reitknnst. 



191 



maoheo, was durch yollkommene Rahe der Hand Idcbt erreicht 
wird“, so Übersieht er dabei, dals diese „Tollkommene Rabe“ erst 
eintreten kann, wenn das Resultat der richtigen aktiven SebenkeU 
und ZUgelhilfen erreicht ist und das Pferd gelernt bat, dals es sich 
am stehenden Gebils abstolsen mufs. Wie das zu erreichen und 
worauf es ankommt, uro das Pferd „vor den Schenkel“ und „an 
den ZQgel“ zu bringen, steht anfs genaueste in meiner „Logik in 
der Reitkunst“ zu lesen. 

Was aber jene falschen, gegen die abschiebenden Hinter- 
beine gerichteten ZUgelbilien für Unheil anrichten können, 
schildert der Verfasser Sp. 2301 mit den Worten: „bis das Hanl 
tot and wnnd, bis die falschen Muskeln, mit denen das Pferd sich 
täglich gegen diese Tortur bat wehren mttssen, so stark entwickelt 
sind, dals es dem besten Reiter kaum gelingen möchte, diese ver- 
härteten Muskeln im Rttcken, Hinterbeinen und Hals znm Lösen zu 
bringen.“ 

Der springende Punkt dabei aber ist nicht das Instrument — 
ob Trense oder Kandare — mit dem das bewirkt wird, sondern 
dessen falscher Gebrauch in den Momenten, in welchen die Kopf-, 
Hals-, Rttcken- and Hinterbeinstrecker in gewaltigem Bunde 
gegen die Hand des Reiters wirken, nämlich, wenn die Hinter- 
beine sich im Abschieben strecken. 

Über diesen Punkt möchte ich den Herrn Verfasser bitten, sich in 
meinen bereits erwähnten Aasftthmngen eingehend zu informieren. 
Dann wird er sicher anch die Ansicht anfgeben, der er ebenfalls in 
Spalte 2301 Worte leiht, dafs es nämlich Fälle gebe, „wo das Pferd 
die Haltung, bei welcher die Kandare zulässig ist (diese ist bei 
allen richtigen „Haltungen“ zulässig), anfgeben mufs wie 

z. B. wenn Pferde in langem Galopp mttde werden in tieiem 
Boden, in der Karriere, bei Jedem langen Jagdgalopp, denn da ist 
dem Pferde, wenn es anfängt, länger zu werden, sich mehr und 
mehr zu strecken, unmöglich, noch in der Haltung zu gehen, die 
ein richtiges Abstolsen an der Kandare verlangt. Hier kann 
nnr die Haltung dem Pferde ntttzen, die es durch monatelange 

richtige Arbeit gewonnen bat, nnr die Haltung, die das Pferd in- 
folge richtiger Mnskelbildung annehmen rnnfs.“ 

Und warum sollte mit dieser Haltung die Fttbrnng auf 
Kandare unvereinbar sein? dann wäre Ja diese als Kriegs- 

instrument fttr unsere Soldatenpferde ttberhaupt unbrauchbar. 

Die ganze Begrttndung dieser Ansicht aber könnte fast den 
Verdacht erwecken, als ob der Verfasser die in älterer Zeit als 
Endziel der Dressur geltende vollendete Kopf- und Hals- 



Digitized by Google 




192 



Die Beektion in der Beitkonet 



arbeit, Jene weiche elastische Anlage der Backenränder 
(Guaacben) an die vbllig dnrchgearbeiteten nnd weiobgemaohten 
Pbrspeicheldrttsen nnd dieser an die Halsmnskeln, nicht erstrebe 
oder zn gering veranschlage. 

Wo diese vorhanden ist, da findet das Pferd auch in all den 
oben angeführten Fällen auf der Kandare stets eine elastischere Stutze, 
als anf der Trense, eine Stutze, die zuletzt jedes „Abstofscn am 
Gebifs“ Überflüssig macht. Denn dieses „Abstofsen“, am schärfsten 
nnd ta ktmäfsigsten in kürzesten nnd versammeltsten Gängen, mnls 
nachlassen in dem Mafse, wie die Gänge länger nnd freier 
werden. 

Wo man sich eben genötigt sieht, in jenen oben erwähnten 
Fällen znr Trense zn greifen oder das Pferd anf vier Zügeln zn 
fuhren, da ist entweder dessen Hals- nnd Kopfarbeit nicht vollendet, 
oder die Kandare hat prinzipielle Fehler. 

Wenn bentzntage so viele unserer Armeepferde kein volles Ver- 
tränen mehr zn der Kandare haben, so liegt das znm grölsten 
Prozentsätze an ihrem anch vom Verfasser richtig geschilderten Mils- 
branch, znm Teil aber anch an dem Grundfehler des hentigen 
Instrumentes selbst, welches die Kinnkette nicht blofs als Stutze des 
Hebels benutzt, sondern darans ein besonderes Qnälinstrament ge- 
macht bat durch ihre unmittelbare Verbindung mit den Augen der 
Oberbänme. Indem sich dadurch die Drehung der Kandare anch 
der Kinnkette mitteilt, wirkt diese mit einem schiebend-kneifenden 
Druck ihres oberen Randes gegen die Kinnbackenknocben, eine 
Wirknng. welche dem Pferde das volle Vertrauen znr Kandare be- 
nehmen mnfs. Nnr, wo eine zufällig günstige Formation nnd Lage 
der Kinngmbe diese drebend-schiebende Wirknng der Kinnkette fast 
anfhebt, siebt man daher anch günstige Resultate bei ihrem Gebrauch 
in der Karriere, im Springen nsw. Zuverlässig nnd bei allen Pferden 
tritt eine solche Wirknng nnr ein, wenn man die Kinnkette dadurch 
zn einer reinen Stutze fttr die Hebelwirknng des Gebisses macht, 
dalis man sie nicht an den Oberbänmen der Kandare selbst, 
sondern so anbringt, dals sie znr Stutze der ideellen Drehachse der 
Kandare wird, wie dies durch Konstruktion meiner „Kandarenträger“ 
(D, R.-P. No. 164710) erreicht ist 

Vorstehender Punkt ist übrigens der einzige, in welchem ich 
mit dem Verfasser nicht Ubereinznstimmen vermag. 

Im übrigen beweisen seine gesamten Darlegungen, dals man 
sich anch in kavalleristiscben Kreisen der Üblen Folgen des Prinzips 
der „absolnten Beizäumung“ wie der zweckmälsigen Gegenmittel 
voll bewnfst geworden ist Die literarischen Zeichen dieser ziel- 



Digitized by Google 



Ein dentsoher Ofdzler als einer der GrOfsten nnter den DenkerfUrsten. 1 93 

bewafsten Reaktion lassen denn auch die sichere Hoffnung erstehen, 
dafs sie in der schon seit einigen Jahren in Aussicht stehenden 
Revision der „Königlich Prenfsisohen Reitinstrnktion“ ihren 
angemessenen Ausdruck finden werde. 

Dann wird ein neues Aufbltthen unserer Reitkunst beginnen 
nnd Reiter im Sinne der Sohr, Seidler, Seeger, Krane und 
Monteton werden die altprenfsiscbe Reitkunst wieder zu 
vollen Ehren bringen! 



XII. 

Ein deutscher Offizier als einer der Gröfsten unter den 
Denkerfürsten der Menschheit. 

Von 

Prof. Dr. Max Schneidewin. 

(i^hlufs) 

Wie alle grofsen Denker, oder eigentlich noch mehr als irgend 
einer von ihnen, hat £. v. Hartmann sein ganzes Leben dagestanden 
mit der Keile zum Weiterbau in der einen nnd dem Schwert zur 
Abwehr in der anderen Hand. Er hat sich nach ziemlich allen 
Richtungen der Prinzipienlehre nnd der philosophischen Einzei- 
disziplinen mit anderen Ansichten ausdrücklich und genau sachlich 
anseinandergesetzt nnd die leider jetzt mehrfach beliebte Manier, mit 
möglichst geistreich sein sollenden Urteilen in Bausch nnd Bogen 
sich von der Pflicht sachlicher Gründlichkeit losznkanien, verachtet. 
Die Kenner seiner Schriften wurden ein erstaunlich langes Register 
von wissenschaftlichen Personen, mit denen E. v. Hartmann um die 
Wahrheit nnd grofse oder kleine TeilstUcke der Wahrheit diskntiert 
hat, znsammenstellen können. Die berühmten ,Kenlenscblkge‘ oder 
andrerseits Glorifizierungen ins blaue finden sich anfdiesen so zahlreichen 
Arenen nicht als seine Weise, sondern überall die ruhige Erwiignng 
nnd Abwägung von Gründen, in der vornehmen Voraussetzung, als 
ob es beiden Seiten rein auf die Sache selbst ankomme nnd bei 
der Förderung der Erkenntnis, nach G. E. Lessings edlem Finger- 



Digitized by Google 




194 denUeher Offizier al> einer der Grüfsten onter den Denkerfltrsten. 

zeig, keiner verlieren kOnne. Genie können nnr einige ganz wenige 
Menschen haben, aber mit wohlgettbtem normalen Verstände können 
in nnserer Zeit hnndertc und tausende Anteil an der Herausarbeitnng 
des Richtigen haben. Deshalb ist es selbst für die vielen höchst 
wohltnend, in dem sehr groben kritischen Teil der E. v. Hartmann- 
sehen Produktion wohlbemfen persönlich teilnehmen zn können. 

Am meisten mnbte nnserem Denker daran liegen, gegen die 
herrschende Strömung seiner Zeit, den alle Metaphysik verwerfenden, 
sich an den Rückgang anf Kant anschliefsenden Agnostizismus, über- 
haupt erst für seine kühnere AnfTassnng von den Grenzen der mensch- 
lichen Erkenntnis und seine Denkertätigkeit in erweiterten Grenzen, 
Bahn zu schaffen. Wenn man recht darüber naebdenkt, würde es 
ja anch eine sinnlose Welteinrichtnng sein, dab der Mensch einer- 
seits den seiner Natnr tief eingepfianzten Drang zur Erkenntnb der 
göttlichen Dinge in sich trüge, anderseite aber zn der Unmöglich- 
keit, ihn je zn befriedigen verdammt wäre; ein Gebt von so nüch- 
terner Besonnenheit wie Arbtoteles hat von diesem Punkte ans mit 
Sicherheit gegen die Skepsis argumentieren zu dürfen geglaubt. 
E. V. Hartmann war von Jugend auf von der Grnndüberzeugung er- 
füllt, dafs es nicht nur ein göttliches Interesse, sondern sogar die 
göttliche Weltpointe sei, dafs der Mensch die Gotteserkenntnb er- 
ringe, nicht zwar eine unmittelbare alles in eins schauende, aber 
doch eine nach Gründen sich rechtfertigende und in Begriffen sich 
zosammenschliebende. Nun aber gilt Kant ganz allgemein dafür — 
und es sollte nun einmal so sein, weil man nach einer autoritativen 
Erlaubnis zn dem erwünschten niederen Fluge suchte — , dab er 
die Höhle des Mensohendaseins durch einen vorgewälzten zj’klopbchen 
Felsen von den bellen Lichte göttlicher Klarheit abgesperrt habe. 
E. V. Hartmann bt nicht so bequem gewesen, aus seinem ganz 
anders gestimmten intellektuellen Gefühle heraus nnr die Behauptung 
anfznstellen, dab jener Fels von Pappe oder nur ein Wolkendnnst 
sei, sondern er bat so genau ins einzelnste wie nnr wenige, und 
mit so überlegener Schärte und Robe wie kein einziger, alle Argu- 
mentationen Kants naebgeprüft, sie überall anf die enteebeidendsten 
Angelpunkte ans den zufälligen Wortlauten und Satzlabyrintben Kants 
heransschälend. Nicht weniger als vier grobe Schriften von ihm, 
neben einzelnen Kapiteln in anderen seiner Schriften, dienen dieser 
Aufgabe: „Das Ding an sich und seine Beschaffenheit*, „Neo- 
kantunbmas* nsw., „Das erkenntnistheoretische Gmndproblem* und 
.Kante Erkenntnistheorie und Metaphysik“, nnd in schlagendster 
Kürze kann man in der Behandlung Kante im zweiten Bande von 
E. V. Hartmanns .Geschichte der Metaphysik* die Quintessenz der 



Digitized by Google 



Ein deatieber Offiiier als einer der Grölsten unter den DenkerfUrsten. 195 

E. T. HartmanDscben Gegengedanken gegen Kants LehraafsteUongen, 
die tiiesenähnlicbe ZosammenfaasuDg der wahrhaftig hoohangestrengten 
Denkarbeit jener vier Schriften finden. Hieb hatte Kant nie Uber- 
zengt, so tiefe Liebe ich auch diesem wundervollen deutschen Typns 
philosophischen Heroentums entgegenbrachte, aber E. v. Hartmann 
Oberzengte mich immer Schritt für Schritt Das Ergebnis dieser Aus- 
einanderset/ang mit Kant und der akademischen Legion seiner 
Junger auf den Lehrstühlen und vor den Lehrstühlen der letzten 
Jahrzehnte ist das folgende: Es ist zunächst nnansweislicb gewifs, 
dals der Kantianismus darin recht hat, dafs wir ein jeder in seine 
subjektiv-ideale Welt ebgescblossen sind, so gewifs, dafs von diesem 
unvermeidlichen Ausgangspunkt ans sogar das erkenntnistheoretisebe 
Grandproblem den Inhalt gewinnt, mit welchem Hechte wir Ober- 
haupt „wir“ sagen kOnnen. Aber Zeitlichkeit, resp. Zeitlichkeit und 
Räumlichkeit, der Objekte für das Subjekt (nicht „Zeit und Raum“) 
und die (wenn auch nicht genau klappend die 4 mal drei) Kategorieen des 
Verstandes als das apriorische GrundgerOst des subjektiven Geistes, 
dem alle seine Vorstellungen ihrer Form nach entsprechen müssen, 
anerkannt, so liegt doch in einer der Kategorieen, der der Kau- 
salität, der Sinn, dafs sie Uber das Intrasnbjektive hinansweist 
auf ein Bewnfstseintranszendentes als seine Ursache. Von 
diesem Punkte ans werden, wenn man auch abwägt, ob reine 
Immanenz oder zugleich Transzendenz für die Formen der Sinnlich- 
keit („Raum und Zeit“) und die übrigen Verstandskategorieen, wie 
Einheit und Vielheit gültig ist, die apriorischen Formen des er- 
kennenden Subjektes als zugleich Eigenschaften des Dinges an sich 
gewonnen, d. h. eine allen subjektiv-idealen Welten, deren jede an 
einem individuellen Bewnlstsein bängt, gemeinsame objektiv-reale 
Welt, durch die sie alle miteinander kommunizieren. Die sub- 
jektiv-idealen Welten und die objektiv reale Welt schöpfen aber 
noch nicht die Gesamtheit des Seienden ans, sondern unter diesen 
beiden Sphären ist als ihre gemeinsame Wurzel, ihrerseits nun in 
nnzeitiiebem und unränmlicbem Sein, noch die metaphysische 
Sphäre der Substanz, der Erkenntnis, wenn auch nicht einer 
apodiktischen, zugängiieb durch Bearbeitung der Induktionen der 
Erfahrung in spekulativem Denken. So durchbricht E. v. Hartmann, 
ebenso wie es Fichte, Schelling und Hegel getan hatten, wie es im 
allgemeben alle grolse Philosophie der Vorzeit taten und wie es das 
Bedürfnis des menschlichen Geistes und Herzens und das Postulat 
einer sinnvollen Welt tut, den Kantseben Kerker der reinen Sub- 
jektivität, aber nicht mit einem Zauberschlttssel des sic volo, sic 
inbeo, sondern mit dem guten Instrument rationalen Denkens, und der 



Digitized by Goo^lt 




196 deatscher Offizier als einer der GrObten unter den DeDkerftirsten. 

Philosophie ist die Wurde ihrer Aufgabe znrttokf^eben, wenn auch 
Kant die grolse Entdecknng eiogeräamt wird, daüs die ApodiktizitiU 
der metaphysisohen Erkenntnis — welcher, streng genommen, nur 
Wahrscheinlichkeit znkommt — , ein Tranm der Scholastik der ror- 
kantischen Zeiten war! — 

Der Stil ist auch bei den groben Philosophen der Mensch. 
Welche entgegengesetzten Charakterköpfe spiegeln sich in der Schreib- 
weise des Plato nnd Aristoteles, Kants and Schopenhauers, and 
doch welcher gemeinsame Grandzog von Forscheremst in beiden 
Paaren! Aach E. v. Hartmann als Schriftsteller ist ganz er selbst, 
and ich glaube, jede halbe Seite wttrde geattgen, am sie anter 
gleich amiangarmen Proben zahlreicher philosophischer Autoren als 
Hartmannisoh heraaszafUhlen. Natürlich bat er auch manche Lieblings- 
aasdrUcke (wie „entfalten“ and „verschleiern“) and viele ganz eigen- 
geprägte begriffliche Bezeiebnnngsweisen, aber solcher besonderen - 
Merkmale wUrde es nicht bedürfen, der Gesamteindmek wttrde 
sich in sich selbst Uber den Ursprang gewifs sein. Soll man ver- 
snehen, ein in sich klares Gefühl ttber das Charakteristische dieser 
Darstellnngsweise in Worte za gielsen, so wttrde Babe, Klarheit, 
Blankheit und Sachbeherrschang am ersten als die Signatar des 
E. r. Hartmannschen Stils bezeichnet werden müssen. In den letzten 
grofsen Werken seit der „Kategorieenlehre“ kommt sehr fühlbar die 
Steigerung esoterischer Tiefe der Sachbehandiang schwierigster 
Fragen za vollem Verständnis fttr einen immer nur kleinen Kreis 
intimster Sachverständigen hinzu, and das Staunen des Lesers ttber 
die Denkkraft, die das alles unter sich zwingt, wird noch viel 
mächtiger als in den früheren Schriften waebgerofen. E. v. Hart- 
mann gehört in Samma aach za den allergrölsten Prosaikern, mit 
der einen Einschränkung, dafs er es nicht, wie z. B. Schopenhauer 
and Nietzsche, aasdrttcklich darauf angelegt za haben scheint, es za 
sein. Die mit vieren vom Book fahrende höchste Eleganz der 
Kosselenknng folgt bei ihm dem anbekttmmerten absoluten Sicher- 
beitsgefttbl des die Zügel Führenden von selbst, wie der Schatten 
dem Körper. Das — übrigens bei E. v. Hartmann aach fttr leicht 
nnd in den Sohofs fallend za erachtende — Erarbeiten dessen, was 
er nun als fertigen Besitz mitznteilen hat, die Gebartsnöte des Geistes, 
die Wehen in Herz and Gemüt, kommen in seinen Schriften nicht 
mit zam Aosdruck, and wer von einem ganz grolsen Schriftsteller 
verlangt, dafs in seinem Werke auch alle Bewegungen des ganzen 
inneren Menschen, die Stapfen eines Weges von Leid zn Licht, in 
Ersebeinnng treten sollen, der wttrde vielleicht E. v. Hartmann von 
den ganz grofsen ansscbliefsen. Wenn aber höchste Abgeklärtheit 



Digitized by Google 




Ein deutscher Offizier als einer der GrSfeten unter den Denkerftirsten. 197 

für die philosophische Prosa die oberste Tugend ist, so hat sich 
E. T. Hartmann sofort einen allerersten Platz unter den philoso- 
phischen Schriftstellern zurUckerobert. Ein schönes Antlitz wirkt 
seine Reize ans, ohne dafs man an die innere Anatomie des dazu 
gehörigen Leibes denkt, und Tbeaterwirkungen sind unabhängig von 
der Kenntnis der Maschinerie, die sie herrorrnft, ja in beiden Fällen 
würde was verborgen bleibt nur stören, wenn es hervorträte: so 
darf man auch an dem schriftstellerischen Stil etwa die Spuren des 
Ringens nach seinen Vollkommenheiten mitgeniefsen, aber dafs man 
es müsse, ist keine Vorbedingung eines vollendeten Stils. — 
E. V. Hartmann hielt sich nicht zn gut, um auch als Journalist auf- 
zutreten: das Distanzpathos, in dem Schopenhauer und Nietzsche 
so sehr schwelgen, lag seinem schlichten und menschlichen Sinn 
ganz fern, und nach seiner Weltanschauung müssen ja auch die „viel 
zn vielen“ jener beiden Denker mit in den Weltplan eingezogen sein. 
Doch ist seine Tagesschriftstcllerei, abgesehen von Beiträgen zn streng- 
wissenschaftlichen Zeitschriften, ganz verschwindend gegen seine 
grofse Produktion, und von Tagesunarten nimmt ihr Stil nichts in 
sich auf, wenn auch umgekehrt — eben nicht Unarten, aber doch 
eigentlich der Publizistik angebörige Ausdruckweisen sich in seine 
Werke hohen Stils verirren, die ich noch lieber ganz frei von solchen 
Klängen sehen möchte. 

Unter die allergröfsten Namen der Philosophie mufs ich 
£. v. Hartmann auch deshalb stellen, weil sein Einflufs auf das all- 
gemeine Leben ganz anfserordentlich in der Kraft und heilsam in 
der Art seines Wirkens sein mufs. Da findet sich keine die Köpfe 
nmrenkende Umwertung aller Werte, sondern was durch die ver- 
nünftigen Instinkte unseres Geschlechts — E. v. Hartmann würde 
auch sagen : dank des Waltens der Vorsehung in der Menschen- 
geschichte — gut und löblich ist, das bleibt es auch bei ihm und 
wird durch ihn in seinem Anteil an den Werten des persönlichen 
und allgemeinen Lebens gehoben und gefördert Was für den ein- 
zelnen in den Augen des sittlichen Gemeingelstes die beste Füllung 
seiner Tage ist, die jeweilig den Personen und der Lage akkomo- 
dierte Pflicht, das bleibt es auch, wenn er ans der Hartmannlektüre 
zur Ordnung des Tages Obergeht: diese erhält bei aller etwaigen 
Bescheidenheit doch ihren Wert durch die Einfügung in die ver- 
nünftig-sittliche Organisation des Gesamtlebens. Selbst der theoretische 
Pessimismus dieses Denkers kann ohne Mifsverständnis, dessen 
Schuld ihm nicht znfällt, nicht dahin wirken, den Lebensmut zu ent- 
nerven, denn er hat ja nur — ob richtig oder falsch — znm In- 
halt, dafs wer in allem ausdrücklich dem Eigenglück nachstrebt, es 

JakrkQcbar für di« d«at«eh« Am«« und Xarln«. Ko. 425. 14 



Digitized by Google 




198 deutlicher Offizier als einer der Griifsten unter den Denkerfilrsten. 

erst recht verliert, and enthält daher ein starkes Motiv, sich in 
SelbstverlengnaDg zn ithen. Übrigens unterschreibe ich nicht die 
Erklärung jeder Verfolgung eigener Interessen und Neigungen für 
nicht sittlich oder gar unsittlich, weil das ein Doktrinarismus ist, 
gegen den die natürliche Menschlichkeit des wirklichen Lebens ja 
doch immer Protest erhebt. Aber nicht nur die Gesinnung, es 
durch Arbeit lichter und besser in sich und um sich zu machen zu 
suchen, und zwar in dem V'ertranen, dafs sich Uber Wissen nnd 
Verstehen der einzelnen hinaus dnrch die der Welt immanente 
göttliche Vernunft die Summe der Arbeit schon zu sinnvollem Ganzen 
je nach der gleitenden Lage der menschlichen Dinge znsammen- 
scblielsen wird, also eine sich so recht in sich selbst rechtfertigende 
Gesinnung, die auch aller natürlichen Wohlmeinnng entspricht und 
allen vernünftigen Kräften nnd Instanzen in Staat und Gesellschaft 
genehm sein mnfs, — nicht nur diese Gesinnung, unter Begtttignng 
eitlen, nnphilosophischen Ehrgeizes, entspringt der Beschäftigung mit 
E. V. Hartmanns Schriften, sondern auch eine von mir wenigstens 
als fast unvergleichlich empfundene Belehrnng. Die Beteiligung an 
den grofsen allgemeinen, in sich aber wieder die Fülle der Unter- 
fragen bergenden, theoretischen nnd praktischen Lebensfragen der 
Menschheit, die Uber den stillen Frieden der fUr das MenschengefUhl 
neutralen spezialwissenschaftlichen Forschung nnd Kontroverse hin- 
aus das ganze Menschenwesen aufwtthlen, ist jetzt so grofs, so viele 
Tausende von Köpfen nnd Herzen umfiissend, dafs schon nm des- 
willen die allgemeine Unsicherheit und Zerstobenheit der den Text 
von Welt und Leben begleitenden Gedanken zu einem Grade ge- 
stiegen ist. der wohl in allen früheren Zeitaltern unerhört sein möchte. 
Man kann sich keiner Autorität mehr anschlielseu, weil die Menge 
der Autoritäten ihre Gedankenkreise gegenseitig vernichten, man 
mnfs mit bestem Wissen und Gewissen sich selber Klarheit zu ver- 
schaffen suchen. Der Philosoph des Zeitalters will aber nicht 
Autorität sein, sondern gestattet jedem die Freiheit, wo er will, es 
gegen seine Grttnde mit siegreichen GegengrUnden zu versuchen, 
zumal, wenn solche sich ihm ans der Sache anfdrängen nnd nicht 
nm der lieben Originalitätssncbt willen an den Haaren herbeigezogen 
werden. Der Philosoph des Zeitalters aber ist der, der alle Geistes- 
arbeit der Vergangenheit am besten umspannt, von der gröfsten 
kritischen Höhe Überblickt, mit der gelassensten Gerechtigkeit ab- 
wägt, nnd bei dem allen auf geheimnisvolle Orakelei auf die 
Hypothek zufälliger persönlicher Überlegenheit verzichtet, überall 
die inneren sachlichen Momente ansbreitend nnd die eigene 
Entscheidung des das alles in zweckdienlicher Bereitung Entgegen- 



Digilized by Coogl 




Ein dentaeher Offizier als einer der Gröieten unter den Denkerfttrsten. 199 



nehmendeD heransfordernd. Und dieser Philosoph seines Zeitalters ist 
auch nach diesen Gesichtspunkten £. t. Hartmann. 

Alle „Standpunkte“, d. b. alle dagewesenen Versuche der 
Lösung der Welträtsel, io sich und in ihrem Verhältnis und Zu- 
sammenhänge, können nur einige wenige ganz besonders in dieser 
Kicbtung hochbegabte Naturen — in Eduard Zeller lebt noch eine 
solche yon oberstem Range — in den umfangreichen Darstellungen, 
in denen sie sich einst dargeboten haben, übersehen; alle yorge- 
schrittensten Spitzen der Erkenntnis in den Einzelwissenscbaiten, die 
in dem jeweilig letzten Menscbenalter, gleich den Jahresringen der 
Bäume, sich ansetzen, nur einige ganz wenige Geister, denen die 
„synoptische“, znsammenschanende Gabe der philosophos physis in 
Verbindnng mit der glücklichsten Fassungskraft des Verstandes zuteil 
geworden ist, in sich aufnebmen; sie auch mit dem Urteil über 
ihren Wahrheitsgehalt beherrschen kann nur der etwa einem Zeit- 
alter geschenkte Philosoph — natürlich auch er nur in den Grenzen 
seiner Menschlichkeit — , der selber wie ein Feldmarschall au der 
Spitze der gesamten Scharen der Intelligenz des Zeitalters, weiter 
vorgeschritten als sie alle, marschiert. Steht man vor dem dnrch- 
einandergeschichteten nnermefslichen Rohmaterial der menschlichen 
Geistesarbeit, so ist hofinnngslose Kiederschmettemng unter dem 
Druck der unsäglichen eigenen Kleinheit die Reaktion der Einzel- 
seele auf das Uberschüttetwerden mit solchen chaotischen Riesen- 
massen. E. y. Hartmann nun aber besals in kaum dagewesenem 
Mal'se die geniale Kraft, ans dem allen Jedesmal die Quintessenz 
heranszugreifen, und wenn er wie ein Atlas die Erd- und Himmelskngel 
selbst überschaute, so gibt er uns nun die verjüngte Nachbildung von 
beiden zu handlichem Überblick auf unserem Tische. Wir wollen 
ja durch diese seine stellvertretende Arbeit keine quellenscbenen 
Enzyklopädisten werden, vielmehr nach unseren Kräften auch 
möglichst die Quellen selbst anfsuohen, aber mit seinem Blick aus 
der Vogelschau orientieren wir uns nnn auch in diesen ganz anders, 
als wenn wir auf gleichem Horizont unseren Blick über sie gleiten 
lassen. Etwas Vertrauen zu der Führung und etwas Abhängigkeit 
von ihr spielt da unvermeidlich mit hinein, aber viel besser ist der 
Zustand denn doch, als der der ratlosen Verlassenheit, wenn wir 
uns ganz auf uns selber stellen wollten. Wenn wir „was wir sind 
anderen schuldig“ sind, dann stuft sich das doch in äulserst ver- 
schiedenem Malse ab, gleichwie der Strom seine Gröise in sehr ver- 
schiedenem Grade seinen Nebenflüssen, aber selbst auch den Regen- 
tropfen, die ihm znfallen, verdankt: in höherem Malse als wie von 
£. V. Hartmann kann im Reiche des Geistes nach meiner und 

14 * 



Digitized by Google 




200 dentscber Offizier als einer der Orfifsten unter den Denkerfilrsten. 

mauches anderen, der es erprobt hat. Überzeugang von keinem, der 
mit uns gelebt bat, Orientiemng, Erlencbtnng, Belebmng, ja 
intellektuelle Nengeburt ansgeben, nnd dabei soll die nach so vielen 
Seiten scbnldige Dankbarkeit nicht zn kurz kommen; aber einer ist 
doch der grölste der Gabenspender und Kraftertvecker, und bei 
manchen grofsen Konkurrenten bleibt fUr mich und manchen 
anderen schon jetzt E. v. Hartmann doch weitaus der Sieger. 

Er wird als einer der ganz grolsen Namen in die Geschichte 
der Philosophie übergeben. Es branchte ja vielleicht seit dem Tode 
Sohopenbaners, den man trotz sehr grolser Menschlichkeiten nm 
sehr grofser Vorzüge willen als den bisher letzten unter diesen ganz 
grofsen Namen, die diese am spärlichsten besetzte Abteilung des 
geschichtlichen Pantheons besitzen, anseben mofs, noch kein neuer 
Platz in diesem wieder errungen oder es kiinnte auch ein anderer 
Name der letzten fünfzig Jahre dieses Platzes würdig erscheinen, 
Das erstere ist mir unmöglich zn urteilen, wenn ich mir einmal im 
Geiste gröfste Strecken ans den Werken der Grölsten mit den 
gröfsten ans E. v. Hartmanns Werken vergleichend vergegenwärtige, 
da würde ich eher noch mit dem Schriftsteller Herrn W. v. Schnehen, 
der sich \ielfach durch eindringende Sachkenntnis le^timiert, E. v. 
Hartmann für den überhaupt gröfsten aller Philosophen erklären. 
Insbesondere ranfs ich hier gegen die blofse Einordnung unseres 
Philosophen in die „Schopenhanersche Schule“ protestieren, eine Ein- 
ordnung, die entweder auf Blindheit oder Unwissenheit beruht. 
Selbstverständlich hatte er auch Schopenhauers Lehren gründlich 
geprüft, sie aber ohne eingreifende Modifikationen in keinem Punkte 
angenommen nnd war in allen Richtungen über sie binausgewachsen; 
endlich war Hegels, Schopenhauer so ganz entgegengesetzter Ver- 
nunft-Evolntionismns in noch höherem Grade Änsgangsbasis und 
Geistesmacbt für ihn wie Schopenhauers Monismus des Weltwillens. 
Ich will hier aber nicht in die Gleise der beliebten geschichtlichen 
Konstruktionen einlenken, die nach der Melodie geben: X. batte das 
gedacht. Y. das Gegenteil: nun kam es anf die Synthese beider an. 
Auf diese Weise wird die Geschichte der Philosophie eigentlich nur 
zn subjektivem Spiel der Gedankenbildnngen oder fast -dichtnngen 
nnd geht beziehungslos her unter der zn ergründenden Realität nach 
deren Indizien sie sich doch allein zn richten hat. Führen diese 
durch sich selbst zu Kombinationen früherer Aufstellungen, so ist 
das in der Ordnung, aber sich so ans Herzenslust mit neuer 
Konfiguration von Gedankensystemen herumznscblagen, das ist nicht 
Liebe znr Weisheit, sondern blols ein Spektaknlnm für rein aka- 
demische Sj)iegelfechtereien mit dem dazu gehörigen Widerhall in 



Digitized by Google 




Ein deatsober Offizier als einer der GrUfsten nnter den UonberfUrsten. 201 

den Zaschanern, die flii die Viitnoeität von DenkkUnstlern and den 
Astimationswettlanf der Gelben and der GrOnen, aber fUr den Emst 
der Philosophie keinen Sinn haben. £. v. Uartmann hat ja, mehr 
als es meinem Geschmack und Gefühl lieb ist, gar nicht selten diese 
konstruktive Redeweise Uber Verhältnisse von Systemen -im Systemen 
mitgemacht, aber die oberste philosophische Tagend, die absolute 
Wahrheitsliebe, steht doch anderweitig bei ihm so sicher, dals dieser 
sein Tribut an eine auf Scbelling und Hegel zurttckgebende Dar- 
stellungsliebhaberei der Hoheit seiner Stellung unter allen Philosophen 
nichts anhaben kann. 

Unser Zeitalter bat wirklich auch auf dem reingeistigsten Gebiete 
nicht nur Epigonentum, sondern auch einen DenkerfUrsten wie Plato 
und Aristoteles, Spinoza und Kant es fUr ihre Zeiten waren and in 
der Schätzung der Jahrhunderte bleiben werden, hervorgebraebt, und 
zwar nach meiner und bis jetzt allerdings nur einiger anderen 
Überzeugung eben in E. r. Hartmanu. Neben ihm könnten Rlr diesen 
Uerrsebertbron, trotz vieler ausgezeichneter Geistesarbeit von doch 
nicht erstem Range, nur in Betracht kommen Wilhelm Wandt oder 
Friedrich Nietzsche. Der erstere ist in einigen philosophischen 
Sonderdisziplinen, der Psychologie, Logik, Ethik and Sprachphilosophie 
an abnormster Eindringlichkeit der Denkkraft E. v. Hartmann völlig 
ebenbürtig, in diesen Fächern sogar teilweise Überlegen, aber den- 
Gesamtbau der Seinssystematik hat er doch nicht so sehr als Lebens- 
aufgabe wie in nebenher laufender Skizziemng betrieben. Er würde 
sich auch selbst den wenigen Majestäten der Weltphilosopbie nicht 
an die Seite stellen. Schopenhauer verdient alles in allem immer- 
hin diesen Platz, so wenig gern man ihn ihm auch gerade auf 
seine eigenen unbescheidenen Reklamationen aaf denselben ein- 
ränmt. E. v. Hartmann hat sich nie darüber ausgesprochen, welcher 
Platz ihm nach seiner Überzeugung gebttbre, dazu batte er persönliche 
Interessen and Eitelkeit zu endgültig in seiner Seele der Übermacht 
philosophischer Gesinnung zu Fülsen gelegt, aber wenn man ihn 
gefragt hätte: dort Platos Dialoge, Aristoteles esoterische Schriften, 
Spinozas Ethik, Kants Kritiken, hier die Philosophie des Un- 
bewnfsten, deine Systematiken der Ethik, der Religionsphilosopbie, 
der Ästhetik, der Erkenntnistheorie, der Kategorieenlehre, der 
Psychologie, der Physik, der Biologie, der nnermelsliche Reigentanz 
der Nebenwerke nicht in Anschlag gebracht, — hältst du dich jenen 
vieren und den wenigen ihres gleichen ebenbürtig oder nicht? Er 
hätte, glaube ich, mit demütiger Wahrhaftigkeit geantwortet: Eis hat 
Gott beliebt, in dem Menschen, der zufällig nun eben dieser hier 
ist, ein jenen gleichwUrdiges Gefäls seines Geistes zn schafien, und als 



Digiiized by Google 




202 ^ deutscher Offizier als einer der Oröfsten unter den Denkerfürsten. 

Mensch darf ich mir das Zengnis geben, nach besten Kräften mit 
meinem Pfände gewuchert zn haben. 

Ich weite, date der Platz, den ich fUr E. r. Hartmann in An- 
spruch nehme, schon von vielen Zeitgenossen an Friedrich Nietzsche 
vergeben ist. Aber wer sind diese vielen? Sind es Menschen, die 
durch langjährige ernste Stadien den Gehalt der groteen Philosophieen 
miteinander gründlich vergleichen können, denen es mit der wirk- 
lichen Wahrheit ganz ernst ist, ancb wenn die Pointe nicht in dem 
Eündmck dessen liegt, was die Menschen hinüber and herüber reden? 
Die die gediegenste Vorbildung und viel Erfahrung hinter sich haben 
und den gereiftesten Menschen aller Berufe den Eindruck von Autori- 
täten machen? Es sind meist jüngere Personen beiderlei Geschlechts, 
die bei den anderen groteen Philosophen nicht so tief in die Lehre 
gegangen sind, um ein genaues Gefühl davongetragen zu haben, 
was alles den ganz groteen Denker macht, denn Nietzsche mülste 
wahrhaftig ein ganz neuer l^pus desselben sein, der die Vergangen- 
heit zuschanden machte. Es sind Menschen, die auch bei der 
Philosophie noch etwas anderes suchen, als für sich selbst alle Un- 
ruhe zu löschen darüber, was es denn eigentlich mit dem Ursprung, 
Ziel und Sinn des Daseins für eine Bewandtnis haben möchte, die 
vielmehr in dem lauten Gerede darüber gern mit ihrer Stimme 
durcbschreien möchten, die viel mehr als die erste Frage der Philo- 
sophie, Was ist? die zweite lieben. Was sollen wir tnnf, aber so, 
date sie die Anti^’ort nicht mit der aut die erste Frage in Einklang 
setzen, sondern vielmehr durch das Neue und Verblüfiende ihrer 
Antwort Eindruck machen und eich nach Herzenslust und nicht 
nach Malsgabe der Vernunft aasleben wollen. Unser bestes Gefühl 
ist doch dafür, dals wir Menschen auch ohne die Bestätigung durch 
philosophische Theorie schon an und für sich im groteen und ganzen 
auf dem richtigen Wege in der Erfassung des für uns geltenden 
Sollens sind; „Das alte Wahre, fatet es an!“ Es sind Menschen, 
denen doch die Nengestaltnng des Lebens nicht ohne die aller- 
grOteten Bedenken derer, die bisher den gröteten Einfiute auf die 
Gestaltung des Lebens gehabt haben, anvertraut werden könnte, die 
ein Drüber und Drunter des Bestehenden hervorraten würden, mit 
höchst zweifelhafter Aussicht, ob das an dessen Stelle zu Setzende 
höheren Wert an Glück, Kultur und Vernunft für die Menschheit 
haben würde. Es sind Menschen, die nicht schon durch ander- 
weitige unzweifelhafte grotee positive Leistungen das Vertrauen für 
die Güte ihrer Neuerungen erwecken könnten. Sie gehören meist 
nicht zu der Kategorie derer, die durch Erfüllung bestimmter Vor- 
bedingungen im geistigen und praktischen Leben die Präsumtion 



Digitized by Googl 



deutscher Oifizier sIs einer der GrdCsten nnter den Denkerfllrsten. 203 

der Tüchtigkeit fllr sich haben, das alles ist ja phUiströser Zopf 
and angenialer Bocksbeutel fttr sie, sondern sind Freibeater auf 
dem weiten Meere schifibrtlchiger oder noch nicht in den Hafen 
eingelaafener Geistesabentearerei. Die schriftstellerisch Tätigen nnter 
ihnen weisen sich ja allerdings Ober Geistesreichtnm und Bildung 
aas, aber sie sind trotz beträchtlicher Zahl in verschwindender 
Minderheit gegen die zahllosen Mitläufer. Unsere akademischen 
Lehrer der Philosophie, die ja nicht alle grofse Originalphilosopheu 
sein wollen oder sollen, aber doch sicher im grolsen und ganzen 
die beste Auslese der Sacbverstäudigkeit Uber philosophische Leistungen 
darstellen, haben sich freilich — wie nach seinem Tode mit Schopen- 
haner, mit E. v. Hartroann bis jetzt noch wenig — in den letzten 
Jahren mit Vorliebe eingehend mit Nietzsche beschäftigt und seinen 
schriftstellerischen Glanz, die Originalität seiner Gedanken vollauf 
anerkannt, aber dafs diese Gedanken auf dem vernünftigen Wege 
des Erkenutnisfortschrittes lägen, dals sie haltbaren Inhaltes wären 
und alte gute Errungenschaften der Menschheit, den besten bis- 
herigen geistigen Besitzstand der tonangebenden Allgemeinheit 
antiquiert und richtige Zukunftswege gewiesen hätten, das hat 
noch keiner von ihnen resolviert. Und wer war Nietzsche selbst? 
Ein grofses Glanzgestirn ganz gewifs, das lälst sich schon nach den 
letzten 15 Jahren nicht leugnen, also auch mehr als ein Meteor, 
aber vergänglich wie dieNova Tychonis in der Kassiopeia, das glaube ich 
doch, jedenfalls kein Glanzgestirn von der soliden Art der bisherigen 
Geistesleucbten der Jahrhunderte, sondern ein schimmernder Nebel, der 
zerfliefst, ehe er sich zu einer Sonne verdichtet hak Welches der 
alten grofseu und ihrer Natur nach ewigen Hauptprobleme der 
Philosophie hätte er denn neu belichtet oder gefördert? Höchstens, 
dals er nach E. v. Hartmanns scharfblickender Bemerkung das 
Verdienst hat, den praktischen Anarchismns als die wahre logische 
Konsequenz des „transzendentalen Idealismus“ enthüllt zu haben. 
Statt dessen hat er neue Probleme aufgebracht, die die individuellen 
seiner Person waren. Aus der ernsten Aufgabe der Philosophie 
wachsen sie nicht hervor, sie hätten ja sonst wahrhaftig von der 
vereinten SpUrkraft des wissenschaftlichen Geistes schon längst ent- 
deckt sein müssen, da sie, deren sich nun irrlichtelierende Sekundaner 
und neumodische Backfische bemächtigen, wirklich nicht von so un- 
erhörter Verständnisschwierigkeit sind. Der „Wille zur Macht“ ist 
eine Verschlimmbesserung schlimmster Art, aus dem sozialen Ge- 
sichtskreise der Ehrgeizlinge auf die grolse, in naiv erhabener Ein- 
falt nach Schopenhauers viel zutreffenderer Ansicht nach Leben 
lechzende Natur übertragen. Die „ewige Wiederkunft des Näm- 



Digitized by Google 




204 ^ deatscher Offizier ab einer der Qrölsten unter den DenkerfUrsten. 

liehen" mUlBten wir ruhig auch in dem jetzt za dorchlebenden 
Weltgeschehen zam sten Male verwirklicht ansehen, and was hätten wir 
davon? Nietzsches Zajanebzen za diesem angeblichen Gedanken der 
Gedanken könnte wahrhaftig keinen Widerhall in ans linden. Ge- 
spielt haben auch andere Philosophen und Nicbtpbilosopben schon 
mit solchen Einfällen, aber sie sind mit Recht über ihnen als 
schillernden Seifenblasen zor Tagesordnang Ubergegangen. Hätte 
ferner Nietzsche denn sich zunächst einmal nach Menschenmöglicbkeit 
das amfassende Wissen seiner Zeit angeeignet, ohne das, wie es je- 
weilig war, als eine Grundlage zu achten kein grofser Denker za 
seiner Zeit za seinem noch tieferen Nachdenken geschritten ist? 
Im Vergleich mit einem Aristoteles, Leibniz and den anderen 
solchen Universalisten des Wissens and in dem nächstliegendeu Ver- 
gleich mit Wandt and E. v. Hartmann zeigt Nietzsche in dieser Be- 
ziebnng nachweislich die klafiendsten Lücken. Und Uber die Werte, 
die eigentlichste schöpferische and Herzensangelegenheit der Menschen, 
sollte der vernünftige Instinkt der Menschheit bisher so in der Irre 
gegangen sein, dafis Nietzsche erst alles hätte aaf den Kopf stellen 
müssen? Nein, dieser Maan verdient in dieser heiligen Angelegen- 
heit denselben Hals wie der Anarchismus, der sich mit etwas von 
Recht an! ihn beruft. Nietzsches Wertansichten gehören nicht in 
die Schatzkammer der Jahrtausende, sondern aaf den Jahrmarkt der 
Eintagsseelen, der vorüberrausebenden Emporkömmlinge vergäng- 
licher Zeitwellen. Wenn das Sinnbild der Wirknng, die auf die 
Menschheit von ihren gottbegnadigtsten Geistern aasgeht, das Licht 
der Sonne ist, das immerdar alle Weiten des Weltalls darebdringt 
and in ruhige Klarheit eintaaebt, and nicht das Feuerwerk, das zam 
Ergötzen derer, die sich gerade dazu eingestellt haben, abgebrannt 
wird and in sich erlischt, dann kann Nietzsche nicht za jenen be- 
gnadigtsten Geistern gehören; den lärmenden Applaus des Angen- 
blicks wird ja freilich das Feuerwerk, und nicht die Himmelslenchte 
davontragen. So sei denn gesagt: Gleichwie von dem in seinem 
angebundensten Spiel des Witzes und der Phantasie ernstesten Kritiker 
des Geistes des nacbperikleiscben Zeitalters (Aristophanes) der geistreich 
zersetzende Earipides von dem Thron des Dichterfürsten, den ihm 
Epigonen errichtet hatten, gestürzt and der ehrwürdige Aesebylos 
auf ihn erhoben warde, so wird ein nicht fernes gerechtes Urteil 
den Sessel im philosophischen Walhalla, aaf den vorfrUh der Ditbyram- 
biker der genialen Willkür geschoben war, für den ernsten tief- 
sinnigen Nachspttrer der Gottesvemanft and Verkünder ihrer Herr- 
schaft Uber das Leben frei machen: E. v. Hartmann and nicht Fr. 
Nietzsche wird der grofse Philosoph unseres Zeitalters genannt 



Digitized by Google 



Ein deatooher Offizier als einer der UrOfsten unter den DenkerfUrsten. 205 

werden. Man verarge mir nicht, dafa ich in einem Anfsatz Uber 
£. T. Hartmann znm Schlnls anaftthrlich über Fr. Nietzaehe geurteilt 
habe. Denn „Gegenaätze“ haben nach Aristoteles „dieselbe Wissen* 
achaft“. Ist der erste oder der zweite der echte Philosoph nnserea 
Zeitalters, so fragte es sich, und darum mnfste ich sie gegenein- 
ander projizieren. 

Ein nngebenres Kapital bat die Voraebnng mit der letztmonat- 
lichen tödlichen Erkranknng £. v. Hartmanns der Zirkulation der 
irdischen Geisteskräfte gekündigt und mit seinem Tode entzogen. 
Wann und in wem sie es wieder zurUckf Uhren wird, das ist fttr 
uns in Dunkel gebullt. Aber vier Jahrzehnte lang hat dieses Kapital 
in Jener Zirkulation wunderbar gearbeitet, und die Werte, die es 
geschaffen bat, ragen in einem unvergänglichen idealischen Riesen- 
bau Uber den niedrigeren realistischen Schöpfungen des technischen 
Zeitalters. £. v. Hartmann hat noch in seinen letzten Lebensjahren 
seinen Gedankenpalast ohne dessen Nebenbanten und -Anlagen noch 
einmal in einem Modell von reijUngtem Malsstabe zu grölserer 
Übersichtlichkeit nacbgebant. Sein „System der Philosophie“ wird 
sich im Laufe der beiden nächsten Jahre in der Einzeldarstellung 
von sieben philosophischen Hanptdisziplinen darbieten. Der genauen 
Durchsicht des Manuskriptes der hundert Druckbogen dieser zu- 
sammenfassenden Darstellung hat er die letzten Monate des Jahres 
1905 gewidmet. Übrigens, ohne kaum irgend etwas noch zu ändern: 
die kolossale Übung seines arbeitsreichen Lebens hatte ihm all- 
mäblicb die gröfste Sicherheit in der Produktion verlieben. Die 
noch arbeitsfähigen ersten drei Monate des Jahres 1906 hat er dem 
Vorstudium zu einer „Philosophie der Geschichte“ gewidmet, dessen 
notwendige Länge er auf drei Jahre ansetzte. Seine näheren Schüler 
bedauern aufs tiefste, dafs ihm die Vollendung dieses Werkes nicht 
mehr vergönnt gewesen ist. Er selbst bat auf seinem Sterbelager 
in seiner Bescheidenheit geänlsert, dals die Vorsehung dieses Werk 
wobl einer grölseren Kraft anfgespart habe. Auch die „Philosophie 
der Sprache“ bat er nicht mehr als besonderes Werk ex professo 
behandeln können. Doch liegen fUr sie wie fUr die Philosophie 
der Geschichte in dem weiten Umfang seiner Schriften schon die 
wertvollsten Ansätze und Fingerzeige. Eine ausgezeichnet geordnete, 
sachlich klassifizierte und bis 1900 vollständige Übersicht aller seiner 
fUr systematische und kritische Philosophie irgend belangreichen 
Schriften findet sich, ein unvergleichlicher Grnndrifs zur Orientierung, 
im Anhänge des zweiten Bandes seiner „Geschichte der Metaphysik“, 
sie fällt dort nicht weniger als S. 601 — 608. Hinzugekommen sind 
seit 1900 noch als gröbere Werke: „Die moderne Psychologie“ 



Digitized by Google 




206 



Die ballistisehe Enrve. 



(1901, 458 S.), „Die Weltauschanong der modernen Physik“ (1902, 
232 S.), „Das Christentnm des Neuen Testaments“ (1905, 316 S.). 
„Das Problem des Lebens“, im speziellen Sinne der natnr-philo- 
Bophisoben Biologie (1906, 440 S.). Ancb die blolse Quantität 
dieses Schaffens muTs doch ein Staunen abnötigen ; aber die Quantität 
schlägt ancb nach Hegel in die Qualität um, hier hat sie es kaum 
noch nötig, da jede Probe eines Einblicks in diese allemenesten 
Werke beweist, dafs einzigartige Klarheit und Tiefe Überall die 
Fülle dnrchdringe. 



XIII. 

Die ballistische Kurve. 



Von 

Kamön Gonzalez Fernandez, 
Fregattenkapitän der Marine der Republik Argentinien. 

(Forsetzung.)') 



Die Berechnung von Schnfstafeln. 

ln dem ersten Teil der Arbeit sind auf hyperbolischer Grund- 
lage die Formeln abgeleitet, welche die Berechnung der Flngbabn- 
elemente für eine bestimmte erschossene Flugbahn ermöglichen. 

Die nächste Aufgabe ist nun, auf den vorher entwickelten 
Formeln anfbanend Beziehungen zu finden zwischen dieser er- 
schossenen Flugbahn und jeder anderen Flugbahn, welche aus dem- 
selben Geschütz mit demselben Gescbofs und derselben Anfangs- 
geschwindigkeit erschossen werden kann. Gelingt es hierbei die 
Beziehungen zwischen Abgangswinkel und Scbnlsweite zu ermitteln, 
so ist mit Hilfe der bereits bekannten Formeln mit Leichtigkeit die 

') Vgl. Jahrbücher für die deutsche Armee und Marine Nr. 411, 
Dezember 1905. 



Digitized by Google 



Die bftlUetiBobe Kurve. 



207 



Schufetafel für ein Geschütz anfzustellen, weiches mit einem bestimmten 
Oesohols, einer bestimmten Anfangsgeschwindigkeit auf irgend einer 
^liebigen Entfernung und einer bestimmten Luftdichte an der 
-Mündung einen einwandfreien Versnchsschufs abgegeben hat. 

Der Gang der Entwicke- 



lung ist in knrzem folgender; 
Man nimmt in der erschossenen 
Flugbahn des Versnohes einen 
beliebigen Punkt D an und 
verbindet denselben mit dem 
Anfangspunkt der Flugbahn O 
nnd dem Endpunkt der Flug- 
bahn C. Diese beiden Verbin- 
dnngslinien schneiden die beiden 
Parabeln, zwischen welchen die 
Flugbahn eingescblossen liegt, 
nnd von denen die eine den 
Abgangswinkel die andere 
den Abgangswinkel besitzt, 
nnd zwar schneidet OD die 
untere Parabel in A, CD die 
obere Parabel in B. 

Es wird bewiesen werden, 
dats die Punkte A und B auf 
derselben Ordinate liegen, folg- 
lich die gleiche Abszisse in 
einem senkrechten Koordinaten- 
system mit dem Anfangspunkt 0 
haben, in welchem die horizontale 
Schnfsweite die AT- Achse ist. Es 
wrd ferner gezeigt werden, dafs 
die über ()F im luftleeren 
Raume und Uber OH im Inft- 




erfbUten Raume stehenden Flug- 
bahnen — welche natürlich ver- 
schiedene Anfangsgeschwindig- 
keiten haben, den gleichen Ab- 
gangswinkel besitzen, nnd ferner, ^ 

dafs die über OH stehende Flugbahn im InfterfUliten Raume die- 
wlbe Anfangsgeschwindigkeit besitzt wie die Flugbahn des Schielis- 
versnches, in der der Punkt D liegt und dafs ebenso die Flugbahn, 
welche über OF im Inflleeren Räume steht, die gleiche Anfangs- 



Digitized by Google 



208 



Die b«lUstisobe Kurve. 



gescbwindigkeit bat wie die Flagbabn, in welcher der Punkt Ä liegt 
Wenn also in einem beliebigen Punkte der borizontalen Scbuls- 
weite ff die Ordinate gezogen wird, bis sie die Uber dieser ScbnJs- 
weite stehende Flugbahn in D schneidet so wird im folgenden 






bewiesen werden, dals, um die 
Scbulsweite Off im InfterfUllten 
Kaume mit der Anfangsge- 
schwindigkeit des Versuches zu 
erreichen, derselbe ErbUhungs- 
winkel nötig ist, wie er er- 
forderlich ist utu mit der An- 
fangsgeschwindigkeitder unteren 
Parabel die Scbulsweite OF zu 
erreichen. 

Durch diesen Beweis würde 
das Problem im grolsen und 
ganzen gelöst sein. Aus der 
Scbulsweite des Versuches und 
dem Abgangswinkel fio haben 
^ wir die Anfangsgeschwindigkeit 
•0 fUr die untere Parabel. Hit 
m dieser Anfangsgeschwindigkeit 
und der Entfernung OF ermitteln 
wir den Abgangswinkel fUr die 
Uber OF stehende Parabe (Flug- 
bahn im luftleeren Raume). Hier- 
bei ist OF zu ermitteln durch 
die Tangente e, welche gleich 

ist. Der so gefundene 
Oll 

Abgangs Winkel ist der gleiche, 
welcher nötig ist, um im luft- 
erfullten Raum mit der .Anfangs- 
geschwindigkeit des Versuches 
die Schufs-weite OH zu er- 
reichen. Da man auf diese 
Weise zu jeder beliebigen Schnls- 
weite die zugehörigen Abgangswinkel bestimmen kann, kann man 
mit Hilfe der im ersten Teil abgeleiteten Formeln ohne Schwierig- 
keiten die Schufstafel aufstellen. 

Die Bild 2 stellt eine Reibe von n-Parabeln mit vertikaler 
Achse dar (Flugbahnen des Geschosses im luftleeren Raum), welche 




Digitized by Google 



Die ballisUsohe Kurve. 



20 » 



denselben Anfangspunkt 0 und denselben Abgangswinkel NOM = 
haben. 

Wir nennen OC, = Z„ OCj = Z|, OC, = Z, die Scbofsweiten 

dieser Flugbahnen und wir nehmen an, dals F,, F„ Fj 

F„ die zugehörigen Anfangsgeschwindigkeiten sind. 

Ziehen wir jetzt vom Anfangspunkt 0 die Gerade OD, welche 

die verschiedenen Parabeln in den Punkten Z,. Z„ Z. 

schneidet, so hat die Verbindung dieser Punkte mit 0 stete den- 
selben Neigungswinkel DOM=t zu der Z-Achse eines durch 0 
gelegten senkrechten Koordinatensystems. Wir nennen die Abszissen 
der Punkte: oa, = x„ ooj = x^, oa^ = *, ; die entsprechen- 
den Ordinaten y^=:A^a^^, y, = Z} 0 ); y| = Z,a, 

Hieraus ergibt sich: 

1 t = yi=yi=, y* , y^ 

^3 

Wir nennen ©x,, 0^, die Abgangswinkel, 

welche nötig sbd, um im luftleeren Kaum die Schnlsweiten x^, 

Xf X, zu erreichen unter Verwendung der entsprechenden 

Anfangsgeschwindigkeiten F,, F„ F, F„. Setzen wir ferner 

fest, dafs wir im luftleeren Raum mit dem Abgangswinkel 

u. F, die Schulsweite Z, erhalten = OC, 



M V 

’-'t* « '2 ** 




= OCj 


©. . F, , 


z, , 


= OC, 




usw. 




©« . F„ , 


z„ 


= oc„ 


©., n F, „ 


n Z^, M 


= Oa^ 


©.. . F, , 


"■ z, „ 


= Oa., 


V 

*J Fj „ 


Z, „ 


= Oa, 




usw. 




Ö V 

W ' M « 


r Z„ „ 


= Oa„ 


so erhalten wir: 






1 y _ Fj sin 2 ©„ y _ 


V\ sin 2 ©„ „ 


Fj sin 2 ©o 


•w ‘ y ’ ’ 


9 ’ 


9 


\ F; sin 2 ©X, 


F| sin 2 &X, 


Fj sin 2 ©X* 


[ X^ — - , X) — 


9 


9 



Wir wollen jetzt beweisen, dafs: 

©X, = ©X, = ©X. = . . . . . ©x„ 

oder, dals, wenn es sich um Parabeln mit vertikaler Achse handelt, 
welche denselben Anfangspunkt und denselben Abgangswinkel haben, 



Digitized by Google 




210 



Die ballistisobe Kurve. 



aach unter sieb gleiche Abgangswinkel nötig sind, um im Initleeren 
Raum Schalsweiten zn erhalten, welche gleich sind den Abszissen 
jener Punkte der Parabel, deren Verbindungslinie durch den Punkt 0 
gebt und mit der X-Achse den Winkel s bildet und zwar immer 
dann, wenn in jedem einzelnen Falle die Anfangsgeschwindigkeit die 
gleiche ist mit derjenigen der Parabel, zu welcher der Punkt gehört, 
um welchen es sich gerade handelt. Nun ist die allgemeine Gleichung 
einer Parabel mit vertikaler Achse: 

_ ( A— taug 

o. y — y 

Hieraus erhalten wir: 



4 . 



_ (X, — :r,).r, lang 

y, — 

(-Y, — .rj) lang f-K 

!h — 1- 

_ (X,— j-j) j:j lang 

X, 

USW. 

_ (Z„ — r„)j-„tang f'K 
•V" Y 



aus denen sich wieder ableiten läfst: 



tang e = 



lang * = 
tang E = 



ijx _(X,— .r,)tang 
X, ‘ A, 

ilt_{Xj — .T^) tang f-K 

X, X,~ 

y, _(X, — ./:,)tang (% 

X, A, 



USW. 



taug ^ = 



yn _ (X, — .r„) tang 0„ 
Xn A'„ 



woraus wir erhalten: 



( A, — j-,) tg ©„ _ (X, — j:,) tg ©„ _ (X, — .r,) tg ©„ 

X ' X, ~ x: 

(X„ — .r„| tg 

■ X. 

oder: 



l — 



X, 

X 






1 — 





Digitized by GoogU 




Die baUiitiaobe Kurve. 



211 




Wenn wir in der Gleichung (5) die Werte der Gleichung (2) 
emsetzen, so erhalten wir: 

VJ sin 2 0^, l'J sin 2 @v, 11 sin 2 vl sin 2 

9 9 q Y 

n sin 2 00 VI sin 2 ©„ II sin 2 0<, ~ r*gino o) 

9 9 V - y 

oder vereinfacht: 

sin 2 0^ _ sin 2 0^, _ sin 2 0i, sin 2 0x„ 

sin 2 0u sin 2 0„ “ sin 2 0^ . • . . . 

woraus folgt: 



sin 2 0^, = sin 2 0^. = sin 2 <-J^— sin 2 

und weiter folgt: 



/ö im} f.} 



was wir beweisen wollten. 






fl 



(S. Kig. 2a, S. 2l:i.) 



Wir nehmen ferner eine Anzahl Parabeln mit vertikaler Achse, 
welche gemeinsam haben den Failpunkt C und den Fallwinkel 
MCN — 0,, so haben diese auch alle den gleichen Abgangswinkel. 

Es seien 0,C= X„ O^C — OjG = Xg nsw. die zugehörigen 
Schulsweiten. Wir nennen ferner, wie früher, die zugehörigen 
Anfangsgeschwindigkeiten F„ Vj, Vf F». 

Wir ziehen nun vom Failpunkt C aus die Gerade CD, welche 

die ebzelnen Parabeln in den Punkten A,, A„ A, A« 

schneidet, so bildet die Verbindungslinie jedes einzelnen dieser 
fbnkte mit D, den gleichen Winkel e' mit der X-Aobse der durch 
Oj, Og, 0, und C gelegten senkrechten Koordinatensysteme. 
DCM = 

Wir nennen die Abszissen diraer Punkte 

X, — Oja„ Xj = OfOf, xg = Ogog nsw. 
nnd die Ordinaten derselben Punkte 

y, = A,a„ y, = A,Oj, yi = A,ag. 



Digitized by Google 




212 



Die ballistische Koree. 



Hieraus erhalten wir; 

6 . = 

A^i — Xj *^2 




Wir nennen ferner f'ix, die Abgangswinkel, 

welche notwendig sind, um im luftleeren -Raum die Schnlsweiten 
3-,, x„ X, .r„ zu erreichen, jedesmal die zugehörige Anfangs- 
geschwindigkeit 7,, l'j, 7j 7, verwendend. 

Wir wissen nun, dals wir im luftleeren Kaum mit 



Abgangswinkel 


&a und 


® I 


die Schulsweite A’’, = 0,f’ 


»• 


©« « 




„ r> OjO 


f« 


©„ „ 


V, 


X, = 0,0 


,, 




7, 


x„ = o„c 


und ferner mit 


Abgangswinkel 




1'. 


„ ,, X, = 0,«, 


.. 


©X, .. 




X, = 0,a, 




©X, 


V. 


■r, = 0,a, 


,, 


©x„ 


V» 


.. ,* Xn ©«Oft 



Hieraus ergeben sich folgende Formeln: 



.. 7; sin 2 ©„ 

A.- - 


„ 7.J sin 2 ©„ 

A j = usw. 

ff 


7f sin 2 ©X, 


Vi sin 2 ©X, 

r naw 


ff ’ 


.# « — — USSfT, 

9 



Wir wollen jetzt zeigen, dals auch in diesem Falle 

(•K, = (‘K, = ©r, usw = ‘8*. 

oder dals; wenn es sich um Parabeln mit vertikaler Achse handelt, 
welche den Endpunkt und den Fallwinkel (oder den Abgangswinkel) 
gemeinsam haben, auch die Abgangswinkel die gleiche Gröfse 
haben werden, die notwendig sind, um im luftleeren Kaum Schols- 
weiten zu erhalten, die gleich sind den Abszissen der Punkte dieser 
Parabeln, deren Verbindungslinie mit dem Fallpnnkt eine Gerade 
bildet, deren Neigungswinkel zur X-Achse c' sei, immer naWrlioh 
nur dann, wenn man in jedem Falle die Anfangsgeschwindigkeit 
deijenigen Parabel verwendet, in der der Punkt liegt, um den es 
sich in jedem gegebenen Fall bandelt. 



Digitized by Google 




Die balUstiMhe Karre. 



213 



Mit Hilfe der Gleichaog (3), der aUgemeineu Oleiehnng der 
Parabel, erhalten wir in vorliegendem Falle folgende Oleichnngen: 




Xi, Z„ Z, nsw. ans der Gleiobong (7) einsetzen. so erhalten wir 
das erhodte Resultat, nämlich 

= ©" = ©,- 

Wir haben also folgendes Gesetz bewiesen: „Wenn es sich um ver- 
schiedene Parabeln mit vertikaler Achse handelt, welche gemeinsam 
haben 

Jakrb6«k«v f6r di« dtnteok« Arm«« and Mniin« N». 426. ]5 



Digitized by Google 




214 



Die btUlstlBobe Kurve. 



1. den Anfangspnnkt und den Abgangswinkel, oder 

2. den Endpunkt nnd den Fallwinkel, 

aoch die Abgangswinkel die gleiche Grölse haben, welche nötig sind, 

am im Inftleeren Raum Schnls- 
^ weiten za erhalten, welche gleich 
sind den Abszissen der Punkte 
dieser Parabeln, deren Ver- 
bindungslinie im ersten Fall mit 
dem Anfangspunkt, im zweiten 
Falle mit dem Endpunkt eine 
gerade Linie bildet, deren Nei- 
gungswinkel im ersten Falle e, 
im zweiten Falle *, genannt 
werde; immer aber unter der 
Voraussetzung, dals man in 
jedem Falle die Anfangsge- 
schwindigkeit der Parabel ver- 
wendet zu der der betreffende 
Punkt gehört. 

(S. BUd 3.) 

Es sei ODC eine Hyperbel 
(Flugbahn im lufterfUllten Raum) 
mit der Schuiaweite OC = X 
und dem Abgangswinkel 
NOC = &o dem Fallwinkel 
MCO = und der Anfangs- 
geschwindigkeit V. 

Wir wissen, dals diese Flug- 
bahnkurve eingeschlossen liegt 
zwischen der Parabel OAC über 
derselben Schulsweite CO = X, 
welche denselben Abgangswinkel 
mit der Hyperbel gemeinsam 
hat und der Parabel OBC eben- 
falls Uber derselben Schalsweite 
CO =X, welche mitderHyperbel 
den Fallwinkel gemeinsam hat. Die zugehörigen Anfangsgeschwindig- 
keiten dieser Parabeln nennen wir F« und Vß . 

Wir ziehen vom Anfangspunkt 0 die Gerade OP, welche die 
Parabel mit dem Winkel im Punkte A und die Hyperbel in dem 
Punkte D schneidet. Wir verbinden den Punkt D mit dem Fall- 




Digilized by Google 



Die balUitisobe Kurve. 



215 



pnnkt C and erhalt«i so die Gerade CQ, welche also die Hyperbel 
ebenfalls hn Punkte D und die Parabel mit dem Winkel S, im 
Punkte B schneidet. Man sieht, dals die Punkte A und D nüt der 
Geraden OC den Sitnationswinkel POC ^ c, und die Punkte D 
und B mit der Geraden CO den Sitnationswinkel QCO = t' bilden. 

Wir nennen die Abszisse dieser Punkte x, = OF, x, = OO 
und X = OH, und die Ordinaten derselben y, = AF\ y, = BO 
und y = DH. 

Wir kennen die iülgemeine Gleichung der Hyperbel und Parabel 

= ( -y — ag) X t g «0 t g &, 

^ (X— ir)tg Ö,+ xtg«„ 






Hieraus folgt: 



„ = (X — ■/:) X tg tg e. 
^ (X— x) fg©,-f xtg©„ 



.Vt = 



Vi = 



(X— x,)x, tg ©„ 
X 

(A Xj) .t ' i t g ©e 
X 



Ferner sind folgende Gleichungen richtig: 

y _!/i 






tgt' = 



'/ 



yt 



X-x X—x, 



(B) 

(C) 

(D) 



Wir setzen wieder fest, dai's wir erhalten: 

im InfterfUllten Kaum 

mit ©, und V die Schnlsweite X, dabei ©e als Fallwinkel erhaltend, 

und im luftleeren Kaum 

mit 0„ und die Schnlsweite X, 

mit ©c und die Schnlsweite A', 

was besagt, dals: 

sin 2 ©o P», sin 2 ©• 

<J “ 9 

15 * 



10. X = 



Digitized by Google 




216 



Die ballistüobe Kurve 



Wir halten im Gedächtnis, daTs die Parabel mit dem Wmkel S„ und 
die Hyperbel gemeinsam haben den Abgangswinkel und den An- 
fangspunkt, die Parabel mit dem Winkel 0, und die Hyperbel den 
Fallpunkt und den Fallwinkel. 

Wir werden zeigen, dafs das vorher fttr die Parabeln abgeleitete 
Gesetz anch anwendbar ist, wenn es sich um Parabeln und Hyperbeln 
bandelt 

Daher wollen wir zuerst annehmen, dafs das Gesetz gültig sei 
für die Parabel mit dem Winkel und die Hyperbel, die den 
gleichen Anfangspunkt und Abgangswinkel besitzt. 

Wir nennen den Abgangswinkel, welcher nötig ist um im 
luftleeren Kaum mit der Anfangsgeschwindigkeit Fe„ die Schnisweite 
OF = Xj zu erhalten, nach dem bewiesenen Gesetz wird man mit 
dem gleichen Abgangswinkel und der Anfangsgeschwindigkeit V im 
InfterfUllten Kaum die Schulsweite OH—x erhalten und wenn wir 
annehmen, dafs der Fallwinkel dieser Uber OH stehenden Flug- 
bahn sei, so wird dieser Fallwinkel gleich sein dem Abgangs- 

winkel, welcher nötig ist, um im luftleeren Kaum die Schulsweite 
OF = X, mit der Anfangsgeschwindigkeit zu erreichen. 

Wir erhalten also: 

im lufterfUllten Kaum 

mit und V die Schnisweite x und den Fallwinkel 

im luftleeren Kaum 
mit und die Schufsweite x, 

Wir wissen also, dafs: 

_V%„ 8in 2 _ Fl, sin 2 

XI« STi — — • ~ — - 

9 9 

ist. 

Wir nehmen jetzt ferner an, dafs das vorher abgeleitete Gesetz 
für die Punkte der Parabel mit dem Winkel 0, und diejenigen der 
Hyperbel gilt, da diese beiden Kurven den Endpunkt und den Fall- 
winkel gemeinsam haben. 

Wenn wir annehmen, dafs der Abgangswinkel sei. um im 
luftleeren Kaum mit der Anfangsgeschwindigkeit F^ die Scbnfs- 
weite 00 = x, zu erhalten, so wird dieser selbe Winkel > nach 
dem abgeleiteten Gesetz, der Fallwinkel derjenigen Flugbahn im 
InfterfUllten Kaum sein, welche mit der Anfangsgeschwindigkeit V 



Digitized by Google 




Die balUstisehe Kurve. 



217 



die Schafsweite OH = x ergibt, nnd deren Abgangswinkel wir 
nennen wollen. Dieser Abgangswinkel ist demjenigen gleich, 
welcner nötig ist nm im Inltleeren Kaum mit der Anfangsgeschwindig- 
keit 7$^ die Sohnfsweite OG — x, zn erhalten. 

Wir haben also in diesem Falle im InflerfUllten Raum mit 
, nnd V die Scbnisweite x mit , als Fallwinkel. 

and im luftleeren Raum 



mit @ 0 ,^ und 7«^ die Schnlsweite Xj 
mit - 7©^ , „ Xj 

so dals in diesem Falle 

sin 2 © 0 ,^^ 7^^ Bin 2 

-Tft — — ■ — - — ■ 

9 9 

ist. 

Wir erhalten nun, wenn wir das abgeleitete Gesetz in beiden 
Füllen als zu Recht bestehend anwenden, um im lufterfUllten Raum 
die Schnlsweite x mit der Anfangsgeschwindigkeit 7 zu erzielen, 
zwei verschiedene Abgangswinkel nnd ©»^^ und ebenfalls 

zwei verschiedene Fallwinkel ©., , und &„ Dies ist natürlich 
unmöglich, da es sich um das gleiche Geschütz, Geschols, Anfangs- 
geschwindigkeit und Luftdichte an der Mündung handelt. 

Es ergibt sich hieraus, dals, wenn das oben für die Parabeln 
abgeleitete Gesetz auch für die Punkte der Parabeln und Hyperbeln 
nntereinander in der gleichen Weise gelten soll 



öo 

e. 



(xO 

(^) 



= © 









■(^) 



und 

und, 



wenn wir die Gleichungen (11) und (12) mit in Betracht ziehen, dals 



X, = X, sein mufs. 



Wenn wir also beweisen können, dals in Figur 3 x, = x, ist, so 
haben wir damit bewiesen, dals das für die Parabeln abgeleitete 
Gesetz auch für den Fall gültig ist, der uns beschäftigt. Zu diesem 
Zwecke nehmen wir die Gleichungen (A) nnd (B) und erinnern 
uns dals 



wir haben dann: 



tg £ = 



y ^i/i 

X X, 



( X— X,) tg ©„ _ (X— x) tg ©o tg ©, 

X (X—*) tg ©, -f X tg ©„ 



Digitized by Google 




218 



Die b&Uietisobe Kurve. 



▼ereiofsobt: 

, _ ^ (2T— J) tg &e 

X {X— x)tgS, + xigG„ 

X, _ jX— x) t g&t -j- xtg O, — jX—x ) tg G, 

X~ (X-x)tg@r -hxtg 00 

,q 

X {X—x) lg 0. + X tg 00 

13a __ 

■ (X—x) tg ©0 + X tg 0„ 

Nehmen wir nun die Gleichungen (.4) and (C) und erinnern uns, dals: 



tg«' 

ist, so haben wir: 



_ y* ^ £. 

X — Xf X—x 



X, tg 00 ^ X tg 0O t g 00 

X (X— xj tg’ 00 + X tg 0. 

oder vereinfacht: 



o. xtg 00 _ 

• X (X— x)tg ©0 + xtg 0. 

Ua x, = Xx \^0o 

(X — x) tg ©0 + X tg 00 

Betrachten wir jetzt die Gleichungen 13 a und 14 a, so sehen wir, 
dafs: 

_ _ _ X X tg © „ 

— — (X— x) tg ©0 + X tg ©„ 

ist, was zu beweisen war. Hiermit haben wir also gleichfalls 
bewiesen, dafs, wenn es sich um Parabeln mit vertikaler Achse od»' 
um solche Parabeln und Hyperbeln bandelt, welche den Anfangs- 
punkt und den Abgangswinkel, oder den Endpunkt und den Fall- 
winkel gemeinsam haben, derselbe Abgangswinkel nötig ist um 
Scbulsweiten zu erhalten, welche den Abszissen derjenigen Punkte 
dieser Kurven gleich sind, welche denselben Sitnationswinkel, sei es 
mit dem Anfangspunkt oder dem Endpunkt, haben, natürlich immer 
nur daim, wenn man in jedem einzelnen diejenige Anfangs- 
geschwindigkeit verwendet, welche der Kurve entspricht, zu welcher 
jedesmal der fragliche Punkt gehört. 



Digitized by Google 



Die beUietUohe Kwe. 



219 



Praktisobe Anwendung. 

I. Fall; 

Ersohossen auf dem Schießplatz mit einer Anfangsgeschwindig- 
keit F: eine Schußweite X mit dem Abgangswinkel S». 

Nach den im eisten Teil abgeleiteten Formein ist uns aus 
diesen Daten auch der zugehörige Fallwinkel bekannt. 

Es soll der Abgangswinkel 9»,^^ bestimmt werden, welcher 
mit der gleichen Anfangsgeschwindigkeit F eine gegebene Schuls- 
weite X eigibt. 




OBC sei die im Infterfttllten Raum erschossene Flugbahn mit 
OC=X 

^ MOC = ©„ und 2(1 NGO ■= ©. 

ihre Anfangsgeschwindigkeit sei F; OAC sei die Parabel mit Ab- 
gangswinkel ©, und Schußweite X, deren Anfangsgeschwindigkeit 
F«, ßt. 

OE sei das gegebene x; die Senkrechte in auf OC trifft die 
Hjrperbel in B\ die Verhindnngslinie von B mit 0 trifft die Parabe 
in A\ die von A auf OC gefällte Senkrechte trifft OC xa D und OD 
werde x, genannt. 

und seien die gesuchten Abgangs- und Fallwinke 

tttr die Uber OE = x stehende Flugbahn im loftezittllten Raum mit 
der Anfangsgeschwindigkeit V. Nach dem vorstehend abgeleiteten 
Glesetz ist der Abgangswinkel gleich dem Abgangswinkei, 



Digitized by Google 




220 



Die bsUistisohe Karve. 



welcher nötig ist, um im infUeeren Kanm die Sebnisweite x, mit der 
Anfangsgeschwindigkeit zu erreichen; folglich ist: 



a) 



F« sin 2 ©o, 



X. = 



'(*) 



Wir erinnern nns ferner, dafs: 



9 



ist, and dals, wie wir schon in Formel t3 abgeleitet haben 



a:,_ x tg ©o 

X [X— x] tg ©, -I- X tg ©0 



ist. Ersetzen wir in dieser Gleichnng x, und X dnrch die ent- 
sprechenden Werte der obenstehenden Gleichungen a und b, so er- 
halten wir: 

9 

F|^ sin 2 ©. [^— -^] »g + X tg ©„ 

9 

oder Tereinfacht: 



Bin 2 ©o (^) ^ X tg ©, 

sin 2 ©o ~ [-3T— ■*) tg 4- X tg ©» 

Hieraus folgt: 



15. 



sin 2 © 



_ X sin 2 @0 tg ©0 
“(X. - (Jl- i] tg ©. + X tg“©: 



U. Fall: 

Bekannt ans dem ScbiefsTersaoh X and ©,, gefnnden nach 
Formel 15 ©o^., gesucht der Fallwinkel einer Flugbahn, welche 
mit der Anfangsgeschwindigkeit V die Schafsweite x ergibt. 

Nehmen wir an, dals an Stelle von X, ©» und ©, bekannt seien 
X, ©o^^j und ©•(^,1 80 wllrde die allgemein gültige Gleichung 15 
übergehen in: 



Digiiized by Google 



Die balliitisohe Kurve. 



221 



2 « - ^ 

« - (X - i) tg“©“7+ -Y tg 

oder: 

{x— X) tg sin 2 ©„ = X sin 2 tg ©„^^j — X tg ©„(^, sin 2 ©« 

(X— x)tg © sin 2 ©„= X sin 2 0„ tg ©„^^^ — X sin 2 @o,^) tg ©„^^ 

(X— x) tg ©,j^j sin 2 ©„ = X tg ©„(^j (sin 2 ©» — sin 2 ©<,(^,) 

_ ^o(x) (®*“ 2 ©„ — sin 2 ©o,^,) 

**'■’ (X — x) sin 2 ©„ 

oder da: 

sin 2 ©„ — sin 2 ©„,^^ = 2 sin (©„ — cos (©, + ©„j^,) 

erhalten wir: 



16. tg 0, 



2 X tg 0. 



m. Fall: 



Bekannt ans dem Schielsversnch X, ©» nnd ©„ gesncbt za 
einem gegebenen Abgangswinkel die zngehdrige Schnisweite x 
bei gleicher Anfangsgeschwindigkeit. 

Wir lösen die Gleichung 15 nach x anf and erhalten: 



17. X = 



X sin 2 ©oj^, tg ©e 



Ä otu 

2 sin» ©<, + sin 2 



Hit Hilfe der Formeln 15, 16 nnd 17 and der Formeln des 
1 . Kapitels lälst sich also aal Grand eines einzigen Schusses, von 
welchem X, ©o and T, sowie die Laftdicbte an der Mttndong 
gemessen ist, eine Schnlstafel ftlr das fragliche Geschütz mit der 
Anfangsgeschwindigkeit des Versnches anfstellen. 

Die auf Gmnd vorstehender Formeln erhaltenen Daten werden 
jedoch nnr richtig sein, wenn die Lnftdichte an allen Stellen, welche 
die Flngbahn trifft, die gleiche ist, wie an der Mttndnng. Da dies 
jedoch nicht der Fall ist nnd da die Dichte der Lnft, je hoher das 
Geschofs steigt, abnimmt, so werden die erhaltenen Daten einer 
Korrektur bedttrfen, deren GrOfse wir im folgenden bestimmen wollen. 



Digitized by Googli 




222 



Die ballistiMhe Kurve. 



Wir nennen die Diohügkeh der Lnft an der MUndnng, y, die 
Ordinate des Scheitelpunktes, die Luftdichte in der Höhe des 
Scheitelpunktes und d„ die mittlere Dichtigkeit der Lnft im ganzen 
Bereich der Flugbahn, dann ist: 

d„. = d„ (1 — ay.) 

in welcher a ^ 0,0000745 (nach den Kruppschen Tabellen) ist, dann 
wird die mittlere Dichtigkeit sein: 

. _ 

” ~ 2 

und, wenn wir als Funktion von d„ einsetzen; 



d„ + <»o (1 — «y.) 

= ^ 

d« = d„ 

oder, wenn wir statt ^ = jS = ü,(XXX)3725 setzen, so erhalten wir: 

£t 



18. d„ = d„ (1 - (»yj 

eine Formel, welche ans gestattet, die mittlere Dichtigkeit der von 
einer Flngbabn dnrcbscbnittenen Lnft als Funktion von d« und y, zu 
errechnen. 

Wir haben aus einer bestimmten Kanone mit einem bestimmten 
Gescbols und einer Anfangsgeschwindigkeit F bei dem Schielsversnob 
erhalten : 

X = horizontale Schnlsweite, 

Go = Abgangswinkel, 

T = Flugzeit und 

d„ = Dichte der Luft an der GescbUtzmttndung. 

Hieraus können wir errechnen: 




y, = 



X tg &0 




d„ = d, (1 — /»yj 



Digitized by Google 



Die ballistuohe Kurve. 



223 



Dann errechnen wir mit Hilfe der Formel 17 die Scboisweite fUr 
einen beliebigen Abgangswinkel Diese Schalsweite nennen 

wir X, and nach Formel 16 berechnen wir den zagehbrigen Fall- 
winkel Diese Schalsweite x, wird mit and nar 

dann za erreichen sein, wenn die mittlere Loftdichtigkeit dieser 
neuen Flugbahn 6'» gleich sein wird der mittleren Loftdichtigkoit 
d. der Flugbahn, welche als Grandlage für unsere Kechnangen dient. 

Wenn wir nun 6'^ errechnen, werden wir sehen, dals es grölser 
oder kleiner als d„ ist, je nachdem ©o^^, kleiner oder grölser als 
©„ war. Also wird aacb die erhaltene Sohaisweite grölser oder 
kleiner als x, sein, je nachdem kleiner oder grölser ist, als 

Wir bedürfen also einer Korrektion, welche darin besteht, die 
erhaltene Schnlsweite mit einem bestimmten Korrektionsfaktor 
za maltiplizieren. 

Dieser Faktor ist empirisch ermittelt and gilt nach anseren 
Erfahrungen einwandfrei für die Gescbolsgescbwindigkeiten, fttr 
welche man ein quadratisches Laftwiderstandsgesetz als gültig 
betrachten kann, mit: 




so dals die korrigierte Schafsweite sein würde: 




Wir nennen d". die mittlere Luftdichte dieser neuen Flagbahu. 
Wenn d"« noch nicht gleich ist d'«, so ist noch eine zweite 
Korrektion der Schalsweite nötig. Wir erhalten dann: 



X, = Xj 




Mit dieser Korrektion ist fortzafabren, bis der Korrektionsfaktor = 1 
wird. Die so zam Schlafs erhaltene Flugbahn gehört zum Abgangs- 
winkel © 0 , , mit dem Fallwinkel ©«, ,. 



Berechnung der Anfangsgeschwindigkeit. 

Um die Anfangsgeschwindigkeit V za errechnen für eine Flug- 
bahn, deren EUemente man kennt, verführt man folgendermalsen : 
Aas X, ©o and ©, and d« errechnet man die Schalsweiten 
x', x", x" für die Abgangswinkei von 5", 10" and 15". 



Digitized by Google 




224 



Die bkllistisehe Karre. 



Mit Hilfe der allgemeinen Formel 

^ _ F* sin 2 Qq 
9 

errechnen wir die Anfangsgeschwindigkeiten, welche nötig sind, am 
im Inftleeren Raum mit 5", 10" and 15" Erhöhung die SchaCsweiten 
X, x" und x'" va erhalten; diese Anfangsgeschwindigkeiten seien F,, 
Fj und F, und zwar: 



' f Sl! 



_g X 
sin 10" 




F, = ^4 

' SII 



Die gefundenen Werte tragen wir jetzt in ein rechtwinkliges 
Koordinatensystem derart ein, dafs F,, F, und F, die Ordinaten, 
x\ x", x'" oder 6", 10", 15" die Abszissen seien, wie in nnten- 
stehendes Bild 5- 



c3 




Digitized by Google 




Die ballistisohe Kurve. 



226 



Wir erhalten dann die Funkte A für 5" und F, ; jß für 10" 
und F,; C für 16" und F,. 

Die Verbindnngslinie dieser 3 Punkte wird praktisch stets eine 
gerade Linie sein, deren Verlängerung die F-Ächse in D triflt. 
Die zu diesem Punkte gehörige Abszisse ist 0". Folglich ist die 
Länge der Strecke OD die gesuchte Anfangsgeschwindigkeit V. 



Maximalschufsweite. 
Nach Gleichung 17 ist: 



^ A: sin 2 tg 

^ ~ 2 sin’ (^Jo + si'> 2 sinl — ^o) 

cos • cos 

Diese Gleichung kann auch geschrieben werden: 

^ Z tg 6>, 

^ 2 sin’ ©„ sin (0, — ©o) 

siulj ©oj^^^cos &t cos ©„ 

ln dieser Formel sind Z, ©„ und Konstanten. Sie dienen als 
Basis unserer Rechnungen und sind auf dem Schielsplatz tllr die 
erschossene Flugbahn festgestellte Daten. Variable sind dagegen 
©oj^j und X und zwar entspricht jedem verschiedenen ©„^^^ ein 
anderes x. 

Damit nun x ein .Maximum werde, ist es nötig, dafs die rechte 
Seite obiger Gleichung ebenfalls ein Maximum werde. 

Der Zähler dieser rechten Seite ist eine Konstante, der Nenner 
dagegen setzt sich zusammen ans einer Variablen plus einer Kon- 
stanten. 

Damit die rechte Seite der Gleichung ein Maximum werde, ist 
es nötig, dals der Nenner ein Minimum werde. Damit dies der Fall 
sei, mnls 

2 sin’ ©„ 
sin 2 ©a^,) 

ein Minimum werden. Da nun 2 sin* ©a eine Konstante ist, so wird 
dieser fragliche Wert ein Minimum, wenn sin 2 ©»,,) ein Maximum 



Digitized by Google 




226 



Umschau. 



i>*ir Trajis 
Bort mit 
Kraftfahr- 
zeugen. 



wird. Da der Maximmnwert fllr den Sinns 1 ist, so wird x ein 
Maximnm werden, wenn 

sin 2 = 1 

wird. 

Dies ist der Fall, wenn 2 = 90® oder wenn ©o,^j = 46® ist. 

Hierdnrch ist bewiesen, dals im Infterfllllten Kanm, ebenso wie 
im luftleeren Itanm die Maximalschnfsweite mit einem Erbbbnngs- 
winkel von 45° erreicht wird. 



Umschau. 



Deutschland. 

ln „La France Militaire“ werden die Versuche besprochen, 
welche Deutschland mit Kraftfahrzeugen anstellt und die Folgen, 
welche deren Einftlhrnng auf die Kriegführung haben wird. 

Schon seit langer Zeit beschäftigt sich Deutschland mit Ver- 
suchen, den Zug dnreh Pferde durch Kraftfahrzeuge für den Trans- 
port des Materials und aller Art Nachfnhr zu ersetzen. Die Ver- 
suche begannen im Jahre 1898 mit verschiedenen Modellen von 
Motoren, betrieben durch Dampf, Spiritus, Benzin usw. und wurden 
bis heute in jedem Jahre bei den Kalsermandvern fortgefUhrt. Jetzt 
sind die Versuche so gut wie abgeschlossen, da genügend vervoll- 
kommnete Modelle zur Verfügung stehen. Es handelt sich nur um 
die Wahl zwischen Automobil oder Zugmaschine. Diese Wahl wird 
im Frühjahr 1907 fallen. Man mnls also damit rechnen, dafs in der 
nächsten Zeit die bespannten Fahrzeuge durch Kraftfahrzeuge in der 
deutschen Armee ersetzt sein werden. 

Zurzeit sind die grofsen Feldarmeen gleichsam gelähmt durch 
den ungeheuren Trofs, welchen sie mit sich schleppen müssen. 
Deutschland wie Frankreich gebrauchen für eine Armee von 4 Armee- 



Digitized by Google 



UmscbaD. 



227 



korps ond 2 Kavalleriedivisionen 5200 Wagen, 10 400 Pferde und 
5200 Menschen. Das Kommen nnd Gehen dieses ungeheueren Trosses 
ttberfttllt die Stralsen und bildet ein totes Gewicht, welches den 
schnellen Marsch der Heere behindert. Dieser Dienst lielse sich mit 
800 Automobilen nnd 2400 Mann oder durch 320 Zugmaschinen mit 
je einem Anhängewagen bewältigen. 

Jetzt sind die Armeen durch ihren zahlreichen nnd schweren 
Trols, welchen sie mitscbleppen mllssen, an die Verbindungslinien, 
seien es Eisenbahnen oder Wasserstrafsen, gebunden, welche ihnen 
ihre Bedürfnisse zuführen. Sie können sich ron ihnen nicht zu weit 
entfernen, weil ihre Kolonnen nur eine beschränkte BewegungsfUhigkeit 
besitzen. 

Nach Ansicht deutscher Militärscbriftsteller, n. a. des Generals 
Ton Bembardi, sind die Transporte mittelst Kraftfahrzeugen berufen, 
die Bedingungen des Zukunftskrieges zu ändern. 

Durch ihre Schnelligkeit und ihr Ladevennügen, welches das 
Drei- nnd Vierfache des bespannten Wagens sein kann, werden sie 
den Heeren eine anfserordentliche Unabhängigkeit in ihren Be- 
wegungen verleiben. Es wird ihnen möglich sein, nicht nur die Ver- 
bindung mit den Eisenbahnen auf gröfsere Entfernungen sicher zu 
steilen, sondern auch das Land in weiterem Umkreise anszunutzen 
and dadurch, wenigstens vorübergehend, die Magazinverpflegung zu 
ersetzen. 

Um grofse Massen frei nnd nach Belieben schnell bewegen zu 
können, ist der schnelle Transport der Verpflegung Bedingung. 

Bb. 

Der vom Kriegsministerium den Tmppeu empfohlene Apparat Kropfscher 
ist verwendbar mit auswechselbaren Fülsen für Gewehr 88, 98 (bzw. 
S-Gewehr), 71, 91 nnd Karabiner 88. kontroll- 

Beim Gewehr 88, 71, 91 nnd Karabiner 88, ist der .\pparat apparat. 
mit dem zugehörigen Fnls 88 bzw. 71 über dem Schlöfschen, beim 
Gewehr 98 mit dem Fnls 98 Uber der HUisenbrUcke aufznsetzen, 

Stäbchen nach rechts. Diese Befestignndsart erwirkt dem das Zielen 
Kontrollierenden: 

1. einen ruhigen Stand des Spiegels, weil beim freihändigen An- 
schlag natnrgemäfs die Schwingungen des Gewehrs weniger 
grols nabe an der Schulter sind, als weiter nach der Mündung 
zu; 

2. die Möglichkeit einer genaueren ZielkontroUe, weil die Klimme 
so kleiner erscheint, als wenn der Kontrollspiegel dicht hinter 
der Visierkimme steht. 



Digitized by Google 




228 



Umschau. 



Beim Oebraach des Doppelspiegels sind drei Mann notwendig. 
A zielt, während B and C ihn von rechts and links kontrollieren. 
Dieses Zielen nnter zweifacher Kontrolle wird den Schützen za ge- 
naaerer Tätigkeit anregen and das Urteil zweier Beobachter seiner 
Zielfehler wird ttberzengender anf ihn wirken, als wenn dies nor 
bei einfacher Kontroile geschieht. 

Haben A. B and C je eine kleine Scheibe (wie z. B. beim 
Schielsen mit Zielmnnition), so meldet A sein Abkommen nicht, 
sondern A, B and C tragen, gegenseitig nnbeeinflnlst, ihr beobach- 
tetes Abkommen mit Bleistift auf ihre Scheiben em and vergleichen 
sodann die ßesaltate. 



Österreich-Ungarn. 

AmmonHl. Über die Zasammensetznng and die Wirkung des Ammonal, 
welches in Österreich-Ungarn als Sprengladung für Geschosse, z. B. 
bei den Granaten der jetzt eingefUhrten 10,4 cm-Feldhanbitze C/99, 
verwendet wird, entnehmen wir der Zeitschrift für Schieis- and 
Sprengstofiwesen : Das Ammonal ist znsammengesetzt ans Ammon- 
salpeter and mehr oder weniger fein pulverisiertem Alumininm, wozu 
manchmal noch Holzkohle oder ein ähnliches Material hinzakommt. 
Diese Zasammensetznng erlaubt, die bedeutende, ans der Verbrennang 
des Alnmininms herrührende Wärmemenge aaszanützen nnd dadurch 
die Gewalt der durch die Zersetzung des Ammonsalpeters entwickelten 
Gase zu erhöhen. 

Der Ammonsalpeter ist hygroskopisch. Dieser Nachteil ist beim 
Ammonal, wenn es zu militärischen Zwecken verwendet werden soll, 
dadurch vermindert, dals es zu einem porösen, bimssteinähnlichen 
Gefüge znsammengeprelst und in nicht hygroskopische Umhüllungen 
verpackt wird. Versuche nach dieser Richtneg haben gute Ergebnisse 
geliefert. 

Hinsichtlich der Sicherheit ist das Ammonal den anderen Ammon- 
salpetersprengstoffen, welche als die allersichersten gelten, noch 
überlegen. Es entzündet sich schwer, brennt auch in grofsen Mengen 
ohne zu detonieren ab, ist unempfindlich gegen Kälte und gefriert 
nicht. Die Kraft des Ammonal wechselt mit dem Gewichtsverhältnis 
seiner Bestandteile. Seine gröfste Kraft ist der der Sprenggelatine 
überlegen. Die vom Ammonal entwickelten Gase sind nicht giftig, 
und seine Anwendung zu Kriegszwecken läuft den Bestimmungen der 
Genfer Konvention nicht zuwider. 

Maschuit n- Anfang Juni d. Js. wird bei der Infanterie- Schielsschule eine be- 
gewebrc sondere Lehrabteilnng für Maschinengewehre eingerichtet, welche das 



Digitized by Google 



Umftohiu. 



229 



Personal fUr die MasobiaengewebrabteiloDgea des Heeres ansbildeu and 
eine grdlsere Anzahl von Offizieren and Uateroffizieren mit dieser Waffe 
rertrant machen soll. Aolserdem sollen die Erfahrangen dieser Lehr- 
abteilnog die Unterlage bieten für ein in Vorbereitnng begriffenes 
Handbacb für das Scbielsen mit Maschinengewehren. 

Die Abteilnng wird ansgerllstet mit 4 Gewehren System Schwartz- 
lose mit Schilden and Lafetten, 4 Tragetieren für den Transport der 
Gewehre und je 2 fUr die Schilde and die Mnnition. Der Munitions- 
Terbranch ist an! 100 000 scharfe and 100 000 Exerzierpatronen 
festgesetzt. (Nene mil. Blätter.) 

Bei jeder der österreichischen Artilleriebrigaden werden z. Zt Schäftung 
je 112 Landwehrlente aasgebildet, die am 1. April d. Js. zn einer 
Landwehrbatterie znsammengezogen werden. Am 1. Oktober wird artillerie. 
diese Batterie einer Landwehrdirision zngeteilt werden. Anf diese 
Weise soll bis znm Jahre 1910 jede der 8 österreichischen Landwehr- 
dirisionen ein Artillerieregiment erhalten. Diese Mafsregel soll anch 
aal Ungarn aasgedehnt werden, sofern das Parlament dieses Landes 
die dazn erforderliche Anzahl Kekrnten bewilligt. (Armeeblatt.) 

Bb. 



Die genehmigten Bndgets fUr das Heer und die Marine reran- [Kriege und 
lassen zn den folgenden Bemerknngen: Heeresbndget Ordinarinm 
291160046 Kronen, Extraordinarinm 13 752 755 Kronen, zn- 
sammen 304912801 Kronen, mit einem M e h r von 5 863 540 Kronen. 
Marinebndget: Ordiuarinm 42850110 Extraordinarinm 

2549890 Kronen, zusammen 45 400000 Kronen, mit einem Mehr 
Ton 14 502590 gegenüber dem Budget des laufenden Jahres. Heer 
and Marine zusammen verlangen also im ganzen ein Mehr von rnnd 
20,4 Millionen Kronen. Wenn man die bei den ordentlichen Aus- 
gaben des Heeresbndgets rund 5,4 Millionen mehr feststellt, so darf 
nicht unerwähnt bleiben, dafs, abgesehen von 330000 Kronen fUr 
Sebiefsversnehe and SchiefsUbnngen, der Entwickelung des Heeres 
selbst kein Heller mehr znfliefst, die Mehrausgaben vielmehr verur- 
sacht werden, durch die höheren Preise von Lebensmitteln, Fonrage, 

Bekleidung nsw. Die anfserordentlichen Ausgaben erfahren ihre 
nicht bedeutende Steigerung durch Femsprecheinrichtnngen für Fnfs- 
artillerie und Weiterentwickelnng der Belagernngshaabitzgrnppen. 

Die 13,2 Millionen Kronen Steigerung im Marinebndget ent- 
fallen mit 10 Millionen auf die erste Kate der Neubauten znm Er- 
satz der veralteten Schiffe Teggettboff Kronprinz Erzherzog Rndolf 
■nd Kronprinzessin Erzherzogin Stephanie, 1 Million 1. Rate für 

jAkrbfteh*r ftr di« d«at«oh« Ana«« oad lUria«, Ko. 425. 16 



Digitized by Google 




230 



Dmsebau. 



deren Armiernng, 1 Million für 1. Rate fUr den Ersatz des alten 
Torpedoboots Zsra dnieb einen sehr sobnelien Krenxer modernen 
Typs. Der Hauptgrund fUr die Steigerung des Extraordinarinms 
nm rnnd 1,3 Millionen bildet eine erste Rate für den Ban eines 
Stahlschurimmdocks. Ein schon 1003 bereitliegender Gesetzentwarf, 
betreftend Pensionen fUr Militärwitwen and Waisen, das wesentliche 
Verbessemngen bringt, ist im bsterreichische Parlament eingebracht 
worden. 18 

Italien. 

Umbewaff- Das italienische Kriegsministerinm hat sieb nnn entschieden, die 
146 Feldbatterien, welche gegenwärtig noch mit 8,7 cm-Bronze- 
artillerie. kanonen bewaffnet sind, mit neuen 7,5 cm-Robrrttcklaafgeschttteen 
System Krapp aaszorttsten. Die 105 Batterien, welche z. Zt. schon 
7,5 cm-Stahlrohre haben, erhalten nur neue Rohrrttcklaaflafetten System 
Krapp. Da die einheimische Waffenindastrie mehrere Jahre ge- 
brauchen wurde, nm den Bedarf fUr diese Umbewafinnng herznstellen, 
so wird ein Teil des Materials bei Krupp in Essen angefertigt. 

Es ist Terständlicb, dafs diese Entsebeidnng des italienischen 
Kriegsministeriams in Frankreich anangenebm berührt hat, nm so 
mehr, als darin eine weitere Vernrteilnng des französischen Feld- 
geschützes C/97 liegt, denn die Ablehnung des Scbneiderschen Modells 
gilt denjenigen Konstrnktionsprinzipien, welche auch als die wesent- 
lichsten Nachteile des französischen Feldgeschützes C/97 anerkannt 
sind, dem DrucklnitTorholer and der Verschiebnng der Lafette ant 
der Achse znm Nehmen der feinen Seitenriebtang. Spaisbaft ist es 
aber, wenn der „Temps“ diese italienische Entscheidung darauf 
znrUckihbrt, dafs Italien dnreb seine politische nnd finanzielle Ab- 
hängigkeit za diesem Schritt gedrängt worden sei, während die 
wirklich unabhängigen Staaten das französische Modell gewählt hätten. 
Als solche zählt er dann; Spanien, Portugal and Serbien auf. 
Abgesehen davon, dafs die serbische Regiemng direkt zngestanden 
bat, dafs das Kruppsche Modell das beste von den erprobten Systemen 
gewesen sei, dafs sie die Kanonenliefernng aber nach Frankreich 
habe vergeben mttssen, weil sie dort auch die Anleihe bekäme, be- 
rührt es doch eigentümlich, wenn ans dieser Ansicht des „Temps“ 
gefolgert werden mnfs, dafs alle Staaten, welche ein deutsches Modell 
gewählt haben, wie Schweiz, Belgien, Holland, Dänemark, Schweden 
(Krapp) and Norwegen (Ehrhardt), politisch nnd finanziell nicht 
unabhängig genug sind, nm sich diejenige Waffe za wählen, welche 
ihnen als die beste erscheint. 

Diese Anslassangen des „Temps“ hat der Kriegsminister Vigano 
mit der Erklärung beantwortet, dafs das Einvernehmen mit Frank- 



Digilized by Google 



CmMsbao. 



231 



reieh sich wohl aof Marokko, nicht aber auf Kanonen bezogen habe 
nad dals die gewählten Kanonen die besten seien, welche existierten. 

(Kölner Tageblatt) Bb. 

Kriegs- nnd Marinebndget fUr 1906/07 einschliefslich Gesetzent- Kriegs- 
■würfe, betreflFend die anfserordentlichen Ansgaben fbr 1906/07 sind vom Budget, 
Parlament genehmigt worden. Es liegt aber noch ein Gesetzentwurf vor, des Ktihga- 
der die anlserordentliohen Ansgaben für 1906/07 Uber die schon ge- mmisters. 
nehmigten 16 Millionen hinans anf 18 Millionen steigern, fttr 1907/08 
ebenso verfahren nnd fOr die 9 folgenden Finanzjahre eine Steigemng 
um je 4 Millionen bewirken will. Im ganzen ergäben sich so 40 Mill. 

Lire mehr, verhältnismälsig wenig, gegenüber den vielfachen Zwecken, 
denen man mit dem Mehr genügen will. In der Sitznng der Kammer 
vom 29. November hat General Viganö von den durch seinen Vor- 
gänger eingebrachten Gesetzentwürfen zurückgezogen diejenigen, be- 
treffend Änderung des Etats der Karabinieri (wegen eines Sonder- 
gesetzes für diese), des Sanitäts- nnd Zahlmeisterkorps, dasjenige 
betreffend die Militärschnlen nnd das Rekrntiernngsgesetz. Das 
Ordinariom des Kriegsbndgets für 1906/07 beträgt wieder. 

270 050 000 Lire, wobei die 11 Millionen zur Abkürzung der forza 
minima in diesem Jahre durch die Einstellung der Rekruten schon 
am 20. Oktober auf nur 4 Wochen, bereits einbegriffen sind. Von 
diesem Betrage entfallen aber 2,6 Millionen anf allgemeine Aus- 
gaben, rund 36,6 Millionen an! Pensionen, mnd 39,9 Millionen anf 
Karabinieri (ungerechnet 7,4 Millionen für Anfbessernng ihrer Lage, 
die in besonderem Gesetzentwurf verlangt nnd die vom Ministerinm 
des Innern aufgebracht werden). Die dem Budget beiliegenden 



Tabellen geben für 1906/07 an: 

die Dnrchschnittssollstärke die Bndgetstärke 

13 906 Offiziere 13 107 

272 688 Mannschaften 236 110 

11 805 Offizierpferde 8 382 

40 897 Truppenpferde 38 148 



Das Budget enthält rund 1,3 Millionen fttr Übungen von Leuten 
des Benrlanbtenstandes nnd in der Budgetstärke sind an Mann- 
Bohaften 30 000 Mann mehr angesetzt, als früher zur Zeit des halb- 
jährigen Bestehens der forza minima. Anf das vom Kriegsminister 
in baldige Aussicht gestellte neue Rekrutiemugsgesetz kommen wir 
weiter unten zurück. 

Ans dem schon bewilligten Extraordinariom fttr 1906/07 
mit 16 Millionen das, wie oben schon bemerkt, aber noch um 

IG» 



Digitized by Googlc 




232 



UiDS«ll«a. 



2 Millionen gesteigert werden soll, beben wir nnr karr beiror: 
9 Millionen fbr Umbewaffnong der Feldartilierie. 2 Millionen ftir 
Befestigungen nnd ihre Armierung, 1 Million für schwere Ktlsten- 
nnd Festnngsgescbfltze, 1 Million fUr Mobilmacbnngsrorräte, 0,5 
für Handfeuerwaffen und ihre Munition, 0,8 fUr Sperrforts. 0,3 für 
KUstenverteidigung, 0,1 fttr Ergänzung von Bahnen, 0,6 fttr Glebände, 
0,2 fttr Material der Eisenbabnbrigade. Die bei der Beratung des 
Kriegsbudgets in der Kammer gehaltene Bede des Kriegsministers 
Viganö entwickelt ein Tolles Programm nnd gibt ttber die 
meisten der schwebenden Fragen Auskunft Die Antimilitaristea 
batten vorher durch den Ministerpräsidenten Giolitti schon eine 
glänzende Abfertigung erfahren nnd der dem Kriegsminister in der 
Sitzung vom 14. Dezember gewordene, starke Beifall bewies, dals 
die Mehrheit der Kammer seinem Programm znstimmte. General 
Viganö hielt sich in seiner Rede im allgemeinen an die Reihenfolge 
im Bericht des Budgetaosschusses. Er berttbrte zunächst die wesent- 
liche Verkürzung der Zeit der forza minima, 1906 durch Einstellung 
der Rekruten schon am 20- Oktober auf nnr 40 Tage, bemerkt, dals 
in der Zentralverwaltnng die Empfehlungen des Ausschusses fttr das 
vorhergehende Budget berttcksicbtigt seien, nnd weilst darauf hin, 
dafs er im Budget 1907/08 fttr die Untersttttznng hilfsbedürftiger 
Familien von Einbeorderten statt 180000 Lire schon 350000 vor- 
schlage. Mit dem vom Kriegsminister Mainoni vorgeschlagenen 
Reformplan fttr die Militärschnlen ist General Viganö durchaus nicht 
einverstanden und hat ihn deshalb znrttckgezogen. Die Militärschnle 
in Modena, die Militärakademie Turin haben nach seiner Ansicht 
gute Ergebnisse geliefert und werden mit ganz geringen .Änderungen 
des Lehrplans noch mehr leisten, die Applikationsschnlen in Parma, 
Pinerolo, Turin nnd die Kriegsschule sind nach jeder Richtung hin 
vortrefllicb, nnr eine technische Hochschule fttr Artillerie und 
Genie zur Heranbildung eines technischen Offizierkorps ist noch 
nötig, und will Viganö eine solche ohne Mehrbelastung des Budget 
schaffen. Auf Bemerkungen des Kriegsministers ttber Ankauf von 
Lebensmitteln nnd Fourage von den Produzenten, die Vorbereitung 
eines Gesetzes betreffend die Sicherstellung der Verpflegung fttr das 
mobile Feldheer, bei welcher freihändiger Ankauf Regel, Beitreibung 
Ausnahme sein soll, nnr kurz hinweisend, kommen wir zu der wich- 
tigen Frage, ,Garnisonwechsel oder nicht*. General Viganö ist 
bei den italienischen Verhältnissen ein Gegner der nnveränderlichea 
Garnison, besonders auch deshalb, weil Regimenter mit ungttnstigen 
Ansbildnngsverbältnissen ans diesen nicht herauskommen. 

Fttr 6 Brigaden, 12 Infanterie-, 6 Bersaglieri-, 8 Kavallerie- 



Digiiized by Google 



Unuebau. 



233 



regimenter sind fttr 1907 Garnisonweohsel angeordnet Entlastang 
der Gemeinde dnroh Änderungen des Natnralleistungsgesetzes, physische 
Heranbildnng der Jugend, AnsnUtzang ron Radfahrer- and Selhst- 
fahrerkorps, Widerspruch gegen Bahnen und Stralsen nur bei den 
schwersten strategischen Bedenken, Empfehlung der Venetischen Bahn 
bilden weitere Punkte des Programms des Kriegsministers. Von be- 
sonderem Interesse sind die Angaben Uber das, was zur Besser- 
stellnng des nicbtkombattanten, sowohl wie des kombattanten Personals 
des Heeres von 1898 — 1906 geschehen ist, wobei statt Mehrsaas- 
gaben, wie in den übrigen Budgets, Kriegs- bzw. Mariueministerinm 
517000 bzw. 76800 Lire Ersparnis erzielten. Mehr zu tun sei, so ent- 
wickelte dtr Kriegsminister im Parlament, ohne StOmng des Gleich- 
gewichts, im Budget nnmUglicb. Bezüglich der Subaltemotfiziere des 
Heeres wies General Viganb zunächst nach, dalis man von 1874 bis 
1904 das Maximum der Bezüge des Unterleutnants von 1600 auf 
2400, der Leutnants von 1800 auf 3000, der Hanptlente von 2800 
auf 4000 gehoben bat. Ein Fehler sei, dals zwischen Altersgrenze, 
Befbrdernngstempo und Pensionsgesetz kein Einklang herrsche. Das 
Maximum der Pension kann nach dem Pensionsgesetz erst nach 
40 Diens^ahren erreicht werden, die Altersgrenze für Leutnants ist 
heute das 48., fttr Hauptleute das 50. Lebensjahr. 40 Jahre Dienst- 
zeit und dabei Erreichen des Maximums der Pension sind unmög- 
lich. Die Leutnants bei der Infanterie und Artillerie brauchen heute 
bis zum Hauptmann 16 Jahre Offizierdienstzeit, bei der Kavallerie 
14. Man müsse die Zeit fttr die Erreichung des Maximums der 
Pension so herabsetzen, dals sie verlaufen sein könne, wenn die 
Altersgrenze die Offiziere zum Ausscheiden bringe und einen ent- 
sprechenden Gesetzentwurf werde er vorlegen. Ueber das als Ersatz 
fttr das zurückgezogene Mainoniscbe baldigst einzubringende Kekm- 
tierungsgesetz bemerkt der Minister in seiner Rede kurz, es werde 
als Grundlage die 2jäbrige Dienstzeit haben, die Möglichkeit bieten, 
die militärische Leistungsfähigkeit Italiens mehr zur Sicherstellung 
eines starken, gntgescbnlten Feldheeres und geschalter Nachschub- 
tmppen ausgenutzt werden. Weiter erklärte der Kriegsminister, 
ein Aufgeben italienischen Gebietes werde ohne zäheste Verteidigung 
nicht erfolgen, ob nun der Gegner von Nordosten oder Nordwesten 
einzubrecben versuche. Im Senat liege ein Gesetzentwurf betreffend 
Stand der Offiziere vor, der die vom Parlament ausgesprochenen 
Wünsche bezüglich der Disziplinarräte, die nur noch in der Division 
und anders zusammengesetzt bestehen würden, berücksichtigt. Be- 
züglich der Umbewaffnung der Feldartillerie verweist der Kriegs- 
minister auf die bevorstehende Einbringung eines für längere Zeit 



Digitized by Google 




234 



Umtcbao. 



die Extraordinarien festsetzenden Gesetzentwurfs, stimmt aber mit 
dem Ausschüsse überein darin, dals das technische Problem gelhst 
nnd ^t gelost sei, wie er auch der Auffordernng an die Regierung 
zustimmte, baldigst für die Durchführung der Umbewaiinnng zu 
sorgen. 

Ein neues Reglement für den Etappendienst als Ersatz 
für dasjenige von 1881 ist durch königliches Dekret in Kraft ge- 
setzt worden. Nach kurzer Angabe der Aufgabe des Etappen- 
dienstes. wobei unter c auch Verwalten, Erhalten, und wenn nOtig, 
Wiederherstellen der Eisenbahn- nnd Wasserverbinduugen und, im 
Verein mit der Intendantur, Erhaltung der telegraphischen nnd tele- 
phonischen Verbindungen und Sicherung der Verteidigungen nnd unter 
e Sammlung von Nachrichten Uber den Gegner genannt werden, 
fährt der Erlafs fort: Diese Weisungen für den Etappendienst gelten 
in vollem Umfange im feindlichem Gebiet und dem Teile des eigenen 
Landes, das in Kriegszustand erklärt ist. Das Muster einer Gliede- 
rung des Etappendienstes einer Armee ist beigegeben. 

Marine. Das Marine budget 1906/07 weist, — wobei schon 2,4 MUlionen 
für die Aufbesserung des Personals des Equipagierkorps eingerechnet 
sind, — im ganzen 134 Millionen, davon 13,7 im Extraordinarium 
auf. Für Pensionen sind 6,9, fUr Handelsmarine 9,9 Millionen an- 
gesetzt. Für Neubauten erscheinen nur 1,3 Million erklärlich da- 
durch, dals das Gesetz vom 2. Juli 1905 seine Wirkung in bezug auf 
Verwertung veralteter Sebifie zeigt nnd der Erlös Neubauten zufliefst 
Allem Anschein nach werden diese Mittel zum Ban von Torpedoboots- 
jägeru nnd Unterseebooten verwendet, da sich Ausgaben für sie in der 
dem Voranschlag beigegebenen Tabelle nicht finden. Zur Beschaffung 
von Material sind rund 14,8 angesetzt, für Ban neuer Schiffe nnd 
Instandhaltung 38,2 Millionen. 18 



Frankreich. 

Richtkreis Für die 80, 90. 95, 120 und 155 mm lange, die 155 mm kurze 
fürGe^ützeKanone M/81 und den 220 mm Mörser ist ein Richtkreis eingefUhrk 
Artillerie welcher bestimmt ist zur Erteilung der ersten Seitenrichtung beim 
des indirekten Schielsen oder zur Übertragung einer bereits ermittelten 
Seitenrichtung. Derselbe besteht uns einem Fulsgestell mit Libelle 
lagerungs- zum Aussohalten des schiefen Räderstandes. Das Fulsgestell trägt 
artillene. Teilscheibe, welche in 40 Teile geteilt und von 100 zu 100 m 

360 

numeriert ist. Jeder Teilstrich entspricht demnach — - = 9®. ln 



Digilized by Google 



Umscliaa. 



235 



dem Fafsgestell und aof der Teilecheibe ist der Träger des Koii' 
matenrs drehbar gelagert. Der letztere kann militelst Hikrometeir* 
scbranbe am 9°, also nm einen Teilstrich der Teilsobeibe gedreht 
nerden. Die Trommel der Scbranbe ist in 100 Teile geteilt, so dafs 
jeder Teil 0,09® oder 5,4' beträgt. Die Hunderter werden am Teil- 
kreis, die Zehner und Einer an der Trommel abgelesen. 

Um auch ohne natttrlicben Hilfszielpnnkt richten zn können, ist 
dem Richtkreis ein Spiegelapparat, ans Schirm, Kichtlineal und Spiegel 
bestehend, beigegeben. Letzterer wird an dem Stirnblech der Lafette 
oder bei den kurzen Kanonen nnd Mörsern an dem linken Scbild- 
zapfen befestigt Das Richtlineal wird anf zwei Pflöcke, die bei den 
Kanonen vor dem Geschütz, bei den WnrfgeschUtzen aber an der 
linken Seite stehen, gelagert. Anf das Richtlineal wird der Richtkreis 
aufgesetzt. In einem anf dem Kolimatenr befestigten Schirm ist ein 
Visierscblitz, mit dessen Hilfe das Geschütz nach dem festgelegten 
Richtungswinkel eingerichtet wird. 

Zn der noch immer strittigen Frage, ob die kurzen 120 mm- 
Kanonen mit in die Zahl der 482 Feldbatterien rechnen, sei die An- 
gabe der „La France militaire“ vom 1. 12. v. J. angeführt, dafs jedes 
französische Armeekorps 23 Batterien zn je vier 7,5 cm-GeschUtzen 
habe. Rechnet man hierzu die 10 reitenden Batterien der 8 unab- 
hängigen Kavallerie -Divisionen nnd die Feldbatterien der beiden 
3. Divisionen zweier Armeekorps, so ist innerhalb der 482 Batterien 
kein Platz für kurze 12 cm-Batterien. Anderseits wird die schwere 
Artillerie des Feldheeres in dem Artikel jener Zeitschrift angegeben 
zn einer Abteilung von 3 Batterien mit 6 kurzen 120 mm-Kanonen 
nnd 2 Abteilungen von 3 Batterien mit 4 kurzen 155 mm-Kanonen. 
Nimmt man das Vorhandensein von kurzen 120 mm-Batterien unter 
den Feldbatterien an, so mUfste dasselbe Geschütz in der Feldartillerie 
und in der schweren Artillerie des Feldheeres vertreten sein. 

Nach der „Internationalen Revue“ hat die französische Heeres- 
leitung erfolgreiche Versnobe gemacht, den Kavalleriepatronillen 
Antomobilisten beizngeben, welchen die Übermittelung der Meldungen 
von den Patronillen an die Tmppenführer oblag, so dafs die 
Kavalleristen imr bis zur Haltestelle des Automobils auf der Stralse 
zn reiten hatten. Dadurch ist Schonung der Pferde und schnellere 
Übermittelung der Meldung erreicht worden. 

Zn der Beschreibung der Kimailbobaubitzen ist noch nachzutragen, 
dafs als Ausgleicbvorricbtnng zur Entlastung der Richtmaschine von 
dem wechselnden Vordergewicht von Rohr und Wiege ein Drncklnft- 
zylinder eingeschaltet ist. Die Franzosen bringen augenscheinlich 
ihren Federn nicht genügend Vertrauen entgegen, dafs sie auch hier, 



Feldsteü- 

feuer- 

goschfltze. 



Gemi.srhte 

Patrouillen. 



I.'i5 cm- 
Haubitze K. 



Digitized by Google 




236 



Umsohaa. 



wie beim Vorholer Dmcklnft anwenden, obwohl die Abdichtong der 
Dmcklaftzjlinder Schwierigkeiten verorsacben kann. Der Verscblnls 
des Rohres ist halbantomatisch, d. b. er öffnet sich nach jedem Schnfs 
selbsttätig. 

Kritik der Der Deputierte Gervais, welcher Mitglied der Armeekommission 
der Kammer ist, folgte der diesjährigen BelagemngsObang bei Langre^ 
seiner Kritik Uber diese Übung bespricht er manches, was mit 
dieser Übnng selbst gar keinen oder nur losen Zusammenhang hat. 
Interessant ist es aber, dass er ansplandert, dals der auf Langres 
dnrcbgetUhrte Angriff nur ein Phantasiegemälde gewesen sei, denn 
niemals werde diese Festung von der Westseite her angegriffen werden. 
Er kenne wohl die strategischen Erwägungen, die dazu veranlafst 
hätten. Man habe befürchtet, wenn man den Angriff dort dnrcb- 
gefttbrt hätte, wie er in der Wirklichkeit gemacht werden mUsse, 
dals dann dem Anslande (d. h. Deutschland !) nützliche Fingerzeige 
gegeben worden wären. (Allgemeine Schweizerische Mil.-Zeitg.) 

Bh. 



Kriegs- Seit langer Zeit haben sich an die Beratung des Kriegsbndgets 

nicht mehr so nmfassende Debatten Uber schwebende Fragen von 
l^ericht uD€r •• ^ 

dasselbe, weittragender Bedeatang, die Aofserangen so widersprecbeDder Ad- 

Breschen*?n verschiedenartige Vorschläge und so viel Versuche zum 

das Wehr- Breschelegen in die Bestimmungen eines noch nicht einmal in seine 
gesetz. Vollkraft getretenen Gesetzes geknUpft, als beim Kriegsbndget 1907. 
Der Bericht Messimy des Bndgetansschnsses der Kammer verlangt 
eigentlich Reformen auf allen Gebieten, sonstige Änderungen 
wurden von Deputierten gefordert. Mit wieder anderen Vorschlägen 
trat der Kriegsminister hervor, der in manchen Beziehungen sich 
dem Verlangen der Kammer nach Erleichterungen des Rekrutiemngs- 
gesetzes vom 21. März 1905, trotz eigener entgegengesetzter Über- 
zeugung, gefügt hat, im Stillen vielleicht hoffend, dals der Senat den 
bezüglichen Forderungen der Kammer noch sein „non liqnet“ ent- 
gegensetzen werde. Dem Anträge einer Anzahl von Deputierten, 
die Übungen der Reservisten auf 14 Tage herabznsetzen, die der 
Landwehrlente ganz fallen zu lassen, hat der Kriegsminister Picqnart 
zwar nicht zngestimmt, wohl aber erklärt, dafs er mit einer Übnng 
zu 3 Wochen, einer zu 2 Wochen der Reservisten und einer Übung 
zu 1 Woche der Landwehrleute ansreicben werde. 

Er bat dabei die Begründung gegeben, dals die jüngeren 
Jahrgänge der Reserve, die 3 Wochen üben sollen, zur Er- 
gänzung der aktiven Armee auf den Kricgsfnfs bestimmt seien 



Digilized by Google 




Umsohaa. 



237 



(7 Jahrgänge), die älteren (also etwa 4 Jahrgänge) eigene Keserre- 
einheiten bilden ond in solchen Oben sollten. (Bei diesem Verhältnis 
der Jahrgänge zueinander ist man zn dem Schlosse berechtigt, dais 
die Reserveformationen etwa die Hälfte der aktiven aasmachen 
werden, aof ein aktives Korps also, abgesehen von Znaven- nsw. 
Sonderformationen, wohl eine Reservedivision zu rechnen ist) 

General Picqnart ist in seinen Konzessionen damit weiter 
gegangen, als bisher jemals der Senat Eine andere Konzession, 
die eine weitere Bresche in das Gesetz vom 2t. März legt, 
ehe es znr Vollwirknng gekommen, betrifft den Jahrgang 1903, 
der nach dem Webrgesetz vom 21. März 1905 nicht nach Ab- 
lauf von 2 aktiven Dienstjabren zur Reserve entlassen werden 
kann, weil seine Aushebung erfolgt war, ehe die Bekanntgabe des 
genannten Gesetzes geschah. Zunächst bat sich der Minister zwar 
nur bereit finden lassen, 6 o/o der Leute dieses Jahrgangs als Familien- 
sttttzen zu entlassen, französische Facbblätter meinen aber, dafe man 
in der Kammer nicht ruhen werde, bis der ganze Jahrgang 1903 
vor Ablauf der 3jährigen Dienstzeit entlassen werde und man 
mit 102(XX) Mann hinter der früheren Iststärke zurtlckbleibe. Mit 
der Entlassung des Jahrgangs 1904 nach 2 Dienstjabren rechnete 
schon der Voranschlag fUr das Kriegsbudget 1907, indem die Trans- 
portkosten in die Heimat angesetzt wurden. Die Fachblätter zweifeln 
weiter auch nicht daran, dals man in der Kammer den Vorschlag, 

Algerier und Tunesier nur 1 Jahr aktiv dienen zu lassen, annebroen 
und damit, entgegen der gerade in der Kammer so stark betonten 
demokratischen Gleichheit vor dem Rekmtierungsgesetze, eine neue 
Bresche in letzteres legt. 

Übereinstimmend in dem Berichte Messimy nnd in den schon vor- 
bereiteten Mafsnabmen des Kriegsministers ist das Streben nach einer 
Reform des Offiziernacbwuchses der Armee. In dem Abschnitt 
„Artillerie nnd ihre Vermehrung“ des Berichts Mes.simy, spricht der 
Berichterstatter aus, „alle Dokumente, alle Vorlagen, die mir vom 
Kriegsminister zagegangen, betonen die unabweisbare, dringende 
Notwendigkeit einer Vermehrung der Feldartillerie“, damit zum ersten 
Male die an leitender Stelle bestehenden Forderungen nach diesen 
Richtungen bekannt gebend. Wir kommen auf diese so hoch- 
wichtige Frage and die Vorschläge zu ihrer Lösung weiter unten 
zurück. Hier sei zunächst die Frage der Wandlungen in der 
Heranbildung des Otfiziernachwncbses etwas eingehender 
berührt. Die Gründe für den im Kriegsministerium fertig liegenden 
durchgreifenden Reformplan erkennt man leicht, wenn man Erklärungen pepublikani- 
Picquarts über die notwendige „weitere Republikanisiernng des Offi- .siemng 



Digitized by Google 



238 



Umseban. 



des Offizier- 
korps. 



zierkorps“, seine VerfÜgangen betreffend das Mmimdatter ftr die Be- 
förderung nach Wahl berücksichtigt ond im Bericht Messimy liee4: 
„Von St. Cyr und der polyteebnisohen Sehnie kann nicht erwartet 
werden, dals sie republikanische Offiziere liefern. Das dualistische 
Quellensystem fUr den Ofßziemachwnohs mnls verschwinden, die 
„Unitd d’origine“ erreicht werden.“ 

Hauptzweck der beabsichtigten Änderungen ist also ein po- 
litischer und für diesen ist man augenscheinlich bereit, von 
dem Dnrchscbnittsbildnngsgrade des französischen Offizierkorps einen 
nicht unwesentlichen Teil zu opfern. Nach dem Plan des General 
Picquart sollen vom 1. Oktober 1907 ab alle zur Heranbildung von 
Unteroffizieren zu Offizieren bestimmten Schulen, Saint Maixent für 
Infanterie, Sonderknrse von Saumnr für Kavallerie, Versailles für 
Artillerie und Genie, fortfailen. Die Offizieranwärter, die diese 
Schulen bis jetzt zu besuchen pflegten, d. h. die ans dem Unteroffizier- 
Stande hervorgehenden, sollen sämtlich zu der einen Schule kom- 
mandiert werden, die in Zukunft für jede Waffe bestehen soll. 
St.Cyr für Infanterie, Saumnr für Kavallerie. Fontainebleau für Artillerie 
und Genie. Diese Schulen nehmen gleichzeitig auch die Offizieranwärter 
der Reserve in ihrem 2. Dienstjahre auf. Wir wollen hier die Frage, ob 
der Moment, in welchem man eben die Bestimmungen Uber die Er- 
gänzung der Mannschaften nnd der unteren Cadres durchgreifend ge- 
ändert und noch nicht einmal zum Abschlnls gebracht, wo man weiter 
m den Reihen der Armee die gebildetsten Elemente als Gemeine 
hat, besonders glücklich für eine solche Umwälzung gewählt ist, 
nicht erOrtem. Die Massnahme ist aber auch eine ungerechte nnd 
gefährliche. Ungerecht, so lange man die Leute aus dem Unter- 
offizierstande nach sehr viel leichterer Prüfung zu denselben Schulen 
mit denselben Aussichten znläfst, zu denen die anderen Offizier- 
anwärter eine sehr viel schwierigere Prüfung zu bestehen haben. 
Gefährlich, weil man das Lehrprogramm an den Schulen, die so 
verschiedene Elemente vereinigen sollen, nach dem Verständnis der 
mindest vorgebildeten, d. b. der Anwärter aus dem Unteroffizier- 
stande, znschneiden mnls, denen der Bericht Messimy anlserdem bei 
der Aufnabmeprüfung auch noch längere Dienstzeit als Äquivalent 
für Lücken im Wissen anrechnen will. Es liegt auch sehr nahe, 
dals die jungen Leute, die bisher sich auf die schwierigen Aufnahme- 
prüfungen für St. Cyr nnd die poljiechnische Schule vorbereiteten, 
in Zukunft den rascher nnd leichter zum Ziel führenden Weg durch 
die Unteroffizierlanfhahn wählen werden. Der Dnrchschnittsbildnngs- 
grad des Offizierkorps der Armee mnls bei Durchführung des 
Picquart’schen Planes sinken. Wenn man bei näherem Zusehen er- 



Digilized by Googl 



Umschau. 



239 



kennt, dafs man in der Annee schon heute statt des gesetzmätsigen 
'/• an Offizieren, die ans dem Unteroffizierstande her>'orgehen, */io 
hat, ohne das ‘/lot den 10 Jahre dienenden ,a^a- 

dants“ jährlich ohne Prttfnng ernannt werden kann, so mnfs mau 
mit der Wahrscheinlichkeit rechnen, die ans dem Unteroffizierstande 
stammenden Offiziere bald weitans die Mehrzahl bilden zu sehen. 

Die Beratungen Uber das Kriegsbndget führten zur Aufdeckung 
Ton Milsbräncben der Dienstgewalt in Verdun — aber in anderen 
Garnisonen soll es nicht besser sein — , die man skandalös 
nennen kann. Leute und Pferde sind zu Priratzwecken weitgehend 
milsbrancbt, Staatsmittel für solche verwendet worden. General 

Picqnart, der bald nach Antritt seiner Stellung als Kriegs- 

minister, wie früher berichtet, sein Augenmerk auf die sog. „em- 
bnsqnös^ gerichtet und mit der Entfernung aller nicht etatsmäfsig 
zum Kriegsroinisterium gehörenden Leute in die Front begonnen, 
hat durch eine Reibe von Rundschreiben und Verfügungen 
die in Verdun zu Tage getretenen und zur Verabschiedung des 

Goovemeurs des Platzes führenden Übel zu beseitigen versucht. 
Das 1. Rundschreiben bezieht sich auf die Burschen, Ordon- 
nanzen nsw., und zwar auf ihre übertrieben grofse, den Bestimmungen 
durchaus zuwiderlanfende Zahl und ihre Verwendung. Bezüglich 
der Innehaltnng der vorgeschriebenen Zahl macht der Kriegs- 
minister die Kommandeure persönlich verantwortlich, indem er sagt, 
es müsse ihnen bei aufmerksamer Kontrolle der unterstellten Ein- 
heiten doch auffallen, wenn viele Leute in der Front fehlten, die 
Truppen mit geringen Iststärken ansrückten, ln bezog auf die Ver- 
wendung der Burschen wird betont, dass sie zur persönlichen Be- 
dienung des Offiziers, insoweit diesem dadurch die Bereitschaft für 
den Dienst erleichtert werde, da seien und dafs ihnen im Haushalt 
auch nur der Offizier Befehle zu geben habe. Ein zweites Rund- 
schreiben betrifft das Verwenden von Dienstpferden und Fahr- 
zeugen zu Privatzwecken. Es verbietet die Bespannung von nicht 
dem Militärfiskns gehörenden Fahrzeugen durch Dienstpferde und 
erlaubt nur den Transport von Militärs in mit Dienstpferden be- 
spannten Wagen zu dienstlichen Zwecken unter Ansschlofs der Mit- 
nahme von Familienmitgliedern, Verwandten, Freunden. Zum 
15. Januar sollen die Kommandeure Uber bestehende Einrichtungen 
solcher Transportmittel, ihre Entstehung, ihren Zweck nsw. be- 
richten. Wo es irgend möglich, sollen Anstalten, Werkstätten, 
Fabriken nsw. ihren Transportdienst durch Zivils nternehmer besorgen 
lassen und die Kosten mit ihren sonstigen Ausgaben liquidieren. 
ZivUnnternebmer sollen auch für die Verbindung von Truppen in 



Mibbritache 
der Dianst- 
gewalt. 



Digilized by Google 




240 



Umscbau. 



Die Beform- 
Torechläpe 
Messimys. 



Lagern oder kleinen Garnisonen mit den Städten bzw. Bahnhöfen 
kontraktlich verpflichtet werden. Ein 3. Handschreiben betrifft 
den Antentbalt in Paris. Nach ihm ist dem Kriegsminister bei 
Beratung des Budgets die Übertrieben lange Verwendung von 
Offizieren im Bereich des Gouvernements Paris, namentlich auch im 
Generalstabe und im Kriegsministerium, aufgefallen. Bei den Per- 
Bonalveränderungen soll deshalb darauf geachtet werden, Offiziere, 
die 6 Jahre in Paris waren, in die Provinzen zu versetzen. 

Die Waffenabteilungen im Kriegsministeriam haben zudem 
den Artikel 41 des Finanzgesetzes von 1906 zu beachten, der vor 
der Befördemng eine bestimmte Zeit aktiver Kommandofflhrang in 
der Front verlangt Weiter macht der Kriegsminister darauf auf- 
merksam. dals im Bereich des VI., VIL und XX. Korps am Soil- 
stande in der Front eine gröfsere Zahl von Offizieren fehlt, be- 
sonders auch bei der Kavallerie, and dals auch den dortigen Truppen 
zahlreiche ,non valeurs' zngewiesen sind. Gerade die Cadres der 
Trappen in den Grenzbezirken mUfsten dauernd vollzählig sein, 
wenn nötig auf Kosten des Iststandes der Truppen im Innern. 

Der Bericht Messimy Uber das Kriegsbudget 1907 stellt eigent- 
lich ein volles Reformprogramm an Haupt und Gliedern der Armee 
dar. Wir können hier nnr einzelne der vom Budgetausschnls ge- 
nehmigten Bemerkungen und Vorschläge hervorbeben. Messimy 
weist zunächst darauf bin, dals die Kegiemng, aufser Sektion II, 
Kolonialtrappen, die io diesem Jahre zur eingehenden Sonder- 
beratung ans dem Budget herausgeschnitten wurde, fttr 1907 
910 367 646 Frs. verlangte, der Budgetansscburs aber zum groisen 
Teil durch Verschiebungen auf das Budget 1906, etwa Uber 
162 Millionen strich, davon mnd 158,6 Millionen bei den aaliser- 
ordentlichen .\usgaben. Der Budgetausschnls wollte bewilligen 
rund 748,4 Millionen, wieder ohne Kolouialtruppen (33848390). 
Wir haben im letzten Bericht schon angedeutet, wie die Steigerung 
der Beträge, die man als eigentliche RUstungsausgaben während der 
Marokkospannnng betrachten kann, verteilt wissen wollte. Hervor- 
geboben aber mufs die edle Dreistigkeit werden, mit welcher der Be- 
richt Messimy, trotzdem die Regierung allein im Ordinarium 22 Milli- 
onen mehr fordert, die Bebanptnng anfstellt, Deutschland allein 
steigere seine Heeres- und Flottenansgaben in höherem 
Mafse als je vorher. In demselben Abschnitt des Berichts wird 
aber gesagt, man mUsse sich in Frankreich noch auf Mehrausgaben ge- 
falst machen fUr die 2 jährige Dienstzeit (12 — 15 Millionen), Beschaffung 
von Artilleriematerial und Maschinengewehren, Kasernements und 
Fürsorge fUr Zivilpersonal. 



Digitized by Google 




Umsohgn. 



241 



Eioe sehr scharfe Kritik erfährt im Bericht Messimy die 
höhere Führung in Frankreich (wir erinnern hier an Pedoya, 
„L’annee n’est pas commandde“, an die Brüder Magneritte, 
Marchand). In Kapitel 7 hatte, nach dem Bericht Messimy, 
der Budgetausschuls 10000 Frs. abgesetzt, nm anzndenten, dals 
man die Zahl der Generale vermindern (Messimy sagt der 

HO Divisions- und 220 Brigadegenerale des aktiven Heeres könnte 
gestrichen werden) nnd die Generalität gleichzeitig verjüngen müsse 
(Messimy verlangt 60 Jahre als Altersgrenze für General-Durch- 
schnittsalter, 55 — 56 Jahre für Divisionskommandeure) nnd der Ab- 
geordnete Hnmbert wollte ans denselben Gründen in demselben 
Kapitel 500000 Frs. Dienstznlage abznsetzen vorschlagen. Messimy 
und der Budgetausschuls suchen eine Verbesserung der Vorbereitung 
der höheren Führer nnd ihrer Stäbe auf die Aufgaben im Kriege auf 
einem ganz anderen Wege, als die Armee im allgemeinen. Der Bericht 
Messimy führt dagegen ans: Seit einer Reihe von Jahren hat unsere 
höheren Führer ein Schlummennstand befallen, ihre Kräfte scheinen er- 
schöpft, wenn sie die nötigen Unterschriften geleistet haben nnd das 
Schreibwerk hindert sie in der Erfüllung ihrer wichtigsten Aufgabe, der 
eigenen Vorbildung nnd deijenigen der unterstellten Führer nnd Truppen 
auf den Krieg. Den Grund für NiohtgenUgen der höheren Führer 
sieht Messimy in der Abweichung vom Gesetz vom 24. Juli 1873. 
Das Gesetz verbot die Bildung von Armeeverbänden nnd die Fest- 
legung einer kleinen Zahl von ArmeefUhrern in dieser Verwendung 
im Frieden gänzlich; nm möglichst viele Divisionsgenerale an der Spitze 
von Armeekorps nnd in zeitweiligen besonderen Aufträgen ihre Probe 
bestehen zu lassen, bestimmte es, dafs kein kommandierender 
General länger als 3 Jahre in dieser Stellung bleiben sollte. Man 
bezweckte damit, bei der Mobilmachung eine möglichst grolse Aus- 
wahl zu haben nnd die brauchbarsten Führer bestimmen zu können. 
Änderungen des Gesetzes führten dazu, Generale über 3 Jahre an 
der Spitze von Armeekorps zu belassen, ihre Stellung in der Haupt- 
sache zu einer administrativen zu machen; kommandierende Generale 
und vor allem auch designierte Armee-Oberkomiuandierende nnd 
Mitglieder des oberen Kriegsrats blieben im allgemeinen in der 
Stellung, bis sie von der Altersgrenze erreicht wurden. Der obere 
Kriegsrat, — der wichtigen, von zahlreichen einsichtigen Generalen als 
zweckmäfsig bezeichneten Neuerungen, wie z. B. der 2 jährigen Dienst- 
zeit, Vermehrung der Artillerie, feindlich sich gegenüberstellte, — hält 
Messimy durchaus nicht für unentbehrlich, die Mnfse in der Grofs- 
stadt nnd die Entfernung von den Truppen taugen für die de- 
signierten Armee-Oberkommandierenden nicht. Eine Rückkehr zum 



Digitized by Google 




242 



Umscluu. 



Gesetz von 1873 allein kOnne helfen. Oie Stäbe fttr die Armee- 
oberkommandos will der Bericht aber schon im Frieden gebildet 
und innerhalb der Gebiete, die beim Kriegsbeginn besondere Be- 
dentnng gewinnen konnten, in Reims, Dijon, Cbanmont, nnter- 
gebracht sehen, um sich durch Übungsreisen usw. auf ihre Aufgabe 
im Kriege vorznbereiten. Halte mau den oberen Kriegsrat als 
beratende Behörde im Frieden für nötig, so dttrfe man nicht ständige 
Mitglieder ernennen, sondern die Generale, die gerade Armee- 
inspekteure, und kommandierenden Generale der Grenzkorps (VI., XL. 
XX., XIV., XV.) sind. 

Zweijiihrige Zn den interessantesten Abschnitten des Berichts Messimy ge- 
Dienstaeit. jjgjgn die Angaben Uber Soll- und Iststärken nach Dnrcbfttbmng 
der 2jäbrigen Dienstzeit, um so mehr, als der Bndgetansschuls auf 
diesen Angaben seine Ansicht aufbant, die Zahl der bestehenden 
Friedenseinbeiten bei der Infanterie und Kavallerie sei weitaus zu 
grofs lUr die zu erwartende Durcbschnittsiststärke. Die Tatsache, dals 
der erste nach dem neuen Gesetz ansgebobene Jahrgang, so führt 
der Bericht ans, 1905 an waffendienstTähigen Leuten rund 233 (XX), 
an Leuten der Hilfsdienste 11500, zusammen 244500 Mann er- 
geben hat, darf nicht zu der Annahme verfuhren, man werde 
dauernd mit so hoben Ziffern au Rinznstellenden kalkulieren 
können. Messimy berechnet, dafs man bei 3Jähriger Dienstzeit am 
1. Januar 1908 an feldverwendbareu Leuten, unter den Waffen 
gehabt hätte 550000, bei 2jähriger Dienstzeit, ohne die Leute 
der Hilfsdienste, die eben nicht waffendienstfäbig, nur 515000. 
In der Reserve werde man nicht einen Mann weniger haben, als 
bei 3jäbriger Dienstzeit, feldverwendbare aber weniger, weil hier 
die Leute der Hilfsdienste nicht mitrechneten. Nach voller Durch- 
führung des Gesetzes betreffend die 2jährige Dienstzeit werde man 
gegenüber der Sollstärke, die nach dem Cadresgesetz die beute be- 
stehenden Friedenseinbeiten haben mülsten, erheblich Zurückbleiben. 
Der Bndgetansscbufs verlangte nach dem Bericht Messimy daher 
baldigst Vorlegung eines neuen Cadresgesetzes. Mau habe, so führt 
der Bericht ans, statt normalen Kompagnien mit 123 Mann (Cadres- 
gesetz vom 13. Mai 1875) solche von 110, 100, ja 95 und bei den 
4. Bataillonen solche von unter 90 Mann. Von den 2 für die Ver- 
minderung der Zahl der Kompagnien gemachten Vorschlägen ist 
derjenige Messimys der radikalere. Der Budgetansschnfs verlangte 
die Auflösung der 4. Bataillone der Subdivisionsregimenter, aus- 
genommen die Grenzkorps VI. VII, XX, XIV, XV; das wären rund 
180 Kompagnien. Messimy will in der ganzen Armee die 4. Kom- 
pagnien jedes Bataillions aufgelöst sehen. Auf crsterem Wege 



Digitized by Google 




Umschau. 



243 



wttrdeo die bieibeoden Kompanien eiue Erböhang ihrer Ist- 
stilrke Dio rund 4 "/o erfahren, aai dem 2. die Minimalstärke der 
Kompagnien aof 135 Mann und in den Grenzbesirken an! 180 Mann 
kommen. Freilich wäre bei dem 2. Wege im Moment der Mobil- 
maobnng eine Verdoppelung der Bataillone anf je 6 Kompagnien 
erforderlich, was der Bndgetansschnls bei der Infanterie aneb für 
tonlicb hält. Znr Ftthmng dieser Nenbildnngen branohte man 
Offisiere, der Budgetansschnfs ist aber der Ansicht, dafs man dazu 
unter keiner Bedingung im Frieden eine grofse Anzahl von un- 
beschäftigten Offizieren über den Etat erhalten dürfe, diese vielmehr 
den frühzeitig aus der aktiven Armee anssoheidenden Offizieren ent- 
uebmen müsse. Bei der Infanterie hält man nach Messimy die 
Streichung von 2000 Offizieren der aktiven Armee für zulässig. 

Einen weiteren springenden Punkt in dem Bericht Messimy bilden 
die Betrachtungen Uber die Notwendigkeit der Vermehrung der 
Feldartillerie, für welche er Personal nnd Pferde des aufzn. 
losenden Trains nnd der aufznlOsenden Reiterverbände (30 [in Afrika] 

-p 79 ö. Eekadrons) verwendet wissen will. 

Wir haben oben schon gesagt, dafs der Bericht in diesem Abschnitt Vermehrung 
besondere Bedeutung gewinnt durch die Mitteilung, alle vom Kriegs- 
ministerium dem Anssohuls gelieferten Dokumente nnd Notizen betonten 
die dringende Notwendigkeit einer baldigen Vermehrung der Artillerie. 

Der Bericht prüft zunächst die Frage der Notwendigkeit der Vermehrung 
der Feldartillerie nnd bejaht sie anf Grund der Erfahrungen des 
mssiscb-japaniscben Krieges, der Annahme der Gleichwertigkeit des 
französischen Materials mit demjenigen der Gegner nnd der Tat- 
sache, dafs England anf je 1000 Mann 5 Feldgeschütze, Deutsch- 
land 5,3 Geschütze, Frankreich aber nur 3,3 Geschütze besitze. 

Man müsse so sagt der Bericht, in Frankreich aof 132 Geschütze 
im Armeekorps kommen, also die beim Korps vorhandenen Geschütze 
am 40 vermehren. Von den beiden Wegen, auf welchen sich diese Ver- 
mehrung bewirken liefse, Rückkehr znr Batterie von 6 Geschützen, 
die einfach nnd keine neuen Cadres verlangte, oder Vermehrung der 
im Frieden bestehenden Zahl von Batterien um 10 für das Armeekorps, 
haben, nach dem Bericht, die in der Front tätigen Artillerieoffiziere 
(im Gegensatz zu dem bekannten Taktiker Bonnal, der in Temps 
schleunigste Reparatur des Fehlers, mit dem Übergang zum Schnell- 
fenermaterial die GeschUtzzabl pro Batterie zu vermindern, forderte) 
sich für den 2. entschieden. Weiter ist von Interesse, was der 
Bericht Uber die schwere Artillerie des Feldheeres sagt, bei welcher 
i>ach ihm die Batterie nur 2 Geschütze, dabei aber eine grofse An- 
zahl von Monitions- nnd sonstigen Wagen nnd sehr viel Personal 



Digitized by Google 




244 



Umcobtn. 



zählen wird. Der Bericht erkennt diese Notwendigkeit fttr die 
schwere Artillerie des Feldheeres an, Toransgesetzt, dals man sie 
nicht ihrer eigentlichen Rolle entziehe und ans ihr eine Belagemngs* 
artillerie mache. 

Generalissi- Die Emennnng Hagrons znm Generalissimns, d. h. zum Ober- 
kommandierenden der gegen Deutschland bestimmten Armee- 
gruppen, ist amtlich nur indirekt bekannt gegeben worden, indem 
das Jonmal OfGciel die Ernennung des Generals Lacroix, Mit- 
glieds des oberen Kriegsrats, znm Vorsitzenden des technischen 
Generalstabskomitces brachte „an Stelle des Generals Hagron, der 
eine andere Verwendung erhalten hat“. Am 6. Dezember 1906 trat 
zum ersten Male der obere Landesverteidigungsrat, der fast 
ein Jahr vorher durch Dekret geschafien war, zusammen. Er 
beschäftigte sich mit den in der Marokkofrage zu treffenden An- 
ordnungen. Aufgabe des oberen Landesverteidignogsrates ist es be- 
kanntlich, in die Malsnahmen der bei der Landesverteidigung be- 
teiligten Ministerien Übereinstimmung hineinzubringen. Er setzt sich 
unter dem Vorsitz des Präsidenten der Republik zusammen aus dem 

: Ministerpräsidenten, dem Minister des Aniseren, dem Kriegs-, dem 

Marine- und dem Vizepräsidenten des oberen Kriegs- und oberen 
Marinerates. 

Wirkung der Durch die Wirkung der Altersgrenze scheiden ans der Armee 
1907 aus 15 Divisions-, 31 Brigadegenerale. Unter ersteren sind 
3 Mitglieder des oberen Kriegsrats (Dodds, Pendezec, Metzinger) 
und 2 kommandierende Generale (VII., XIX. Korps). Im Durch- 
schnitt scheiden durch die Altersgrenze jährlich 22 Divisions- and 
23 Brigadegenerale ans. Die Beförderungen am 25. Dezember 
erstreckten sich auf 3 Divisions-, 11 Brigadegenerale. 

Bekleidung. ^br die Offiziere der Artillerie und des Trains galten als Be- 
kleidung noch Dolman und Weste, obwohl die Truppe den Dolman 
nicht mehr kennt. Der Dolman ist kostspielig, die Weste zu wenig 
ansehnlich fttr den Paradeanzng. Der Kriegsminister hat daher einen 
weiteren Wafienrock als Bekleidung eingeftthrt, zu welchem beim 
Paradeanzng Epanletten getragen werden und zwar nach dem Schnitt 
der Dragonerolfiziere. Bis znm 1. Juli 1908 können Weste bzw. 
Dolman, ausgenommen bei „Feldanzng“, weiter getragen werden. 

Mahne. Oas Marinebudget 1907 and vor allem auch die Banlegung der 
6 Linienschiffe, die im Finanzgesetz 1906, Artikel 81, vorgesehen 
waren, haben im November, wie hier schon bemerkt, in der Kammer, 
im Dezember im Senat zu sehr lebhaften Debatten Veranlassung 
gegeben. Die Bemerkungen des Berichterstatters fttr das Marine- 
budget in der Kammer, Michel, hatte schon der Budgetausscbals ab- 



Digitized by Google 




ümBotun. 



245 



gefertigt. Bei den Berataogeo in der Kammer kam n. a. aacb die 
Frage der Rekratieroog der Marine znr Sprache. Ein Abgeordneter 
Terlangte die 2jährige Dienstzeit, da heute im Falle einer Mobil- 
machung 42000 kräftige Leute keine Verwendung finden. Der 
Marineminister Thomson erklärte, dals ein neues Rekrutiernngsgesetz 
io 124 Artikeln, vom Krlegsmlnister genehmigt, jetzt dem Finanz- 
minister rorliege. Das Gesetz beseitige dasjenige von 1896, die 
Vorteile der Eingeschriebenen der seemännischen Berblkemng 
würden erhalten und für diejenigen, die sich freiwillig zu längerer 
Dienstzeit verpflichteten, solche weiter ausgedehnt. Dem Marine- 
minister ist es in der Hauptsache zu danken, wenn die Beratungen 
im Senat, trotz lebhaften Protestes d’Estournelles und der Kritiken 
von Monis, mit einem grolsen Vertrauensvotum für die Regierung 
geschlossen haben. Der Marineminister Thomson knüpfte aber in 
die Kritiken von Monis an, dessen Behauptung, die britische Schiffs- 
artillerie habe gröfsere Trefileistungen, als die französische, er damit 
abwies, dals die Geschwaderscbielsen in Frankreich möglichst kriegs- 
mäfsig stattfinden, in England von langer Hand her vorbereitet sind. 
Admiral Cnrveville betonte, dafe die schweren 30,5 cm-GeschUtze 
den britischen Geschützen gleich, die mittlere Artillerie der der 
britischen an Leistungen aber überlegen sei. Der Marineminister 
hatte zunächst eine Lanze gegen die Pazifisten zu brechen und 
kam dann auf die Rüstungen anderer Staaten znr See. Heute 
haben, wie es der russisch -japanische Krieg überzeugend dar- 
getan hat, die Geschwader eine höhere Bedeutung, als je zuvor; 
wenn man der Regierung einen Vorwurf machen wollte, so 
könne dieser höchstens dahin lauten, dafs in bezug auf Bau 
von Linienschifien nicht genug geschehen sei. Der Minister hält 
es für durchaus unzulässig, eine für die Landesverteidigung 
beschlossene und so wichtige Malsnahme, wie Bau von 6 Linien- 
schiffen 1906, rückgängig zu machen. Auch er weist ziffermälisig 
nach, dals die französische Schiflsartillerie der britischen nicht unter- 
legen sei und fügt dem hinzu, auch in bezug auf ITabrgeschwindig- 
keit stellte man in England die Proben unter ganz anderen Be- 
dingungen, als in Frankreich an und unter den in Frankreich ver- 
langten würden britische Schiffe nur die Schnelligkeit erreichen, die 
man jetzt bei ihnen verzeichne. Man bat behauptet, in England 
baue man jetzt Linienschiffe mit 25 Knoten Fahrt, während man 
sich in Frankreich mit 21 Knoten zufrieden erkläre. Ein gewaltiger 
Irrtum, die 3 Schlfie des Programms 19 1905/06, an die man denke, 
seien Panzerkreuzer, nicht Linienschiffe, man habe auf Kosten der 
Artillerie und des Panzers die Schnelligkeit vermehrt, sie seien 

Jlkrbfteh» fftr ZI« d«nt«eh« Amt« and Idurinn. S«. 425. 17 



Digilized by Google 




246 



Unuohao. 



keine Einheiten fttr Gescbwaderkämpfe, da sie sich dem Fener 
moderner Linienschifie nicht anssetzen durften. Die französischen 
Kreuzer seien nicht weniger schnell, als die britischen. Der Marine- 
mmister schlieüst sich den Bemerkungen des Admirals Cnrveyille be- 
züglich der Leistungen der Marine 1870/71 und im fernen Osten 
an, und erkennt dem Personal der Marine höchstes Lob zn. Mit 
einem Vertranensrotnm wird das Flottenprogramm genehmigt. 

18 



Rnibland. 

Ich möchte diesmal in erster Linie an! den Prozefs Neb ogatow 
znrttckkommen. 

Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dals in diesem 
Prozefs ein StUck Geschichte des letztvergangenen Feldznges ge- 
schrieben worden und man einen Einblick in die psychologischen 
Seiten des Offizierkorps der rnssischen Marine erhalten wird, wie er 
in diesem Umfange in dem Prozeis wegen der Kapitulation des 
„BedowUj“ nicht gegeben war. 

Zn dieser Ansicht berechtigt der Umstand, dals Admiral Nebo- 
gatow und seine „Partei* andauernd in der Presse bestrebt ist. die 
Kapitnlation nicht als einen Einzelakt gelten zn lassen, sondern sie 
in Verbindung mit der Vernachlässigung im Marinewesen zn bringen, 
wodurch seinem Befehl kriegsnntücbtige Schiffe mit einer ungeübten 
Besatzung und einer dem Gegner unterlegenen Besatzung unterstellt 
wurden. 

Ans der Rolle des eines schimpflichen militärischen Verbrechers 
heraus sucht er in die des Anklägers zu schlüpfen. 

Die GerichtsTerhandlnng begann am 5. Dezember vor einer be- 
sonders hierfür eingesetzten Session des Kronstädter Marinegerichts 
unter dem Vorsitze des Admirals Babizin. 

Mit dem Admiral Nebogatow und dem Kommandanten der 
Panzerschiffe „Orel", „Generaladmiral Apraxin“, „Admiral Ssenjawin“ 
und ..Imperator Nikolai PerwUj“, den früheren Kapitänen 1. Ranges 
Smirnow, Grigorjew, Liscbin und dem früheren Kapitän 2. Ranges 
Schwede sind nicht weniger als 73 Offiziere, Maschineningenieure 
usw. angeklagt, von denen nur einer nicht persönlich erschien. 

Etwa 200 Zeugen sbd rorgeladen. Mehr als 30 Anwälte ver- 
teidigen die Angeklagten. Die Anklagebehörde vertritt der schon 
ans dem Bjedowüjprozefs bekannte Generalmajor Wobak. 

Ans der von dem Gerichtshöfe verlesenen Anklageschrift ergibt 
sich, dals Admiral Nebogatow erklärt bat, dafs er einen Kampf mit 
den überlegenen Streitkräften der Japaner für aussichtslos gehalten 



Digitized by Googl 



ÜDMoban. 



247 



hätte. Die Japaner hätten bessere Artillerie nnd schnellere Schiffe 
gehabt. Der „Imperator NikoliJ Perwttj“ sei beschädigt gewesen, 
es fehlte ihm an Munition nnd er hätte einen ZwhlfpfUnder einge- 
bttÜBt. Unter diesen Umständen hätte er sich zur Kapitulation ent- 
schlossen. Die Kapitulation des Admiralsohiffes wäre ihr die andern 
Schlachtschiffe nicht maisgebend gewesen, wie das Vorgehen des 
„Jsnmrnd“ beweise, der selbständig gebandelt hätte. Fttr die Ver- 
senknng des „Imperator Nikolaj Perwilj“ wäre keine Zeit gewesen. 
Soweit er sich entsinne, hätte er die Offiziere seines Stabes nicht 
einzeln um ihren Rat gefragt, sondern alle Offiziere Tersammelt 
Proteste gegen die Übergabe des Schiffes wären nicht lant ge- 
worden ; ob zwei Offiziere protestiert hätten, könne er nicht sagen. 
Die Mannschaft hätte die Kapitulation ruhig anfgenommen, ein Teil 
der Besatzung hätte ihm fUr die Schonung ihres Lebens gedankt. 
Der Kommandeur des Schlachtschiffes, dem er seinen Entscbinls, zu 
kapitulieren, mitgeteilt habe, hätte bedingungslos zngestimmt. 

Wir verzichten mit Rücksicht auf den uns zu Gebote stehenden 
Raume, an dieser Stelle ein Bild der weiteren Verhandlnngen zu 
geben, so interessante Streiflichter diese anf die Psychologie des 
russischen Offizierkorps nnd die Znstände in Rnlslands Marine 
werfen. 

Wahrhaft erquickend wirkt gegenüber den Anssagen der Ange- 
klagten nnd den lamoryanten Reden der Verteidiger die Rede des 
Vertreters der Staatsanwaltschaft, des Generalmajors Wobak. 

Er stellte allen diesen nnglanblicben Beschönigungen der Kapi- 
tulation gegenüber fest, dals für ihn die Kapitulation des Geschwaders 
unter den Umständen, unter denen sie erfolgte, ein Verbrechen be- 
deute. Er halte Nebogatow durchaus nicht für einen Helden, der 
mit dem landlänfigen Begriffe von Kriegsehre gebrochen nnd ein 
paar nntzlose, alte Kriegsschiffe übergeben hätte, um tausend jnnge 
hoffnnngsTolle Menschenleben zu retten. Wenn auch das Geschwader 
elend ausgerüstet war, wenn man auch annehmen wolle, dals Ad- 
miral Roshestwenskij ein schlechter Flottenführer gewesen sei, so 
hätte die Kapitulation doch nicht erfolgen dürfen. Es sei nicht von 
Belang, ob das Geschwader schlecht ausgerüstet gewesen seL 

Sehr scharf wandte sich der Proknrator gegen die Entschuldi- 
gung der dem Admiral Nebogatow unterstellten Offiziere, sie hätten 
sich durch die Pflicht des Gehorsams zu der Zulassung der Kapitu- 
lation gezwungen gefühlt. „Jeder Soldat müsse sich erinnern, dals 
er nicht der persönlichen Willkür eines Vorgesetzten, sondern den 
Gesetzen nnd dem Willen seines Kriegsherrn Gehorsam zu leisten 
hätte, dessen Organe dieser Vorgesetzte nur sei.“ Ein blinder Ge- 

17 * 



Digilized by Google 




248 



(Jmsoluia. 



horsam gäbe ein gefährliches Werkzeug einem verbreoherisohen Vor- 
gesetzten in die Hand. General Wohak wies darauf hin, dafs wie 
fast alle Oesetzgebnngen und die Mebnahl der Recbtelehrer den 
Grundsatz des blinden Gehorsams verwarfen, so auch Napoleon I., 
der es ffir einen Verrat am Kriegsherrn erklärte, wenn ein Unter- 
gebener einem Vorgesetzten, der kapitulierte, gehorchen zn müssen 
glaubte. 

Peter der Grolse hätte aber in seinen Gesetzen verlangt, dafs 
wenn ein Kommandant ein Kriegsschiff übergeben wolle, ihn die 
Offiziere zunächst davon abznhalten zn suchen hätten. Wäre dies 
aber ohne Erfolg, so solle man ihn verhaften nnd an seiner Stelle 
der näcbstälteste Offizier den Befehl übernehmen oder ein zn di^m 
Zweck aus der Mitte der Offiziere Gewählter. 

Am Schlosse seiner glänzenden, von echt soldatischem Geiste 
getragenen Hede wies General Wobak darauf hin, dafs zwar das 
Kriegsgesetz für den der schmachvollen Kapitnlation Schuldigen die 
Todesstrafe verhänge, dafs diese aber seit dem Bestehen der 
mssiscben Flotte niemals angewandt worden sei. Es käme anob 
weit weniger auf die Art der Strafe an, als darauf^ dafs die Schul- 
digen überhaupt für strafbar befunden würden, nnd nicht etwa er^ 
hobenen Hanptes im Gefühl ihrer Unschuld ans der Verhandlung 
hervorgingen. 

Die Vernrteilnng, welche der Gerichtshof anssprechen würde, 
hätte eine erzieherische Bedeutung für den Nachwuchs des russischen 
Offizierkorps. Dies verurteilende Erkenntnis würde schimpfliche 
Kapitulationen in Zukunft unmöglich machen, es würde die Offiziere 
zwingen, sich eingehender mit ihren Anfgaben zn beschäftigen und 
sie mit dem Gefühl für ihre Pflicht zu dnrchdringen, welches allein 
die ehrenvolle Zukunft des Vaterlandes verbürgen könne. 

Die Verhandlung hat einen Einblick in die Anschauungen der 
Offiziere des Nebogatowsohen Geschwaders geboten, der es sehr not- 
wendig erscheinen lälst, dafs die Begriffe militärischer Ehre für ähn- 
liche Lagen in der Zukunft gefestigt werden. Das Urteil lautete 
bekanntlich für Nebogatow nnd seine mit ihm kapitulierende Kom< 
mandanten mit Ausnahme der des „Orel“ anf zehnjährige Festongs- 
strafe; aber auch diese beschlofs der Gerichtshof dem Kaiser zur 
Mildemng anznempfehlen. Einige Offiziere erhielten eine Festungs- 
haft von einigen Monaten. Nendundsechzig wurden freigesprochen. 
Wir zweifeln, dafs Verhandlung nnd Urteil die läuternde Wirkung 
haben werden, die man im Interesse der Sanierung des russischen 
Offlzierkorps von ihnen hoffen mnlste. 

Das Georgsfest, jenes wichtigste aller militärischen Feste 



Digitized by Coogl( 



Umschau. 



249 



des an solchen nicht amen KoialaDds, ist diesmal nicht, wie sonst, 
im Winterpalais mit dem üblichen Pompe, sondern m Zarskoje Sselo, 
wo die kaiserliche Familie bekanntlich seit dem Ansbracbe der Re- 
rolation in strenger Abgeschlossenheit lebt, geieiert worden. Die 
Georgsritter, etwa 1000 an der Zahl, waren dorthin mit der Eisen- 
bahn ans Petersburg befördert nnd in der Manege versammelt worden. 
Der Kaiser, begleitet von den Mitgliedern des Kaiserhauses, schritt ihre 
Reihen ab nnd brachte ihnen Gesundheit ans, worauf die Georgs- 
ritter mit dem üblichen Hurra antworteten. 

Bezeichnend ist für die Ungebundenheit der Presse, namentlich 
wenn man ihre frühere Knebelung durch die Zensur bedenkt, dals 
die Petersburger Zeitungen meldeten, die Georgsritter seien vor ihrer 
Abfahrt nach Zarskoje Sselo auf den Polizeiwachen auf Befehl des 
Gehilfen des Stadtbanptmanns, Generalmajors Wendorf, einer Leibes- 
visitation unterzogen worden. Von anderer Seite wurde dies Ge- 
rücht auf das bestimmteste znrückgewiesen. Wir müssen übrigens 
gestehen, nach den Vorkommnissen im Hanse Stolypins nnd dem 
von einer „Freundin“ des gastlichen Hauses des Generals Baron 
Kanlbars geplanten Attentat kann man strenge Mafsnabmen zum 
Sohntze der Person des Kaisers nicht tadeln, so traurigen Eindruck 
sie auch machen müssen. 

Von den vielen „Reformkommissionen“, die nach dem Feldzüge 
niedergesetzt sind, hat die zur Ausarbeitung einer neuen Be- 
stimmnng über die Beurteilungen der Ottiziere vom Kapi- 
tän (Rittmeister, Gessant der Kasaken) aufwärts für die 
Beförderung zu höheren Stellungen berufene (Nowaja stroi- 
naja siatema esbegodnawo kollegialnawo attestowanija i ustanow- 
lenya kandidatnrü na komandnüja dolsbnosti natsobinaja s dolsh- 
nosti batalionnawo komandira) ihre Arbeiten beendet. 

Allerhöchsten Ortes ist deren versuchsweise EinfOhrnng bis zum 
14. Januar 1909 angeordnet worden, um auf Grund der Erfahrungen 
sich etwa ergebende Mängel verbessern zn können. 

Die Hanptgmndsätze dieser für die richtige Beurteilung der 
Offiziere sehr wichtigen Verordnung sind folgende: „Das kollegiale 
Attestations- (Benrteilnngs-jsystem“ trägt einen ausscblielslicb be- 
ratenden Charakter. Die endgültige Entscheidung liegt dem obersten 
Vorgesetzten der für die Benrteilung der einzelnen Chargen zur Gel- 
tung kommenden Instanzen zn. Die Beurteilungen erfolgen in be- 
liebiger Form durch den unmittelbaren Vorgesetzten — so z. B. für 
den Kompagnieehef durch den Bataillonskommandeur — nnd werden 
mit den Bemerkungen der Zwischeninstanzen für den Kompagnie- 
chef and Bataillonskommandeur an den Divisionskommandenr, für 



Digiiized by Google 




250 



Umsehan. 



Eommaiideare tod Reg^imentern asw. und BrigadekommaDdeare bei 
dem kommaDdierenden General, Festangskommandanten oder Ober- 
kommandierenden der Trappen des Militärbezirks, für die DivisioDs- 
nnd Korpskommandenre an den Kriegsminister eingereioht. 

Dann finden unter dem Vorsitze der Divisions-, der Korps- 
kommandeare oder der Oberkommandierenden der Trappen des 
Militärbezirks entsprechende Divisions-, Korps- bzw. Bezirka- 
konferenzen statt, za denen eine bestimmte Zahl von Beisitzern her- 
angezogen wird. 

So z. B. wird die „Dirisionskonferenz“ unter dem Vorsitze des 
Divisionskommandeurs gebildet ans zwei Brigadekommandearen, vier 
Uegimentskommandenren, den Vorsitzenden Mitgliedern des Offizier- 
ehrengericbts and dem Divisionsstabscbei 

Durch die Beschlüsse der Konferenz aaf Grand der vorliegen- 
den Dienstatteste wird jeder ihr znr Bearteilang überwiesene Offi- 
zier entweder zar Beförderung geeignet, oder als für seine Dienst- 
stelle brauchbar, oder zu einer bestimmten Funktion geeignet, oder 
zur Warnung wegen nicht ganz genügender dienstlicher Leistungen 
oder endlich als ungenügend und zur Verabschiedung reif erklärt. 

Die motivierten Beschlüsse der Konferenz werden von den 
höheren Instanzen bestätigt oder im Falle des Nichteinverständnisses 
unter Darlegung des Grandes geändert. 

Die endgültige Entscheidung wird durch den entscheidenden 
Vorgesetzten dem betreffenden Offizier mitgeteilt, wobei den znr Ver- 
abschiedung Bestimmten eröffnet wird, dals, wenn sie nicht freiwillig 
binnen sieben Tagen ihr Abschiedsgesuch eingereicht hätten, sie 
ohne solches entlassen werden würden. Kapitäns, welche im Jahre 
vorher schon eine Verwarnung erhielten, werden ohne vorherige Auf- 
forderung verabschiedet. Für , falsche Attestierung“ über einen Offizier 
macht die neue Verordnung sowohl den unmittelbaren Vorgesetzten 
des beurteilten Offiziers wie alle höheren Vorgesetzten, die dieser 
beigestimmt haben, verantwortlich. 

Für Auszeichnung im letzten Feldzage sind einer 
gröfseren Anzahl von Truppenteilen Georgsfahnen, silberne 
Georgstrompeten oder Abzeichen an der Kopfbedeckung 
mit entsprechender Inschrift verlieben worden. So erhielten 
das 2., 3., 4., 13., 14., 16., 16., 17., 18., 19.. 23. und 24. Ost- 
sibirische Schützenregiment Georgsfahnen mit verschiedenen In- 
schriften, wie „Für Auszeichnung bei Ljaojang 1904 und bei Sandepu 
1905“, „Für Auszeichnung bei der Abwehr des Sturmes am 13. bis 
18. Oktober und 12. — 23. November 1904 bei der ruhmvollen Ver- 
teidigung Port Arthurs“ oder „Für Auszeichnung am Schaho 1904“ usw. 



Digitized by Googic 



Unuohaa. 



251 



Während des non beendeten Feldznges ist der Mangel an Offi- 
lieren mit genügender Kenntnis des Chinesischen, Japanischen und 
Koreanischen fUhlbar geworden. Namentlich hatten sich recht be- 
denkliche Milsstände gezeigt infolge der Abhängigkeit von moralisch 
zweifelhaften Dolmetschern der chinesischen Bevölkerung der Mand- 
sehnrei gegenüber. Auch war man wohl durch Spione getäuscht 
worden, die sich unter dem Vorwände von Dolmetscherdiensten an 
die Truppen heranzndrängen verstanden. Ans diesem Grunde hat 
der Oberkommandierende der Truppen des Militärbezirks Amur an- 
geordnet, dafs in Chabarowsk am Amur Korse im Chine- 
sischen und Japanischen ins Leben gerufen werden sollen, 
an denen je 25 Ofdziere und Mannschaften dieser Garnison teil- 
nehmen sollen, unter denen vorzugsweise Kasaken, die nach Ab- 
leistung des aktiven Dienstes im Lande verbleiben, und die seitens 
des Generalqoartiermeisters des Stabes des Oberkommandos auszn- 
wäblen sind. Der Unterricht soll auf zwei Winterperioden verteilt 
werden. Die Offiziere, welche denselben mit Erfolg absolvierten, 
sollen vorzugsweise bei etwaigen Kommandierungen nach China und 
Japan berücksichtigt werden. Die betreffenden Mannschaften er- 
halten Geldprämien und Uniformabzeichen. C. v. Z. 

Schweiz. 

Für die Befestigung des St. Gotthardt sind für 1907 rund Landei- 
1860000 Frs. und für die von St. Moritz 2000000 Frs. im Etat hefeeügung. 
ansgeworfen. 

Bei den diesjährigen Nachdienstknrsen in Wallenstadt wurde jq. 

ein neues Infanteriegeschofs probiert, welches gegenüber dem bis- facteiie- 
herigen länger ist und in eine regelrechte Spitze ansläuft. Die 
Ladung ist stärker, so dafs die Vg eine gröfsere ist. (Schw. 
Schütz.-Zeitg.). Bh. 



Digitized by Google 




252 



Uterator. 



Literatur. 



I. BQcher. 

Wilhelm I. und Boon. Von General der Infanterie z. D. von Blume. 

Berlin 1906. B. Bebra VerlaR. 

So lauten die beiden Aufdrucke dieses Buches, während auf dem 
Titelblatt steht , Kaiser Wilhelm der Grofse und Roon*. Bis jetzt hat 
sich letztere Bezeichnung des unvergefslichen Kaisers nicht durchzu- 
setzen vermocht, sie ist im allgemeinen auf amtliche Kreise beschränkt 
geblieben. Ich glaube aber, eine spätere Geschichtschreibung wird 
den Beinamen „der Grofse“ nicht verweigern, wenn sich erst einmal 
vergleichend ganz übersehen läfst, was er im Laufe der Zeiten Preufsen- 
Deutschland gewesen ist. Nicht nur als Mehrer des Reiches, sondern 
als entschlossener festgefügter Charakter, dem eben Grofses nur ge- 
lingen konnte, weil er selbst grofs dachte von dem Herrscherberuf und 
seinen Pflichten. Und wenn ihm auch die geniale Intuition fehlte, um 
unter den grofsen Feldherren einen Platz einzunehmen, so war er un- 
streitig grofs als vorbildlicher Soldat, als militärischer Organisator. 
Deshalb ist er auch mit Recht aufgenommen worden unter die Erzieher 
des preufsischen Heeres. Dieser Eindruck wird nach jeder Richtung 
verstärkt durch die Lektüre des vorliegenden Buches, welches in ver- 
tiefter Auffassung, in mustergültiger Darstellung sowohl ein vielbe- 
wegtes Menschenleben wie reichgesegnete und weltbewegende Herrscber- 
leistungen zu schildern versteht Nicht unerwähnt darf dabei bleiben, 
dafs man dem Herrn Verfasser sozusagen bei jeder Zeile anmerkt, mit 
welcher Liebe und Verehrung er sich dem eigentlichen Helden des 
Buches widmet sein innerstes Wesen zu erfassen und klarzulegen 
versucht Denn Roon kann, gemessen an Wilhelm I., uns nur als 
Nebenfigur erscheinen, unbeschadet seiner grofsen Verdienste um die 
Reorganisation des preufsiscben Heeres und dessen Vorbereitung für 
den Krieg 1866. Was dagegen den Krieg 1870/71 betrifft, so stand 
das Reorganisationstalen t Roons nicht auf der Höhe bezüglich der 



Digilized by Google 



Llteratnr. 



253 



Nenanfstellung von kriegsbraachbaren Truppenkörpern aufserhalb des 
flblichen Rahmens. Nach dieser Richtung hat der „Civilist“ Gambetta 
unendlich mehr geleistet und deshalb war die Klage Moltkes während 
der kritischen Zeiten im November 1870 wohl begründet. 

Als ein Vorzug des bedeutsamen Buches, welches unstreitig die 
beste bis jetzt erschienene Charakterisierung Wilhelm I. unter militä- 
rischen Gesichtspunkten darstellt, möchte ich auch dessen Objektivität 
bezeichnen. Dem Herrn Verfasser ist es nicht entgangen, dafs 
Wilhelm I. nach 1866 nicht das volle Verständnis zeigte für die not- 
wendig gewordene veränderte Auffassung was die taktische Aus- 
bildung der Truppen, namentlich der Infanterie, anging. Der Kaiser 
legte selbst trotz 1870/71 doch einen zu grofsen Wert auf die formale, 
exerziermäfsige Ausbildung der Infanterie und deshalb entsprach die 
Revision des Reglements von 1846, die 1876 erfolgte, nur unvollkommen 
den Anforderungen moderner kriegsmäfsiger Ausbildung. 

Trotzdem bleibt er der erfolgreichste Erzieher des preufsisch-deutschen 
Heeres, weil seine Anschauungen und Grundsätze mustergültig waren, 
was die ethischen Grundlagen eines Heeres und vor allem, was den 
Geist des OfÖzierkorps betrifft! Keim. 

Ls guerre russo>japonaise. Historlque, enseignements. Par le 
Chef d’escadron d’artillerie brevetö R. M e u n i e r, professeur a l’ecole 
d'application de l'artillerieet du genie. Paris, Berger-Levrault & Co. 

Das Werk soll zum Studium des russisch-japanischen Krieges an- 
regeii und die Offiziere veranlassen, sich mit den ihnen auf dem 
Schlachtfelde entgegentretenden Aufgaben vertraut zu machen. Gegen 
den Gedanken, als beabsichtige er eine Geschichte des Krieges zu 
schreiben, der nach dem Titel berechtigt sein könnte, verwahrt sich 
der Verfasser ausdrücklich. 

Das Buch behandelt die Ereignisse vom Beginn der Verwickelungen 
bis zum Frieden von Portsmouth, indem es lehrreiche Tatsachen in den 
Vordergrund der Besprechung rückt und sie, soweit zum Verständnis 
und zum Abschlufs einer Gesamtübersicht nötig, durch Einschaltung 
der dazwischen liegenden Vorgänge verbindet. Augenscheinlich aus 
Vorträgen hervorgegangen, welche der Lehrer seinen Schülern an der 
Artillerie- und Ingenieurschule gehalten hat, bewegt es sich auf tak- 
tischem Gebiete und streift das der Strategie nur insoweit, als es mit 
jenem in Berührung kommt. Es ist sehr anregend geschrieben und 
bietet eine aufserordentliche Fülle des Stoffes hinsichtlich der ge- 
samten Kampfmittel, ihrer Verwendung und ihres Zusammenwirken.«! 
zu Lande und zur See, der Ursachen von Sieg und Niederlage, des 
Munitionsverbrauches, der Verpflegung, Verluste usw. Zahlreiche Karten 
und im Text eingefügte Krokis erleichtern das Studium. Solchergestalt 
haben wir es mit einem beachtenswerten Nachschlagewerk zu tun, 
allerdings mit der Einschränkung, dafs der Herr Verfasser weder mit 
eigenen Augen schauen noch offizielle Berichte benutzen konnte, sondern 



Digiiized by Google 




254 



Literatur. 



auf die Militärliteratur und Veröffentlichungen russischer Führer ange- 
wiesen war. Wenn er sonach auch nichts bietet, was nicht schon an 
irgend einer Stelle besprochen wäre, so bleibt ihm doch das Verdienst, 
das reiche Material gewissenhaft gesondert und zu einem der Wahrheit 
möglichst nahe kommenden Gesamtbilde zusammengefügt zu haben. 
Und wenn auch die von ihm gezogenen Folgerungen nicht ungeteilte 
Zustimmung finden können, so sind sie doch jedenfalls durchdacht und 
eingehender Erörterung wert. 

Als Beispiel der scharfen Charakteristik seien folgende Urteile über 
die Fechtweise beider Gegner angeführt: „Bei den Russen scheint die 
einzige und unabänderliche Absicht der Befehisführung darin zu be- 
stehen. in einer vorbereiteten Stellung Widerstand zu leisten, dem 
Feinde Verluste beizubringen und sodann zurUckzugehen, um weiter 
rückwärts das Spiel von neuem zu beginnen. . . . Schon vor dem Er- 
scheinen des Gegners gab es weder Divisionen noch Brigaden, sogar 
keine Regimenter oder Bataillone, sondern nur Abschnitte oder Unter- 
abschnitte, in welchen Detachements operierten. Jeder machte sich 
von der Wichtigkeit der Vorgänge in seinem Wirkungsbereich über- 
triebene Vorstellungen, er glaubte gewissermafsen der .Mittelpunkt der 
Handlung geworden zu sein.“ Daraus wird das fehlende Verständnis 
für die Notwendigkeit des Zusammenwirkens der einzelnen Teile er- 
klärt. — Von den Japanern wird festgestellt, dafs „die Führung und 
selbst der Soldat in hohem Mafso die Eigenschaft besitzen, welche 
man in der Pechtkunst als .Witterung für Eisen' bezeichnet. Jede Rück- 
wärtsbewegung des Feindes zieht sie instinktmäfsig vorwärts; selbst 
die flüchtigsten Fehler des Gegners bieten ihnen Gelegenheit zu Teil- 
erfolgen. welche sich zu dem endgültigen Erfolge anhäufen.“ 

Eine noch wenig erfafste Ursache der Erfolge auf seiten der 
Japaner sieht der Verfasser darin, dafs sie die Monge ihrer Gefechts- 
einheiten nach der Einwohnerzahl ihres Landes, nicht nach der Rüstung 
des überlegenen Gegners bemafsen. An Stelle dezimierter Kompagnien 
usw. träten nicht andere, sondern die Verluste würden ersetzt; es blieben 
eine Anzahl kriegsgewohnter Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften, 
welche den Neulingen mit gutem Beispiele vorangingen. — Aus .\nlars 
dieser Betrachtungen wirft der Verfasser einen Seitenblick auf die be- 
züglichen Zustände in Frankreich und führt aus, dafs man dort den 
umgekehrten Weg beschreite: errichte der Nachbar ein neues Bataillon, 
so mache man es ihm nach, trotzdem die Einwohnerzahl nicht mehr 
ausreiche, die Neubildung mit einem angemessen starken Heere aus- 
zustatten. „Telle la grenouille, qui veut se faire aussi grosse que le 
boeuf.“ Das Land könne sich bei einer sich nicht vermehrenden Ein- 
wohnerzahl von S9 Millionen höchstens 18 Armeekorps halten und 
würde dann vollwertige Truppen in die ersten Treffen führen können, 
von deren Ausfall eine starke Rückwirkung auf den Verlauf des ganzen 
Krieges zu erwarten sei. — Was hier über die nombre de rage gesagt 
ist, gilt nicht blofs für Frankreich ! Das Bereitstellen starker Priedens- 



Digilized by Google 




Literatur. 



256 



Stämme für die Kriegsformationen ist unter allen Umständen erstrebens- 
wert. In schnell aufeinanderfolgenden Schlachten können aber auch 
diese Stützen der Disziplin zusammenschmelzen, so dafs ihr Einflufs 
nicht mehr ausreicht. Auch findet das ständige Auffüllen sehr verlust- 
reicher Kompagnien usw. schliefslich an dem Versagen der Nerven 
der Überlebenden seine Grenze. Was sich ein Naturvolk wie die Ja- 
paner in dieser Hinsicht leisten kann, braucht für ein Kulturvolk noch 
nicht zu passen. Für eine weniger kernige Nation kann daher der Aus- 
tausch von Einheiten statt des Auffüllens derselben vorzuziehen sein, 
zumal wenn ihm seine Volkskraft deren Ausstattung mit einem starken 
Kern trotz der grofsen Zahl gestattet. 

Mehrfach werden Vorgänge berührt, welche vor längerer Zeit bei 
uns zu lebhaftem Meinungsaustausch führten. Die eigenrichtigen Ur- 
teile des Verfassers über sie sind deshalb besonders interessant. So 
fertigt er die Zweifel an der Leistungsfähigkeit der Feldartillerie, welche 
wegen der unerwartet kleinen Prozentzahi von ihr in den Anfangs- 
schlachten bei der ersten japanischen Armee verursachten Ver- 
wundungen erhoben wurden, mit der Bemerkung ab: „Die Arbeit der 
Feldartillerie bestehe viel weniger im Beibringen von Verlusten als im 
Ablenken der feindlichen Wirkung zur Schonung des Blutes der eigenen 
Infanterie.“ Kann man dem Urteil eine gewisse Berechtigung nicht 
absprechen, so wird man demjenigen über die Kanonade der beider- 
seitigen Artillerien in der Schlacht von Taschitschao nur dahin voll- 
kommen beipflichten können, dafs sie ein „BlufT“, die etwa 530 m 
hinter der Deckung gewählte russische Stellung „ultra-defll^e“ und 
der Verbrauch von 622 Schüfe für das Geschütz und den Tag ganz 
ungerechtfertigt waren. Nicht zuzustimmen dagegen ist der Forderung 
nach Wiederaufleben einer Sonderbedeckung für die Artillerie, welche 
aus Wegnahme der Batterien des Oberst Schmolenski am 14. Oktober 1904 
gezogen wird. Hier war jegliche Aufklärung des Vorgeländes unter- 
lassen, sonst hätten die verkleideten Japaner erkannt werden müssen 
und es wäre Zeit zur Abwehr oder zum Räumen der Stellung ge- 
blieben. 

Wenn einzelne Versehen untergelaufen sind, wie die völlig un- 
zutrefienden Angaben über Schufsweiten und zum Teil Geschosse 
unserer schweren Artillerie des Feldheeres oder das Binbeziehen der 
durch Krankheit während des Krieges Gestorbenen in die Zahl der 
Gefallenen, so ist das bei dem Umfange und der Vielseitigkeit des 
Werkes nicht zu verwundern. Wenn aber ein Schriftsteller von der 
Belesenheit des Herrn Verfassers immer noch damit rechnet, dafs 
unsere Geschütze nur 5 Schafs in der Minute abgeben können und 
ihre Richteinrichtungen fUr das Schiefsen aus verdeckter Stellung nicht 
besonders geeignet seien, so läfst sich das wohl nicht anders erklären, 
als dafs das Bedürfnis, sich und seinen Landsleuten die Überzeugung 
von der Überlegenheit der eigenen Waffen zu erhalten, blind macht. 

Je weniger darauf gerechnet werden kann, dafs über den Krieg 



Digilized by Google 




256 



Litentar. 



amtliche Werke in absehbarer Zeit verötTentlicbt werden — die Ja- 
paner schreiben seine Geschichte ausschliefslich fQr die Angehörigen 
ihrer Armee, und die Russen dürften sich, wenn überhaupt, erst nach 
Jahren dazu entschliefsen — , desto dankenswerter ist die Herausgabe 
der vorliegenden umfassenden, kritischen Zusammenstellung. Rr. 

Mitteilnngen des Ingenieurkomitees, 43. Heft. Berlin W. 8 1906. 
Verlag von A. Bath. Mk. 2,50. 

Ein wohlorientierter Wegweiser durch die neuere und neueste, 
das gesamte Gebiet des Ingenieur- und Pionierwesens umfassende 
Literatur des In- und Auslandes — so können wir kurz den Inhalt 
des Heftes kennzeichnen. Nicht nur den Offizieren des Ingenieur- und 
Pionierkorps, sondern vor allem den Offizieren der anderen Waffen, 
der Truppenführung und Truppenleitung wird dieses Heft wesentliche 
Dienste leisten, wenn es sich hei wissenschaftlicher und auch prak- 
tischer Aus- und Fortbildung darum handelt, in einer reichen und 
weitverzweigten Fachliteratur sich zurecht zu finden. Die Absicht des 
Ingenieurkomitees, dem vorliegenden Hefte als Grundlage spätere 
Fortsetzungen nach Bedarf folgen zu lassen, sichert ihm einen dau- 
ernden Wert. 

Die gesamte Fachliteratur ist in 6 Abschnitte gruppiert: 

1. Landesverteidigung und Landesbefestigung; 

2. die ständige Befestigung; 

3. Behelfs- und Feldbefestigung und sonstige Pioniertechnik; 

4. Küstenkrieg und Küstenbefestigung; 

5. Festungskrieg, Kampf um verstärkte Stellungen und um Flufs- 
läufe. 

Innerhalb dieser Abschnitte sorgt eine fast überreiche Gliederung 
des Stoffes dafür, dafs das Auffinden zweckdienlicher Literatur nach 
jeder Richtung hin erleichtert wird. 

Die im ganzen sehr zutreffende Gruppierung und Gliederung der 
Fachliteratur läfst nur an einzelnen Punkten zu wünschen übrig. So 
z. B. im 3. Abschnitt „Behelfs- und Feldbefestigung und sonstige 
Pioniertechnik“. Es widerstrebt uns hierdurch, die Behelfs- usw. 
Befestigung als Pioniertechnik betrachtet zu sehen — folgerichtig 
müfste ja die ständige Befestigung als Ingenieurtechnik bezeichnet 
werden. Die Befestigung ist uns aber — gleichviel in welcher Art 
und Form — als integrierender Bestandteil der Kriegskunst überhaupt 
— eine Kunst mit den Mitteln der Technik. Und die Literatur be- 
handelt doch vor allem diese Kunst, nicht nur ihre technischen Mittel 

Was dann unter „sonstige Pioniertechnik“ aufgeführt ist, 
stört eigentlich nur den Zusammenhang der mit ihrer wachsenden 
Bedeutung zunehmenden Literatur über Behelfs- und Feldbefestigung, 
ganz abgesehen davon, dafs z. B. der „Minenkrieg* zweifellos in den 

6. Abschnitt „Festungskrieg usw.* . spez. zu den „Kampfmitteln der 
Pioniere“ zu verweisen wäre, als Seitenstück zu den Kampfmitteln der 



Digitized by Googl 




Literfttor. 



267 



Artillerie, denn wie von altere her ist der Minenltrieg — soweit von 
einem solchen überhaupt noch gesprochen werden kann — nur eine 
unter Umständen sehr wesentliche Ergänzung der artilleristischen 
Kampfinittei da, wo diese den Dienst am materiellen Zerstörungswerk 
versagen. 

„Landungen zur See“ sind an und für sich schon mit Recht zu 
ausführlicher Behandlung dem 4. Abschnitt „KQstenkrieg und Küsten- 
befestigung“ überwiesen. Bleibt also eigentlich nur das „Verkehrs- usw. 
'Wesen“, dem seiner Wichtigkeit entsprechend, ein breiterer Raum in 
besonderem Abschnitt einzuräumen wäre unter Einbeziehung der „Plufs- 
übergänge“, soweit sie rein pioniertechniscber Natur sind und auch 
des „Sprengwesens“, das doch aufserhalb des Pestungskrieges haupt- 
sächlich nur der Unterbrechung der verschiedenen Verkehrswege zu 
dienen hat. — Und hier können wir nur bedauern, dafs die Organisation 
die modernsten Verkehrsmittel — Eisenbahnen, Telegraph usw. — dem 
Arbeitkreise des Ingeniuerkomitees entzogen hat. — Gegenüber der ein- 
gehenden Behandlung des Küstenkrieg^ im 4. Abschnitt bedeutet es 
in der vorliegenden so nutzbringenden Arbeit eine empfindliche Lücke, 
dafs ein im Kriege wichtigster Teil der Verkehrsmittel und der im 
Kriege so breiten Raum einnehmende Kampf um dieselben ausgeschlossen 
bleiben mufste. 

Gerade weil — wie in Anlage 2 des vorliegenden Heftes hervor- 
gehoben — „eine Trennung des Ingenieur- und Pionierkorps von den 
Verkehrstruppen bekanntlich bei den meisten Staaten nicht durch- 
geführt ist“, wir in dieser Beziehung also eine Ausnahmestellung ein- 
nehmen, müfsten Mittel und Wege gesucht und gefunden werden, um 
diese Lücke auszufüllen. 

Was nun die Art der Behandlung und Darstellung der Literatur in 
dem vorliegenden Hefte betrifft, so macht das Ingenieurkomitee selbst 
bei dem grofsen Umfange der Literatur „auf lückenlose Vollständigkeit 
keinen Anspruch“, ist vielmehr für Hinweise zur Ergänzung bei Ge- 
legenheit späterer Portsetzungen dankber. Wesentliche Lücken konnten 
wir nicht entdecken. Wir sind aber der Ansicht, dafs auch hier das 
Bestreben mafsgebend sein soll „multum non multa“ zu bieten. Nach 
dem „Vorwort“ beabsichtigt aber das Ingenieurkomitee die späteren Port- 
setzungen „etwas eingehender zu halten“. — Wir möchten davor 
warnen, weil sonst der Zweck zum Studium anzuregen nur zu leicht 
beeinträchtigt wird. Vielleicht ist manche der Darstellungen und Be- 
sprechungen in diesem Hefte schon zu breit gediehen. 

Doch — wir wollen uns dieser Veröffentlichung uneingeschränkt 
freuen. Ist sie doch ein weiterer Schritt aus den bisherigen engen 
Schranken, die nur allzulange der reichen Arbeit des Ingenieurkomitees 
gezogen waren, in die breiteste Öffentlichkeit der Armee, dessen Nutzen 
für das Ingenieur- und Pionierkorps wie für die Armee nicht ausbleiben 
kann. Möchten noch viele folgen! C. Sch. 



Digilized by Google 




258 



Literatur. 



Aus unserem Kriegsleben in Sfidvestaflika. Erlebnisse und Er- 
innerungen von Max Schmidt, Divisionspfarrer der 1. Garde- 
division, bisher in der Schutztruppe für Südwestafrika. Grofs- 
Lichterfelde 1907. E. Runge. Mk. 2. 

Es ist ein wahres, das Herz erwärmende Volksbuch, das hier der 
Verfasser dem deutschen Volke und seinem Heere bietet. Aus dem 
Herzen heraus spricht ein überzeugter Christ, ein warmer Patriot 
und eine in ihrem tiefsten Innern trotz ihres geistlichen Berufes im edelsten 
Sinne des Wortes echt soldatische Persönlichkeit zu den Lesern. 

So wie Max Schmidt fühlt und spricht, soll ein Militärgeistlicher 
fühlen und sprechen zu seiner Gemeinde. Wir können dem Feld- 
probst der Armee nur Glück wünschen, dafs er den Verfasser an die 
Stelle gesetzt hat, die er heute inne hat 

Wenn er es als seine Aufgabe betrachtet, dafs sein Werk „vielen 
Kreisen unseres im Sturm und Krieg erprobten Volkes die Herzen für 
unsere heldenmütig kämpfende und hart entbehrende Schutztruppe“ er- 
wärmen helfen soll, so hat er sie in vollendeter Weise gelöst. 

Das Buch sollte in keiner Volks-, Schul- und Trupponbibliothek 
fehlen und wird hoffentlich noch viele Jahre den Weihnachtstisch 
manches Vereins und mancher Familie schmücken helfen. 

Wir wünschen ihm die weiteste Verbreitung, die durch den überaus 
wohlfeilen Preis erleichtert wird. C. von Zepelin. 

Darstellungen aus der Bayerischen Kriegs* und Ueeresgeschichte. 

Herausgegeben vom k. b. Kriegsarchiv. Heft l.b. Die Neu- 
bildung der bayerischen Heeresabteilung nach dem 
Rückzuge aus Rufsland 1812 und die Ereignisse bis 
zur Rückkehr in die Heimat 1813. Von Heinrich 
Dommler, Oberleutnant im 1. Jägerbataillon. Der Anteil des 
k. b. 6. Jägerbataillons am deutsch-französischen Kriege 1870/71. 
Von Eduard Hagen. Generalmajor z. D„ München 1906 (Lindauer- 
sche Buchhandlung). 

Das neue Heft zur Bayerischen Kriegs- und Heeresgeschichte tritt 
in jeder Hinsicht seinen Vorgängern würdig zur Seite. Der zweite, 
längere Aufsatz zeigt, in wie allgemein fesselnder Weise sich auch der 
Anteil eines einzelnen Truppenteils an einem grofsen Kriege durch 
lebensvolle und gewandte Schilderung darstellen läfst. Von der ersten 
bis zur letzten Zeile wird das Interesse des Lesers wach gehalten und 
aufrichtige Anteilnahme begleitet das brave 6. Jägcrbataillon. das 1878 
zum neuerrichteten Infanterieregiment Orff übertrat, von Weifsenburg 
über Wörth, Sedan, Paris bis zur glücklichen Heimkehr. 

Der kürzere, erste Beitrag des neuen Heftes gilt einer minder 
glanzvollen Zeit der bayerischen Kriegsgeschichte. Eis macht ihn nicht 
minder lesenswert, dafs er nur von Anstrengungen und Entbehrungen, 
nicht auch von kriegerischen Erfolgen zu vermelden weifs, und dieser 
Ausklang der grofsen Katastrophe Napoleons in Rufsland braucht 



Digitized by Google 




Literatur. 



259 



wahrlich nicht ungehört verhallen. Uebeschadet seiner klaren und 
übersichtlichen Darstellung versteht es der Verfasser auch Biniiel- 
heiten sorgfältig gerecht zu werden. Sympathisch berührt der ritter- 
liche Versuch einer Ehrenrettung für das Mitglied einer alten deutschen 
Soldatenfamilie, das zum alleinigen SUndenbock für den übrigens 
herzerfreuend irischen und schneidigen Überfall des, um ähnlicher 
kühner Dnternehmung willen schon aus dem Jahre 1806 rühmlichst 
bekannten preufsischen Majors von Hellwig auf die Bayern in Langen- 
salza (13. April 1813) gemacht worden ist. P. 

Geschichte des Infsnterie>Regimeiits von Manstein (Schlesswig* 
sches) No. 84. Von Bode, Hauptmann und Kompagniechef. 
Mit einer Stammliste des Offizierkorps. Berlin 1906. E. S. Mittler 
k Sohn. 

Eine rocht gute Regimentsgeschichte. Die Kriegsereignisse und 
Kriegserlebnisse sind in den Vordergrund gerückt, den Priedensjahren 
nur knapper Raum zugewiesen, anstatt wie das bei so vielen Regi- 
mentsgeschichten der Pall ist. Jede Besichtigung und jede neue Vor- 
schrift gewissenhaft zu registrieren. Zum Schaden einer lebendigen 
flotten Darstellung und zur Plage des Lesers. 

Allerdings ist es weiter nicht schwer gewesen, packende Schilde- 
rungen zu geben von den Taten des Regiments, das sich am 
18. August 1870 in der Mitte der deutschen Schlachtlinio bei Verne- 
ville — Bois de la Gusse unvergänglichen Ruhm erworben hat, sowohl 
in Angriff wie bei der Verteidigung. Die Verlustlisten sprechen da 
eine beredte Sprache. Auch die Zernierung von Metz und der Peld- 
zug von Lo Mans lieferten reichlichen Stoff für kriegerische Schilde- 
rungen. Ihre Verwertung innerhalb des Regiments wird nach so 
langer Priedenszeit sicherlich gute Prüchte tragen. 

Sehr verständlich finde ich es, dafs auch die Erlebnisse und 
Leistungen des Landwehrregiments Nr. 89 während dos Krieges 1870/71 
sachgemäfse Erwähnung gefunden haben. Nur auf diese Weise ist 
es möglich, auch die Taten der Landwehriruppen historisch festzu- 
legen und sie der Vergessenheit zu entziehen. Hierauf haben aber 
jene Truppenteile, die beinah ausnahmslos 1870/71 ihre volle Schuldig- 
keit getan, gewifs gerechten Anspruch. 

Eine sehr wertvolle Beigabe des Buches — das sich noch durch 
eine hübsche Ausstattung auszeichnet — bildet eine Schilderung des 
Generals von Manstein durch die Peder seines Generalstabschefs 
während des Krieges 1870/71 den damaligen Major Bronsart von 
Schellendorff. Dafs der Herr Verfasser des Buches das verfrühte Ein- 
setzen des IX. Armeekorps durch den General von Manstein am 18. 
August 1870 zu entschuldigen versucht, ist begreiflich. Aber die 
kriegsgeschichtliche Kritik mufs anderer Ansicht sein, da durch dieses 
verfrühte und den Direktiven der Armeeleitung widersprechende An- 
packen des Armeekorps der Schlachtenplan empfindlich gestört wurde. 



Digiiized by Google 




260 



Iiiteratar. 



Abgesehen davon ist durch das verzettelte Ansetzen des Armeekoips 
dessen taktische Leistungsfähigkeit empfindlich geschwächt worden. 

Keim. 

Russland in Asien, Bd. VIll. Der Feme Osten von C. v. Zepelin. 

Generalmajor a. D. I. Teil. Berlin 1907. Zuckschwerdt & Co. 

Mk. 6,50. 

Unter diesem Titel hat der Verfasser ein Gesamtbild „des fernen 
Ostens“ (Armurgebiet und Mandschurei mit Halbinsel Ljautung an 
deren Südküste Port Arthur und Dalnji) in seiner heutigen Gestaltung 
und Geschichte entworfen. Die Kriegshandlungen von 1900 bis 
1904/5 werden als solche aufserhalb der Aufgabe der Arbeit liegend 
nicht berührt, wohl aber deren Ursache und Wirkung besprochen. 
Vorwiegend handelt es sich um Rufslands Stellung in Ostasien bis 
zum Jahre 1900, ferner um Entwickelung und Schicksal von Port 
Arthur und Dalnji unter russischer Verwaltung bis 1906, sowie umdieVer- 
bindungen dieser Landgebiete mit Europa zu Wasser und zu Lande 
nebst den inneren Verkehrsverhältnissen. Russische und japanische 
Heere durchzogen in neuester Zeit die Mandschurei und wie immer 
folgten den Heereszügen Erforschungs- und Handelsunternehmungen, 
Länder wurden erschlossen, die zuvor kein Europäer betreten. Der 
Verfasser hat es verstanden, ein enormes Material in eine möglichst 
gedrängte Fassung zu bringen, er hat mit grofsen Strichen, doch ohne 
Einbufse des Wissenswerten gezeichnet. Die auf Grund zuverlässiger 
Quellen übersichtlich geordnete Arbeit gewährt einen richtigen Ein- 
blick in die politischen, militärischen und geographischen Verhältnisse 
jenes weiten Gebietes, welches erst infolge der weit- und kriegsge- 
schichtlich gewaltigen Ereignisse des russisch-japanischen Krieges aus 
seiner Abgeschlossenheit hervorgetreten und künftig von hervorragender 
Bedeutung sein wird. 

ln klarer, durchsichtiger Darstellung wird Rufslands Vordringen 
zum Stillen Ozean und seine lediglich durch diplomatische Geschick- 
lichkeit erzielte Stellungnahme daselbst besprochen. Der Vertrag mit 
China vom Jahre 1898, wonach Port Arthur und Talienwan (später 
Dalnji) pachtweise an Rufsland abgetreten, erregte bei Japan, zumal 
angesichts seiner eben erfochtenen Siege in China, das gröfste Mils- 
fallen. Die Rivalität zwischen Rufsland und Japan in betreff ihres 
Einflusses in China und Korea wurde erheblich verschärft. 

Port Arthurs strategische Bedeutung vermöge seiner geographischen 
Lage war bereits chinesischerseits gewürdigt worden. Rufsland liefs 
es sich nun angelegen sein, diese dominierende Pelsenfestung nebst 
dem geräumigen, natürlich geschützten Kriegshafen sachgemäfs zu 
verstärken. Man begann alsbald mit einem modernen Ausbau des 
Platzes wie der Hafenanla^n, blieb aber bei weitem hinter den 
nötigsten Anforderungen zurück. Bei Ausbruch des Krieges mit Japan 
1904 waren die selbständig detachierten Ports gröfsenteils noch unvoll- 
endet, die übrigen vorgeschobenen Werke kaum sturmfrei zu nennen. 



Digitized by Googl 



LitenUar. 



261 



nur die Hauptumwallung war fortifikatoriach zur Genüge fertig geteilt. 
Erst nach Beginn des Krieges konnte unter rastloser Arbeit der Aus- 
bau dieser Werke nebst anderen nötigen Brweiterungsanlagen mit zu- 
ständiger Armierung zustande gebracht werden. Bin recht verhäng- 
nisvoller Widerspruch war es, dafs Port Arthur nur zur Seefestung 
mit Kriegshafen, dagegen Dalnji zu einer europäischen Stadt mit 
Handelshafen ausgestaltet und Ausgangspunkt der ostchinesischen 
Eisenbahn werden sollte. Man hätte die für Dalnji so überaus reich- 
lich bemessenen Mittel zur Beseitigung der augenscheinlichen Mängel 
des Port Arthur- Hafen verwenden sollten, statt den Ausbau dieses 
Hafens in nachteiligster Weise zu beschränken. 

Auch recht interessante Berichte über Vorgänge aus der Zeit der 
Belagerung selbst sowie über den Zustand nach der Übergabe werden 
unter Beifügung der Kapitulationsbedingungen zur Veranschaulichung 
gebracht, Wohl mit Recht wird Dalnji eine kostspielige Spekulation 
genannt, die den Japanern als lachenden Erben zugefallen! 

Einer eingehenden Betrachtung werden die beiderseitigen Vorbe- 
reitungen zum Kriege 1904/5 unterworfen. Rufslands Stellung auf der 
SUdspitze der Halbinsel Ljautung erschien den Japanern eine Bedrohung 
zu sein und daher unerträglich! Sie vervollständigten die Ausrüstung 
von Heer und Flotte mit alten zu Gebote stehenden Kräften, während 
Rufsland nicht gleichen Schritt hielt, vielleicht nicht halten konnte. Dem 
starken, einheitlich organisierten Heere Japans stand die numerisch 
und organisatorisch unterlegene Truppenmacht Rufslands gegenüber. 
Ebenmäfsige Verhältnisse walteten in der Marine vor. 

Nach Beendigung desl904 unvermeidlich gewordenen Krieges durch 
den Frieden von Portsmouth 1905 hat Japan an Stelle des Zarenreiches 
die Vormachtstellung im Fernen Osten eingenommen. Dafs die 
Mangelhaftigkeit und die ungeheure Länge der Verbindungen vom 
Kriegsschauplatz der Russischen Kriegsführung zu Lande und zu 
Wasser gegensätzlich der überaus günstigen Verbindungen Japans 
höchst nachteilig war, bleibt unbestritten. Aber nachweislich richtig ist 
es auch, dafs russischerseits die Vorbereitungen zum Kriege mehr 
als lässig betrieben, die Operationen unsicher geleitet und fehlerhaft 
durchgeführt wurden. 

Die erwähnte Verschiebung der Machtverhältnisse im Fernen 
Osten hat allem Anschein nach die Politik Chinas wesentlich beein- 
flufst. Ob die Sonderrechte europäischer Mächte auch fernerhin An- 
erkennung finden werden, bleibt eine offene Frage, von deren künftiger 
Beantwortung die Gestaltung der Dinge daselbst abhängen wird. Und 
China ist unbestritten ein grofser Einsatz der gelben Rasse! 

Die Bearbeitung wendet sich dann zu den Verbindungen des 
Femen Osten mit Europa und den inneren Verkehrsverhältnissen, Für 
Weltpolitik und Welthandel wird jenes ferne Gebiet erst Bedeutung 
nach Schaffung gesicherter Verkehrslinien mit den Kulturstaaten 
Europas gewinnen. Amurgebiet und Mandschurei werden bereits von 

Jakrbftchvr fLr ZU d«uUcl>t Am«» iil.il U»riii«. No. 426. IB 



Digitized by Google 




262 



Utaratnr. 



strategisch wichtigen, der grofsen sibirischen Eisenbahn angegiiederton 
Schienenwegen durchquert. ' Den Binnenverkehr vermittelt das weit 
ausgebreitete Plufsnetz des Amur. Der Verkehr auf dem Seewege 
wird sich auch ferner auf die Dampferiinien um den Süden Asiens 
beschr&nken müssen, insofern auf regelmäfsige Fahrten durch das 
nördliche Elismer überhaupt nicht zu rechnen ist. 

Schliefslich wird noch ein Überblick über die LeistungsfShigkeit 
der russisch-asiatischen Eisenbahnen während der chinesischen Wirren 
1900 und des russisch-japanischen Krieges 1904/06 sowie ein dankens- 
werter Anhang der wichtigsten Daten aus der Qeschichte des Feld- 
zugs 1904 und 1905 erbracht. 

Zur Verdeutlichung des Textes dient die Beigabe eines Planes von 
Port Arthur mit seinen Umgebungen und den vor dem Kriege und den 
beim Beginn der Belagerung vorhandenen Befestigungen und Hafen - 
anlagen. Auch Skizzen der Befestigungen auf der Landenge von 
Kiutechou und der Stadt Dalnji nebst Hafenanlagen sind beigefügt. 

Die gediegene Arbeit liefert einen beachtenswerten Beitrag zur 
Militärliteratur und wird auch über militärische Kreise hinaus ein 
höchst berechtigtes Interesse beanspruchen können. 

Hildebrandt. 



f)a.s moderne Feldgeschütz. Von W. Heydenreich, Oberstleutnant 
und Militärlehrer an der Militärtechnischen Akademie. Samm- 
lung Göschen. Veriag von Q. J. Göschen, Leipzig. 1906. 
ln zwei Bänden gibt der Verfasser die Entwickelung des Feld- 
geschützes seit Einführung des gezogenen Infanteriegewehres. Der 
erste Band geht bis zu der in die Militärtechnik tief einschneidenden 
Erfindung des rauchlosen Pulvers, Der zweite schliefst mit dem 
heutigen Stand der Peld-Schnellfeuerkanonen und der Einführung der 
Feldsteilfeuergeschütze. Durch eine knappe, aber klare und treffende Dar- 
stellung ist in diesen beiden kleinen Bänden die hochbedeutsame Ent- 
wickelung der Feldgeschütze in den letzten 60 Jahren gegeben. Es 
ist folgerichtig dargestellt, wie ein Fortschritt notwendigerweise aus 
dem Vorhergehenden folgen mufste und welche einschneidenden 
Wirkungen die Errungenschaften der Technik auf die Entwickelung 
des Artilleriematerials ausgeübt haben. Auch ist mit anerkennens- 
werter Unparteilichkeit nachgewiesen, welche Staaten zu den ver- 
schiedenen Zeiten bahnbrechend vorgegangen sind. Jedes überflüssige 
Beiwerk, gelehrte technische und ballistische Auseinandersetzungen, 
sind vermieden, so dafs das Werk jedem Offizier auf das angelegent- 
lichste empfohlen werden kann. Durch Hinweise auf andere Quellen, 
namentlich fl'ühere Schriften des Herrn Verfassers ist demjenigen, 
welche sich eingehender zu unterrichten wünschen, dazu Gelegenheit 
geboten, Bahn. 



Digitized by Google 



Literatur. 



263 



Abels Lntersuehungeii über HohieusbeuawoUe. Nach den Original- 
abbandlungen in den Philosophcial Transactions of the Royal 
Society of London in deutscher Bearbeitung von Dr. Bernhard 
Pie US, Chemiker am Militärversuchsamte. Berlin 1007. Verlag 
von R. Friedländer & Sohn. 

Der Herr Verfasser hat sich die Aufgabe gestellt, seinen deutschen 
Fachgenossen, also in erster Linie den Sprengstofftechnikern, die 
wertvollen Untersuchungen Abels Uber die Schiefswolle in deutscher 
Sprache zugänglich zu machen. Der jetzt vorliegende Teil handelt 
von der Fabrikation und der Zusammensetzung der Schiefswolle, der 
kommende zweite wird die Stabilität derselben behandeln. Jeder Sach- 
verständige kennt die Bedeutung, welche der Stabilität der Schiefs- 
wolle zukommt und den Einflufs, den die Fabrikation darauf hat Das 
Buch ist seinem rein fachwiasenschaftlicben Inhalt nach nur für Fach- 
leute geschrieben. Aber auch Offizieren und Beamten, welche mit der 
Herstellung der Prüfung und Abnahme von Schiefswolle zu tun haben, 
kann es bestens empfohlen werden. Bahn. 

Deutschlands Heer in österreichischer Beleuchtung. Briefe eines 
k. u. k. Offiziers über die Kaisermanöver 1906. Mit 5 Karten- 
skizzen und einem Plan. Leipzig 1906. Verlag von Friedrich 
Engelmann. Preis 1.80 Mk. 

Verfasser der Broschüre ist ein höherer österreichischer Offizier, 
welcher den diesjährigen Kaisermannöver in Schlesien beigewohnt 
hat. Wie aus einem politischen Exkurse im Schlufswort hervorgeht, 
ist er ein warmer Anhänger des deutsch - österreichischen Bündnisses 
und innerlich von dessen .Notwendigkeit und MachtfQUe überzeugt. 
Während er der Bündnistreue Italiens nicht allzu sehr traut, glaubt er 
Oesterreich und Deutschland vereint allen kriegerischen Eventualitäten 
in Europa gewachsen. Trotzdem ist der Herr Verfasser kein blinder 
Lobhudler unseres deutschen Heeres. Er erkennt die grofse Pflicht- 
treue und Verläfslichkeit der deutschen Offiziere und Soldaten an und 
findet hierin den hohen Wert des deutschen Heeres. Trotz gegen- 
teiliger Behauptungen der fi-anzösischen Presse bezeichnet er unser 
neues Feldgeschütz dem französischen überlegen, nennt unsere 
Infanteriebewaffnung mit dem neuen Spitzgeschofs der aller europä- 
ischen Orofsmächte überlegen und lobt die Verwendung der schweren 
Artillerie, welche zu grofser Rolle in zukünftigen Kriegen berufen ist. 
bei den diesjährigen Manövern. Anderseits findet der Herr Ver- 
fasser an unseren Einrichtungen und Leistungen nicht wenig zu 
tadeln. Er ist mit unserem Paradedrill, der ganzen Schaustellung 
grofser Paraden, an denen sich m. E. das grofse Publikum wegen des 
lebendigen Interesses, welches es an dem Heere nimmt, beteiligt, nicht 
einverstanden, ebensowenig mit der Bewaffnung und Verwendung 
unserer Kavallerie. An der Leitung und Durchführung der Manöver 
findet er manches zu tadeln. Wir werden gewifs nicht alles, was der 

18» 



Digitlzed by Google 




264 



Lttorfttar. 



Herr Verfasser als überflüssig bezeichnet, missen wollen und ihm auch 
nicht in allen seinen Ausführungen zustimmen können. Dennoch ist 
eine offenherzige Kritik, die aus guter Absicht entspringt, ernster 
Nachprüfung wert. Bahn. 



il. Ausländische Zeitschriften. 

Streffleurs militärische Zeitschrift. (Januar.) Über das Schiefscn 
der Infanterie. — Leichte Feldhaubitzen. — Über Militärluftschiflahrt 
und Verwendung der Ballonabteilungen in Schlesien 1906. 

Kavalleristische Monatshefte. (Januar.) Initiative. — Die Not- 
wendigkeit der Übung im nächtlichen Reiten für den Offizier. — Der 
Feuerkampf der Kavallerie im gi-ofsen Stil. 

Journal des Sciences militaires. (Dezember.) L>ss Vordringen 
Japans in Asien und seine Folgen. — Der taktische Wert der Festungen. 
— Taktische Artilleriefragen nach den Erfahrungen des russisch-japa- 
nischen Krieges. — Die russische Infanterie in ihren Winterquartieren. 

Revue d’infanterie. (15. Dezember 1906 und Januar 1907.) 
■\frika und die Krim. — Kritische Studie über die englische Vorschrift 
für die 3 Waffen (Schlufs). — Betrachtungen über den Krieg in der 
Mandschurei. — Was wir vom deutschen Heere wissen müssen. — Zur 
Frage der Bekleidung und Ausrüstung der Infanterie, die Umhänge- 
tasche des Infanterieoffiziers. — Das B^onettfechten im Auslände. 

Revue militaire des armees etrangeres. (Dezember und 
Januar 1907.) Die Gefechtsart und die Unterrichtsanleitung im 

deutschen Heere seit 1870 bis Endo 1906. — Die Belagerung von 
Port Arthur. ^ Die Reorganisation des englischen Oeneralstabos. 

Revue d’histoire. (Dezember.) Der Feldzug 1800 bei den Grau- 
bündner Truppen. — Der Feldzug 1806 in Deutschland. — Der Feld- 
zug 1870/71. — Das Heer v. Chälons. — 4. Teil. 

La France militaire. (Dezember.) Marokko und die entente 
cordiale von Oberst Septans (die Militärkonvention mit England gegen 
Deutschland ist perfekt). — Vermehrung der Artillerie und Reorgani- 
sation der Kavallerie, 1, 2/3, 5. Eine Ersparnis, Zivilarbeiter als Hilfs- 
kräfte. — Die Disziplinarkompagnien, 2/3. — Das Budget des 
Krieges, Bericht Messimy, 4, 6, bis 22. — 28. oder 13 Tage von Ge- 
neral Prudhomme (Reservistenübung), 6. — Kavallerie und Artillerie. — 
Biribi (Strafkompagnien 1846), 6. — Der Meister des Orients (Japan). 



Digitized by Google 



Ut«ratur. 



286 



— Die erste Sitzung des obersten Kriegsrates, Ziel, Nutzen. — Be- 
vorstehende Vereinigung der Schulen zu St. Cyre und Maixent, 7. — 
Oie militärische Bureaukratie.8. — Die Einheit des Ursprungs, St. Maixent 
und St. Cyre. — Das moderne Heer, 11. — Die Rivalität von England 
und Deutschland von H. (Forts.). — Die Disziplinarkompagnien (Biribi). 

— Das Militärgesetz, 12. — Die Reorganisation des Oeneralstabes, das 
englische Beispiel vom Oberst Septans. — Die Entlassung von zwei 
Klassen 1907 von Mgjor Mourier. — Die Alpengrenze (Minderung der 
Ausgaben für die Befestigungen gegen Italien), 13. — Die Militärkräfte 
Japans, 14. — Herabsetzung der Altersgrenze der Generale. — Fort- 
schritte der Torpedoboote. — Die Schwächung der Kasse (Verlust an 
Auszuhebenden. 16766 M. in sieben Jahren), 15. — In Süd-Oran. — 
Reserve an Ausrüstungen für koloniale Expeditionen. 16/17. — Reserve- 
Übungen, 21, 22. — Die Ergänzung der Offiziere, 22. — Die unbedingte 
Gleichheit des Ursprungs (der Offiziere). — .Maritime Fragen. — Ka- 
vallerie und .\rtillerie, 23/24. — Beispiele beweisen (la pierre qui touche). 
Kritik neuer Einführungen. — Nach und gegen Indien, die Bahn 
durch Zentralasien nach englischen (Quellen vom Oberst .Septans, 26, 
27. — Das Kriegsbudgel und der Bericht Messimy vom General Prud- 
homme. 26. — Die Ergänzung der Offiziere vom Major Munier. — Die 
Vorschläge Messimys für das Genie. — Die Schule St. Maixent (In- 
disziplinen), 27. — Vereinigte Staaten und Japan, II. vom Oberst Septans. 

— Die lenkbaren Ballons, 28. — Der Bericht Messimy vom General 
Prudhomme. — Disziplinarkompagnien. 29. — Reformprojekto, 30/31. 

Revue de Cuvalerie. (Oktober.) Betrachtungen zur Aufgabestellung 
bei den .Manövern der 2. und 4. Division. — Heilet, amputiert nicht. 

— Bemerkungen zu dem Geschütz 75 cm und das Reglement zum Ge- 
brauch für Offiziere der anderen Waffen vom Artillerieleutnant Molierc 
(Schlufs). — Jean de Oassion, mestre de camp der leichten Kavallierie. 
.Marschall von Frankreich vom Kapitän Chopin (Ports.). 

Rivista di artiglieria e genio. (Dezember.) DeAngelis; Unsere 
Festungsartillerie. — P. Pasetti: Luftseilbahnen für militärischen Ge- 
brauch. — Perrario: Die Vorbereitung des Artilloriefeuors im Feld- 
kriege. — Mazzei: Warmwasserheizung (Schlufs). — Oionnitrapuni: 
Die Kämpfe um Port Arthur im Jahre 1904 (Schlufs). — Scheibe mit 
selbsttätigem Anzeigersystem Peters und Vorteile der selbsttätigen 
Scheiben im allgemeinen. — Neuordnung der Militärtechnischen 
Akademie in Berlin. — Federn für den Gespannzug (an Fuhrwerken). 

— Der Drache Cody in der britischen .■\rmee. — Das Messen der 
Entzündungsgeschwindigkeit der Explosivstoffe. — Der Talautopolygraph 
Falta. — Notizen. Österreich: Anwendung des Selbstfahrers zum 
Stecken von Tolegraphenleitungen. — Frankreich: Vermehrung der 
Feldartillerie. — England; Batterie zu 4 Geschützen. Das neue Feld- 
schnellfeuergeschütz. — Italien: Versuche mit „Ignifugo Guzzeloni“ 
(feuersichere Imprägnierung). — Schweiz: Verteilung des neuen Peld- 



Digitized by Google 




266 



LMerator. 



artilleriematerials. Versuche mit dem Explosivstofl Holmgron. — Druci- 
telegraph Siemens-Halske. Pr. 

Revue du gdnie militaire. (Dezember.) Grandprey: Die Be- 
lagerung von Port Arthur nach der deutschen Generalstabsschrift 
(Einzelschriften 57/88). — Girard und Gervais: Die lenkbaren Luft- 
schiffe (Ports.). — Das den rassischen Kriegsgefangenen überwiesene 
Krankenhaus bei Matsuyama. — Die Handgranate der japanischen 
Armee. Pr. 

Ailgemeine Schweizerische Milit&rzeituug. Nr. 49. Pestungs- 
manöver bei Langres. — Erwidening auf den Aufsatz: „Der Einflufs des 
Alkohols auf die Schiefstüchtigkeit.“ — „Das Militär-Eisen bahn wesen bei 
den Grofsmächten“ aus der Kölnischen Zeitung. Nr. 60. Nochmals 
Dragomiroff. — Kritik der Pestungsmanöver bei Langres. — Eine neue 
Organisation der französischen Artillerie. Der Artikel bespricht die in 
unserem Januarheft unter Prankreich gebrachten Verhältnisse der Arraee- 
organisation. Nr. 61. Schweizerische Zentralschulen. — Unsere In- 
struktoren. — Englands Wehrreform. — Die Verstärkungspläne für 
Italiens Landmacht. — Neben der Unbewaffnung der Peldartillerie soll 
das östliche Grenzgebiet befestigt und das Eisenbahnnetz in Venetien 
vervollständigt werden. Nr. 62. Schiefsvorschrift für die schweize- 
rische Infanterie 1905. — Ergebnisse der deutschen Kaisermanöver (im 
wesentlichen nach den Manöverberichten der Kölnischen Zeitung). Die 
Verwendung der schweren Artillerie wird besonders hervorgehoben. 

Schweizerische Zeitschrift für Artillerie und Genie. Auszug 
aus einem Referat über das Ballonschiefscn. — Die neue deutsche 
Peldbefestigungsvorschrift. — Rückblick auf das Kaiserraanöver von 1906 
nach der Kölnischen Zeitung. — Ein russisches Urteil über die russischen 
Generale. (Ein Auszug aus Nr. 10 der „Neuen militärischen Blätter.“) 

Mitteilungen über Gegeiistünde des Artillerie- und Geniewesena. 

(12. Heft.) Zur Wahl von Küstengeschützen. Die aus den Er- 
fahrungen des russisch-japanischen Seekrieges hcrgelcitete Änderung 
in der Armierung der Schlachtschiffe bedingt eine andere, stärkere Be- 
stückung der Küstenforts. — Vergleich zwischen KüstendLstanzmessern 
mit horizontaler und mit vertikaler Basis. — Notizen: Schiefsinstruktion 
der Königl. italienischen Feldartillerie vom Jahre 1904. 

Revue d’ Artillerie. (November 1906.) Die Handgranaten und 
ihre Verwendung im Kriege in der .Mandschurei. — Eiektrischer Apparat 
für Schiefsübungen im Zimmer. Apparat zum Üben des Einschiefsens 
im Zimmer. Apparat zum Schiefsen im Zimmer. Alle 3 Apparate sind 
bestimmt für Übungen der Artillerie. — Beschreibung und Anwendung 
einer Batteriebeobachtungsstelle. Besteht aus einem Mast in Verbindung 
mit einem aufgekippten Munitionshinterwagen. — Bemerkungen über die 
Orientierung (im Gelände). 



Digitizad by Googl 



Uter»tar. 



287 



III. Verzeichnis der zur Besprechung eingegangenen Bücher. 

(Oi« «inftiruigrara Bftehtr «rfthrMi tin* B»«pr«ebaBg naek Malhg^ab» Uirtr B«d«atoag aad dM *«r* 
fftgbaran BaunM. Bloa V arpfli ch t on g, jadae aiogabaoda Raeh to baapraohan, Abamiamt dia 
Laitug dar ^akrb&obar** nicht, doch wardan dia Tital a&mtllohar BAohar nabitAngiba daa Praiaai 
— > aafarn diaaar mitgatailt warda — hiar ramarU. Rina KAckiaBdiuig van BAabarn flndat niehtatatt.) 

1. Plati, Markgraf Ludwig von Baden. Karlsruhe 1907. J. <f. Reifl'. 
Mk. 2,—. 

2. Kerehnsve, Kaiserliche Waffen in Schleswig-Holstein und JUt- 
land 1864. Wien 1907. C. W. Stern. Mk. 1,20. 

3. Brohm, Helgoland in Geschichte und Sage. Cuxhaven 1907. 
Rauschenplat. Mk. 12,—. 

4. Kiesel, Die Oarnisunsbewegungon in Mainz. Mainz 1907. 
Druckerei Lehrüngshaus. Mk. 1.50. 

5. Drisnt, Einem neuen Sedan entgegen. Autoris. Übersetzung. 
Oldenburg 1907. G. Stalling. Mk. 1,—. 

6. Toepfer, Wiederholungsbuch der Befestigungslehre und des 
Kestungskrieges. Berlin 1907. R. Bisenschmidt. Mk. 3,—. 

7. Auer v. Uerrenkirchen, Meine Erlebnisse während des Feld- 
zuges gegen die Hereros und Witbois. Ebenda. .Mk. 2, — . 

8. Y. Hoffmann, Deutsches Kolonialrecht. Leipzig 1907. G.J. Göschen 
V erlag. .Mk. — ,80. 

9. Langlois, La Belgique et la Hollande devant le Pangermanisme. 
Paris. Berger Levrault k Co. Fr. 1.50. 

10. Donop, Lettres d'un vieux eavalier. Ebenda. Pr. 2,50. 

11. Estienne, Loisirs d’artilleur. Ebenda. Fr. 6 . — . 

12. Morlibre, Le canon de 76 cm. Ebenda. Pr. 2. — . 

13. Dietionnaire militaire, Encyclopedie des Sciences militaires. 
Redigee par un comite d’offlciers de toutes armes. Lieferung 19/22. 
Ebenda. Jede Lieferung 3 Fr. 

14. Wrangel, Die Reiterei im ostasiatischen Feldzüge. Wien 1907. 

L. W. Seidel & Sohn. .Mk. 2,—. 

16. Heschwitc, Geschichte des Königl. Sächsischen Kadetten- und 
Pagenkorps. Dresden 1907. Carl Damm. Mk. 10,— . 

16. Kietcell, Unterofflzierhandbuch. Berlin 1907, E. S. Mittler 
k Sohn. Mk. 1,25. 

17. Von KönlggrStz bis an die Donau, Darstellung der Ope- 
rationen des österreich-preufsischen Feldzuges 1866 nach der Schlacht 
von Königgrätz; der Rückzug der Nordarmee vom Schlachtfeld des 
3. Juli. Mk. 6,-. 

18. Das österreichische Kavalleriekorps Holstein und das Vor- 
dringen der preufsischen Hauptkraft gegen Wien. Mk. 6, — . 

10. Die Donauverteidigung. Wien 1907. L. W. Seidel & Sohn. 

M. 5.—. 

20 Bchniid, Taktische TagesiVagen mit Rücksicht auf die Er- 
fahrungen im russich-japanischen Kriege. Ebenda. Mk. 4. — . 

21. Picard, l artillerie franijaise au XVIIl sibcle. Paris 1907. Berger 
Levrault 4 Co. Pr. 3.—. 



Digitized by Google 




268 



Utentnr. 



22. Nixdorff, Beiträge zur Technik der Aufgabenstellung für OfSzier- 
felddienstübungen. Berlin 1907. Vossische Buchhandlung. Mk. 3,50. 

28. T. Lignitx, Deutschlands Interessen in Ostasien und die gelbe 
Oefahr. Ebenda. Mk. 4,50. 

24. Fonck, Deutsch-Ostafrika. Heft 1. Mk. 1,60. 

25. Cardinal t. Widdern, Der kleine Krieg und der Etappen- 
dienst III. Teil. Heft 1/2. 3. Auflage. Berlin 1907. R. Eisenschmidt 
Mk. 4,60. 

28. Briefe des Freiherrn ron Dalwigk. 1794—1807. Oldenburg. 
0. Stalling. Mk. 7, — . 

27. Bahn, Entwickelung der Rohrrücklaufhaubitze. Berlin 1907. 
A. Bath. Mk. 2.60. 



Druckfehlerberichtigung. 

Im Artikel „Spobr, Die Reaktion der Keitknnst“ (Januarheft), 
Seite 08, Zeile 18 und 19 von oben raufs es statt „Picot de , 
Peicaduc, Freiherr r. Herzogen bnscb‘ beifsen: „Picot de 
Peccadnc. Freiherr r. Herzogen bürg“. 

„ 69, Zeile 21 von unten statt „zweistündigen“ „zweibändigen 

Führung“. 

„ 09, Zeile 15 von unten statt „VolligierstUckcben“ „Voltigier- 

stUckcben“. 






Krack TOB A. Vi. UajrBc Krbtn in pAtniiam. 



Digitized by Googljc 




Bild 1. 



Digitized b^Googl^ 




Bild 2. 



Digitized by Googl : 







Digitized by Google 




XIV. 

Maschinengewehre und ihre Verwendung. 

Von 

Ralek, Oberstlentnani 

I. Entwickelung der Waffe und Orundzüge der 
Konstruktion. 

Der Fordemng, im entscheideDden Augenblicke den Feind auf 
engem Kanrae mit Überwältigendem GeBchoIshagel zu aberschtitten, ver- 
danken die OrgelgeschUtze des Mittelalters ihre Entstehung, die dann 
nach Einfbbmng der von Gustav Adolf 1620 vorgeschlagenen BOchsen- 
kartätsche in den Hintergrund traten, sich aber noch bis in die Mitte 
des 19. Jahrhunderts als „Espignols“ in der dänischen Landarmee 
erhalten haben. In neue Bahnen wurde die Entwickelung dieser 
Waffe gelenkt, als nach Einftlhrnng der gezogenen Geschütze eine 
erhebliche Verminderung der Wirkung des Kartätschschusses fest- 
gestellt wurde, die sich um so empfindlicher geltend machte, als ge- 
rade zu dieser Zeit die Treffgenauigkeit und Feuergeschwindigkeit 
des Infanteriegewehres eine erhebliche Steigerung erfahren hatte. 
Die Versuche, der Artillerie ihre alte Überlegenheit wiederzugeben, 
bewegten sich in zwei Richtungen, die eine wandte sich der Ver- 
vollkommnung des bis dahin stark vernachlässigten Schrapnellschusses 
zu (England, Prenlsen, Österreich), während eine andere den nahe- 
liegenden Gedanken der Orgelgeschtltze wieder anfgriff, um durch 
Vereinigung einer größeren Anzahl gezogener Läufe die Treffge- 
nauigkeit der Infanteriewaffe mit der Feuergeschwindigkeit des alten 
Kartätschschusses zu vereinigen. So entstanden n. a. als ältester 
Vertreter dieser Gattung 1861 in Amerika die 4 — lOläufigen Gatling- 
geschtttze auf seiten der Nordstaaten (Richmond 1864, General Butler), 
auf feindlicher Seite die Reqnabatterien (Fort Wagner bei Gbar- 
leston). In Bayern wurde, um ein Oregengewicht gegen das preu- 

J^rbaeh«r fUr die deuttchb Am«« mid MBrlna. So. 420. 1!) 



Digitized by Google 




270 



Maaohinenge wehre ond ihre Verwendong. 



Bische ZUndnadelgewehr za schaffen, das vierlänfige Feldgeschütz, in 
Frankreich die 2öläofige Mitraillense eingefhhrt '). 

Schon die Bezeichnung „Kartätschgescbtttz“ (canon ü balles) 
zeigte, in welcher Weise die Verwendung dieser neuen Waffe ge- 
dacht war. Der Umstand, daß gerade diese Waffen im Ernstfall 
vielfach versagten, daß sie das gleiche Ziel boten, die gleiche Ausrüstung 
und annähernd die gleiche Marschtiefe verlangten, wie ein Feldgeschütz, 
war schließlich Veranlassung, in den Staaten, in denen man sie zunächst 
eingefUhrt batte, auf ihre Verwendung auf europäischen Kriegsschaa- 
plätzen zu verzichten. Wenig ermutigend fUr die Weiterentwickelung 
war, daß die französischen Mitraillensen im Kriege 1870/71, abge- 
sehen von einzelnen Fällen*), nicht das Erwartete geleistet hatten, 
daß sie von der nur mit Az.-Granaten ausgerüsteten deutschen 
Artillerie schnell niedergekämpft wurden, sobald ihre Stellung auf- 
gefnnden war. So schienen die Kartätscbgeschtttze nur für den 
Kolonialkrieg und an Bord von Kriegsschiffen znr Abwehr von 
Torpedobooten geeignet, während sie wegen ihrer häufigen Gebraucbs- 
störnngen trotz des geringen Aafstellnngsraumes selbst als Flanken- 
geschtttze in Festungen beanstandet wurden. Als Nachteil hatte sich 
neben der großen Feuerhöhe ferner heraasgestellt, dafs es auf rein 
mechanischem Wege nur möglich gewesen war, eine sehr geringe 
Feuergeschwindigkeit zn erzielen, dafs der Bauch den Aufstellungsort 
verriet, and dafs es an Mitteln fehlte, die Entfernungen schnell zu 
ermitteln. In ein ganz neues Stadium trat die Frage, als es möglich 
wurde, ein kriegsbraucbbares, raucbscbwaches Pulver herzustellen und 
es dem Amerikaner Hiram Maxim gelang, die bisher unbenutzte, den 
Schutzen belästigende Kraft des Rttckstolses ausznnUtzen, um den 
Verschluß zu öffnen, eine neue Patrone einzufObren, den Verschluß 
zn schließen und selbsttätig abzufeuem. So war es möglich, bei 
Verwendung nur eines einzigen Laufes die Feuergeschwindigkeit 
bis auf 900, im Durchschnitt bis auf 500 Schuß in der Minute zu 
steigern. Die Neigung, in der Vergrößerung der Feuergeschwindigkeit 

') Die 251äafige Mitrailleuse von 13 mm Kaliber war ein Salvengeschütz 
mit einer Feuergeschwindigkeit von 400 Schuß in der Minute, seine Feuer- 
kraft wurde der Wirkung von 50 Zflndnadelgewchren gleich erachtet, Ge- 
wicht 1485 kg, Zuglast eines jeden der vier Pferde 371 kg, Schußweite 
bis 3000 m, günstigste Gebraudisentfemung 500 — 3000 m. Ein auffälliger 
Mangel war das Eintreten von Feuerpausen beim Einsetzen von P.itronen- 
bttchsen und die eng zusammengehaltene Geschoßgarbe. 

*) Schlachtfeld von Gravelotte. Gen.-St.-W. S. 705 — 712, 711, 723.781. 
Verwendong von drei Gatlings hinter der Parkmauer von Yoii bei der Ver- 
teidigung der Hochfläche von Anvours (Revue d'artillerie 1900, S. 297, 
Gen.-St-W. IV, S. 817). 



Digitized by Coogle 



Masohinengewebre und ihre Verwendung. 271 

noch weiterzDgeheo, fand eine Grenze in dem Umstande, daß mit 
ihrer Zunahme anch die Geiabr von Ladestörnngen wuchs und die 
Verwendung von lufanteriemunition ausgeschlossen war. Ein fühl- 
barer Übelstand des Systems bleibt immer noch die Wassemm- 
mantelung, sie ist nicht immer leicht zu beschaffen, stört durch Ein- 
firieren den Mechanismus, erschwert das Auswechseln des Laufes und 
stellt ein erhebliches Gewicht dar. Wollte man ohne ein anderes 
Mittel der Abkühlung auf den Wassermantel verzichten, so würde 
die Treffgenauigkeit bald nachlassen, nach 1000 Schuß Dauerfeuer 
würden selbst auf den Nahentfemnngen Querschläger anftreten. 
Zurzeit ist der Wassermantel noch das wirksamste Mittel der Lauf- 
ktthlung '). 

Der Grundgedanke der Einrichtung ist bei Maxim folgender: 
Der Lauf läuft mit dem Verschluß, welcher ans einem sich nach 
abwärts dnrchbiegenden Kniegelenkhebel besteht, beim Schuß infolge 
des Rückstoßes um 2,5 cm zurück, durch Anftreffen auf ein Anstoß- 
stück wird das Knie nach abwärts gedrückt, wodurch der Verschluß 
um eine Patronenlänge zurückgebt; eine durch den Rückstoß ge- 
spannte Spiralfeder zieht den Verschluß wieder vor. Während dieser 
Vor- und Rückwärtsbewegung wird der Verschluß gespannt, das Ein- 
fuhren einer neuen Patrone und Auswerfen der abgeschlossenen Hülse 
bewirkt, der Abzug durch Druck auf einen Knopf in Tätigkeit ge- 
setzt. Solange dieser Druck ausgeUbt wird, erfolgt Schuß auf Schuß. 
Verfeuert werden die gewöhnlichen Infanteriepatronen, die auf Gurten 
— in der Regel zu 250 Stück — in Schlaufen aufgesteckt sind. 
Das Leergewicht eines Gurtes beträgt 1 kg, sorgfältige Herstellung 
und Imprägnierung verringern die Gefahr einer Quellung der Gurte 
auf das geringste Maß. Leergeschossene Gurte können mit 8 mm 
Patronen nach schwedischen Versuchen von 2 Mann in 7 Minuten, 
mit Ladeapparateu in noch kürzerer Zeit wieder gefüllt werden. Die 
Fenerschnelligkeit beträgt etwa 500 Schuß in der Minute. Das 
Maschinengewehr wiegt 26 kg. Die Lafettierung^) ist je nach dem 
Zwecke verschieden; es gibt Schlittenlafetten (bei welchen das Ge- 
wehr in einem schiebkarrenartigen Gestell ruht), Dreifußlafetten, 
Reff lafetten für den Gebirgskrieg, Kavallerielafetten (protzenäbnlicher 

') Beim Colt-Maschinengewehr — ohne Wasserkühlung — entzündet 
sich nach Abgabe von 500 Schall eine geladene Piitrone nach 7 Sekunden. 
Patronen, welche eine Viertelstunde später eingesetzt wurden, nach 20 Se- 
kunden. 

’) Englisches Kavalleriemaschinengewehr auf Lafette . . 1 52,3 kg 



Maschinengewehr auf Dreifuß 26 -f- 26 -= 52 „ 

Maschinengewehr auf Refflafette 35 „ 

Maschinengewehr auf Schlittenlafette . . . 26 -|- 64,5 == 90,3 „ 

18* 



Digitized by Coogle 




272 



Mtsofainengewebre and ihre Verwendong. 



zweirädriger Karren mit Gabeldeichsel). Id dieser Lafette erhielt 
man zwar die höchste Fenerbereitschaft, konnte die nenei^ Manition 
mitfflhren, bot aber ein so hohes Ziel, daß die Verwendnng dieser 
Gewehre im Infanteriegefecht ganz ans geschlossen war, wenn sie 
nicht schnell niedergekämpft werden sollten. Ein weiterer Nachteil 
ist, daß die Gewehre der Trappe nicht nnmittelbar folgen können. 
Die geringste Fenerbereitschaft hat die sehr leichte DreifnßlafettiemDg, 
die bei jedem Stellnngswecbsel anseinanderzanebmeD, fttr den Ge- 
birgskrieg aber nicht za entbehren ist. In Indien findet eine Dreifnß- 
lafettiemng aof Rädern Verwendang. Die sehr leichte, von einem 
Mann anf dem Rücken getragene Refflafette bietet nor eine Aoflage 
für das Gewehr, sie bat den Nachteil, daß eigentlich ein freihändiger 
Gebranch bei vorderer Anflage erforderlich ist, daß der Schlitze bei 
anhaltendem Fener stark ermüdet wird and damit die Trefigenanigkeit 
leidet. Eine sehr geschickte Vereinignng der Vorteile and Nachteile 
der Dreifnß- and Wagenlafette bietet die in Dentscbland eingefübrte 
Konstrnktion, welche einmal schnelles Fenern von dem Wagen ge> 
stattet, dann „freigemacht“ als Schlittenlafette jeder Anschlagsböbe 
sich anpassen and anch der Infanterie im Gefecht folgen kann.') 

Die Maschinengewehre können auf größeren abprotzbaren Fahr- 
zeugen fortgeschafft, oder von Packpferden, Tragetieren, auf kürzeren 
Strecken anch von Menschen getragen werden. Der Tragetiertrans- 
port gewährt zwar die Möglichkeit, den Truppen überall hin folgen 
zn können, die mitznführende Patronenmenge ist indessen beschränkt, 
die Feuereröffnung wird verlangsamt, da Gewehr and Dreifnß erst 
vereinigt werden müssen, sie kann sogar in Frage gestellt werden, 
wenn ein Tragetier stürzt, Manition kann am Gewehr nicht mitge- 
fUhrt werden, Dmckscbäden sind selbst bei sorgfältig verpaßten 
Sätteln nicht zn verhindern. 

In enger .^nlehnnng an die in fast allen Heeren eingefübrte Er- 
findung Maxims entstanden zahlreiche andere Eonstmktionen, welche 
eine größere Einfachheit des Mechanismns erstrebten und einen Er- 
satz für den schweren Wasserkühlmantel snchten. Die von den 
Gegnern des Systems betonte Gefahr, daß durch in den Wasscrranm 
einscblagende Geschosse eine Sprengwirkang entfaltet werden könnte, 
ist zwar nicht eingetreten, doch wird häufig der Aafstellnngsort 
eines Gewehrs durch die anfsteigenden Wasserdämpfe verraten. 

In Frankreich (und angeblich auch in Japan) ist das System 
Hotschkiß in Versuch. Bei ihm erfolgt die Einwirkung anf den 

I) Es sind fflr ein Gewehr zu rechnen: 

Deutschland . . 14'/| Mann 9 Pferde. 

Schweiz .... 8Vj „ 12 . 



Digitized by Coogl 



Maschinen^wehre und Ihre Verwendung. 



273 



VerschioB nicht unmittelbar durch den BhekstoB, sondern durch die 
das Geschoß vortreibenden Pnlvergase, welche rennöge eines durch 
die Lanfwand gebohrten Kanals in einen unterhalb des Laufes be- 
findlichen Zylinder gelangen. Hier drücken sie einen Kolben zurück, 
welcher auf Verschluß und Patronenzufubr wirkt und die Vorbolieder 
Kosammendrückt, zum Abfeuem wird ein Abzug zurückgezogen, hinter 
welchem der besseren Handlichkeit wegen ein revolverartiger Grifi 
angebracht ist. Ein krOckenartiger Kolben dient zum Anlegen an 
die Schulter. Die Kühlung des Laufes erfolgt nicht durch Wasser, 
sondern durch einen „Radiator“, bestehend aus mehreren, den Lauf 
omgebenden Ringen, welche die Oberfläche vergrößern und dadurch 
die Wärmeausstrahlung begünstigen, doch gestattet dieser nicht, beim 
Danerfeuer über 1000 Schuß hinanszngehen. Die Patronen lagern 
zn 30 Stück auf Blechbändern, an welchen sie durch Klauen fest- 
gehalten werden, das Nachscbieben der Patronenbänder kann ohne 
Störung geschehen. Die Feuergeschwindigkeit beträgt etwa öOO Schuß 
in der Minute. Das Gewehr ruht auf einer Dreifnßlafette, sein Ge- 
wicht beträgt 24 kg. Die Bedienung besteht aus einem Unteroffizier, 
einem Richtschützen und zwei Munitionsträgern. Die einzelnen eng- 
lischen Kavallerieregimentern im Bnrenkriege zngeteilten Uotscbkiß- 
gewehre haben sich durchaus bewährt, allerdings haben sie nicht 
mehr als 900 Schuß in zusammenhängendem Feuer abgegeben. 

Die alte österreichische Skoda-Mitrailleuse mit Einfüllung loser 
Patronen in einen Ladetrichter hat sich für den Feldkrieg nicht so 
wie das Maxim bewährt, neuerdings ist ein Odkolek-Gewehr von den 
Skoda -Werken zur Erprobung gebracht. 

Am einfachsten erscheint das System Schwarzlose, welches 
von der Wafi^enfabrik Steyr erworben und ebenfalls in Österreich 
in der Erprobung begrifien ist. Dieses Gewehr mit festem Lauf 
besitzt in einer äußerst geistreichen Konstruktion nur eine einzige 
Feder')- Jede Feder mnß eine größere Spannung besitzen, als zur 
Erreichung des Zweckes im allgemeinen erforderlich ist, da sonst 
jedes Verschmutzen ein Versagen zur Folge haben würde. Dieser 
Überschuß an Spannung, welchen bei anderen Systemen Jede einzelne 
Feder für sich haben muß, wird hier in einer einzigen Feder ver- 
einigt und kommt dem sichern Zusammenwirken aller Teile zustatten. 
Die Patronenzufubr ist sicher, der rückwärtige Abschluß des Laufes 



1) Uewehrsystem 


Federn 


Schlofsteile 


Schrauben u. Stifte 


Gewicht 


Maxim 


U 


'.Ü) 


.V2 


27.Ü 


Hotschkib 


7 


28 


13 


24 


Schwarzlose 


1 


11 


13 


19 



Digitized by Google 




274 



Masohineagewehre aed ihre Verwendung. 



nicht ganz zuverlässig. Das Dewicht stellt sich auf nur 30 kg, die 
Feuergeschwindigkeit auf 500 Schuß in der Minute. Ein Vorteil ist 
der feste Lauf, da Störungen durch Einfrieren des Wassers, Be- 
schädigung der Stopfbuchse verringert sind. 

In Dänemark ist bei jeder Eskadron eine Patrouille mit drei 
sog. Rekyl-Gewehren (auch Rexer-Gewehr genannt), die an der linken 
Seite des Sattels wie ein Karabiner getragen werden, ansgerUstet '). 
Das Gewicht beträgt nnr 8,2 kg. An der rechten Seite des Sattels 
sind 300 Patronen angebracht. Ein Reservepferd trägt noch 2400 Pa- 
tronen (122 kg). Der Verschloß ist ähnlich dem eines Selbstladers. 
Die LanfabkUblnng erfolgt durch einen mit zahlreichen Luftlöchern 
versehenen Stahlzylinder, der den Lauf so umgibt, daß eine Luft- 
schicht zwischen Lauf und Hantel vorhanden ist Der Lademecha- 
nismns wird durch den Rückstoß in Tätigkeit gesetzt. Der Druck 
des Fingers am Abzüge bewirkt die Fortdauer des Feuers, läßt man 
den Abzug los, so hört das Feuer auf. Unter der LaufmUndnng ist 
eiue Gabel angebracht, die dem Gewehr während des Schießens als 
Stutze dient, aber während des Transportes am Laufe befestigt ist 
es braucht also der Schütze nach dem Absitzen das Gewehr nur 
schnell in eine ihm zusagende Anschlagstellong zu bringen, so wie 
er das Ziel richtig erfaßt hat. Ein Magazin zu 25 Patronen kann 
in weniger als zwei Sekunden verfeuert werden. Der Vorteil des 
geringen Gewichts wird aber ausgeglichen durch ungenügende Ab- 
kühlung des Laufes, welche ein bedenkliches Nachlassen der Trefi- 
wirkung zur Folge hat. Kaum ,wird man diese Waffe noch als 
Maschinengewehr bezeichnen können. 

Im weitesten Gegensätze hierzu werden Panzerantomobile mit 
Maschinengewehren hergestellt; so z. B. von den Mercedeswerken in 
Wiener-Neustadt und von Cbarron-Girardole-Vogt in Paris für die 
russische Regierung. Nach Zeitungsnachrichten sollen 1906 in Ruß- 
land 12 Automobile zur Ablieferung gelangen. Das Gewicht soll 
3000 kg betragen, und bei einer Fahrtgeschwindigkeit von 40 km 
in der Stunde Betriebsvorrat für 1000 km anfnehmen. Bewegung 
querfeldein, selbst bis zu einer Steigung von 10 — 12®/# — angeblich 
bis zu 30 km Geschwindigkeit — ist möglich. Aber auch dann 
scheint der Zweck nur mit einem besonders hoben Aufwand von 
Mitteln erreicht zu sein, der ganze Apparat steht nicht im Einklang 
mit seinem Gefecbtswert. Wohl kann man die Insassen gegen Spreng- 
stüoke, nicht aber gegen mit Az. verfeuerte Geschosse der Feld- 



>) Im russisch-japanischen Kriege führten die Masrhinengew(?hrkom 
mandos der Kavallerie Rexer-Gewehre. 



Digitized by Google 




Muohinengewehre and ihre Verwendnng. 



275 



artUlerie scbttteeo. Im österreichischen KaisermanOver 1906 (Schlesien) 
leistete das Panzerantomobil zur Anfklärnng berrorragendes, im Ernst- 
fall stößt seine Verwendung jedoch anf Schwierigkeiten, die man im 
Frieden mit Rücksicht auf das Leben der Insassen nicht berrormfen 
darf. Es kann Verwendnng finden, um festznstellen, ob Räume und 
Anmarscbstraßen rom Feinde frei sind. Am 15. Oktober 1905 fand 
bei Traiskircben eine Übnng mit Motorradfahrern nnd zwei Selbst- 
fahrern mit Maschinengewehren statt, nm den 58 km entfernten 
Donanttbergang von Tnlln zn besetzen; die Entfemnng wurde von 
den Motorrädern in 57 bis 110 Minuten znrttckgelegt. 



n. Die Leistung. 

Die Eigenart des Maschinengewehres liegt in seiner Fähigkeit, 
sich jedem Gelände anzu passen und in seiner hoben, sich stets gleich- 
bleibenden Feuergeschwindigkeit, während die einer Infanterieab- 
teilnng mit wachsender Entfernung, abnehmender Erkennbarkeit des 
Zieles nnd anhaltendem Feuer abnimmt. Eine einzige Ladehemmung 
kann andererseits aber die Wafie wenigstens vorübergehend wertlos 
machen. Dieses ist die Veranlassung, in Deutschland die Gewehre 
grundsätzlich nur zugweise zu verwenden, in der Schweiz nur aus- 
nahmsweise beide Gewehre eines Zuges gleichzeitig feuern zn lassen. 
Das theoretische Höchstmaß der Feuergeschwindigkeit von 600 Schuß 
in der Minute wird selten erreicht werden , 2 — 300 Schuß in 
der Minute werden gegen liegende Ziele meist ausreichend sein. 
Io Deotscbland unterscheidet man Reiben- nnd Dauerfeuer, Einzel- 
feuer dient nur zur Abwehr von Patrouillen, wenn die Maschinenge- 
wehre ihren Anfstellnngspnnkt nicht verraten wollen*). 

„Reihenfeoer“ ist eine Folge von etwa 25 Schuß, nach der eine 
Pause zur Beobachtung der Geschoßwirkung eintritt. Es wird zum 
Ermitteln der Visierstellnng, zum Beschießen schwieriger Ziele in 
welligem Gelände angewendet. Das Wirknngsscbießen wird grund- 
sätzlich als Dauerfener abgegeben, es wird nur unterbrochen, wenn 
es die Verhältnisse, die Erhitzung nnd Dampfentwickelnng des Wassers 
erfordern. 



1 ) Österreich: einzelne Schüsse, Salve (20 — 25 Schals). Einzelfeuer. 

Schweiz; Einzelfeuer, Lagenfeaer (20 — 30 SchuCs), Schnellfeuer (Lagen 
von 100 Schuls) und geschützweises Feuer (beide Gewehre geben gleich- 
zeitig Schnellfeuer). Letzteres wird ausnahmsweise angewendet zur Abwehr 
drohender Gefahr und Äusnatzang günstiger Momente. 



Digitized by Google 




276 



Haschineogewehre und Uue Verwendung. 



Das NaobfÜllen des Wassers and das Ölen der SobloBteile soll 
während der Fenerpsosen geschehen, sei es, daß diese sich aas der 
Gelechtslage ergeben, sei es, daß diese aas technisohen Grttnden be- 
sonders eingescboben werden müssen. 

Das Feaer wird entweder mit festgesteilter flöhen- and Seiten- 
richtong auf einen Pankt gerichtet (Panktfener) oder es wird 
.gestreat“, d. b. das Ziel wird in seiner ganzen Ansdehnong oder 
in einem näher bezeichneten Teil beschossen (Streoieaer). Beim 
Streaen in wagerechter Kichtong, z. B. zam Bestreichen einer Scbtttzen- 
grabenkrone, eines Waldrandes, bewegen beide flände, das Gewehr 
langsam and gleimäßig seitwärts. Beim Streaen in senkrechter and 
schräger Ricbtang gibt die linke Hand dem Gewehr die Seiten- 
ricbtang, während die rechte Hand die feine flöhenrichtong bedient. 
Gegen Ziele, die sich rasch bewegen oder sich in welligem Gelände be- 
finden, — z. B. Yorspringende Schützenlinien — kann mit YÖllig 
gelöster Höben- and Seitenrichtnng geschossen werden. Die 
Geschwindigkeit, mit der gestrent wird, richtet sich nach der Ent- 
femnng and der Art des Zieles. Im allgemeinen wird das Gewehr 
langsam and gleichmäßig bewegt. Za schnelles Streaen schädigt 
die Trefiwirknng. Bei sehr guter Beobachtung kann es sowohl bei 
feststehenden als auch bei sich bewegenden Zielen in Ansnahmerällen 
vorteilhaft sein, das Gewehr nach dem Einschlagen des Geschosses 
bei erhobenem Kopf, ohne za zielen, durch Veränderung der Höben- 
nnd Seitenricbtnng während des Feuers za richten. 

Die ballistiscben Leistungen der Waffe sind die gleichen wie die 
des einzelnen Infanteriegewehres, die Verkürzung des Lanles ist so 
anbedeatend, daß sie die Größe der Anfangsgeschwindigkeit nicht 
beeinträchtigt. Die anf engem Kanme einschlagenden Geschosse 
haben natürlich eine größere Zerstörangskrait als die einzeln aaf- 
treffenden Geschosse einer Infanterieabteilang. Bäume von 30 cm 
Stärke werden anf 450 m in etwa 15 Sekunden amgelegt. Da ein 
wichtiges Moment für die Streanng im Abteilangsfeaer — Ziel- and 
Abkommefehler der einzelnen Schutzen — fortfällt, die Erhitzung 
des Laufes and das Zittern des SchießgerUstes beim Dauerfeuer nicht 
im gleichen Maße die Streuung vergrößern, so zeigt sich auf den 
weiteren Entfernungen eine erhebliche Überlegenheit an Treffge- 
nauigkeit Uber das Infanteriegewebr, indem die Geschoßgarbe enger 
znsammengebalten wird. Schießversache zeigen, daß mit der wach- 
senden Entfernung und genau zutreffendem Visier die Trefileistung 
nur ganz unbedeutend abnimmt. Gegen abwechselnd im Schritt und 
im „Marsch-Marsch“ vorgehende Infanterieziele wurden anf der Schieß- 
scbule im Durchschnitt erreicht: 



Diqitized by Cooglc 



MMohineogewehre niid Ihre Verwendong. 



277 



aaf BDtfernniigeD von 200U— löOOm . . . l,72*’/o Treffer 

„ „ . 1500— 120U „ . . . 2,53®/o 

Gegen Kopffallscheiben mit 0,60 — 0,70 m Zwisohenranm : 

aut 600 — 800 m 1,89 ®/o Treffer 

„ 800—1100 1,69 ®/„ 

Während auf Entfemangen von 2000 — 1600 m gegen rorgehende 
Schutzen mit Visier 1800, dann 1750 m in l‘/a Minuten 3,10®/, Treffer 
mit 52®/o außer Gefecht gesetzten Figuren mit einem Einsatz von 
254 Patronen fUr das Gewehr gegen 50 mit 1 m Zwischenraum vor- 
gebenden Kniescheiben erzielt wurde, sank, als nur das Visier 1900 
beibebalten wurde, das Treffergebnis gegen das gleiche Ziel in 
2'/i Minute (Patroneneinsatz 304 Patronen) auf 0,3 */„ Treffer und 8,3 ®/o 
au^r Gefecht gesetzte Figuren*). 

Nach österreichischen Ermittelungen beträgt die Tiefenstrenung 
eines Maschinengewehres nur */, bis '/, der Ansdehnnng des vom 
Feuer beherrschten Raumes eines Infanteriezages, auf den weiten 
Entfemangen wächst dieser Raum bis zur Hälfte. Im Ernstfälle tritt 
dieses noch schärfer hervor, da wir dann nnr mit einem einzigen 
gut gedeckten, ansgewählten Mascbinengewebrscbtttzen za tan haben, 
während die Aufregangen des Kampfes in ganz anderer Weise aaf 
eine ans den verschiedensten Lenten zusammengesetzte Tmppe ein- 
wirkt. Die geringe Streuung der Waffe bedingt ein der Entfernung 
und den TageseinflUssen genau entsprechendes Visier, wenn gegen 
liegende, in unregelmäßiger Weise im Gelände eingenistete Schützen 
eine Wirkung erzielt werden soll, zum Teil kann dieses erreicht 
werden durch Verwendung von Entfernnngsmessem. Da aber der 
wahrscheinliche Fehler des Instramentes ± 5®/o der Entfernung be- 
trägt, so ist die Messung für ein Feuer mit dem Maschinengewehr 
so wenig genau, daß nichts anderes Übrig bleibt, als die Streuung 
künstlich za vergrößern. Ist ein Beobachten der Gescboßeinschläge nicht 
möglich, so kann dieses geschehen durch Anwendung von zwei, aaf 
die Gewehre eines Zages oder dreier aaf die Züge verteilter Visiere 
und dann vor allem durch mechanisches Streuen. Die Verwendung 
von mehreren Visieren erscheint ein zu starres Mittel, besser ist 
jedenfalls ein mechanisches Streuen®). Nnr dieses gibt eine Sicher- 

>) Die wenigen mit S-Munition ausgefUhrteu Beschüsse gestatten noch 
keine einwandfreien Folgerungen. Die grCfsere Gestrecktheit der Bahn 
vergrOfsert gegen aufrechte Scheiben den vom Feuer beherrschten Raum. 
Fehler in der Visierstellung von 50 bis zu 1000 m Entfernung sollen die 
Wirkung nur unerheblich, Fehler von 100 m aber ganz erheblich beeinflussen. 

®) Begründung in Rohne, Generalleutnant, Schiefslehre für Infanterie. 
2. Aofl. S. 185 u. f. 



Digitized by Google 




278 Hssebinengewebre nnd ibro Verwendung. 

beit gegen den Mißerfolg, setzt aber aacb die GescboBwirkang 
berab '). 

Die Sobwierigkeit, die GescboBgarbe in ein im Gelände einge- 
nistetes Ziel zn bringen, zwingt, das Gewehr in allererster Linie znr 
Bekämpfoog großer, nur knrze Zeit sichtbarer Ziele zu verwenden. 
Die Wirkung ist dann in kurzer Zeit verniohtend. Die aus Ostasien 
stammenden Berichte Uber das Niedermäben ganzer Glieder mttssen 
vorläufig aber noch mit einem gewissen Mißtrauen betrachtet werden. 
Gegen liegende Ziele stebt die Wirkung mit dem Mnnitionseinsatze 
nicht im Einklänge, ein geringer Unterschied in der Entfernung vermag 
die Wirkung ganz anfznheben, erkennbare geradlinige Schützengräben 
bieten aber andererseits hervorragend gttnstige Ziele. Die Erhitzung 
des Laufes, Schwierigkeit der Mnnitions- nnd Wasseremenemng 
stehen einer Beteiligung an einem langdanemden Fenerkampfe ent- 
gegen. Zum hinhaltenden Feoergefecht ist die Waffe gar nicht ge- 
eignet 

Alle Schießversuche bestätigen, daß gegen höbe Ziele ein halber 
Erfolg nur ganz ausnahmsweise vorkommt. Bei zutreffendem Visier 
ist große nnd entscheidende Wirkung in kurzer Zeit zn erwarten, 
bei unrichtiger Visierwahl und ungenügender Beobachtung ist auch 
gegen hohe nnd dichte Ziele meist nur auf Znfalltreffer zn rechnen. 
Anhaltspunkte für den Kampfwert der Maschinengewehre nnd 
den andern Waffen liegen erst in beschränktem Maße vor. Ob tat- 
sächlich Maschinengewehre in kurzer Zeit von der Feldartillerie 
kampfunfähig gemacht werden können, steht noch dahin. 

Anders steht es im Kampf mit Infanterie gegen geschicktim 
Gelände eingenistete Schützenlinien’). 

Sehr schwer ist der Gefechtswert einer Infanterieabteilnng im 
Vergleich zn einem Maschinengewehr zn bestimmen. Man wird 
nicht fehlgehen, wenn man die Grenze zwischen 50 nnd 60 Mann 
sucht. Auf der englischen Infanterieschnle in Hjthe wurde auf 
300 Vards in 5 Minuten — wohl in der längsten Zeit, in welcher 
Dauerfeuer möglich ist — die Leistung eines Maxims gleich der 
von 60 Gewehren ermittelt. Beim Kampfschießen sank dieses Ver- 
hältnis indessen auf 26 — 35 Gewehre. Hierbei ist aber zu bedenken, 
daß moralische Einflüsse sich bei einem FriedensbescbluB nicht 
geltend machen können, daß andererseits ein einziger günstiger 
Trefier ein Maschinengewehr auf lange Zeit außer Gefecht setzen 
kann, während die Schutzen noch weiter feuern können. 

<) S. .Vnlage 1. 

>) Anlage 2. 



Digitized by Coogle 




Huchinengewehr« and ihre Verwendung. 



279 



Bei ebem KampfschieBen der Schweizer InfanteriescbieBacbole 
zeigte sieb, daß bei treistehendem Masebiuengewebr 30 — 40 SebUtzen 
auf Entiemang von 900 m fast durchweg rasch die Überlegenheit 
gewannen, daß der Kampf aber wenig anssichtsroll war, wenn der 
Anfstelinngspnnkt des Gewehrs nicht genau aufzufinden war. ln der 
Schweiz rechnet man ein Maschinengewehr als gleichwertig mit 
50 Schutzen. Diese bilden fttr Maschinengewehre das am schwersten 
zu bekämpfende und dabei das gefährlichste Ziel. Bei guter Beob- 
achtung kann gegen liegende Schutzen bis zu 1000 m allerdings noch 
auf einen Erfolg gerechnet werden, nicht so bei fehlender Beob- 
achtung; es bleibt dann eine nennenswerte Wirkung ans. Bei Be- 
messung des beiderseitigen Kampfwertes ist ein Vergleich der Treff- 
fläcben und der Feuergeschwindigkeit geboten. 

Eine Masebinengewehrabteiinng zählt auf 80 m Front 6 Ge- 
wehre und 23 Kopfscheiben, von denen 11 durch die Wafle und die 
Patronenkasten gedeckt sind, und die in jedem Gewehr eine Treff- 
fläche von etwa 1,83 in der ganzen Abteilung von 2,508 qm (auf 
den laufenden Meter der Front 0,31 qm) bieten. Anf der gleichen 
Strecke können 100 SebUtzen entwickelt werden, die ein Ziel 
von 7,5 qm (anf jeden Meter der Front etwa 0,094 qm) bieten. Im 
Dauerfeuer können von jedem Maschinengewehr bis zu 600 Schuß 
in der Minute abgegeben werden. Die Feuergeschwindigkeit läßt 
auch nicht nach, wenn die Bedienung anf die Hälfte herab- 
siukt, während auf 1000 m die Infanterie kaum mehr als 5 Schuß 
gegen ein derartig ungünstiges Ziel leisten kann. Es stehen sich 
also bei gleicher Front gegenüber 3600 Schuß gegen ein günstigeres 
und 500 Sebnß gegen ein weniger günstiges Ziel. Dieses für die 
Infanterie ungünstige Verhältnis verändert sich aber dadurch zu ihrem 
Yorteil, daß die Maschinengewehre schon mit Kttcksicht auf die 
Munition nicht längere Zeit ein so lebhaftes Feuer fortsetzen können, 
daß gerade bei derartig äußerster Anspannnng der Leistungsfähigkeit 
recht empfindliche Gebranchsstörungen einzutreten pflegen, daß die 
3600 Patronen aber auch nur dann zur Geltung kommen, wenn 
nicht allein die geometrische, sondern auch die Tagesentfemung bis 
zum Ziel genau bekannt ist. Es schwanken bei einem Fehler 
die Messungen bei 1000 m zwischen 950 nnd 1050 m. Die wirk- 
same GeseboBgarbe des Maschinengewehres hat aber anf 1000 m nur 
eine Ausdehnung von 24 m. Es ist also reiner Znfall, wenn die 
Entfernung genau ermittelt wird, nicht außer Acht gelassen werden 
darf, daß, wenn eine Beobachtung der Geschoßanfschläge überhaupt 
möglich ist, dieses beim Maschinengewehr jedenfalls leichter ist, da 
selbst beim Keihenfener die Einschläge dichter znsammenliegen und 



Digiiized by Google 




280 



MuMhineiifewehre and ihre Verwendiuij;. 



besser zu beobaohten sind. Oie zn bekämpfende Infanterie maß aas 
diesem Grande vor allem versnoben, den Maschinengewehren dnrch 
Wahl geeigneter Stellnngen, dann aber auch dadarcb, daß sie ver^ 
meidet, Ziele aaf gleicher Hohe zn bieten, die Beobachtang zn er* 
schweren. Beim Kampfe zwischen Infanterie and Maschinengewehren 
wird die Fenerwirknng unserer niedrigen, auf Schlittenlafetten 
stehenden Masobmengewehre gleich der von 2 Zogen etwa 100 Ge- 
wehre zn bewerten sein. Selten aber wird eine derartige Feuerkraft 
von 12 Zogen zam Niederkämpfen einer Mascbinengewehrabteilang 
verfOgbar sein ; vielfach wird einer einzigen Kompagnie diese an- 
gemein schwierige Aufgabe zafallen. Ohne hoben MaoitionBeinBatz 
wird eine Kompagnie diese Aufgabe nicht lösen können. Geringer 
Manitionseinsatz ist nur Patronenverschwendong, gegen jedes Ma- 
schinengewehr mOssen auf 1000 m wenigstens 600 Patronen eingesetzt 
werden. 

Die Ähnlichkeit mit dem Ansseben einer Batterie verfahrt daza, 
die Maschinengewehrabteilangen in der gleichen Weise zu bekämpfen, 
wie Artillerie. Das wäre auch richtig, wenn die Infanterie sofort 
eine dem Maschinengewehr ebenbürtige Feuerkraft einsetzen könnte. 
Im Vergleich mit einer Batterie ist bei gleicher Aasdehnnng die 
Maschinengewebrabteilang ein sehr ungünstiges 2jiel. Jene bietet 
eine Treffläche von 25 qm (auf den Meter 0,319 qm), die Maschinen- 
gewehrabteilnng von nur 2,5 qm (auf den laufenden Meter 0,03193 qm) 
Treffläche. Dann finden sieb m der Batterie 43 Figursebeiben statt 
23 in der Abteilung. Verluste durch Stablmantelsplitter werden bei 
beiden Zielen gleich sein. Unter Zugrundelegung der Angaben des 
Generalleutnants Bohne*) können wir bei zutrefiendem Visier von 
mittleren Schützen mit 100 Schuß, die auf die ganze Front der Ab- 



teilung verteilt sind, erwarten: 






anf 600 m . . . 


. 1.05 "/o 


Treffer 


„ 800 , . . . 


. 0,7 «/„ 


n 


, 1000 , . . . 


. 0,56 */„ 


V» 


„ 1200 „ . . . 


o 

o 

e 


n 



Somit von einer Kompagnie von 200 Gewehren auf 1000 m in 
einer Minute bei einer Feuergeschwindigkeit von ö Schuß uur 
5,6 Trefier, ein ganz unzureichendes Ergebnis, da ja auch einige 
Treffer im Material stecken werden. Ein bestimmtes Verhältnis 
zwischen Figur- und Materialtrefifer läßt sich nicht feststellen, erstere 
bilden ein Fünftel bis ein Halb aller TrefiTer. 

>) Das gefechtsmäßige Abteilungsschießen der Infanterie und das 
Schießen mit Maschinengewehren. 4. Anfl. S. 38 u. f. Zasammenstellung 2. 



Digitized by Google 




Msaohinen^wehre and ihre Venrendnng. 



281 



Aof der iDfaoterieschießscbiile erreichten Maschinengewehre 
gegen Kopffallscheihen mit 0,80 m Zwiechenranm auf Entfemongen 
von 6—800 m im Durchschnitt 2,17®/<, Treffer mit 37,46“/o 
außer Gefecht gesetzter Figuren, während die vorzOglich ansge- 
bildeten Mannschaften der Stammkompagnie gegen ein Maschinen- 
gewehrziel 2*/o TreflFer mit 64 außer Gefecht gesetzter Figuren er- 
reichten. 

Die Schwierigkeit der Bekämpfung der Schtttzeulinien durch 
Maschinengewehre macht es aber nicht so nötig wie z. B. gegen 
eine Batterie, die ganze Front unter Feuer zu halten. wird wirk- 
samer sein, das Feuer gegen einzelne Gewehre zu richten. Bei der 
schlechten Erkennbarkeit des Zieles hat es sich gezeigt, daß es recht 
schwer ist, sämtlichen Mannschaften einer längeren Fenerlinie das den 
Teilen znfallende Ziel genau zu bezeichnen, daß ferner, wenn das 
Feuer erst auf ein Gewehr gerichtet war, durch die fortgesetzte 
Übung die Mannschaften auch nach und nach die mehr im Gelände 
gedeckten Gewehre anffinden. 

Es empfiehlt sich daher, daß die Infanterie, wenn nur eine 
einzige Kompagnie das Feuer anf eine Mascbinengewehrabteilnng 
zu eröffnen hat, ihr Feuer nicht gleichmäßig anf die ganze Front 
verteilt, sondern anf ein einzelnes Gewehr vereinigt; erst wenn an 
dieser Stelle Wirkung erreicht ist, kann das Feuer anf andere Ge- 
wehre ttbergelenkt werden. Es hat dieses den Vorteil, daß die 
Flttgelabteilnngen die Gewehre schräg fassen können, die durch das 
Gewehr dem Richtschützen gebotene Deckung sich verkleinert, dann, 
daß durch die Vereinigung der Geschoßgarbe anf engem Raum die 
Gescboßbeobachtong wesentlich erleichtert wird. 

Von der genauen Auffassung des Zieles bängt es ab, wie breit 
die Geschoßgarbe der feuernden Abteilung ist; Angaben hierüber 
liegen nicht vor, und damit wird auch eine Errechnung der Treffer- 
prozente erschwert. 

Anf 1000 m beträgt die Breitenstreunng des einzelnen Gewehres 
148 cm, im Abteiinngsfener durfte sie bei guter Zielauflassnng 
sicherlich das Zehnfache betragen. Es schadet dies auch umso- 
weniger, da die Treffer sich dann zu beiden Seiten des Gewehrs 
gruppieren und damit den Einfluß des Windes anfheben. Nehmen 
wir an, daß sämtliche Schüsse in einem Raume von 15 m Breite 
einscblagen, so ergibt sich bei dem Vergleich mit den oben fUr die 
.\bteilnng gegebenen Zahlen, die sich auf eine Front von 80 m be- 
ziehen, eine annähernd fünffache Steigerung der Treffer, so daß wir 
erhalten 



Digitized by Google 




282 



MMehinengewehre and Ihr« Verwendimj;. 



auf 600 m . . . 5 */„ 

„ 800 , ... 3,5»/o 

„ 1000 „ ... 2,8 “/o 

„ 1200 „ ... 2 % 

Ans dem Vorstehenden ergeben sich für die Bekämpfnng von 
Maschinengewehren folgende Gmndsätze: 

1. Die Infanterie muß der Abteilung das Auffinden der feuernden 
Schutzen erschweren: Rücksicht auf Färbung der Umgebung 
und Hintergrund, keine aufrechten Zug- und GewehrfUhrer. 
Fernbleiben von Gegenständen, welche leicht ins Auge fallen; 

2. Erschweren der Beobachtung (Aufschläger) und des Anmessens 
(keine hohen Ziele, welche das Anmessen erleichtern); 

3. die Schützenlinie möglichst nicht einheitlich in einer Linie, 
sondern die einzelnen Teile auf verschiedener Höhe; 

4. Feuerart: lebhaftes SchUtzenfeuer; 

5. Munitionseinsatz: wenigstens 600 Patronen gegen jedes Ma- 
schinengewehr; 

6. jeder Kompagnie wird zweckmäßig ein Gewehr zngewiesen. 
eine einzelne Kompagnie bekämpft zunächst nur ein einzelnes 
Gewehr, und zwar dasjenige, welches am besten zu sehen ist. 
FlUgelgewehre eignen sich nicht zum Beschuß, da bei starkem 
Wind die Geseboßgarbe zu weit seitwärts getrieben werden 
kann. 

Ans dem V^orstehenden ergibt sich auch das Verhalten im 
Masc h inen ge wehrf euer. 

Selbst lichte Schützenlinien können die Bewegung Uber decknngs- 
loses Gelände innerhalb 1500 m im ungebrochenen Maschinengewehr- 
iener nicht mehr fortsetzen; es bleibt ihnen nichts anderes Übrig, als 
sich hinznwerfen und gruppenweise oder einzeln Raum nach vor- 
wärts zu gewinnen. 

Das Gleiche gilt von Marschkolonnen, sie können nichts anderes 
tun, als sich schnell im , Marsch-Marsch“ nach halblinks und halb- 
rechts anseinanderzieben und ebenfalls Deckung nehmen. 

Am nngUnstigten ist die Zngkolonne sowohl liegend als auch in 
Bewegung '). Im ernsteren Falle bleibt ihr, wenn sie von wirksamem 
Maschinengewebrfener erreicht wird, nichts anderes Übrig, als aufzu- 
marschieren. Dieses darf aber nicht durch. Anfstehen geschehen, 
sondern die ZUge müssen seitwärts vorwärts kriechen. Jedes Anf- 
steben führt zur Vernichtung. 

1) In */ 4 — 1 Minute erhielt im Durchschnitt eine liegende Zagkolonne 
auf 1400 m 4,22, auf 900 — 1100 m 4,31 ®/q Treffer, mit 42 (hzw. 32)#/j auUer 
Gefecht gesetzter Figuren. 



Digitized by Coogle 



Maschinengewehre and ihre Verwendnng. 



283 



m. Oliedenmg, Formen und bisherige Verwendnng von 
Maschinengewehren. 

Oie englische Armee war die erste, welche nach dem MiB- 
erfolg der französischen canon ä bailes im dentsch-tranzösischen Kriege 
Maschinengewehre wieder vor dem Feinde gebranchte. Ihrer Ver- 
wendung im Kolonialkriege standen nm so weniger Bedenken entgegen, 
als man es nicht mit einem Feinde zn tun hatte, der Uber Artillerie 
verfugte. Der Vorteil, durch eine antomatisch wirkende, d. h. von 
wenigen Leuten zn bedienende Waffe eine große Zahl schwer zn 
verpflegender Mannschaften zn ersetzen, fiel ferner bei Bemessung 
der Stärke des Trosses entscheidend ins Gewicht. Auf die Verhält- 
nisse der Kolonialkriege ist es znrUckznfttbren, wenn in ausge- 
sprochenem Gegensatz zn unseren Anschannngen das Maschinengewehr 
von hoher Lafette abgefenert wird, derartige Maschinengewehre eignen 
sich naturgemäß mehr fttr die Verteidigung als fUr den Angriff. Im 
Sndanfeldznge 1895, am Atbara und bei Omdurman wurden die Ma- 
schinengewehre zu Batterien vereinigt, die mit vernichtender Wirkung 
gegen die ansturmenden Derwische feuerten '). 

Obwohl gerade im entscheidenden Augenblick mehrfach ernste 
Gebrauchsstörungen vorgekommen waren, hielt man in England 
dennoch an der Verwendnng einzelner Gewehre fest, indem man als 
Vorteil bervorbob. daß einzelne Maschinengewehre leichter als eine 
größere Anzahl in Nähe der Gefechtslinie Verwendnng finden könnten. 
Das englische, auf hoher Lafette befindliche Maschinengewehr bietet 
aber ein derartig leicht zn erkennendes Ziel, daß im Borenkriege 
alle Versuche, es dauernd in der Fenerlinie in Tätigkeit zn halten, 
mißlangen. Nicht mit Unrecht schreibt ein englischer Offizier: „Es 
war, als ob das äußere Aussehen Führer und Mannschaften immer 
wieder vergessen ließ, daß man nicht ein Geschütz, sondern ein Ge- 
wehr, somit eine Waffe von beschränkter Leistungsfähigkeit in 
Händen habe.“ Während früher je ein Zug Maschinengewehre den 
Infanteriebrigaden zngeteilt war, hat man sich neuerdings ent- 
schlossen, im Gegensatz zn den festländischen Anschannngen und 
entgegen den Ansichten eigener, kriegserfahrener Offiziere, den Ba- 
taillonen erst einzelne, dann je zwei Maschinengewehre nach Muster 
der ehemaligen BataillionsgeschUtze znzuweisen. Gerade der sUd- 

I) Am Atbara unterstützten die Maschinengewehre das Infanteriege- 
fecht ans flankierender Stellung, feuerten auf 1800 m und konnten bei der 
klaren Luft und bei den im Sandboden gut zu beobachtenden GeschoU- 
anfschlSgen bald das richtige Visier gegen die tiefen Massen der ohne 
Deckung ansturmenden Derwische finden. Bei Omdurman schossen die 
Maschinengewehre sich rasch unter Heben der GeschoUgarbe heran. 



Digitized by Google 




284 



MMehlneiig»wehre and ihre VerweDdong. 



afrikanische Krieg hatte geseigt, dafi diese Batailionsgewehre viel- 
fach gar nicht Verwendung finden konnten, sondern meist nntzlos 
hinter der Front standen. Erst in der Schlacht am Pieftershill 
(27. Febmar 1900) worden sie ganz naturgemäß zur Untersttttznng 
des Angriffs zo Abteilangen vereinigt Bei der großen Entferoong 
waren die Verluste allerdings gering, aber sie hinderten doch die 
Boren doroh den moralischen Eindrock des fortgesetzten Feoers an 
ruhiger Abgabe des Schosses. Auch die Znteilong zu einzeloea 
Kavallerieregimentern kann nicht vorteilhaft sein, da ihre starke 
Feuerkraft zur Unterstützung des Fußgefecbts erst bei der einheit- 
lichen Verwendung mehrerer Gewehre zur Geltung kommt. Nur der 
TroppenfUbrer als solcher, nicht jeder einzelne Bataillonskommandear 
kann erkennen, wo die Verwendung von Maschinengewehren roo 
Vorteil ist. Der Vorschlag, Maschinengewehre der Artillerie zuzo- 
teilen, ist nicht zur Ausführung gelangt, da mit Recht befhrcbtet wird, 
daß man ihnen dann Ausgaben zuweisen würde, die ihrer Eigenart 
nicht entsprächen. 

Jedem Infanterie- und jedem zur Verstärkung des Feldheeres 
bestimmten Milizbatailiou ist gegenwärtig ein Zug Maschinengewehre, 
jedem Bataillon berittener Infanterie und jedem Kavallerieregiment 
ein Zug Maschinengewehre und ein „Pompomzng^ (von 3,7 cm Ka- 
liber) überwiesen. Ihre Einführung wird auf die Beobachtung znrttck- 
geftthrt daß das Pompomfeuer in hohem Maße bennruhigend auf 
die Pferde wirke, obwohl die materielle Wirkung sehr gering war. 
„Das „Pompom,“ schreibt der Bärenführer Ben Viljoen, „macht 
einen höllischen Lärm, wenn es arbeitet, nnd es kann vielleicht 
einen demoralisierenden Eindruck auf den Feind austtben. Aber 
damit sind auch seine Tagenden erschöpft, denn seine Leistungen 
sind gleich Null. Mangels besserer Stücke mußte man sich aller- 
dings glücklich preisen, wenigstens im Besitze einiger Pompoms zu 
sein, damit machten wir Lärm, um die Aufmerksamkeit des Feinde 
abzulenken*)“. 

ln der einpfündigen Pompomgranate besitzt man aber den besten 
und zuverlässigsten Entfernungsmesser für die Maschinengewehre. 

*) Nach der .Sehießvorschrift der eingeborenen indischen Armee hat 
jedes eingeborene Bataillon zwei anf Maultiere (Traglast 111, Mnnitions- 
nianltiere 121 and 122 kg) getragene, auf Dreifuß zu stellende Maschinen- 
gewehre. die durch ünterstellung von Rädern auch fahrbar gemacht werden 
können. Neue Gewehre dieser Art haben eine nach der Deckung wechselnde 
FeuerhOhe zwischen 23 und 86 cm. Gewicht des Gewehrs (mit Schild von 
16 kg Gewicht und etwa 6 mm .Stärke) 67 kg. Der Zug besteht ans einem 
berittenen europäischen Offizier. 2 Unteroffizieren, 12 Mann (6 Führern), 
12 Maultieren (von denen 2 für die Gewehre, 8 für Munition). 



Digitized by Google! 



Masohineogewebre oad ihre Verwendung. 



285 



Der Infanteriemaschinengewebizog zählt 1 Offizier, 3 Unter- 
offiziere, 9 Mann, 6 Pferde, 2 Maschinengewehre, 1 Patronen- nnd 
einen Packwagen. Das Gewehr steht anf hoher Lafette, die Be- 
diennngsmannscbaft ist dnrcb einen Stahlschild gedeckt. Die Vi- 
siemng reicht bis 2300 m. Das Gewehr wiegt 27, die Lafette bei 

1,2 Rad- nnd 0.98 m Fenerböhe 445 kg. Die Bespannung besteht 

ans einem in der Gabel gehenden Pferde oder Maultiere, welches 
ron einem Mann zn Fnß geführt wird. Das Gewehr feuert nur, 

wenn abgespannt ist, es mbt auf einer dann senkrecht stehenden 

Sänle, deren Oberteil znm Nehmen der Seitenrichtnng drehbar ist. 
In 16 Kasten werden an der Lafette 4000 Patronen ladefertig anf 
Gurten mitgefttbrt, der Patronenwagen enthält 13200 Schuß, so daß 
10600 Schuß für das Gewehr vorhanden sind. 

Der Maschinengewehrzng fUr ein Kavallerieregiment^) zählt 
1 Offizier, 22 Mann, 15 Reit- nnd 20 Packpferde, einen sechsspännigen 
Pom-Pom, 1 zweispännigesMaschmengewehr, 1 sechsspännigen Pompom- 
mnnitionswagen nnd einen vierspännigen Mascbinengewebrmanitions- 
wagen. Die zweispännige Lafette mit Gabeldeichsel wiegt ohne 
Gewehr (27 kg) nnd Schießbedarf 445 kg und hat bei 1,40 Radböbe 
eine Fenerböhe von 1,52 m, so daß also das drehbare Gewehr Uber 
den Radkranz nach vorn und nach den Seiten hinweg ienem kann. 
Die Richtnnmmer ist dnrcb ein Stahlschild gedeckt. Das Fenem 
kann sowohl bei bespanntem Gewehr als anch bei abgespannten 
Pferden stattfinden, doch bat sich die erstere Art wegen der sich 
auf die Waffe Übertragenden Atembewegnngen der Bespannung als 
minder vorteilhaft erwiesen. Diese Fenerart soll dämm anch nnr 
im Notfall gebraucht werden. Anf dem Marsche kann je ein Be- 
diennngsmann anf beiden Seiten der Protze sitzen; ein Pferd geht 
io der Gabel, das andere, welches den Fahrer tragt, daneben. An 
der Lafette befinden sich in 14 Kasten 35(X) ladefertige Patronen, der 
Patronenwagen enthält 17050 Schnß (bei der berittenen Infanterie 
17600 Schuß). 

Angaben Uber die Maschinenkanone von 3,7 cm Kaliber nnd 
ihrer 453 g schwerer Granate fehlen zurzeit noch, angeblich soll das 
Geschütz 392, die Protze mit 200 Schnß 416 kg wiegen, die Feuer- 
geschwindigkeit soll bis zn 40 Schnß in der Minute gesteigert 
werden können. Vermutlich nimmt der Mnnitionswagen 400 Schnß 
anf. Die Schußweite reicht bis zn 3600 m. Offiziere sind mit Säbel und 
Selbstladepistole, Unteroffiziere mit Säbel (Infanterie mit kurzem Seiten- 
gewehr) nnd Revolver, die Mannschaften mit dem Gewehr bewaffnet. 



•) Nachtrag der War Establishments vom 1. Januar 1905. 
Jährbftebfr für dl« d«ot«eb« Anne» and Marin« No. 426. 20 



Digitized by Google 




286 



ÜMehfaiengewehre oiid Ihr« Verwendung. 



Schweiz. Anlage L 

AnsdebnuDg der 50*/o-'i^iefen8treaang nach den Angaben der 
Schweizer „Anleitung zur Kenntnis und Behandlnng des Materials 
der berittenen Maxim>GewehrBcbtttzen 1904". 



Entfernnng 

in m 


Maschine 
Tiefe des unter F 
Raumi 

bei festgestellter 
Richtschraube 


ingewehre 

'euer genommenen 

SS in m 

bei Anwendung des 
Tiefenstrenfeners 


Tiefe des von einer 
Infanterieabteilung 
unter Feuer ge- 
nommenen Raumes 
in m 


800 


18 


1 72 


75 


900 


17 


1 68 


69 


1000 


15 


60 


66 


1100 


14 


1 56 


m 


1200 


13 


! 52 


59 


1300 


12 


^ 48 


bl 


1400 


10 


40 


55 


1500 


9 


1 36 


52 



Vorstehende Zahlen können nur einen ganz allgemeinen Anhalt 
gewähren. Namentlich erscheinen die Strennngsgrößen fOr das Ma- 
schinengewehr anf den Entfernnngen Uber 1000 m in klein. Jeden- 
falls genttgt das Strenverfabren anf den weiteren Entfernnngen nicht, 
nm eine sichere Wirkung zu gewährleisten. 



Elngland. 

Nach englischen ScbießTersnchen setzt ein Scbätzungsfehier von 100 
Yards auf den Entfernungen von 500 — 1000 Yards die Feuerwirkung nm 
die Hälfte herab. Nach Schießversnoben verteilen sich Tö^/o aller Schüsse 



auf 

m 


bei einem 
Maschinengewehr 
anf eine Strecke 
von m 


bei einer 

Infanterieabteilung 
auf eine Strecke 
von m 


für das Maschinen- 
gewehr zulässig 
ein Schatzungs- 
fehler von m 


450 


112 


192 


54=12«/o 


900 


63') 


108 


31 -- 3,50/j 


1350 


54 


90 


27= 2 


1800 


67 


140 


31= Iß 



Dentlich fällt hier in die Angen, daß der zulässige Fehler des Ent- 



fernungsmessers geringer ist. als der von 7ö°/o Trefiem bedeckte Raum. 
Größe des Kerns der Geschoßgarbe. 





50«/o 




500 Yards I 


I 1000 Yards 


1500 Yards I 


2000 Yards 




450 m 1 


910 m 


1360 m 


1 1820 m 


Tiefe in m .... 


63 


40 


31 


36 


Breite in m . . . . 


1,52 


4,57 


6,10 


7,62 



') Ü0®/o aller Treffer auf :KJ m. 



Digitized by Google 








Maflchinenge wehre und ihre Verwendang, 



287 



KampfschiefseD 


IC — 


1 

1 


Ziel: 25 liegende 
Schutzen mitl5cm lichtem 
Zwischenraum (Klspp- 
scheiben): 17 ungedeckt 
und 8 gedeckt liegend. 


Ein Zugbeschliefst das 51a- 
schinenge wehr, 4 Figuren, 
von denen 3 nurteilweisc 
sichtbar sind, Nr. 4, der 
Richtschütze zeigt nur 
einen Streifenvon Gesicht 
und Brust. 


Schützenlinie von 50 Fi- 
guren, mit uuregclma- 
fsigen Zwischenräumen: 
34 ungedeckt und 16 ge- 
deckt liegend. 

Ein Maschinengewehr be- 
scbiiefst die unter 1 ange- 
gebene Schützenlinie 
(Klappscheiben). 


Ziel 


Die im Ma- 
schinengewehr- 
ziel getroffenen 
Mannschaften 
waren durch 
Aufsergefecht- 
setzen der Be- 
diennngsmann- 
schaften ge- 
kennzeichnet 


Die im lofaute- 
rieziel getroffe- 
nen Mann- 
schaften wurden 
sofort aufser Ge- 
fecht gesetzt 


Langsames 
ScbUtzenfeuer 
von .50 .Schutzen 


Durch- 

führung 


600 


W 

5 


^ 5 


g Entfernung 


:l' 

50“ 


« 




Zeit 




vierm.al 


dreimal 


Wie oft durch 
geschossen 




1 


i 


1 1 


Schiefsenden 




c 


to 


s 

s 


8 :: 

£ -S 


abgegebenen 

Schüsse 


2 


9» 

3 

R- 

§• 


c;i 

Cd 




i s 


erreichten 

Treffer 




£ 

09 


12,6 


O' Cd 

s § 


Patronenzahl für 
Gewehr u. Übung 


F 


0 

fe 


to 

. lg ’sl 




i 




1.50 

1.50 


Gezeigt 




X ' 

B \ 
B 1 

0 


Ol 


0 


dt d* 

d» Cd 


Getroffen 


Ä* 




62,5 


ä jo 

^ CC 


p. Ct. der ge- 
troffenen 


(D 

D 


O. t 

CO 1 
<“1 


g-8ri»|5-giE|s-0 

s ■ « 8 -« •• o.» 
»s-grs-ssil" §.? 

^gg<! 2 .Ǥei*i:g>| 

s-r§«lg-§gl|| 

5 g Eff—’ S-? j “’S- 

0 äS’Ri S 




? S 2 ?tp*5-2B 

*1 a® ESr E y« ® 

S 2 ■») =2.» 
p-oS |p‘’gaiS 

2.3 

Ö0 » (,!l® 

■»?! S.o-g;3®Dä 
Sg“ S-2- S^S:E 

S-S-3 B-gSlS-g: 

r ^ s r y» • 





20 * 



CÖ 

a 



9» 



90 

« 

a. 

C6 

OD 

C:W 
® 8» 
^ a 

^ ö 
2 






2 . 

2^ ® 

vO m 






^ QS 
2 ® 
3 a 
0 0* 
O 

er B 

^ « 
B O 

oq 
CB o 

3 ^ 

O (D 
9T ar 

?= 3 

p- ° 
0 

r B 

0d 



B 

0 



0 

0 

O“ 



T9 




10 



Digitized by Google 



288 



PbUgogüahes. 



Hierzu bemerkt die k. u. k. Schießschale: 

1. „die Feuerkraft eines gut bedienten Maschinengewehres ent- 
spricht jener eines Infanteriezages; 

2. das Maschinengewehr bedarf aber eines bedeutend größeren 
Manitionseinsatzes, am annähernd den Erfolg eines Infanterie^ 
zages za erreichen.“ 

Während somit beim Beschießen liegender Schützen die Feuer- 
wirkung eines Infanteriezages gleich der eines Maschinengewehres 
gesetzt wurde, ist noch nicht gesagt, daß bei einem Kampf von Ma- 
scbinengewebr und Infanterie die gleichen Einheiten sich aach die 
Wage halten. Dieses sollte das Kampfschießen (Nr. 3 and 4) zeigen. 
Obwohl Ton der Bedienung des Maschinengewehres bis za drei Mann 
außer Gefecht gesetzt waren, konnte dieses doch nicht außer Ge- 
fecht gesetzt werden. „Bierdorch traten wohl Fenerpaasen ein, weil 
der Schießende — welcher niemals getroffen wurde — alle Ver- 
richtungen allein versehen mußte, trotzdem aber vermochte das Ma- 
schinengewehr dem Infanteriezage sehr beträchtliche Verluste (über 
60 pCt.) zuzufttgen, ohne selbst beim Abbrechen der Übung nieder- 
gekämpft zu sein.“ 

(Schlofi folgt) 



XV. 



Von 

Meyer, Hauptmann und Adjutant der 46. Infanteriebrigade. 



Am Schluß meines Aufsatzes „Sozialpolitik im militärischen 
Dienstunterricht“ in Nr. 417 der Jahrbücher stellte ich in Aussicht, 
auf die Schwierigkeiten und Bedenken einzugehen, die meinen dort 
gemachten Vorschlägen anhaften. Mein eigenes Hauptbedenken, das 
in jenem Aufsatz auch Ausdruck fand, war der Mangel an genügend 
vorgebildetem Lehrpersonal, weshalb auch die Zeit für einen solchen 
Unterricht noch nicht gekommen ist. ln diesem Sinne ist auch jetzt 



Digilized by Google 




Pädagogisohei. 



289 



ittr die Praxis im dentschen Heere eDtschieden worden: ein sozial- 
politischer Unterricht findet nicht statt Nach dieser Entscheidung 
unterlasse ich es, einzngehen auf die zahlreichen Anßemngen in der 
Presse, die zn dem Gedanken des sozialpolitischen Dienstnnterrichts 
— fllr oder wider — Stellnng genommen bähen und zn denen an 
sich sehr viei zn sagen wäre. Vielmehr will ich nachstehend einige 
Vorschläge fttr eine organische Vereinheitlichung der ge- 
samten — nicht nur militärischen — Jugenderziehung, 
sowie im speziellen fttr eine umfassendere Ausbildung des 
angehenden Offiziers znm Erzieher entwickeln. 

Znnäcbst einigeÄnßemngen der Presse: Es istvorgeschlagen worden, 
man solle Sozialpolitik, Volkswirtschaft, Staatsrecbt in den Lehrplan 
der militärischen Bildnngsanstalten antnebmen, um das Verständnis der 
Offiziere fttr diese Fragen zn fördern, die unser Volk so lebhaft be- 
wegen'). Ich halte solche Maßnahmen zwar fttr ntttzlicb, aber fttr 
nngenUgend, solange sie nicht mit einer anderen Jagend- 
er ziehnng der später den Offizierbernf ergreifenden jungen 
Lente Hand in Hand gehen. Einem Fähnrich, der, im huma- 
nistischen Gymnasium oder im Kadettenkorps groß geworden, nach 
nur 6 Monaten Frontdienst ohne die geringste Kenntnis der die Volks- 
massen bewegenden Ideen, auf der Kriegsschule jene Vorträge 
hörte, würden diese wohl recht oft als überflüssige und langweilige 
Plackerei erscheinen, unnötig fttr den Beruf des Kriegers. Solche 
Vorträge wären wohl auf der Kriegsakademie nnd der militär- 
technischen Hochschule, was die Geeignetheit der Hörer betriflt, 
eher am Platze. Es ist aber zn bedenken, daß viele von diesen 
Offizieren später nur noch kurze Zeit als Kompagniechef in der Front 
tätig sind, da sie im Generalstab der höheren Adjutantur nsw. ver- 
wendet werden. Das Kommando zur Schießscbnle, zn dem ja viele 
Hanptlente gelangen, ist für den vorliegenden Zweck recht kurz. 
Artillerie- nnd Ingenieurschule, Reitschule nsw. bieten ja Gelegenheit, 
genügend lange solche Vorträge vor gereiften Schülern zu halten, 
aber damit ist der größten Masse des Heeres, der Infanterie, nicht 
gedient Kurz, ich glaube, nur mit dieser Idee ist fttr unseren 
Zweck nicht viel zu erreichen. 

Beachtenswert ist ferner der Vorschlag, den Fahnenjunker und 
Fähnrich in engere Berührung mit den Mannschaften zn bringen, 

*) Z. B. Leipziger Neueste Nachrichten und Stratsburger Post in 
den Besprechungen meines Aufsatzes im Juniheft der Jahrbücher sowie 
auch PrenCs, Die höheren Aufgaben des jungen Offiziers für Armee und 
Volk (München, Seitz A Schauer, 190b). Auch privatim erhielt ich Äufee- 
rongen in diesem Sinne. 



Digitized by Google 




290 



Pldagogisob«!. 



indem man ihn nicht so schnell befördert wie es jetzt der Fall ist 
nnd länger gemeinschaftlich mit den Mannschaften bzw. den nnrer- 
heirateten Unteroffizieren nnterbringt '). So schlägt Generallentnant 
von Alten in der Marinerondschan vor, jeder Offizieraspirant solle 
ein volles Jahr als Gemeiner and Unteroffizier dienen and mindestens 
drei Monate mit der Mannschaft die Kasemenstnbe teilen mttssen. 
Aach General von Loebell hält es in seiner Schrift .Wie ist der 
Sozialdemokratie im Heere entgegenzatreten?“ för ratsam, den 
Fahnenjonker nicht vor dem 21. Lebensjahre zam Offizier zn 
befördern, neigt auch der Ansicht za, daß es fUr den an- 
gehenden Reserveoffizier von Vorteil wäre, wenn ftlr ihn die 
zwegährige Dienstpflicht Gesetz würde*). Zweifellos wären solche 
Maßnahmen von sehr großem Vorteil für die Sache and lür die 
jungen Leute selbst, die ohne jedes persönliche Verdienst viel schneller 
in eine geachtete Lebensstellung kommen als ihre Altersgenossen in 
anderen Berufen. Aber auch sie genügen memer Anschannng nach 
nicht; denn in der Front and in der Kasemenstabe geben sich die 
Leute nicht so wie draußen, wo die strenge militärische Zucht fehlt. 
Wir müssen noch umfassendere Mittel entdecken, um unseren Offi- 
zieren Blick und Urteil für die Behandlung ihrer aus so vielen ver- 
schiedenen Lebenslagen stammenden Leute beizubringen. 

Sehr verschiedenartig und zahlreich sind die Vorschläge, wie in 
der Jagend, bevor sie wehrpflichtig wird, oder kurz vor dem Dienst- 
eintritt in national-patriotischem Sinne eingewirkt werden und Inter- 
esse für das Militärwesen geweckt werden kann, wobei auch viel- 
fach von der Mitwirkung aktiver oder inaktiver Offiziere gesprochen 
wird. 

Bekannt sind die Anregungen, die Graf Haeseler in seiner Rede 
Uber die Fortbildungsschulen im preußischen Herrenhanse gegeben 
bat. .Die Fortbildungsschulen sollen die Kenntnisse, die für den 
engeren Lebensberuf erforderlich sind, erweitern. Aber in erster 
Linie steht doch die Erkenntnis, sollte sie wenigstens stehen, daß 
die Jugend dem Vaterlande angehOrt und dem Vaterlande verpflichtet 
ist.“ Als Unterricbtsgegenstände zur Erreichung dieses Zieles be- 
zeichnet er deutsche Sprache, vaterländische Geschichte, Geographie 
und Heimatskunde, Rechnen, Raumlehre, Naturkunde, Geländekenntnis, 
Wehrpflicht und Untertanenpflicht; es ist also zum großen Teil eine 
rein national-patriotische Erziehung der jungen Leute beabsichtigt 
Über die Notwendigkeit solchen Unterrichts kann ein Zweifel über- 

') Dabei soll selbstverständlich der Verkehr mit dem Offizierkorps, die 
Teilnahme am Offiziersmittagstisch nsw. nicht zu kurz kommen. 

*) a. a. 0., S. 26. 



Digilized by Google 




Ptdigogiseh«!. 



291 



baopt nicht bestehen, es ist im Gregenteil die höchste Zeit, daß solche 
Anstalten gegenhher der oft so schlechten nnd onnationalen Erziebnng 
im Eltemhans and der systematischen Irreitthrnng der jungen Leate 
zwischen 15 und 20 Jahren ein Gegengewicht bieten. Hier ist 
auch ein Arbeitsfeld fttr den verabschiedeten Offizier, be- 
sonders für ältere Herren: wie mancher ist ein Erziehertalent, der, 
weil er kein Taktiker ist oder weil er die Strapazen des Dienstes 
nicht erträgt, den Abschied nahm. Der Staat nutze derartige Kräfte 
ihr diese edlen Zwecke ans, viele wUrden die Arbeit mit, Freuden 
auf sich nehmen. 

Soldatenspielerei in der Fortbildungsschule wttnscht Graf 
Haeseler nicht, nur zur Anebildung des Körpers Turnen und Jagend- 
spiele. Wenn ich aber daran denke, wie gern wir als etwa 12jährige 
Jungen mit Windbttchse und anderen Mordinstrumenten schossen, wie 
wir unsere Klassenprttgeleien planmäßig unter Aasnutzung des Spiel- 
platz- und sonstigen Geländes durchfUbrten, wie wir unerlaubter Weise 
den Pionierttbungsplatz und die dortigen Bauten besuchten, kurz, 
wie wir, abgesehen von einzelnen Muttersöhnchen, von allem Wehr- 
haften uns angezogen fühlten, so möchte ich doch der Ansicht bei- 
pflicbten, daß man mit der Durchführung rein militärisch gehaltener 
Sobilleransfittge und -spiele sehr viel Dank ernten und eine gute 
Vorbereitung fUr den künftigen Staatsbürger und Soldaten erreichen 
würde. 

Sehr beachtenswerte Vorschläge hierfür finden sich n. a. in der 
kürzlich erschienenen Broschüre „Heer nnd Schule'“). Man lese 
dort die Seiten 31 bis 34. Die fnsche Schilderung von SchOlerans- 
flttgen unter militärischer Leitung nnd zur Vorbereitung späterer 
Soldaten auf ihren Beruf, von zwanglosen Besprechungen geschicht- 
licher Ereignisse an ihrem Schauplatz (Schlachtfeld) und waffen- 
techniscber Fragen an derWafie selbst werden jeden Leser erfreuen. 
Da spricht der lebensfrische Erzieher, nicht der verknöcherte Stuben- 
pädagoge, dem ein frisches, natürliches Siebaasarbeiten der Jagend 
den gleichen Schauer erweckt, wie ein Fehler gegen das Heiligtum 
der lateinischen Grammatik. Beispiele solcher Sebülerfabrten sind 
übrigens erfreulicherweise schon zu verzeichnen ; soweit mir bis jetzt 
bekannt, in Leipzig und Hameln. Direktor E. Erytbropel erzählt in 
der Monatsschrift fttr höhere Schulen, wie er mit etwa 200 Gym- 
nasial- und Realschülern unter Unterstützung von sieben Kollegen 
(hier kommt der Offizier des Beurlaubtenstandes trefilich zur Geltung) 
zur Feier des Sedantages ein regelrechtes, wohlgelungenes und von 

>) Heer und Schule. Eine zeitgemarse Betrachtung von Ludwig Parker, 
Leipzig, Thüringische Vervigsanstalt 1908. Vgl. Jahrbücher, Nr. 423, S. 58L 



Digitized by Google 




292 



Ptdigogflsohes. 



allen Seiten dankbar begrüßtes „HanOrer“ veranstaltet hat, mit Zn- 
grnndelegnng einer Idee, Ftthmng verschiedener Abteilangen osw.'). 
Ebensolche Untemebmnngen werden, wie die „Leipziger Neaesteo 
Nachrichten" schreiben, vom Christlichen Verein junger Männer in 
Leipzig mit seiner Tagendabteilnng, deren liGtglieder 14 — 18 Jahre 
alt sind, alljährlich am Himmelfahrtstage, mitunter auch in den 
großen Ferien veranstaltet. Nachteile irgendwelcher Art haben 
sich bei diesen Spielen nicht gezeigt Sollten etwa Grttnde zn finden 
sein, dis gegen die obligatorische Einfhhmng solcher Spiele fllr die 
ganze männliche Jagend — sagen wir bis znm 18. Jahre — sprechen? 
Ich kann es nicht annehmen. Eine Soldatenspielerei wird darans 
nicht werden, wenn der Lehrer es versteht, vaterländischen Sinn bei 
solchen Gelegenheiten zn wecken. Das bietet keine Schwierigkeiten. 

Beachtenswert ist sodann eine vor kurzer Zeit von der „Köl- 
nischen Volkszeitnng" gebrachte Anregung. Die Kriegervereine sollten 
sich der Aufgabe unterziehen, einige Wochen vor dem Eintritt der 
jungen Kekmten ins Heer diese an sich heranznziehen, sie in frennd- 
schaftlicher Weise Uber ihre bevorstehende Dienstzeit anfznklären 
and durch allgemeine Instruktionen und praktische Vorübungen auf 
den Dienst vorzubereiten. Solche soziale Tätigkeit der Kriegerver- 
eine sei gerade geeignet, eine Grundlage fUr weitere Bestrebungen 
zu einer wirklich gründlichen Bekämpfung der Sozialdemokratie und 
zum Wiederaufbau einer patriotischen Gesinnung auch in Arbeiter- 
kreisen zu bilden. Denn fast alle sonstigen vorgeschlagenen und 
angewandten Mittel seien deshalb so wirkungslos, weil sie allgemein 
gehalten und nicht auf der unmittelbaren Arbeit von Mann 
zu Mann, auf der Propaganda des einzelnen anfgebaut sind. 
Wir wollen diesen treffenden Satz des Mitarbeiters der Kölnischen 
Yolkszeitnng im Auge behalten. Das dem deutschen Charakter 
oft so sehr eigene Gehen- und Siohtreibenlassen gegenüber der uner- 
müdlichen Tätigkeit der Sozialdemokratie (deren Agitations- und 
Organisationskraft wir trotz der guten Reichstagswahlen nicht unter- 
schätzen möchten) läßt es eben zur Propaganda des Einzelnen nicht 

<) üm wieviel schöner und in nationalem Sinne nützlicher ist doch 
dann solch ein Sedantag, als wenn beim Festaktus ein gelehrter Herr in 
zweistündiger Bede sich verbreitet über die Inschriften des alten Ägypten 
oder sonstige Themen, die an sich des Schweißes manches Edlen wohl wert, 
für nnser heutiges Nationalleben aber herzlich unbedeutend sind. Dabei 
versteht die Mehrzahl der Hörer — nSmlich die zum Festaktus befohlenen 
Schaler — zumeist gar nichts von solcher Bede. Wenn ein Festaktus 
stattfindet, dann sollen wenigstens Beden gehalten werden, wie ich einm^ 
— nur einmal — in meiner Gymnasialzeit gehört habe: über die Vater- 
Jandsliebe vom religiösen Standpunkt aus! 



Digilized by Google 




PKdsgogUohes. 



293 



kommen. Wir aber möchten, wovon weiter unten noch aoBfUhrlich ge- 
aprocben werden wird, jene nnmittelbare Arbeit von Mann zn Mann auf 
nnsere ganze Erziefanng Obertragen and sie wirken sehen nicht nur 
zwischen Lehrer and SchOler, sondern anch zwischen Schüler and Schaler. 
So könnten denn anch die Yereinignngen der Eriegervereine mit den 
künftigen Kekmten, — aber nicht nnr einige Wochen, sondern Monate 
vor dem Diensteintritt — dieser prächtige Vorschlag der , Kölnischen 
Volkszeitnng“, — eine'ganz wesentliche Erweitemng erfahren dadorch, 
dafi auch aktive Militärs, Offiziere, Unteroffiziere and Soldaten daran 
teilnehmen; ja, vielleicht kann der Kreis noch weiter gezogen werden: 
höhere and niedere Staats- and Kommanalbeamte könnten bei solchen 
Gelegenheiten erscheinen and so dazu beitragen, diese Vereinigungen 
als ansgesprochen patriotische Veranstaltongen za charakterisieren 
mit dem ausdrücklich bervorgehobenen Zweck, Königstrene und Vater- 
landsliebe im Gegensatz za allen vaterlandslosen Tendenzen za 
pflegen. Einfache Vorträge können gehalten, der Rest der Abende 
in geselligem Beisammensein zogebracbt werden, wobei zweckmäßig 
Musik and Gesang gepflegt wird. Den Charakter einer besonderen 
Festlichkeit braucht ein solcher Abend ja nicht za tragen, nur der 
letzte vor dem Diensteintritt der Rekraten des betrefienden Bezirks 
könnte eine patriotische Schlnßfeier sein, in der Weise etwa, wie 
bei den Kompagnien nsw. der Gebartstag des Herrschers und sonstige 
nationale Feste begangen werden. Ja, ich glaube sogar, es könnte 
gar nichts schaden, wenn jeder Offizier and — ein Gedanke, der 
vielfach pro and contra diskntiert werden kann — jeder aktive 
Unteroffizier and Mann verpflichtet wäre, einem Krieger- 
verein beiza treten. Ich weiß, die Idee mag manchen frappieren, 
dennoch gebe ich sie dem Urteil unserer Leser anheim. Zahlende 
Mitglieder können natürlich die Mannschaften nicht werden; aber 
durch die Aufnahme in einen Kriegerverein wird ziemlich jeder 
Mann nach seiner Entlassung vor die Frage gestellt, ob er in dem 
Verein bleiben will and kann and ob er, wenn er, gezwungen oder 
freiwillig, sich den Sozialdemokraten anschließt, die Aosweisang ans 
dem Verein za gewärtigen hat. Da nun ein großer Teil der So- 
zialisten gezwungene Mitläufer sind, durch Bedrohung ihrer wirt- 
schaftlichen Existenz genötigt, organisierte Genossen za werden, so 
würde der zwangweise Beitritt zam Kriegerverein ein Kampfmittel 
des Staates gegen die sozialistische Organisation bedeuten, die sieb 
vielleicht derart aaswaebsen könnte, daß Organisationen aas Arbeitern 
gebildet würden, die zugleich Kriegervereinsmitglieder sind. Dabei 
käme es hanptsäcblich auf Disziplin in der Organisation and auf 
pekuniäre Mittel an, wozu sich bei einer so weitverbreiteten Körper- 



Digitized by Google 




294 



PSdagogisohes. 



Bcbaft, wie es die Kriegerrereine sied, wohl Mittel and Wege finden 
ließen. — Doch dies ist nur ein ganz allgemeiner, noch nicht im 
einzelnen dnrchgearbeiteter Gedanke, der aber vielleicht einmal etwas 
branohbares zeitigt and der hier erwähnt werden mußte, weil er 
als Volkserziebangsmittel mbglicberweise mit in Frage kommen kann. 

Mit der Einftthrang der militärischen Aasbilduog in den 
Lehrgang der Schulen ist man in anderen Staaten voige- 
gangen, z. B. Japan und Rumänien. Über das rnmänisohe Lehr- 
korps fttr Miiitärsobttler entnehme ich den Neuen Militärischen 
Blättern folgendes. Das Korps ist ausschließlicb zur tbeoretlsohen 
und praktischen Ausbildnng deijenigen Schuljugend bestimmt, die 
Staats- oder Frivatschulen besuchen und untersteht, was den Unter- 
richt anlangt, dem Unterrichtsministerium, in jeder andern Hinsicht 
dem Kriegsministerium. — Artikel 3 des betreffenden Gesetzes setzt 
fest, daß die militäriscben Übungen, die militärtbeoretischen Kennt- 
nisse und das Schießen nach der Scheibe obligatorisch fttr die 
Schiller sämtlicher Schalen sein sollen, die ttberhanpt in Rumänien 
vorhanden sind. Die in diesen Unterricbtsgegenständen erhaltenen 
Zeugnisse sollen den gleichen Einfluß auf die Versetzung in die 
höhere Klasse haben, wie die Urteile der Lehrer in den anderen 
Lehrfächern. Das Königreich Rumänien ist in 5 Kreise geteilt, die 
der militäriscben Territorialeinteilnng entsprechen. Jeder Kreis hat 
eine Anzahl militärischer Schalinspektionsbezirke. Kommandant des 
Lebrkorps ist ein aktiver Stabsoffizier mit dem Diensttitel: Qeneral- 
militärinspektenr sämtlicher öffentlicher und Privatschnlen Rumäniens. 

Also wir sehen den Gedanken, militärisches Wesen und damit 
Wehrkraft, nationalen Sinn und Vaterlandsliebe schon möglichst frtth- 
zeitig and somit wirksam der Jugend einzuimpfen, anderwärts bereits 
von Staatswegen organisatorisch festgelegt. Sollte uns denn dieser 
doch eigentlich jedem Erzieher naheliegende Gedanke so fern liegen? 
Möchten wir ihn doch auch uns zu eigen machen. Kommt das Voll- 
pfropfen der jungen Köpfe mit vielem Wissen dann auch etwas 
kurzer als jetzt — mag es drum sein, die deutsche Jagend , lernt" 
am allermeisten auf der ganzen Welt, und manches, was wir als 
Gymnasiasten gelernt haben, hätte unbeschadet entfallen können')! 

') Es sei hier aaf eine bedeutsame Neuerung in den obersten Klassen 
der sächsischen Gymnasien hing^wiesen: es wird in einigen Gymnasien 
probeweise eine Teilung der beiden Primen in 2 Abteilungen vorgenommen, 
eine sprachlich-historische und eine mathematisch - naturwissenschaftliche, 
womit die Möglichkeit geschaffen werden soll, daCs Schüler, um sich ihnen 
besonders zusagenden Disziplinen mehr widmen zu können, in anderen 
Fächern entlastet werden. Es ist also nicht alles, was bisher getrieben 
wurde, für jeden Schüler nötig! 



V Cooglq 




Ptdagogiicbet. 



295 



Eines entsteht jedenfalls ans dem Vielwissen nicht, das 
ist der soziale Friede. Den brauchen wir aber gerade! Dazu 
müssen wir vor allem die Jugend gemeinsam anfwachsen 
lassen nnd da sind solche militärische Unterrichtsgegenstände für 
alle Stände gemeinsam eine Notwendigkeit. 

* 4t 

Anstatt weitere Beispiele von Vorschlägen für pädagogische 
Reformen anznfUhren, was wohl möglich wäre, will ich nun zn meinen 
eigenen übergeben. Ihr Zweck ist, wie schon angedeutet, die orga- 
nische Vereinheitlichung der gesamten Erziehung, der- 
jenigen ins Hans, Schule, Werkstatt nnd Heer unter ge- 
meinsamen Gesichtspunkten. Diese Gesichtspunkte sind meinem 
Gefhbl nach zwei: 

Der Kampf gegen das Spezialistentum unserer 
Tage und 

Die gemeinsame Arbeit und gegenseitige Ver- 
ständigung aller Erzieher bis zur Vollendung der Er- 
ziehung des Zöglings. 

Wer will leugnen, daß wir heute in der Zeit der Spezialisten 
leben? Vielfach ist das ja ein Glück; wir brauchen Spezialärzte, 
denn ihr Können erhält uns eine Menge wertvolle Volkskraft; wir 
brauchen Spezialisten auf allen Gebieten der Technik, denn der Bau 
einer modernen Maschine z. B. bedarf so solider Grundlagen an 
technischem Wissen, daß der Erbauer eben nur für diese Tätigkeit 
besonders vorgebildet sein muß, ebenso wie der Arbeiter, der später 
die Maschine bedient, ganz bestimmte Fertigkeiten nnd Erfahrungen 
dazu nötig hat; wir brauchen Spezialisten in jeder Wissenschaft, 
denn die Masse des Erforschten ist zn groß, als daß ein Mensch 
alles bewältigen und fortfübren könnte. Aber wir dürfen nicht ver- 
gessen, daß Spezialisierung trennend wirkt Je mehr der moderne 
Mensch seine Kräfte der einen, eng umgrenzten Sache widmet, um 
so mehr verliert er den Blick für den Zusammenhang mit den 
übrigen Gebieten des menschlichen Lebens. Nnn aber führt uns 
schon unsere Jugenderziehung vielfach ins Spezialistentum direkt 
hinein. Ein junger Mensch, der ohne intensive Berührung mit anderen 
Kreisen, als denen seine Eltern oder seine Umgebung angebören, 
seinen Beruf wählen soll, wird oft den falschen wählen. Der ehe- 
malige Kadett entdeckt vielleicht als Leutnant, oder, noch schlimmer, 
als Hanptmann, daß er für etwas anderes als den Offiziersbemf, wo- 
von er mit 18 Jahren noch nichts wußte, sich besser geeignet hätte: 



Digilized by Google 




296 



Pidtgogisches. 



ebenso der junge Kanftnann, der jnnge Jurist, der junge Theologe. 
Und dann fehlen so oft Mittel und Willenskraft zum Umsatteln. Auf 
das Schicksal des einzelnen käme ja schließlich allzuviel nicht an: 
aber mit jedem verfehlten Berufe geht dem Staate Kraft verloren: 
denn im verfehlten Beruf leistet keiner so viel, wie im rechten Be- 
ruf. Deshalb mttssen wir, bevor der junge Mensch seinen Beruf 
wählt, ihm von recht vielem zu kosten geben, damit er eine genügend 
weite Wahl habe. Und nicht nur viel zu kosten vom Wissen, sondern 
auch viel zu sehen nnd zu hören von Menschen anderer Kreise und 
Stände. Deshalb meine ich, daß eine möglichst lange dauernde, 
gemeinsame Erziehung der Kinder aller Stände, also die allgemeine 
Volksschule, Gesetz werden sollte; das ist nichts neues, ja, diese 
Forderung ist schon recht alt Aber sie muß doch jedem vernünftigen 
Menschen immer wieder in den Sinn kommen, wenn man sieht, wie 
ein dummer Jnnge von 10 Jahren über ein Arbeiterkind die Nase 
rümpft, weil er sich etwas „besseres“ dünkt und eine „feine“ Privat- 
schnle besucht Da sieht man es vor Augen, was bei der früh- 
zeitigen Trennung der Stände heranskommt. Die Anfangsgründe der 
Bildung können fraglos die Kinder aller Stände gemeinsam sich an- 
eignen: wie lange es möglich ist, mögen Fachleute entscheiden; daß 
es geschieht, dies herbeiznfUhren ist eine unabweisbare soziale Not- 
wendigkeit, 

loh sollte aber denken, daß auch dann, wenn die Trennung 
nach den verschiedenen zu erreichenden Bildungsgraden nötig wird, 
sie doch nicht radikal zu sein brauchte: es gibt gewisse Unterrichts- 
fächer, die noch auf lange hinaus, jedenfalls aber bis zu dem Alter 
in dem jetzt die Volksschule abznschließen pflegt, gemeinsam gegeben 
werden könnten: vor allem ist dies das Turnen nnd die erwähnten 
militärischen Jugendspiele und zwar abwechselnd unter Lehrern aller 
Schulen nnd unter aktiven oder inaktiven Offizieren, wie oben dar- 
gelegt. Darauf braucht sich aber die Gemebsamkeit nicht zu be- 
schränken. Ich erinnere mich, daß ich als 12jähriger Knabe, als 
ich zum ersten Male auf dem Lande bei Verwandten zu Besuch 
war, ein großes Interesse für Landwirtschaft faßte. Sowohl die 
technischen wie die naturwissenschaftlichen, sozialen nnd wirtschaft- 
lichen Seiten des Berufs interessierten mich. Das Interesse ist ge- 
blieben, ich habe gesucht, mich mit Hilfe von Schriften Roschers, 
Bnchenbergers und anderer weiterznbilden. Nun, ich meine, solches 
Interesse für irgendetwas ihm zunächst praktisch femliegendes faßt 
jeder Schüler einmal. In der Jugend ist man noch nicht Spezialist, 
noch nicht voreingenommen, kräftige Eindrücke eines fremden Lebens- 
nnd Tätigkeitskreises bringen auf die Jugend stets erhebliche Wirkung 



Digilized by Google 




PKdagogtsobes. 



297 



hervor. Mao richte also fUr Scholen aller Oattongeo gemeinsame 
Vorträge (ohne Lemzwang und Examen) nnd Ansflttge ein, bei deren 
Gelegenheit dem besonderen Interesse, das ein Schiller gefaßt hat, 
entgegengekommen wird, znm Beispiel; 

Am so und so vielten Nachmittag finden drei AosflOge statt: 
Teilnehmer aas dem Gymnasiom NN, der Realschule NN, der 7., 
12., 17. Bezirksschale, der 4. und 6- Bürgerschule; zur Teilnahme 
verpflichtet sind die und die Klassen. 

Ansflug 1 nach Rittergut X, der Besitzer (oder Lehrer N) wird 
Uber Milchwirtschaft und Feldbestellung demonstrieren. 

Ausflug U nach Maschinenfabrik P, Führung dort durch den 
und den Beamten; es werden Tabellen Uber Lohne, Wohnungsver- 
hältnisse, Krankenkassenwesen unentgeltlich verteilt; im Anschluß 
Vortrag des Lehrers Y Uber Krankenkassen nnd Arbeiterbewegung. 

Ausflug UI nach dem Rathaus, Führung durch dasselbe und 
Yortirag Uber kommunale Verwaltung und Wirtschaft durch Lehrer Z‘). 

Durch solche Einrichtungen erreichen wir aber auch noch: heil- 
same Unterbrechung der alltäglichen Schularbeit fUr Lehrer und 
Schüler; Weitung des Blickes und Urteils für jeden Beteiligten; ge- 
meinsame Tätigkeit der Jagend aller Stände und der Lehrer ver- 
schiedener Schalen, ein Schritt zum sozialen Frieden und gegen- 
seitigen Verständnis; die oben erwähnte Propaganda des einzelnen; 
ein Gegengewicht gegen schlechte Einflüsse im Eltemhause und gegen 
schlechte Anwendung freier Zeit usw. usw. — An welchem von den 
in Anssicht genommenen AusflUgen usw. jeder einzelne Schüler teil- 
nimmt, ist gleichgültig, nur darf er nicht zu Hanse bleiben; das ist 
jedenfalls besser, als wenn eine Klasse in ein Museum getrieben 
wird — denn „geführt“ kann man manchmal nicht sagen — und ein 
erheblicher Teil der unlustig mitgehenden sich zu Tode langweilt 
nnd womöglich durch ungeschickte Fühmng auch noch zum Witze- 
macben verlockt wird. Das Wählenkönnen und die Gemein- 
samkeit der Stände wäre das Wertvolle einer solchen Ein- 
richtung, die sich selbstverständlich dem Alter der Schüler anzu- 
passen hätte. Nach dem Verlassen der Volksschule findet der junge 

>) Solche Unternehmungen sind Anschauungsunterricht, dessen 
Wert an sich wold allgemein anerk.tnnt worden ist. Ich will mich darüber 
nicht auslassen. weise aber den Leser auf das schon erwähnte treffliche 
Buch von PrenB „Die höheren Aufgaben des jungen Offiziers für Armee 
und Volk* hin, wo speziell S. 37 ff. nachzulesen sind. Dort ist von Boyen 
die Rede, dessen Erinnerungen so recht dokumentieren, was der Mensch 
einem gesunden Anschauungsunterricht — das Wort im weitesten Sinne 
genommen — verdankt. 



Digitized by Google 




208 



Pädagofcisebe*. 



Mensch ans dem Arbeiterstande in der Haeselerschen Fortbildnngs- 
schnle gemeinsam mit den höheren Klassen der höheren Bildnngs* 
anstalten die gleiche Gelegenheit znm Weiten des Blicks, zom 
gegenseitigen Sichachtenlernen nsw. Erst mit dem Schlnfi der Fort- 
bildnngsschnle, des Gjmnasinms nsw. hört dieses gemeinsame Ar- 
beiten für knrze Zeit anf — nm dann im Heere durch die militärische 
Ansbildnng sich erneut fortzusetzen. 

Ich weiß nicht, wie viele schnltechnische und sonstige Schwierig- 
keiten gegen meinen Vorschlag geltend gemacht werden können. 
Möchten zOnftige Schulmänner sich die Mtlhe nehmen, dartiber sich 
zn änßern. Eines aber weiß ich: das Sichabschließen der Stände 
gegeneinander ist das Verderben der Nation. Das Mascbinenzeitalter 
hat die schlimmen sozialen Verhältnisse der Gegenwart mit sich ge- 
bracht, es hat die Trennnng der Stände verschärft, wir mttssen die 
moralische Kraft finden, diese Trennnng zn heilen, nnd solche ge- 
meinsame Schnlnnternehmnngen sollten, denke ich, die rechte Orga- 
nisation sein, nm diese moralische Kraft in der Jugend zn sammeln. 

Nochmals sei betont: die Masse des , Gelernten“ nimmt vielleicht 
ab, wenn wir solche Einrichtnngen akzeptieren. Dafür aber wird 
die Jugend ins Leben gestellt nnd für den Kampf des Lebens 
vorbereitet. Diese Vorbereitung hat z. B. mir nach der hnma- 
nistiscben Erziehung des Gymnasiums tatsächlich gefehlt. Hat man 
das Glück, in der vernünftigen Einwirkung einer guten väterlichen 
Erziehung ein Gegengewicht gegen diesen Mangel zn haben und 
findet man dann auf dem Lebensweg als junger Mensch gute Be- 
rater, — so mag das für das eigene Fortkommen, für den engeren 
Beruf genügen. Aber unser Beruf soll kein engerer sein, niemandes 
Beruf soll ein enger sein, sondern jedes Beruf sei ein weiter: ein 
solcher, der auch andere Leute versteht. Wer das in der Jugend 
nicht gelernt hat, lernt es schwer nach. 

Die andere Hanptrücksicht bei der einheitlichen Erziehung ist, 
wie oben gesagt, die gemeinsame Arbeit nnd gegenseitige 
Verständigung aller Erzieher bis zur Vollendung der Er- 
ziehung des Zöglings. Ein Teil dieser Forderung wird mit ge- 
meinsamen Ausflügen nnd Vorträgen der eben beschriebenen Art 
schon berücksichtigt. Es bedarf aber noch viel intensiveren gegen- 
seitigen Ineinanderarbeitens aller Erzieher, nm keine pädagogischen 
Fehler zn machen. Ist es denn nicht einer der krassesten Wider- 
sprüche in sich, wenn ein junger Leutnant, der oft von der VT eit 
noch gar nichts weiß, 50 junge Menschen — oft 50 Menschen, 
die älter sind als er selbst — überwiesen erhält, mit dem schönen 
Auftrag, sie ansznbilden, sie zu erziehen, wobei er von dem Vor- 



Digitized by Google 



Ptdaj^ogioohes. 



299 



leben seiner Lente nichts weiß oder sehr wenig? Nichte weiß er 
von der Endehnng im Elternhanse, nichts von der Schulzeit jedes 
einzelnen Rekruten, nichts davon, wie sich seine Leute im Beruf, in 
der Fortbildungsschule, im öffentlichen Leben gemacht haben. Manches 
von all diesem kann man ja erfahren, wenn man sich einige Mühe 
gibt, aber viel zu wenig und mit welchem Zeitverlust! Der Kom- 
pagniechef soll den Leutnant zum Erzieher erziehen: das ist un- 
möglich, wenn die Unterlagen fehlen, an die er seine Lehren an- 
knttpfen kann, diese Lehren können sich nur anf ganz allgemeine 
Sätze beschränken, wie gerechte, ruhige, individuelle Behandlung. 
Jawohl, individuelle Behandlung; das ist das Ä und das 0 unserer 
Dienstvorschriften, nnd mit Recht Dieser Grundsatz ist das beste, 
was von Erziehung in allen unseren Reglements steht. Aber was 
heißt denn individuelle Behandlung? Wann kann man einen Menschen 
individuell behandeln? Wenn man ihn kennt! Und wir kennen 
unsere Rekruten nicht, wenn sie in die Truppe eintreten. 

Deshalb schlage ich vor: Uber jedes Kind, das in die 
Volksschule eiutritt, wird ein Nachweis Uber die persön- 
lichen Verhältnisse angelegt. Nennen wir diesen Nachweis der 
Kurze halber Stammrolle. Diese Stammrolle wird fortgefUbrt bis 
zum Schluß der Militärzeit, vielleicht auch noch länger. Eine Er- 
ziehungsanstalt Uberweist der anderen die AuszUge ans diesen Stamm- 
rollen bei der Überweisung der jungen Lente, also die Volksschule 
der Fortbildungsschule, dem Gymnasium, die Fortbildnngs- oder 
höhere Schule der Universität nnd der Militärbehörde nsw. 
Auch Eltern, Lehrherren, Fabrik- nnd Gutsbesitzer werden, soweit es 
angängig ist, zur Aufstellung dieser Stammrollen zu befragen sein. 
Dieee enthalten non n. a. folgende Angaben: Herkunft, körperliche 
Merkmale, Religion, Gewerbe, Intelligenz, Scholzengnisse, Charakter- 
eigenschaften (ob faul oder fleißig, interesselos oder nicht, jähzornig 
oder gutmütig, einfach oder ausschweifend, sparsam oder ver- 
schwenderisch, sinnlich oder kalt usw.), Vermögenslage, politische 
Ansichten nsw. nsw. Jeder Erzieher trägt seine besonderen Beob- 
acbtongen ein nnd so kommt der junge Mensch, trete er nun bei 
einem Lebrherm ein, oder beginne er seine Militärzeit, oder beziehe 
er die Universität, oder wechsele er nur die Schule, stets sofort in 
eine pädagogische Beobachtung und Behandlung, die anf seinen früher 
dokumentierten Eigenschaften fußt, also voraussichtlich richtig ist 

Viel Schreiberei — jawohl. Aber keine Arbeit ist zu viel, wenn 
es unsere Jugend gilt. Sie ist das kostbarste, was wir haben. — 
Übrigens werden auch die staatlichen nnd kommunalen Behörden 
aus solchen Stammrollen sehr viel Nnteen ziehen können. Und noch 



Digitized by Google 




300 



PiUUgoglsohes. 



eins: es gibt wohl hier and da einmal einen schlechten, nicht ge- 
rechten, gerade gegen einen Zögling voreingenommenen Lehrer. 
Dessen schädliches Treiben wird durch das Zusammentragen vieler 
Beobachtungen Uber den Zögling paralysiert. 

Wenn nun aber auch so vorbereitete Rekruten ins Heer ein- 
treten, — ihre Erziehung wird trotzdem nicht mit vollem Erfolg vor 
sich gehen können, wenn nicht schon der junge Offizier mit weitem 
Blick und Verständnis fQr möglichst viele Gebiete des menschlichen 
Lebens ansgestattet seinen Beruf antritt Wohlverstanden: mit Ver- 
ständnis, nicht mit detailliertem Wissen auf allen möglichen Ge- 
bieten! Daß eb junger Mensch von 19 bis 20 Jahren ebe so be- 
deutende, tiefgreifende Wirksamkeit ansttbt wie der Rekmtenoffizier, 
das kommt b keinem Stande vor. Und es ist auch nicht recht 
Die guten Erziehnngserfolge, die wir mit nnsem Rekruten haben, 
sbd zum großen Teil nicht dem Rekmtenoffizier, sondern dem bn 
mehr oder weniger fühlbar leitenden Kompagniechef znznrechnen — 
Ansnahraefalle kommen natürlich vor. Daß die große Frische, die 
unsere jungen Offiziere sehr oft in den Beraf mitbrbgen, daß ferner 
der gesunde Sbn des deutschen Volkes für Ordnung, Recht und 
Gesetz, daß endlich große historische Erinnerungen, die den mili- 
tärischen Sinn wachhalten, für unsere Erziehung im Heere gute Vor- 
bedingungen sbd, das soll nicht geleugnet werden. Es werden aber 
mit diesen guten Vorbedbgnngen und mit den von mir vorgeschlageneo 
— oder ähnlichen — Erziebnngsgrnndsätzen wohl noch bessere Er- 
folge der militärischen Ausbildung zu erreichen sein. 

Mit einem Wort: der künftige Offizier soll studieren. 
Ob er es tut, nachdem er das erste Jabrfrontdienst hbter sieb hat, 
oder vorher, das mag das Bedürfnis des einzelnen Falles mit sich 
bringen. Jedenfalls soll er theoretische Kenntnisse haben von So- 
ziologie, Volkswirtschaftslehre, Sozialismus, Finanzwissenschaft, Bank- 
wesen, Zeitnngswesen, Handels- und Verkehrspolitik, sozialen Theorien 
und politischem Parteiwesen, Statistik; von landwirtschaftlicher Be- 
triebs- und Maschinenlehre, landwirtschaftlicher Taxationslehre. Diese 
Kenntnisse könnten auf der Kriegsschule erweitert werden, und es 
könnten Staatsrecht, Politik, Völkerrecht, Verwaltungswesen, Völker- 
kunde, Kunstgeschichte, Wirtschaftsgeographie, Kolonialwesen, Ana- 
tomie n. a. hbznkommen. Praktisch soll sich der künftige Offizier 
in Ferien oder bei sonstigen Gelegenheiten ansehen: Betrieb von 
Landgütern und Fabriken, ArbeiterfUrsorge nsw. Da kebe Detail- 
kenntnisse nötig sbd, wäre diese Menge der Unterrichtsgegenstände 
nicht zu groß. Doch was Umfang und Art dieses Unterrichts be- 
trifit, so wären diese schließlich Sache des Organisators und Gesetz- 



Digitized by Coogle 




PSdagiopsohes. 



301 



gebers, nicht aber dessen, der znnSohst nur allgemeine Vorschläge 
macht. — Wenn dem Offizierbemf das Beziehen der Unirersität zur 
Pflicht gemacht wird, so kann er nnr gewinnen, wenn anch die 
brayen Väter etwas mehr zahlen mflssen. Wer nach dem Stadium 
dem Offizierbemf treu bleibt, wird sicher kein schlechter Offizier, 
wer es nicht tnt, ist davor bewahrt worden, einen ihm schließlich 
doch nicht zusagenden Beraf zu ergreifen und kann sich noch immer 
einer anderen Tätigkeit zuwenden. Waram soll außerdem gerade 
der Offizier nicht auch in den Genuß der köstlichen akademischen 
Jahre kommen? Warum soll er um so viel eher als seine Alters- 
genossen anderer Berafe in eine bezahlte und hochgeachtete Stellung 
kommen? 

Haben wir dann von frtther Jagend an den jungen Mann unter 
stetem Zusammenarbeiten aller Erzieher zum Nichtspezialisten und 
zu einem Menschen mit offenen Augen gemacht, dann können wir 
ihm getrost Menschen zum Erziehen gehen: er wird dann ganz sicher 
als Mensch mit dem Menschen, als deutscher Mann mit dem Volks- 
genossen. nicht als Besserer mit dem Schlechteren arbeiten. Dann 
werden wir vermeintlich auch ohne Scheu Sozialpolitik in den 
militärischen Dienstunterricht einfUgen können. Denn dann haben 
wir geeignete Lehrer. 

Manches Jahr kann ins Land gehen, ehe Organisationen, wie 
die von mir vorgeschlagenen, wirksam zu werden vermöchten. Wir 
haben aber nicht Zeit zu warten. Deshalb sind provisorische Maß- 
regeln nötig, um die Vereinheitlichnng aller Erziehung anznbahnen, 
soweit dies ttberhanpt provisorisch denkbar ist. Ich schlage hierzu 
gemeinsame Beratnngen solcher Organe vor, die mit Er- 
ziehung im weitesten Umfange zu tun haben: Angehörige der 
Unterrichtsministerien, Lehrer aller Schalen, Offiziere, Gats- and 
Fabrikbesitzer oder -Verwalter, Handwerksmeister, auch Privatleute, 
die Erfahrung in Kindererziehnng haben, Vorsteher von Waisen- 
häusern, Kommanalbeamte der betrefTenden Kessorts, Schriftsteller, 
Redakteure pädagogischer Blätter asw. asw. Sic mögen beraten 
Uber Ideen wie z. B. die folgenden: Anbahnung von Gedankenaos- 
tauseben zwischen Offizieren und Lehrern bzw. Erziehern aller Kreise 
durch Vorträge, gegenseitige Mitteilung von Erfahrungen Uber Er- 
ziehnngsgrundsätze and Zöglinge; Charakterisierung eines jeden ins 
Heer tretenden Rekruten durch seine früheren Lehrer (auch Eltern, 
Lehrherren nsw.) zum Gebranch für die aasbildenden Offiziere und 
Unteroffiziere; Einrichtung gemeinsamer Jagendausütlge unter Mit- 
wirkung aktiver und inaktiver Offiziere und Teilnahme verschiedener 
Schulen; Hören und Halten von Vorträgen ans den Gebieten, die 

Jakrbftehtr fftr dU dtutseke Annt« a&d Häria». No. 428. 21 



Digitized by Coog[e 




302 Sobleßen der FeldutlUerie aog verdeckter Stellong. 

oben als fttr das Unirersitätsstadiam geeignet bezeichnet worden, 
Beeoch von Anstalten and Moseen; gegenseitiger Aostaosoh schrift- 
steilerisoher Erzengnisse und Literatomacbweise o. a. m. 

Woher soll nnr der Offizier, woher die Angehörigen der anderen 
Bemfe die Zeit nehmen, die zn all dem nötig wäre? So, gianbe 
ich, wird gefragt lob will nicht den Nachweis führen, daß die Zeit 
zn finden ist. Fttr als gnt erkannte große Zwecke ist die Zeit, wenn 
man will, stets da. Daß aber ttberbaopt die Frage gestellt werden 
kann, ist ein Beweis fttr das krankhafte im Spezialistentnm nnserer 
Zeit Zn diesem Spezialistentnm gehört auch der Hang zom Außer- 
liehen, der unsere Tage so schlimm charakterisiert. Und dieser 
Hang hängt wieder damit zusammen, daß so unendlich viele Menschen 
infolge engherziger Jugenderziehung ihren wahren Beruf verfehlen, 
dann ihr Amt naturgemäßerweise nicht mit Leidenschaft, wie es sein 
sollte, erfassen, nicht um der Arbeit willen arbeiten, sondern um der 
materiellen Versorgung willen, um Ehren und Würden und Aus- 
zeiebnungen willen, die doch allesamt nichts wert sind, wenn die 
innere Befriedigung fehlt Diese so recht der deutschen Jugend zu 
bringen, das muß der Leitstern aller pädagogischen Reformen sein. 



XVI. 

Schiefsen der Feldartillerie aus verdeckter Stellnog. 

Von 

Richter, Oeneraimajor z. D. 



Kurz bevor das neue Exerzierreglement fttr die Feldartillerie 
und damit die Festlegung der Grundsätze zu erwarten ist, nach 
welchen ihre Verwendung im Gefecht fortan erfolgen soll, findet in 
der Militäriiteratur ein reger Meinungsaustausch Uber Wert und An- 
wendbarkeit des Feuers aus verdeckter Aufstellung statt. Dieses 
bedingt Gebrauch des indirekten Richtens, dessen kennzeichnendes 
Merkmal bekanntlich darin besteht, daß die Seitenrichtung nur nach 
einem Hilfsziel genommen werden kann. Solche Aufstellungen sind 



Digitized by Google 



Sehl 0 &«n der FeldarüUerie ans verdeckter Stellung. 303 

ans nicht dco. Daß Z. 289 des bisberigen Reglements sie ge- 
wissermaßen als eine Zwangslage hinstellt, lag an den nnvoll- 
kommenen Richtmitteln. Mit Einfllbrnng geeigneter Winkelmesser 
and deren erweiterter Anwendbarkeit worden die Reibungen ans- 
gescbaltet, welche bis dahin in beliebiger Wahl von HiUszielen, zu- 
mal beim Schießen in größeren Verbänden, bestanden hatten. 
Welches Maß der Vollkommenheit dem Verfahren an sich gegeben 
werden kann, batte General Percin') gezeigt, and das französische 
Reglement würde seine Vorschläge schwerlich sich zu eigen gemacht 
haben, wenn sie sich nicht nach ausreichenden Versncben als brauch- 
bar erwiesen hätten. Ein Zweifel darüber, daß der eingeschlagene 
Weg gangbar sei, konnte von da ab schon nicht mehr bestehen 
und tritt auch in dem erwähnten Widerstreit der Meinungen nicht 
hervor, ln Frage wird eigentlich nur gezogen, ob er auch sicher 
und schnell zum Ziele führt. Und in dieser Beziehung scheinen 
einzelne Fälle, in welchen das Verfahren im Rassisch- Japanischen 
Kriege angeblich tadellos funktionierte, alle Bedenken bei denen zer- 
streut zu haben, welche sich als seine Anhänger bekennen. 

So weit ich übersehen kann, sind es die VerOfientlichungen 
Ober die Tätigkeit der Batterien, welche am 11. Juli 1904 bei 
Dascbitsobao unter Oberstleutnant Paschtsobenko und am 17. und 
18. August 1904 bei Liaoyang bzw. 30. September und 1. Oktober 1904 
am Scbaho unter Oberst Ssljussarenko Gelegenheit hatten, das in- 
direkte Schießen mit den neuen Richtinstrumenten zu betätigen. 
Beide Kommandeure waren sehr befriedigt von den dabei erzielten 
Trefifergebnissen einerseits und der Mindernng eigener Verluste an- 
derseits. Oie Behauptungen beider wurden als durchaus erwiesen 
angenommen und von einem durchschlagenden Erfolge gesprochen, 
welcher die grundsätzliche Annahme der verdeckten Aufstellung fUr 
die Hauptmasse der Feldartillerie nach sich ziehen müsse. So wenig 
die Mitteilungen über die geringen Verluste anzuzweifeln sein werden, 
so sind doch einige Bedenken über die behaupteten zufriedenstellenden 
Treff ergebnisse nicht aus der Welt zu schafifen. 

Zunächst das Artilleriednell bei Oaschitschao, an welchem auf 
rassischer Seite anfangs 2 Batterien im Kampfe standen, denen sich 
später eine 8. und weiterhin eine 4. zugesellten, während von den 
Japanern zu Beginn 3 gezeigt und diese allmählich auf 13 verstärkt 
wurden. Da der Abstand beider Stellungen nicht nur den Schrapnell- 
Bz-Bereich überstieg, sondern sogar an der Grenze der überhaupt 
möglichen Schußweite lag, so sind Zweifel an den erheblichen 



>) Kipartition du fea de l’artiUerie. 

21 * 



Digilized by Google 




304 SohieBen der FeldartlUerie aas verdeckter Stellong. 

Verlosten der Japaner um so mehr berechtigt, als sie Oeckongen 
ansnntzten und sich über einen Ranm von angeblich 6 km verteilten. 
Das indirekte Richten aas weit hinter der Deckung liegender 
Stellung machte sich hier dadurch bezahlt, daß die Japaner die 
russischen Batterien anscheinend nicht anffinden konnten und, ge- 
täuscht durch die gewählten großen Zwischenräume, ihre Zahl za 
hoch veranschlagten. 

Die Tätigkeit der Batterien des Oberst Ssljnssarenko wird zum 
Beweise dafOr berangezogen, daß das indirekte Beschießen be- 
weglicher Ziele möglich sei. Unter gewissen Voraussetzungen ist 
daran von vornherein nicht zu zweifeln, nur ist die Tätigkeit 
dieser Batterien nicht beweiskräftig dafOr. Denn wenn sich seit- 
lich bewegende Infanterie, auf etwa 4000 m beschossen und während 
ihrer Bewegung durch Feuer begleitet, vorübergehend deckt und 
läuft, gleichwohl aber die auf etwa 2000 m abliegende, erstrebte 
Höbe erreicht, so wird von einem Erfolge nicht zu reden sein. 
Dessen Ausbleiben braucht aber keineswegs dem indirekten Ver- 
fahren zur Last gelegt zu werden, batte vielmehr wahrscheinlich 
seinen Grund in falscher Entfemnngsermittelnng. Und das Schießen 
gegen Gaoljangfelder '), in welchen Infanterie sich sammelt oder in 
denen sich mehrere Eskadrons vor den feuernden Batterien ent- 
wickeln sollen, kann wohl nicht als ein Unterfenemehmen sich be- 
wegender Ziele gelten. Solche erfordern ein anderes Scbießverfahren 
als das hier angewandte, welches im Streuen gegen einen Gelände- 
abschnitt oder in einem solchen wie gegen stehende Ziele zu be- 
stehen batte und wohl auch bestand. 

Besondere Beachtung verdient die Tätigkeit der Abteilung 
Ssljussarenko am 17. August insofern, als der Kommandeur das 
Feuer seiner in einem tief eingeschnittenen Talkessel anfgefahrenen 
Batterien von einem etwa 800 m entfernt liegenden hohen Be- 
obachtungsstand anscheinend völlig anstandslos mit Winkerflaggen 
leiten konnte. Hierbei sollen im indirekten Feuer 2 feindliche Ar- 
tilleriegrnppen von 24 bzw. 12 Geschützen auf 4200 bzw. 4600 m 
ln kurzer Zeit niedergekämpft und an Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit 
verhindert, auch Infanterie auf etwa 2000 m ans einem hohen Gaoljang- 
felde vertrieben sein. Ein Berichterstatter, Major Frbr. v. Tettan, 
bemerkt dazu: „Sehr lehrreich wäre es, von japanischer Seite zu 
erfahren, ob die Annahmen Ober die Wirkung der Batterien zu- 
treffend sind“.*) Aber selbst wenn der Argwohn, welcher hier 

>) Gaoljang ist gleichbedeutend mit Hirse, der über 2 m Höbe erreicht. 

>) Achtzehn Monate mit Rufslands Heeren in der Mandschurei. 2. Auf- 
lage, 1. Band, Seite 304. 



Digitized by Google 



Schießen der FeldartUlerie an« verdeekter Stellong. 305 

darchblickt, berechtigt sein sollte, so scheint doch so viel anBer 
Zweifel zu stehen, daß die Fenerleitnng anf 800 m, ebenso wie bei 
Oberstlentnant Pasohtschenko anf 500 m Abstand gelang nnd daß 
die Ricbtinstromente im Kriege das gehalten haben, was sie im 
Frieden Terspracben. Und das ist das, woran! es hier ankommt. 
Ungenügende Treffergebnisse künnen ihren Grand in sehr ver- 
Bchiedenen Ursachen haben und brauchen dem udirekten Verfahren 
nicht zur Last fallen. Das Nene an der Sache ist der außer- 
gewöhnlich große Abstand der Batterien von der Deckung und der 
Umstand, daß von dem vom beobachtenden Führer bzw. Kommandeur 
zugleich die Fenerleitnng in der Hand behalten wurde. 

Bevor ich auf diese neue Erscheinung näher eingebe, möchte 
ich noch kurz die Behauptung näher betrachten, daß die Japaner 
das indirekte, von den Franzosen übernommene Verfahren ans weit 
von der Deckung abliegender Stellung häufig nnd von Anfang an 
angewendet hätten. Markante Fälle dieser Art, wie bei den Russen, 
sind mir nicht bekannt geworden, nnd ich neige der Ansicht zu, daß 
„positions nltra-döfildes“, wie ein Franzose') diejenige des Oberst- 
leutnants Paschtschenko treffend bezeichnet, bis einschließlich der 
Schlacht von Liaoyang nicht zur Anwendung kamen. Mit einer 
Art Richtkreis nnd einem Niveaninstrument waren die Japaner aller- 
dings ausgerüstet nnd nneingesehenen Anmarsches und Einnebmens 
der Stellung haben sie sieb, wie erwiesen, befleißigt. Verschiedene 
Umstände deuten darauf hin, daß sie „Randstellnngen“ wählten, 
soweit sie nicht in oder hinter Geländebedecknngen, wie Gaoljang- 
feldera, Gebüsch nsw. anffnbren. Denn abgesehen von dem MUndungs- 
fener wurden Ranch und von den Schüssen anfgewirbelter Staub 
zum Verräter, weshalb der Boden vor den Geschützen befeuchtet 
oder mit Robrmatten belegt worden sein soll, ln sogenannten stark 
gedeckten Stellungen hätten solche Vorsichtsmaßregeln nicht an- 
gewendet zu werden brauchen. Am 17. August 1904 machten sich 
die von Oberst Ssljnssarenko beschossenen Artilleriegrnppen durch 
das Anfblitzen der Schüsse und den anfgewirbelten Staub derart be- 
merkbar, daß jedes Geschütz zu zählen war, nnd erst am 18. August 
hatten sie sich so gedeckt, daß zum Streufeuer gegen sie gegriffen 
werden mußte. ’) Auch das Mitfübren von Bohlen an den Mnnitions- 
wagen bei jeder Batterie zum Aufrichten von Beobachtungsständen 



>) La guerre nisso-japonaise par le chef d'escadron d'artillerie brevetö, 
K. Meunier, proffessenr ä l'icole d'application de l'artUlerie et du g4nie. 

>) Frhr. v. Tettan; Achtzehn Monate mit Rufslands Heeren in der 
Mandschurei. 2. Auflage, 1. Band, .S. 317, Anmerkung ***). 



Digitized by Coogle 




306 SoMeSen der FeldvtlUerie an« verdeckter Stellnng. 

spriobt fttr die Absicht, die Grescbtttze nur so weit zorttckzariehen, 
daß der erhöht steheode Führer beobachten nnd zugleich das 
Fener seiner Truppe mit der Stimme leiten konnte. 

Es muß darauf hingewiesen werden, daß die Franzosen den 
Grundsatz, Beobachtung nnd Fenerleitnng in eine Hand zu legen, 
ans ihrem Reglement noch keineswegs entfernt haben, nnd ihre Ver- 
suche, den Batteriefttbrern einen erhöhten Beobaohtnngsstand zu 
schaffen, ansgesprocbenermaßen von der Absicht getragen sind, jene 
Vereinigung auch ferner anfrecbt zu erhalten. Und in Rußland ist 
für jede Batterie, vermutlich ans demselben Grunde, ein Telephon- 
karren eingefUbrt, welcher zugleich einen Beobachtnngsstand trügt. 
Ans den betreffenden Reglements, von denen das russische erst 1905 
erschienen ist, geht hervor, daß das Beziehen sog. Randstellungen sehr 
wohl in Betracht kommt. 

Könnte die Artillerie ihre Gefeobtstütigkeit ebenso gut ans der 
weit von der Deckung abgelegenen, wie ans der Randstellnng ans- 
ttben, so kämen nur scbießteohnische Erwägungen in Betracht. Des- 
halb wird zu nnteisncben sein, ob diese Vorbedingong zntrifit 

ln der Randstellnng kommt zunächst die Persönlichkeit des 
Führers zur vollen Geltung, denn er bleibt mit seiner Truppe in un- 
mittelbarer Berührung. Seine Beobachtungen überträgt er auf sie 
durch seine Kommandos auf dem kürzesten Wege, unter seinen 
Augen arbeitet sie, durch sein Eingreifen kann er sie zn den äußersten 
Leistungen anspomen, jedes Mißverstehen oder Versehen kann sofort 
erkannt nnd abgestellt werden. Muß dieser Verkehr ani Ent- 
fernungen von mehreren hundert Metern dnrcbgefübrt werden, so 
kann der vom befindliche Führer unbedingt nicht mehr eine so 
scharfe Kontrolle ansüben, dnrob Hin- nnd Zurückgabe der Kom- 
mandos oder Zeichen entsteht Zeitverlust, selbst wenn die Über- 
mittelung zuverlässig erfolgt, nnd die Fenertätigkeit wird verlangsamt. 
— Verbleibt aber der Führer bei der Batterie und richtet sich nach 
den übermittelten Beobachtungen eines vorgesandten Offiziers, so ist 
er nahezu in der Lage eines Blinden, der von einem Begleiter ge- 
führt wird, nnd die Erfolge oder Mißerfolge seiner Batterie, die mit 
seiner Persönlichkeit und seinem Namen eng verbunden sind, können 
weit mehr von dem Beobachter, als ihm abhängen. Daraus ergibt 
sich zweifellos die hohe Bedeutung, welche die nahe Verbindung des 
Führers mit seiner Batterie besitzt. 

Wäre nun die Übermittelung der Beobachtungen nnd Komman- 
dos so sicher, wie bei Abgabe der letzteren mit der Stimme, so 
könnte die Verlangsamung der Fenertätigkeit vielleicht gegenüber 
den voraussichtlich geringeren Verlusten und der größeren Ruhe der 



Digitized by Google 




Sohie6«n der Feldertillerle ans verdeckter SteUong. 307 

BediennDg in den Kauf genommen werden. Gerade aber diese Zn- 
verlässigkeit mnß bezweifelt werden. Der Knall der eigenen Sohttase, 
das Platzen zahlreicher Geschosse and der Anschlag einer Unmenge 
Schrapnellkngeln gegen die Stahlschilde mUssen den Gebranch des 
Fernsprechers stören'); nicht selten wird sein Draht dnrohschossen 
werden and die Instandsetznng längere Zeit in Änspracb nehmen. 
Sehzeichen setzen gate Angenverbindang voraas, die vermntlich 
öfters durch den Ranch der Geschosse unterbrochen wird and bei 
den hier in Betracht kommenden Entfemnngen auch durch atmo- 
sphärische Einflüsse behindert sein kann. Übermittelang durch eine 
Postenkette öfinet schon im Frieden Mißrerständnissen Tor and Tür, 
am wieviel mehr im Kriege, wenn die Nerven mitspreohen; eine 
schnelle Verbindnng vermag sie vollends nicht herzostellen. 

Die erhobenen Bedenken werden sich in Gefechtslagen besonders 
fühlbar machen, in welchen Ziel-, Geschoß- oder Zünderwechsel vor- 
aossicbtlich ^häufiger vorgenommen werden müssen. Deshalb wird 
der Verteidiger, welcher den Angriff mit seinen beweglichen, wech- 
selnden Zielen za erwarten hat, Bedenken tragen müssen, von den 
weit entlegenen gedeckten Stellangen mehr, als anbedingt notwendig, 
Gebrauch za machen. 

Zweifellos gestattet das indirekte Verfahren an sich, das Feuer 
schnell anf einen beliebigen Punkt za richten. Die Befehlsttber- 
mittelnng ist es, welche die Verzögerung mit sich bringt and Miß- 
verständnisse mehr als das direkte Kommando znläßt. Der Emwand, 
die Forderang nach schnellem Überlenken des Feuers werde über- 
trieben hoch gestellt and sei eine Folge des ankriegsmäßigen Er- 
scheinens der Ziele anf den Schießplätzen and der rasch verlaafenden 
Manöver, trifft doch keineswegs für alle Fälle zn. Kann z. B. eine 
in der Deckung vorgegangene Batterie im Anffahren gefaßt werden, 
so maß dem Erkennen der Entscblnß und die Ausführung anf dem 
Fuße folgen, sonst ist der günstige Augenblick verpaßt und die 
Deckung durch Schilde hergestellt. Die Fernverbindung beansprucht 
dazu unbedingt zu viel Zeit 

Bereits früher habe ich gewissen Bedenken Ausdruck gegeben 
daß die mit dem indirekten Verfahren verbundenen Winkelmessangen 
and Rechnungen, wiewohl an sich einfach, doch eine Fehlerquelle 



>) Oeneralleatnant Prinz Kraft zu Hohenlohe erw&hnt in Band III, 
S. 294 seiner Aufzeichnungen aus der Schlacht von Eöniggr&tz: Der Lärm 
des Sausens der Granaten war so grofs, dals wir, um uns zu verständigen, 
ans den Händen ein Sprachrohr machten und dem anderen ans Ohr 
legten. 



Digitized by Google 




308 SeUeBen der Feldvtilltris ans verdeckter SteUnn^;. 

in sich bergen.') Das wird dann besonders zntreffen, wenn der 
EntscblnB schnell gefaßt nnd das Kommondo ibm sofort folgen moB. 
Daß diese Vermntnng nicht ganz nnbegrttndet war, bestätigt eine bei 
den Franzosen für nötig erachtete Vorschrift. Der Artillerielentnant 
Morlidre erwähnt in seinen kürzlich erschienenen Notes sur le Canon 
75 et son rdglement, daß zur Venneidnng von Irrtttmem nnd damit 
nnr addiert — nicht auch subtrahiert — zn werden brancbe, der 
Batterieftlhrer die Angaben für die Seitenrichtnng der Geschütze 
stets vom rechten Flügel ausgehend machen solle. — Der er- 
wähnte Nachteil wird vermutlich ganz allgemein in Rechnung zu 
stellen sein, wo es sich um Vereinigung oder Verteilung des Feners 
handelt, und würde, falls nicht abzustellen, mindestens eine ünbe- 
quemlichkeit bedeuten, welche dem indirekten Schießen anbaftet. 
Nun wird auf die angeführten Beispiele des Russisch- Japanischen 
Krieges verwiesen werden, in welchen das Zusammenwirken zwischen 
dem vorn befindlichen Führer und der entfernten Truppe glückte. 
Außer ihnen sind mir weitere in den Einzelheiten der Verhältnisse 
nicht bekannt geworden. Bei den besprochenen Fällen lagen aber 
die Voraussetzungen der Fernverbindung so selten günstig, daß all- 
gemein gütige Folgerungen daraus nicht abgeleitet werden dürfen. 
Die Luft war durchsichtig und es herrschte Helligkeit (am 11. Juli 
1904 wurde das Feuergefecht an der Grenze des Schußbereichs ge- 
führt, am 17. Augnst 1904 konnten auf über 4000 m Entfemong die 
feindlichen Geschütze nach dem aufgewirbelteii Staub gezählt werden), 
zu den Batterien des Oberstleutnants Pascbtschenko gelangten nnr ver- 
einzelte Schüsse nnd diejenigen des Oberst Ssljnssarenko erhielten 
bei Liaoyang bestimmt, am Scbabo wahrscheinlich überhaupt kein 
Feuer; die Ziele waren — abgesehen von einem sich seitlich be- 
wegenden — feststehende, so daß verhältnismäßig nur wenig Kommandos 
übermittelt zu werden brauchten. 

Anscheinend sind allgemein Flaggen nnd Telephon mit gutem 
Erfolge benutzt worden, um die Wahmebmnngen weit vorn befind- 
licher Beobachter zurückznmelden nnd die BetehisfUhrnng zwischen 
getrennt stehenden Artiileriegmppen zn ermöglichen. Vermutlich 
sind beide Arten für die Fernübermittelnng gleichzeitig in jedem 
Falle vorgesehen gewesen, damit, wenn die eine versagte, die andere 
eintreten konnte. Denn daß das Telephon nicht zuverlässig war, 
geht ans dem Bericht des Generalleutnants Sir Jan Hamilton her- 
vor; „Wie zu erwarten, kamen mannigfache Gebranchsstörnngen vor, 



■) Militär-Wochenblatt 1905 No. 100: „Direktes und indirektes Schiefsen 
der Feldartillcrie.“ 



Digitized by Google 




SebieS«n der FeldsrtiUerie aas verdeekter Stelloog. 



309 



die aaf ein Zerschießen oder Zerreißen von Leitangen znrückzaftthren 
waren.“') Oie Emplangsstellen braacbten wobl anch nicht in nn- 
mittelbarer Nähe der Tmppe zu liegen, am sie nnabbängiger von 
ätömngen zn machen. Solche aber, welche der Feaerleitnng von 
Batterien dienen, mflssen dicht bei dem die Kommandos gebenden 
Offizier eingerichtet sein, sollen Verzögerung und Unzuverlässigkeit 
nicht noch eine Steigerung erfahren. Je näher sie aber der beschossenen 
Trappe rttcken mllssen, desto zahlreicheren und wirksameren Störungen 
sind sie aasgesetzt. 

Es muß also iestgestellt werden, daß die Feuerleitung durch 
Fernverbindung ein gewisses Maß von Schwerfälligkeit und Unzu- 
verlässigkeit erhält. 

Nun muß aber auch noch darauf bingewiesen werden, daß Ent- 
fernungen, wie sie als Abstand von Stellungen hinter den Deckungen 
zum Teil als notwendig erachtet werden, doch auch bei der Wirkung 
mitspreoben. Für diese ist es nicht gleichgültig, ob die Entfernung 
z. B. 3500 oder 4000 m beträgt. Von einer gewissen Grenze aus 
nimmt die Tiefenwirkung des Schrapnells schnell ab und Fehler im 
Einschießen oder der Sprengpunktslage gewinnen erhöhte Bedeutung. 
Bei Entscheidung, ob die Rand- oder die Sicherbeitsstellung gewählt 
werden soll, kann also die Eutfemung mitsprecben. 

Ob es immer gewährleistet sein kann, die Artillerie zur Abwehr 
des lufanterieangrifis rechtzeitig aus der Versenkung zu direktem 
Feuer vorzufUhren, hängt zu sehr von Gelände- und Gefechtsver- 
hältoissen ab, als daß darüber eine allgemein geteilte Auffassung 
bestehen könnte. Zugegeben muß werden, daß der Angreifer seine 
Infanterie weder auf längere Strecken überraschend noch im Fluge 
verfuhren kann, so daß Zeit bleiben würde, eine gewisse GeschUtz- 
zabl in die geeignete Stellung zu bringen, sofern die Bodenverhält- 
nisse nicht zu ungünstige sind und der zu ersteigende Hang nicht 
unter zu starkem Schrapnellfeuer liegt. Sehr wobl ist die Annahme 
zulässig, daß die hierbei eintretenden Verluste |die in der Kandstellung 
zu erwartenden reichlich anfwiegen dürften und daß eine in wenigen 
Minuten zusammengesebossene Truppe nicht mehr die Widerstands- 
kraft in sich fühlt, wie eine, deren gleichstarke Verluste sich Uber 
einen längeren Zeitraum verteilten. Der Zusammenbruch der russischen 
Schiffsbesatzung in der Seeschlacht bei Tsousbima wird in der 
raschen Aufeinanderfolge zahlreicher, dicht zusammenge- 
drängter Treffer gesucht!*) Wer die Wahrscheinlichkeit des Her- 



•) klilitär-Wochonblatt 1906 No. 14. 

*) Vgl. Artilleristische Monarshefte No. 1, S. 59. 



Digitized by Coogle 




310 Sobleßen der FeldartiUerie «na verdeckter SteUeag. 

anfttbreDS einer aasreiohenden Gescbtltzzabl nicht voranssieht, wird 
es TOTzieben, einen Teil der Batterien in Randsteilnng anffahren nnd 
sie, sofern schweren Verlusten aosgesetzt, so lange schweigen zu 
lassen, bis beim Schlußakt des Dramas der letzte Mann und dar 
letzte Schuß eingesetzt werden müssen. Dann wird wenigstens Ar- 
tillerie sicher zur Stelle sein, wenn vielleioht auch nicht mehr mit 
hohem Kampfwert. Denn der Trost, daß in dieser Gefechtslage 
fehlende Artillerie durch Maschineugewehre ersetzt werden künne, 
verfängt nicht. Dazu ist die Wirkung letzterer doch zu sehr am 
nahe Entfemnngen beschränkt nnd von genau zutreffendem Visier ab- 
hängig. Der Grundsatz, daß Maschinengewehre niemals Geschütze 
ersetzen können, ist nnd bleibt allgemein gütig! 

Von denjenigen, welche die „Sicherheitsstellnngen“ zur Erhaltung 
der Gefecbtskraft der Artillerie für geboten halten, wird die ,Rand- 
steUung“ deshalb verworfen, weü in ihr die Geschütze dem Stricbfener 
der Granaten Az. ansgesetzt seien. So würde nicht nnr die Be- 
dienung, die zwar gegen das Schrapnell Bz. durch die ScbUde ge- 
schützt sei, erheblich gefährdet, sondern auch das Material der Zer- 
störung preisgegeben. 

Die Anschauungen über die mit Granaten Az. zu erzielende 
Wirkung gehen außerordentlich weit auseinander. Während von 
Gegnern der Randsteilnng auf Grund von Schießplatzerfabrungen die 
Ansicht ausgesprochen wird, daß sie auf den ArtUleriekampfent- 
fcrnnogen mit gegen 80 Schuß häufig vernichtend sein könne, spricht ihr 
die andere Partei dies vollkommen ab. Jene gehen sogar soweit, 
zu behaupten, die Japaner hätten sich sehr bald das Verfahren an- 
geeignet, sichtbare Artülerie stets von vornherein mit Az. (doch 
wohl im Granatfener?) zu bekämpfen, nnd so die Russen gezwungen, 
den Grundsatz der verdeckten Aufstellung anznnehmen. Diese Ant- 
fassnng ist ebenso nen, wie eigenartig. Übereinstimmende Berichte 
besagen, daß das Schrapnell Bz. die Russen nötigte, von den offenen 
Stellungen abzniassen, nnd daß die Japaner zur Granate Az. im 
Artilleriekampf deshalb griffen, weü ihnen der weiterreichende 
Schrapnell-Bz.-Bereich des Gegners nicht gestattete, auf eine der 
Tragweite ihres Bz. entsprechende Entfernung beranzngehen. — 
Wenn nun auf Rriegserfahmngen znrUckgegriffen wird, dann möge 
auch diejenige des Majors v. Tettan zur Geltung kommen, der anf 
nächster Entfernung von den bescb(»senen beiden russischen 
Batterien im Gefecht bei Lagonlin seine Beobachtungen machen 
konnte^): „Obgleich die Japaner gut eingeschossen waren nnd ihre 

I) Achtzehn Monate mit Rulslands Heeren in der Mandschurei. 2. Auf- 
lage, 1. Band, S. 219. 



Digilized by Google 




Schiefien der FeldartOlerie ans verdeckter Stellong. 811 

GraDaten nnaoihOrlicb zwischen den Geschützen und Mnnitionswagen 
einscblngen, war die Wirkung ganz minderwertig. Von den beiden 
Batterien, die Uber 12 Stunden im Fener standen, betrug der Verlnst 
der ersten zwei Tote and sieben Verwnndete, der zweiten, die besser 
maskiert war, nur zwei Verwondete. Ich schreibe dies dem Granat- 
fener zu, das gegen lebende Ziele sich wShrend des ganzen 
Krieges ginzlieh unwirksam erwies. Zeitweise waren die Batterien 
von den einschlagenden Granaten derartig in schwarzen Dampf ge- 
bullt, daß nichts mehr von ihnen zu sehen war und man glauben 
mußte, sie wären gänzlich außer Gefecht gesetzt; verzog sich der 
Ranch, erkannte man, daß gar kein Schaden angerichtet war.“ — 
Koch mehr zu denken gibt eine Mitteilung des rassischen Oberst- 
lentnants Kuriak, dessen Batterie mit selbstgefertigten Schilden aus 
3 mm starkem Eisenblech versehen am 29. und 30. September und 
1. Oktober 1904 in sehr schwierigen Gefechtslagen an dem dem 
Feinde zngekehrten Abhänge (also wohl offen) stand, die Bedienung 
am ersten Tage in Deckungsgräben, am letzten hinter den Schilden. 
Das Nähere findet sich im Militärwochenblatt 1906, No. 72. Hier 
sei nur hervorgcboben, daß am 29. September und 1. Oktober das 
Aufschlagen der Scbrapnellkngeln den Eindruck eines Hagelscbaners 
machte (wie würde sich da die Verständigung mit Telephon gestaltet 
haben?) und am 30. September die Brisanzgranaten weder Verluste 
anricbteten, noch ihre Splitter die Schilde durchschlugen. Ebenso 
wenig tat dies ein anftreffeuder Zunder. 

Mit Behauptung und Gegenbehauptung ist ebensowenig ein 
Beweis zu erbringen, wie mit einzelnen kriegsgeschiohtlichen 
Beispielen. Nur die Treffähigkeit der Geschütze kann fUr 
das Az.-Scbießen einen einigermaßen zutreffenden Anhalt geben. 
In dieser Beziehung ist die Zahl der Feldgranaten, welche er- 
forderlich sein wUrde, die sechs Kanonen einer Batterie aut einem 
Hang von mittlerer Böschung in Kandstellnng auf 3000 m zu treffen, 
mit 400 berechnet, sofern die Lage der Geschütze durch MUndungs- 
feuer usw. erkannt ist.') Das durfte annähernd stimmen, wenn 
an! Strichschießen gerechnet werden könnte. Da Änderungen 
des Pulvers, welche auf Beseitigung des MUndungsfeuers und Rauches 
abzielen, erfolgversprechend sein sollen, so wurde nnr der anfge- 
wirbelte Staub zum Verräter werden. Der breitet sich aber, zumal 
bei schnellerem Feuer, so Uber der ganzen Stellnng aus, dass ein 
Präzisionsscbießen nicht möglich ist. Dann durfte Generalleutnant 
Rohne mit seiner Bebaoptnng recht behalten, daß die Aussicht, Voll- 



*) Militarwochenblatt 1907, Mo. 19, S. 430. 



Digilized by Google 




312 



SohieSen der Feldartillerie aas verdeckter SteUang. 



trcfier zo erhalten, außerordentlich gering ist, seihst wenn das 
genaue Einschießen gelingen sollte, daß sie aber fast unendlich 
klein wird, wenn die zu bekämpfende Artillerie verdeckt auf- 
gestellt ist, wobei man noch gar nicht einmal an ein , indirektes 
Richten“ zo denken brauche.*) 

Von Haubitzgranaten ist größere Wirkung zu erwarten, natürlich 
nicht in der Zahl der Volltreffer, sondern durch die wnchtigereu 
SprengstUcke, welche nicht nur die Schilde durchschlagen könneu, 
sondern auch die Bedienung unmittelbar gefährden, wenn der Auf- 
schlag in den Zwischenräumen der Geschütze usw. erfolgt. Das 
liegt an ihrer Ausbreitung unter etwa 200*’. Haubitzen werden aber 
wohl auch in Zukunft nur in beschränkter Zahl zur Verfügung stehen 
und sollten sie im Bedarfsfälle zur Hand sein, so bleibt immer 
noch fraglich , ob die benötigte Munitionsmenge zur Stelle ist. 
Daraus, daß im Russisch-Japanischen Kriege große Geschoßmengen 
verfeuert und rechtzeitig herbeigeschafit worden, darf noch nicht 
gefolgert werden, daß die Bereitstellung auch in Zukunft keinem 
Zweifel unterliegen wird. 

Das Mehr an Verlusten, welches in der Rand- gegenüber der 
Sicherheitsstellnng zu erwarten ist, könnte nutzlos erscheinen, wenn 
die gegnerische Artillerie auf nicht bekannter Entfernung weit hinter der 
Deckung steht. Denn ihr würde man nicht viel anhabeu können, 
während man selbst durch einen unfaßbaren Feind einen Verlost 
nach dem andern zugefügt erhielte. Nun, ich glaube gezeigt zu 
haben, daß es mit dem Niedergekämpftwerden in Raudstellangen, 
wenn sie vorsichtig eingenommen und sachgemäß ausgenntzt sind, 
gute Wege hat. Ferner habe ich angedeutet, daß die Verluste beim 
Verführen der Batterien zur Abwehr des Infanterieangriffes vielleicht 
schwerer wiegen, als die im Laufe des Gefechtes in der Randstellnng 
erlittenen. Und diesem Vorgehen, unter Umständen unter völliger 
Aufgabe der Deckung, wird man sich nicht entziehen können. Das 
indirekte Beschießen beweglicher Ziele ist, wenn die Bewegung in 
vorauszusehender Richtung und Gleichmäßigkeit erfolgt, möglich. 
Kurze Augenblicke, die schnell erfaßt und ausgenntzt werden müssen, 
wie das schon erwähnte Auffahren von Batterien, das sprungweise 
Vorgehen der Infanterie, wobei sie sich nur anf kurze Zeit zeigt, 
die meisten seitlichen Bewegungen von geringer Dauer, fordern aber 
das direkte Richten. Die Fernverbindung ist für die Feuerleitnng 
unter solchen Umständen zu unsicher und umständlich. Hier heißt 
es: sehen und sofort handeln, denn: „Was man von der Minute 

aosgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück“! 

>) MiliUlrwochcnblatt 1905, No. 152, 8. 3503. 



Digilii ud by Google 




■S«hieBen der FeldartUlerie aus verdeckter Stellung. 313 

Scbliefilicb ist es aocb ron nicht za unterscbätzender Bedeutang, 
wenn die Besatzang der Batterie einen Überblick Uber das Gefechts- 
feld und Gelegenheit gehabt hat, sich in ihm zo orientieren. Das 
Erfassen der Ziele ist fttr eine Trappe nicht leicht, die gewisser- 
maßen mit verbnndenen Aagen schoß and dann plötzlich, nach Fallen 
der Binde, in ein mit kämpfenden Trappen angefUlltes Gelände hinein- 
blickt, in welchem sie kaum Freund nnd Feind aaseinanderhalten 
kann, sich erst Geländepankte anfsacben maß, za welchen die Ziele 
in Beziehung za bringen sind osw. Und das wahrscheinlich unter 
dem Eindruck schwerer Verluste, welche während des Vorgehens 
zar nnd des Einrttckens in die Stellung eintreten, nachdem man sich 
zuvor in nahezu völliger Sicherheit befand! Die FeuererOffhong durfte 
kaum besonders schnell, die Zielanffassang schwerlich sehr zuver- 
lässig eriolgeu. 

Nach vorstehendem mOgen die weit von der Deckung ab- 
liegenden Stellungen mit Nutzen da angewendet werden, wo es sich 
voraussichtlich zunächst um das Bekämpfen stehender Ziele handelt, 
Zeit zum Einrichten des Fernverkehrs vorhanden ist and auf einiger- 
maßen znverlässiges Funktionieren der dazu gehörigen Hilfsmittel 
gerechnet werden kann. Daraas geht hervor, daß sie im geplanten 
Angriff häufiger als in der Verteidigung nnd vornehmlich in den 
ersten Kampfabschnitten erscheinen werden. Fttr die Mitwirkung 
der Artillerie im Bewegungsgefecbt sind sie wenig geeignet und 
deshalb aufzugeben, sobald es die Unterstützung der Infanterie zur 
Abwehr des Angriffs oder Zurückweisung von Gegenstößen fordert. 

Die Randstellungen gewährleisten die gesichertste Mitwirkung 
der Artillerie, so lange keine Mittel gefunden sind, sie dort in ver- 
hältnismäßig kurzer Zeit und mit angemessenen Mnnitionsmengen 
tatsächlich niederznkämpfen. Zurzeit liegt diese Gefahr nicht vor, 
weshalb auf solche Stellungen in der Kegel die Wahl fallen wird. 

Die offene Aufstellung wird im Begegnungsgefecht und beim 
Begleiten des Infanterieangrifils zuweilen nicht zu umgehen sein, bei 
der Verfolgung oft unbedenklich eingenommen werden können. Be- 
findet man sich in ihnen erst unter dem Schutz der Schilde und ist 
ausreichend mit Munition versorgt, dann sind auf den meist großen 
Anfangsentfemungen des Begegnungsgefechtes kaum große Verluste 
zu befürchten, während ein ungedecktes Auffahren auf naher Ent- 
fernung beim Begleiten des Infanterieangriffs vermutlich Opfer kosten 
wird, die aber ebenso, wie von der Schwesterwaflfe, gebracht und 
ertragen werden raUssen. 



Digilized by Google 




■m Arbeitisoldaten neaer Art. 

XVII. 

Arbeitssoldaten neoer Art. 

Von 

Bronsart von Schellendorft, 

Major im KöDigin Elisabeth Garde-Orenadierregt. Nr. 3. 

Alle wehrfähigen Männer Deutschlands müssen zn Kriegern aas- 
gebildet werden! So verlangt es die allgemeine Wehrpflicht, soll 
anders dieses stolze Gesetz nicht auf dem Papier stehen bleiben. 

Die Ansprüche an die kriegsmälsige Ausbildung wachsen von 
Jahr zn Jahr; sie sind erst neuerdings durch das jetzige Elxeizier- 
reglement für die Infanterie, die Hanptwaffe des Heeres, noch mehr 
gesteigert worden. Und trotzdem kann eine große Anzahl wafien- 
iähiger, also geistig und körperlich unbedingt tauglicher Mann- 
schaften nicht auf die hohe Stofe der kriegsmälsigen Ausbildung ge- 
bracht werden, die den Ansprüchen des heutigen Infanteriegefechts 
auch nur einigermalsen genügt: ein Heer von Mannschaften wird 
durch notwendige Abkommandierungen und Arbeitsleistungen ver- 
schiedenster Art dem dauernden Wafiendienste entzogen! 

Hier mufs Wandel geschaflen werden, und zwar grundlegend. 
Durch allerlei einschränkende Bestimmungen wird dieser Übelstand 
ebensowenig beseitigt, als durch die Forderung, dafs als Abkomman- 
dierte „selbstverständlich nur ganz kriegsmäfsig ansgebildete Leute" 
verwendet werden dürften. Abgesehen davon, dafs durch das Ab- 
kommandieren gerade der besten und zuverlässigsten Leute der 
Friedensdienst sehr erschwert wird, sinkt hierdurch im Kriege die 
Kampfstärke und der innere Wert der Truppe zweifellos herab. 

Die früheren IV. Bataillone, die zur Entlastung von allen Ab- 
gaben an Mannschaften für die anderen drei Bataillone der Regi- 
menter dienen sollten, krankten an dem Zwiespalt, dafs sie einer- 
seits nnverhältnismäfsig viel Mannschaften zu wirtschaftlichen Diensten 
verfügbar halten, anderseits diese selben Leute aber im Wafiendienst 
ansbilden sollten. Eine Arbeitstrnppe (so soll der Kürze halber 
diese hauptsächlich für die BereitsteUnng der Abkommandierten ge- 
scbafifene Truppe genannt werden) kann aber nicht gleichzeitig 
eine kriegsbereite Kampftrnppe sein; das ist ein Widerspruch 
in sich! 

So wurden die IV. Bataillone wieder aufgelöst, weil sie nicht 
ihrem Zweck entsprechen konnten; der Übelstand jedoch, dem sie 
hatten abhelfen sollen, blieb bestehen. 



Digitized by 




Aibeittaoldaten nener Art. 



315 



Vielleicht bietet die bewolste EinricbtiiDg von Arbeitssoldaten 
einen Aasweg aas diesen Schwierigkeiten. Wer sich an dem 
Namen stdfst, der etwas onliebsam an die Straf-Arbeiterabteilangen 
erinnert, mOge eine zweckmälsigere Bezeichnung erfinden. 

Die Arbeitssoldaten sollen innerhalb ihrer Trappe alle die wirt- 
schaftlichen Dienstleistungen verrichten, die zwar anvermeidlich sind, 
aber mit der kriegsmälsigen Ausbildong nichts zn tan haben. 
Hierunter sind alle Barschen, Pferdepfleger, Ordonnanzen, Schreiber, 
Tmppenkbohe and das ganze Heer der sonst noch za allerlei 
notigen Wirtsohaftszwecken herangezogeneo Mannschaften zu ver- 
stehen. 

Sie sind lediglich fbr diese Zwecke auszabeben and za ver- 
wenden; sie brauchen weder mit der Schaiswaffe, noch fUr das Ge- 
fecht aasgebildet za werden! 

Die Aoshebang kann sich also jetzt aai eine grolse Anzahl von 
Leuten aasdehnen, die bisher wegen geringer Fehler vom Dienst 
mit der Waffe befreit werden meisten, die aber ohne Waffe wert- 
volle Dienste leisten and dadurch die Eampftrappe im Frieden and 
im Kriege für ihre eigentliche Aufgabe, das Gefecht, vollzählig 
verfügbar machen können. 

£s ist ja ein sehr verlockender Gedanke, bei einer etwaigen 
Erhöhung der Kopfstärke unseres Heeres lieber noch mehr waffen- 
fähige, als zam Waffendienst untaaglicbe Leute einzuziehen; 
also neue Kampftruppen statt „Nichtkombattanten“ za schaffen. 
Aber die Verstärkung unseres Heeres an Kampftruppen erfolgt seit 
langer Zeit in etwa gleichem Schritt mit der Zunahme der Bevölke- 
rung. Das wird auch mit Naturnotwendigkeit so bleiben, weil sonst 
die allgemeine Wehrpflicht ein leeres Wort bleiben würde — und 
weil unsere Nachbarn uns dazu nötigen, unsere schwere Rüstung 
stetig zu vermehren. Diese Kampftruppen werden aber immer wieder 
unter dem Übelstande der , Abkommandierten“ leiden, wenn man sich 
nicht entschliefst, Leute zum „Dienst ohne Waffe“ einzaberufen. 

Wenn ancb die körperliche Tauglichkeit unseres Volkes zum 
Waffendienst nach dem Durchschnitt der letzten Jahre keine Ver- 
schleohterung, sondern zur Bemhigong vieler Schwarzseher eher eine 
kleine Steigerung ') erfahren hat, so ist doch zweifellos die moralische 
Tauglichkeit mehr und mehr hemntergegangen. Die Gründe für 
dieee Erscheinung liegen klar zutage: ungesunde Arbeite- und 



') Dauernd untauglich : 


tauglich : 


1903 8,8 »/o 


55,39 o/o 


1904 7,1 »/o 


56.42 O/o 


1905 7,1 o/o 


56,30 o/o 



Digitized by Google 




316 



ArMtssoldaten neaer Art. 



WohnnngsTerhältaisse in den großen Städten im Verein mit den 
zersetzenden, materialistischen Lehren der Sozialdemokratie! Diesen 
ungünstigen Einflüssen entgegenznarbeiten ist eine der wichtigsten 
Friedensanfgaben unseres Heeres. 

Daher haben wir alle Veranlassung, jeden körperlich tauglichen 
Mann dauernd bei der Kampftruppe zu behalten und ihn zn einem 
in jeder Beziehung brauchbaren Krieger zu erziehen. 

Neben dieser inneren Wertsteigerang unseres Heeres würde aber 
auch durch die Schaffung von besonderen Arbeitssoldaten eine grofse 
Ungerechtigkeit in der bisherigen Durchführung der allgemeinen 
Wehrpflicht gemildert werden; denn viele Tausende sonst ganz ge- 
sunder und kräftiger Leute können bisher wegen geringer körper- 
licher Fehler ihrer gesetzlichen Dienstverpflichtung nicht genügen! 

Zweifellos ist es eine Ehre, zu dienen; aber diese Ehre bringt 
auch viele persönliche Opfer und Lasten mit sich, die nicht ent- 
schädigt werden und oft zu grolsen Härten führen. Dafs diese 
Ehrenpflicht trotzdem erfüllt werden muis, ist selbstverständlich, aber 
sie kann auf breitere Schultern gelegt werden. Auch können die 
beiden Jahre militärischer Erziehung selbst einem Mindertauglichen 
nicht schaden, wenn die nötige ärztliche Sorgfalt bei der Ausbebnng 
obwaltet. Hieran zu zweifeln, liegt für uns kein Grund vor. 

Bedenken gesetzlicher Art werden sich der Einberufung von 
Leuten zum Dienst ohne Waffe kaum entgegenstellen lassen, denn 
§ 4, 2 der Wehrordnung lautet: „Diejenigen Wehrpflichtigen, welche 
zwar nicht zum Waffendienste, jedoch zu sonstigen militärischen 
Dienstleistungen, die ihrem körperlichen Beruf entsprechen, fähig 
sind, können zu solchen herangezogen werden.'* 

Dals nach § 4, 3 und § 6 der Heerordnung bisher nur Kranken- 
wärter und Okonomiehandwerker als tauglich zum Dienst ohne 
Waffe eingezogen wurden, ist kein Grund, diese Bestimmungen bis 
in alle Ewigkeit beiznbebalten und zwar um so weniger, als z. B. 
die Zahl der von der Armee benötigten Ökonomiebandwerker eine 
sehr geringe geworden ist 

Man wird natürlich mit dem Einwarf kommen, dafs durch die 
Einrichtung von Arbeitssoldaten gewissermafsen Soldaten Q. Klasse 
geschaffen würden. Hier genügt wohl der Hinweis, dafs die Ökono- 
miebandwerker eine durchaus geachtete Stellung in der Truppe 
batten und noch haben, dafs sich gewils viele Kompagniechefs nach 
diesen fleilsigen harmlosen Arbeitssoldaten sehnen, und dafs ihre all- 
mähliche Abschaffung bei der Trappe tief bedauert wird. Ferner 
gibt es bekanntlich in unserm Heere ganze Truppenteile, die keines- 
wegs wirkliche Kampftruppen sind, die aber doch unentbehrliche und 



Digilized by Googli 



Arbeitssoldaten neuer Art. 



317 



daher ehrenvolle Dienate leisten. Aach ist nicht einzasehen, wamm 
Arbeiten, die bisher von den zum Dienst mit der Waffe tauglichen 
Mannschaften geleistet wnrden, später als minderwertig angesehen 
werden sollten? 

Die AnsfUhmng des Vorschlages ist so gedacht, dals jedem 
Infanterieregiment anfser seinen waffenfähigen Rekruten jährlich noch 
150—200 znm Dienst ohne Waffe taugliche Leute als Arbeits- 
soldaten Überwiesen werden. Die Anzahl kann schwanken, je nach 
den Abgaben, die dem Regiment nach den örtlichen Verhältnissen 
des Standortes an Barschen, Ordonnanzen, Arbeitsdienst nsw. anfer- 
legt sind. 

Die rein militärische Ansbildnng dieser Leute beim Tmppenteil 
beschränkt sich auf ein solches Mais von Dienstnnterricht, Exer- 
zieren, Freittbnngen, Ehrenbezengnngen nsw., dals sie in sicherer 
Manneszucht befestigt and in militärischem Benehmen erzogen werden. 
Anlserdem sind sie dnrch ärztlichen Unterricht als Hilfskranken- 
träger ansznbilden. Die 4 bisher bei jeder Kompagnie zn diesem 
Dienst aasersebenen waffenfähigen Leute, die hohe moralische Eigen- 
schaften besitzen mUssen, bleiben dann der Kampftrappe erhalten; 
auch ist ihre Zahl viel zu gering, am im heutigen Gefecht bei den 
oft in kürzester Zeit eintretenden Massenverlnsten wirklich Nutzen 
zu stiften. 

Ist die Ansbildnng der Arbeitssoldaten in dieser Hinsicht nach 
etwa '/> Jfthr beendet, so werden sie vom Regiment je nach ihren 
Fähigkeiten und Eigenschaften als Barschen, Pferdepfleger, Ordon- 
nanzen, Schreiber nsw. verteilt und dttrfen in ihren Dienststellungen 
auch kapitulieren, ohne jedoch Unteroffiziere werden zu können. Der 
Rest wird den Kompagnien Überwiesen, um sie zu dienstlicher Hand- 
werksarbeit im Revier, auf der Kammer oder auf dem Scheiben- 
stande zu verwenden. Gelegentlich einiger FelddienstUbnngen ist 
ihre Aufgabe als Hilfskrankenträger oder zum Vorbringen von Mu- 
nition zu Üben. 

Im Manöver können sie auch als Lebensmittelempfänger, Be- 
gleiter der Bagagen und der fahrbaren Feldküchen dienen. 

Im Kriege fallen ihnen ähnliche Aufgaben zu. Während der Märsche 
haben sie neben den Pferden oder Fahrzeugen der kleinen Bagage 
zu geben, wie die abgesessenen Mannschaften der fahrenden Batterien, 
damit sie die Marschkolonne nicht unnötig verlängern. Im Gefecht 
bewirken sie den Munitionsersatz und tragen Verwundete zurilck ; 
sie fuhren Nahrungsmittel nach vorn, nachts bis in die vordersten 
Schützenlinien. Hat die Kampftrappe das Gepäck abgelegt, so be- 
aufsichtigen sie es und fuhren es der Truppe nach. 

J«hrbftek«r flLr dl« d«utiek* Armt« oad Murin«. N«. 420. 22 



Digitized by Google 




318 



Wie die Kavaiierie exerzieren soll. 



Die grofse Masse der „Ärbeitssoldaten des Beurlaubtenstandes“ 
wird mit Nutzen au! den rückwärtigen Verbindungen des Heeres 
verwendet werden und dort als Magazin arbeiter in den Etappen- 
orten und auf den Bahnhöfen bessere Dienste leisten als nn- 
disziplmierte Zivilarbeiter. Im Notfälle werden sie auch, in der 
einfachsten Handhabung der Schulswaffe unterwiesen, den örtlichen 
Schntz von Magazinen übernehmen können. 

ln dieser Art werden die Arbeitssoldaten dazu beitragen, dals 
alle zum Dienst mit der Waffe tauglichen Mannschaften 
bei den Kampftruppen bleiben, deren Stärke hierdurch auf 
das höchste Mafs gesteigert wird. Und das ist angesichts des 
bisherigen Zustandes dringend wünschenswert! 



XVIII. 

Wie die Kavallerie exerzieren soll. 

VOD 

Generalmajor z. D, von Gersdorff. 

Bei den Exerzierübnngen der Kavallerie sind zwei Seiten zu be- 
rücksichtigen. Die kriegsgemäße taktische Ausbildung und die Er- 
haltung des Kräftezustandes der Pferde. 

Die Kavallerie ficht zu Pferde in gesoblossener Ordnung sowohl 
gegen die eigene Waffe, wie auch gegen Infanterie und Artillerie. 
Wenngleich sie auf individueller Ausbildung von Mann und Pferd 
beruht, so bildet dennoch das Znsammenschweißen der Einzelnen zu 
einem auf gemeinsamen Zweck gerichteten Ganzen den Gipfel der 
Ausbildung. 

Dieser gemeinsame Zweck wird durch gemeinsame Ordnung am 
besten erreicht Darum soll eine Kavallerietruppe zunächst fest auf 
Signal und Kommando einexerziert werden, als gelte es einem 
Grenadierbataillon aus der Zeit Friedrich des Großen. 

Erst später, wenn die Truppe fest in der Hand des Chefs liegt 
die Exerzierpointen allseitig richtig gekannt und befolgt werden, 



Digitized by Google 



Wie die Kavalierie exerzieren soll. 



319 



irenn alle Za^Uhrer, FlUg^elunteroflfiziere and Schließende es gelernt 
haben, bei den Evolutionen in der vorgescbriebenen Weise zu reiten, 
dann erst kann man zum gefechtsmäßigen Exerzieren Ubergehen. 

Denn das feste Einexerzieren der Trappe ist die nnahweisbare 
^'orbedingnng für die Ordnung im gefechtsmäßigen Exerzieren, und 
diese wieder die Grundlage jeden Gelingens. 

Es ist gewissermaßen eine Fortsetzung des Reitunterricbts, denn 
bei jeder Evolution, seien es Schwenkungen im Haken, mit ZUgen 
oder Eskadronsfronten, seien es Frontalbewegnng oder Reiten in der 
Zug- oder in der Halbkolonne, haben die Reiter im Gliede, die 
Unteroffiziere und die Zugführer ihre Pferde auf eine ganz bestimmte 
Art und Weise zu reiten, zu führen und zu stellen. 

Ein strammes Einexerzieren einer Kavailerietrnppe wird durch 
das „Parademäßige“ jeder Art wesentlich unterstützt. Denn es gibt 
in Friedenszeiten kaum etwas, was geeigneter wäre, die Herrschaft 
des Geistes Uber den Körper zu befördern, mithin Ordnung in der 
Truppe zu erhalten, als die Parade, die nur gelingen kann, wenn 
jeder Reiter sein Bestes bergibt. 

Beim gefechtsmäßigen Exerzieren ist ab und zu eine Lockerung 
der Ordnung mit in den Kauf zu nehmen. Dies ist zumeist der 
Fall, wo man genötigt ist, die Truppe nach Winken und Zeichen zu 
leiten. Diese Art des Exerzierens sollte man nicht übertreiben. 
Hierbei ist nicht zu erzielen, daß alle Reiter zugleich dem Winke 
oder dem Zeichen folgen; die nachfolgenden reiten erst später an als 
die vordersten, weil diese allein die betreffenden Zeichen usw. sehen 
konnten. Daher das Ziehen, einer Harmonika vergleichbar. 

Das gefechtsmäßige Exerzieren ist stets vom Einexerzieren scharf 
zu trennen und beide haben täglich miteinander zu wechseln. 

Nach dem gefechtsmäßigen Exerzieren bat stets noch eine Re- 
prise in fester Ordnung nach Signal und Kommando, oder ein 
Parademarsch zu erfolgen, damit es der Truppe klar wird, daß 
Ordnung und Festigkeit die Grundpfeiler allen kavalleristiscben Ge- 
lingens sind. 

Die technischen Unterlagen der Ideen für das gefechtsmäßige 
Exerzieren können so einfach als möglich auf dem im Raum be- 
schränkten und meist ebenen Exerzierplätze gewählt werden. Es 
genügt hierbei die vorteilhafteste technische Form für eine gegebene 
Gefecbtslage zu finden und unter Zugrundelegung dieser das 
Gefecht ansznfOhren. Nur da, wo es der Raum gestattet und das 
Gelände des Platzes dazu angetan erscheint, darf man zu kom- 
plizierteren Gefechtsideen übergehen, die dann in das Gebiet der 
angewandten Taktik streifen. Diese dort anznwenden, wo Gelände 

22 * 



Digitized by Googic 




320 



Wie die Kevellerie exerzieren »oll. 



and Kaum ihre kriegsgemäße Darchfbbmng verbieten, heißt sich an 
dem obersten Grundsatz jeder Aosbildnngsweise versttndigen, der es 
fordert, daß die Trappe im Ernstfälle von dem, was sie im Frieden 
erlernt, nichts abzastreifen braacbt. 

Diesen Grundsatz sollten auch die Vorgesetzten befolgen, welche 
dazu berufen sind, bei Besicbtigangen die Gelecbtsaofgaben za 
stellen. 

Daß beim gefechtsmäßigen Exerzieren die febdlichen Truppen 
stets zu markieren sind, ist selbstverständlich; noch vorteilhafter ist 
es aber, wenn volle Trappen gegeneinander fechten. Jede Gelegen- 
heit hierzu ist daher auszuntltzen. 

Der Befehlshaber einer Kavallerietrappe hat die Exerzierperiode, 
welche ihm zur Verfügung steht, — bei der Eskadron genügen 
5 Wochen, die Exerzierzeiten für die höheren Bestände sind durch 
die Vorschriften festgelegt — als ein Training seiner Pferde za einer 
Höchstleistung, der Besichtigung, za betrachten, wobei die Zeitdauer 
der Exerzierperiode, die Kation und der allgemeine Kräftezustand 
der Pferde vor Beginn der betreffenden Exerzierperiode in Be- 
rechnung zu ziehen sind. 

Die Leistungen sind allmählich zu steigern, aber niemals za 
übertreiben. Dies geschieht, wenn die Pferde Uber ihren Atem ge- 
jagt werden. Einige Minuten Galopp zur Unzeit za viel, kann 
den Kräftezustand der Pferde auf die Dauer gefährden. Das 
Höchstmaß der Leistungen, welches man den Pferden zumnten kann, 
abzumessen, beruht auf Keitertakt, der nur durch Routine erlangt 
wird. Vorgesetzte, welche Pferde bereits früher für Rennen vor- 
bereitet haben, werden hierbei im Vorteil sein, wenn sie dabei be- 
denken, daß Dienstpferde eine 10jährige Dauer haben sollen, and 
nur etwa die Hälfte desjenigen Futters erhalten, welches den Renn- 
pferden verabreicht zu werden pflegt. 

Ferner soll ein jeder Vorgesetzter stets daran denken, daß mit 
Abschluß der ihm zastehenden Exerzierperiode die Jahresleistung 
seiner Truppe bei weitem noch nicht abgeschlossen ist; daß nach 
dem Eskadronsexerzieren das Regimentsexerzieren folgt usw. 

Nur zur Zeit der Manöver, woselbst die Kriegsähnlicbkeit ihren 
Höhepunkt im Dienstjahre erreicht, darf keinerlei Schonung eintreteu, 
auch darum nicht, um dem gemeinen Reiter davon einen Begriff zu 
geben, welches Maß hoher Leistungen er im Bedarfsfälle seinem 
Pferde abfordern kann. Im übrigen ist eine gewisse Schonung der 
Pferde stets am Platze und eine unabweisbare Pflicht der Vor- 
gesetzten behufs Erhaltung eines kriegstUchtigen Pferdebestandes. 

Hierzu ist ebenfalls anzuraten, während der Exerzierperiodeii in 



Wie die Ktvallerie exerzieren eoU. 



321 



der Woche außer am Sonntag noch einen zweiten Ruhetag abzn- 
halten. Man wende hiergegen nicht ein, man könne ja, unter Ver- 
teilung desselben Maßes von Anstrengungen statt 5 auch 6 Exerzier- 
tage auf die Woche legen. Dies ist ein Trugschluß. Ein Tag voll- 
kommener Robe bekommt jedem Organismus besser, als tägliche, 
wenn auch geringere Anstrengung. Wer dies nicht glauben sollte, möge 
es am eigenen Leibe bei Gelegenheit einer Bergtour ansprobieren. 

Mit der Zeit der täglichen Dauer der Exerzierttbnngen hat man 
weniger zu kargen, als mit derjenigen der Reprisen in scharfer 
Gangart. Frische Luft bekommt den Pferden stets wohl, weshalb 
man sie ohne Nachteil 3 — 4 Stunden ans dem Stalle ziehen kann. 

Da die Leute und die Pferde bei kaltem Wetter nicht viel beim 
Exzerzieren lernen können, weil sie frieren, tut man gut, im gegebenen 
Falle etwas später auszurUoken, wenn die Kälte bei steigender 
Sonne bereits nachläßt. 

Dieses Verfahren läßt sich sehr wohl mit dem übrigen Dienst- 
betrieb der Truppe vereinigen, wenn man bereits vor dem Aus- 
rücken zum Exzerzieren eine Dienststnnde abbält. Keine Kavallerie- 
truppe sollte je ihre Exerzierperiode beginneo, bei der nicht bereits 
der Dienstunterriebt die nötige Bekanntschaft der Zugführer, Unter- 
offiziere und Mannschaften mit ihren Obliegenheiten beim Exerzieren 
herbeigeführt bat. Solche spart viel Pferdefleisch und vielen Ärger. 
Sie besteht in der Kenntnis des Reglements, soweit dieses die 
Unterführer und die Mannschaft angeht, und außerdem gewisser 
Exerzierpointen, welche am besten in den durch Vollard-Bockelberg 
beransgegebenen Instruktionen des verstorbenen General Karl von 
Schmidt nachznlesen sind. Solche waren früher ungeschriebenes 
Gemeingut der Kavallerie; in neuerer Zeit werden sie nicht überall 
genügend beachtet, obgleich sie von unzweifelhaftem Nutzen sind. 

Hat der Dienstnnterricht nach dieser Richtung gehörig vor- 
gearbeitet, so sind die früher vielbeliebten Pferdeevolntionen, eine 
Imitation des Exerzierens zu Pferde, übrig. 

Noch ein Wort über das Fnßexerzieren der Kavallerie. Im 
allgemeinen erfreut sich dieses keiner besonderen Beliebtheit bei der 
Reiterwaffe. Es wird von ihr oft nur als das Mittel angesehen, 
die Tmppe des Sonntags anständig nach der Kirche zu führen. 
Und dennoch sollte man bei der Kavallerie das Fnßexerzieren als 
Mittel zur Erlangung nnd Erhaltung der Exerzierdisziplin nicht unter- 
schätzen. Freilich, znr Einübung des verpönten „langsamen Schrittes“ 
darf es nicht ansarten, auch darum, weil dieser der reglementarischen 
Begründung ermangelt. 



Digitized by Google 




322 



über Wesen und Wert der Bezirkskommindos. 



XIX, 

über Wesen und Wert der Bezirkskommandos. 

Unter allen militärischen Anstalten, deren Anfgabenkreis ge- 
treulich mit dem Grölserwerden der Armee Schritt gehalten, ohne 
dafs sie sich in gleichem Malse einer Erhöhung ihres Ansehens oder 
erhöhter Wertschätzung zu erfreuen gehabt hätten, stehen die Land- 
wehrbezirkskommandos, die Mädchen für alles im fleeresbaushalte, 
obenan, von deren Bedentnng für die Armee die wenigsten einen 
klaren Begriff haben nnd deren Geschäftslast nicht einmal den nächst 
Vorgesetzten Behörden in ihrem vollem Umfange bekannt ist. 

Nor in grolsen Strichen gezeichnet, geht solche ans nachstehender 
Erwägung hervor: 

Der Endzweck aller militärischen Tätigkeiten, der Vorbereitungen 
wie Vorübungen hierzu ist die Niederwerfung des Gegners; vor dem 
Aufmärsche aber zu diesem Endzwecke hat das Sammein der Heeres- 
körper, das Ergänzen der Truppenteile, die Auffüllung der Friedens- 
stärken auf die Kriegsstärke, die Aufstellung neuer Kriegsformationen 
zu geschehen nnd hierzu bedürfen die höheren Kommandostellen und 
Truppenteile in ungleich höherem Mafse der gewissenhaftesten nnd 
peinlichsten Verarbeitung nnd Vorbereitung ihrer Exekntivorgane, der 
Landwehrbezirkskommandos, als solches schon die alljährliche Heeres- 
ergänznng beansprucht. Die Landwehrbezirkskommandos führen zu 
dem oben gekennzeichneten Endzweck nicht den aerariseben Stiefel, 
oder den militärischen Kock, den die Offiziere der Bekleidnngsämter 
hierzu bereit stellen, sondern den Wehrmann in militärischer Disziplin 
selbst von seiner Berufsarbeit hinweg ans der friedlichen Stätte des 
Berufes der Heimat den Reihen des mobilmachenden Heeres zu. 
Ohne Landwehrbezirkskommandos oder ähnliche Ersatzinstitute ver- 
mag auch die bestgeschulteste Armee, das bestdisziplinierte Heer in 
der modernen Zeit sich nicht mehr zu ergänzen, sich nicht wieder 
aofznfOllen. Die Bezirkskommandos sind schier in gleich hohem 
Grade Stützpfeiler der mobilen Armee geworden, wie solches die 
Truppenkörper selbst sind. 

Um dies aber sein zu können, um Auffüllung und Nacbschafiung 
des persönlichen Gefecbtsmaterials bis auf den letzten Mann betätigen 
zu können, ist es aber nach der einen Seite bin notwendig, jedem 
einzelnen Militärdienstpfiiehtigen bis in sein landstnrmpflichtiges Alter 
auf Schritt nnd Tritt durch sachgeniäfse Kontrolle auf dem Hacken za 



Digilized by Google 




Ober Wesen and Wert der Beürkskommandos. 



323 



bleiben and ihn in militärischer Disziplin zn erhalten, anderseits 
durch sacbgemäTse Vormnsternng sich schon im Frieden eine ge- 
wissenhafte Yorscbalnng znr selbständigen Anshehnng im Ernstfälle 
ZD verschaffen. 

Anlser diesen drei nmfangreicben und änlserst wichtigen 
Oienstessparten Mobilmachangsvorarbeiten, Kontrolle nnd Heeres- 
ersatz kommt den Bezirkskommandos noch eine sehr gewichtige An- 
teilnahme am Ersatz der Offiziere des Bearlanbtenstandes, also des 
greiseren Teiles der Führer in vorderster Gefechtslinie im Ernstfälle 
zn and ist neben der Wahl zn Offizieren deren standesgemälse Weiter- 
erziebnng and fortgesetzte militärische Einwirkung auf solche mit 
eine der Baaptanfgaben der Bezirkskommandos, welche am so be- 
deutender wird, als die Zahl der unter ihrer Hanpt- oder Neben- 
kontrolle befindlichen Offiziere zanimmt. 

Ganz and gar nicht zn nntersebätzen ist auch die Bearbeitung 
and Vorlage der Bitten and Gesnebe der zahlreichen inaktiven 
Offiziere sowie die Ansfertignngen für Witwen nnd Waisen aller im 
Bezirke wohnhaft gewesener Offiziere, Arzte and Beamte. 

Mit Inkrafttretnng des Reichsgesetzes vom 31. Mai 1901 endlich 
Uber Versorgang der Kriegsinvaliden and deren Hinterbliebenen, 
sowie des neaen Mannschafts versorgnngsgesetzes vom 31. Mai 1906 
ist den Bezirkskommandos eine Arbeitslast zagefallen, deren Umfang 
nicht einmal von der znnächst Vorgesetzten Brigade sicher eingesebätzt 
werden kann, nachdem weitaas die Mehrzahl der einlaofenden Gesache 
in eigener Kompetenz des Bezirkskommandos abgewiesen wird, während 
die für höheren Orts znr Entscheidnng geeigneten Vorlagen auch 
direkt den Generalkommandos etc. zngestellt werden. Alle diese 
Aafgaben zasammengenommen läfst der Wirknngskreis der Bezirks- 
kommandos in vielfacher Hinsicht die berechtigte Anschaunng des 
Wbkangskreises eines Reg^mentskommandos and darüber hinaus zu 
and hat dem auch bereits die Militärverwaltung dadurch Rechnung 
getragen, dafs sie die Kommandeure der Landwehrbezirke mit den 
Straf kompetenzen eines Regimentskommandeors ansstattete. Endlich 
darf nicht unerwähnt bleiben, dals die Zahl der Bezirkskommandos 
im Verhältnis zu den nenanfgestellten Truppenteilen hinter der nor- 
mativmäfsigen zurückgeblieben und z. B. in Bayern bei einem Stande 
von 3 kompletten Armeekorps nur 32 statt 48 Bezirkskommandos 
anfgestellt sind. 

Mit dieser Bedeutung der Bezirkskommandos als Grundpfeiler 
der Mobilmachung und mit dieser das ganze militärdienstpflichtige 
Lebensalter aller nicht berufsmälsig dem Soldatenstande Angehöriger 
ausdauernden Wirksamkeit der Bezirkskommandos steht aber sehr 



Digilized by Google 




324 



Über Wesen tmd Wert der Bezirkskommandos. 



im WiderBprnch das änfsere Ansehen, welches diese hochbedeutsamen 
and hochwichtigen Institute sowohl im militärischen, als auch im 
bürgerlichen Leben geniefsen und welches mit derem Wirkungskreise 
nnd ihrer Bedeutung nicht vereinbar ist. 

Jedem Amte drückt nicht allein die Persönlichkeit des Amts- 
leiters und seiner Organe, sondern auch der Dienstrang desselben, 
der Titel und alles, was zu äufserem Ansehen beizutragen vermag, 
nicht zum mindesten die Geldentlohnnng den Grad seiner Wert- 
schätzung auf und kann man es den Laien nicht verübeln, wenn er 
den Bezirkskommandos eine untergeordnete Bedeutung zuschreibt, 
nachdem die Organe desselben, soweit sie in Offiziersstellnng befind- 
lich, lediglich pensionierte in Wiederverwendung befindliche Offiziere 
sind, während die mehr in administratives Gebiet einschlägigen Be- 
kleidungsämter auch nach Auflösung der Ökonomiehandwetker- 
kompagnien und deren Ersatz durch Zivilhandwerker nach wie vor 
— den Laien wie Offizieren gleich unverständlich — von aktiven (Front)- 
Offizieren geleitet und verwaltet werden. 

Diese nicht wegzulengnende Tatsache eines Geringereinschätzens 
der Bezirkskommandos ist aber umso weniger angczeig^, als hierdnrcb 
den Offizieren des Beurlaubtenstandes gerade bei gemeinsamer Be- 
arbeitnng der schwierigsten Standesangelegenheiten Vorsitzende 
erwachsen, denen in ihren Augen der Vollbegriff militärischer Erst- 
klassigkeit — durch Nichtzugehörigkeit zum aktiven Dienststande 
nämlich — mangelt. Ein Umstand, der auch den sonstigen Angehörigen 
des Beurlaubtenstandes gegenüber besser anders geregelt würde, nnd der 
um so störender wirkt, als ja gerade die Bezirkskommandos diejenigen 
militärischen Behörden sind, welche am meisten mit den Zivilbebörden 
arbeiten, ja vielfach Hand in Hand mit ihnen gehen müssen. 

Aber auch in militärischen Kreisen ist das Verständnis der 
Arbeit nnd der Aufgaben der Bezirkskommandos ein änfserst ge- 
ringes nnd engbegrenztes, denn nnr der Infanterieoffizier, der einst 
dort Adjntantendienste verrichtete, vermag ihre Bedeutung richtig 
einzuschätzen, dem jüngern Oifizierkorps der anderen Waffen bleibt 
hingegen solche fast völlig verborgen nnd erst in hoher General- 
stellung erhalten die Angehörigen derselben einigermafsen Einblick 
in den Dienstbetrieb der Bezirkskommandos. 

Was nnn den Titel nnd die Amtsbezeichnng der Vorstände nnd 
beigegebenen Offiziere anbelangt, so ist bei Licht betrachtet der 
Titel n^sjör z. D. nnd Bezirkskommandenr“ oder „Hanptmann z. D. 
und Bezirksoffizier“ ein sich widersprechender, denn der Besitzer 
einer etatsmäisigen Stelle ist eben nicht mehr zur Zeit „zur Ver- 
fügung stehend“ und ist der Zusatz z. D., mag er nun einen histo- 






Ar - 



über Wesen und Wert der Bezirkskommandos. 



325 



rischen oder sonstigen Hintergrund haben, znm allermindesten sinn- 
störend nnd trägt nicht znr Erhöhung des Ansehens bei. 

Ebenso deprimierend ist auch die Geldentlobnnng. 1080 Hark 
jährlich för den Bezirkskommandenr nnd 720 Mark für den Bezirks- 
oflizier gibt als nicht pensionsbereohtigte vorübergehende Zulage einen 
Monatslohn von 90 bzw. 60 Mark oder ein Taggeld von 3, bzw. 2 Mark 
(ein etwas klägliches Taggeld für einen Stabsoffizier mit 30 und 
mehr als 30 Dienstjahren). 

Diese Anschauung mag auch das Motiv fllr den hochherzigen 
Heichstagsabgeordneten gewesen sein, der im Vorjahre dafUr plaidierte, 
diese Offiziere mit den Offizieren der Bekleidnngsämter in ein unter 
sich rangierbares nnd avancierendes Offizierkorps mit Aktivitäts- 
bezttgen znsammenznfassen, ein Vorschlag, der jedoch bei den Ver- 
tretern der Kegiemng ani keine Gegenliebe stiels. 

Gleichwohl wurde aber die nähere Zugehörigkeit der in Wieder- 
verwendung stehenden Offiziere zn den Offizieren des aktiven Dienst- 
standes regiernngsseits dadurch festgelegt, dafs man solchen in bezug 
auf die Zahl der Dienstjahre die Errungenschaft des neuen Offiziers- 
pensionsgesetzes 1906, das ist 5 Pensionssechzigstel mehr znerkannte, 
ohne ihnen jedoch die Aufbesserung des heutigen pensionsfähigen 
Oiensteinkommens zn gewähren, mit einem W'orte, dafs man sie znr 
Hälfte an derPensionsaufbessemngder aktiven Offiziere teilnehmen liels. 

Unter den Gründen, die gegen die Überführung der Offiziere 
der Bezirkskommandos, sowie der übrigen Offiziere z. D. in Wieder- 
verwendung in den aktiven Stand sprachen, wurde ebenso von Seite 
der Militärverwaltung die Unmöglichkeit angeführt, Offiziere, welche 
als felddienstunfähig anerkannt worden, nicht wiederum als felddienst- 
tauglich bezeichnen zn können, ln welchem Grade aber die Feld- 
diensttanglicbkeit bzw. die oft über Nacht entstandene Felddienst- 
nnfähigkeit von 90 "/o der hier einschlägigen Offiziere einznschätzen ist, 
ist in weitesten Kreisen durchaus kein Geheimnis mehr nnd dafs 
eine nachträgliche Einschätzung regiernngsseits als felddienstfähig 
keine Unmöglichkeit ist. dafür liegt ein ganz eklatanter Präcedenz- 
fall in optima forma vor. 

Im Jahre 1868 nämlich wurden bei Reorganisation der bayerischen 
Armee die Kommandeurstellen der neu errichteten 32 Bezirks- 
kommandoB von Hause ans nur durch aktive Offiziere besetzt, ja 
eine Anzahl als besonders tüchtig erkannter Offiziere des Pensions- 
standes znr Besetzung solcher Stellen eigens reaktiviert, eine Mafs- 
regel, welche sich bewährte nnd erst lange nach beendetem Kriege 
im Jahre 1874 in Hinblick auf die durch die Versailler Verträge 
geforderte Übereinstimmung anfgegeben wurde. 



Digitized by Google 




326 



Über Wesen and Wert der Bezirkskonuntndos. 



Die weiters in iinanzieller Hinsicht rorgebracbten Bedenken 
waren ganz geringfügiger Natnr und batten insbesondere keine 
Nachfolgen anf Mehrung der Heeresansgaben znm Hintergmnde. 

Dagegen würden sich mit der Übernahme der Offiziere der 
Bezirkskommandos und der sonst in Wiederverwendung stehenden 
Offiziere z. D. sehr wertvolle Vorteile organisatorischer Natnr ergeben 
haben. 

Vor allem würde die Zwitterstellnng der Offiziere z. D. in den 
unteren und mittleren Offizierschargen und mit ihr ein Rattenkönig 
von in den verschiedenen selbständigen Kontingenten ganz ver- 
schiedenartig gelagerten Rechtsverhältnissen nnd ganz verschieden- 
artig gehandbabten Bestimmnngen über Ernennungen, Rangerböhnngen 
nnd Wiederverwendung nsw. verschwinden. Die ÄnffÜhrnng aller 
dieser Verschiedenheiten im Rahmen des deutschen Reichsheeres 
würde den Umfang vorliegenden Artikels weit überschreiten; es sei 
deshalb hier nnr ganz knrz des Wesentlichsten gedacht. 

Während in Bayern sich der Offizier z. D von den Offizieren 
a. D. mit Erlaubnis znm Tragen der Uniform nnr dadnrcb unter- 
scheidet, dals ihm bei der Verpflichtnng znr Gestellnng im Ernstfälle 
neben dem Rechte znm Tragen der Schärpe bei festlichen Gelegen- 
heiten nur noch die Aussicht auf Wiederverwendung in einer den 
inaktiven Offizieren offengehaltenen etatsmäfsigen Stelle oder im 
Militärverwaltnngsdienste znstebt — andere Dienststellnngen hat 
weder der bayerische Staatsbanshalt noch der Kommnnalbanshalt für 
inaktive Offiziere zugänglich gemacht — bat im prenfsischen Heere 
nnd den norddeutschen Kontingenten der Offizier z. D. gesetzlichen 
Anspruch auf Wiederverwendung in allen den inaktiven Offizieren 
geöffneten Stellen des prenfsischen Heeres- Staats- nnd Kommunal- 
banshaltes nnd ist für sein Einkommen nnd Frivatvermögen von allen 
Staats- nnd Kommunallasten befreit. 

Bezüglich der Wiederverwendung znm Bezirkskomraandenr etc. 
aber darf auch noch bervorgehoben werden, dals im prenfsischen 
Heere der hierzu Designierte lautlos unter Stellung z. D. znm 
Kommandeur eines Bezirkskommandos hinttbergleitet, vielfach unter 
sofortiger Cbarakterverleihnng der nächsthöheren Charge nnd, wo 
erforderlich, nach im Aktivitätsvcrbältnis erfolgter Information, während 
in Bayern der Betreffende nach eingereicbtem Abschiedsgesuch einfach 
z. D. gestellt wird dann 3 — 4 Jahre mit einfacher Pension in der 
Tat zur Verfügung steht, darauf die Information an seinem neuen 
Bestimmungsorte, meist einer fremden Stadt, anf seine Kosten dnrch- 
znmacben hat nnd erst nach durcbgemacbter Information nnd Frei- 
werden der Stelle definitiv ernannt wird. Eine Cbaraktererböhnng 



Digitized by Google 




über Weaen und Wert der Beitrkakommuidog. 



327 



gleichzeitig mit der z. D.-Stellang ist aasgeschlossen nnd erfolgt 
eine solche erst dann, wenn er etwa 1 Jahr lang in seinem neuen 
Wirkungskreise entsprechende Dienste geleistet, also 4 — ö Jahre 
später. 

Mit ÜbertUbrung der in Wiederverwendung stehenden Offiziere 
in ein aktives Offizierskorps nach Art des z. Z. noch fOr die Korps- 
bekleiduugsämter bestehenden würden der Militärverwaltung rund 
850 Offiziersstellen mehr vom Oberleutnant bis zum Obersten zur 
Verfügung stehen; durch diese Stellenvermehmng nnd die Natur der 
Stellen, welche gleichwie bei den Korpsbekleidnngsfimtem eine 
Fronttätigkeit ausscbliefsen, würde eine Reihe von sehr tüchtigen 
Offizieren, deren Gesundheit unter den Einflüssen der Fronttätigkeit 
in mehr oder minder grölserem Grade gelitten, noch lange der Armee 
erhalten bleiben können, ohne dem Pensionsfonds vorzeitig zur Last 
zu fallen, und hierdurch würde der Existenzsicherheit des Offiziers- 
berufes ein festeres Rückgrat geschaffen, welches hinwiederum zur 
Hebung des Andranges zur Offizierslaufbahn vielleicht in demselben 
Mafse beitragen würde, als solche regiernngsseits durch den Hinblick 
auf das neue Offizierspensionsgesetz erwartet wird. Die Überführung 
der Offiziere der Bezirkskommaudos und der sonst z. D. stehenden 
and in Wiederverwendung befindlichen Offiziere würde also nicht, 
wie die althergebrachte Tradition über Offizierskarriere zu Unrecht 
vermutet, eine Schädigung des aktiven Offizierskorps, sondern eine 
sehr einschneidende Förderung desselben bedeuten und grölsere 
Existenzsicherung für die Zukunft herbeizuführen imstande sein. 
Einmal angeschnitten, wird diese von den weitesten Kreisen als 
vollberechtigt angesehene Frage immer wieder von neuem gestellt 
werden, wenn sie auch vorerst noch keine .\ussicht auf Lösung 
verspricht und der Major z. D. und Bezirkskommandenr noch lange 
in den Listen weiterfignrieren wird. 

Solange aber dieser, man darf wohl jetzt schon sagen, für die 
Dauer unhaltbare und das Dienstansehen der Landwehrbezirks- 
kommandos stark beeinträchtigende Zustand, noch fortbestehen wird, 
wird auch immer wieder unter der Zahl der Härten des neuen 
Offizierspensionsgesetzes das Unterlassen der Pensionsfähig erklämng 
der Stellenzulage der in Wiederverwendung befindlichen Offiziere 
z. D. empfunden werden, als dem einzigen Mittel der Dienstzulage 
den Charakter eines kärglichen Tagegeldes zu nehmen und dem 
einzigen Mittel, der treuen Pflichterfüllung unter erschwerten Um- 
ständen wenigstens nach definitiver Zurruhesetzung die verdiente 
Anerkennung unentwegter Dienstleistung zuteil werden zu lassen, 
damit diese treu und gewissenhaft weiter dienenden Offiziere 



Digilized by Google 




328 °Bne Vorsohrift ftir den Gebrtuoh der Signalflaggen in der Armee. 

nach ihrem Ausscheiden in ihren PensionshezUgen nicht hinter jenen 
zurtlcksteben mttssen, die unter gänzlicher Losreilsnng von allen 
militärischen Verpflichtungen in anderen Ämtern, die sie nur ihrer 
früheren militärischen Tätigkeit zu verdanken bähen, ein gesicherteres 
Unterkommen gefunden. 



XX. 



Die neue Vorschrift für den Gebrauch der Signalflaggen 
in der Armee. 

Von 

Gente, 

Oberleutnant im 2. Lothringischen Infanterieregiment Nr. 131. 



Die Armee besitzt jetzt den Entwurf zu einer neuen „Vorschrift 
für den Gebrauch der Signalflaggen“. Es bleibt jedoch vorläufig 
noch den Generalkommandos und obersten Waifenbehürden über- 
lassen, in welchem Umfange sie die Ansbildnng der Signaltmppe 
nach der neuen Vorschrift erfolgen lassen wollen. Bestimmung ist 
nur, dals in mindestens sechs 6 Infanteriebataillonen, einem Ka- 
vallerie- und einem Feldartillerieregiment jeden Armeekorps die 
Signalisten nach der neuen Vorschrift ansgebildet werden. 

In derselben Verfügung wird Uber die bisher mit dem Signa- 
lisieren mit Flaggen im allgemeinen gemachten Erfahrungen gesagt: 
„Ans den Berichten der Generalkommandos und obersten Waflfen- 
behOrden über die Erfahrungen, die mit den durch A.K.O. vom 
27. Januar 1903 eingeftthrten Winkerflaggen gemacht worden sind, 
ergibt sich, dals diese Flaggen ein wertvolles Mittel zur Nachrichten- 
nnd Befehlsübermittinng, namentlich im Vorpostendienst, Festungs- 
krieg, bei ungangbarem oder bergigem Gelände, bei breiten Ge- 
wässern, im technischen Dienst der Pioniere und bei der Artillerie 
als Ersatz beim Versagen des Fernsprechers bilden.“ 

Zorn 1. November 1907 siebt das Kriegsministerium Berichten 
darüber entgegen, wie sich die neue Signalisiermethode bewährt bat. 



Digilized by Google 




Die neue Vorscbritt für den Gebrauch der äigniüdafrgen In der Armee. 329 



Erst Dach diesem Termin aiso wird eine Entecheidang darüber ge> 
troffen werden, ob — und eintretenden Falles in welcher Form — 
das „zunächst versuchsweise anzuwendende“ Morsesystem statt des 
bisher Üblichen Semapborsystems endgültig eingefUhrt werden soll. 

Ein Nachteil, den die versuchsweise Einführung des neuen 
Systems mit sich bringt, ist der Umstand, dafs wir für die verhältnis- 
mälsig lange Übergangszeit von fast l'/i Jahren nun zwei ver- 
schiedene Systeme haben. Man wird infolgedessen jetzt mit der 
Möglichkeit zu rechnen haben, dafs sich die Signaltmpps zweier 
verschiedener Regimenter nicht mehr miteinander verständigen können. 
(Innerhalb des XVI. Armeekorps ist diese Möglichkeit dadurch aus- 
geschlossen worden, dafs die Signalisten sämtlicher l'rnppenteile nach 
der neuen Flaggenvorschrift ansgebildet werden.) 

Die bisherige Winkermethode hatte zweifellos Mängel. Diese 
sind zum Teil durch die Einführung des Morsesystems beseitigt 
worden. Dafür mnls man aber mit dem Morsesystem andere Nach- 
teile in Kaut nehmen. Die Frage, weichem von beiden Systemen 
nach Ablauf der für die neue Vorschrift gesetzten Probezeit der Vor- 
zug gegeben werden wird, läfst sich daher jetzt noch nicht ohne 
weiteres entscheiden. 

ln einer Besprechung der neuen Flaggenvorschrift in Nr. 72 
des M.W.Bl. wird gesagt, dafs durch das neue System die Aus- 
bildung im Signalisieren wesentlich vereinfacht und die Verwendung 
gleichartiger und kriegsmäfsiger gestaltet werde. Mögen die Vorteile 
des neuen Systems noch so grofs erscheinen, zu einem solchen Ur- 
teil berechtigen sie keinesfalls. Jeder Kenner des praktischen Signal- 
dienstes weils, dals das Signalisieren mit Morsezeichen bedeutend 
mehr Zeit erfordert als das bisher übliche Winken nach dem Se- 
maphorsystem. Es erfordert ferner bedeutend mehr Kraftaufwand, 
besonders bei Wind. Nicht nur weil die Anzahl der darznstellenden 
Zeichen drei- bis viermal so grofs ist wie bei dem alten System, 
sondern auch das Hin- und Herschwenken der Flagge zum Darstellen 
von Punkten und Strichen mehr Zeit und Kraft beansprucht als das 
einfache Halten der beiden Kahraenflaggen in bestimmten Stellungen. 
Eine Vereinfachung der Aushildnng kann schliefslich auch in dem 
Erlernen des systemlosen und daher schwerer zu behaltenden Morse- 
alphabets an Stelle des sehr einfach abzuleitenden Semaphoralphabets 
nicht gefunden werden. Von einer grölseren Gleichartigkeit im Sig- 
nalisieren aber kann wohl solange nicht gesprochen werden, als beide 
Systeme noch gleichberechtigt nebeneinander bestehen. 

Die in demselben Aufsatz dem Semaphorsystem zngeschriebenen 
Mängel — dals die Ausbildung nach dem alten System „ganz 



Digitized by Googic 




330 Vonehrift fUr den Gebraaoh der Sipialfliggen in der Armee. 

anfserordentlioh riel Zeit koste, sehr intelligentes Per- 
sonal beanspruche nnd nnansgesetzter Ubnng bedürfe, falls die Lente 
die mtlbsani erlernte Verständigung nicht bald wieder vergessen“ 
sollten — werden dnrch Einfttbmng des Morsesystenis gewifs nicht 
beseitigt. Sie werden eher vergröbert. Tatsächlich sind diese 
Mängel aber in der Praxis gar nicht so schan hervorgetreteu. In den 
Signalkompagnien der Marine werden gewandte Semaphorwinker io 
mnd 90 Unterrichtsstonden aasgebildet (12 Wochen lang täglich 
etwa eine Stande). Mehr Zeit forderten ancb die Bestiraranogen der 
alten Winkervorschrift (Ziffer 9 and 13) nicht. Anderseits aber 
läfst auch die neue Flaggenvorschrift von den in der alten Vorschrift 
gestellten Forderungen für die zar Aosbildang zu verwendende Zeit 
nichts ab. Die betreffenden Abschnitte sind sogar in den Ziffern 6 
and 13 der neuen Vorschrift wörtlich wieder mit anfgenommen 
worden. Die einzige Anforderang, die m. E. an die Intelligenz der 
Leute zu stellen war, war die, dafs sie einigermaben orthographbch 
richtig schreiben konnten. Bedlngang fhr die Taaglicbkeit zam 
Signalbten ist ferner natürlich, dafs die Leute nicht kurzsichtig sind 
und — was fllr die aus deu Grenzgebieten stammenden Mann- 
schaften noch in Frage kommt — dab sie die deutsche Sprache 
vollständig beherschen. Dab man auch die Gewandtheit im Ge- 
brauch der Morsezeichen schnell verliert, wenn man nicht dauernd 
in der Übung bleibt, weifs jeder, der telegraphieren gelernt hat. 
Selbst geübte Telegraphisten empfinden das nach längerem Aassetzen 
der täglichen Übung. Auch darin haben die Morsezeichen nichts vor 
den Semaphorzeicben voraus. 

* ♦ 

♦ 

Die unverkennbaren Vorteile der Einführung des neuen Systems 
liegen auf anderen Gebieten. 

Ein grober, wenn auch indirekter Vorteil derselben bt zunächst 
schon die gröbere Verbreitung der Kenntnis der Morsezeichen in der 
Armee. Sie kann im Kriege, besonders im Festungskriege, bei den 
verschiedensten Gelegenheiten von grofsem Nutzen sein. Weitere 
bedeutende Vorteile des neuen Systems sind: die Möglichkeit der 
Signalverständigung auf gröisem Entfernungen als sie mit dem 
Semaphoralphabet bbber möglich war (7 km gegen 3 km); die 
Möglichkeit einer einfachen Signalverständigung auch bei Dunkelheit. 
Diese Möglichkeit ist besonders wichtig fUr die Verwendung der 
Signaltmpps im Vorpostendienst, in welchem die Trapps sich bisher 
schon (bei Tage) gut bewährt hatten. Schliefslicb ist nach Einfllhrung 
des neuen Systems für den Fall des Zusammenwirkens von Armee 



Digitized by Googic 




Die nene VorBcbrift für den Gebranob der Signalflaggen in der Armee. 331 

ood Marine eine gegenseitige Signalverstäudignng auch bei Dunkel* 
heit möglich. Bei Tage war eine solche Verständigung bisher schon 
gesichert, da die Marine nach beiden Systemen signalisiert. Das 
Morsealphabet ist für das Signalisieren mit Flaggen bei der Marine 
erst verbältnismälsig spät — vor etwas Uber 2 Jahren — eingefllhrt 
worden, nnd zwar hanptsächlich fUr die Landttbnngeii. 

ln dem Artikel Signalisieren mit Winkerflaggen in den 

hentigen Armeen“ im Jnniheft dieser Zeitschrift war gesagt worden, 
es sei ein merkwürdiges Znsammentreflen, dals fast um dieselbe 
Zeit, als wir das Signalisieren mit Flaggen nach dem Semaphor- 
system von der Marine tlbemahmen, diese selbst für ihre Laud- 
Ubnngen das Signalisieren nach dem Morsesystem einfllhrte. Man 
geht wohl nicht fehl in der Annahme, dafs die von der Marine mit 
dem „Morsen“ gemachten Erfahrungen mitbestimmend fUr die Ein- 
fühmng des Morsesystems auch in der Armee waren. Für die Marine 




Abb. 1. 

trifft auch voll nnd ganz das zu, was in der EiufUhrungsverfügung 
für die nene Vorschrift Uber das Signalisieren im Knien und Liegen 
gesagt wird. Denn mit den beiden losen Flaggen — wie sie die 
Marine im Gegensatz zu den bei der Armee verwendeten Kabmen- 
flaggen auch für das Winken nach dem Semaphorsystem benutzt — 
ist ein Winken im Knien mit Schwierigkeiten verbunden, im Uegen 
aber Überhaupt unmöglich. Einer der Mauptvorteile der, im Gegen- 
satz zu den losen Flaggen der Marine, fUr die Armee eingeftlhrten 
Kahmenflaggen war daher die Möglichkeit, auch im Knien nnd Liegen 
ohne Schwierigkeiten signalisieren zu können. Wie das Signa- 
lisieren im Knien und Liegen auszufUbren war, ist in der Ful'snote auf 
Seite 647 des Jnniheftes 1906 gesagt worden. Tatsache ist, dafs diese 
Möglichkeit nicht Überall in der Armee bekannt war. (Vergl. Abb. I.) 

Verwendete man für die im Gefecht am häufigsten wieder- 
kehrenden Befehle noch die nach Anlage I Ziffer 7 der W.V. ge- 



Digitized by Google 



332 Vorschrift für den Gebrauch der Signalflaggen in der Armee. 

statteten einfachen Zeichen — z. B.: s für „sammeln", h für „halten“, 
z fhr „zarilckgehen" n. a., so konnte man damit eine Signalrerbindnng 
fUr das Gefecht schaffen, wie sie einfacher, deutlicher nnd schneller 
nicht gedacht werden kann. 

Die in der neuen Signalvorschrift fttr diese Fälle eingeftthrten 
Abkilrzongen') werden durch die Wiedergabe in Horsezeichen rer- 
hältnismäfsig lang. Die Darstellung einer einzigen dieser Abkürzungen 
erfordert sechs bis zwölf aufeinanderfolgende einzelne Morsezeichen. 
Sie setzen ferner auf Seite des Empfängers immer schon einige 
Übung im Lesen der Morsezeichen voraus, während die wenigen 
charakteristischen Semaphorzeichen leicht sich dem Gedächtnis jedes 
Mannes einprägten. Zn Hilfe kommt der neuen Signalvorschrift hier 
das neue Exerzierreglement (Ziffer 11), das eine Anzahl von Sigual- 
zeichen einfuhrt, deren Kenntnis von sämtlichen Offizieren nnd Mann- 
schaften gefordert wird. Diese Signale bestehen ans einfachen, mit 
dem Arm oder der Wafle gemachten Zeichen z. B. für „vergehen“ 
— hochheben eines .\rmes; für „halten“ — hocherhobenen Arm 
senken; für „sammeln“ — mit dem Arm einen Kreis Uber dem Kopf 
schlagen nsw. Selbstverständlich dürfen diese Zeichen auch mit der 
Signalflagge gemacht werden, wenn sie auch in der Fl.V. nicht aus- 
drücklich erwähnt werden. Sie werden in vielen Fällen sogar den 
anderen vorznzieben sein, da sie 1. kürzer sind als die in der Fl.V. 
anfgefübrten, 2. den grofsen Vorteil haben, dafs sie nicht nur den 
Signalisten, sondern jedem Manne der Truppe bekannt sind. 

Das neue Exerzierreglement für die Infanterie verweist an ver- 
schiedenen Stellen auf die Notwendigkeit bzw. Möglichkeit der An- 
wendung von Signalzeichen für die Befehls- nnd NachrichtenUber- 
mittelung im Gefecht (vgl. Nr. 11, 12, 209, 221, 278, 328, 345, 378, 
405, 447). Die Bestimmungen des Exerzierreglements Uber das Sig- 
nalisieren mit Flaggen beziehen sich aber alle noch auf die alte Winker- 
vorschrift (vgl. z. B. Zifter 12 vorletzter und letzter Absatz). Nur 
die in der Fl.V. für den Gefechtsverkehr neu eingeführten AbkUrznngea 
haben auch im Exerzierreglement Aufnahme gefunden, jedoch auch 
mit einem Zusatz, der auf dgs Winken nach dem alten System Bezug 
nimmt. Eine weitere auf den Signaldienst bezugnehmende Be- 



') „Vorgehen“ = aaa (• — - • — • — ) 

„Eigenes Geschütz- 
feuer weiter vorlegen“ = ggg (, •) 

„halten“ = hhh ( 

„Munition erforderlich“ oder 

„Munition kommt“ = m m m (— — — — ) 

„Sturm steht bevor“ = s.ss (••• ••• ..•) 



Digitized by Google 




Die neue Vorschrift für den Gebrauch der Signalflaggen in der Armee. 333 

stimmuDg des neuen Exerzierreglements ist die, dafs in Zukunft auch 
die Spiellente im Signalisieren auszubilden sind (Exerzierreglement 
I. d. J. Ziffer 221, Fnlsnote). Die Fl.V. enthält darUher nichts. 

* * 

* 

Die neue Flaggenrorschrift bedeutet eine noch weitere Anlehnung 
an die englischen „Signalling Regnlations“ ') als sie in unserer bis- 
herigen Winkerrorschrift schon erkennbar war. Nicht nur die Farben 
und die Gröfsenverbältnisse ’) der Flaggen sind dieselben wie die im 
englischen Reglement vorgescbriebenen ; auch die Darstellung der aus 
der ..Fertigstellung“ (..Ready“! zu gebenden Zeichen tUr Punkt und 
Strich entspricht genau den „dot“ und „dash“ der englischen Vor- 
schrift*). 

Aus der Fertigstellung, in welcher der Signalist die Flagge in 
einem Winkel von 30’ zur Senkrechten links Uber dem Kopfe hält, 
wird ein Punkt dargestellt, indem die Flagge kurz in die ent- 
sprechende Lage auf der andern Seite des Kopfes und wieder zurück 
gebracht wird. 

Wenn in dem schon erwähnten .\ufsatz des M.W.Bl. gesagt 
wird: „Mit der Signalflagge wird, um .Punkte' zu zeigen, eine 
liegende o“ beschrieben“, so ist das eine Verwechselung. Der Sig- 
nalisierende mufs nämlich, um ein Anschlägen des Flaggentnches 
gegen den Stock zu verhindern, mit der Spitze des Flaggen- 
stocks eine Wellenbewegung machen, die etwa in Form einer 8 
länft. — Eine ähnliche Bewegung ist Übrigens auch beim Darstellen 
des „Strichs“ notwendig. — FUr das Auge ist diesa Bewegung auf 
den fUr das Signalisieren in Frage kommenden Entfernungen aber 
gar nicht bemerkbar. 

„Ein Strich wird dargesteilt, indem die Flagge ans der Fertig- 
stellung soweit nach rechts durchgeschlagen wird, dafs die Spitze 
des Flaggenstocke beinahe den Erdboden berührt. Nach kurzer, aber 
scharf bestimmter Pause in dieser Lage wird die Flagge kurz in die 
Fertigstellung zurtickgeschwenkt“ (Fl.V. Ziffer 15). 

Statt der bisherigen Farben rot und weife sind blau und weifs 
eingefUhrt; blau für hellen, weifs für dunklen Hintergrund. Für 
„flimmernde Luft“, „bläulichen Dunst“ nsw. fuhren die Signaltrnpps 

>) Nach MiUeilong des Verlages von Gale & Polden, Ltd. in Aldershot, 
sind die „Signalling Regnlations 1904“ schon wieder aufser Kraft gesetzt 
und durch eine neue Signidvorschrift ersetzt worden, die för den Buch- 
handel jedoch noch nicht freigegeben ist. 

*) 80 X 80 cm (unsere Marine hat 80 X 100 cm). 

*) Vgl. d. Abb. auf S. 638 des Juniheftes 1906. 

JftkrbQobvr flir die deateohe Amee ond Meriae Vr. 426. 23 



Digitized by Coogic 




334 Vonohrift fttr den Qebnioeh der Si^eUaj^gen io der Armee. 

aafserdem noch eine gelbe Flagge mit. ln der Praxis bat sieb 
gerade die gelbe Farbe in den meisten Fällen als die am besten 
erkennbare bewährt. 

Neu sind in der FI.V. auch die Interpnnktionszeichen : Punkt. 
Komma nnd Fragezeichen, welche die W.V. nicht kannte. Sie wniden 
bisher im praktischen Gebrancb manchmal rermilst. 

Mit Oenngtnnng wird allgemein die Nenantstellnng der Ab- 
kttiznngen begrUfst werden, deren bisherige Anordnung recht systemlos 
war nnd sich im praktischen Gebrauch häufig als nnzweckmälsig er- 
wies. Leider ist dadurch die Zahl der Abkürzungen von 100 auf 165 
gestiegen, was eine Erschwerung iUr die Ausbildung der Signalisten 
bedeutet. Für die, einem längst fühlbar gewordenen Bedürfnis ent- 
sprechenden, neueingeführten Abkürzungen eine Anzahl von weniger 
häufig gebrauchten Abkürzungen der alten Vorschrift ‘) zu streichen, 
hat man sich scheinbar nicht entschliefsen können. 

Der bisher in der W.V. enthaltene Satz (Anl. 1, 7), welcher 
gestattete, für besonders häufig wiederkehrende Befehle einfache be- 
sondere Zeichen zu verabreden, ist fortgefallen. Er ist nach der 
Nenanlstellnng des Abkürzungen Verzeichnisses anch überflüssig ge 
worden. Nur der Feld- nnd Fnfsartillerie ist es jetzt noch erlaubt, 
„besondere Zeichen nnd Abkürzungen“ zu haben. 

Für „Sammeln“ fehlt anch in der neuen Vorschrift eine Ab- 
kürzung. Einen in den meisten Fällen ausreichenden Ersatz bietet 
das in Ziffer 11 des Exerzierreglements f. d. J. dafür vorgesebriebene 
Zeichen. Dagegen gibt die neue FI.V. für „vergehen“ 2 Abkürzungen 
(aaa und vg),' was wohl nur auf ein Versehen znrückznf Uhren ist. 

Erwünscht wäre für das Signalisieren eine Bestimmung ähnlich 
der folgenden, in der Signalvorschrift für die Marine*) enthaltenen: 

„Wünscht der Signalgeber Kolationierung des Signals, so macht 
er nach Beendigung desselben „col“ (Kollationieren).“ (Vorschrift 
f. d. Signalisieren m. d. Deckswinker, Winkflaggen n. d. Nacbt- 
winker. § 4, 4.) Besonders empfiehlt sich das Wiederholen (Kol- 
lationieren) von Eigennamen, Zahlen nnd fremdsprachigen Ortsbe- 
zeiobnungen, wie sie im Osten nnd Westen des Reiches häufig sind. 



>) z. B. Aok = Amee-Oberkommando, 
Ml = Manöverleitung, 

M = Mörser, 

G = Garde, 

Genst = Generalstab, 

H = Haabitze. u. a. 

*) Auch in der englischen Vorschrift. 



Digitized by Google 



Die nette Vonobrift für den Gebranob der Signalflaggen in der Armee 335 

ErfahnugsmäTsig erleiden gerade diese — besonders bei längeren 
Signallinien — hänfig Verstttmmelnngen. 

* ♦ 

* 

Im allgemeinen wird man das neneingeftthrte Signalisiersystem 
als eben Fortschritt bezeichnen können wegen der schon angeführten 
Vorteile, welche die Kenntais des Morsealphabets im allgemeinen 
sowohl, als auch im besonderen für den Signaldienst bei Tage nnd 
bei Nacht, bietet. Diese Vorteile erscbeben bedeutend genng, nm 
es zn rechtfertigen, dafs man bretwegen die dem Morsesystem an- 
haftenden Mängel in Kauf nimmt. Erwägung verdient vielleicht die 
Frage, ob es sich nicht empfiehlt, neben dem Morsesystem ancb das 
Semaphorsystem weiterhin beizubehalten, d. h. sämtliche Signalisten 
nach beiden Systemen ansznbilden. Ebe soiche Doppelansbildnng 
haben die Engländer in der Armee nnd Marine, wir ebenfalls schon 
in unserer Marine. Ihr Vorteil ist der, dals man jedesmal das für 
die augenblicklichen Verhältnisse praktischere der beiden Systeme 
wählen kann. Ihr Nachteil ist die Erschwerung der Ansbildnng 
durch erhöhte Anforderungen. Vielleicht aber findet man auch hier 
eben Mittelweg; etwa den, ein drittes System herznstellen, das nach 
Möglichkeit die Vorteile beider Systeme in sich vereint, ihre Nach- 
teile aber ansschlielst. Die Franzosen haben den Versuch gemacht, 
eb solches System zn schaffen. Sie winken im allgemeinen mit 
zwei Rabmenflaggen nach dem Morsealphabet (vgl. Jnnbeft 
S. 640). Für besondere Fälle haben sie anlserdem neben dem 
Morsealphabet noch einige Semapborzeichen. 




Abb. II. 

Französischer Signalist .J’unkt“ signalisierend. 

Im Artikel XXXUI des Jnnibeftes 1906 ') war als sicher feststehend 
angenommen, dafs auch b der fortgeschrittenen japanischen Armee 
die optische Telegraphie in weitestem Malse bekannt sei nnd an- 

*) ,Das Signalisieren mit Winterflaggen in den heutigen Armeen.“ 

23 * 



Digitized by Google 




336 Vorachrift für den Gebraaoh der Signalflag^n in der Armee. 

gewendet werde (S. 641). Aach wurde eine Stelle ans der Broschüre 
des französischen Generals Cremer angeführt, io der gesagt war. dals 
die Japaner „weitgehendsten Gehranch von Flaggensignalen für die 
Befehls- und Nachrichtentthennittelnng gemacht“ hätten. 

Demgegenüber ist interessant, was der englische Generalleutnant 
Jan Hamilton darüber sagt, der beim Stabe der Ersten japanischen 
Armee den Krieg in der Mandschurei mitgemacht hat. Er schreibt 
in seinem sehr lesenswerten Buche über den Krieg: „A stafl officers 
scrap book during the Russo-Japanese war“ ‘) bei Beschreibung der 
japanischen Stellungen bei Fengbnangcheng (S. 173, 174): 

„Was die Anwendung der optischen Telegraphie angeht, können 
die Japaner noch viel von uns lernen. Das rechtzeitige Instellnng- 
bringen ihrer Geschütze bängt gänzlich ab von ihren Telepbonver- 
bindungen, Telegraphen oder Meldereitern. Da sie ihre Kavallerie 
weit Vorhaben, und es sich hier nur um eine Ausdehnnng von fünf 
(englischen) Meilen handelt, so ist augenblicklich kaum Gefahr, dals 
in dieser Beziehung etwas nicht funktionieren könnte. Aber auch 
die Vorposten haben keine Heliographen und selbst die Leute 
auf den Beobachtangsposten können nicht richtig signa- 
lisieren. Sie haben nur einige verabredete Flaggenzeichen 
wie z. B.: „Feindliche Kavallerie im Anmarsch“ u. ähnliche. 

Wenn hier eine englische Armee stände, würde sie in Helio- 
grapbeuverbindung mit der U. Armee and mit Korea sein, anstatt 
sich für diese Verbindungen — wie es die Japaner tun — auf ein 
so gebrechliches Hilfsmittel wie den Telegraphendrafat zu verlassen. 
Glücklicherweise sind die Russen keine Afridis oder Baren, nnd die 
Chinesen sind ihnen freundlich gesinnt. Sonst würden ihre Drähte 
wahrscheinlich an zwanzig verschiedenen Stellen in jeder Nacht dnreh- 
geschnitten sein.“*) 

') Edward Arnold, London 1900. 

’) Der gekennzeichnete Mangel in der japanischen Armee erklärt sich 
einigennafsen daraus, daCs auch die deutsche Armee, die bei den Japanern 
fast in jeder Beziehung als vorbildlich galt, die optische Telegraphie damals 
noch so gut wie nicht kannte. Anderseits aber galt die englische Armee, 
die gerade in dieser Beziehung wohl das Vollkommenste leistet und auf be- 
deutende Kriegserfolge zurückblicken kann, in den Augen der Japaner 
scheinbar recht wenig, wie das General Hamilton (S. 177 u. a. and. Stell.) 
in seinem interessanten Buche nuseinandersetzt — „In the estimation of 
the First Army (der .lapaner), England seems absolutely nowhere. Where 
the officers are at all touched by foreign influencc, that influence is eitber 
German or French. The former dass is the most numerous and the 
Clique belonging to it are nicknamed by their comrades eitber .Eaisermen* 
or, sometimes, „High Korrar“ (Japanese pronunciation of the En^ish words 
„Hight coUar“. 



Digilizeo by Goo<^le 



Umschau. 



337 



Umschau. 

Deutschland. 

In aosländiscben Zeitungen beschäftigt man sich viel mit dem Beendigung 
Zeitpunkt, an welchem die Umbewaffnung der deutschen Feldartillerie 
beendet sein wird und nimmt den 1. April 1908 als letzten Termin der Feld- 
daittr an. Neuerdings teilen deutsche Blätter mit, daß die Her- <>rtillerie. 
Stellung des neuen Materials derartig beschleunigt worden sei, daß 
schon am 1. April d. J. die sämtlichen Batterien mit neuen Ge- 
schützen und je einem gepanzerten Mnnitionswagen für jedes Geschütz 
versehen sein würden. Die neue militärischpolitische Korrespondenz 
bringt die Nachricht, daß Versuche mit neuen Kohrrücklanffeld- Neue Keld- 
haubitzen mit Schilden ausgeführt worden seien. Es wäre einem haubitzen. 
deutschen Hanse gelungen, die der Herstellung solcher Geschütze 
anhaftenden Schwierigkeiten zu beseitigen. Zweifelhaft sei noch, 
ob die Hanbitzbatterien in die Artillerieregimeuter eingereiht werden, 
oder ob sie unabhängige Abteilungen bilden sollen, oder ob man sie 
als Hanbitzregimenter formieren, oder ein besonderes Korps ans 
ihnen machen solle. Ans Einzelheiten kann man folgern, daß der 
Keichstag sich anschicken wird, umfangreiche Kredite für die Ver- 
mehrung der Artillerie zu bewilligen. Daß solche Versuche statt- 
fanden, war selbstverständlich; daß die Schwierigkeiten, welche 
der Übertragung des Kohrrücklanfprinzipes auf die Haubitzen ent- 
gegenstauden, in letzter Zeit glücklich überwunden, war bekannt. 

Ans dieser Verbfientliohnng wird man aber den erfreulichen Schluß 
ziehen dürfen, daß die amtlichen Versuche nunmehr zu einem Ab- 
schluß gelangt sind, so daß die Einführung von Kohrrücklanffeld- 
banbitzen nahe bevorsteht. ßh. 

Österreich-Ungarn. 

Vor einiger Zeit sind die Lafetten für die neuen Feldgeschütze Lafetten für 
im Betrage von rund 20 Millionen Kronen bestellt worden. Daran die neuen 
beteiligt sind das Kaiserliche Arsenal mit 3 — 4 Millionen, die Skoda- geschütze. 
werke mit 8 Millionen, und die Aktiengesellschaft Gebr. Böhler 
& Comp, mit 2 — 3 Millionen. Die staatlichen Eisenwerke in Dioszeg 
und die Montanwerke der Staatseisenbahngesellschaft in Reschitza 
— beide in Ungarn — teilen sich in den Auftrag von 6 Millionen 
Kronen für Ungarn. Die Ahliefernng der Lafetten soll im Sommer 
dieses Jahres erfolgen. 



Digitized by Google 




338 



Omsohia. 



In der Telegraphenschale des Eisenbahn- and Telegraphen- 
regünents in Kornenbarg bedient man sieb z. Zt. eines Motorzwei- 
rades mit Beiwagen, um das Legen von Leitongsdraht za beschlea- 
nigen. Die Einricbtnng ist von dem Chef des Telegraphenbareaos 
im Generalstab, Oberst Schleyer, erdacht worden. 

Motorzwei- Das Motonsweirad dient lediglich als Zagmaschine and der 
mit Pabrer hat sich nnr am seinen Weg and die Lenknng des Fahr- 

D6]WAflT0Xl ^ ^ 

^ ' Zeuges za bekümmern. An der Frontseite des Beiwagens, in welchem 
ein Mann sitzt, der das Verlegen des Drahtes besorgt, ist die Spale 
mit dem Leitangsdrabt befestigt. Das eine Ende des Drahtes wird 
mit dem Femsprech- oder Telegraphenapparat verbanden, der Draht 
au einen Baum nsw. gebunden und die Fahrt kann beginnen. 
Während derselben rollt sieb der Draht ab and der Leger legt ihn 
mittelst einer Gabel entweder auf die Krone der Bäame oder, wenn 
Bäume nicht vorhanden, in den Graben. 

Bei einer Übung vergingen vom Beginn derselben nur 12 
Minuten bis zum ersten Gespräch Ober eine 4 km lauge Strecke. Bh. 

(Wiener Mil. Ztg.) 

Italien. 

Neue Bei dem letz^äbrigen ManOver wurde eine neue, dem Kriegs- 

Bi'kleidi^ ministeriam von einem Herrn Briosebi ans Mailand vorgeschlagene 
rQstun<'. Bekleidung und AasrOstang versucht. 

Die gewählte graue Farbe der Bekleidang soll sieb in dem ge- 
birgigen Gelände am Gardasee gut bewährt haben, so daß anf 
400 m mit unbewaiTnetem Auge nicht za unterscheiden war, was 
sich an den Felsen bin und her bewegte. Ganz besonders hervor- 
zuheben ist aber die Leichtigkeit der AasrUstungstOcke. So wiegt 
zam Beispiel: 

Der neue Hut nnr 100 g gegen 450 g jetzt. 

„ , Gepäcksack nur 980 g „ 2350 g „ 

Die neae leere Patronentasche 350 g „ 850 g „ 

Ob aber die Haltbarkeit, RriegstOchtigkeit, Zweckmäßigkeit 
dieser leichten AasrUstangsstOcke den Anforderongen genUgt haben, 
ist leider nicht gesagt. Große Leichtigkeit ist im Interesse der 
Leute gewiß sehr wünschenswert; sie ist aber nicht allein aasschlag- 
gebend. Bb. 

Annee uacli Janoar 1907 setzte sich das Heer nach Jahrgängen wie 

Jahrgängen, folgt zusammen; 

A. Aktives Heer und seine Reserve Jahrgänge 188ö bis 
1878 aller Waffen außerdem Jahrgang 1877 der Kavallerie und 
Jahrgänge bis 1874 herunter der Artilleriearbeiter. 



Digitized by Google 



Cmseiuui. 



339 



B. Mobilmiliz (L&ndwebr) Jahrgänge L and II. Kategorie 1877 
bis 1874 außer Karallerie, Carabinieri. 

C. Landsturm (Territorialmiliz) Jahrgänge 1877 bis 1868 
aller Waffen an aasgebildeten Leuten, außerdem au unausgebildeten 
Leuten III. Kategorie die Jahrgänge 1886 bis 1868, die man aber 
nur als Schöpfquelle für Ersatztrappen betrachten kann. Dieser 
gewaltige Vorrat an ungeschälten Leuten III. Kategorie wird sich 
nicht unwesentlich Termindem, wenn der Kriegsminister, wie er in 
Kammer und Senat ja schon erklärt hat, das tou ihm bereits vor- 
bereitete Kekmtierangsgesetz demnächst eiubringt. Nach dem Be- 
richt Taverna im Senat bat der Kriegsminister dem Berichterstatter 
folgende Auskunft gegeben: Vom Jahrgang 1886 sind Herbst 1906 end- 
gültig zur Einstellung gelangt 81000 Hann, die sich aber durch Dienst- 
ontauglichkeit noch auf 7Ö000 yermindern werden. Von den Ein- 
gestellten hat man der Kavallerie, schon mit Rücksicht anf die 
Pflege der Pferde, und der Feldartillerie, schon mit Rücksicht 
anf die bevorstehende Ausgestaltung der Waffe, den vollen 
ihnen znstebenden Bedarf znweisen gemaßt. Die Übrigen Waffen 
haben daher allein den Ansfall tragen gemußt. Schon im ver- 
gangenen Jahre habe man daran! sinnen gemaßt, den Istbestand zu 
steigern und zwar durch Vermehrung der Leute, die 3 Jahre voll 
aasdienen, von 42**/o des Kontingents anf 64<>/o und in diesem Jahre 
bat man sie an! 68°/o gesteigert. Von dem Rekrntenkontingent 188U 
habe man der Infanterie rund 64000 Mann zngewiesen, davon 24000 
anf 3 Jahre. Die Dnrcbscbnittsiststärke der Kompagnien käme damit 
an! 78 Mann, nach Abgabe an Regiments- and Bataillonsstäbe anf 
76 and wenn man Barschen, Ordonnanzen, Schüler, Benrlanbte, 

Arretierte abrechne, an! 60 Mann. 

Ans der Rede des Kriegsministers im Senat ist zn ersehen, daß 
mit dem 1. Juli 1907 die Verteilung der neuen Infanterieans- 
ansrttstnng, die gründlich erprobt and festgestellt ist, an die ein- 
zelnen Korps beginnen und in einigen Jahren dnrchgefübrt sein 
wird. Im Senate bat übrigens, wie der Kriegsminister in Kammer 
und Senat, auch der Ministerpräsident Giolitti die Erklärung ab- 
gegeben, man werde baldigst eine derartige Änderung der Peusions- 
gesetze einbringen, die auch den Leutnants und Hanptienten gestatten, 
das Mazimnm der Pension zu erreichen, ehe sie wegen der Alters- 
grenze ansscbeideu. 

Als offiziell kann man die Angaben eines Werkcbens Uber das Neues Fdld> 
italienische Feldartilleriematerial 1906 bezeichnen, das der Kriegs- 
minister soeben publiziert bat und das zum Vergleich auch Daten 
Uber das üsterreichische Material 1905, das französische 1897, das 



Digitized by Google 




340 



UmsobMi, 



dentsche Material 1896 n/A, daa britische and schweizerische 1903 ent- 
hält. Zorn ersten Male wird darin offiziell nnd unter Beihringnng 
von Zahlen aasgesprochen, daß das neue italienische Material hinter 
keinem der anderen Mächte znrttckstehe, mehrere ron diesen aber 
in einzelnen Eigenschaften ttberträfe. 

Als besondere Eigenschaft des neuen Materials speziell fUr 
Italien nennt das Werkchen die glückliche Ldsnng des Kompromisses 
zwischen Wirkung und Beweglichkeit. Wenn das italienische 7,5 cm- 
Rohrrttcklanfgeschtttz an (übrigens voll genügender) ballistischer 
Leistung etwas hinter dem französischen zurückstehe, so werde das 
durch die größere Beweglichkeit nicht nur des ganzen Geschützes 
als Fahrzeug, sondern auch der ahgeprotzten Lafette wett gemacht. 
Im tthrigen stehen, nach dem genannten Werkchen, die Leistungen 
des Einzelschusses des italienischen Geschützes hinter keinem der 
anderen zurück. Sein Schrapnell enthält, abgesehen vom britischen, 
die größte Zahl von Fullkugeln und einen bis auf 6000 m reichenden 
Brennzünder und seine Pitringranate hat sich als sehr wirksam 
gegen widerstandsfähige Ziele aller Art und auch gegen schild- 
geschützte Batterien erwiesen. Das Kohrrücklaufsystem und seine 
Einrichtnngen, absolutes Stillstehen der Lafette, Kichtvorrichtungen 
(unabhängige Visierlinie, Panoramafernrohr, gleichzeitige Tätigkeit 
von 2 Leuten beim Kichten) Art des Ladens und der Munition 
sichern die größte Feuergeschwindigkeit. Die hinreichend großen 
4 cm besten Stahles dicken Schilde geben der Bedienung einen 
hoben Grad von Schatz. Wenn, so sagt der Minister, die abgeprotzte 
Lafette etwas schwerer ist, als die deutsche, so ist das Geschütz 
dafür auch ballistisch leistungsfähiger, ln bezug aut den Munitions- 
vorrat unmittelbar bei der Batterie übertrifit das neue italienische 
Material mit 312 Schuß bei der Batterie, alle übrigen und er- 
reicht das französische. Danach muß geschlossen werden, daß 
die mobile italienische Batterie nur mit 4 Geschützen er- 
scheint und wenn das der Fall ist, so wird man gezwungen 
sein, die Zahl der Batterien zn vermehren, da schon heute 
die Ausstattung des italienischen Armeekorps an Feldartillerie mit 
96 Geschützen keine sehr ausgiebige ist. 

Das Gesetz, betreffend Verbesserungen der Lage der Carabinieri, 
das wir in früheren Berichten schon berührten, ist vom Parlament 
angenommen, das Reglement für die Ausführung des Gesetzes, 
betreffend den Stand der Unteroffiziere, ist erschienen. 

Der das Rekrutiernngsgesetz für die Marine abändemde 
Gesetzentwurf ist vom Parlament angenommen worden. Nach diesem 
wird als Einstellungsjabr dasjenige betrachtet, in welchem die jnngen 



Digilized by Google 




Umsohao. 



341 



Leate das 20- Lebensjahr yollenden (irUher das 21). Bis znm 
31. Dezember mnB das Ansbebangsgeschäft beendet sein. Die Ein- 
stellung der Leute erfolgt im Oktober, nicht erst im Januar oder 
Februar, damit man im März bzw. April, wenn die Übungen be- 
ginnen, den Kekmtenjahrgang schon einigermaßen ansgebildet bat 
und ihn bei einem im Frühjahr beginnenden Kriege nicht znrllck- 
znlassen brauchte. In den Erklkrnngen des Marineministers im Senat 
waren Ton Interesse die Daten, die sieb aut die großen Flottenmanöver 
bezogen, an denen 12 Linienschiffe, 4 Aniklärer, 61 Torpedobootjäger 
und Torpedoboote, 10 Hilfssebifle mit 10600 Mann an Bord teil- 
nabmen, 1 Untersee- und 2 Tauchboote sich — znm ersten Male 
teilnehmend — glänzend bewährten. Anf die Verbessernng der Lage 
der Snbalternoffiziere der Marine legte der Marineminister be- 
besonderen Nachdruck. — Am 22. Januar ist in Sestri Ponente der 
Torpedobootsjäger Artigliere, der 3. Typs Bersagliere (375 Tons 
Deplacement, Maschinen von 6000 indic. Pferdekraft, 28 Knoten 
Fahrt), vom Stapel gelaufen, der 4. wird baldigst folgen.*) 18 

Prankreich- 

Frankreicb besitzt 12 technische Institute und 4 gemischte 
Etablissements in Besannen, Vincennes, Alger und Toulouse, welch’ 
letztere nur zur Wiederherstellung oder Umänderung des Materials 
bestimmt sind. 

Die französischen Fabriken sind außerordentlich reich mit Offi- 
zieren besetzt. Während in Deutschland die Inspektion der tech- 
nischen Institute der Artillerie, das Artilleriekonstrnktionsburean, die 
6 Artilleriewerkstätten, 2 Geschtttzgießereien, 2 Geschoßfabriken, 
3 Fenerwerkslaboratorien und 4 Pulverfabriken (einschließlich Bayern 
und Sachsen) nur 62 Artillerieoffiziere und 20 zur Ausbildung kom- 
mandierte Leutnants der Feld- bzw. Fnßartillerietmppe zählen, haben 
die franzOsichen Fabriken nicht weniger als 185 Offiziere, darunter 
41 Stabsoffiziere. Z. 6. sind bei 6 deutschen Artilleriewerkstätten nur 
28 Artillerieoffiziere, bei den 6 französischen aber 71 Offiziere, dar- 
unter 6 Stabsoffiziere; bei der GeschUtzgießerei in Spandau 10 Ar- 
tillerieoffiziere, darunter 1 höherer Offizier, bei der in Bonrges 
20 ArtUlerieoffiziere, darunter 3 höhere Offiziere. Ebenso reich ans- 
gestattet sind die übrigen artilleristischen Verwaltungsbehörden. 

■) Über während des Drucks dem P.irlament unterbreiteten Vorlagen, 
neues Kekmtierungs-, neues Pensionsgesetz für Offiziere, Änderungen des 
Pensionsgesetzes für Unteroffiziere, Gesetzentwurf betreffend die außer- 
ordentlichen Ausgaben im Kriegsbudget bis 1917 und ihre Verwendung im 
nächsten Bericht. 



Die tech- 
nischen 
Institute 
und ihre Be- 
schäftig;ung 
1905 11. 1906. 



Digitized by Google 




342 



Umsobtu. 



Deatschlaad bat in 4 ÄrtilleriedepotdirektioneD ond 14 großen Depots 
(einscbließlicb Bayern and Sachsen) 18 aktive böbere Offiziere, io 
den übrigen Artilleriedepots 54 inaktive Offiziere ; Frankreich hat da- 
gegen in 29 Direktionen und 13 Depots 100 höhere Offiziere ond 
260 Hanptlente des aktiven Dienststandes. Ebenso ist die Zahl der 
Zeug- und Fenerwerksoffiziere in Frankreich größer als bei um. 

Die Beschäftigung der 12 Fabriken im abgelanfenen Jahre 
spiegelt die Ereignisse der äußeren Politik ^vieder. In den letzten 
Monaten des Jahres 1905 wurden Arbeiter eingestellt and die Pro- 
duktion hob sich. Anßer den 12 Fabriken haben die oben er- 
wähnten 4 gemischten b'abriken sich mit einer Somme von 
ll'/ä Millionen Fr. an der Produktion beteiligt und 1274 Hand- 
werker beschäftigt. Im Laufe des Jahres 1906 hat dann eine ver- 
mehrte Tätigkeit in den Werkstätten geherrscht und dazu moßte 
weiteres zahlreiches Personal eingestellt werden. Im April 1905 war 
die Arheiterzahl auf 12723 gefallen, erhob sich dann bis auf 
21214 Mann. Trotz der außerordentlich hohen Leistungen der 
Staatsfabriken bat der Kriegsminister für die wichtigen Lieferungen 
auf die Privatindostrie znrUckgegrifien. Man sieht auch hieraus mit 
welcher Energie während der Marokkokrise in Frankreich gerüstet 
worden ist; in Deutschland waren während der ganzen Zeit außer- 
gewöhnliche Maßnahmen nicht wahrzunehmen. 

Bei dieser Gelegenheit bat man auch in Frankreich die Wahr- 
nehmung gemacht, daß die Preise der Privatindostrie wesentlich 
höhere sind als die der Staatsfabriken, eine Erscheinung, die nach 
Lage der Verhältnisse durchaus begründet ist. Die Privatfahriken 
müssen für die Anfertigung eines vorgescbriebenen Modelles be- 
sondere, mitunter recht kostspielige Einrichtungen treffen, welche 
für die Anfertigung anderer Modelle oder anderer Gegenstände nicht 
wieder zu verwenden sind. Die Kosten solcher Sondereinrichtnngen 
müssen deshalb durch die einzelne Bestellung amortisiert werden, 
was naturgemäß den Preis erhöbt ond zwar um so mehr, je kleiner 
die Bestellung und je kürzer die Lieferfrist ist. Denn im letzteren 
Fall muß der Umfang der Sondereinrichtung größer werden als bei 
langen Lieferfristen. Muß von solchen Einrichtungen überhaupt Ab- 
stand genommen werden, weil die Bestellung zu klein oder zu eilig 
ist, so wird man dadurch zu wenig sparsamen Arbeitsmethoden und 
zur Einstellung einer größeren Zahl neuer ungeübter Arbeiter ge- 
zwungen, wodurch der Eiubeitspreis erst recht in die Höbe geschraubt 
wird. Dies sind die wesentlichsten Gründe für den Preisunterschied 
zwischen den Staats- und Privatfabriken. Da auch in Deutschland 
wiederholt darüber verhandelt ist, sollte bei dieser Gelegenheit ein- 



Digitized by Google 




Unuebsu. 



343 



mal darauf biogewiesen werden. Wie bedeutend solobe Preis- 
nnterscbiede sein können, zeigt ein Vergleich einzelner Fabrikate in 
Frankreich. Eis kostete 

in den in 

Staatsfabriken Priratfabriken 



1 Munitionswagen fUr 
die Riroailhohaubitzen 
l 7,5 cm -Schrapnell 
1 Zünder 



7500 Frs. 12500 Frs, 

11 - 18 „ 
2,30 „ 6, 8 n. 10 , 



Bh. 



Bei der Beratung des nnterdeß, wie in einer E'nßnote znm flüne des 
letzten Bericht schon gemeldet, ohne wesentliche Änderung der Beträge 
des Bndgetansschusses, vom Senat angenommenen Kriegsbndgets 1907 Bilanz der 
(Gesamtbetrag rund 782 Millionen, wobei aber nicht zu übersehen 
ist, daß 128,2 Millionen der Sektion 3, außerordentliche Ansgaben,YerweDdang 
anf das Budget 1906 verschoben nnd 30,5 Millionen auf später Uber- 
tragen wurden), hat der Kriegsminister Picqnart eine Reihe von Elr- 
klärnngen abgegeben, ans denen seine Pläne für die Zukunft 
sieh znm Teil ersehen lassen. Diese Erklärungen erfolgten als 
Antworten anf Bemerkungen des General Langlois nnd des Bericht- 
erstatters des Senatsansschnsses, Waddington, die gleichfalls Be- 
achtung verdienen. Der Kriegsminister ist nicht in der Lage ge- 
wesen, die Behauptung zu widerlegen, die ans Waddingtons wie ans 
Messimys Bericht klang, daß man nämlich nach DnrchfUbrnng der 
2jährigen Dienstzeit mit 30— 50 (XX) Mann weniger Durchschnitts- 
stärke rechnen müsse, als bisher, wenn General Picqnart auch be- 
merkte, man werde bei 2 jähriger Dienstzeit nicht weniger geschulte 
Leute erhalten, als bei 3jähriger und diese solider eingerahmt (?). 

Der Kriegsminister deutete auch an, daß man wegen der Ver- 
minderung der Iststärke dazu kommen könne, die Zahl der 4. Bataillone 
nnd den Bestand der V erwaltungstrnppen herabzusetzen — an die 
Kavallerie aber möglichst wenig rühren werde. Der Berichterstatter für 
das Kriegsbndget im Senat war etwas präziser in seinen Angaben 
gewesen, er meinte, man werde dazn kommen, von den 4. Bataillonen 44 
zu 4 nnd 22 zu 2 Kompagnien anfznlösen. (S. auch weiter unten.) 

Um zu einem richtigen Bilde der nach Durchführung der 2jährigen 
Dienstzeit zu erwartenden Durchschnittsstärke zn gelangen, darf man, so 
entwickelte der Berichterstatter, nnd der Kriegsminister hat es nicht 
bestritten, nicht den Jahrgang 1905, den ersten nach dem Gesetz vom 
21. März 1905 ansgehobenen und im Oktober 1906 eingestellten, zn- 
grunde legen. Der ist ans verschiedenen, hier schon früher angegebenen 



Digitized by Google 




344 



Umsohku. 



and nicht zo wiederholenden Gründen Uber die Schätznng tod 
213000 Köpfen weit binanegegangennnd hat mnd 233600 waffendienst- 
fähige nnd 11000 bedingt taugliche Leute fUr die Hilfsdienste, zn- 
sammen 244600 Mann geliefert, von denen nach starken Abgängen 
228000 als anf die Dauer eingestellt in Rechnung kommen. Oie 
späteren Jahrgänge wttrden weit hinter dieser Zahl znrUckbieiben. 
FUr 1907 habe man mit einer Bndgetstärke von mnd 545500 Mann, 
ohne Oföziere, 574500 mit Gendarmerie, repnblikauische Garde, 
Schalen osw. gerechnet, ln Znknnit werde man hinter diesen Ziffern 
Zurückbleiben. Dies nm so mehr, als auch in einem 2. Punkte 
die Bilanz der 2jährigen Dienstzeit nicht so ausfällt, wie 
mau gehofft hatte. Als eine reichlich fließende Quelle, die zum Teil 
wenigstens den Ausfall des 3. Jahrgangs decken sollte, betrachtete 
man die durch das Gesetz vom 21. März 1905 bzw. das Gesetz vom 
16. Juli 1906 erlaubte Vermehrung der Kapitulanten au Unter- 
offizieren, Korporalen und Gemeinen. Bei den Unteroffizieren dürfen, 
abgesehen von denjenigen der Regimentsstäbe, die alle „commissiones“ 
sind, ’/4 des Sollbestandes in der Trappe Kapitulanten sein. Hier 
bat man einige Hoffnung, in absehbarer Zeit das Maximum von 
.30500 zu erreichen. Nach den offiziellen, vom Kriegsminister dem 
BudgetausschuB des Senats gegebenen Notizen ist die Zahl der 
kapitulierenden Unteroffiziere die am 1. November 1905 26261 
betrag, bis zum 1. November 1906 auf 28735 gestiegen. An kapi- 
tulierenden Korporalen, deren Ziffer am 1. Oktober 1905 3 194 
betrag, batte man am 1. Oktober 1906 3281 gegenüber einem 
zulässigen Stande von 11000, an Gemeinenkapitalanten, deren 
Zifier am 1. Oktober 1905 1894 aasmachte, verfügte man am 
1. Oktober 1906 Uber 1995, statt der zulässigen 10000. Da auch 
die Ziffer der Freiwilligen auf eine Dienstzeit von mehr als 2 Jahren 
nicht zu-, sondern abgenommeu hat — im Seinedepartement allein 
von 4200 auf 2470 — so muß man zageben, daß diese Quelle so 
gut wie versagt hat. Das ist namentlich auch für die berittenen 
Truppen bedauerlich, da z. B. die Kavallerie für das Reiten der 
Remonten in umfassendem Maße mit Kapitulanten rechnen muß. 
Einstweilen bat man ja noch Leute von 3 Jahrgängen unter den 
Waffen (von dem Rest des Jahrgangs 1903 werden am 1. April 
nach dem Finanzgesetz 6 "/g der Bruttostärke entlassen, im Herbst wird 
man wohl die übrig gebliebenen Leute des Jahrgangs 1903 nnd den 
ganzen Jahrgang 1904, zusammen etwa 230000 Mann, beimsenden). Von 
hohem Interesse sind die Angaben, die nach dem Bericht Waddingtons 
an den Senat, auf offiziellen Daten beruhend, die Mehrkosten 
der 2jäbrigen Dienstzeit ergeben, ln Sektion 1 des Budgets, 



Digitized by Google 




UmBohau. 



345 



Heiraattrappen, hatte die Kegierong bekanotlich 22,3 Millionen Mebr- 
ansgaben verlangt, die der Badgetansschuß an! 17.8 herabsetzte. 
Mebransgaben traten ein nm 3,9 Millionen wegen Verringerung der 
Benrlanbten nsw. von 7,5% auf 7 %, Nenbildnng von 2 tnnesiscben 
Tiraillenrbataillonen, 1 Zog Gebirgsartillerie, Vermebrnng des 
Kekmtenkontingents, Soldznlagen für kapitulierende Unteroffiziere 
and Korporale, 5,6 Millionen bei Bekleidung und Lebensmitteln, 
3,5 Millionen . bei Truppenverschiebnngen, Manöver, Munition, 
5,3 Millionen wegen Unterstützung hilfsbedürftiger Familien von 
Einbeorderten. Die Mehrkosten der 2jährigen Dienstzeit 1907 gjbt 
der Berichterstatter auf 16,8 Millionen an und, nach Durchführung 
der 2jäbrigen Dienstzeit, von 1908 ab auf jährlich 49 Millionen, 
gregen 43 Millionen, auf welche Klotz sie 1905 geschätzt hatte. 

Von hohem Interesse sind die Erklärungen des Kriegs- 
niinisters bezüglich der Kavallerie und Artillerie. General 
I.,anglois batte im Senat entwickelt, der bei Einfübrnng des Schnell- 
fenergesebützes gemachte Mißgriff der Herabsetzung der mobilen 
Batterie von 6 auf 4 Geschütze dürfe nicht durch Verminderung der 
Kavallerie wieder gut gemacht werden; ehe man an eine Vermehrung 
der Geschütze denke, müsse mau außerdem pro Geschütz erst 
3000 Schuß sicher gestellt haben. Auch hatte General Langlois den 
Kriegsminister anfgefordert, ein Geschütz zu konstruieren, das Sebntz- 
schilde der feindlichen Geschütze dnrchschlage, er werde dabei 
einigen Widerstand zu überwinden haben, sei ja aber der Mann 
dazu. Der Berichterstatter sprach wiederholt seine Überzeugung 
dahin ans, daß eine Vermehrung der Artillerie geboten sei, aber 
nicht unter Auflösung der 5. Eskadrons. Er bezog sich dabei anf 
Kotizen des Kriegsministers, die dahin gingen, daß bei Auflösung 
der 5. Elskadrons im ITrieden die französischen Kavallerieregimenter 
bei der Mobilmachung entweder nur mit 3 Eskadrons mit je 
150 Pferden, oder aber zn 4 Eskadrons mit je 119 Pferden ans- 
rOcken könnten. Pferde unter 6 Jahren seien für die langen Galopps, 
die man heute der Kavallerie znmnten müsse, nicht geeignet. Die 
Versuche beim IV. Korps mit einer kriegsstarken Reserveeskadron 
im Herbst 1906 hätten bewiesen, daß man auf diese Pferde auch 
nach einem Training von 8 Tagen für Feldzwecke nicht voll rechnen 
könne. Waddington hält wohl die Vermindernng der Kavallerie in 
Afrika um 2 Regimenter und außerdem die Verlegung von 2 weiteren 
Regimentern nach Frankreich für möglich, da dann in Afrika noch 
6 Regimenter blieben. Im übrigen will Waddington die Vermehrung 
der Artillerie ermöglichen durch eine Vermindernng der Bestandes 
des Trains, und Ersatz der Bespannungen an vielen Stellen durch 



Digitized by Google 




346 



Umsohan. 



den mecbanischeu Zug, sowie eine Vermindemng des nich&om- 
battanten Dienstzweige. Für die Artillerie könnte der mecbaoiscbe 
Zng aber doch nur fttr den Mnnitionsersatz frühestens bei einem 
Teil des Artillerieparks des Armeekorps in Frage kommen. Damit 
gewinnt man naturgemäß wohl bei der Mobilmachung eine größere 
Answahl unter den leistungsfähigeren Zugpferden für die Vermebnmg 
der Bespannnngen, was z. B. bei der Vermebmng der mobileo 
Batterie von 4 anf 6 (resebutze ron Bedentnng wäre. Will man die 
Vermehrnng der GescbUtzzahl beim Armeekorps aber dnrcb Ver- 
mehmog der Zahl der Batterien erreichen, so bleibt, da sich sofort 
scblagfäbige Bchnellfenerbatterien bei der Hobilmacbnng nicht im- 
prorisieren lassen, doch nichts anderes übrig, als im Frieden schon 
nene Batterien zn bilden. 

General Picqoart, der bei seiner Rede im Senat n. a. auch 
betonte, daß 30000 Barschen znm Teil mißbränchlich dem Dienst 
entzogen würden und er darin Remednr habe eintreten lassen, der 
General Langlois in bezog anf den Mnnitionsvorrat bemhigte, sprach 
deutlich die Überzengong von der Notwendigkeit einer Vermebran? 
der Batterien ans, aber nicht anf Kosten wesentlicher Ver- 
mindernng der Kavallerie. Personal and Pferde fttr die Vermehrnng 
der Artillerie müßten ohne diese Verminderung gefunden werden. Eine 
Reorganisation der Kavallerie sei aber nötig. Einige Ändernngeo 
in der Organisation der Kolonialtmppen würden erlanben, einen 
Teil der Trappen ans Afrika nach Frankreich zn verlegen (der 
Bericht Waddington möchte sogar eine Verschmelznng der Kolonial- 
armee mit der Heimatarmee bewirkt sehen). Mit diesen Truppen 
meint der Kriegsminister naturgemäß KavaUerie, aber auch wohl 
Znaveobataillone oder Tiraillenrs. Ans den weiteren Erkiämngeo 
des Kriegsministers heben wir kurz noch hervor seine Überzengong 
von der Notwendigkeit der ,Unitö d’origine’ des Offizierkorps — 
die, wie wir früher schon bemerkt, nach dem im Kriegsministerinm 
fertig liegenden Plane nicht ohne Herabsetzung der Allgemein bildnng 
des Offizierkorps möglich ist,') das Beharren anf der Ansicht, daß 
man mit 3 bzw. 2 Wochen Übung fttr Reservisten und 1 Woche fttr 
Landwehrlente anskomme, die Bemerkung, daß er die Generalstabs- 
offiziere schon von der Schreibarbeit etwas entlastet habe and endlich 
die oben schon berührte Andentnng, das neue Cadresgesetz werde 
sich mit einer Vermindernog der 4. Bataillone nnd den Verwaltnngs- 
tmppen entsprechend der verminderten Iststärke zn befassen haben. 

<) Bezüglich der unterdessen durch Erlaß befohlenen Errichtung einir 
„{»ennanenten Inspektion der Militftrschulen“, welcher alle Militarscbalen. 
die höhere Kriegsschule ausgenommen, unterstellt werden, und ihre 
gaben und Zwecke verweisen wir anf den nächsten Monatsbericht. 




Unuoban. 



347 



Um die genaue Zahl der in Frankreich vorhandenen Leute, bzw. 
der durch das Budget fUr das ganze Jahr zn Verpflegenden zn er- 
halten, maß man das in Frankreich selbst stehende Kolonialarmee- 
korps mit mnd 28000 Mann (genau gerechnet dürfte man wohl nicht 
über 23000 kommen) hinznzählen, das ja auch in einem europäischen 
Kriege auf dem Heimatboden Verwendung findet. An Offizieren 
kommen in Sektion 1 in Kecbnung als im Truppendienst be- 
findlich 2689 Generale und Stabsoffiziere, 20190 Offiziere vom 
Haoptmann abwärts. 

Nach dem neusten HAnnnaire'' waren übrigens am 1. November 
1906 im aktiven Dienst vorhanden 113 Divisionsgenerale d. b. 3 
über den Sollstand von 110- Von diesen 3 Divisionsgeneralen ist 
Dncbösne, weil er Eroberer von Madagaskar, bis zum 70. Lebens- 
jahre, das er 1907 erreicht, in der Aktivität belassen worden und 

bleiben Jamont und Billot, weil sie vor dem Feinde selbständig 
kommandiert haben, nnbegrenzt in dieser. Der Durchschnitt des 
Lebensalters der Divisionsgenerale beträgt 61 '/i Jahre, der 1854 
geborene Kriegsminister Picquart ist der jüngste. Von den 110 
Divisionsgeneralen des Solletats gehören 61 der Infanterie, 13 der 
Kavallerie, 24 der Artillerie, 11 der GeniewaflFe, 1 der Gendarmerie 

an, 3 sind ans den Reihen der Unteroffiziere hervorgegangen, davon 

einer, der an der Spitze eines Armeekorps steht Die Kolonial- 

armee hat 11 Divisionsgenerale, von denen Voyron Uber die Alters- 
grenze hinaus in der Aktivität bleibt, der jüngste ist 52 Jahre alt, 
aus den Reihen der Unteroffiziere ist keiner hervorgegangen. — 
Unter den 220 Brigadegeneralen der Heimatarmee finden wir 13 
frühere Unteroffiziere. Das Durchschnittsalter der Brigadegenerale 
ist 58’/4 Jahre, nicht weniger als 30 sind 62 Jahre alt, der jüngste 
zählt noch nicht ganz 50 Jahre; 101 entstammen der Infanterie, 
49 der Kavallerie, 46 der Artillerie, 19 der Geniewafife, 5 der 
Gendarmerie. Von den 23 Brigadegeneralen der Kolonialarmee ist 
nnr 1 ans den Reihen der Unteroffiziere hervorgegangen, das Durch- 
schnittsalter ist hier geringer, als bei der Heimatarmee. 

Nach dem ,Annaaire“ wären gegenwärtig noch 105 Regimenter 
mit 4. Bataillonen vorhanden (einschließlich 18 Regionalregimenter) 
davon 83 zu 4 und 22 zu je 2 Kompagnien, nach Abzug der 
Regionalregimenter 65 zn 4 und 22 zu 2 Kompagnien. Volle 
4. Bataillone weisen gegenwärtig auch noch die Korps 111., IV. und V. 
anf, die die Garnison von Paris liefern, die Grenzkorps VT, VH, 
XK, XIV und XV, endlich anch das VIIL, IX. und XU. Korps. An diese 
Angaben des „Annnaire“ anknUpfend, haben französische Fachblätter 
behauptet, man werde im neuen Cadresgesetz die Auflösung der 



Digitized by Coogle 




348 



Umschau. 



Be- 

fftrderunRs 
listen 1907. 



4. Bataillone beim V., VlU., IX. and XIl.andderjenigenza2Kompagoien 
beim X., XI. and XVIII. Korps beantragen, die 4. Bataillone in den 
Grenzkorpsbezirken aber beibebalten, da aas ihnen 4 Reserredirisionen 
ftlr die Festangen im Osten gebildet würden. 

Beachtenswert sind anch die Einblicke, die die Beratungen im 
Senat bzw. der Bericht Waddington in die angesetzte Verwendang 
der RUstnngskredite and die Bemerkungen erlauben, die von 
leitender Stelle dazu gemacht worden sind. Der Voranschlag des 
Kriegsbadgets 1907 verlangte bekanntlich in Sektion 3, anBerordent- 
liche Ausgaben, zusammen 235,5 Millionen, von denen 193,3 Millionen 
als sog. RUstungskredite für Aufwendungen während der Marokko- 
spannung bezeichnet wurden, aber die zur Herbeiführung der Kriegs- 
bereitschaft notwendig gewesenen Ausgaben nicht deckten. Der 
Rest entfiel angeblich auf neue Aufwendungen. Von den 235,5 Millionen 
Gesamtbetrag war bestimmt für: 

Artillerie: (Material, Armie- 150,8 Mill., davon bei den Rüstnngs- 
mngen, Munition) kreditcn rund 137,6 MilL 
Genie: (Bauten, Befesti- 46,8 Mill., davon bei den Rttstungs- 



gungen, Material) 
Intendantur: (Lebensmitteln- 
u.Bekleidungs- 
reserven) 

Sanitätsdienst; (Material) 



krediten rund 42,4 MUl. 

33,3 Mill., davon bei den Rüstungs- 
krediten rund 32,7 Mill. 



2,5 Mill., davon bei den RUstungs- 
krediten rund 2,3 Mill. 

Wie schon oben angedeutet, verschob der BndgetansschuB rund 
30,4 Millinncn als nicht absolut dringend auf spätere Budgets. 
Damit hatte sich in einem Briefe vom 18. Oktober 1906 an den 
Vorsitzenden des Budgetaussebusses der Eriegsminister Etienne nach 
langem Sträuben einverstanden erklärt, aber unter der ausdrück- 
lichen Bedingung, daß die Verschiebung nur auf kurze Zeit erfolge 
und für die Zeit von 1907 — 1911 Sektion 3, außerordentliche Aus- 
gaben, von 285 auf 315 Millionen gebracht werde, so daß für jedes 
der 4 Jahre rund 80 Millionen znr Verfügung ständen. Auch der 
Finanzminister hat erklärt, daß die 193 Millionen Rüstnngskredite 
nur eine erste Stufe auf der Leiter zu weiteren Ausgaben bedeuteten, 
der Kriegsminister im Ministerrat schon 70 Millionen für zu voll- 
endende Arbeiten verlangt und ein Programm vorgelegt habe, das 
rund 200 Millionen umfaßt. 

Die bekannt gewordenen Beförderungsvorschlagslisten des Kriegs- 
ministers Piequart für 1907 bringen einige Neuerungen von 
Bedeutung. Zu diesen gehört: 1. eine Verminderung der für die 
Befördernug in den einzelnen Dienstgraden Vorgeschlagenen gegen- 



DigÜizec i_ , 




UinsoLim. 



349 



Uber den Zahlen fUr 1906, wodurch mau vermeiden will, daB am 
SchluB des Jahres auf den Listen eine zn große Zahl von noch 
nicht Beförderten Übrig bleibt; 2. eine nicht nnweseutliohe Ver- 
mehrung der aus den Reihen der Unteroffiziere hervorgegangenen 
Offiziere auf den Befördenmgslisten; 3. ein im Verhältnis noch 
stärkeres Sinken der Zahl der Offiziere mit Generalstabsbrevet aut 
den Listen, also ein Herabgehen der Beförderungen von Offizieren 
mit höherer Allgemeinbildung. Die Listen lassen auch erkennen, 
die Dauer des Verbleibens in den einzelnen Dienstgraden bei den 
verschiedenen Waffen, den Durchschnitt des Lebensalters und die 
Herkunft der zur Beförderung vorgeschlagenen Offiziere aus einer 
normalen Militärscbnle oder aus dem Unteroffizierstande. 

Von den zur Beförderung Vorgescblagenen zählten: 





Ja 
im Die 

der 

jüngste 


lire 

Qstgrad 

der 

älteste 


I-iebenajahre 

der Ider äl- 
jüngste teste 


hervorgegangen 

aus St. 03 rr | aus dem 
bzw. polyt. Unteroffizier- 
Schule Stande 


Infanterie 


2 


7 


Obers tr 
leutnants 
45 


58 


5t 


9 


Kavallerie 


2 


5 


45 


56 


18 


5 


Artillerie 


2 


5 


48 


56*/, 


20 


4 


Infanterie 


4'/s 


11 


Majors 

45 


54*/, 


82 


20 


Kavallerie 


3'/l 


9 


44 


56 


24 


7 


Artillerie 


5 


12 


46 


54 


31 


4 


Infanterie 


61/, 


13'/, 


Haupt- 

leute 

38 


52 


105 


37 


Kavallerie 


7V, 


12 


381/, 


47 


30 


11 


Artillerie 


9 


17 


38*/, 


51 


46 


11 


Infanterie 


6 


11 


Leut- 

nants 

31 


39 


125 


39 


Kavallerie 


8 


14 


31 


37 


37 


18 


-Artillerie 


8 


10 


31 


40 


38 


16 



Vor seiner Abreise nach Tunesien zur Prüfung der Vorschläge 
zur Verstärkung der Befestigung von Bizerta au Ort und Stelle hat 
der Kriegsmmister Picquart in einem Rundschreiben an die kom- 
mandierenden Generale noch seine Weisungen für die HerbstUbungen 

Jakrbbohtr fBr di« d«atiOk« Ana«« and K«riA«. No. 426. 24 



Uerbst- 
u bimsen 
1907. 



Digiiized by Google 





350 



Dmschaa. 



1907 gegeben, ln diesen fällt zonächat anf der Hinweis darauf, 
daB bei den Übungen nur der Schulung der Truppe Kttcksicbt ge- 
tragen werden solle. Das heißt wohl, daß man anf große Schlnß- 
paraden und das Bieten von Manbrerbildem verzichten will. Man 
beschränkt dabei freilich auch die Dauer der Armee- und Korps- 
manöver. Die Reservisten sollen zu den ManOvern einbeordert 
werden und die Kompagnie anf 200 bringen, die Eskadrons aui 
150 Säbel, die InfanterieregimeDter rttcken mit 4 Bataillonen ans, ab- 
gesehen von denjenigen, die überhaupt auch nicht eine aktive Kom- 
pagnie eines 4. BataUlons mehr haben nnd denjenigen der Grenz- 
korps VI, VII, XX, IV nnd XV. Bei jedem Regiment soll ein Bataillon 
den neuen 4-spännigen Patronenwagen mit in das Manövergelände 
mitnehmen, bei den Truppen, die über Maschinengewehre verfugen, 
werden auch diese mitgenommen. 

Wir haben oben schon den 2. bemerkenswerten Punkt in den 
Bestimmungen angedentet, die Rückkehr zu den Armeemanövem, 
anf welche man 1906 verzichtete, um dafür beim 2. Armeekorps 
eine Division auf Kriegsstärke zu bringen. Die fierbstUbungen zer- 
fallen in: 

A. Armeemanöver im Sudwesten, Dauer 10 Tage, Leitender 
General Hagron der designierte Oberführer der gegen Deutsch- 
land bestimmten Gruppe von Armeen, was dem genannten Ma- 
növer noch ein besonderes Interesse gibt. Beteiligt sind an 
diesen Manövern das XII. Korps (Limoges) nnd das 18. (Bor- 
deaux), sowie die 3. Kolonialbrigade. Die Korps werden um 
je 2 Eskadrons nnd 2 Abteilungen k 3 Batterien verstärkt. 

B. Korpsmanöver in der Dauer von 10 Tagen. Solche finden 
statt beim I. Korps (Lille) unter Leitung des General Michal. 
Mitglied des oberen Kriegsrats, nnd beim VII. Korps (Be- 
san^on) unter Leitung des General Lacroix, Mitglied des oberen 
Kriegsrats. Das erste Korps wird dazu verstärkt durch die 
6. Kavalleriedivision und eine Marschdivision, zusammengesetzt 
ans der 5. Kolonialbrigade, die Gruppe von Znavenbatailloneu 
ein Bataillon des 138. Regiments nnd eine Abteilung Artillerie 
der 19. Brigade. Dem I. Korps treten außerdem noch hinzu; 
3 Elskadrons und, 2 Abteilungen Artillerie anderer Korps. 
Dem VII. Korps, das im Frieden schon 3 Divisionen anfweist, 
treten hinzu 2 Artillerieabteilungen nnd die 8. Kavallerie- 
division. 

C. Divisionsmanöver in der Dauer von 14 und Brigademanöver 
in der Dauer von 12 Tagen sind vorgesehen beim V., VI., 



Digitized by Coogle 




Umsebau. 



351 



IX., X., XL, XIV. und XX. Korps biw. beim II., UL, IV., 
VUL, XUL, XV. XVI. und XVII. Korps. 

D. Lagerttbnngen von Verbänden gemischter Waffen*) 
können die kommandierenden Generale der Korps, deren Bezirk 
einen größeren TrappeoObnngsplatz in der Nähe haben, inner- 
halb der ihnen zur Verfügung stehenden Kredite anordnen. 
Übnngen mit vollen Divisionen sind vorgesehen fUr die 6. Di- 
vision (lU. Korps) and die 7. Division (IV. Korps) im Lager 
von Chälons nnd för die 10. Division (V. Korps) auf dem 
Tmppentthnngsplatz. 

E. Sonderttbnngen der Kavallerie. Bei diesen ist besonders 
hervorzoheben der große Umfang, der den Übnngen großer 
Reiterkörper gegeben wird, da alle im Frieden bestehenden 
Kavalleriedivisionen an solchen teilnehmen. Die Übnngen zer- 
fallen in 4 Gruppen zn je 2 Divisionen. 2 von diesen Gruppen 
zu je acht Tagen Dauer leitet General Bnmez, Mitglied des 
oberen Kriegsrats nnd Präses des technischen Kavallerie- 
komitees, die beiden anderen Gruppen General Trdmean, kom- 
mandierender General des VI. Korps. 

F. In Algerien, Tunesien, den Vogesen, den Alpen und in der 
Umgebung einiger großen Gebirge im Osten finden Sondermanöver 
statt, iUr welche besondere Weisungen ergehen. 

Bei den Herbstttbnngen wird man vielleicht auch endgültig ein 
neues Infanteriegepäck erproben. Der Kriegsminister bat 
nämlich unter Leitung des kommandierenden Generals des V. Korps, 
Millet, einen Ausschuß znsammentreten lassen, der auf Grund der 
zahlreichen verschiedenen Versuche bis zum 1. April 1907 einen end- 
gültigen Typ des Infanteriegepäcks verschlagen soll. Dabei bat der 
Ausschuß zn beachten, daß das Gewicht nicht 20 kg Übersteigen 
soll und dabei der Mann fUr 2 Tage eiserne Portion nnd 200 Pa- 
tronen Taschenmunition tragen soll. Erwünscht ist es, daß das 
Gepäck zerlegbar ist, so daß vor dem Gefecht der Mann so er- 
leichtert werden kann, daß er einschließlich Schanzzeug nur das in 
in den Kampf mitnimmt, was er unbedingt braucht. 

Am 21. Januar hat die Regierung den Gesetzentwurf, betreffend 
die totale Reform der Militärgerichtsordnnng, das Militär- 
strafgesetzbuch nnd die Einrichtung von Strafabteilnngen, die vom 
Ministerrat genehmigt worden nnd in der Hauptsache vom Staats- 
sekretär im Kriegsministerium Cheron ansgearbeitet wurde, der 

') S. auch nächsten Bericht bezüglich Schießübungen und GelAnde- 
schießen der Feldartillerie, die möglichst in gemischten Verbünden statt- 
finden sollen. 

04» 



Militär- 

Justiz. 



Digilized by Google 




352 



Umsobau. 



Kammer vorgelegL Wir können hier nor einige der Grundstriche der 
Neuerungen geben. Land- und Seekriegsgerichte werden be- 
seitigt. Die Strafbestimmungen des allgemeinen Strafgesetzbuchs 
finden Anwendung auf die Vergehen, die von Angehörigen der Land- 
armee und Marine begangen werden, ohne die bisherigen Verord- 
nungen für die Disziplinarbestrafnngen zu berühren. In das allge- 
meine Strafgesetzbuch wird in Kapitel IV ein Buch Ul Titel I ani- 
genommen, daß die Überschrift trägt: „Für gewisse Verstöße, dir 
von Militairs im Frieden begangen werden.“ Nach diesem wird 
z. B. Verlassen des Postens im Frieden mit 2 Monaten bis zu 6 Mo- 
naten Geföngnis bestraft (also in einfachen Fällen härter als bei 
uns). Etwas sonderbar klingt Artikel 292, in dem es heißt, daß. 
wenn ein Soldat oder Matrose einem Vorgesetzten den Gehorsam 
verweigert, dieser ihm den Artikel 293 vorznlesen habe, nach welchem 
die Insubordination mit 6 Monaten bis zu 3 Jahren und bei Komplott 
mit Gefängnis bis zu 5 Jahren bestraft wird und wenn er dann noch 
nicht gehorche, die Strafe für die Insubordination eintrete. Tat- 
sächlicher Angrifi von einem Untergebenen gegen einen Vorgesetzten 
wird mit 2 — 5 Jahren Gefängnis bestraft, wenn er im Dienst erfolge 
und von 1 — 3 Jahren, wenn er außer Dienst erfolge. Sind dabei 
dem Vorgesetzten Verwundungen beigebracht, so wird als Strafe 
Zellengefängnis verhängt. Für ähnliche Vergehen im Kriege wird 
Zwangsarbeit verhängt Ein anderer Artikel bestimmt, daß der Vor- 
gesetzte, der einen Untergebenen mißbandelt, ebenso bestraft wird, 
wie ein Untergebener, der einen Vorgesetzten tätlich angreift. Be- 
leidigungen eines V'orgesetzten im Dienst werden mit 6 Monaten bis 
2 Jahren Gefängnis bestraft, bzw. 2 — 6 Monaten, wenn Beleidigungen, 
Drobnngen usw. außerhalb des Dienstes erfolgt sind. Die Er- 
fahrungen, bei der Inventaraufnahme der Kirchen gemacht, haben 
veranlaßt zur Anfnahme eines Artikels, der jeden Tmppenbefehls- 
haber, welcher sich weigert, der Requisition der Zivilbehörde Folge 
zu leisten, oder infolge einer solchen Requisition seine Truppe in 
Tätigkeit treten zu lassen, mit 6 Monaten his 3 Jahren Gefängnis 
bestraft. Die Bestrafung von Spionage und Landesverrat lassen wir 
hier außer Betracht, bemerken nur, daß die Aburteilung, die bei 
einem Zivillisten durch den Strafrichter erfolgen würde, bei einem 
Soldaten durch die Geschworenengerichte zu erfolgen hat und lebens- 
längliche Zwangsarbeit erreichen kann. Fahnenflucht im Innern 
Frankreichs wird mit 2 Monaten bis zu 1 Jahr Gefängnis bestraft 
aber mit 1 bis zu 3 Jahren, wenn eine Waffe oder ein Bekleidungs- 
stück oder Ansrttstnngsgegenstand mitgenommen worden ist, die 
Desertion aus dem Dienst oder von mehreren gleichzeitig erfolgt. 



Digitized by Google 




Umschau. 



353 



Todesstrafe and Strafe der öffentlichen Zwangsarbeit fallen im Frieden 
fttr militärische Vergeben fort. Untersnchnng nnd Verfolgung der 
militärischen Verbrechen nnd Vergehen findet in derselben Weise 
statt, wie sonstige Verbrechen, nnr soll, wenn Schauplatz des Ver- 
brechens das Innere eines militärischen Geländes oder der Bord 
eines Schiffes ist, bloB der Staatsanwalt eingreifen dUrfen. Wenn 
sich ans den Vernehmungen ergibt, daß man es mit einem flagrant 
delit zu tun hat, so benachrichtigt der TruppenfUhrer oder Kom- 
mandeur des Etablissements sofort den Staatsanwalt. Der kom- 
mandierende General des Armeekorps ist sofort zu benachrichtigen. 
Berufung gegen Urteile der Strafgerichte wird bei dem Appellhof 
eingelegt. Auf die Zusammensetzung der Berufnngsgerichte kommen 
wir im nächsten Bericht znrtlck. Die kommandierenden Generale 
stellen alle 6 Monate die Liste derjenigen Offiziere und Unteroffiziere 
auf, die als Militärgeschworene sitzen bzw. als militärische Beisitzer 
bei den Tribnnalen oder Strafkammern berufen werden können. Auf 
die für die Zusammensetzung der Militärgescbworenen je nach dem 
Dienstgrade des Angeklagten gegebenen Bestimmungen können 
wir heute nicht eingeben; als Beispiel sei nnr angeführt, daß, wenn 
der Beschuldigte z. B. ein Hanptmann ist, die Militärgeschworenen ans 
1 Oberst, 1 Oberstleutnant, 2 Majors, 2 Hauptteuten bestehen. Inner- 
halb 3 Monaten nach Bekanntgabe des Gesetzes sollen alle Militär- 
Strafanstalten aufgehoben werden, Soldaten verbüßen ihre Strafe 
in Zivilanstalten. Wir werden nach Beschlußfassung des Parlaments 
auf die so außerordentlich wichtigen Neuerungen des in Militär- 
strafprozrßordnnng nnd Miiitärstrafgesetzbuch zukommen haben. 

Bei Beratung des übrigens genehmigten Marinebndgets 1907 im 
Senat hat der Minister Thomson Erläuterungen gegeben, von denen 
wir einige hier knrz verzeichnen. Dahin gehört zunächst, das bal- 
digst dem Parlament ein neues Flottenprogramm vorgelegt werden 
soll, man nach dem vom oberen Marinerat vorgelegten Programm im 
Durchschnitt jährlich 125 nnd maximal 135 Millionen für Schiffs- 
bauten ansgeben werde. Der Minister will bald die Bemannung der 
Schiffe in Reserve steigern, um diesen öftere Übungen zu erlauben 
und wird bei den bezüglich der Flottenttbnngen von ihm schon 
befolgten Grundsätzen bleiben. Von Interesse waren auch seine 
Bemerkungen über die nenbestellten offensiven Tauchboote von über 
700 Tons Deplacement. Diese Boote, die noch am 31. Dezember 1906 
vom Marineminister in Auftrag gegeben wurden, nnd die Ziffer der 
1906 bestellten Boote auf 20 brachten (für 1907 ist der Ban von 
10 solchen beabsichtigt), sollen der Flottille von Untersee- und 
Tauchbooten, wie der Marineminister sagte, erst die richtige Er- 



llarine. 



Digilized by Google 




354 



Umsohan. 



gäDZODg geben. Sie sollen nicht an den engen Bereich der Kttsten 
gebunden, vielmehr befähigt sein, die feindlichen Geschwader mit 
Angriffsabsichten aofzosnchen. Sie erhalten daher — zn Versnchs- 
zwecken im Typ einigermaßen voneinander abweichend — 800 Tons 
Deplacement, 15 Knoten Fahrt Uber, 10 unter Wasser, 2500 See- 
meilen (gegen 600 bisher) Aktionsradius und werden je 2,9 Millionen 
kosten (gegen 1,7 der bisherigen). Man bezweifelt in Marinekreisen 
einigermaßen, daß so große Boote schnell nud zuverlässig dem 
Willen des Kapitäns folgen werden, wie dies fUr ihre Aufgabe nötig. 
Man warnt davor, 1907 wieder so große Boote in Ban zu legen, da 
man erst 1909 nach Fertigstellung der jetzt in Ban gegebenen ein 
abschließendes Urteil gewinnen könne und kann vielleicht Ent- 
täuschungen erleben. 18 



RoTsland. 

Die mssisebe Armee- nnd Marinepresse beschäftigt sieb am Be- 
ginne dieses Jahres mit den Schicksalen und der Entwickelung der 
Wehrkraft Bnßlands in dem so ereignisreichen vergangenen Jahre. 

Die einer Vemichtnng des leistungsfähigsten Teiles der Marine 
gleichkommenden Verluste des letzten Krieges, die Erscheinungen im 
Offizierkorps nnd im Mannsebaftsbestande der Flotte, wie sie in den 
Prozessen wegen Übergabe des „BjedowUj“ und der Kapitulation 
des Geschwaders des Admirals Nebogatow sowie der Meutereien in 
Sewastopol, Kronstadt, Sweaborg nsw. zutage traten, legten ge- 
bieterisch die Forderung einer schleunigen nnd energischen Reform 
des Personalbestandes der Marine nahe. Daß, soweit die er- 
schöpften, von allen Seiten in Anspruch genommenen Finanzen es 
erlauben, auch die Ergänzung und Verbessernng des Materials 
der Flotte in Aussicht nnd teilweise in AnsfUbrnng genommen 
wurde, ist bei der Großmacbtstellung des Zarenreiches nnd seiner 
Aufgaben im fernen Osten selbstverständlich. 

Die Tätigkeit des Marineministers war vornehmlich nach 
zwei Richtungen hin gerichtet'): 1. auf die Veränderungen im Offizier- 
korps nnd dem Mannschaftsbestande der Flotte und 2. auf die 
Organisation des Marineministeriums selbst, die Häfen, Werften usw. 

Was nnn die erstere Aufgabe des Ministers anlangt, so hatte 
die russische Marine infolge des Verlustes einer großen Anzahl erst- 
klassiger Schiffe einen Überfluß an älteren Offizieren, für die zur 
Zeit eine dienstliche Verwendung fehlte, deren Verbleiben im Dienst 



') Wir folgen hier dem „Obsor do|ateluosti morskawo ministerstwa'', 
wie ihn der .,Kasskij Inv.ilid“ veröffentlichte. 



Digitized by Googlc 



Umaohaa. 



355 



aber ein Aafsteigen der jüngeren Offiziere unmöglich machen, also 
eine Überalternng den Offizierkorps znr Folge haben wttrde. 

Daher sah man sich gezwungen, eine Zahl von Offizieren vor 
der Rrreichnng der Torgeschriebenen Altersgrenze zn verabschieden, 
wobei man Vorsorge traf, daB sie in finanzieller Hinsicht nicht zn 
sehr geschädigt wurden. Zu diesem Zwecke ergingen eine Reihe 
von Ansnahmebestimmnngen fttr die Einreichung der verschiedenen 
Pensionssätze. 

Anf Gmnd dieser Bestimmnngen schieden von Anfang Juli 1905 
bis zn Ende Jannar 1907, einschließlich 371 znr Reserve benrianbter 
Fähnrichs (Praporschtschiki), nicht weniger als 1144 Offiziere ans 
dem aktiven Dienststande ans. Unter diesen befanden sieb an 
.Flottenoffizieren“: 4 Admirale, 7 Vizeadmirale, 17 Kontre- 
admirale, 47 Kapitäns 1. Ranges, 74 Kapitäns 2. Ranges, 173Lentnants 
nnd 61 Mitschmans (Midsbipnian), zusammen 383 Offiziere; au 
„Artillerieoffizieren“: 1 General, 2 Obersten nnd 7 Oberst- 
leutnants; an „Stenermannsoffizieren“ (Stnrmanskije OffizerU): 
1 Genera], 3 Obersten, 7 Oberstleutnants, 3 Kapitäne, 2 Stabskapitäne; an 
„Schiifsingenieuren“: 11; an „Ingenienrmecbanikern“ : 93, 
unter welchen 2 Generale, 9 Obersten, 16 Oberstleutnants; vom 
„Personal des Marinebanressorts“ (Morskaja strojtelnaja 
TsohastJ): 2 Generäle nnd Inspektoren. Von der „Admiralität“ ') 
wurden 109 Offiziere verabschiedet, unter denen nicht weniger als 
17 Generäle und 23 Obersten, ein Beweis, wie viele Offiziere 
sich der eigentlich seemännischen Tätigkeit bis in die höheren 
Chargen hinauf zn entziehen verstanden hatten. 

Sehr groß war auch die Zahl der ans der Klasse der „Marine- 
beamten“ (Grashdanskije Tschinow), Verabschiedeten, nämlich 175, 
hierunter 49 Marineärzte nnd 130 Beamte im engeren Sinne. — 

Da man ferner in Anbetracht der Wichtigkeit einer zweck- 
entsprechenden Vorbildung des Offizierersatzes eine besondere 
Kommission znr Beratung einer Reform des Mariuebildungswesens 
niederzusetzen fUr erforderlich fand, ergab sich hierbei sehr bald 



<) Es ist dies der Teil des Offizierkorps, der zwar zum .Seeoffizierkorps 
gehört, aber bi.sher bezüglich der Beförderung dem „Marinezensus“, d. h. 
den Torschriftsmärsigen Bedingungen für Fahrzeit, Dienstalter, Alters- 
grenze usw., nicht unterworfen war. Ursprünglich hatte man beabsichtigt, 
ein mit den verschiedensten praktischen Spezialkenntnissen ausgesUttetes 
Korps zn schaffen, dessen Mitglieder .man nach Belieben in den Zentral- 
behörden, bei den Gerichten, Bildnngsanstalten, Werften und Werkstätten, 
ohne Rücksicht auf die Forderungen des Marinezensus verwenden konnte. 



Digitized by Coogle 




S56 



Umschau. 



die Notwendigkeit einschneidender Veränderungen der Bedingnngen 
für die Sicberstellnng nnd Heranbildung des Offizierersatzes. 

Man beschloß zunächst, den Kreis der zur Aufnahme in das 
Marinekadettenkorps Berechtigten zu erweitern. 

Bisher konnten nach den geltenden Bestimmungen in das 
Marinekadettenkorps die Söhne vieler Angehöriger der Marine nicht 
aufgenommen werden, wie z. B. die der Ingenienrmecbaniker der 
Flotte, der Schiffsingenienre nnd der Marinebeamten, wenn sie nicht 
zn dem erblichen Adel gehörten. 

Eine solche Beschränkung der Anwartschaft war aber in 
mancher Hinsicht dem Ersätze des Offizierkorps nicht förderlich, da 
die Zahl der wissenschaftlich gut Vorgebildeten hierdnrcb kleiner, 
weil die Konkurrenz beim Anfnabmeexamen geringer wnrde, so daß 
eine verhältnismäßig große Zahl jnnger Leute mit ungenügenden 
Kentnissen in das Marinekadettenkorps traten, die dann dem Unter- 
richt nur mit Schwierigkeit oder gar nicht zn folgen vermochten. 

Daher wnrde nunmehr bestimmt, daß in Zukunft in das Kadetten- 
korps aufgenommen werden sollten: 1. die Söhne der Offiziere der 
Flotte, 2. der Offiziere der verschiedenen Korps des Marineressorts, 
3. der Schiffsingenienre (KarabelnUch Insbenerow) nnd der Marine- 
ärzte, 4. der Offiziere der Flotte, die fUr den Dienst in der 
Admiralität in Beamtenstellungen traten, so lange sie im Marine- 
ressort dienen. 6. der Offiziere der Armee, und 6. der erblichen 
Edellente. 

Es stellte sich aber heraus, daß die Zahl der Anwärter, die 
sich im vergangenen Jahre znr Ablegung des Anfnahmeexamens 
meldeten, geringer war als die der vakanten Stellen. Daher er- 
weiterte das Marineministerinm den Kreis der znr Aufnahme in das 
Kadettenkorps Berechtigten noch mehr, nnd zwar wnrde den Söhnen 
aller Stände christlichen Bekenntnisses bis znr 8. Rangklasse herunter 
die Ablegung des Anfnahmeexamens gestattet, wenn sie den Kurs 
einer der höheren Lehranstalten beendet hätten, während von den 
Söhnen der Offiziere des Landheeres nnd der Flotte nnr die Ab- 
solvierung einer der mittleren Lehranstalten verlangt wnrde. 

Eine Erweiterung des Kreises der znr ,Marineingenieur- 
schnle des Kaisers Pani I.“ znzulassenden Aspiranten wnrde 
ebenfalls dnrcbgeftthrt. 

Dann wnrde die praktische Ansbildnng der nnsern Fähnrichs 
znr See entsprechenden Gardemarines dadurch verbessert, daß sie 
nach Beendigung des theoretischen Knrsns nicht wie bisher vor ihrer 
Beförderung zum Offizier eine viermonatliche Fahrt in den heimat- 
lichen Gewässern zn beendigen hatten, sondern außer dieser eine 



Digitized by Coogl 



Umiohau. 



357 



solche TOD 8 Monaten in answärtigen Meeren. Znr Anszeichnnng 
von den technischen Spezialklassen wnrde den Oardemarines, die 
ihr theoretisches Anstrittsexamen abgelegt haben, die Benennnng 
.Schiffsgardemarines“ (KarabelnOje Gardemarintt) beigelegt. 

Daß für die Ansbildung während des Aafentbaltes im Marine- 
kadettenkorps ebenfalls Reformen znr Dnrchfttbmng gelangten, sei 
nur nebenbei erwähht. So trennte man die jüngeren Kompagnien 
^anz von den älteren. Die Kadetten mUssen in Znknnft vor dem 
Übertritt in die älteren Kompagnien anf einem besonderen Schnl- 
schiffe eine Übongsfahrt nach der Mnrmanktlste — am nördlichen 
Eismeer — mitmacben. 

Den zu Jnnkem Beförderten, ihrer Dienstpflicht genügenden 
Freiwilligen, die dnrchweg die höheren Bildnngsanstalten dnrcb- 
gemacht haben müssen, wird in Zukunft nicht nur die Beförderung 
in dem Flottendienst, sondern auch — bei entsprechender tech- 
nischer Vorbildung — als Mechaniker und in dem Scbiffbanressort 
offen stehen. 

Die Dienstzeit der Mannschaften wurde bekanntlich um zwei 
Jahre, also von sieben anf fünf Jahre, verkürzt. Hiermit im Zu- 
sammenhang teilt man die Dienstzeit in der Reserve nach zwei 
Kategorien, von denen die erste die jüngsten drei, die zweite die 
beiden letzten Jahrgänge nmfaßte. Die Reservisten der zweiten 
Kategorie werden im Mobilmachnngsfalle vorzugsweise zum Dienst 
in den Kriegsbäten und znm Transportdienst, sowohl auf Schiffen 
der Marine, wie anf solchen Handelsschiffen, die zeitweise den 
Marinebebörden znr Verfügung gestellt sind, verwandt. 

Um nun aber bei der geringeren Dienstzeit sich einen Stamm 
länger gedienter Mannschaften zu erhalten, wnrde die Kapitulanten- 
Zulage fast verdoppelt, die einmalige Gratifikation bei einer zehn- 
jährigen Dienstzeit als Kapitulant von 250 anf 1000 Rubel erhöht, 
auch wurde die zu einer Pension von 96 Rnbel berechtigende Dienst- 
zeit um 4 Jahre verkürzt, d. b. anf 15 Jahre festgesetzt, und den 
Kapitulanten, die nach diesem Zeitpunkt den Dienst verlassen, frei- 
gestellt, statt der Pension eine einmalige Zahlung von 1000 Rnbel 
zu empfangen. Wer aber zwanzig Jahre dient, erhält neben seiner 
Pension noch eine einmalige Unterstützung von 1000 Rnbel. 

Die Lage der Matrosen wie der Flotte, was die Verpflegung 
anlangt, Uber die bisher viele Klagen geführt wurden, war schon 
im Dezember 1905 durch hierüber ergangene Verfügungen verbessert 
worden. Im vergangenen Jahre wnrden nnn nicht allein die Löhnung 
und die Bekleidnngskompetenzen erhöht, sondern anch viel für 
die erneute Verbesserung der Verpflegung getan, indem n. a. be- 



Digiiized by Google 




358 



Umschau. 



stimmt wurde, daß Ersparnisse an solcher während der Fahrt nicht, 
wie früher, dem Staate, sondern den Mannschaften des Schiffes zn- 
gnte kommen sollten. 

Was nnn die Veränderungen in der Organisation des Ministeriums 
der Häfen und Anlagen nsw. anlangt, so ist hier als eine der 
wichtigsten Maßregeln des vergangenen Jahres die Umbildung des 
Marinehanptstabes (OlawnUj morskoj Scbtab) hervorzuheben. 
Ans dem Rahmen dieser Behörde, der bisher die Kriegsbereitschaft 
der Seestreitkräfte Rußlands übertragen war, wurde der „Marine- 
generalstab“ (Morskoj generalnüj Schtab) abgetrennt. Zu dessen 
Geschäftsbereich gehört n. a.: 1. die dauernde Verbindung mit dem 
Ministerium des Auswärtigen, mit dem Reichsverteidigungsrat 
(Ssawjet gossndarstwennoj Oboronü) und mit dem Generalstabe der 
Armee mit Bezug auf politische und militärische Fragen. 2. Das 
Studium der auswärtigen Seestreitkräfte. 3. Die Sammlung und 
Bearbeitung der kriegsstatistiseben Mitteilungen über die russische 
Flotte. 4. Die Bearbeitung des Schiffbauprogramms und die Fest- 
setzung der Schiffstypen unserer Flotte, sowie allgemeine Erwägungen 
über die Reihenfolge und die Art der Ausbesserung und Um- 
bewaffnung der Kriegsschiffe. 5. Die Formation der Abteilungen 
und der Geschwader, sowie die Dislokation der Flotte. 6. Die .An- 
gelegenheiten, welche die Ausbildung der Flotte und deren Manöver 
anbetreffen. 7. Die Ausarbeitung eines Mobilmachnngsplanes für 
die Marine. 8. Die Tätigkeit der operativen Sektionen in der Ver- 
waltung der Kriegshäfen. 9. Die Tätigkeit der russischen Marine- 
bevollmächtigten im Anslande. 10. Die Bearbeitung der krieg.-;- 
gescbichtlichen Materialien. 11. Die allgemeine Feststellung des 
Stndienplancs der NikolaJ-Marineakademie. 13. Die Bearbeitung der 
Entwürfe für die Aufstellung internationaler Deklarationen mit Bezug 
auf den Seekrieg. 

Bei der Bedeutung, die man in Rußland den Unterseebooten 
als Znknnftswaffe beimißt, entschloß man sich, in Libau (als Kriegs- 
bafen „Hafen des Kaisers Alexander 111.“ genannt) ein besonderes 
,, Schuldetachement“ für die Ausbildung der Besatzung der Unter- 
seeboote zu errichten, dem nicht nur die erste Ausbildung der für 
den Dienst der Unterseeboote bestimmten Mannschaften, sondern 
auch die Wiederholongskurse mit denjenigen, deren Kenntnisse sich 
ungenügend erweisen, obliegen. 

Um die Schiffe während der Fahrt zur Vornahme von Re- 
paraturen von dem Aufsuchen der Häfen zu entbinden, bat man 
schwimmende Werkstätten errichtet, die mit den notwendigen 



Digitized by Google 



Umsohau. 



359 



Materialien und mascbinellen Einriobtongen aasgestattet sind and auf 
eigens hierzu erbanten Transportscbiflen mitgefUbrt werden. 

Um Unregelmäßigkeiten b der wirtscbaftlichen Verwaltung der 
in Dienst gestellten Scbifle zu verbindem, wie sie bisher zu den 
Schäden der russischen Marine gehörten, ist bestimmt worden, daß 
auf jedem Kriegsschiffe, welches znr .weiten Fahrt“ (Dalneje Fla- 
wanije) den Bafen verläßt, ein „Wirtsohaftskomitee“ aus vom 
Kapitän zu ernennenden Offiziere zu bilden ist, welches alles Er- 
forderliche einznkanfeu und allein mit den Lieferanten zu ver- 
kehren hat. 

Um auch die Wirtschaftsführung in den Häfen and Werften 
besser und zuverlässiger zu gestalten, bat man die Verwaltung der- 
selben mehr dezentralisiert und einfacher gestaltet, vor allem den 
leitenden Technikern in derselben mehr Selbständigkeit gegeben. 

Auch bat man Ersparnisse bei der Kommandierung and Ver- 
setzung des Personals der Mariae herbeiznftthren gesucht. So z. B. 
werden die nach dem fernen Osten kommandierten Offiziere and 
Mannschaften dorthin nicht mehr auf dem Seewege Uber Odessa ge- 
schafft, sondern Uber die sibirische Eisenbahn. 

Die fUr die Landarmee eingeiUhrten Einricbtnngen zur Fürsorge 
Ittr die Invaliden und Verwundeten bzw. deren Hinterbliebenen wurden 
auch in der Marine eingefUbrt 

Die beabsichtigten Keformen m dem Marine-technischen 
Komitee and in der Hauptverwaltung des Schiffsbanes und 
der Ausrüstung sind in den GrundzUgen testgestellt and werden in 
den Einzelheiten ansgearbeitet. 

Die vorhandenen Formationen zur Verteidigung durch Seeminen 
sind in sachgemäßer organisierte Abteilungen gegliedert worden. Auch 
wurde ein Detachement Minenkrenzer and Torpedoboote im Hafen 
Kaiser Alexanders III. und ein anderes in Kronstadt errichtet. Ein 
Teil dieser Scbifie ist seit dem Frühjahr auf Übnngsfabrten begriffen. 

Zur Befestigung der Disziplin und des militärischen Geistes 
wurde eine andere Art der Verteilung der Offiziere und Mannschaften 
anf die Schiffe eingefUbrt, nach welcher diese längere Zeit ant den- 
selben Schifien verbleiben, am hierdurch eine größere Bekanntschaft 
der Vorgesetzten mit ihren Untergebenen zu erreichen. Ferner wurde 
bestimmt, daß die Ubnngsgescbwader längere Fahrten machen und 
die Schiffe schon im Frieden mit ihrem Personal ständig einem 
bestimmten Geschwader zngeteilt werden sollten, am hierdurch schon 
im Frieden höhere Gefechtseinheiten zu bilden. . 

Die Durchführung dieser und die .\nbabnung neuer geplanter 
Reformen machte einen Wechsel im Marineministerium notwendig. 



Digitized by Google 




360 



Umsobnn. 



Im Januar 1907 erfolgte die Verabschiedung des bisherigen Marine- 
ministers Birilew und seine Ersetzung durch den Generaladju- 
tanten S. M. Dikow. Dieser Offizier begann seine Dienstlaufbahn 
im Krimkriege, in dem er ftlr Auszeichnung während der Ver- 
teidigung von Ssewastopol den Georgsorden erwarb. 18Ö6 zum Mid- 
schipman befördert, nahm er von 1860 — 1866 am Kampfe gegen 
die Bergstärame des Kaukasus teil. Im Jahre 1877 war er an der 
Organisation der Verteidigung der Häfen vor Otscbakoff, Odessa, 
Ssewastopol und Kertsch, sowie an der Sicherung der KUstcn des 
Schwarzen Meeres beteiligt. 

Hierauf zum Chef des Geschwaders an der unteren Donau er- 
nannt, bombardierte er Sulina und sprengte er den türkischen 
Dampfer „Ssema“, wofür ihm eine erneute Verleihung des Georgs- 
ordens und die Beförderung zum Kapitän 2. Ranges zuteil wurde. 
Im Jahre 1879 FlUgeladjntant und Kommandeur des Minenlebr- 
geschwaders des Schwarzen Meeres, wurde Dikow 1886 Ober- 
inspektenr des gesamten Minenwesens. Zurzeit war Iwan Michailo- 
witsch Dikow Mitglied des Admiralitätsrates und des Rates der 
Reichsverteidignng. 

Zum Gehilfen des Marineministers wurde Kontreadrairal 
Boström ernannt, ein im Gegensatz zu dem Minister verhältnismäßig 
junger Seeoffizier. Im Jahre 1857 geboren, wurde er nach Ab- 
solvierung des Marinekadettenkorps 1877 Midshipman. Boström bat 
eine glänzende Laufbahn hinter sich. Er war seit 1902 mehrere 
Jahre Marinebevollmächtigter in London und zuletzt Kommandeur 
des Lehrgesebwaders der baltischen Häfen. 

Ob Admiral Boström als Nachfolger des an Lebensjahren alten 
Ministers in Aussicht genommen ist, stehe dahin! 

Mit den Veränderungen im Ministerium hat der Kaiser einen 
für die Stellung des Marineministers anBerordentlich 
wichtigen Erlaß vollzogen, in dem es n. a. heißt: 

„Um die oberste Leitung der Flotte und des Marineressorts, den 
heutigen, höheren Bedürfnissen des Staates entsprechend, zweck- 
mäßiger zu gestalten, wird bis zur endgültigen Regelung der Ver- 
waltung der Marine bestimmt; 

1. Der Marineminister erhält die Rechte eines obersten Chefs der 
Flotte und des Marineressorts. 

2. Dem Marineminister sind der Personalbestand der Marine, die 
Streitkräfte derselben, sowie der Marine-Haupt- und General- 
stab unmittelbar unterstellt. 

3. Der Gehilfe des Marineministers ist mit der unmittelbaren 
Leitung der übrigen Ressorts und Einriebtungen dieses Mi- 



Diqitizcd by Google 



Uuuobaa. 



361 



nisteriums betraut. Er hat die Rechte des Verwesers des Ma- 
rioemiubteriums bei voller persönlicher Verantwortung; er hat 
unmittelbaren Vortrag beim Kaiser in Gegenwart des Mi- 
nisters. 

4. Der Gehilfe des Marineministers wohnt den Sitzungen des Ad- 
miraltätsrates mit den Rechten eines Mitgliedes bei. Er fuhrt 
in denselben den Vorsitz in Abwesenheit des Ministers, wenn 
er im Range höher steht als die anderen Mitglieder. 

Vor wenigen Tagen hat der Kaiser das Kriegsgericbts- 
nrteil Uberden AdmiralNebogatow und die anderen schuldig 
erklärten Offiziere bestätigt. 

Es wäre auch fttr die Erneuerung des Geistes der russischen 
Marine verhängnisvoll gewesen, wenn hier wieder Milde vor Recht 
gewaltet hätte. 

Denn — wir gestehen es offen — die Art, wie die Verhand- 
lungen sich abspielten, konnte kaum eine läuternde Wirkung aut 
das russische Seeoffizierkorps haben. Die Devise des Offiziers; 
pÜber das Leben geht doch die Ehre!“ hat weder den Ange- 
schuldigten, noch den Verteidigern vorgeschwebt. Die Berichte der 
russischen Presse machen oft durch die Schilderungen von Angenzengen 
den Eindruck, als hätten in dem Saale, in welchem eine für die 
Hebung des moralischen Elements in der russischen Flotte unendlich 
wichtige, ja epochemachende Verhandlung stattfand, sich eine Gesell- 
schaft znsammengefunden, die an einem jener Prozesse beteiligt war, 
die vielleicht sensationelles Interesse haben, aber das innerste Seelen- 
leben der Beteiligten unberührt lassen. 

Wir schließen hier unseren diesmaligen Bericht und werden uns 
in dem nächsten, mit dem Landheere Rußlands im Beginne des 
Jahres 1907 beschäftigen. C. von Zepelin. 



Durch Prikas N. 674 wird bekannt gegeben, daß für die Dauer Dokumente 
von 3 Jahren unter dem Befehl des Archivdirektors des Großen Ge- <'ber den 
neralstabes eine Dienststelle eingerichtet worden ist, welche den j 
Auftrag hat, die von dem provisorischen Armeearchiv der Mandschurei Krieg, 
nach Petersburg gerichteten Dokumente zu sichten, sie mit den an- 
deren gleichartigen Dokumenten zu vereinen und allen daraus er- 
wachsenen Schriftverkehr zu besorgen. 

Im Anschluß hieran sei darauf hingewiesen, daß der Ronsskij 
Invalid die Berichterstattung Uber mehrere Konferenzen veröfiTentlicbt 
bat, welche in der Petersburger Nikolaus-Generalstabsakademie von 



Digitized by Google 




362 



Umtohsu. 



böhereo GeneralstabBoffizieren Uber die Ereignisse des letzten Krieges 
abgebalten worden sind. Diese Beriobte sind von einem franzOsiscben 
Offizier Übersetzt nnd kommentiert nnd werden in der Bncbbandlnng 
von Lavanzelle erscbeinen. 

Umbewaff- Durcb Erlaß des Zaren wird das neue Sobneilfeuerfeldgescbütz 
M/1902 eingefttbrt, nachdem das Versncbsmodell nach Fortfall der 
artillerie. Acbssitze Sobilde und einen Panoramaanfsatz erbalten bat and der 
Monitions wagen gepanzert ist. Weitere Änderungen an dem Material 
sind Torbebalten. 

Die wesentlichsten Zahlenangaben sind folgende: 



Schrapnellgewicbt 6,66 kg 

Kaliber 7,62 cm (3") 

Kagelzahl 300 

Kngelgewioht 10,70 g 

Anfangsgeschwindigkeit 589 m 

Mttndangsenergie 117 mt 

Gewicht des Rohres 360 kg 

„ , fenemden Geschtttzes . 1140 „ 

„ „ marscbfäbigen „ . 1900 „ 

Größte Erhöhung 16’/4 ® 

Seitenrichtield ± ® 

Länge des Rücklaufes 1 m 

Höhe der Räder 1,36 « 

Stärke der Schilde 4,5 — 5 mm 

Scbußzahl in der Protze 36 

„ im Munitionswagen ... 96 



Das Geschütz steht infolge seiner hohen ballistischen Leistung 
beim Schuß nicht ganz fest; beim ersten Schuß läuft es um 30 cm, 
bei deu folgenden um 2 — 3 cm zurflck. Seine Feuergeschwindigkeit 
steht daher hinter der anderer Robrrtlcklaafgescblltze etwas zurück. 

Die Batterie besteht aus 8 Geschützen und 16 Munitions- 
wagen; mithin sind in der Batterie 228 Schuß für jedes Geschütz 
vorhanden. 

Ebenso ist ein 3"iges Scbnellfeuergebirgsgescbütz unter der 
Bezeichnung M/1904 eingeführt. (Artilleristische Monatshefte.) 

Man sieht, daß zugunsten einer großen Mündungsenergie, ber- 
vorgebracbt durch sehr hohe Vg, das Gewicht des feuernden Ge- 
schützes, wie des Fahrzeuges für ein Feldgeschütz reichlich hoch be- 
messen smd, um so mehr, als die Lafetten nicht einmal Achssitze 
haben. Bb. 



Digitized by Google 




Umsohau. 



363 



Grotebritannien. 

Wie bekannt, befindet sich die Artillerie Großbritanniens nndverzögerung 
Indiens znrzeit in der Umbewaffnnng. Die veralteten 12- 
15-Pfttnder M/84/95 der Feldartillerie werden durch einen 12- neuen 
bzw. 18-PfUnder M/03 ersetzt. Die Versuche mit diesen Modellen Geschütze, 
waren für die reitende Artillerie vollständig, für die fahrende der 
Hauptsache nach bereits Ende 1903 abgeschlossen, so daß der da- 
malige Kriegsminister A. Förster Ende Februar 1904 im Parlament 
erklären konnte, daß die Modelle der neuen ScbnellfenergescbUtze 
ansgewäblt seien und mit der Herstellung der Geschütze begonnen 
werden könne. 

Der Bedarf beträgt für Großbritannien 102 12-PfUnder für 

17 reitende und 640 18-PfUnder für 90 fahrende Batterien, fOr In- 
dien 66 leichte und 252 schwere Geschütze für 11 reitende und 
42 fahrende Batterien. Einschließlich von 10% Reserve und der 
Depotbatterien für das Mutterland ist die GesamtgescbUtzzabl 1104 
(754 fOr Großbritannien und 350 für Indien). 

Die letzteren sollten zuerst geliefert werden und zwar mit 180 
im Jahre 1904/05 beginnend, der Rest im folgenden Jahre. Des- 
halb war für Großbritannien für das Jahr 1905/06 nur eine Rate 
von 126 Geschützen angesetzt. Indien hatte das Geld für seine Ge- 
schütze verfügbar und konnte sofort zahlen. 

Trotz alledem waren bis Ende 1904 nicht mehr als 4 Modell- 
batterien fertig und außer diesen nur noch einige wenige Geschütze 
bestellt, welche zur Ausbildung verwendet werden sollten, so daß an 
eine Ablieferung von 180 Geschützen an Indien bis zum 31. März 1905 
nicht zu denken war. 

Als die indische Regierung wegen der Verzögerung der Lie- 
ferung vorstellig wurde, wurde ihr mitgeteilt, daß es Wunsch der 
heimischen Regierung sei, die neuen Schnellfenergescbütze den ein- 
gehendsten Versuchen zu unterwerfen, bevor die Massenanfertigung 
beginne. Im Parlament entschuldigte Mr. Arnold Förster die Ver- 
zögerung damit, daß die Sachverständigen sich darüber nicht hätten 
einigen können, ob das Geschoßgewicbt des schweren Geschützes 

18 Pfd. oder geringer sein solle und gah ferner an, daß die erste 
Bestellung am 5. April 1904 ergangen sei. 

Erst im Dezember 1905 wurden einige 18-Pfünder verteilt, so 
daß jede Artilleriegamison ein Geschütz erhielt, um die Offiziere und 
die Richtkanoniere mit der neuen Waffe bekannt zu machen, ehe 
die Batterien mit den neuen Geschützen vollständig ausgerüstet 
würden. Es sollen indessen einzelne dieser Geschütze noch keine 
Visiere gehabt haben, so daß der Zweck dieser Maßregel nicht er- 



Digitized by Google 




364 



Uoucbaa. 



reicht werden konnte. Bei diesem Stand der Umbewaffnang erklärte 
der uene Kriegsminister Haldane in seiner ersten Rede am 4. Ja- 
nuar 1906, daß er Thllig einsebe, daß die Batterien ohne Rücksicht 
aut die Kosten so schnell als möglich mit den neuen Geschützen 
ausgerüstet werden mußten, ln Übereinstimmung mit dieser Äußerung 
wurde angesichts der Eröfinung des Parlamentes am 19. Februar 1906 
der Befehl erteilt, die Batterie in Aldersbot und danach weitere 

5 reitende und 6 fahrende Batterien daselbst mit dem neuen Ma- 
terial ausznrUsten. Die Geschütze dieser 12 Batterien entstammten 
einer fUr Indien bestimmten Sendung, welches bekanntlich zuerst 
umbewaffuet werden sollte. Bis zum April 1906 bat Indien auf 
diese Weise nur fUr 3 reitende und 26 fahrende Batterien das Ma- 
terial erhalten, d. b. 168 Geschütze bis Schluß des Etatsjahres 1906/06 
statt 180 Geschütze 1904/05- Danach blieben an Indien zu liefern 
noch fUr 8 reitende und 17 fahrende Batterien einschließlich der Re- 
serve 182 Geschütze, ln Zukunft wird sich Indien sein Artillerie- 
material in eigener Werkstatt zu Cossipori herstellen. 

ln Großbritannien wurde mit der Verausgabung des neuen Ma- 
terials derart vorgegangen, daß bis zum 8. Juni 1906 8 reitende 
und 36 fahrende Batterien und bis Ende Januar 1907 noch 4 rei- 
tende und 15 fahrende Batterien umbewaffoet wurden, so daß für 
das Mutterland noch 5 reitende und 33 fahrende Batterien, sowie 

6 Batterien io Südafrika rttckstäodig waren. 

Trotz der Erklärung des Mr. Haldane ist also eine Be- 
schleunigung in der Umbewaffnung nicht eingetreten, vielmehr 
scheint dieselbe demnächst ganz abgebrochen zu werden, denn die 
Privatfabriken haben neue Aufträge nicht erhalten und auf An- 
ordnung der Schatzkammer wurde die Arbeiterzabl in den König- 
lichen Fabriken vermindert. Aus Sparsamkeit soll nämlich beab- 
sichtigt sein, nur die fahrenden Batterien der 6 Gefechtsdi Visionen, 
d. s. 54 Batterien, mit dem neuen Material zu versehen, den übrigen 
30 fahrenden Batterien im Mntterlande aber das bisherige Geschütz 
nach Umänderung in ein Schnellfencrgeschütz zu belassen. Diese 
Batterien sind für die Milizen bestimmt, welche dreimal jährlich 
daran üben. Die Kosten für die Änderung sollen wesentlich ge- 
ringer sein und neue Munition braucht für die alten Geschütze nicht 
beschafft werden, im Gegenteil können und sollen die noch vor- 
handenen großen Vorräte an alter Munition bei den Milizübnngen 
allmählich aofgebrancht werden. 

Die Presse wirft der Schatzkammer vor, das in den letzten 
Jahren für die Umbewafinnng der ganzen Artillerie vom Parlament 
bereits zur Verfügung gestellte Geld anderweitig verwendet zu haben 



Digitized by Googlf 



Umsobaa. 



365 



nnd nan durch eine nicht durchgreifende Ändernng an den alten 
Lafetten Geld sparen zn wollen. 

Worin diese Uniändemng besteht, ist z. Zt. noch nicht bekannt 
geworden, so daß sich ancb nicht Uberseben läßt, ob sie genttgt. die 
alten Geschütze in SchnellfenergeschUtze omznwandeln, welche den 
heutigen Anfordemngen genügen, wie es mit so großem Erfolg in 
Deutschland dnrcbgeftthrt ist. 

Die Heeresleitang beabsichtigt in Anerkennung der guten Dienste, Versuche 
welche die Transportkompagnien während der letzten Manöver ge'aJtom^len 
leistet haben, den Park dieser Kompagnien durch Ankauf neuer 
Fahrzeuge zu verstärken. Es werden daher in Aldershot dauernd 
weitere Versuche mit neuen Modellen gemacht, z. Zt. z. B. mit zwei 
verschiedenen Thornycroftfahrzengen. welche genügend Heizmaterial 
für 100 englische Meilen mit sich zn führen imstande sein sollen. 

Für die Instandhaltung der Fahrzeuge ist ein besonderer Re- 
paratnrzug eingerichtet worden, dessen Mannschaften in der Führung 
dieser Lastantomobile ausgebildet sind. (Allg. Auto. -Zeit.) 

Die „Marinerundscbau“ vom Januar 1907 meldet, daß das eng* Neues 
lische Bureau of Ordnanoe Konstruktionspläne für ein neues 35,5 cm- 
Küstengeschütz entworfen habe. 



Robrgewicht 49,5 t 

Gesoboßgewricbt 752,9 kg 

Anfangsgeschwindigkeit ..... 656,3 m/sec. 
Ladung 127 kg 



Der Ueeresrat erwägt für die Ausbildungsperiode von 1907 denBelageruaas- 
Flan einer Belagerungsttbong nach Art der Belagerung von Port obun^. 
Arthur. Dabei sollen das Leistungsvermögen der neuen schweren 
englischen Geschütze erprobt und die Lehren des ostasiatiscben 
Krieges berücksichtigt werden. Vermntlicb wird Plymouth für diese 
Übung gewählt werden, weil es die einzige Festung ist, welche in 
ihrer Umgebung geeignetes Gelände besitzt, um eine derartige Übung 
auszuführen. (Allg. Schw. Mil. Ztg.) 

Die 3 in den europäischen Gewässern stationierten aktiven Ge- winter- 
schwader nnd zwar das Kanalgeschwader, die atlantische Flotte und manOver 
das Mittelmeergescbwader haben nach Anordnung der Admiralität 
im Februar d. Js. unter dem Kommando des Admirals Sir Arthur 
Wilson bei Lagos Seemanöver abbalten. An denselben beteiligten sich 
nicht weniger als 20 Panzerschiffe nnd 20 geschützte Kreuzer 
nnd Hilfssobiffe. Die Allgemeine Schweizerische Militärzeitung, 
der diese Mitteilong entnommen ist, fügt hinzu: „ Bezeichnend 
ist, daß die sogenannte ,Heimatflotte‘, die jetzt bereits zu- 
sammengestellt sein nnd aus ungefähr 12 modernen Linienschiffen 

Jikrbfiebar für dl« il«ut«oh* Arm*« and Marlnw. No. 4M. 2*^> 



Digitized by Google 




366 



Umsehsu. 



ond 20 Paozerkreozern, sowie Ober 190 Torpedobooten bestehen 
wird, an den ManOvem nicht teilnimmt, sondern an der Nordsee 
stationiert bleiben wird. Damit ist der Unterschied bezeiebnet, der 
zwischen den aktiven Geschwadern nnd dieser neuen Flotte besteht, 
and den man nenerdings vielfach wegznlengnen versncht hat. 
Übrigens sollen die Manöver vollkommen geheim gehalten werden. 
Sie bilden jedenfalls ein neues Symptom der Seerllstungsanstren- 
gungen Englands.“ Bb. 



Schweden. 

Entwurf zur Infolge der Trennung von Norwegen empfing der Chef des 
dM^HMref <*eneraletabes der schwedischen Armee den Befehl, einen Entwurf 
für die Umformnng der schwedischen Streitkräfte vorznbereiten, 
welcher ermögliche, daB Schweden allein nahezu ttber die gleichen 
Streitiu^Ae in Zukunft würde verfügen können, wie ehemals die 
beiden Königreiche zusammen. 

Seine Vorschläge sind folgende! 

1. Die Armee wird statt 6, zukünftig 8 Divisionen umfassen. Da* 
zu ist die Bildung von 24 Bataillonen erforderlich. 

2. Die Sollstärke der Bewering wird im gleichen Maße vermehrt, 
nnd die Dienstzeit in derselben wird von 8 Monate auf ein 
Jahr erhöbt; die Einheiten werden nach Maßgabe der verfüg- 
baren Freiwilligen vermehrt 

3. Die Gesamtzahl der Bewering und der Freiwilligen würde dann 
im Falle einer Mobilmachung 400000 Mann ausmachen, zu 
denen im Notfälle noch 200000 Mann Landsturm binzntreten 
könnten. 

4. Ans Sparsamkeitsrttcksicbten wird man keine Spezialtmppen 
schaffen, ausgenommen einige Maschinengewehr-, Telegraphen- 
nnd Lnftschifferabteilnngen. 

Die Flotte, welche jetzt ans 12 Schlachtschiffen besteht, soll bis 
1913 um 4 Panzerschiffe, 6 gepanzerte Kanonenboote, 24 Torpedo- 
boote 1. Klasse und 20 Unterseeboote vermehrt werden. Eine Schiffs- 
station soll in Goteborg, eine andere an der Küste von Nordland 
und ein Flottensttttzpnnkt gegenüber der Insel Aland eingerichtet 
werden. (La France Militaire). Bh. 

Serbien. 

Gegen Ende des Jahres 1906 bat die serbische Regierung nach 
serbischen heftigen Debatten in der Skuptschtina ihre seit längerer Zeit in 
vw^äe^bei genommene Kanonenbestelinng angeblich ln der Stärke von 

Kmpp. 47 Feld- nnd 9 Gebirgsbatterien in Frankreich bei der Geschütz* 



Digitized by Coogli 



Umtobaa. 



367 



fabrik yon Schneider nntergebracht. Es ist allgemein bekannt und 
auch seitens der serbischen Regiemng zngegeben, dafi sich die 
Mehrheit der serbischen artilleristischen Stndienkommission auf Grand 
der Versnchsergebnisse nnter den von ihr erprobten Systemen von 
Skoda, Ehrhardt, Kmpp nnd Schneider zn gnnsten des Kmppschen 
Feldkanone ausgesprochen hatte, and daß lediglich finanzpolitische 
Grttnde fttr die Vergebung der Liefemng an eine französische Firma 
maßgebend waren. Unter diesen Umstünden wandten wir nns an 
die Firma Kmpp mit der Bitte, ans wenn möglich näheres Uber die 
Versnche mit ihrem Material mitznteilen. Die Firma hat diesem 
Wunsche in entgegenkommender Weise entsprochen und ans darüber 
das Nachstehende znr Verfllgnng gestellt. 

Erprobt worden anf Grand eines Programms, welches von der 
serbischen Stndienkommission Überaus sacbrerständig and durchdacht 
aufgestellt worden war: 

Die 7,5 cm-Feldkanone L./30 — 6,5 kg GeschoBgewicht, 
500 m Mttndongsgeschwindigkeit, 5700 m Schußweite — mit Flüssig- 
keitsbremse, Federrorholer, Wiegendrehzaplen, SchabkarbelverschluB, 
unabhängiger Visireinriohtung, Panoramafemrohraufsatz, etwa 4 mm 
starkem Schntzscbild; Geschtltzgewicht 1075